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Alon Shvut trauert um Erez

Der tödliche Anschlag in Jerusalem am 08.01.17 (diese Woche Sonntag), bei welchem ein Terrorist aus dem arabischen Jerusalemer Viertel Jabal Mukabber mit einem LKW in eine Gruppe junger Offiziersanwärter/-innen auf der Promenade von Armon Hanatziv raste, forderte 4 Tote und über ein dutzend  zum Teil schwer Verletzte. Es war der erste Anschlag in Israel, welcher zu unerwarteten Solidaritätsgesten in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden führte – dem Projezieren der israelischen Flagge auf offizielle Einrichtungen – jeweils in Berlin (Brandenburger Tor), Paris (Rathaus) und dem Aufsetzen der israelischen Flagge auf Halbmast über dem Rathaus von Rotterdamm (laut i24 und Ynet eine Initative des aus Marokko stammenden Rotterdamer Bürgermeister).

Tatsächlich ist die große Aufmerksamkeit, die auch in den internationalen Medien diesem Attentat überraschenderweise gewidmet wurde, wohl den ähnlich ausgeführten Attacken in Nizza und Berlin zuzuschreiben, welche diese Art des Terrors auch Europa näher gebracht haben. Israel hat zahllose Attacken dieser Art durchleben müssen, ohne dass darüber besonders berichtet worden war. Seit Nizza und vor allem Berlin scheint die Einstellung dazu sich gewandelt haben.


Erez Orbach sel.A. Quelle: Internet
Erez Orbach sel.A. Quelle: Internet

Eines der Opfer des grausamen Attentates war der 20-jährige Erez Orbach, ein typischer Jugendlicher bzw. schon junger Mann aus der Ortschaft Alon Shevut in Gush Etzion, Abgänger eines religiösen Instituts  (Jeshiva) und lange Zeit Mitglied der beliebten Jugendbewegung Bnei Akiva. Erez, der Älteste von sechs Kindern, war, so beschreiben ihn Familie und Freunde, ein ruhiger, bescheidener Junge, fleißig und begabt, der sich sehr für religiöse Studien interessierte und immer darauf aus war, sich als Mensch zu verbessern. Er wurde für seine Freundschaft geschätzt. Immer wieder erwähnten diejenigen, die ihn kannten, in den zahlreichen Artikeln nach dem Mord an Erez sein Lächeln, welches sie weiterhin begleiten würde.

Die Eltern von Erez, Uri Shraga und Keren Or, leben in Alon Shevut seit vielen Jahren; der Vater Uri ist hier geboren worden. Sowohl er als auch sein Vater Moshe Orbach, Erez‘ Großvater, sind bekannte Handwerkmeister in Gush Etzion. Uri war zudem bis vor Kurzem der stellvertretende Leiter der Rettungseinheit der Region.

Da Erez von Geburt an an einer chronischen Krankheit zu leiden hatte, hätte er nicht in der Armee dienen brauchen. Auf der Beerdigung, welche einen Tag später, am 09.01. auf dem lokalen Friedhof von Kfar Etzion stattfand, erzählten Mutter Keren und Großmutter Yemima von den gesundheitlichen Problemen, welche ihren Sohn schon knapp einige Monate nach seiner Geburt begleiteten und deren Konsequenzen er durch das ganze Leben zu tragen hatte. Diese, so Keren , habe Erez stets mit Fassung ertragen, ebenso die immerwährenden Krankenhausaufenthalte. Trotz der

Erez in Uniform. Quelle. Internet
Erez in Uniform. Quelle. Internet

automatischen Befreiung vom Armeedienst bestand Erez darauf, „für den Staat dienen“ zu wollen, als eine moralische Pflicht, und ging freiwillig zur Armee. Zum Zeitpunkt des Attentates befand er sich im Offizierstraining und sollte nach Abschluss diesen in einer Analyseeinheit der israelischen Luftwaffe dienen.  Seine Cousine erzählte mir eine Anekdote aus Erez‘ kurzer Armeezeit:

„Er war zu seinem Befehlshaber gekommen und fragte diesen, ‚Wann gehe ich zum Offizierskurs?‘ Dieser habe gelacht und geantwortet, ‚Nicht wann, sondern ob‘. Daraufhin Erez: ‚Ich fragte nicht ob, sondern wann.“

15965123_1836217899995090_7106234027639568577_nAuf der Beerdigung  hatten sich mehrere tausend Menschen versammelt; Soldaten aus der Einheit, in welcher Erez gedient hatte, und aus anderen, sowie viele Offiziere waren gekommen. Auch viele Jugendliche waren anwesend – aus der Jugendbewegung, der Schule und dem Bekanntenkreis in ganz Gush Etzion. Einer seiner guten Freunde, Daniel aus Alon Shevut: „In seiner Stufe und bei ‚Bnei Akiva‘ sind alle wie eine Familie‘.“ Viele Jugendliche weinten. Bei den Grabreden betonten sowohl Vater Uri als auch Mutter Keren die Dankbarkeit, 15871904_1836218053328408_8601772489883548939_nwelche sie empfinden dafür, dass Erez ihr Sohn sein durfte. Die Großmutter unterstrich die besondere Ehre, welche Erez immer seinen Eltern zu erweisen pflegte. Bruder Alon und auch Keren trugen ihre Grabreden sehr gefasst und kurz, aber auch eindringlich vor; Uri konnte die Tränen nicht zurückhalten. (Daniel erzählte mir später, er hätte Uri das erste Mal im Leben weinen gesehen, als er vom Tod des Sohnes erfuhr).

15940733_1836218136661733_6139686160657060721_nNachdem das Totengebet „E-l Male Rachamim“ vom Armeekantor vorgetragen worden war und die Zeremonie offiziell vorbei war, sammelten sich Erez‘ Freunde um das frische Grab, öffneten einen 15873355_1836218229995057_7582872801940673288_nKreis und sangen Lieder aus jüdischer Tradition und Liturgie, etwa eine Dreiviertelstunde lang, solche wie „Meine Seele ist durstig nach Gott“ (Psalm 42, Melodie hier) und „Wenn die Seele leuchtet, dann strömt selbst ein wolkenverhangener Himmel ein wohliges Licht aus“ (Rav A.Y.Kuk, Melodie hier). Es schien, als würden sie die Seele des ermordeten Kameraden mit den Liedern auf ihrem letzten Weg begleiten wollen.

 

Der Friedhof in Kfar Etzion hatte schon Einiges gesehen; als letztes Terroropfer wurde dort Major Eliav Gelman begraben, als er bei einem Schusswechsel zwischen IDF-Soldaten bei dem Versuch, einen Terroristen an der Etzion-Kreuzung zu fassen, ums Leben gekommen war. Kfar Etzions Friedhof war aber schon seit langer15895039_1836218329995047_954996063467577738_n Zeit unfreiwillige Heimstatt für Opfer der zahllosen Auseinandersetzungen und Kriege – noch vor dem Unabhängigkeitskrieg, bei dem Fall des Kibbutz im Mai 1948 und danach, nach der Wiedereroberung des Gebietes in 1967.  Erez wurde auf der neuen Friedhofsabteilung für israelische Soldaten begraben, welche erst vor Kurzem eingerichtet worden war. Er wurde der erste dort begrabene Soldat. Nach seinem Tod wurde er in den Rang des Unterleutnants erhoben.


Seit Montagnachmittag sitzt die Familie Orbach Shiva, das Trauersitzen, welches sieben Tage dauert und während welchem diejenigen, die an der Trauer Anteil nehmen wollen, zu der Familie kommen können. Gestern (11.01) besuchte auch Reuven Rivlin, Israels Staatspräsident, die Familie. Zum Vater Uri sagte er:

„Die Geschichte von Erez, dem Kampf für die Gemeinschaft, selbst wenn vor einem keine einfachen Herausforderungen liegen, diese Geschichten formen den Ethos des jüdischen Volkes in Israel.“ (INN)

 

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Ein Weinberg für Hallel

Hallel Yaffa Ariel. Quelle: Internet
Hallel Yaffa Ariel. Quelle: Internet

Hallel Yafa Ariel, 13 Jahre alt aus der Ortschaft Kiryat Arba bei Hevron, existiert seit dem 30. Juni dieses Jahres nur noch in den Erinnerungen und den Bildern der Familie Ariel, ihrer Freunde und Bekannten, und derjenigen, die von ihr erfahren haben – leider erst nach ihrem Tod. Am Morgen des 30.Juni wurde Hallel von einem 17-jährigen Terroristen in ihrem Bett ermordet. Das ganze Land beweinte die 13-Jährige, auch im Ausland erfuhr man vom tragischen Schicksal von Hallel. Über Hallel habe ich hier berichtet.

