Archiv der Kategorie: Siedler

NEWS: Havat Gilad legalisiert

Die israelische Regierung hat gestern (04.02) entschieden, die bisher nicht authorisierte, sich selbst verwaltende jüdische Ortschaft Havat Gilad im Süden Samarias offiziell als anerkannte

Havat Gilad. Quelle: Ynet

Siedlung/Ortschaft in die Liste der jüdischen Wohnpunkte in Judäa und Samaria aufzunehmen und den kleinen ländlichen Außenposten zu legalisieren. Somit wird Havat Gilad nunmehr vom Staat versorgt und gefördert werden, wird Anspruch auf staatliche Infrastruktur und Bauprojekte bekommen und wird nicht mehr der Gefahr einer Räumung als illegaler Vorposten ausgeliefert sein.

Über Havat Gilad habe ich im Beitrag Erschossen: Rabbiner Raziel Shevach berichtet – Rabbiner Shevach lebte in der Siedlung und wurde am 09. Januar 2018 von Terroristen auf dem Heimweg im Auto erschossen. Die Witwe und Mutter der gemeinsamen sechs Kinder, Ya’el, forderte daraufhin, unterstützt von Politikern und Regionalvorsitzenden von Judäa und Samaria, die Anerkennung von Havat Gilad als eine Antwort auf den Terror und eine unmittelbare Konsequenz des Anschlags – im Sinne des bekannten Prinzips „Sie töten, wir bauen“, der als eins der Mottos der Siedlungsbewegung.  In einer Pressemitteilung sagte Ya’el Shevach,

„Dieses Ereignis ist nicht mein persönliches, sondern ein nationales, und für mich wird der wahre Trost sein, wenn Havat Gilad den Status einer offiziellen Siedlung bekommen wird. Ich rufe den Premierminister dazu auf, am kommenden Sonntag (28.01) die Entscheidung des Verteidigungsministers [die Ortschaft zu legalisieren] aufzunehmen und es weiter zu verfolgen, damit wir eine entgültige Erlaubnis bekommen. Das wird der Trost für den Mord meines geliebten Mannes Raziel Shevach, Gott soll sein Blut rächen, sein.“ (Pressemitteilung von Ya’el Shevach, Makor Rishon)

Die Entscheidung der Regierung wurde relativ kurzfristig gefällt, nur einen Monat nach dem Attentat. Die Minister folgten der Initiative von Verteidigungsminister Avigdor Liebermann, der die Forderung nach der Legalisierung den Regierungsmitgliedern vorgelegt hatte. Nunmehr warten die Einwohner von Havat Gilad (40 Familien) auf technische Entscheidungen bezüglich der genauen Lokalisierung der zukünftig ausgebauten Siedlung, die Verlegung neuer Infrastruktur wie einer neuen Einfahrtsstraße, das entsprechende Budget, das dafür von der Regierung nach Abstimmung zugeteilt werden wird und auch auf das Schicksal eines Teiles der Bauten, die nicht wie die ursprünglichen Häuser auf privat gekauftem Land, sondern außerhalb dessen errichtet worden sind.

Ya’el Shevach reagierte auf die Nachricht:

„Schade, dass wir so zu diesem Tag gekommen sind. Aber wenn es dem so ist, so freue ich mich, dass wir daraus die tröstendste Antwort herausholen können, die es gibt.“ (Walla)

Quellen: Ynet, Walla

 

Freude in Havat Gilad. Quelle: Ynet

 

Havat Gilad/Anschlagsort. Karte

Neue Landstraße(n)

Die Infrastruktur im Gebiet Judäas und Samarias ist in den letzten Jahren effizient ausgebaut und verbessert worden – Straßen, Verkehrsknotenpunkte, Strom- und Wasserleitungen, öffentliche Einrichtungen, Industriezonen. Dennoch ist die Situation oftmals nicht mit dem Standard der Infrastruktur im „kleinen Israel“ innerhalb der „Grünen Linie“ zu vergleichen. Das gilt vor allem für Straßen und Stromleitungen. Zufahrtsstraßen zu abgeschotteten Ortschaften sind in schlechtem Zustand, Bergstraßen haben wenige bis keine Sicherheitsvorkehrungen, Beleuchtung ist selbst auf manchen Abschnitten zentraler Landstraßen nicht vorhanden, es mangelt an Ampeln und Bürgersteigen. Die Vernachlässigung hat verschiedene Gründe, meist politischer und bürokratischer Natur:  entweder gibt es kein ausreichendes Budget für den Ausbau der Landstraßen, oder ein auf politischer Ebene verhängter Baustopp verhindert Erweiterungen von Straßen; eine zeitaufwendige und unflexible Bürokratie der Zivilverwaltung von Judäa und Samaria (COGAT), die viele notwendige Prozesse über Jahre hinweg auf Warteschleife setzt, fehlende Abstimmung oder Bereitschaft zur Abstimmung seitens der palästinensischen Autonomiebehörde und mehr. Und wie bei der Errichtung mancher neuer Wohnpunkte, sind es auch hier tragische Ereignisse, die die israelischen Organe im Endeffekt nach gesellschaftlichem und politischem Druck dazu bringen, Veränderungen zu vollbringen.

So war es im Falle eines schweren Autounfalls, der sich an der Einfahrt zur jüdischen Ortschaft Elazar (Gush Etzion) im Jahr 2015 ereignete, wobei ein Lastwagen mit einem Kleinfahrzeug zusammenstiess, da es zwischen der Schnellstraße 60 und der Ausfahrt zum Tor von Elazar weder einen Kreisverkehr noch eine Ampel gegeben hatte. Der Fahrer des Kleinfahrzeugs und seine Frau starben noch am Unfallort. Das Ereignis soll enorm zur endgültigen Durchsetzung des Baus von Ampeln bei Elazar und dem nahegelegenen Neve Daniel beigetragen haben, die vor etwa 2 Jahren fertiggestellt worden sind.

