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Aus für die Häuser in Ofra

Nachdem gestern Abrissbenachrichtigungen an die Bewohner der als illegal auf Privatgelände stehenden 9 Häuser in der Ortschaft Ofra (Binyamin-Region) ausgeteilt worden waren,  erfolgt heute die Räumung der Gebäude undAusweisung der Bewohner .  Im Anschluss darauf werden sie bis zum kommenden Sonntag zerstört werden. Zu diesem Zweck wurde ein Großaufgebot an Polizeikräften nach Ofra entsandt, wo die betroffenen Einwohner

Ofra auf der Karte
Ofra auf der Karte

ihre Gemeindemitglieder und andere dazu aufgerufen hatten, ihnen an diesem Tag beizustehen. Allerdings bestätigten sie ihre vorherigen Versprechen, sie würden keine aktiven Widerstand leisten; Bilder aus Amona werden sich nicht wiederholen, sagten sie.

Jugendliche, welche von der Polizei als „problematisch“ eingestuft worden waren, wurden vor der Räumung festgenommen bzw.nicht zum Gelände durchgelassen. Momentan wird nur eins von neun Gebäuden von Jugendlichen besetzt, die sich der Räumung

Die Protestierenden in Ofra. Quelle: Haaretz
Die Protestierenden in Ofra. Quelle: Haaretz

verweigern.
Der Abriss wurde von Obersten Gerichtshof als einzige Lösung für die auf als Privatland eingestuftem Grundstück errichteten Gebäude angenommen. Der Widerstand der

Die betroffenen Haueser in Ofra. Quelle: Facebook Ofra

Bewohner und der Abrissgegner wandte sich dabei vor allem gegen die offensichtliche Sinnlosigkeit des tatsächlichen Abrisses, bei welchem ein Grundstück inmitten eines Wohnviertels brachliegen wird und somit niemandem nutzen wird – weder dem Grundstuecksbesitzer noch einem anderen.

Tatsächlich hatte sich der Gerichtshof weder für eine finanzielle

Eins der Haeuser in Ofra, vor der Raeumung. Quelle: INN
Eins der Haeuser in Ofra, vor der Raeumung. Quelle: INN

noch fuer eine physische Art der Kompensation eingesetzt (beispielsweise Vergabe eines alternativen Grundstücks oder finanzieller Entschädigung oder Mietszahlung). Andererseits ist es unklar (Anm: ich bin kein Rechtsexperte), ob die gegenwärtige Situation der Rechtslage in Judäa und Samaria Alternativen zulässt. Das Regulierungsgesetz, welches vor einigen Wochen von der Knesset angenommen worden war und solche Fälle genau verhindern soll, konnte auf den Fall Ofra nicht angewandt werden.

Die Journalistin von „Yediot Aharonot“ und „Makor Rishon“, Yifat Erlich, selbst aus Ofra, kommentierte die Raeumungsaktion auf INN:

„Es ist (vor Ort) ein legitimer Protest und ich hoffe, dass die Grenzen gewahrt bleiben und wir zu keinen extremen Vorfaellen kommen, denn es haengt viel Anspannung in der L:uft. Es ist ein sehr schwerer Tag mit viel Frustration, denn hier wird Zerstoerung um der Zerstoerung willen betrieben, die niemandem einen Nutzen bringen wird und nur grossen Schaden fuer die Menschen anrichten wird, die hier acht bis zehn Jahre gewohnt haben. Es ist traurig, dass der Oberste Gerichtshof keine Gerechtigkeit uebt und keine Moral anerkennt. (…) Hier stehen neun Gebaeude im Zentrum der Siedlung, unmittelbar nahe Kindergaerten; man haette die Haeuser versiegeln koennen, bis eine komplette Regelung gefunden werden wuerdeץ Aber auch das hatte der Gerichtshof verweigert.“

„Es ist nicht moeglich, auf Dauer in einem Ort zu leben, dessen Status nicht geregelt ist. Die Siedlungsbewegung wusste 40 Jahre lang zu bauen, aber konnte keine Institution hervorbringen, die die Besiedlung schuetzen wuerde. Zwar brauchen die meisten Orte keinen Schutz, denn sie wurden auf Staatsland errichtet, aber es gibt einige wenige Siedlungen mit Problemstellen und daher haette man es schon laengst regeln sollen.“

 

Kurzes Video der israelischen Polizei vom Raeumungsareal:

https://twitter.com/i/videos/tweet/836532708163665920?

 

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Price Tag und Polizeigewalt

Dieses verstoerende Video (oben) und die nachfolgenden Screenshots wurden am 12.09.16 in der Ortschaft Nahliel (Westsamaria) aufgenommen; darauf sieht man einen Teenager, der offensichtlich zusammengepruegelt wurde und nun von der Polizei verhaftet wird.

Quelle: INN (Yosef Frisman)
Quelle: INN (Yosef Frisman)

Den Augenzeugen zufolge, sowie auch einem Bericht darueber bei INN, wurden an diesem Montag vier Jugendliche, Schueler einer Yeshiva (religioesen Jungenschule) in der Ortschaft Nahliel, bei einer Razzia der Polizei in der Schule verhaftet, vor den Augen

Nahliel in Westsamaria
Nahliel in Westsamaria

ihrer Mitschueler. Ein Polizist soll dabei, wie im Video zu sehen, mindestens einen der Jungen verpruegelt haben, bevor er ihn abfuehrte. Dabei soll er und seine Kameraden dafuer verdaechtigt werden, Sabotage an palaestinensischen Wasseranlagen waehrend eines Ausflugs getaetigt zu haben – also einen als „Price Tag“ bekannten Vandalismusakt.

Die Jugendlichen, allesamt minderjaehrig, sind momentan inhaftiert. Die Organisation „Honenu“ (ich hatte sie hier schon einmal erwaehnt), welche sich speziell fuer die Rechte minderjaehriger juedischer Verdaechtigten einsetzt, berichtete ebenso, dass dem verpruegelten Jugendlichen mehrere Stunden lang kein Anwalt zur Verfuegung gestellt worden war.

Quelle: INN/Honenu
Quelle: INN/Honenu

Der verletzte Teenager wurde nach seiner Inhaftierung ins Krankenhaus eingeliefert und dort behandelt. Er erlitt mehrere Verletzungen im Gesicht.

Auch wenn dieser Jugendliche und seine Kameraden einen tatsaechlich einen nationalistisch motivierten Vandalismusakt gegen arabisches Eigentum ausgefuehrt haben sollten und dafuer verurteilt werden muessen – meines Erachtens, und man muesste sich sehr bemuehen, um mich vom Gegenteil zu ueberzeugen – ist eine solche Form von Polizeigewalt, insbesondere gegen Minderjaehrige nicht akzeptabel. Sollte sich der Minderjaehrige gewehrt haben oder auch von den Polizisten weggelaufen sein, wie einige weitere Augenzeugen berichten, ist es ebenso nicht zu akzeptieren. Im Moment der Verhaftung ging keine Gefahr und kein Schaden von den Jugendlichen aus, und Pruegel und Schlaege als Festnahmemethode – insbesondere bei Teenagern, und auch noch vor den Augen der Klassenkameraden – ist zu verurteilen. Ausserdem hat es keinesfalls Abschreckungspotenzial, sondern die respektlose und gewalttaetige Behandlung der Verdaechtigen wird bei den Teenagern noch mehr Ablehnung und Hass gegen die offiziellen Organe schueren. Leider bekomme ich immer wieder Berichte von solcher und aehnlicher Anwendung von Gewalt mit, insbesondere nach dem Duma-Attentat im Juli 2015, aber auch schon zuvor.

Und sollte sich jemand dies fragen – meine Meinung gilt auch fuer die Verhaftung von minderjaehrigen palaestinensisch-arabischen Jugendlichen durch die Armee. Insbesondere, wenn es sich dabei nicht um Mord oder versuchten Mord handelt.

(Quellen: INN, Natan Epstein, privat)

Shalom erste Klasse! Schulbeginn

Der 1. September. Ganz nach der Tradition der guten alten Sowjetzeiten war es in Israel der erste Schultag nach den Ferien für alle Schüler und auch die Öffnung der Kindergärten, und die größte Aufregung herrschte natürlich bei den kleinen Schulanfängern/-innen und den stolzen Eltern.
Nun, ich weiß nicht genau, ob es an der sowjetischen Tradition liegt,

Schülerinnen bekommen Süßigkeiten beim Einstieg in den Schulbus. Foto: Regionalverwaltung Südhevron
Schülerinnen bekommen Süßigkeiten beim Einstieg in den Schulbus. Foto: Regionalverwaltung Südhevron

dass der erste Schultag bei uns wie in Russland der 1.September ist, aber auf jeden Fall ist es ein groß gefeierter Tag für alle neuen Erstklässler, ihre Eltern und Lehrer (bei den älteren Schülern setzt bekanntlich schnell die „Ich will nicht in die Schule“-Phase ein). Im Radio spielen Lieder zum ersten Schultag, Eltern, Kinder und Erstklässler werden interviewt, die Nachrichten handeln davon, und die Schulbusse im ganzen Land nehmen ihre Fahrten von Neuem auf.