Jetzt gab es verschiedene Aktionen, die zu ihrem Gedenken von der Familie unternommen wurden. Die Mutter Hallels, Rina, ist eine

Hallel mit ihren Eltern Amichai und Rina und mit juengeren Geschwistern bei einem Besuch auf dem Tempelberg. Quelle: Nana
Hallel mit ihren Eltern Amichai und Rina und mit juengeren Geschwistern bei einem Besuch auf dem Tempelberg. Quelle: Nana

Aktivistin in der Frauenbewegung für den Tempelberg. Kurz nach den sieben Trauertagen riefen die Eltern Bereitwillige in ganz Israel dazu auf, gemeinsam über die Mughrabi-Brücke zum einzigen für Juden erlaubten Zugangstor zum Tempelberg, der heiligsten jüdischen Stätte, aufzusteigen und in einer Zeremonie die Brücke und das Tor selbst in „Hallel-Tor“ umzubenennen („Hallel“ heißt übersetzt Lobpreisung). Tatsächlich waren mehrere Dutzend Unterstützer erschienen, inklusive Knessetabgeordneter.

Eine weitere Initiative startete die Familie erst vor Kurzem und diese besitzt eine andere Natur. Der Vater Hallels, Amichai Ariel, besitzt seit dem Jahr 2000 ein Weingut bei Kiryat Arba, in welchem er eigenständig Weinbau betreibt und Wein produziert. Hallel, so In berichten die Eltern, hatte immer gerne dem Vater bei den Pflanzungen und der Ernte mitgeholfen, hatte eigenhändig Weinflaschen abgefüllt und den Vater bei der Arbeit unterstützt. Sie war sehr dem Weingut verbunden und verbrachte viele Stunden und leistete für ihr Alter harte Arbeit zugunsten des Weingutes ihres Vaters.

Die neue Initiative soll einem Besucherzentrum im Ariel-Weingut zugute kommen. Das Besucherzentrum soll die Geschichte des jüdischen Volkes in Judäa und des  Weinbergs der Ariel-Familie aufzeigen, über Weinbau in den Judäa-Bergen aufklären – und natürlich die Geschichte von Hallel, der das Besucherzentrum gewidmet wird, erzählen. Um dieses Projekt wahr werden zu lassen, haben Rina und Amichai Ariel eine Headstart-Spendenaktion gestartet, in welcher sie die Öffentlichkeit darum bitten, sie bei dem Kostenaufwand zu unterstützen und selbst auch Teil an der Entstehung des Besucherzentrums teilzuhaben.

„Der Kostenaufwand ist enorm groß, wir haben es so nicht geplant“, erzählt Rina im Begleitvideo auf der Webseite des Headstart-Aufrufs. „Der Mord traf uns sehr hart. Es ist ein Alptraum jeder Eltern. Es hat uns in einen tiefen Abgrund geworfen, ich wusste zuvor nicht, dass es solch tiefe Abgründe gibt. Es ist so einfach, daran zu zerbrechen. Daher halten wir uns fest an der Idee des Weinbergs, am Weinbau im Land, an einem Horizont, an etwas Bedeutendem, es gibt uns die Kraft, nicht zusammenzubrechen.“

„Hallel wusste, wie wertvoll es ist, Teil etwas Großen zu sein; sie kannte den Wert von Arbeit, von Kreativität. Ich rufe alle auf, Partner in der Erfüllung dieses Traumes zu werden.“

Mittlerweile sind 74% vom Zielbeitrag (450.000 Shekel) gespendet worden. Es bleiben nur noch 12 Tage, um das restliche Geld einzuzahlen, damit das Projekt tatsächlich seinen Lauf nehmen kann.

Wer die Familie Ariel unterstützen möchte, kann auf diesen Link klicken – es erscheinen Begleittexte in Englisch und man kann sich eine bestimmte Summe aussuchen. Bei festgelegten Summen bekommt man jeweils das eine oder andere Dankeschön, aber man kann die Summe auch selbst eingeben. Die Spende wird über eine Kreditkartenzahlung abgewickelt.

⇒ Hier zum Headstart-Projekt für Familie Ariel

 

„Gebt das Licht weiter.“ Besuch bei Familie Mark

„Bitte fotografiere nicht, wir bitten darum, es nicht zu tun“, wendet sich Orit Mark an mich, die 17-jährige Tochter von Michael (Michi)  Mark aus Otni’el, der am Freitagnachmittag, dem 01.07.16, von Attentätern auf der Autobahn 60 erschossen worden war. Ich laufe rot an, nicke schnell und stecke mein Smartphone weg, das ich zuvor herausgeholt habe, um wenigstens ein Foto von den Trauernden für den Blog zu erhaschen. Ein Moment der Peinlichkeit. Die Augen der jungen und erwachsenen Besucher sind für einen kurzen Augenblick alle auf mich gerichtet. Aber Orit selbst wirkt nicht verstört. „Entschuldige, mach dir keine Sorgen. Du bist wunderbar!“, fügt sie hinzu und lächelt dabei ein angenehmes, strahlendes Lächeln und ihre Augen glänzen.

Orit Mark. Quelle: Öffentliche Aufnahme aus dem Facebook-Profil
Orit Mark. Quelle: Öffentliche Aufnahme aus dem Facebook-Profil

Die Gestalt von Orit wird mich noch lange begleiten, auch wenn ich sie nur verschämt angeschaut habe und ganz am Ende meines Trauerbesuches, den ich auf Anregung eines Freundes am Donnerstagnachmittag, sechs Tage nach dem Mord an Michi Mark, sie nur kurz umarmen konnte. Obwohl ich es vorgezogen habe, im Hintergrund zu bleiben, ihr zuzuhören und selbst nichts zu sagen.

Michael und seine Frau Chava. Quelle: INN
Michael und seine Frau Chava. Quelle: INN

Orit ist eine von zehn Kindern der Familie Mark aus der Ortschaft Otni’el in den Südhevronbergen. Sie kommt nach den Sommerferien in die 12.Klasse. Orit war es, die nach dem Mord an ihrem Vater ihre Geschwister vor der Kamera versammelte und die Öffentlichkeit darum bat, zu dem Begräbnis zu kommen: „Papa war nicht nur unser Vater, sondern ein Vater von ganz, ganz vielen Menschen“, sagte

Das Video der Waisen von Michael Mark. Quelle: INN
Das Video der Waisen von Michael Mark. Quelle: INN

sie im Video. Auch war es sie, deren Grabrede am darauffolgenden Tag in den meisten Medien zitiert wurde. Orit ist es nun,  die auf dem niedrigen Stuhl im Wohnzimmer der Familie sitzt, um sie herum junge Leute versammelt, Männer und Frauen, die ihr zuhören. Sie nimmt die Hände der Frauen und Mädchen in die Hand, die zu ihr hinkommen und sie umarmen, lächelt ihnen zu. Es ist der sechste Tag, am nächsten Tag wird die Familie von der traditionellen Trauerperiode, der Shivah (Sieben Tage) aufstehen, nicht mehr auf niedrigen Stühlen sitzen müssen, die Kleidung auswechseln können, sich selbst essen zubereiten können. Die Besucherflut wird abflauen, obwohl nicht vollkommen, denn die Menschen aus der Siedlung und aus den umgebenden Wohnorten werden weiterhin kommen und sie stärken.