So ist es ebenso in Samaria gewesen, wo am 12.Januar 2018 eine neue Schnellstraßenstrecke eingeweiht worden ist.  Es handelt sich um die Eröffnung der ersten von insgesamt 5 geplanten

Landstraße 55 Nabi Eliyas – Karte

Erweiterungsstrecken, deren Hauptziel das Umfahren von arabischen Ortschaften ist, aber auch die Ermöglichung einer kürzeren Streckenverbindung. Die neue Strecke, eine Erweiterung der Landstrasse 55 (die zwischen Westssamaria (Karney Shomron, Ma’ale Shomron, Zofim) und der Stadt Kfar Saba und der Autobahn 6 verbindet), umfährtdas arabische Dorf Nabi Eliyas, durch welches die alte Strecke führte, und bietet den Autofahrern eine direkte und

Die neue Strecke. Links: Yossi Dagan, Vorsitzender der Regionalverwaltung Samaria. Quelle: Ynet

schnelle, modern eingerichtete Verbindung. Die Straße ist für israelische und palästinensische Autofahrer offen, ihr Hauptzweck aber besteht darin, israelische Autofahrer vor Attacken der Einwohner von Nabi Eliyas zu schützen, durch welches die israelischen Autos tagtäglich durchfahren mussten und dabei u.a. mit Steinen angegriffen wurden. Nunmehr wird die Durchfahrt durch Nabi Eliyas nicht mehr notwendig sein und es so ein Gefahrenpunkt weniger werden.

Umleitung bei Huwara, Samaria

Dasselbe wird auch an vier weiteren Strecken geplant, bei denen tägliche Reibungen zwischen arabischen Ortsbewohnern und israelischen Autofahrern passieren und diese attackiert werden – so auf der Strecke der Landstraße 60 in Samaria, die durch den Ort Huwara durchführt und bei der es vor einiger Zeit einen beinahe-Lynch an einem israelischen Autofahrer gegeben hatte; und auf der Strecke der Landstraße 60 bei El-Aroub in Gush Etzion, wo ebenso mindestens einmal pro Woche

Umleitung bei Aroub (Gush Etzion, Judäa)

Steinewürfe und gewalttätige Zusammenstöße zwischen Bewohnern des sich dort befindenden Flüchtlingsviertels und der Armeeposten an der Landstraße gibt. Auch dort sollen Umfahrten ausgebaut werden, die schnelle und sichere Verbindungen abseits der Wohnviertel für den täglichen Verkehrsstrom garantieren und auch Stau reduzieren sollen, da es sich bei beiden Strecken um die Hauptverkehrsader der Region handelt (die Landstraße 60 durchschneidet Judäa und Samaria von Jenin im Norden bis Be’ev Sheva im Süden), die von tausenden, Israelis und Palästinensern, täglich benutzt wird.

Ynet berichtet, dass in die neue 55-Strecke, die insgesamt 5 Kilometer misst, 60 Millionen Schekel investiert worden sind. Der Ausbau hatte vor knapp 2 Jahren begonnen, nach langem politischen Kampf und Druck seitens der Vorstände der Regionalverwaltungen von Judäa und Samaria zusammen mit den Hinterbliebenen einiger Attentatsopfer, die auf den Straßen in Judäa und Samaria getötet worden waren – darunter die Verwandten des Ehepaares Eytam und Na’ama Henkin , die im Herbst 2015 von Terroristen aus einem vorbeifahrenden Auto erschossen worden waren, und die Witwe des Polizisten Baruch Mizrahi, der in 2014 aus einem Hinterhalt von einem Terroristen auf der Landstraße 60 nahe Kiryat Arba/Hevron erschossen wurde, und auch Ayala Shapiro, das Mädchen, das durch ein Brandbombenattentat auf ihr Auto in 2014 schwerverletzt worden war. Damals, nach dem Attentat auf das Ehepaar Henkin baute der Vorsitzende der Regionalverwaltung Yossi Dagan ein Protestzelt neben der Residenz des Premierministers auf und forderte von der Regierung Budget für neue Straßen; ihm schlossen sich Familien von Terroropfern und die Minister Eli Ben Dahan und Yisrael Katz an. Jetzt, knapp 2 Jahre später, wurde nicht nur die Straße eingeweiht, sondern weitere 600 Millionen Shekel von der Regierung in einem entgültigen Abkommen für den Ausbau der Infrastruktur und weitere Straßen in Judäa und Samaria bereitgestellt. Damit soll ebenso die von den Koalitionsparteien „Likud „und „Jüdisches Heim“ ins Leben gerufene Kampagne – 1 Million jüdischer Einwohner in Judäa und Samaria – gestärkt werden.

 

Quellen: 93fm, Ynet (2018), Ynet (2016) 

Erschossen: Rabbiner Raziel Shevach, Vater von 6 Kindern

Es ist nicht leicht, nach einer persönlich bedingten Schreibpause von über einem Monat vergangene Ereignisse aufzufrischen und aufzuzählen, nachdem sie schon zigweise in der Öffentlichkeit besprochen und erwähnt (und wieder vergessen) worden sind. Man möge mir verzeihen, dass ich meiner ehemaligen Nachhaltigkeit in diesem Fall nicht gerecht geworden bin. 


Rabbiner Raziel Shevach hy’d mit Ehefrau Yael und Kindern. Quelle: INN

Der Rabbiner Raziel Shevach, 35 Jahre alt, war verheiratet mit Ya’el und hatte sechs Kinder, mit welchen er den jüdischen (offiziell nicht anerkannten) Außenposten Havat Gilad im Süden Samarias bewohnte. In der kleinen, sich mangels staatlicher Authorisierung selbst versorgenden Ortschaft fungierte er als Rabbiner, Schächter besaß eine Ausbildung als ritueller Beschneider. Außerdem war er im als Freiwilliger Bereitschaftsdienst des Roten Davidssterns (Pendant zum Roten Kreuz/regulärem Landesnotfalldienst) in der Region Samaria

Havat Gilad.Quelle: Makor Rishon

engagiert und lehrte in einer Religionsschule im nahegelegenen Yitzhar. In der kleinen, rund 40 Familien starken Gemeinde von Havat Gilad, die erst seit 2002 existiert (und im Andenken an den Sicherheitskoordinator Gilad Sar, der von einem palästinensischen Attentäter in 2001 ermordet worden war, von seinem Bruder Itai gegründet worden war), war Shevach bekannt und angesehen.

Havat Gilad/Anschlagsort. Karte

Am Abend des 9.Januar 2018, als Rabbiner Shevach auf der Landstraße 60 in Samaria nach Hause fuhr, wurde aus einem vor ihm fahrenden palästinensischen Auto beschossen und schwer verletzt. Über WhatsApp konnte er in den Minuten nach dem unmittelbaren Attentat andere Freiwillige des Roten Davidsterns über das Attentat und seinen Zustand alarmieren. Er wurde in kritischem Zustand vom Attentatsort ins Krankenhaus eingeliefert und verstarb dort anschließend.