Ayelet aus Tapuach, "Hallo erste Klasse". Foto: Regionalverwaltung Samaria
Ayelet aus Tapuach, „Shalom erste Klasse“. Foto: Regionalverwaltung Samaria

Es scheint ein wenig unpraktisch, dass die Schule an einem Donnerstag anfängt, denn dann bleiben nur anderthalb tatsächliche Schultage bis zum Wochenende. Aber, wie mir meine Nachbarin Yona einen Tag zuvor versichert hatte, „als Eltern sind wir über jeden Tag froh, der uns aufatmen lässt“. Kein Wunder, denn wie im vorherigen Beitrag beschrieben, sind die Kinder im letzten Sommerferienmonat zumeist auf die Aufsicht ihrer Eltern und Großeltern angewiesen und es ist durchaus nicht einfach für meist Vollzeit arbeitenden Eltern. Es handelt sich ja nicht um eins oder zwei Kinder, wie es bei der deutschen Bevölkerung auszusehen scheint (die Geburtsrate laut dem Statistischen Bundesamt liegt bei 1.47 Kinder pro Familie, Stand 2014); in Israel liegt die durchschnittliche Kinderanzahl bei stolzen 2,4 (Pressebüro für Statistik, Stand: 2015), und in Judäa und Samaria ist es entsprechend höher: Während es in einer israelischen Durschnittsfamilie 3,72 Familienmitglieder gibt, so beläuft es sich in Familien in Judäa und Samaria auf 4,6 Familienmitglieder im Durchschnitt (Ynet, Stand: 2014, Pressebüro für Statistik).

Wie viele Kinder sind denn nun bei uns in die Schule gekommen?
Greifen wir wieder auf die statistischen Angaben zurück – was erzählen sie uns über Judäa und Samaria?

Szenen aus dem Schulbeginn. Foto: Regionalverwaltung Samaria
Szenen aus dem Schulbeginn. Foto: Regionalverwaltung Samaria

In Samaria sind etwa 1100 Kinder Erstklässer geworden. Insgesamt sind es 17300 Schul- und Kindergartenkinder in diesem neuen Schuljahr in Samaria. In Gush Etzion sind es 4930 Schulkinder und 1840 Kindergartenkinder, darunter natürlich auch diejenigen, die zum ersten Mal in die Schule und den Kindergarten kamen. In Gush Etzion selbst gibt es 11 Grundschulen und 4 weiterführende Schulen, und dazu 69 Kindergärten. Die Regionalverwaltung von Südhevron berichtet von etwa 4000 Schul- und Kindergartenkindern. Zu manchen Schuleröffnungen kamen Abgeordnete zu Besuch und grüßten die Kinder und die Lehrer. Der

"Wilkommen im Namen Gottes". Erstklässler in Gush Etzion. Foto: Regionalverwaltung Gush Etzion
„Wilkommen im Namen Gottes“. Erstklässler in Gush Etzion. Foto: Regionalverwaltung Gush Etzion

Erziehungminister Naftali Bennet besuchte ebenso einige der Schulen. In diesem neuen Jahr werden neue Reformen, die er veranlasst und durchgebracht hatte, aktuell werden – so beispielsweise eine Verkleinerung von Schulklassen und neue Mathematiklernpläne, die das Erlernen von Mathematik fördern sollen.

Ich wünsche ihnen allen ein erfolgreiches neues Schuljahr.

Schulmädchen aus den Südhevronbergen. Foto: Regionalverwaltung Südhevron
Schulmädchen aus den Südhevronbergen. Foto: Regionalverwaltung Südhevron

 

 

Unterwegs in Binyamin: Ein Fenster in die Wüste

In den diesjährigen Ferientagen während des Pessach-Festes, das bei uns sieben Tage gefeiert wird, nutzt das ganze Landvolk die Zeit, um kreuz und quer durch das Land zu reisen. Die Touristenzentren und Hauptsehenswürdigkeiten sind voll belegt, nach Jerusalem kommt vielleicht eine ganze Milion Besucher innerhalb dieser Tage, und auch die entferntesten Naturschutzgebiete, Wasserfälle, Bäche, Wälder und Aussichtspunkte kommen nicht zu kurz. „Das Wandern ist des Israelis Lust“, sozusagen. Nicht alle haben natürlich Ferien in dieser Zeit, aber die Arbeitszeiten sind verkürzt und man hat mehr Chance, Familie und Freunde zu besuchen.

Judäa und Samaria - Westjordanland. Zentrale Orte in Rot/eingekreist. Oben: Samaria. Unten: Judäa.
Judäa und Samaria – Westjordanland. Zentrale Orte in Rot/eingekreist. Oben: Samaria. Unte Jerusalem: Judäa.

Auch ich habe diese Zeit etwas nutzen können, und zwar für Ausflüge in die Gebiete, in welche ich normalerweise im Alltag weniger gelange: Nämlich in die zweite und die größere Hälfte des „Westjordanlands“, nämlich in die Gebiete des ehemaligen Stammes Binyamin (so heißt es auch heute, Binyamin-Gebiet) und ins nördlich gelegene Samaria (Shomron), alles insgesamt heute als Samaria bekannt ist – oberhalb Jerusalems.

Das Binyamin-Gebiet ist relativ gut vernetzt, beinhaltet zentrale arabische Städte unter der Kontrolle der Palästinensischen Autonomiebehörde – so Ramallah und Jericho – und auch zentrale jüdische Bevölkerungspunkte, solche wie Beit El, Ofra, Adam, Shiloh. Der Ort Psagot ist bekannt für seinen erstklassigen Wein, welche auch internationale Preise gewonnen hat. Das Industriegebiet Sha’ar Binyamin besitzt den zentralen Supermarkt Rami Levy, der für die gesamte örtliche Bevölkerung offen ist, nicht zwischen Arabern und Juden unterscheidet und dafür auch mehrere Anschläge abbekommen hat, auch im letzten halben Jahr.

Binyamin (22)
Wer erkennt die Gazellen auf dem Bild?

Was noch besonders ist an Binyamin, ist, dass es einen faszinierenden Einblick auf den Übergang von der samaritischen Bergkette und dem Hügelland in die Berglandschaft der judäischen Wüste und das Jordantal bietet. Die Berge und Hügel von Binyamin zeichnen sich durch eine wenig bewaldete Landschaft aus, die Wälder wurden erst spät angepflanzt, Naturwald findet sich mehr in Richtung Westen (über eine Wanderung im Westteil habe ich hier berichtet). Je weiter östlich man sich wendet – dort, wo auch mein Reiseweg verläuft – werden die Berge steiniger, die Landschaft trockener, trotz Frühling gelber und spärlicher. Wenn man zu einer Aussichtsplattform kommt, die die Sicht auf die jordanischen Berge bietet, kann man auch bis zum Toten Meer sehen. Es ist eine faszinierende und von Touristen wenig bereiste oder dokumentierte Landschaft, obwohl die Möglichkeiten dazu eigentlich gegeben sein könnten. Fangen wir also an, Schritt für Schritt den Ostteil von Binyamin zu entdecken.


Mit einem Freund haben wir uns um die Mittagszeit von Jerusalem aus nach Ost-Binyamin aufgemacht. Bis nach Nord-Jerusalem (was fälschlicherweise immer als „Ostjerusalem“ bezeichnet wird), durch die arabischen Viertel hindurch bis zum Militärübergang Hizma fuhren wir mit der Bahn und gingen zu Fuß, von da an waren wir auf Autostopps angewiesen, wollten wir nicht auf den Bus warten, dessen Zeitplan nicht unbedingt bequem war.  Es gibt zwei mir bekannte Übergänge, welche reguläre Fahrer nutzen – einen neben dem Dorf Qalandia und den anderen neben dem Dort Hizma. Über

Unsere Wanderkarte mit allen angefahrenen und erwähnten Orten.
Unsere Wanderkarte mit allen angefahrenen und erwähnten Orten.

Hizma gelangt man einfacher weiter und muss nicht Ramallah passieren. Einige der Fahrer wollten uns nicht dort rauslassen, wo wir rausgelassen werden wollten – an einer Autobahnkreuzung, die uns direkt in die Siedlungen des Ostteils an der Wüstengrenze

Auf dem Schild steht: "Zeit für Souveränität!" Plakat der Organisation "Frauen in Grün"
Auf dem Schild steht: „Zeit für Souveränität!“ Plakat der Organisation „Frauen in Grün“

führen würde. Es sei zu unsicher. Aus Erfahrung wusste ich, dass dort die Einwohner dieser Siedlungen einen schnell mitnehmen würden. Ein Fahrer erklärte sich schließlich bereit, und wir fuhren los. Das erste Ziel – die Siedlung Rimonim (‚Granatäpfel‘).

Wir alberten ein wenig an der Kreuzung herum, im Angesicht der schönen gelblich gefärbten Berge, da kam auch schon ein Paar und fuhr uns nach Rimonim. Zu unserer Linken lagen einige wenige weit entfernte arabische Dörfer (Ramun), zu unserer Rechten nur Verkehrsschilder und die Hügelkette. Zwischen dem Beginn der Autobahn 458 und bis zur nächstgrößten Kreuzung – immerhin etwa 18 Kilometer entfernt – befinden sich nur zwei jüdische Ortschaften

Beduinenzelte
Beduinenzelte

direkt angelegt, und eine arabische – Mughayr, alle anderen sind weiter entfernt und so erinnert die Umgebung an eine Mondlandschaft mit Ausblick auf die in der Ferne sich auftürmenden jordanischen Berge, unterbrochen hier und dort von einigen sporadischen schwarzen Beduinenzelten oder einem eingezäunten Stromaggregator. Die Armee taucht hier für längere Zeit nicht mehr sichtbar auf.