Besucher im Haus der Familie Mark
Besucher im Haus der Familie Mark

Jetzt ist es aber Orit, welche die sie Umgebenden stärkt. Die Besucher sitzen um sie herum auf Plastikstühlen. Orit erzählt von ihrem Vater. Von dem Guten, was er im Leben getan hat, davon, wie er die Familie gestärkt hat, und dass er ein enormes Licht in sich trug. Immer wieder unterbricht sie sich, um einem anderen Besucher oder Besucherin zuzulächeln und anzusprechen, als würde sie Segen austeilen. Ihre Augen leuchten. Sie weint nicht mehr wie in den ersten Tagen. Ihr Lächeln strahlt jeden an, sie heißt jeden willkommen, sie ist dankbar. Der Blick weich. Jedem wendet sie sich persönlich zu, und hört nicht auf, zu ermutigen. Das offene, jugendliche Gesicht leuchtet. Es ist verrückt. Woher kommt dieses Licht?

Orit hat ein einfaches T-Shirt an, offenbar von einem ihrer älteren Brüder aus seiner Armeezeit. Ein knielanger, leichter schwarzer Rock, sie sitzt barfuß, die lockigen Haare offen. Alles muss so einfach wie möglich gehalten werden in der Trauerperiode. Im Haus und auf der Terrasse sind Tische aufgestellt, Tee, Kaffee, Früchte, Kuchen, für die Besucher, so besagt es die Tradition. Natürlich sind es nicht die Trauernden, die das Buffet aufstellen, sondern Freunde und Besucher. Den Trauernden ist es verboten, Essen vorzubereiten oder sich sonstwie zu beschäftigen, sie dürfen sogar nicht aufstehen, um sich Essen zu holen; das müssen ihnen die anderen bringen.

Es fällt schwer, die Atmosphäre zu beschreiben. Um Orit herum sitzen die Menschen und hören ihr konzentriert zu, die Gesichtsausdrücke zeigen Verständnis, aber kein Erbarmen. Sie zeigen Verbundenheit. „Gespräch ist Verbindung“, zitiert Orit ihren Vater, und wendet sich an alle, immer wieder:

„Verbreitet Gutes, lasst mehr Gutes an eurem Leben teilhaben, seid gute Menschen. Jeder von euch hier ist wunderbar. Gebt anderen Komplimente. viele Komplimente! Sagt zu jemandem, ‚du bist eine gute Seele‘, ‚du bist ein rechtschaffender Mensch‘! Wir haben viel Kraft, unglaublich viel Licht in uns!“

Wenn sie es sagt, und wenn man sie dabei anschaut, werden aus klischeehaften Sätzen Bitten und Vorsätze, die Orit uns vorlegen möchte. Um sie herum erzählen ihr die Besucher von ihrem Vater, gute Erinnerungen. Sie nickt. „Jede Tochter sagt sicherlich von ihrem Vater, ‚Mein Vater ist der Beste‘, auch ich habe es immer gesagt“, und sie lacht dabei ein wenig, „aber ich höre all das von anderen. Dass er ganz und gar gut gewesen ist, dass er etwas Besonderes gewesen ist.“ Mehr als sie selbst erzählen will, will sie andere stärken und ermutigen. Anderen Zuwendung, Licht in die Seele zu geben, von welchen sie möchte, dass andere es in sich entdecken und nutzen.

Ein weiterer Mann sitzt auf einem niedrigen Stuhl. Vielleicht ist es der Bruder. Neben ihm sehe ich einen alten Mann, in traditioneller muslimischer Kleidung. Ein Scheich, vielleicht, oder einfach ein altes Familienoberhaupt. Schon als wir angekommen sind, war im und vor dem Haus eine große Menschenmenge versammelt. Als ich fragte, was passiert war, erklärte man mir, die arabisch-palästinensische Familie, die nach dem Attentat den Verletzten Erste Hilfe erteilte und das Leben von Mutter Chava und Tochter Tehila gerettet hatte, sei zum Trauerbesuch gekommen.

Tatsächlich ging die Geschichte durch die Presse (wäre ich nicht auf sie bei dem Besuch gestoßen, hätte ich getrennt darüber berichtet): Direkt nach dem tödlichen Anschlag, als das Auto sich überschlug und alle drei Insassen verletzt drin eingeschlossen bzw. darum herum lagen, fuhr ein palästinensisches Auto vorbei, darin zwei Insassen – ein Ehemann und seine Frau aus al-Fawar (bekannt als Flüchtlingslager). Das Auto hielt an – so berichtete der Mann,  Islam al-Bayd, der israelischen Presse;  beide stiegen aus und  begannen, die Eingeschlossenen aus

Das Auto der Familie Mark nach dem Attentat. Quelle: Hidabroot
Das Auto der Familie Mark nach dem Attentat. Quelle: Hidabroot

dem Wagen zu zerren – die Tochter Tehilaת ebenso wie ihren Bruder Pedaya.

Tehila Mark bei der Beerdigung, daneben zwei ihrer Brüder. Quelle: Ynet
Tehila Mark bei der Beerdigung, daneben zwei ihrer Brüder. Quelle: Ynet

Die Frau, von Beruf Krankenschwester, begann, den Kindern Erste Hilfe zu leisten. Islam telefonierte mit den palästinensischen und israelischen Notfalldiensten. Da kamen ein Arzt, Dr. Abu Shuruch aus Dahariya bei Hevron, und sein Bruder hinzu. Dr.Abu Shuruch gelang es,  Tehilas Blutung zu stoppen. Ebenso behandelten sie die Mutter Chavi, die schwerverletzt worden war. Vor Ort waren noch keine Krankenwagen angekommen, erst kurze Zeit später kamen ein Armeewagen und der israelische Notdienst an und der Arzt rief den Soldaten zu, sie sollen schnell den israelischen Notdienst rufen.

Islam Al-Bayd sprach mit dem israelischen Channel 1 am Tatort und sagte im Interview:

 „Ich will nicht, dass mir jemand Danke sagt. Ich habe es aus menschlichen Gründen getan und für Gott. 

Dr.Abu Shuruch. Quelle: Channel 1
Dr.Abu Shuruch. Quelle: Channel 1

Nun ist die Familie von Abu Shuruch zu Besuch gekommen; der alte Mann, den ich auf dem Plastikstuhl bemerkt habe, gehört ebenso dazu. Es ist verboten, Fotos zu machen, und außer dem Alten bekomme ich niemanden mehr zu Gesicht. Obwohl Dr.Abu Shuruch berichtet hat, dass auch seine Bekannten seiner Tat zugestimmt haben und er keine Angst vor Drohungen habe, da er seine Pflicht als Arzt getan habe, darf dennoch kein Material nach außen dringen, keine gemeinsamen Fotos entstehen etc. Hier in der Gegend ist es eine Frage von Leben und Tod.

Das Thema der arabischen Nachbarn ist nicht erst seit dem Attentat aufgekommen, sondern hatte die Familie schon länger begleitet. Michi Mark war in Otni’el für seine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft gegenüber den Bewohnern der umgebenden arabischen Ortschaften bekannt. Offenbar erzog er auch seine Kinder in diesem Geiste; als bei der Beerdigung von Mark dazugekommene Jugendliche anfingen, laut „Rache“ zu rufen, wurden sie schnell leisegepfiffen. Das sei nicht der Weg, erklärte die Familie. Tehila, die auch beim Begräbnis dabei gewesen war, erzählte von der Rettung durch den arabischen Arzt, ihr Satz „es gibt auch gute Menschen, nicht alle Araber sind Terroristen“ wurde immer wieder in den Medien zitiert – das Terroropfer, das statt Hass Worte des Trostes findet. Die Menschenmenge vor dem Haus spricht leise über das Geschehene, über die Familie, will diese rechtschaffenen Menschen sehen, die es gewagt haben, einer jüdischen Familie Hilfe zu lassen, wenige Minuten nachdem andere Angehörige ihres Volkes versucht hatten, diese zu töten.

Das Haus der Familie Mark in Otni'el.
Das Haus der Familie Mark in Otni’el.