 

Der Beerdigungszug. Quelle: Channel 20

Die Beerdigung, die traditionell schon am nächsten Tag nach dem Mord stattfand, wurde in Havat Gilad selbst durchgeführt – nach der expliziten Bitte der Witwe, die ihren Mann zitierend sagte, ‚Raziel sagte, sollte mir etwas passieren, so möchte ich hier vor Ort begraben werden‘. Der Bitte wurde stattgegeben, und

 

Quelle: Channel 20

hunderte von Menschen – Familie, Freunde, Nachbarn, Geistliche (darunter die Oberrabbiner Israels, David Lau und Shlomo Amar) und Politiker (darunter der Erziehungsminister Naftali Bennett) wohnten der Beerdigung bei. In ihren Nachreden auf Shevach, in welchen vor allem die geistliche Aktivität, die Hilfsbereitschaft und Aufopferung des Ermordeten angepriesen wurden, wiederholten die Redner immer wieder die Forderung an die Regierung, welche auch die Witwe Ya’el zum zentralen Motiv machte – die Authorisierung und Erweiterung von Havat Gilad, als gebührende Antwort auf den Terror. (Channel 20)

Die Grundstücke, auf welchen sich Havat Gilad befindet, wurden teilweise von Moshe Sar, einem Siedlungsaktivisten und Einwohner von Samaria (Karney Shomron) in den 80ern und nach der Ermordung seines Sohnes Gilad aufgekauft, um dort eine neue Ortschaft zum Andenken seines Sohnes zu gründen. In ihren jüngeren Jahren hatte sie sich teilweise einen Namen als „Hügeljugend“-Ort gemacht und war mehreren nicht immer friedlich verlaufenden Räumungen zum Opfer gefallen. In den letzten Jahren hatte Havat Gilad sich jedoch zu einem mehr oder weniger etablierten Wohnort errichtet, der allerdings keine Unterstützung vom Staat genoss und sich auf eigenhändig eingerichtete Infrastrukturen wie Generatoren verlassen musste. Die Forderung nach der Eingliederung von Havat Gilad als reguläre Siedlung in die Reihe anderer Ortsprojekte und Ortschaften von Samaria wurde nach dem Mord an Shevach als einzige mögliche effektive Antwort auf den Terror gegenüber Juden in der Region aufgenommen. Sowohl die Witwe Ya’el, als auch der Regionalverwalter von Samaria und Politiker wie Erziehungsminister Bennett,

Gedenkhügel am Ort des Terroranschlags an der Landstraße 60, Samaria. Quelle: Channel 20

verlangten nach der Authorisierung der Ortschaft: „Wir kämpfen nicht mit eigenen Waffen, wir haben die Armee“ und „Das Bauen ist unsere Antwort (auf Terror)“, kommentierte Bennett bei der Beerdigungszeremonie, als vereinzelte Rufe „Rache“ gehört worden waren.  (mako) Fünf Tage nach dem Anschlag legte der Verteidigungsminister Avigdor Liebermann der Regierung einen Entscheidungsvorschlag zur Legalisierung der Siedlung vor.

Auch heute, knapp zwei Wochen nach dem Attentat, hat sich die Forderung von Ya’el Shevach hinsichtlich der Reaktion auf den Mord ihres Mannes nicht verändert:

„Dieses Ereignis ist nicht mein persönliches, sondern ein nationales, und für mich wird der wahre Trost sein, wenn Havat Gilad den Status einer offiziellen Siedlung bekommen wird. Ich rufe den Premierminister dazu auf, am kommenden Sonntag (28.01) die Entscheidung des Verteidigungsministers [die Ortschaft zu legalisieren] aufzunehmen und es weiter zu verfolgen, damit wir eine entgültige Erlaubnis bekommen. Das wird der Trost für den Mord meines geliebten Mannes Raziel Shevach, Gott soll sein Blut rächen, sein.“ (Pressemitteilung von Ya’el Shevach, Makor Rishon)

⇒ Im Internet wurde infolge des Anschlags eine „Crowdfunding“-Aktion zur finanziellen Unterstützung der Familie Shevach initiiert. Bisher wurden über 240.000 Dollar (Zielsumme: 300.000 Dollar = 1 Million Shekel) gesammelt. Wer die Aktion unterstützen möchte, kann es hier tun (Englisch): Link zur Initiative


Zu Beginn der Fahndung nach den Terroristen war es (zumindest den Medien nach) der IDF unklar, ob es sich bei dem Attentäter um eine Einzelperson oder eine geplante Gruppenaktion handelte (wobei die Hamas-Organisation das Attentat öffentlich lobte); allerdings stellte sich in den Ermittlungen der IDF und der inneren Sicherheitsdienste heraus, dass mehrere Beteiligte involviert worden waren. Da Havat Gilad und die Strecke, auf der Raziel Shevach erschossen worden war, nahe der Stadt Nablus/Schchem liegen, sperrte die Armee fuer die ersten Tage die Ein- und Ausfahrten der Stadt ab bzw. belegte diese mit Checkpoints, ebenso kreiste sie umliegende Dörfer ein, da die Vermutung nahelag, dass die Attentäter aus Nablus selbst stammten.

Allerdings änderte sich nach einigen Tagen die Situation und die Fahndung weitete sich auf den Großraum Jenin im weiteren Norden Samarias aus und am 18.01. trat die Armee schließlich zu einer Großoperation im Jeniner Flüchtlingsviertel an, bei der die Mitglieder der Terrorzelle gefasst und/oder getötet werden sollten. Der Einsatz sorgte für großen Aufruhr und Widerstand innerhalb des Viertels, die offensichtlichen Verdächtigen lieferten sich Schusswechsel mit der Armee. Dabei wurden zwei der israelischen Einsatzkräfte verletzt, einer davon schwer; von den Zielpersonen wurde einer umgebracht, ein weiterer inhaftiert und der dritte, laut Medien, „verschwand“ und ist offenbar noch immer auf der Flucht. Das Haus eines der Terrorverdächtigen wurde während der Kämpfe zerstört.

 

Quellen: Ynet, Mako, Channel 7, Channel 20, Makor Rishon, Haaretz

Dialog an Weihnachten

Frohe Weihnachten und schöne Feiertage an all meine Freunde und Leser und ein frohes und gelungenes neues Jahr!