Blumenbeet an der Einfahrt
Blumenbeet an der Einfahrt

Rimonim, wohin wir fuhren, ist eine vor 36 Jahren (1977) zunächst als Armee-Lager gegründete Ortschaft. Der Name, so lässt sich bei einer einfachen Suche erfahren, ist an einen zur biblischen Zeit sich im Stammesgebiet Binyamin befindenen Ort bzw.Fels, „Rimon-Fels“, angelehnt, welcher im Buch der Richter (20.Kapitel, Vers 45) auftaucht. Die Bevölkerung der modernen Siedlung war und ist bis heute größenteils säkular. Im Dorf wohnen etwa 160 Familien und arbeiten fast ausschließlich alle in Jerusalem, der nächstgrößeren Stadt. Dabei beträgt die Fahrzeit bei fließendem Verkehr etwa 15-20 Minuten bis zum Übergang, und dann muss man natürlich in der Stadt selbst fahren…

Ein-/Ausfahrt aus Rimonim
Ein-/Ausfahrt aus Rimonim

In Rimonim befinden sich alle für die Gemeinschaft nötigen Einrichtungen –  Wasserturm, Kindergärten, kleiner Supermarkt, Sportanlagen, Jugendclub, Bibliothek, Synagoge, Sekretariat. Mein Begleiter kannte Rimonim von früheren Zeiten

Darstellung von Granatäpfeln von Yaniv Uzana
Darstellung von Granatäpfeln von Yaniv Uzana

und machte mich auf das Studentendorf „Kedma“ aufmerksam, welches sich in kleinen Karavanen nahe der Einfahrt befindet. Dort leben einige hundert (?) Studenten und beschäftigen sich mit Landwirtschaft. Auch das Schwimmbad von Rimonim ist bekannt – dorthin kommen Besucher aus den umliegenden (jüdischen) Ortschaften hin. (Warum aus den jüdischen? Weil die arabischen Dörfer durch andere Organe verwaltet werden, weil die muslimischen Regelungen, was Schwimmen und Öffentlichkeit anbetrifft, anders sind, und weil die Menschen miteinander per Absicht nicht in Berührung kommen wollen und der eine in den Ort des jeweils anderen nicht traut, insbesondere heute nicht mehr). 

Binyamin (8)
Ein Glockenspiel, „Musikecke“ steht darüber

Als wir sie betraten, war die Siedlung still. Es herrschte ein heißer Sturm – extreme Hitze, viel Wind – die meisten Einwohner Binyamin (7)würden entweder Urlaub machen oder bei sich zuhause sitzen. Wir fanden einen Garten mit kreativen Basteleien aus Metall und recht imposante Gebäude. Wir wollten auch die archäologischen Ausgrabungen ansehen, welche es am Binyamin (9)Rande der Siedlung zu besichtigen gab.

Die Ausgrabungen, so stand auf einem von Korrosion schwer zerfressenen Schild geschrieben, fanden hier zwischen 1982 und 1992 statt. Ausgegraben hatte man einen Kirchenkomplex aus byzanthinischer Zeit, allerdings sollen die ersten Lebensspuren hier
noch aus seleukidischer Zeit stammen. Nach den Byzanthinern herrschten im Land die Umayyaden und die Abbassiden, auch unter ihnen erreichten Einwohner diesen Ort. Insgesamt, so besagte das Schild, soll hier 500 Jahre lang aktives Leben gegeben haben, danach wurde der Ort verlassen. Tatsächlich fanden wir in den Ruinen einen Stein mit dem Abbild eines Kreuzes und eine halbrunde Halle. Man erkennt Eingänge und Stauräume, in den Stein gehauene Abflusskanäle und seltsame runde Vertiefungen, die häufig auch mitten in einem Raum zu finden sind. Da ich nicht sonderlich bewandert bin in Archäologie, wusste ich dieses Phänomen leider nicht zu erklären.

Die Ruinen
Die Ruinen
Der Baukomplex
Der Baukomplex
Das in Stein gehauene Kreuz
Das in Stein gehauene Kreuz

Nach der Besichtigung gingen wir zum äußeren Zaun. Wie ich sicherlich schon einmal erwähnt habe, so werden bei uns so gut wie alle Ortschaften, ob nun in den „gefährlichen“ oder den weniger gefährlichen Gebieten, generell eingezäunt. So hat sich das offenbar seit längerer Zeit ergeben, vielleicht noch aus der Zeit vor der Staatsgründung, vielleicht noch früher. Jedenfalls standen wir am Zaun und betrachteten die Landschaft. An dieser Stelle, wo der

Binyamin-Berge - weiter unten die judäische Wüste
Binyamin-Berge – weiter unten die judäische Wüste und dahinter Jericho

Wadi Wahita unter uns sich durch die Berge Richtung judäische Wüste bahnt, konnte man den drastischen Unterschied zwischen den Felsformationen der zwei aneinander grenzenden Regionen erkennen und es faszinierte mich. Auf den Bildern kann man dies genau erkennen. Die Felsart der judäischen Wüste ist viel weicher als die der Binyamin-Berge, lässt sich einfacher verformen. Die Erde des Jordantals ist sandig und lässt eine völlig andere Art der Agrikultur zu als die auf den Bergen (im Jordantal werden größtenteils Dattelplantagen angebaut). Im Hintergrund sieht man die jordanischen Berge und weiter unten spannt sich Jericho aus.

Als wir am Einfahrtstor bei unserem Verlassen der Siedlung den Wächter fragten, ob die Einwohner hier mit den Bewohnern von Jericho Kontakt hätten, bejahte er dies – es kämen Arbeiter aus Jericho nach Rimonim.


Unsere Weiterfahrt führte uns in einen weiteren Ort, einen der zwei Siedlungen an der Autobahn 458 durch Ostbinyamin – Kochav Hashachar. Mitgenommen hatte uns eine Frau, die eigentlich ganz woanders hinfuhr – in die viel weiter gelegene Siedlung Itamar, gut bekannt für ihre hohen Berge und Aussichtsplattformen – und leider traurig bekannt wegen des Mordes an der Familie Vogel im Jahr 2011 durch zwei arabische Terroristen. Die Frau plauderte mit uns und lud uns ein, zu sich zu kommen. Sie ließ uns schließlich am

Unsere Wanderkarte mit allen angefahrenen und erwähnten Orten.
Unsere Wanderkarte mit allen angefahrenen und erwähnten Orten.

Einfahrtstor heraus.

Grüne und gelbe Felder füllten unseren Blick. Plantagen inmitten steiniger Hügel und vor uns, in die Höhe ragend  – der Berg Kuba (Kubat a-Nadjma), der soviel wie Sternberg heißen soll. Wir gingen durch Binyamin (13)das Einfahrtstor hinein und folgten einem Weg durch die Felder, welcher uns zu der Wasserquelle „Ma’ayan Hakramim“ führen sollte -so zumindest besagte das Schild. Autos fuhren hin und her, Jogger liefen an uns vorbei. Wir ruhten uns auf einer Bank aus, bevor wir Binyamin (14)uns auf die Suche nach der Quelle machten. Auf einem Hügel nahe dem Berg sahen wir plötzlich Reiter auf Eseln auf uns zukommen. Weit und breit um uns war kein arabisches Dorf zu sehen, und die Reiter sahen selbst weniger 13103385_10154331634741842_8257072048014240324_narabisch als eher folkloristisch aus. Es waren Jugendliche mit langen Schläfenlocken, wehenden alten Kleidern, einer davon äthiopischer Herkunft; sie ritten und liefen mit den Eseln, ein junger Esel trottete hinterher. Die Gesichter schmutzig oder sonnengebrannt – ich konnte es nicht erkennen. Hügeljugendliche, und zwar nicht irgendwelche, sondern von einem der berühmt-berüchtigten Vorposten, der als eine Art Zentrum für diese gilt – der „Baladi“-Vorposten, ein paar Hügel weiter von Kochav Hashachar. Ich fragte sie, ob sie dort herkommen würden. Einer antwortete mir kurz angebunden, dann ritten sie weiter.

Als ich später meine Freundin, bei der wir an diesem Tag in der Siedlung zu Abend saßen, nach der Herkunft der Jugendlichen fragte, meinte sie, nur ein Teil würde hier aus Kochav Hashachar stammen. Tatsächlich beherbergen diese Vorposten entlaufene Jugendliche aus allen möglichen Orten, auch außerhalb der „Grünen Linie“.

Sicht auf Kochav Hashachar
Sicht auf Kochav Hashachar

Wir machten uns weiter auf die Suche nach der Quelle und gingen den Weg hoch. Von dort bot sich uns eine atemberaubende Sicht auf die Siedlung selbst, auf die Weinplantagen neben ihr und auf das Jordantal – bis zum Toten Meer. Da mein Freund nicht zu lange gehen konnte, konnten wir uns die Aussicht vom Berg selbst nicht gönnen, sondern gingen weiter auf dem Weg. Den Berg habe ich schon vor einigen Jahren bestiegen und mich dort von dem Blick berauschen lassen, so sah es aus:

2013-08-25 16.37.00Binyamin (17)

Die Wasserquelle entdeckten wir – es handelte sich dabei aber nicht um eine wirkliche Quelle, sondern um zwei größere Plantschbecken, die zum Vergnügen der lokalen Kinder eingerichtet worden waren. Binyamin (19)Da es Feiertag war, war das Gelände voll mit kreischenden Kindern und wir bevorzugten es, das Geschehen von oben zu betrachten.