Der Platz vor dem Haus und weiter die Straße herunter, vor der atemberaubenden Aussicht auf die braunen Hügel des judäischen Bergmassivs ist voll mit Autos. Eine weitere Welle von Besuchern strömt herein. Alle möglichen Menschen kommen zur Familie Mark – religiös, säkular, aus allen Ecken des Landes, so schrieb man auch in der Presse, obwohl die nationalreligiösen Juden und Menschen aus der Siedlung den größten Teil ausmachen, Und dennoch – ein buntes Publikum.

„In unserer Familie gibt es alles, Säkulare, Religiöse, Ultraorthodoxe, und  wir sind dennoch eine Familie, ein Volk“,

erklärt Orit, und wieder strahlt ihr Gesicht ehrliche Überzeugung aus.

Die Situation, die sich uns im Wohnzimmer bietet, ist absurd, aber charakteristisch hier in Israel: Bärtige Männer, Familienväter, junge Mädchen und ältere Frauen, sitzen und stehen im Kreis und lauschen konzentriert einer Siebzehnjährigen in einem ihr zu großen T-Shirt, schütteln ihr die Hände, neben das Gesagte mit sich, wollen es sich einprägen, damit es, wenn sie das Haus verlassen und in ihren nicht ruhigen, aber dennoch nicht dermaßen erschütterten Alltag zurückkehren. Es fällt mir schwer, sich vorzustellen, dass irgendwo anders so viel Zuwendung, Wichtigkeit und Ehre einem einfachen Mädchen gezeigt wird.

Im Zimmer nebenan liegt Tehila. Sie wurde am vergangenen Dienstag aus dem Krankenhaus entlassen. An ihrer Tür klebt ein

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„Tehila, wir lieben dich!“

großes, farbiges Plakat, „Wir lieben dich“, steht darauf. Sie ist von ihren Freundinnen umgeben, sitzt nicht im Wohnzimmer und die Menschenmenge kommt nicht zu ihr. Nicht jeder der Kinder von Michi Mark ist in der Lage, dem Ansturm so gefasst und offen entgegenzustehen wie Orit. Hier und dort erspähe ich die anderen Kinder der Familie – die verheiratete Shira mit ihrem Mann, der eher schüchterne Shlomi mit den langen Schläfenlocken. Draußen sitzt ein eher locker gekleidetes Mädchen mit einer Zigarette in der Hand, mehreren Ohrringen im Ohr, Jeans. Ganz und gar nicht passend zu diesem scheinbar so religiösen Haus. Es ist Miriam, sie ist 18 und die Schwester von Orit. Freundinnen umgeben auch sie, sie plaudern und lachen auch. Jeder nimmt seine Trauer anders wahr, jede Art und Weise muss akzeptiert werden. Die Hauptsache ist es, den Trauernden zu unterstützen, da zu sein, Zuwendung und Verständnis zu geben. Jeder versteht es, jeder nimmt teil an dem Leid – jeder kennt es auch, entweder aus der eigenen Familie, von anderen Freunden, aus demselben Ort, wie dem von Terror geplagten Otni’el, oder auch nur aus den Nachrichten.

Orit. Quelle: Öffentliche Aufnahme aus dem Facebook-Profil
Orit. Quelle: Öffentliche Aufnahme aus dem Facebook-Profil

Und daher ist es schwer zu erzählen und darzustellen, wie die Realität hier, in diesem Ort, Otni’el, und auch in anderen Orten so schnell ihr Gesicht wandeln kann, in einigen Sekunden, in denen ein intaktes Leben plötzlich in Scherben zerbricht. Ein Leben, in dem man zwar um die möglichen Gefahren weiß, aber niemals erwartet, dass es gerade über einem zerfällt. Es braucht nur einige Sekunden wie an jenem Freitag auf der Schnellstraße, und die Realität ist anders, unumkehrbar, und niemand ist darauf vorbereitet. Der Tod bricht ein in das ländliche Idyll, das sich die Menschen in einem

Familie Mark vor dem Attentat. Tochter Orit im Vordergrund. Quelle: INN
Familie Mark vor dem Attentat. Tochter Orit im Vordergrund. Quelle: INN

Ort wie Otni’el aufzubauen versuchen, er steht vor der Tür des schönen, geräumigen Hauses, auf der Terasse im liebevoll gepflegten Garten, er besetzt den gesamten Parkplatz, der niemals der Anzahl der Trauerbesucher gewachsen sein wird. Er  nimmt den Platz eines seiner Bewohner ein, der nun nicht mehr sein wird…

Das Leben ist nicht vorhersehbar. Die Realität verändert sich ständig, und wir dürfen nicht erwarten, dass es wie bestellt, so geliefert wird. Der Mensch ist geboren, um sich an das Leben anzupassen und aus jedem Moment, aus jeder Rolle, die er einnimmt im Laufe seiner Lebenszeit, das Beste und das Wichtigste herauszuholen. Die Familie Mark versteht es sehr gut, und sie versteht es auch, wie es den anderen um sie herum, die nicht diese Erfahrung gemacht haben, zu vermitteln ist. Jetzt, da ihre Welt über ihnen zusammengebrochen ist, müssen sie einen neuen Weg vorzeichnen und gehen, im Geiste des immer im Herzen weilenden Vaters, so wie Orit es ausdrückt:
„Jetzt, da Papa nicht mehr hier ist, um das Gute weiterzugeben, werde ich es machen, so gut ich es kann.“

Ich komme noch einmal ins Wohnzimmer hinein, um sich von ihr zu verabschieden. Neue Besucher sind gekommen, darunter ein feierlich angezogenes Paar. Sie sprechen Englisch und wie es sich herausstellt, sind sie ultraorthodoxe Juden aus Amerika, Miami. Orit spricht mit Hilfe einer Freundin mit ihnen, auf einem relativ guten Englisch. Sie erklären ihr, sie seien zu Besuch und hätten gefühlt, dass sie kommen sollten. Orit betrachtet sie, lächelt dankbar, hält die Hand der Frau in ihrer und fragt ihre Freundin, wie man „Grübchen“ auch Englisch sagt. Dann wendet sie sich an die Frau und sagt ihr, fast schon fasziniert – „Ich wollte schon immer solche Grübchen in den Backen haben, all my life!“

Orit, ihr Name bedeutet „Licht“, „die Lichtige“. Offenbar kann Licht vererbt werden. Und alle, die etwas näher an dieses Licht kommen, finden es heraus und stimmen diesem zu. Man kann nur hoffen, dass sie es weiterreichen werden. Das Licht desjenigen, dessen Leben ihm genommen worden war, muss weitergegeben werden, und das ist jetzt die Aufgabe von uns allen. 

NEWS: Shlomit ging einkaufen und kam nicht zurück

Sie war 23 Jahre alt, hatte ihren Zivildienst absolviert, studierte an der Universität Ariel Grafik und hatte sich gerade Pläne für einen Arbeitsneuanfang gemacht. Weil ihr Heimatort, dort, wo ihre Familie und die anderen fünf Geschwister aufgewachsen waren,

Quelle: Facebook
Quelle: Facebook

weit weg vom Zentrum des Landes lag, nämlich im Jordantal an der jordanischen Grenze, wohnte sie die letzte Zeit bei ihren Großeltern. In der Siedlung Shadmot Mechola, woher sie kam, war sie bekannt und beliebt – ein herzliches und tiefsinniges Mädchen voller Zuwendung. Auch in

Karte zur Ansicht
Karte zur Ansicht
Shadmot Mechola, Jordantal. Quelle: Wikimedia
Shadmot Mechola, Jordantal. Quelle: Wikimedia

Bet Horon, dem Wohnort ihrer Großeltern, nur einige Meter von der Schnellstraße 443 entfernt, welche Jerusalem und Modi’in verbindet und durch die Benjamin-Samaria-Region führt, kannte man sie gut. Dort hatte sie einen Teil des Zivildienstes im lokalen Jugendverband geleistet.

Bet Horon. Quelle: Wikimedia
Bet Horon. Quelle: Wikimedia

An diesem Montag (25.01.), da waren es noch zehn Tage bis zu ihrem Geburtstag, den sie sicherlich mit der Familie und den Freunden feiern würde, ging Shlomit Krigman in den Supermarkt, um einige Besorgungen für ihre Großeltern,  bei denen sie wohnte, zu erledigen. Schnee war nicht gefallen in Bet Horon, obwohl die Siedlung in den Bergen liegt, aber es war recht kalt. Unterwegs vom Haus zum Laden überlegte sie sich, was sie kaufen würde.