Quelle: pinterest

Die Abbildung auf der Weihnachtskarte rechts hat mich zu einem kleinen Dialog inspiriert, wie er sich heute zwischen den heiligen drei Königen und einem palästinensischen Polizisten/UN-Funktionär/Menschenrechtsaktivisten/Journalisten anhören könnte…


„Soso, nach Judäa wollen Sie. Judäa, das gibt es nicht. Es heißt Palästina. Wohin wollen Sie denn genau?“
„Nach Bethlehem.“
„Und wen suchen Sie dort?“
„Den neugeborenen jüdischen Jungen, Jesus heißt er. Ist mit seiner Familie dort.“
„Jüdisch? Juden sind hier in Judäa illegal, wissen Sie das nicht? Und wenn sie sich in Bethlehem aufhalten, machen sie sich strafbar!“
„Oh…“
„Außerdem kann es für Sie unangenehm werden, wenn Sie die Leute in Bethlehem nach einem Juden fragen. Wie heißen die Juden nochmal, sagen Sie?“
„Maria und Josef. Das Neugeborene heißt Jesus.“
„Kaum zu glauben. Hat es doch eine Siedlerfamilie geschafft, sich illegal in der Stadt einzunisten… Seien Sie vorsichtig. Sonst werden Sie noch für welche von ihnen gehalten…“

Quelle: online

 

 

Josefsgrab – unbewachter Besuch mit Folgen

Ein unangenehmer Vorfall ereignete sich gestern nacht (21.11) in Shchem/Nablus am Josefsgrab (Samaria), das neben dem hochkriminalisierten (Flüchtlings-)Viertel Balata liegt.
Drei Juden aus Israel, die am Josefsgrab inmitten der arabisch-palästinensischen Stadt beten wollten, gelangten nachts in die Stadt. Jüdische Pilger haben nach einem Abkommen mit der Armee bestimmte Zeiten und Tag(e) in der Woche, an denen sie zum

keveryosef
Auf der Karte

Grab gelangen können; in jedem Fall geschieht es nachts und wird von Armeekonvois bewacht. Gestern nachts fand einer dieser Besuchertage statt und etwa 1000 jüdische Pilger beteten unter Armeebewachung am Grab.
Die besagten drei Personen fuhren offenbar auf Eigeninitiative und ohne Absprechung mit der Armee oder als Teil einer Gruppe zum Grab und nachdem sie ihr Fahrzeug verliessen, wurde dieses von arabischen Einwohnern entdeckt und gestohlen und anschließend angezündet. Die drei mussten durch einen Armeeinsatz evakuiert werden. Gegen einen der unberechtigten Besucher wurde eine Klage eröffnet, dass er entgegen dem Beschluss des Militärgenerals eine für Israelis verbotene Zone (A-Zone, unter PA-Verwaltung = Nablus) betreten habe.
Die Anwälte des Betroffenen beklagten den Zustand, nach dem jüdische und arabische Israelis sowie nichtreligiöse gelegentliche jüdisch-israelische Besucher nach zweierlei Maß gemessen sein würden: demnach verfolge das Militärgericht die Linie, dass religiöse Pilger eher zu bestrafen sei, arabische Israelis allerdings durchgehend in die PA-Gebiete gelassen werden und sonstige israelische Besucher nicht gerichtlich geahndet werden würden.

Zum Weiterlesen: Fotoworkshop für die Kids der Feinde

„Siedlerkinder in den Bergen…“ Die Anlehnung an Rolf Zuckowskis „Winterkinder“ bot sich hier geradezu an, aber der Artikel, den ich zu lesen empfehle, handelt von etwas mehr als das: Auf abseits vom mainstream – heplev – wurde  heute die Uebersetzung eines sehr schoenen Artikels ueber den gemischten Fotoworkshop der Organisation „Roots“ (habe oefter darueber berichtet) fuer lokale juedische und arabisch-palaestinensische Kinder aus der Times Of Israel vom 19.04.17 veroeffentlicht. Ich kenne die Organisatoren vom Nahen und hatte sogar einmal  – ich wuerde sagen, die Ehre – fuer eine Workshopsession fuer die Kinder aus dem Englischen zu uebersetzen. Sowohl ins Hebraeische als auch ins Arabische, uebrigens. Es ist ein sehr schoenes Projekt und ich empfehle euch sehr, den Artikel zu lesen. Klickt einfach unten auf den Link.

In der Westbank sorgt das Koexistenzprogramm ROOTS für eine wichtige Zusammenkunft von Teenagern aus dem Gush Etzion und dem nahe gelegenen Dorf Al-Khader.

Brett Kline, The Times of Israel, 19. April 2017

Die Teenager sammeln sich um ihren Referenten Bruce, als sie ihren Fotokurs beginnen. Die Gruppe 13- bis 15-jähriger, zu gleichen Teilen jüdische Israelis örtlichen Siedlung und Palästinenser von weiter runter an der Straße 60 […]

über Über einen Fotografie-Kurs treffen sich israelische und palästinensische Kinder zum ersten Mal — abseits vom mainstream – heplev

Schreibpause, Updates

Liebe Leser/-innen,

wie ihr schon gemerkt haben werdet, habe ich seit Längerem nichts Neues mehr veröffentlicht. Ich habe momentan eine Schreibpause eingelegt, die wohl noch etwas dauern wird; ich hoffe, ihr werdet es mir verzeihen und dennoch weiterhin auf den Blog schauen. Es lohnt sich, den Blog zu abonnieren, um so nicht zu verpassen, wenn ich wieder neue Beiträge hochladen werde. (Siehe „Lies mit“ rechts in der Seitenleiste ⇒ )

Es haben sich in dieser Zeit einige Dinge um die jüdische Gemeinschaft in Judäa und Samaria getan:

  • das Pessach-Fest ist am Montag (17.04) zu seinem Ende gekommen. Tausende von Besuchern aus dem ganzen Land bevölkerten während der Pessach-Feiertage (7 Tage insgesamt) die zahlreichen Besucherattraktionen und Wanderrouten in ganz
    Blick aufs Tote Meer

    Judäa und Samaria. Auch ich habe mich, wie vor fast drei Jahren, auf eine Nachtwanderung zwischen der Ortschaft Kfar Eldad im Osten Gush Etzions und dem Toten Meer, quer durch die Judäische Wüste, begeben;

  • wenige Tage vor Pessach ereignete sich ein Attentat gegen zwei an der Bushaltestelle gegenüber der Ortschaft Ofra wachende
    Sg.Elhai Taharlev sel.A.