Schon bald kam meine Freundin Hadas angefahren und bot uns einen Ausflug  zu den zwei Aussichtsterrassen an, die bis an den Rand der Wüste hinausreichten. Von ihnen führte ein Wanderweg zu einer richtigen Wasserquelle unten in den judäischen Bergen; die Wanderung dorthin durfte aber nur mit einer Waffe oder einem Sicherheitsmann gemacht werden. Auch Jericho war von hier zu

Die Straße nach Jericho
Die Straße nach Jericho

sehen – Hadas  erklärte, es sei zu Fuß zu erreichen, sei aber nicht empfehlenswert. Ich glaubte es hier. Ich war schon einmal bei der Einfahrt nach Jericho. Mich hatten damals vier große, rote Schilder mit der Aufschrift „Für Israelis Einfahrt verboten und 2013-08-25 15.03.06lebensgefährlich“ empfangen und die Lust verging schnell. Die Schilder stehen noch immer da.

2013-08-25 14.28.06
Das ist keine Gazelle…

Kochav Hashachar, die Siedlung, in der Hadas und ihre Eltern wohnen, wurde 1975 als ein Armeelager ins Leben gerufen. 1980 gelangten dorthin mehrere einzelne Familien der Siedlerbewegung „Gush Emunim“ hin und bildeten den ersten Siedlungskern. Heute besitzt der Ort knapp 2000 Einwohner, hat Festbau, Gemeindeeinrichtungen, eine Religionsschule, einen Industriepark und sogar ein neues Viertel – „MItzpe Kramim“, direkt neben der Muttersiedlung, wo sich junge Paare aus dem Ort Häuser gebaut haben. Es besitzt sogar ein eigenes Sekretariat. Als einzelne Siedlung ist es noch nicht anerkannt, obwohl es schon seit 1999 existiert und sogar den Bauort durch die israelische Regierung genehmigt bekommen hat, weil es auf deren Verlangen den ursprünglich geplanten Ort verlassen musste.  Hadas versichert mich auf Nachfrage, dass es sich hierbei nicht um die Frage von Privatland, sondern um

Das ist keine Gazelle...
Das ist keine Gazelle…

bürokratische Schwierigkeiten seitens der Zivilverwaltung handeln würde.

Es wurde langsam spät und kühl. Wir setzten uns zu Hadas in die Küche und aßen ein schnell aufbereitetes Abendessen, danach liefen wir im Halbdunkel zu der einzigen Bushaltestelle im Ort, um den Bus oder einen Autostop nach Jerusalem zu bekommen. Die Rückfahrt machten wir schon gänzlich im Dunkeln, während die Lichter der Ortschaften der schwarzen Hügel Binyamins an uns vorbeizogen. Die Nacht hatte sich auf die Wüste und die Berge gesetzt, ihre Existenz konnte man nur noch erraten. So endete unsere Fahrt nach Binyamin.

Anhalterfahren mit Avi

Wie ihr sicherlich schon wisst, fahren wir ‚Siedler‘ per Anhalter und wer ein Auto hat, bietet anderen Wartenden eine Autofahrt an.

Am Morgen des 23.Novembers fuhr ich in die Universitaet, die ca. 80 km von mir entfernt liegt, mit einem Mann namens Avi, mittleren Alters, aus der Siedlung Ateret in Suedsamaria (ueber diese Gegend habe ich hier berichtet). Sein Auto, ein alter Citroen, der wohl schon vieles im Leben gesehen hatte, war mit allerlei Werkzeugen und Kartons gefuellt. Er schlug mir vor, mich zur Ausfahrt aus Jerusalem zu bringen, um von dort einen Bus zu nehmen, bot mir ausserdem Kuchen an und da ich mich als eine eine Einwohnerin von Gush Etzion outete, begann er mich zum Terroranschlag aus der Kreuzung auszufragen, der sich einen Tag zuvor, am 22.11.15 ereignet hatte: „Wo ist die Suesse denn ermordet worden?“ (Das Maedchen, Hadar Buchris, kam aus der Stadt Zfat, war 21 und war auf der Suche nach einer WG in der Siedlung Bat Ayin).
Wir sprachen ueber Gush Etzion. Es hatte heute einen grossen Stau an der Kreuzung gegeben, denn neue Kontrollmethoden waren eingefuehrt und alte verstaerkt worden  – das alles nach dem Terroranstieg. „Es ist eine sehr gefaehrliche Gegend hier, die meisten Angreifer, soll deren Name ausgeloescht sein, kamen von hier“, sagte Avi. „Aber man sagt doch immer, Samaria waere eine viel gefaehrlichere Gegend!“, entgegnete ich. Tatsaechlich, wenn man Einwohner in Judaea fragt, was sie denn vom Leben in Samaria halte, wuerden die meisten sagen, dort sei das Leben viel risikoreicher.  Avi aber lachte bitter auf: „Wie es so schoen heisst, ‚jedem seine Araber‘. Diese sind bescheuert und jene sind noch bescheuerter.“

Avi fragte mich, was ich studierte. Ich erzaehlte ihm von meinem Studium der Nahostwissenschaften: „Ich studiere auch Arabisch.“ „Ich kann Arabisch, ich bin immer von der Sprache umgeben gewesen“, erzaehlte mir Avi. „Ich bin auch Jemenite [sprich, Jude jemenitischer Herkunft] und hatte immer mit der Sprache und den Leuten zu tun. Ich war in der Armee bei der Fallschirmspringereinheit, da musste man Festnahmen in Libanon durchfuehren, da hat mich mein Kommandeur immer hingeschickt, um sich mit den Leuten zu verstaendigen.“

Autobahn 443 Richtung Landeszentrum. Quelle: mcity.co.il / Menachem Bentov
Autobahn 443 Richtung Landeszentrum. Quelle: mcity.co.il / Menachem Bentov

Avi, so stellte sich heraus, dient noch immer im Reservedienst und ist auch im Notrufkommando seiner Siedlung taetig, in der er schon 22 Jahre wohnt (euch interessiert, was es mit dem Notrufkommando auf sich hat? Hier gibt’s mehr). Von Beruf ist Avi Vertriebsagent einer Verpackungsfirma. Auch waehrend er sich er mit mir unterhielt, antwortete er auf Arbeitsanrufe.
‚Der Wehrdienst macht mir Spass“, sagte er, „was soll man machen, Gott wird uns helfen“. Neben dem Beifahrersitz hatte er ein grosses Gewehr liegen, das jeder, der in einem Notrufkommando dient ist, bei sich tragen muss.
Er fragte mich ueber das Studium aus und ueber Arabisch im Besonderen. „Ich mag die arabische Sprache“, sagte er. „Die geschriebene ist aber schoener als die gesprochene“, erwiderte ich. „Kannst du es schon ein bisschen sprechen?“ Ich verneinte lachend, soweit war ich noch nicht.

Ateret, Modiin, und auch Jerusalem und Ramallah - alles auf einer Karte
Ateret, Modiin, und auch Jerusalem und Ramallah – alles auf einer Karte

Avi fuhr schnell.  Die Atmosphaere im Auto war angenehm, Avi plauderte gern und war ein netter Mensch. Den Kuchen, den er mir angeboten hatte, hatte ich schon aufgegessen.
Wir fuhren weiter als Jerusalem, ueber den Streckenabschnitt 443 durch Suedsamaria/Binyamin nach Modiin, einer Stadt westlich von Jerusalem, dort wuerde ich einen schnelleren Bus nehmen. „Kommt dir gelegen, dass ich dir angehalten habe“, schmunzelte Avi. Bei der rasanten Abfahrt auf der Autobahn 443 Richtung Tal belegte es mir die Ohren. Die Berge von Binyamin sind hoch, wir stiegen von 800m auf 200m herab.

Bevor Avi mich absetzte, fuhren wir noch zur Tankstelle. Avi war gut gelaunt und locker und freute sich, mir geholfen zu haben. Auf ein solches Gemuet treffe ich haeufig bei Leuten aus den Siedlungen.

Beim Abschied wuenschte mir Avi, ich solle viel Arabisch ueben.

Unterwegs in Binyamin: Allein im Wadi el-Hakim

 Lange Zeit warte ich schon darauf, euch von meiner Wanderung im malerischen Bergland Südsamarias, durch das Flussbett des „Wadi el-Hakim“, am 01.10.2015 zu berichten. Immer wieder kommen Meldungen und aktuelle Ereignisse dazwischen, die mich davon abhalten. Dadurch werden die Beiträge, die eigentlich auch Aspekte des Lebens in Judäa und Samaria außerhalb der aktuellen Berichterstattung zeigen möchten, leider nach hinten geschoben. Aber dem muss nicht für immer so sein. Hier also – ein Tagebucheintrag zu meiner Wanderung im „Wadi el-Hakim“.


Der Startpunkt meiner Wanderung durch das trockene Flussbett (auf Arabisch = Wadi) den sogenannten Wadi el-Hakim (Der Wadi des Weisen, ehemals benannt nach einer lokal ansässigen weisen Persönlichkeit) beginnt an den Wasserquellen unterhalb der Siedlung Nevé Tzúf-Halamísh in Südsamaria (Binyamin). Wie man der Webseite der Ortschaft entnehmen kann, wurde Neve Tzuf im November 1977 gegründet. Nachdem erste Familien der Siedlerbewegung „Gush Emunim“ ein verlassenes Gebäude der britischen Polizei bezogen und renoviert hatten, beschloss die israelische Regierung mit der Unterstützung der amerikanischen

Neve Tzuf, Karte 1
Neve Tzuf, Karte 1

Regierung, den  Grundstein zur Ortschaft Neve Tzuf zu legen. Der offizielle Namensausschuss, welcher für die Benennung von Ortschaften verantwortlich ist, hatte beschlossen, den ursprünglichen Namen „Neve Tzuf“ in „Halamish“ zu ändern, und so lässt sich die Siedlung heute auch auf der Karte finden. Die Einwohner stimmten diesem nicht zu; daher ist der Ort in der Region heute eher als „Neve Tzuf“ bekannt.