Hätte sie gewusst, dass in diesen Minuten zwei arabische Männer, einer davon noch ein Jugendlicher, 17 Jahre alt, mit Messern bewaffnet, versuchten, in denselben Supermarkt einzudringen, um dort den ersten, der ihnen über den Weg laufen würde, zu erstechen, dann würde sie sicherlich nicht in die Nähe des Ladens kommen. Aber wenn ein Ort wie Bet Horon von einem Sicherheitszaun umgeben ist, dann fühlt man sich schon relativ sicher.

Die beiden Terroristen hatten aber ein Loch in den Zaun geschnitten. Und bevor jemand es gemerkt hatte, erreichten sie den Supermarkt. Am Eingang bemerkte sie ein Kunde, und ohne lange zu überlegen, drängte er die beiden mit dem Einkaufswagen von der Tür weg. Da hatten sie schon viel zu viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen und der Überfall war misslungen. Die Messer in der Hand, rannten die Terroristen vom Laden weg.

Aber da war Shlomit, die schon beinahe in den Supermarkt hereingekommen war, und sie kam ihnen gelegen. Voller Wucht begannen die Männer, auf sie einzustechen. Shlomit lag am Boden, blutete. Die Attacke war schnell vorüber, die Terroristen flüchteten weiter, und kurz vor der Ausfahrt aus der Siedlung hatten sie ihr zweites Opfer entdeckt, eine etwa 50-jährige Frau, auf die sie ebenfalls einstachen. Nur mit dem Sicherheitsmann am Tor hatten sie nicht gerechnet. Dieser setzte mit einigen Schüssen ihrem Leben ein Ende.

Shlomit wusste nichts davon. Sie war lebensgefährlich am Oberkörper verletzt worden; die Evakuierung ins nächstgelegene Krankenhaus in Jerusalem fand schnell statt. An den Terror der letzten Monate gewöhnt, begannen die Ärzte, um das Leben von Shlomit zu kämpfen. Es wurde Abend, Nacht und Morgen. Die ganze Nacht über kämpften die Ärzte und kämpfte Shlomit um ihr Leben. Eine furchtbare Nacht. Hinter den knappen Zeilen der Montagsnachrichten über den doppelten Terroranschlag in Bet Horon lag eine ganze schmerzerfüllte Welt und dutzende Verwandte und Freunde, die um Shlomits Leben bangten.

Quelle: Facebook
Quelle: Facebook

Am Morgen war es vorbei. Die Ärzte vermeldeten, sie hätten getan, was sie konnten. Shlomit war nicht mehr da. Die Verletzungen waren zu schwer. Noch am selben Morgen sollte sie begraben werden, denn Tote werden nicht länger als einen Tag unbestattet gelassen. So ist es im Judentum, und so geschieht es in ganz Israel. Warum auch zögern? Ihr Körper war noch da, aber Shlomit selbst war nicht mehr.

(Der Zustand der zweiten Verletzten hatte sich zum Glück verbessert.)

Am Jerusalemer Har Hamenuchot-Friedhof hatten sich mehrere hundert Menschen versammelt, darunter auch der Oberrabbiner David Lau. Er sprach vor den Versammelten über die Aufopferung und die Zuwendung von Shlomit zu ihrer Umgebung. Ihr ehemaliger Professor an der Universität Ariel erzählte von ihrer Neugier und Vielfältigkeit. Die Nachrichten hatten nicht lange und nicht viel über den Tod der jungen Frau berichtet. Terror war keine große Nachricht mehr. Die Schagzeilen wechselten schnell zu Themen wie Schnee und Politik.

Shlomit Krigman wurde am Mittag des 26.01. bestattet. Neben ihr lag Dafna Me’ir. Dafna wurde vor einer Woche ermordet, am anderen Ende von Judäa und Samaria, in Otniel, an ihrem Hauseingang. Sie war Mutter von sechs Kindern. Shlomit hatte keine Kinder, sie hatte vielleicht nur einen Freund und wollte Kinder haben. Sie war eines von sechs Geschwistern. Sicherlich war sie entsetzt und traurig gewesen, als sie vor einer Woche vom Mord an Dafna erfuhr, und hatte wie viele andere auch im Land die Berichte und Erzählungen über Dafna gehört. Vielleicht hatte sie auch bei dieser Gelegenheit an die Gefahren gedacht, die um Bet Horon herum lagen, und an die Sicherheit im Ort selbst. Aber an eines hatte sie sicherlich nicht gedacht: Dass sie nur eine Woche später neben Dafna liegen würde. Leblos. Ihre Träume hinweggefegt, ihr Leben angehalten für ewig. Zehn Tage vor ihrem Geburtstag.

Shlomit, ihr Name bedeutete die Friedliche.

Lange wohnte ich nebst denen, die den Frieden hassen.

Ich suchte Frieden,

Doch wenn ich sprach, wandten sie sich zum Krieg. (Psalm 120)

Dafna und Shlomit sel.A. Quelle: NRG
Dafna und Shlomit sel.A.
Quelle: NRG

(Quellen für Bericht: INN, Kikar Hashabat, Ynet, Facebook)

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

Die Überschrift für die folgende Geschichte, „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“, habe ich nach dem Titel des Erfolgsromans des israelischen Schriftstellers Amos Oz gewählt. Diese Geschichte enthält unbeschreiblich viel Finsternis, und unendlich viel Liebe. Nur dass Oz, als erklärter linksgerichteter säkularer Intellektueller, überzeugter Verfechter der Friedensabkommen zwischen Israelis und Palästinensern und Gegner der Rückkehr von Juden nach Judäa und Samaria, nicht unbedingt begeistert wäre von dieser Titelwahl. Oder? Und was würdet ihr sagen?

lovesar


…Es war einmal eine kinderreiche, fröhliche Familie. Vater Yaakov, Mutter Noa und sechs Kinder, zwei Jungen und vier Mädchen. Die Eltern waren noch jung, Anfang Vierzig. Der Vater liebte seine Familie, seine Kinder und weil er Kinder liebte, arbeitete er als Grundschullehrer. Beide waren sie traditionsbewusste und gläubige Menschen, hatten viele Freunde und Bekannte. Sie liebten das Land und die Berge und wohnten in einer kleinen Stadt inmitten von Hügeln und Olivenbäumen – Kiryat Arba, einer warmen Heimstätte für etwa 7000 Einwohner in den malerischen Bergen von Hevron. Ihre Kinder waren ihr großer Stolz. Die Eltern hatten ihnen bedeutungsvolle Namen gegeben, so wie es in ihrer Gemeinde üblich war: Moria – „Gott ist mein Lehrer“, Netanel – „ein Geschenk Gottes“, Sarah Techiya  – Sarah, „die Fürstin“, Techiya – „die Wiedererstehung“.  Der knapp 18-jährige Sohn Netanel arbeitete als Freiwilliger bei dem „Roten Davidsstern“ – dem Äquivalent des Roten Kreuzes in Israel. Sarah Techiya, 21, die Älteste der Familie,

Sara Techiya und Ariel, Quelle: Israellycool
Sara Techiya und Arie bei ihrer Verlobungl, Quelle: Israellycool

hatte schon früh die Liebe ihres Lebens, Ariel, der nur wenige Jahre älter als sie war, gefunden. Das junge Paar wollte feierte seine Verlobung im Kreise der Familie und schon wenige Monate später wollte es heiraten. Die Hochzeit sollte nirgendwo anders als im größten Veranstaltungssaal der Hauptstadt Jerusalem stattfinden. Der Tag? Dienstag, der 17.November 2015.