    Soldaten. Ein Terrorist überfuhr diese mit seinem Wagen. Dabei wurde der Soldat Elhai Taharlev (20) aus der unweit von Ofra liegenden Ortschaft Talmon getötet. Die trauernde Familie musste ohne ihren Sohn das Pessachfest begehen;

  • der Gründer und rabbinische Vorstand der Vorbereitungsakademie für die Armee in Eli (Binyamin-Region), Rabbiner Yigal Levinstein, hat mit seinen taktlosen
    Rabbiner Yigal Levinstein

    Ausführungen zum geschlechtsgemischten Armeedienst einen Skandal und eine große Debatte innerhalb der Gesellschaft ausgelöst, vor allem in nationalreligiösen Kreisen und bei führenden Rabbinern der Siedlerbewegung;

  • das Mädchen Ayala Shapira, welche im Dezember 2014 (Die Siedlerin berichtete) von einer Brandbombe, die ein jugendlicher Attentäter auf das Familienauto geworfen hatte, schwer verletzt worden war, hielt eine Ansprache vor Mitgliedern des EU-Parliaments im Rahmen der neu gegründeten „Freundschaftsgruppe für Judäa und Samaria“, einer
    Ayala Shapira spricht vor den Parlamentariern

    Unterstützungsgruppe aus EU-Parlamentariern, die vom Vorsitzenden der Regionalverwaltung Judäa und Samaria, Yossi Dagan, initiiert worden war. In ihrer Ansprache, bei welcher auch ihre Eltern dabei gewesen waren und gesprochen hatten, wies Ayala die Anwesenden darauf hin, dass bestimmte EU-Gelder, die an die palästinensische Autonomiebehörde überwiesen werden, von dieser an die Attentäter und ihre Familien gezahlt würden, und bat, die Überweisung dieser Gelder zu stoppen.

  • die „Autobahn des Terrors“ zwischen dem Dorf Hussan und der Stadt Beitar Illit in Gush Etzion, auf welcher es täglich
    Das Auto von Eli’ezer Lesovoy nach der Attacke

    Steinattacken gegen israelische Fahrzeuge gegeben hatte, wurde gerade durch die Armeekräfte als „ungefährlich“ erklärt – kurz darauf begann der Steinterror wieder, und das trotz eines Briefes der Einwohner von Hussan, sie würden sich gegen die Attacken stellen und sich die jüdischen Einkäufler im Dorf zurückwünschen. Auch das Auto meiner Freunde wurde von einem großen Steinblock getroffen – es gab zu Glück keine Verletzte;

    Shlomo Neeman
  • der neue Regionalvorsitzende von Gush Etzion, Shlomo Ne’eman, der im März dieses Jahres gewählt worden war, hat endlich seine Arbeit vollends aufgenommen;
  • und natürlich kommt man nicht um Steinattacken und hin und wieder Molotow-Cocktails auf israelische Autos und Molotow-Cocktails auf  herum. Und ab und zu gibt es auch feindliche Auseinandersetzungen zwischen jüdischen und arabischen Nachbarn – zumeist in der Samaria-Region.

Auch ich habe einiges hinter mich gebracht – so beispielsweise eine kleine Gruppe deutschsprachiger Teilnehmer einer Bildungsreise, die von der taz und ihrer Israel-Korrespondentin Susanne Knaul, zusammen mit ihrem Kollegen Georg Baltissen, organisiert worden war.

Ich hoffe, bald wieder zum Schreiben zu kommen und verbleibe bis dahin mit herzlichen Grüßen und guten Wünschen für den Frühling. Ich hoffe sehr, dass diejenigen unter euch, die Ostern feiern, ein gelungenes Fest gehabt haben!

Chaya

 

Dieses Jahr an Purim – Party in Teko’a

Jedes Purim-Fest wird etwas anders gefeiert. Das Fest der Rettung der jüdischen Diaspora im Persischen Reich durch die jüdische Königin Esther und ihren Onkel Mordechai, die Schicksalswandlung für die Juden in Persien und Midien und der Hauptstadt Shushan (Shosh) und die Abwehr ihrer Feinde nach dem Auffliegen des Vernichtungsplans von Großvisier und Judenfeind Haman  – heute, viele Generationen später, hat Purim viele zusätzliche praktische und geistige Elemente als Feiertag erhalten, spirituelle Erzählungen und Erklärungen haben sich darum gesammelt, Bräuche wie selbstvergessenes Trinken und Verkleidungsumzüge füllen diesen überaus fröhlichen und sozialen Feiertag. Im ganzen Land Israel und in der Diaspora feiern alle Juden gemeinsam – außer den Bewohnern von Jerusalem und seiner unmittelbaren Umgebung. Diese feiern, der Tradition und der Niederschrift in der Esther-Rolle entsprechend, einen Tag danach – etwas, was sich bis heute hält!

Jedes Purim verbringe ich anders. Das vorletzte Jahr war ich, als Pippi Langstrumpf verkleidet, in Hevron bei der jüdischen Gemeinde und habe hier darüber berichtet – und auch über die Bräuche und meine persönlichen Erlebnisse an diesem Tag. Das letzte Jahr verbrachte ich bei einer Ladies Night Party in unserem nahegelegenen Vergnügungspark „Eretz Ha’Ayalim“ und hatte mich, in einer Hommage an meine Lieblingshaustiere, als Katze verkleidet (leider finde ich keinen Bericht dazu).

Natürlich auch mit Tamburin. In der lokalen Synagoge in Alon Shevut

Dieses Jahr wollte ich, infolge meiner Wissenserweiterungen bezüglich des Arabischen und der arabisch-palästinensischen Bevölkerung, etwas Ausgefalleneres als Kostüm wählen und auch diesmal wollte ich feiern gehen. Also fuhr ich, nach einiger Beratung mit lokalen Freunden, nach Bethlehem und handelte mir dort mithilfe eines Freundes ein nicht allzu teueres, aber qualitatives traditionelles Kleid einer arabischen Dorfbewohnerin aus der Gegend von Bethlehem aus. Das sogenannte „Thob Falastini“ wird usprünglich per Hand mit einem jeweils ortstypischen Dekorationsmuster, „Tatreez“ genannt, verziert (in meinem Fall natürlich maschinell…sonst müsste man über ganz andere Preise sprechen) und dazu gehören generell noch ein Schal und eine Kopfdekoration. Ich habe dabei die Kopftuchalternative „Hijab“ (einfaches muslimisches Kopftuch) gewählt und den Gürtel auf Empfehlung der Verkäuferinnen in der Bethlehemer Einkaufsmeile zu einem Kopfschmuck umfunktioniert und das Ganze dann mit Stecknadeln auf dem Kopf zusammengebastelt.