Heute leben in der religiösen Siedlung etwa 250 jüdische Familien verschiedener Herkünfte. Vom Verkehr her ist Neve Tzuf an die Autobahnstrecke 465 angebunden, über welche man in etwa 30 Minuten zum Ben-Gurion-Flughafen gelangt und in etwa 40 Minuten Tel Aviv erreicht.

20151001_114553Unterhalb von Neve Tzuf befinden sich die Me’ir-Quellen, welche erst vor kurzem durch die Jugendlichen der Siedlung renoviert wurden. Das Areal wurde besucherfreundlich gestaltet und gereinigt, ganze drei mit Steinen ausgelegte Wasserbecken laden zum Plantschen und Baden ein. Aus einem Fels fließt die eigentliche Quelle, die dann in die Becken weitergeleitet wird.

Arabische und jüdische Ortschaften. Karte 2
Arabische und jüdische Ortschaften. Karte 2

Neve Tzuf ist umgeben von 5 arabischen Ortschaften: Nabi Saleh und Deir Nizzam, weiter nördlich Kafr Eyn und Qarawat Bani Zeyd. Westwärts liegt Deir Abu Mash’al. Auf den Bergen über dem Wadi-Verlauf liegen Bait Rima und Abudt. Weiter nördlich liegt Deir Ghazzana.

Von den Wasserquellen von Neve Tzuf und auf der anderen Seite der Autobahn 465, welche an den Quellen vorbeiführt, fangen der eigentliche Wadi el-Hakim und die Wanderstrecke an. Der Wadi selbst misst etwa 10,28 km und führt von der Autobahn 465 durch die Berge westwärts Richtung Küste, an den drei arabischen Ortschaften vorbei (Deir Nizzam, Bait Rima und Abud), biegt

Verlauf des Wadis. Karte 3
Verlauf des Wadis. Karte 3

Richtung Norden bei der juedischen Ortschaft Beit Arye ab und mündet in das Flussbett des Flusses Shiloh  (arabisch: Wadi Amuriya).

Das Ende der Wanderstrecke ist die Siedlung Beit Arye, welche sich ebenso auf den Bergen hoch über dem Wadi befindet. Beit Arye ist eine größere Siedlung von über 4000 Einwohnern und wurde 1981 gegründet, 1989 schließlich zum Bau freigegeben. Der Charakter von Beit Arye ist gemischt, dort leben Menschen aus verschiedenen Schichten der israelischen Gesellschaft, religiöse und nichtreligiöse Juden leben zusammen. Die Siedlung gilt als insbesondere für diejenigen attraktiv, die im Zentrum des Landes und an der Küste arbeiten, sich aber einen Lebensunterhalt dort nicht leisten können oder aber eine engere Gemeinschaft und eine ländliche Umgebung bevorzugen. Aus der Siedlung selbst hat man einen Blick auf die Mittelmeerküste und die Skyline von Tel Aviv.


Teil 1: Die Fahrt

Fahrtroute zum Wanderweg
Fahrtroute zum Wanderweg

Als ich die Strecke von Jerusalem aus Richtung Neve Tzuf hochfahre, begegnet mir viel Verkehr auf den Strassen. Autos mit palaestinensischen und israelischen Kennzeichen fahren vorbei. Hinter dem Kontrollposten Hizme im Norden Jerusalems folgt eine kurze Fahrt an der arabischen Ortschaft Hizme vorbei und dann folgt das grosse Industriegebiet der Suedsamaria-Binyamin-Region, in welchem sich auch der grosse zentrale Discounter ‚Rami Levy‘ befindet. Die Supermarktkette ist vor allem bekannt dafür, dass bei der Einstellung der Mitarbeiter nach den Grundsätzen der Toleranz und Offenheit gehandelt wird; so wird der Supermarkt trotz Sicherheitsrisiko von sowohl israelisch-jüdischen als auch

Der 'Rami Levy' Supermarkt, Binyamin Industriezone (Quelle: Hakol Hayehudi)
Der ‚Rami Levy‘ Supermarkt, Binyamin Industriezone (Quelle: Hakol Hayehudi)

palästinensisch-arabischen Mitarbeitern betreut, und Kunden aus der gesamten Region, unabhängig ihrer Staatsangehörigkeit (somit also auch aus den PA-Zonen), ungestört einkaufen gehen können. Leider haben die Ereignisse der letzten Monate und Wochen (Die Siedlerin berichtete) gezeigt, dass die Sicherheitsbedrohung durch die Anwendung dieses Grundsatzes für jüdische Kunden immer wieder aktuell und nicht an den Haaren herbeigezogen ist.

20151001_110721Zu dem Beginn meiner Wanderroute fahre ich per Autostopp. Die wüstenähnliche Landschaft von Südostsamaria (ab jetzt: Binyamin-Region) begleitet meine Fahrt. 20151001_112549Es ist Oktober und dennoch sehr heiß.

Mein erster Autostopp, den ich vom Grenzübergang Hizme genommen habe, bringt mich vor die Tore der Siedlung Ofra. Ofra ist eine relativ große Siedlung mit etwas mehr als 3000 Einwohnern, sie wurde 1975 gegründet und 1977 offiziell von der Regierung anerkannt. Die Bewohner Ofras sind weitestgehend religiös, der Lebensstandard hoch. Business, Erziehung und Tourismus florieren in Ofra. Von außen kann ich eine Feuerwache erkennen.

20151001_110653Mit zwei Jugendlichen warte ich auf einen weiteren Autostopp westwärts. Die beiden wollen offenbar zum selben Ziel, der Me’ir-Wasserquelle, bei der der Wanderweg anfängt. Sie erzählen mir, dass in der dortigen Region es relativ viele Wasserquellen gibt. Mit uns an der Bushaltestelle stehen zwei Soldaten, die in Judäa und Samaria praktisch jede Haltestelle bewachen. Sie machen einen gelangweilten Eindruck (ich kann sie gut verstehen) und spielen mit ihren Smartphones herum. Ich muss relativ lange auf den Autostopp warten und scheine meine Hoffnung etwas zu verlieren, doch da hält ein Fahrzeug neben uns an und der Fahrer fährt zu unser aller Glück direkt nach Neve Tzuf.

Je weiter wir in Richtung der Siedlung fahren, desto niedriger werden die Hügel. Topografisch gesehen befinden wir uns im Abstieg, von einer Höhe von 800m über dem Meeresspiegel (Ofra) fahren wir bis zu 600m hinunter. Der Wanderweg im Wadi selbst wird uns schließlich bis zu 200m über dem Meeresspiegel bringen.

Die Natur verändert sich auch. Die wüsten und steinigen Hügel Ost-Binyamins, welche kaum Vegetation besitzen, weichen Bäumen und Olivenplantagen, welche den lokalen arabischen Grundbesitzern gehören . Es wird grüner. Ein Verkehrsschild weist darauf hin, dass sich hier in der Nähe die „sagenhafte“ palästinensische Metropole Rawabi befindet, ein Großprojekt der Palästinensischen Autonomiebehörde, welches allerdings keine konkrete Förderung erhält und daher eher im Stocken zu sein scheint, als tatsächlich eine 20151001_114000Alternative für die arabischen Dorf- und Stadtbewohner zu bieten. (Mehr über Rawabi kann man hier nachlesen).  Wir fahren auch an der wunderschönen Gebirgslandschaft um die Siedlung Ateret herum vorbei.

Nach etwa zwanzig Minuten kommen wir an der Me’ir-Wasserquelle an; der Fahrer ist so nett, uns direkt an die Quelle zu fahren. Wie schon in der Einleitung erwähnt, wurde die Anlage von den Jugendlichen der Ortschaft renoviert und erweitert. Auf dem 20151001_114438Bergabhang finden sich drei Wasserbecken und mehrere Sitzgelegenheit, mit und ohne Überdachung. Um zwei der Becken tummeln sich Familien mit Kindern, das dritte ist leer. Das Wetter ist wie geschaffen für einen Ausflug ans Wasser – heiß und sonnig, die Luft sauber.


 

Teil 2: Die Wanderung beginnt

Als ich ankomme, setze ich mich zu einer verheirateten Frau mit traditionellem Kopftuch auf einer Bank dazu und fange an, mich mit ihr zu unterhalten. Zu meinem Erstaunen zieht die Frau eine Zigarette hervor und beginnt zu rauchen – etwas für Frauen eher Unübliches in der nationalreligiösen Gemeinschaft. Sie wohnt in der benachbarten Siedlung Talmon, ist aber ebenso wie ich das erste Mal an dieser Quelle. Sie fragt mich, ob ich per Autostopp gekommen bin, was ich bejahe. Dann erzählt sie mir, dass sie das Trampen aufgegeben habe, als ihre Mutter ihr einst ihr erstes Auto gekauft hatte, denn diese wollte nicht, dass ihre Tochter sich ein Motorrad kaufe. Nach dieser Unterhaltung begebe ich mich zum Becken; das Wasser ist einladend und gar nicht so kalt und ich springe, mit T-Shirt und Rock bekleidet, hinein. Badekleidung wäre an diesem Ort nicht angemessen, und ist auch gar nicht nötig – die Kleider trocknen in der Sonne schnell. Kurze Zeit später gesellt sich zu mir ein junges und sehr verliebt wirkendes Paar – wahrscheinlich 20151001_115218frisch verheiratet, denke ich mir. Um sie nicht zu stören, steige ich aus dem Becken aus, ziehe mich in den Büschen um. Ich kann beobachten, wie die beiden auch ins Becken hineinklettern. Ein schönes Timing für einen romantischen Ausflug, muss ich zugeben.