Es kam die entscheidende Woche vor der Hochzeit. Es mussten noch viele Vorbereitungen getroffen werden, die Aufregung war groß. Sarahs Vater, er hieß übrigens Yaakov, hatte schon am Donnerstag vor der Hochzeit den feierlichen Anzug anprobiert und auch der Bruder Netanel hatte sein Hemd gebügelt gehabt. Am Wochenende würden die Eltern und Geschwister die Zeit mit Sarahs Bräutigam Ariel verbringen, den alle schon längst in ihr Herz geschlossen hatten. Sarah würde das letzte Wochenende ihres „Single“-Daseins mit den Freundinnen feiern – eine Art „Junggesellinnenabschied“ eben.

Ariels Familie wohnte in der kleinen Ortschaft namens Meytar, nördlich von der Wüstenmetropole Beer Sheva. Genau dorthin machten sich Vater Yaakov, Mutter Noa, Sohn Dvir und die drei Mädchen Tehila, Moria und Avia am 13.11.15 auf im Familienauto. Am Steuer saß der 17-jährige Netanel. Die Strecke führte an kleineren und größeren Dörfern vorbei, die Autobahn wand sich durch die Berge, passierte Hevron, die Siedlungen Bet Haggai und Otniel.

Es war kurz vor drei Uhr nachmittags, Sarah hatte gerade daheim geduscht, da begann das Telefon zu klingeln. „Hast du gehört, auf der Autobahn bei Otniel hat es gerade ein Attentat gegeben!“, sprach der Onkel am Telefon, als Sarah den Hörer abhob. Von plötzlicher Angst ergriffen, wählte Sarah die Nummer ihrer Eltern. Niemand ging dran. Weitere Anrufe erreichten sie, und sie erfuhr, dass ihre Mutter und ihr Bruder Dvir verletzt wurden. Sarah rief in Panik ihre zukünftigen Schwiegereltern an. „Sind alle am Leben?“, wollte sie wissen. „Es ist nicht sicher“, bekam sie zur Antwort.

Sarah begann panisch zu schreien. Das Haus füllte sich plötzlich mit Leuten und es war alles ein großes Durcheinander. Beamte des lokalen Psychologendienstes kamen ins Haus und  ließen sie wissen, dass ihr Vater und ihr Bruder in der Terrorattacke auf das Familienauto auf der Autobahn ermordet worden waren. Sie hatte das schon geahnt. Sarah wurde umgehend nach Jerusalem gefahren, ihr folgte kurze Zeit später ihr Bräutigam Ariel, der begriff, dass er seiner Braut in diesen Stunden beistehen musste. Als Sarah im Krankenhaus angelangte, fiel sie ihrer Mutter um den Hals, schrie und weinte. „Pass auf mich auf“, flüsterte ihre Mutter Noa ihr zu, „ich habe keine Kraft.“ Sie hatte soeben dem Mord an ihrem Mann und ihrem Sohn zugesehen.

(Bericht auf DIE SIEDLERIN zum Attentat auf Yakov Litman: siehe hier)

Yaakov Litman und Sohn Netane hy'd
Yaakov Litman und Sohn Netane hy’d

Sarah Techiya Litman, die in der nächsten Woche heiraten sollte, war ab diesem Freitagnachmittag Waise, zusammen mit ihren vier überlebenden Geschwistern. Sie hatte ihren Vater und ihren Bruder verloren. Sie war am Boden zerstört. Den jüdischen Ruhetag, den Shabbat, verbrachte sie mit ihrer Familie und mit Ariel in unbeschreiblicher Trauer.

Die Details des Mordes an Yaakov  und Netanel Litman begannen sich schnell aufzuklären: Der erste Schuss des Terroristen, der hinter einer Abbiegung auf ein israelisches Auto wartete, der den Vater tötete. Netanel, der zusammen mit seinem jüngeren Bruder Polizei und Krankenwagen kontaktierte und Anweisungen an die restlichen Insassen weitergab, bevor der Terrorist sich dem stehenden Auto nähern und auch ihn aus unmittelbarer Nähe erschießen konnte. Die Schwestern, die beinahe ebenso getötet worden wären, hätte nicht etwas den Terroristen davon abgehalten – das Gewehr schien nicht nachladen zu wollen und dieser flüchtete. Die Fahrer  des „Roten Halbmonds“, der palästinensischen Variante des „Roten Kreuzes“, welche wenige Minuten später am Tatort vorbeikamen, und, anstatt den Verletzten zu helfen, sie unbeteiligt an die israelische Notfallnummer verwiesen und davonfuhren.

Sarah musste sehr viel Kraft aufbringen. Die Ermordeten wurden gleich am Samstagabend begraben und Tausende erschienen zur Beerdigung. „Wer wird mich unter den Hochzeitsbaldachin begleiten, Papa?„, weinte Sarah beim Begräbnis hemmungslos. Auf die Beerdigung folgte das Trauersitzen im Hause Litman. Die ersten Interviews. Die Trauerbesuche. Währenddessen

Sarah und ihr Hochzeitskleid. Quelle: Israel Hayom
Sarah und ihr Hochzeitskleid. Quelle: Israel Hayom

wich Ariel nicht einen Moment von Sarahs Seite. In allen Presseaufnahmen, auf allen Bildern sah man Sarah und Ariel, das vom Unglück getroffene Liebespaar, welches statt des schönsten

Tags ihres Lebens das schrecklichste Unglück erleben mussten, das ihnen passieren konnte. Selbstverständlich konnte die Hochzeit nicht am geplanten Dienstag durchgeführt werden. Die Absage einer jüdischen Hochzeit gilt als  etwas, das nur in extremen Umständen geschehen darf. Und anstatt im Hochzeitskleid zu tanzen, saßen Sarah und ihre Familie in zerrissenen Kleidern als Zeichen der Trauer auf dem Boden.

(Interview mit Sarah und Ariel auf Englisch)

Doch Sarah hatte viel Kraft in sich. Nicht umsonst trug sie wohl ihren zweiten Namen, Techiya, „Wiedererstehung“. Und sie fand die Kraft. Ariel und sie entschieden: Die Hochzeit würde stattfinden.

"Kommt zu unserer Hochzeit" Der Artikel über Sarah Techiya und Ariel in der Zeitung "Yediot Aharonot"
„Kommt zu unserer Hochzeit“ Der Artikel über Sarah Techiya und Ariel in der Zeitung „Yediot Aharonot“

Wir lassen es nicht zu, dass der Terror uns zerstört. Trotz der furchtbaren Katastrophe wird es eine fröhliche Hochzeit werden„, verkündeten sie schon in den ersten Trauertagen. „Wir werden gemeinsam ein Haus aufbauen, mit Freude, im Geiste von Papa und von Netanel.“ Bald darauf wurde auch die offizielle Mitteilung der Familie und des Brautpaares bekannt gemacht. Sie teilten das neue Datum der Hochzeit mit  – und luden ganz Israel zur Hochzeit ein:

„Freue dich nicht, meine Feindin, denn bin ich auch gefallen, so bin ich wieder auferstanden.“ *

Unsere Hochzeit wird, so Gott will, am Donnerstag, dem 14.Kislev, dem 26.November, in der Nationalhalle (in Jerusalem) stattfinden. Ganz Israel ist eingeladen, mit uns aus der Asche aufzuerstehen und an unserer Freude teilzuhaben. Sara Techiya und Ariel.

(*Zitat aus Prophet Micha, Kap.7)

Quelle: INN
Quelle: INN

Wir laden alle, die mit uns den Schmerz gefühlt haben, mit uns den Sieg zu feiern. Die Palästinenser wollten uns das Leben nehmen , doch wir werden es weiterleben. Wir werden froh sein und den Weg von Papa und Netanel gehen„, erklärten beide in einem kurzen Video der Nachrichtenseite Israel National News.