In der Synagoge vor dem Lesen

Der Effekt war ganz ansehnlich. In der Synagoge, am Abend, beim Lesen der Esther-Rolle, waren die Reaktionen zumeist als „Begeisterung“ zu deuten; viele waren überrascht, denn wenn sich bei uns jemand als „Araber“ verkleidet (und das taten in diesem Jahr bei uns und generell im ganzen Land sehr viele), dann ist meistens die Keffiyah das Hauptkleiderstück, und dann natürlich die Beduinenroben, aber

In der Synagoge vor dem Rolle-Lesen

keine „palästinensische Nationaltracht“. Ich denke, im Allgemeinen kann man alle Reaktionen zusammengezählt (frühmorgens in der Siedlung;in der Synagoge; auf der Bushaltestelle; bei der Party; bei Freunden; auf Facebook) als „Faszination“ beschreiben. In meinen Augen auf jeden Fall etwas Positives – trotz zusammenstoßender politischer Narrative und Realitäten sollte Traditionen Respekt gebühren. Und wann sonst kann man als festlich gekleidete arabische Bauernfrau in einer Siedlung herumlaufen, wenn nicht an Purim? 😉

Das Feiern erledigte ich dann in Teko’a, einem Großort (die größte Ortschaft der Regionalverwaltung Gush Etzion mit ca.3700 Einwohnern) im Osten der Gush Etzion-Region, an der Grenze zur Judäischen Wüste. Teko’a ist bekannt für seine gemischte, sprich säkular-religiöse Einwohnerschaft, für  interessante und kontroverse Persönlichkeiten wie der Rabbiner Menachem Fruman, für seine Musik- und Bierfestivals – und für Parties. Neben allen

Netta und ich

möglichen anderen Veranstaltungen am Samstagabend (11.03) wurden zwei Ladies Only Feiern organisiert, zwischen denen ich mit meiner Freundin Netta aus Bat Ayin (Gush Etzion) bis etwa zwei Uhr morgens pendelten. „Ladies Only“, das heißt natürlich Zutritt für Männer verboten, aber es heißt keinesfalls Langeweile.  Eine DJ unterhielt eine der Parties, die einer verrückten Disco-Nacht für Mädels zwischen 15 und 55 ähnelte, mit einem beeindruckenden Mix aus neuesten Charthits aus Israel und der Welt, hebräischen Folksongs und religiös adaptierten Schlagern; es gab Henna-Malerei auf Hände und Füße und künstlerische Gesichtsschminke und eine Menge Alkohol im Angebot. Auf der zweiten Party gab es eine etwas „heimischere“ Atmosphäre und dort wurden Wein und Gemüse mit Tahini-Sauce umsonst angeboten – Musik natürlich inklusive (aber keine künstlerischen Extras). Um etwa Mitternacht formierte sich ein Kreis aus den tanzenden Frauen und gemeinsam summten und sangen wir eine Weile umarmt; die einen beteten, die anderen drehten Piruetten im Raum und wieder andere standen still und ließen den Feiertag in ihre Seele hineinsinken.

Fellaha (Dorfbewohnerin) oder nicht? 😉

Das Feiern ging bis in die frühen Morgenstunden hinein und Netta und ich hatten irgendwann beschlossen, heimzufahren. Zu schlafen schaffte ich es nicht mehr – am Morgen musste zum zweiten Mal die Esther-Rolle gelesen und dann die Geschenke verteilt werden, ein Festmahl musste auch gegessen werden – und dann konnte man sich etwas ausruhen. Das Wetter war nicht sonderlich fröhlich – kalt und windig und ein Staubsturm fegte an diesem Tag durchs Land. Aber alles in Allem war die Stimmung überall positiv und festlich.

Leider habe ich aus Teko’a keine besonders gut gelungenen Bilder, aber solltet ihr euch eine Vorstellung von der Purim-Feier und Festumzug in der jüdischen Gemeinde in Hevron machen wollen – fernab der hässlichen Schlagzeilen und Verleumdungen, mit welchen die internationale Presse die Juden Hevrons regelmäßig bedenkt – dann schaut in die Galerie meines Freundes Shmuel Mushnik, eines Malers und Touristenführers aus Hevron, hinein – hier. Ein paar Beispiele aus der Galerie findet ihr nachfolgend. (Achtet auf das Bild mit den Mädels in Keffiya neben dem im Kopftuch mit roter Jacke – diese hatten sich als „europäische Friedensaktivistinnen“ in Hevron plus verkleidet, die regelmäßig den schon recht angespannten Alltag durcheinanderbringen und die Bewohner provozieren.)

Auf dass auch nächstes Jahr es ein so ausgelassenes Purim-Fest gibt!

Zum Weiterlesen: Efrat hilft Syrern (Ilana Messika)

Eine kleine Reportage zum Thema Unterstützung für syrische Bürgerkriegsopfer aus Judäa und Samaria, ähnlich meines Artikels Siedler für Syrer, diesmal über die Beteiligung von Jugendlichen. Verfasst von Ilana Messika für Tazpit Press Service, veröffentlicht auf Deutsch auf Audiatur Online am 13.03.17.


Es ist ein Montagabend Ende Februar und im Keller des Gemeindezentrums wimmelt es nur so von Jugendlichen. Auf dem Boden verstreut, auf Tischen und auf provisorischen Plastikregalen gestapelt befinden sich Kinderkleidung, Decken, Windelpakete, Schnuller, Babypflegetücher und Säuglingsnahrung. Sieben oder acht Jugendliche packen die Hilfsgüter in Care-Pakete, während die übrigen Freiwilligen den Überblick über die vorhandenen Bestände halten und neu angekommene Waren sortieren.

Von Ilana Messika/TPS, 13.03.17

Auf den ersten Blick sieht das Ganze wie ein beliebiges Hilfsprojekt aus; bei näherer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass bei diesem Projekt etwas anders ist: Die Teenager gehören zu den orthodoxen Bewohnern von Efrat, der grössten Stadt in Gusch Etzion, und die Empfänger der Hilfspakete sind syrische Bürgerkriegsflüchtlinge.

„Es herrscht die verbreitete Meinung, selbst bei Freunden aus anderen Staaten, dass Gusch Etzion einzig aus rechtsgerichteten Bewohnern besteht, denen die Palästinenser gleichgültig sind und die alle Araber als Feinde betrachten“, sagte Asher Krohn, ein Schüler der zwölften Klasse an der Orot Yehuda Schule, der die Aktion leitet. „Aber das stimmt nicht. Abgesehen von dem rein humanitären Aspekt war es uns wichtig, aktiv etwas zu tun und zu zeigen, dass die Menschen aus Judäa und Samarien nicht gleichgültig sind, sondern sich wirklich Sorgen machen und helfen wollen.“

Gusch Etzion ist ein Verbund jüdischer Gemeinden im Judäischen Bergland, unmittelbar südlich von Jerusalem und Bethlehem. Damit steht die Region im Zentrum der politischen Kontroverse um die Siedlungen. Die Bemühungen der hiesigen Bewohner vermitteln jedoch ein anderes Bild von der Gemeinschaft. In den vergangenen zwei Monaten kamen alle vierzehn Tage Lastwagen in die Stadt, um die Spenden der Einwohner von Efrat, Kfar Etzion, Elazar, Neve Daniel und Alon Shvut abzuholen. Die Hilfsgüter werden dann Richtung Norden zu den „Buses of Angels“ von Amaliah gebracht, die sie dann weiter an bedürftige Kinder jenseits der Grenze verteilen.