Mithilfe von Google Maps und GPS (sehr nützliches Utensil für jeden Wanderer, fast schon besser als eine professionelle topografische Karte, zumindest für mich als Amateurin) finde ich den Beginn des Wadis auf der anderen Seite der Autobahn. Ursprünglich sollte ich die Wanderung mit einer organisierten Gruppe machen, zu dieser habe ich es allerdings nicht geschafft und muss somit den Weg alleine gehen.

20151001_124256Der Wadi beginnt auf der rechten Seite der Autobahn 465 abwärts, führt an einigen Weinplantagen und einem kleinen arabischen Bauernhof vorbei und weiter in das Tal zwischen den Hügeln. Ich klettere hoch auf die Hügel, um einen besseren Überblick zu behalten. Über mir kann ich einen Ziegenhirten erkennen, den ich auf Arabisch grüße, ebenso ein paar Feldarbeiter unterhalb von meinem Pfad. Der Pfad lässt sich nicht besonders gut erkennen, außerdem bevorzuge ich es, in dieser noch bewohnten Gegend eher weniger Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen –  immerhin wandere ich allein und kenne die arabischen Bauern hier nicht. Zu meiner Linken sehe 20151001_123021ich auf den Hügeln das Dorf Deir Nizzam und hinter mir weht auf einem anderen Hügel eine palästinensische Flagge. Dahinter befindet sich der Ort Nabi Saleh.

Nabi Saleh ist berühmt-berüchtigt für seine wöchentlichen, kravalleartigen Demonstrationen „gegen die israelische Besatzung“, bei welchen sich die lokalen Jugendlichen, angeführt von Mitgliedern der Tamimi-Familie und mit häufigem Beistand von pro-palästinensischen Aktivisten , gewalttätige Ausschreitungen mit der israelischen Armee liefern. Bei diesen Ausschreitungen gab es oft genug Tote und Verletzte; Steinewürfe und tätliche Angriffe stehen dabei an der Tagesordnung. Auch versuchen die Einwohner, an das benachbarte Neve Tzuf heranzukommen, woran sie die Armee hindert. Nabi Saleh ist auch bekannt durch seinen „Exportstar“, die heute 15-jährige Ahed Tamimi. In 2012 wurde die Tochter der

Ahed und ihre Eltern, die Aktivisten Nariman und Bassem Tamimi (Quelle: Ha'aretz)
Ahed und ihre Eltern, die Aktivisten Nariman und Bassem Tamimi (Quelle: Ha’aretz)

führenden „Widerstands“-Aktivisten aus Nabi Saleh, Nariman und Bassem Tamimi als Elfjährige zum ersten Mal gefilmt, wie sie, ihre Cousine und eine Gruppe anderer Kinder, in ärmellosem Hemd und Leggins Soldaten nahe der Ortschaft ankreischte und versuchte, auf einen eher amüsiert wirkenden Soldaten einzuschlagen. Die Szene wurde auf Youtube ausgestellt, ging um die Welt und wurde lange Zeit in den internationalen Medien diskutiert. Verschiedene Organisationen, solche wie CAMERA, stellten Recherchen zusammen, die eine organisierte Aktion und keinen „spontanen“ Protest hinter dem Auftritt von Tamimi aufdeckten. Ahed selbst, danach von ihren Spöttern als „Shirley Temper“ betitelt, tauchte

Ahed gegen die Soldaten, Quelle: Haber5
Ahed gegen die Soldaten, Quelle: Haber5

über Jahre in weiteren Clips der Tamimi-Familie auf (diese besitzt auch eine Facebook-Seite namens „Tamimi Press“). Für ihren Einsatz im „Palästinensischen Widerstand“ erhielt sie Auszeichnungen von Mahmud Abbas und sogar von

Ahed erhält die "Courage"-Auszeichnung in der Türkei (Quelle: DipnotTV)
Ahed erhält die „Courage“-Auszeichnung in der Türkei (Quelle: DipnotTV)

Erdogan, wofür sie extra in die Türkei geflogen wurde.  Mehr über Ahed Tamimi und Nabi Saleh kann man hier und hier nachlesen. 

Soweit zu Nabi Saleh. Ich gehe weiter, überquere den Wadi auf die andere Hügelseite, um dort einen einfacheren Pfad zu finden, und gehe entlang der dieser Region so typischen Steinterrassen. Die meisten davon scheinen verlassen zu sein, Früher wurden hier sicherlich Oliven oder gar Trauben angebaut, heute werden viele davon nicht benutzt. Die Terrassen können etliche Jahre alt sein – mehrere Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte, denn Terrassenbau war und ist hier die bevorzugte Art der Landbewirtschaftung. 20151001_130425

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So sieht eine lokale Eiche aus (Illustration)

Ich spüre einen leichten Wind. Die Luft ist sehr angenehm. Die Natur um mich herum ist sehr trocken; es ist Herbst und der Boden ist übersät mit Dornbüschen. Die Vegetation besteht aus lokalen Bäumen wie dem ‚Quercus Calliprinos‘, der lokalen Eiche, die im gesamten Mittelmeerraum verbreitet ist und auf Kalkstein wächst. Tatsächlich bestehen die Felshügel zum größten Teil aus Kalkstein.

Wer genau hinschaut: auf dem Hügel sind Ziegen zu sehen
Wer genau hinschaut: auf dem Hügel sind Ziegen zu sehen

Während der Wanderung lege ich einige Pausen ein, setze mich ins Gebüsch oder unter die Bäume, betrachte die Oliven, trinke viel und halte Ausschau nach Menschen. Das Tal ist einsam, in einiger Ferne auf den Felshügeln lassen sich hin und wieder Häuser der verschiedenen arabischen Ortschaften erkennen. Ich möchte allerdings ungern von deren Einwohnern erkannt werden.

Mein Weg führt mich entlang von Jeep-Spuren. Eine Zeit lang nehme ich an, dass dies der richtige Weg ist, muss aber nach wenigen hundert Metern einsehen, dass ich mich getäuscht habe. Der Pfad führt mich laut Google Maps in eine falsche Richtung, vielleicht zu einer Farm. Ich gehe die Meter zurück, befinde mich nun im Tal, zwischen den niedrigen Bäumen einer Olivenplantage und gehe weiter, in Talrichtung abwärts. Inmitten der Plantage, die bestellt aussieht, ist es aus mehreren Gründen vorteilhaft zu 20151001_133718wandern: Man hat sowohl Schatten als auch Blickschutz und kann herannahende Menschen hören. Die Bäume sind breit, kräftig, ihre Äste sehr niedrig und man kann viele Oliven sehen – offenbar wurde diese Ernte nicht oder noch nicht eingesammelt. Zu meiner Linken lässt sich bald eine Art trockenes Flussbeet erkennen – hier müsste in Regenzeiten der el-Hakim-Fluss selbst entlangfließen. Das ist mein eindeutiger Beweis dafür, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Nur nicht das Flussbeet aus den Augen verlieren!

Auf einer Terassenwand erkenne ich Graffiti auf Hebräisch und Arabisch. Je weiter ich gehe, desto mehr merke ich, wie sich die Landschaft langsam verändert. Die Hügeln weisen ein größeres Pflanzenwachstum auf; zu den Eichen gesellen sich nun auch die 20151001_134147Pistazienbäume. Es handelt sich dabei um die sogenannte ‚Pistacia palaestina/atlantica‘, eine regionale Art. Eine weitere, im Mittelmeerraum und speziell in Israel verbreitete Art ist der sogenannte Mastixstrauch oder -baum, ‚Pistacia lentiscus‘, und die Terpentin-Pistazie (Pistacia terebinthus). Leider kann mein

Die Früchte des Pistazienbaums
Die Früchte des Pistazienbaums

Photoapparat mit den Bildern nicht den Wind  übertragen, der nun, um die frühe Nachmittagszeit, durch das Tal weht und den Geruch von heißer Erde, Gewürzsträuchern und brennendem Holz mit sich trägt – offenbar wird irgendwo in der Nähe ein Feld zum Anbau freigemacht, und das wird hier mithilfe von kontrolliertem Feldbrand erledigt. Alles zusammen ergibt eine unvergleichliche Mischung von Gerüchen, die in hiesigen Bergen beheimatet ist.

Der Pfad taucht mal auf, mal verschwindet er. Ich treffe auf Brombeerbüsche; auch diese sind hier beheimatet, die Früchte sind allerdings noch nicht reif. Über mir, hoch auf dem Hügel, erkenne ich einige Bauten. Ich gehe etwas in Deckung und ziehe weiter; auf der Karte prüfe ich die Ortschaften nach. Offenbar handelt es sich dabei um die angrenzenden Gebäude des Dorfes Bait Rima.