Landesweit und auch auf internationalen Ebene verfolgten Juden, Israelis und auch andere, die das Schicksal von Sarah und Ariel berührt hatte, den Auftritt des jungen Paares. Der bekannte israelische Rabbiner Yitzhak Neria eröffnete für Sarah und Ariel einen Spendefonds – nicht um der Familie finanziell zu helfen, das hätten sie nicht nötig, erklärte er, sondern damit jeder, der möchte dadurch eine Chance bekäme, dem Paar eine „warme Umarmung“ zu geben und Unterstützung zu zeigen. Ein weiterer Spendefonds sammelte in 9 Tagen über 21 Tausend Dollar als virtuelle Geschenke für das Brautpaar aus der ganzen Welt. Bei der Hochzeitsvorbereitung wirkten verschiedene israelische Firmen mit, die ihre Dienste dem Brautpaar umsonst zur Verfügung stellten, so beispielsweise einen Leihwagen für die ersten Wochen nach der Hochzeit. Und viele weitere im ganzen Land warteten gespannt auf den langersehnten Tag der Hochzeit – dem 26.November, um der Einladung zu folgen und um 22.30, nach der eigentlichen Trauungszeremonie, die im Kreise von Familie und Freunden durchgeführt werden würde, an den Tänzen teilzunehmen.


Und nun war es der 26.November, und die israelische Presse übertrug live die „Hochzeit des Jahres“ von Sarah Techiya Litman und Ariel Biegel. Die ersten Bilder und Videos tauchten schon im Internet auf: Sarah im Brautkleid unterwegs nach Jerusalem.

Um 19.00 Uhr fand die eigentliche Trauungszeremonie statt. Rabbiner und führende Persönlichkeiten aus ganz Israel kamen zur Feier – so auch die Ehefrau des Ministerpräsidenten, Sarah Netanyahu. Eine Gruppe amerikanisch-kanadischer jüdischer Studenten reiste speziell zur Hochzeit an, um am Fest teilzunehmen. Weitere Tausende Menschen versammelten sich um die Halle herum, sangen, schwenkten Fahnen und bemühten sich, ins Gebäudeinnere vorzudringen, um einen Blick von Sarah zu ergattern. Die glücklichen und ergriffenen Gesichter von Sarah und Ariel füllten die Titelseiten der Presse.

In der ersten gemeinsame Mitteilung des jungen Paares Litman-Biegel dankte Sarah ganz Israel vom Herzen für die enorme Unterstützung, welche sie erfuhren (Zitat: srugim.co.il):

„Noch vor zwei Wochen kannte niemand Ariel und mich und hat sich nicht für uns interessiert. Dann, binnen einem Moment, inmitten der Hochzeitsvorbereitungen, wurden mein Vater und mein Bruder von einem grausamen Terroristen ermordet. Es gibt keinen Moment, an dem ich mich nicht nach dem Lächeln von Netanel und der Bescheidenheit von Papa sehne, und es wird mich für immer begleiten.

Aber gerade aus dem Schmerz heraus, im Monat der Stärke und des Heldentums, vor dem Feiertag von Chanukka, werden wir gemeinsam mit dem Volk Israel das gewaltige Licht der Freude verbreiten, der Güte und der Liebe, mit welchen uns die ganze Nation überhäuft hat. Und die Hauptsache ist es, sich vor nichts zu fürchten.“

 

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(Quellen für Berichterstattung und Zitate : INN, Channel 2, Srugim.co.il, Ynet)

Beide am selben Tag verloren (NEWS)

Einundhalb Stunden vor Shabbat-Eingang, am Freitagnachmitag, 13.11, schaute ich auf mein Telefon und erstarrte. „Zwei Getötete im Attentat auf israelisches Auto“, lautete die Newsmeldung, und ihr folgten weitere, ähnliche. Ich prüfte schnell nach, es handelte sich um einen Terroranschlag, in unserer Gegend wieder einmal – südlich von Hevron. Zwei jüdische Fahrer, erschossen auf der Autobahn 60. Noch vor einer halben Stunde war ich selbst diese Autobahn hinaufgefahren, Richtung Norden, Jerusalem. Zunächst hieß es, es seien ein Mann und eine Frau. Bald genug offenbarte sich ein anderes Detail – es waren ein Vater und sein Sohn. Die ersten Nachrichtenseiten hatten auch schon Bilder parat. Die Terroristen, die offenbar auf das Auto von einem Hinterhalt aus geschossen hatten, waren geflüchtet, die Armee fahndete nach ihnen. Die Opfer waren noch an Ort und Stelle verstorben. Der Rest der Insassen im Auto wurde von der israelischen Ambulanz evakuiert.

Quellen: INN, Lina Gorodetsky
Quellen: INN, Lina Gorodetsky

697486_cDie ersten Bilder offenbarten schon Einiges – es lagen Blumen im Wagen der Ermordeten. Eines war klar – es handelte sich um eine Familie, die unterwegs war, um den Shabbat, den heiligen siebten Tag der Woche, in Frieden und Ruhe zu verbringen. Vielleicht bei Freunden oder im Familienkreis.

Geschockt schossen mir Gedanken durch den Kopf, „ob ich sie kenne? Vielleicht sind es Bekannte von mir?“. Ich rief zwei Freunde an. Der eine sagte, es handle sich um seinen Freund aus der Siedlung Kiryat Arba-Hevron. Die andere sagte mir den Familiennamen, den ich nicht kannte. Shabbat war schon vor der Tür, es war zu spät, um weitere Nachrichten abzuwarten. Von Trauer gedrückt, mache ich mein Telefon aus. Den ganzen Abend und den nächsten Tag dachte ich nur an die vom Unheil getroffene Familie, die sicherlich mit im Wagen gesessen hatte. An das furchtbare Gefühl, kurz vor einem Familienabend in eine solche abscheuliche Leere geworfen zu sein; an die Ehefrau, die beide am selben Tag verloren hatte, Ehemann und Sohn. Daran, dass nichts sie trösten konnte in diesen grausigen Stunden.

Am Samstagabend ging der Shabbat zu Ende. Gleich darauf offenbarten sich weitere Details zu dem Terroranschlag, welche die Nachrichten preisgaben:

Yakov Litman und Sohn Netanel, sel.Andenkens
Yakov Lipman und Sohn Netanel, sel.Andenkens

Bei den Erschossenen handelte es sich um Rabbiner Yaakov Litman, 44, und seinen Sohn Netanel, 17. Sie waren im Familienauto mit Mutter Noa und weiteren Kindern unterwegs, um mit dem zukünftigen Bräutigam ihrer Tocher Sarah Techiya, zu feiern. Sarah, 21,  sollte in dieser Woche heiraten. Yaakov, der Familienvater, war Grundschullehrer der ersten Klasse in Kiryat Arba.

Die Terroristen hatten sich neben der Autobahn 60 südlich von Hevron mit einem Gewehr in den Hinterhalt gelegt. Die Autobahn sollte dort wohl eine Kurve machen, und so würde ein Auto, das vorbeifuhr, dort das Tempo verlangsamen. Die Familie Litman fuhr kurz vor 15 Uhr diese Strecke entlang. Die Terroristen schossen auf das Auto und flüchteten in Richtung der arabischen Dörfer Yatta und Durra. Yaakov, sein Sohn Netanel und ein weiterer, Dvir, wurden verletzt, die ersten beiden schwer. Laut Angaben des israelischen Notfallservices MDA kontaktierte Netanel, der selbst seit dem 15.Lebensjahr als Freiwilliger bei der MDA arbeitete, die Ambulanz und erlag kurze Zeit später seinen Verletzungen – ebenso sein Vater. Yaakovs Frau Noa und der Sohn Dvir, der ebenso von Schüssen verletzt worden war, erzählten im Nachhinein, an der Tatstelle war zuallererst ein Ambulanzwagen des palästinenischen „Roten Halbmonds“ vorbeigefahren. Die Fahrer sahen die Terroropfer, weigerten sich aber, erste Hilfe zu leisten, und verwiesen sie auf die

Yaakov sel.A. und seine Frau Noa
Yaakov sel.A. und seine Frau Noa

israelische Ambulanz. Damit fuhren sie davon. Als die Armeekräfte und die jüdischen Helfer zum Tatort gelangten, blieb ihnen nichts mehr übrig, als den Tod von Yaakov und Netanel Litman festzustellen. Die anderen Familienmitglieder wurden im Schockzustand ins Krankenhaus in Jerusalem evakuiert.