Das Projekt wird von etwa 30 Jugendlichen aus der Region um Gusch Etzion durchgeführt, die auch verantwortlich sind für die Öffentlichkeitsarbeit, das Sammeln der Spenden sowie die Werbung um  Unterstützung bei lokalen Politikern und Firmenchefs.

„Die Idee ist, so viel zu helfen, wie wir können und die Menschen zu sensibilisieren, denn zu viele wissen immer noch nicht, was dort passiert. Demnächst werden wir auch die Adressliste der verschiedenen Gemeinschaften in Gusch Etzion, die wir hier in Efrat als weitverzweigtes Verbindungsnetz haben, verwenden, um so viele Menschen wie möglich zu erreichen“, so Krohn weiter.

Nach den Ergebnissen des UNICEF-Berichts 2016 zur humanitären Lage in Syrien wurden seit Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs im Jahr 2011 über 8 Millionen Kinder (innerhalb und ausserhalb von Syrien) von diesem Krieg betroffen, einschliesslich über 2,4 Millionen vertriebener Kinder.

„Die Jugendlichen arbeiten in einem etwas anderen Tempo, denn für sie ist die Beteiligung an dem Projekt Teil eines Bildungs- und Reifeprozesses. Wir Erwachsenen sind sehr schnell in allem, was wir tun. Die Kinder jedoch haben viele Fragen über das Wie und Warum. Sie müssen sich erst einmal mit dem vertraut machen, was jenseits der Grenze geschieht“, erklärte Shoshi Bogoch, die Leiterin des Gemeindezentrums in Efrat.

„Das Projekt hat zu einem dynamischen Diskurs in den Familien geführt, den ich für ebenso wichtig halte, wie die Spenden und Beiträge selbst.“

Die Gruppe nahm auch Kontakt zu Rabbi Shivi Froman auf, einem Einwohner von Tekoa – einer weiteren Gemeinde des Siedlungsblocks von Gusch Etzion – und Gründer der Initiative ‚Syrians on the Fences‘. Zusammen mit der Hilfsorganisation Israel Flying Aid (IFA) hat diese Gruppe über eine Million Schekel von rund 8.000 Spendern eingesammelt, um Hilfsgüter für Kinder zu kaufen. Fromans verstorbener Vater, Rabbi Menachem Froman, war eine der führenden israelischen Stimmen für Frieden und Versöhnung mit den Palästinensern.

„Die Initiative ‘Syrians on the Fences‘ wurde gegründet, nachdem sich viele Israelis unterschiedlichster Herkunft zusammengetan hatten, um darüber zu reden, was wir für die syrischen Opfer tun könnten, ausser für sie zu beten“, erklärte Froman. „Ich weiss, woher die Menschen kommen, die uns unterstützen und ich kann mit Sicherheit sagen, dass ein grosser Teil von ihnen aus Gusch Etzion stammt.“

Laut Bogoch war die Initiative auch ein Fürsprache-Projekt für die ‚Siedlungen‘.

„Ich habe einige Jahre in den USA gelebt und hatte dadurch die Gelegenheit, Israel mit den Augen eines Aussenstehenden zu sehen – wie schlecht wir erscheinen und wie häufig uns die Anerkennung und Wertschätzung für das Gute, das wir tun, aberkannt wird“, erläuterte Shoshi Bogosh.

„Diese Initiative dient dazu, diese Wahrnehmung von Judäa und Samarien zu verändern und zu zeigen, wieviel Gutes von hier kommt und dass wir 90 Prozent unserer Zeit im Frieden mit unseren Nachbarn leben.

„Darüber hinaus ist eines der wichtigsten Ergebnisse dieses Projekts ein neues Verständnis von uns selbst – nicht als selbstbezogene und ohnmächtige Minderheit, sondern eher als Menschen mit der wunderbaren Gelegenheit, sich in einer Lage zu befinden, die es uns erlaubt, einen Beitrag zu leisten“, so Bogoch gegenüber TPS.

Siedler für Syrer

Die internationalen Medien haben jahrelang über die medizinische Hilfe berichtet, welche der Staat Israel über die israelische Armee über 2600 syrischen Verletzten, welche über die israelisch-syrische Grenze in teilweise waghalsigen Manövern geschmuggelt werden mussten, in den israelischen Krankenhäusern erwiesen hat. Der syrische Bürgerkrieg wütet nun schon seit fast 6 Jahren im Nachbarland und in den letzten Jahren nahmen die Gewaltverbrechen an der Zivilbevölkerung nur noch weiter zu. Das offizielle Israel enthielt sich bisher der militärischen oder diplomatischen Einmischung in die blutigen Auseinandersetzungen, reagierte hier und dort mit Antwortschüssen auf Waffenstellungen, wenn Mörsergranaten oder Schüsse aufs eigene Territorium gelangten und griff lediglich bei Waffentransporten der Hisbollah, unabhängig von den Kämpfen innerhalb Syriens, mithilfe der Luftwaffe an. (So ungefähr lässt es sich zusammenfassen; für die Genauigkeit der militärischen Details will ich keine Garantie übernehmen.)

In der letzten Zeit, vor allem nach der erschütternden Belagerung von Aleppo (Haleb), aber auch schon zuvor, regten sich soziale Initiativen innerhalb Israels, die massiv die Bevölkerung zum Spenden für syrische Flüchtlinge anregen sollten. Hilfsgruppen wie IsrAid waren schon lange Zeit zuvor in den Flüchtlingslagern für Syrer im Einsatz, beispielsweise in Griechenland, und Spenden gelangten zumeist dorthin, oder aber über private Aktivisten nach Syrien und in die Türkei.