Bait Rima hat eine besondere Geschichte. Der Name, den Untersuchungen von Forschern wie Yoel Elitzur (Ben Zwi-Institut / Akademie der Hebräischen Sprache) zufolge, geht auf ein antikes jüdisches Dorf namens Beit Rima zurück, welches im Talmud (Mishna, Minchot 88, 46) als eins der Orte erwähnt wurden, aus welchem der Wein in den Tempel gebracht wurde. Wir sprechen hier also von der Epoche des ZweitenTempels, noch vor seiner Zerstörung durch die Römer 70 n.d.Z. Interessanterweise wird an derselben Stelle ein weiterer Ortsname erwähnt – Beit Lavan. Das arabische Analog dazu, namens Al-Lubban al-Gharbi, lässt sich einige Kilometer weiter von Bait Rima, unweit der Siedlung Beit Arye (die das Endziel meiner Wanderung darstellt und sich auf derselben Bergkette befindet), wiederfinden. Es ist hinreichend bekannt und nachgewiesen, dass arabische Ansiedlungen in zahlreichen Fällen den Ursprungsnamen eines Ortes in arabischer Umwandlung übernahmen und so zu einem lebenden Nachweis für dessen frühere Existenz wurden. Mithilfe dieser Kenntnisse liessen sich schon über Jahre hinweg Nachweise für antike jüdische und kena’anitische Ortschaften finden.

Das Tal von Bait Rima war zur Zeit des Zweiten Tempels für seinen Weinanbau bekannt. Heute wurde der Weinbau durch Olivenbäume ersetzt, wobei nicht alle Plantagen tatsächlich bestellt werden, sondern nur zum Schein aufrecht erhalten werden: Es sind leider Fälle bekannt, bei welchen ausländische (= europäische) NGOs lokale Bauern ermutigten, auf unbearbeiteten Landflächen durch Baumpflanzung „Fakten“ zu schaffen und das Gebiet zu palästinensischer Anbaufläche zu erklären.

Heute ist Bait Rima ein als „feindlich“ eingestuftes Dorf und gehört offiziell der Zone A unter der Verwaltung der PA an. Aus dem Dorf stammten die Mörder des israelischen Generals und Tourismusministers Rechavam (Gandhi) Ze’evi, welche diesen am 17.Oktober 2001 in Jerusalem umbrachten.

Bait Rima gegenüber liegt das Dorf Abud. Heute sind ein Teil der Einwohner von Abud arabische Christen. Zu Zeiten des Zweiten Tempels (bis 70 n.d.Z.) und um den Bar-Kochba-Aufstand herum (2.Jahrhundert) lebten hier reiche Juden. In der Nähe des heutigen Abud wurden Grabfelder und Grabhöhlen gefunden, und auf den Grabsteinen sind teilweise Weinreben abgebildet – was darauf hinweist, dass die lokalen Bewohner im Weinbau tätig gewesen sind.

Arabische und jüdische Ortschaften. (Karte 2)
Arabische und jüdische Ortschaften. (Karte 2)

Der weitere Verlauf meiner Wanderung führt mich zu einer Brücke. Ich überquere die Straße, welche einerseits zwischen Abud und Bait Rima verbindet, und andererseits zu den Wasserquellen von Abud führt. Diese bekomme ich ebenso zu sehen, als ich weitergehe. An den Wasserquellen befinden sich kleine Anwesen, in manchen steht ein Schwimmbecken. Meine Ankunft überrascht einige arabische Jugendliche, die in einem aufblasbaren Swimmingpool herumtoben. Die Quellen scheinen beliebt zu sein; ich sehe weitere niedrige Häuser mit breiten Gärten und Autos, die davor parken. Der Weg führt mich hinab. Ein Bauer mit seinem Pferd bearbeitet sein Feld und sieht nicht, wie ich an ihm hinter den Bäumen, die uns trennen, vorbeigehe.

Vor mir auf den Hügeln sehe ich rotgeziegelte Häuser. Der Bauart nach (und auch laut meiner Karte) sollte das eine jüdische Ansiedlung sein. Beit Arye? Schon angekommen? Eigentlich wäre ich noch gerne weiter gelaufen, der Wadi schlängelte sich weiter zwischen den Hügeln, doch dann höre ich stimmen. Ich habe 20151001_160119tatsächlich meine Wandergruppe gefunden, mit der ich eigentlich hätte laufen sollen. Die Teilnehmer sitzen etwas erschöpft an einer aus einem Fels sprudelnden Quelle, an ihrer Seite zwei Soldaten und der Reiseleiter. Er winkt mir zu. Ich scheine noch rechtzeitig seine Erklärungen zu den früheren jüdischen Ansiedlungen hier in der Gegend mitzubekommen. Neben der Wasserquelle, an der wir sitzen, befindet sich eine alte britische Wassermühle, welche hier zur Mandatszeit die Wasserversorgung für die Ortschaften verwaltete.

Sicht auf die Berge hinter Beit Arye
Sicht auf die Berge hinter Beit Arye

Teil 3: Abschluss

Ich bin also am Ziel der Wanderung angelangt. Oberhalb des Wadis, hinter uns, befindet sich schon die Siedung Bet Arye, und ich scheine sogar etwas zu weit gelaufen zu sein. Es ist später Nachmittag, die Sonne wird weich, es wird etwas windig. Wir steigen den Hügel hoch und laufen den Häusern von Beit Arye entgegen, die von einer Stützmauer umgeben sind. Beit Arye ist eine nichtreligiöse Siedlung von etwa

Beit Arye
Beit Arye

3000 Einwohnern, in ihr leben und arbeiten Israelis aller möglichen Ausrichtung; viele arbeiten im Landeszentrum und an der Küste.

Die anderen Wanderer und ich setzen sich an den Straßenrand nahe des Ausfahrtstores, betrachten die Dämmerung und warten auf den Autostopp. Viele sind mit eigenen Autos gekommen. Es dauert eine Weile, bis jemand anhält, der Richtung Jerusalem fährt. Die meisten fahren nach Ofarim, einer weiteren kleinen Ansiedlung neben Beit Arye, in welcher ein Großteil der Einwohner Juden jemenitischen Ursprungs leben. Ich kenne einen guten Freund, der dort lebt, dieser ist jedoch nicht daheim.

Von Beit Arye aus gibt es eine Aussicht auf die Küste und die Hochhäuser von Tel Aviv. Diese sehe ich trotz Dämmerung am Horizont. 20151001_171135

Nach Jerusalem gelange ich über die Shilat-Kreuzung, eine große Kreuzung an der Autobahn 443 vor der Einfahrt in die Stadt Modi’in, zu der mich eine Fahrerin bringt. Es braucht mich noch zwei weitere Tramps, um ins Jerusalemer Zentrum zu gelangen, und von dort aus fahre ich heim, müde, aber zufrieden. Der Trip ist mir gelungen und meine Eindrücke sind wunderbar und zahlreich. Ich kenne nun einen weiteren, wunderschönen Teil des Landes Israel.


Als Fazit möchte ich noch erwähnen, dass solche Wanderrouten in Judäa und Samaria nicht ohne Sicherheitsvorkehrungen durchwandert werden sollten: Basismittel zur Selbstverteidigung  – Pfefferspray oder besser gar Handfeuerwaffe. Die Wanderrouten erfordern Ortskenntnis und Ortsverständnis. Eine Karte ist unbedingt notwendig. Der Wadi el-Hakim selbst ist als offizielle Wanderroute anerkannt und es lässt sich dazu online weiteres Material finden. Feldschulen, so beispielsweise die Feldschule „Ofra“, kennen sich mit den lokalen Wanderwegen aus und können Auskunft geben. Mit ihnen sollte man sich unbedingt beraten. Ebenso sollte auch bei der lokal stationierten Armeeeinheit/Sicherheitsabteilung Rat eingeholt werden, ob die Gegend zu gewünschten Zeit als begehbar gilt oder ob es Sicherheitswarnungen gibt.

Weiterführende Links: 

Mehr über die Binyamin-Region und lokalen Tourismusn(englisch)http://www.n-binyamin.co.il/eng/

Feldschulen in Israel: http://www.natureisrael.org/FieldSchools

Wanderweg Wadi el-Hakim (hebräisch)Hamaayanot 

 

 

 

NEWS: Beim Einkaufen ermordet. Yannai T.Weissmann

Erst vor einigen Tagen hatte ich mich mit der Journalistin Jennifer Bligh vom Jugendmagazin des Spiegels, bento, darüber unterhalten, wie wir unter ständiger Anschlagsgefahr unseren Alltag bestreiten. Ich hatte ihr von unserem Supermarkt des Magnaten Rami Levy erzählt, der in ganz Israel, so auch in Judäa und Samaria Zweigstellen seines Riesendiscounts stehen hat und seine Leitlinie dabei ist, diesen für alle Bevölkerungsgruppen offen zu halten und auch dort arbeiten zu lassen. Daher haben auch die arabischen Einwohner von Judäa und Samaria keinerlei Probleme, in diesen Supermärkten zusammen mit der jüdischen Bevölkerung einzukaufen und auch zu arbeiten. So ist das hier in Gush Etzion, so ist das auch in Südsamaria, unweit Jerusalem, im Industriegebiet Sha’ar Binyamin.