Am Abend des 14.11. fand die Beerdigung in Jerusalem statt. An die 1000 Menschen incl. Staatsdiener, solche wie der Präsident Reuven Rivlin, die israelischen Oberrabbiner und der Minister Uri Ariel, waren anwesend. Inmitten der Trauernden saß die weinende Familie Litman, weitere Angehörige und Kollegen.  Der Direktor der Schule, an welcher Yaakov  unterrichtete, wandte sich an die Regierungsvertreter: „Das ist kein Begräbnis von Vater und Sohn, sondern ein Begräbnis von Märyrern, welche für das jüdische Volk starben. Ihr, die ihr hier steht, seid Vertreter der Staatsgewalt, und ihr könnt nicht behaupten, dieses Blut klebe nicht an euren Händen!“ „Wer wird mich bei der Hochzeit begleiten, Papa?!“, hörte man die herzzerreißenden Schreie von Tochter Sarah Techiya.

Yaakov Litman hinterließ Ehefrau Noa und die Kinder Sarah Techiya, Dvir, Moria, Tehila und Avia – die Jüngste erst sechs Jahre alt.

Quellen: INN
Quellen: INN

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In der ersten Reihe: Mutter Noa, Tochter Sarah Techiya. Quelle: INN
In der ersten Reihe: Mutter Noa, Tochter Sarah Techiya. Quelle: INN

Auch das Attentat von Paris erwähnten die Redner bei der

Das Tel Aviver Rathaus.  Quelle: Facebook
Das Tel Aviver Rathaus.
Quelle: Facebook

Beerdigung. Der Terror von Paris dominiert auch in Israel den größten Teil der regulären Berichterstattung. Auf das Rathaus von Tel Aviv, das Gebäude der Knesset und die Altstadtmauern wurden im Zeichen der Solidarität mit Frankreich die Farben der frazösischen Flagge projeziert. Viele Online-Surfer, auch in Israel, färbten gestern ihr Profilbild auf Facebook in französische Nationalfarben. Mit einer solch rapiden Entwicklung an internationalen Geschehnissen wird die israelische Öffentlichkeit wahrscheinlich bald vergessen, dass die Straßen ihres eigenen Landes mitunter  nicht anders aussehen als die Konzerthalle von Bataclan – und das nicht erst seit gestern….

NEWS: Jüdisches Elternpaar von Terroristen im Auto hingerichtet

Mit Entsetzen, in tiefster Trauer und Wut berichte ich über diese Tat.

Seht in ihre Gesichter, und seht nicht weg. Na'ama und Eytam Henkin hy"d (Quelle: INN)
Seht in ihre Gesichter, und seht nicht weg. Na’ama und Eytam Henkin hy“d
(Quelle: INN)

Gestern abend (01.10.15) fuhren das Elternpaar Na’ama und Rabbiner Eytam Henkin, in ihren 30ern aus der Siedlung Neria, mit ihren vier Kindern auf der Autobahn 555 in Samaria, zwischen den Ortschaften Elon More

Karte zum Attentatsort
Karte zum Attentatsort

und Itamar, im Umkreis der Stadt Shchem (Nablus). Die Autobahn führt am arabischen Ort Bayt Furik vorbei. In der Nähe von Bayt Furik wurden aus einem vorbeifahrenden Auto auf das Fahrzeug von Familie Henkin mehrere Schüsse abgefeuert. Beide Eltern wurden schwer verletzt. Ihr Auto hielt auf der Straße an. Vorbeifahrende israelische Fahrer erkannten, dass es sich um eine Terrorattacke handelte, und riefen Einsatzkräfte. Als erste medizinische Versorgung ankam, bemühten sie sich, Na’ama und Eytam wiederzubeleben, doch mussten in kurzer Zeit ihren Tod feststellen. Die vier Kinder – Matan Hillel, 9, Nitzan Yitzhak, 7, Netta Eliezer, 4 und Baby Itamar (8 Monate) – waren direkte Zeugen der Ermordung ihrer Eltern, wurden leicht verletzt, aus dem Auto evakuiert und zur Erstversorgung nach Itamar gebracht.

Hier liegt Neria/Talmon B
Hier liegt Neria/Talmon B

Die Armee gelangte am Ort des Geschehens an und eröffnete eine breite Fahndung nach den Tätern. Noch ist unbekannt, aus welchem Ort der Täter stammen könnte. An die vier zusätzlichen Einsatztruppen, die zur Region beordert wurden, bekamen den Befehl, die umliegenden Dörfer einzukesseln und eine verstärkte Durchsuchung und Fahndung einzuleiten.

Quelle: INN
Quelle: INN

Die Nachricht verbreitete sich über soziale Netze, Radio und Schnellnachrichtendienste wie 0404 über das ganze Land. Einwohner in Judäa und Samaria organisierten Spontanzusammenkünfte an öffentlichen Kreuzungen mit Israelflaggen.

Auf dem Jerusalemer Friedhof. Quelle: INN
Auf dem Jerusalemer Friedhof. Quelle: INN

Heute morgen (02.10.15) um 11 Uhr wurde, entsprechend dem jüdischen Gesetz, das Ehepaar Henkin auf dem „Har Hamenuchot“-Friedhof in Jerusalem beigesetzt. Zum Begräbnis waren tausende Anwesende erschienen, darunter viele, welche das Paar nicht persönlich gekannt hatten. Israels Präsident Ruven Rivlin erschien ebenso zur Beerdigung. Er sprach über die Persönlichkeiten von Na’ama und Eytam, die er viel zu späte habe kennenlernen können. Er zitierte einen Brief, den die Ermordete früher im Jahr an ihn nach dem Mord an Dani Gonen geschickt hatte, und dass er ihr geantwortet habe. Zudem stärkte Rivlin, der sich nach dem Brandanschlag im arabischen Dorf Duma und noch vor dem Ermittlungsergebnissen äußerte „Mein Volk wählte den Weg des Terrors“, in seiner Ansprache die Siedlerbewegung und nannte die jüdischen

Präsident Ruven Rivlin
Präsident Ruven Rivlin

Bewohner von Judäa und Samaria „die Ersten an der vordersten Front“ im Kampf gegen den Terrorismus, die den „Preis zahlen, der zu schwer zum Tragen “ sei: „Der Terror folgt uns seit den Tagen von 1929 bis heute. Wir haben nie aufgrund des Terrors gebaut und werden nicht für einen Moment aufhören, wegen des Terrors zu bauen.“

 

Verwandte hielten Ansprachen auf die Ermordeten. Die Großeltern, welche den Zusammenhalt und die offenkundige gegenseitige Liebe des Ehepaares ins besondere Licht stellten, versprachen, die Kinder gemeinsam aufzuziehen. Der älteste Sohn der Familie Henkin, Matan Hillel (9 Jahre), sprach das Kaddisch-Gebet, welches für Verstorbene gesprochen wird. Er war Augenzeuge des Mordes an seinen Eltern.

Während der Beisetzung von Na’ama und Eytam hielten Bewohner von Judäa und Samaria Protestkundgebungen in der gesamten Region, versammelten sich auf Kreuzungen, wehten Israelflaggen und sperrten teilweise Straßen ab.

Rabbiner Eytam lehrte an einem Frauenseminar in Jerusalem, und hatte sein erstes Buch zu jüdischer Denk-und Lebensweise schon mit 20 veröffentlicht. Er war ein vielversprechender Pädagoge und Rabbiner. Na’ama arbeitete als erfolgreiche Grafikerin und schrieb einen Blog bei PointOfView.org.il, einer Blogplattform für Frauen aus Judäa und Samaria in Englisch.

An der Gush Etzion-Kreuzung. Foto: Nadia Matar
An der Gush Etzion-Kreuzung. Foto: Nadia Matar
An der Gush Etzion-Kreuzung. Foto: Nadia Matar
An der Gush Etzion-Kreuzung. Foto: Nadia Matar
An der Gush Etzion-Kreuzung. Foto: Nadia Matar
An der Gush Etzion-Kreuzung. Foto: Nadia Matar
In Kochav Hashachar, Samaria. Foto:INN
In Kochav Hashachar, Samaria. Foto:INN
Bei Bet Haggai. Foto: M.Dana-Picard
Bei Bet Haggai. Foto: M.Dana-Picard