Angeregt durch die akute Not in Aleppo in November/Dezember des vergangenen Jahres und, wenn man will, dem „Ruf der Stunde“ folgend, bahnte sich am 16.12.2016 eine Massenspenden-Initiative

Das Logo der Kampagne "Die Syrer sind amZaun/Just beyond your border" (Klicken zur Kampagne selbst)
Das Logo der Kampagne „Die Syrer sind amZaun/Just beyond our border“ (Klicken zur Kampagne selbst)

namens „Die Syrer sind am Zaun – Just Beyond Our Border“ ihren Weg. Das Ziel dieses Crowdfunding-Projektes – 600.000 Schekel (etwa 155.000 Euro) die über die Hilfsorganisation „Israeli Flying Aid“ vor allen Dingen an Kinder in Syrien gelangen sollten. Unter den Initatoren des Projekts, welcher auch im israelischen Fernsehen dazu interviewt worden ist, ist ein junger Mann namens Shivi Fruman. Shivi ist der Sohn des verstorbenen Rabbiners Menachem Fruman aus der Siedlung Teko’a im östlichen Gush Etzion, eine Legende seiner Art – Rabbiner Fruman förderte die Vision eines

Shivi Fruman und seine Frau Michal. Quelle: Facebook
Shivi Fruman und seine Frau Michal. Quelle: Facebook

Friedens zwischen Juden und Arabern in Judäa und Samaria und war der geistige Anführer dieser Idee. Shivi, ebenso in Teko’a ansässig und mit Michal verheiratet (die am 18.01.2016 einen Terroranschlag überlebt hatte), widmet sich ebenso verschiedenen Projekten, die Koexistenz und Spiritualität fördern sollen. Seine Mutter Hadassah Fruman leitet heute den „Fruman Fonds“ (???) und ist eine zentrale Figur in lokalen Initiativen für Zusammenarbeit zwischen palästinensischen Arabern und Juden, so beispielsweise in der Organisation „Roots/Shorashim/Judur“ (mehr dazu zum Beispiel hier).

Shivi  und die anderen Aktivisten begannen die Kampagne  mit dem Ziel, 600.000 Schekel zu sammeln. Innerhalb von 2 Tagen stieß sie auf enormes Interesse und zog  tausende Spender und Spenderinnen aus ganz Israel mit sich – es waren über 400.000 Schekel gesammelt worden. Die Kampagne lief weiter; innerhalb einigerTage waren über 800.000 Schekel gesammelt worden, was das gesetzte Ziel sprengte.  Obwohl die geplante Summe längst überschritten worden ist, läuft die Spendekampagne online – erst gestern hatte eine Frau namens Marcela eine Spende überwiesen. Insgesamt haben bis heute 7224 Menschen in die Kampagne investiert und zu einer stattlichen Spendesumme von 1.346.728 Schekel (etwa 351.691 Euro) verholfen. Gal Luski, eine Verantwortliche für die Übergabe der Spenden vor Ort, berichtet an Ynet (18.12.16) über die Reaktion syrischer Ärzte auf die Spendenaktion:

„Sie waren den Tränen nahe und sagten zu mir, ’sag deinem Volk Israel, dass es überhaupt nicht wichtig ist, wieviel Geld sie geben werden, die Hauptsache ist, dass wir es bis in ihr Herz geschafft haben.“ 

Über die Aktion wurde in den internationalen Medien so gut wie überhaupt nicht berichtet (wenn man von Ynetnews, Times of Israel und Ha’aretz in Englisch absieht).


Eine weitere, weniger bekannte Aktion an Materialspenden starteten zwei Frauen namens Ruti Doron und Lilach Cohen,

ebenso aus Teko’a. Ihren Spendenaufruf „We cannot be silent anymore“ richteten sie an Einwohner von Gush Etzion, Jerusalem und anschließend auch ans ganze Land, organisierten Sammelstellen und Kontaktpersonen in beinahe jeder Ortschaft, stellten Listen für benötigten Spendeartikel zusammen und

Ruti Doron. Foto: Facebook
Ruti Doron. Foto: Facebook

versandten diese über Sammelmails. Ruti Doron sammelte gezielt Materialspenden, und zwar Hygieneartikel für Frauen und Kinder

 

Lilach Cohen. Foto: Facebook
Lilach Cohen. Foto: Facebook

und Windelpackungen verschiedener Größen.  Die Spendeartikel wurden bei den Kontaktpersonen abgelegt und an Ruti weitergegeben. Diese hatte über die israelische Hilfsorganisation „Amaliah“ Kontakt zu syrischen Hilfsstellen innerhalb des Kriegsgebiets aufgenommen und überwies die Artikel mit ihrer Hilfe an die Bedürftigen. Da Syrien wohlbemerkt in einem Kriegsstatus mit Israel liegt und als Feindesland klassifiziert wird, wurde der Versand nach Syrien auf Umwegen und ohne große Bekanntmachung durchgeführt. Fotos durften vor Ort nicht gemacht werden.

Die Kampagne "We cannot be silent anymore" von Ruti Doron und Lilach Cohen
Die Kampagne „We cannot be silent anymore“ von Ruti Doron und Lilach Cohen

Die Sammelaktion hatte mehrere Durchläufe; eine davon war mit einem „Notruf“ gekommen – Spendeartikel sollten innerhalb eines Tages abgeliefert und überwiesen sein; die Reaktion in Gush Etzion war positiv und viele Artikel landeten bei Ruti im Haus.

So beschrieb die Gruppe unter der Leitung von Ruti und Lilach ihre Motivation auf Facebook:

Diese Gruppe ist eine Privatinitiative von einigen Frauen aus Jerusalem und Umgebung, die sich zusammengeschlossen haben, um humanitäre Hilfe für Frauen und Kinder in den Flüchtlingslagern in Syrien zu überbringen, aus dem einfachen Grund, dass wir nicht mehr an der Seite stehen und zuschauen, schweigen und stillhalten konnten, während nur 8 Stunden Autofahrt von Tel Aviv entfernt ein Völkermord betrieben wird. 

Die letzte Mail erhielt ich vor einigen Wochen und in ihr richtete Ruti Doron den Dank an diejenigen aus, die bei den Spendenaktionen mitgeholfen hatten – diesmal waren auch Orte und Gruppen aus dem ganzen Süden und Norden Israels dabei.

Fotos von der Aktion – Ruti Doron:

Es mag sein, dass auch in Zukunft solche Projekte mit und von Leuten aus Gush Etzion oder anderen Regionen in Judäa und Samaria laufen werden. Trotz großer mentaler Ferne und nationaler Feindschaft, waren Shivi, Ruti und ihre Helfer und Unterstützer der Not der leidtragenden Menschen in Syrien nicht fremd. Auch die international so gewohnte Verteufelung der jüdischen Einwohner von Judäa und Samaria spielte hier weder eine Bedeutung noch hatte sie etwas mit den Menschen vor Ort gemeinsam. Gutes Tun und Nächstenliebe sind kein fremder Begriff in unserer Region und es ist sehr gut so. Nur über die wenigsten Fälle werden reißerische Schlagzeilen veröffentlicht. Damit ihr auch von solchen Aktivitäten erfährt, wollte ich diesen kurzen Beitrag darüber schreiben. Weiterhin viel Erfolg an Shivi Fruman, Ruti Doron, Lilach Cohen und Co.

 

(Wer sich jetzt fragt, weshalb ich nicht schon früher darüber geschrieben habe – mea culpa, aber besser später als nie…)