Ich habe ihr auch von einem Terroranschlag erzählt, der vor einigen Monaten, noch zu Beginn dieser „Messerintifada“, wie man sie heute nennt, sich ereignet hatte; auf dem Parkplatz vor dem ‚Rami Levy‘-Supermarkt hier in Gush Etzion. Am 28.10.15 hatte dort ein Terrorist eine Frau angefallen und in den Rücken gestochen. Die Frau wurde nicht schwer verletzt. Auch im anderen großen und wohlbesuchten ‚Rami Levy‘, dem in Südsamaria-Binyamin, ereignete sich einige Wochen danach ein Anschlag – wieder stach ein Terrorist auf einen jüdischen Anwesenden vor dem Geschäft ein, verletzte ihn mittelschwer und flüchtete. Das war am 06.11.15. Was für Sicherheitsvorkehrungen dort danach getroffen wurden, weiss ich nicht. Bei uns hat sich die Mitarbeiterlandschaft im Geschäft etwas verändert, offenbar wurden einige arabische Mitarbeiter durch andere ersetzt, nach welchen Abwägungen auch immer. Geschäftsinhaber Rami Levy selbst soll seitdem Messer aus den Verkaufsregalen entfernt haben; was den Zutritt für arabische Einwohner betrifft, so wurde dieser meines Wissens nicht beschränkt, arabische Kunden aus den Dörfern kommen weiterhin zum Einkaufen. Eine Zeit lang hatten die jüdischen Einwohner bei uns Bedenken, wieder zum Geschäft zu gehen; die Lage hatte sich aber wieder entspannt, Zeit verging und die Normalität kehrte in die Gemüter ein.


Das war der Vorspann, und jetzt die eigentliche Geschichte:

Gestern, 19.02.16 drangen drei 14-jährige arabische Jungs aus dem Dorf Baitunya bei Ramallah in den  ‚Rami Levy‘-Supermarkt im Industriegebiet Sha’ar Binyamin (Südsamaria) ein. Dem Sicherheitsbeamten, welcher vor jedem größeren Supermarkt in Israel, so auch vor diesem steht, kam einer der Jungen suspekt vor, er folgte ihm (so die Berichte der israelischen Medien und die Aufzeichnungen der Sicherheitskameras im Geschäft) hinein und hielt ihn schließlich an,

Ortskarte
Ortskarte

führte hinaus und überprüfte, ob er eine Waffe bei sich trug. Der Junge war unbewaffnet. Während der Beamte ihn prüfte, wanderten die anderen zwei von Regal zu Regal und fingen schließlich an, zu schreien, riefen einen großen Tumult hervor und in diesem stachen sie auf zwei Menschen ein – einen 32-jährigen Kunden und einen weiteren, einen 21-jährigen Soldaten, der sich mit seiner Frau und der viermonatigen Tochter im Geschäft befand. Der

Yanai Tuvia Weissmann, 21, Sergeant. (Ynet)
Yanai Tuvia Weissmann, 21, Sergeant. (Ynet)

Soldat, Yannai Tuvia Weissmann, war gerade auf Urlaub und unbewaffnet, rannte jedoch zum Tatort, als er Schreie zwischen den Regalen hörte.

Die jungen Terroristen versuchten zu flüchten, wurden aber von anderen Kunden aufgehalten, unter anderem von einem, der eine Waffe bei sich trug und auf einen der Täter schoss. Sicherheitsbeamte und Soldaten eilten herbei und schossen auch den anderen an. Einer starb an Ort und Stelle, der andere wurde evakiert.

Yannai Tuvia, der 21-jährige Sergeant und Vater aus der Siedlung Ma’ale Michmasch in Südsamaria, wurde lebensgefährlich verletzt und zusammen mit dem anderen Verletzten evakuiert – doch die medizinischen Bemühungen, ihn zu retten, fruchteten nicht. Er verstarb kurze Zeit später an seinen Verletzungen.

Yanai Tuvia Weissmann, Frau Ya'el und Baby Netta (NRG, Familienarchiv)
Yanai Tuvia Weissmann, Frau Ya’el und Baby Netta (NRG, Familienarchiv)

Yannai, erst 21 Jahre bei seinem Tod, wuchs in derselben Siedlung wie seine junge Frau Ya’el auf – Ma’ale Michmasch, in den Hügeln von Südsamaria, im Umkreis von Jerusalem und Ramallah. Freunde und Bekannte berichteten bei seiner Beisetzung auf dem Armeefriedhof auf dem Herzl-Berg in Jerusalem (heute, 19.02), er sei herzlich, hilfsbereit, freundschaftlich und mutig gewesen, habe großen Wert auf Aufrichtigkeit und Wahrheit gelegt, wollte seinem Dienst in der Armee in der Nahal-Brigade gerecht werden. Erst vor etwa zwei Jahren – da war er noch 19 – heirateten sie mit Ya’el. Vier Monate vor dem Attentat wurde den beiden das erste Kind geboren – ein Mädchen, Netta. Am Tag des Attentates befand sich Yannai im Kurzurlaub vom Dienst. Da er in einer Kampfeinheit diente, sah er die junge Frau und das Baby meistens nur am Wochenende. Das erzählte Ya’el bei der Beisetzung, heute morgen in Jerusalem, als sie sagte:

„Mein Geliebter, wer hätte gedacht, dass ich dir schreiben würde, und du würdest nicht mehr mit mir sein. In der wenigen Zeit, die wir zusammen an den Wochenende hatten, hattest du dafür gesorgt, alles wieder aufzuholen. Du hattest gehört, dass ertwas passiert sei, und ranntest hin und ich hatte auf dich gewartet. Du warst immer bereit, zu geben, unaufhörlich. Wärst du nicht hingelaufen, wärst du nicht der Yannai gewesen, den ich kenne und in den ich mich verliebt habe.  (…) Ich danke dir für unsere Netta.“ (NRG)

Einige hundert Menschen versammelten sich bei der Beisetzung. Die Nachrichten widmeten gestern die Schlagzeilen dem Anschlag. Laut den ersten Polizeiermittlungen wurde von einer Nachlässigkeit in der Sicherheitsüberprüfung am Eingang gesprochen; die Polizei, so hieß es in den Berichten, drohte gar, die Zweigstelle vorerst zu schließen, bis die Sicherheitsfragen gelöst und die Überwachung verstärkt werden würde. Der Geschäftsinhaber Rami Levy wurde am kommenden Sonntag zu einer Anhörung bei der Polizei vorgeladen.

Und das Nachrichtenportal NRG veröffentlichte währenddessen ein Video, das Tränen aufkommen ließ – das Hochzeitsvideo von Yannai und Ya’el. Das Lied „Am Anfang der Welt“ von Shlomi Shabbat spielte im Hintergrund, die Worte des Refrains begleiteten die Aufnahmen der emotionalen Momente, als der Bräutigam an die Braut herantrat, ihr den Brautschleier über das Gesicht zu legen, sie beide unter dem Traubaldachin, der Huppa, die Trauungszeremonie durchgingen; das bescheidene Lächeln und den ernsten Blick von Ya’el, die Tränen von Yannai.

Nein, das ist kein Zufall

Gott webt und verbindet

mit goldenen Nähten zwischen uns.

Das, das ist die Art des Schöpfers,

die Gegenwart zu heiligen

Mit dem Sternenbaldachin über uns.

Meine gute Freundin Michal, welche heute unweit von mir in der Siedlung Karmey Tzur bei Gush Etzion lebt, veröffentlichte heute morgen auf Facebook einen Beitrag, der mich, trotz aller alltäglichen Verpflichtungen, innehalten und nachdenken ließ. Sie fasste mit ihrem Text zusammen, was vielen in diesen Monaten durch den Kopf geht. Ich meine, sie schaffte es auch, mit diesem kurzen Text die Tragik der Attentate und ihrer Opfer, täglich, wöchentlich neu dazukommend, zu erfassen. Hier ihr Text, von mir übersetzt:

Es gibt Gesichter, die in uns wie eingraviert sind, sie sind ein Teil von den Gesichtern von uns allen. Ich schaue auf die Bilder von Tuvia Yannai Weissmann (soll Gott seinen Tod rächen) und stelle mir vor, was für ein erfülltes Leben er gehabt hat und was für ein junger Mann und Mensch er gewesen ist… gewesen ist…

Und gleichzeitig steigen in mir andere Bilder auf, die von Hadar Cohen und von Dafna und von Na’ama und Eytam und von Avraham und Ezra und Ya’akov und Netanel und von noch einem Ya’akov und noch einer Hadar und von Dalia und von Shalom und von Naftali, Gil-ad und Eyal und von noch mehr und noch mehr; und ich nehme an, dass es durchaus sein kann, dass ich sie einmal irgendwo gesehen und sie flüchtig getroffen habe, irgendwo draußen, unterwegs, und wenn nicht, dann hätte es passieren können, dass ich an ihnen vorbeigegangen war, ohne es zu bemerken – und es war auch nicht nötig, sie zu bemerken, denn wir alle gehen aneinander vorbei, jeder seinen Aufgaben nach. 

Und jeder Einzelne von uns hat seine Aufgaben, sein Leben, und ihre Gesichter sind mein Gesicht, unser Gesicht. Und ihr Leben ist mein, unser Leben. Und es gibt Tage, da kann ich einfach nicht aufhören, das zu lesen, was man über die Ermordeten, die „Opfer, schreibt und erzählt, um zu verstehen und ein wenig ein Gefühl dafür zu bekommen, wer sie gewesen sind  – denn mit einem Messerstoß und einem Drücken auf den Abzug sind sie nicht mehr, und auch wir sind nicht mehr das, was wir waren, als sie noch waren. 

Gott, gib deinem Volk Stärke und segne uns mit Frieden, Vollkommenheit, auf dass wir vollständig seien und uns an nichts mehr fehlen möge.