Archiv der Kategorie: Attentate

Schreibpause, Updates

Liebe Leser/-innen,

wie ihr schon gemerkt haben werdet, habe ich seit Längerem nichts Neues mehr veröffentlicht. Ich habe momentan eine Schreibpause eingelegt, die wohl noch etwas dauern wird; ich hoffe, ihr werdet es mir verzeihen und dennoch weiterhin auf den Blog schauen. Es lohnt sich, den Blog zu abonnieren, um so nicht zu verpassen, wenn ich wieder neue Beiträge hochladen werde. (Siehe „Lies mit“ rechts in der Seitenleiste ⇒ )

Es haben sich in dieser Zeit einige Dinge um die jüdische Gemeinschaft in Judäa und Samaria getan:

  • das Pessach-Fest ist am Montag (17.04) zu seinem Ende gekommen. Tausende von Besuchern aus dem ganzen Land bevölkerten während der Pessach-Feiertage (7 Tage insgesamt) die zahlreichen Besucherattraktionen und Wanderrouten in ganz
    Blick aufs Tote Meer

    Judäa und Samaria. Auch ich habe mich, wie vor fast drei Jahren, auf eine Nachtwanderung zwischen der Ortschaft Kfar Eldad im Osten Gush Etzions und dem Toten Meer, quer durch die Judäische Wüste, begeben;

  • wenige Tage vor Pessach ereignete sich ein Attentat gegen zwei an der Bushaltestelle gegenüber der Ortschaft Ofra wachende
    Sg.Elhai Taharlev sel.A.

    Soldaten. Ein Terrorist überfuhr diese mit seinem Wagen. Dabei wurde der Soldat Elhai Taharlev (20) aus der unweit von Ofra liegenden Ortschaft Talmon getötet. Die trauernde Familie musste ohne ihren Sohn das Pessachfest begehen;

  • der Gründer und rabbinische Vorstand der Vorbereitungsakademie für die Armee in Eli (Binyamin-Region), Rabbiner Yigal Levinstein, hat mit seinen taktlosen
    Rabbiner Yigal Levinstein

    Ausführungen zum geschlechtsgemischten Armeedienst einen Skandal und eine große Debatte innerhalb der Gesellschaft ausgelöst, vor allem in nationalreligiösen Kreisen und bei führenden Rabbinern der Siedlerbewegung;

  • das Mädchen Ayala Shapira, welche im Dezember 2014 (Die Siedlerin berichtete) von einer Brandbombe, die ein jugendlicher Attentäter auf das Familienauto geworfen hatte, schwer verletzt worden war, hielt eine Ansprache vor Mitgliedern des EU-Parliaments im Rahmen der neu gegründeten „Freundschaftsgruppe für Judäa und Samaria“, einer
    Ayala Shapira spricht vor den Parlamentariern

    Unterstützungsgruppe aus EU-Parlamentariern, die vom Vorsitzenden der Regionalverwaltung Judäa und Samaria, Yossi Dagan, initiiert worden war. In ihrer Ansprache, bei welcher auch ihre Eltern dabei gewesen waren und gesprochen hatten, wies Ayala die Anwesenden darauf hin, dass bestimmte EU-Gelder, die an die palästinensische Autonomiebehörde überwiesen werden, von dieser an die Attentäter und ihre Familien gezahlt würden, und bat, die Überweisung dieser Gelder zu stoppen.

  • die „Autobahn des Terrors“ zwischen dem Dorf Hussan und der Stadt Beitar Illit in Gush Etzion, auf welcher es täglich
    Das Auto von Eli’ezer Lesovoy nach der Attacke

    Steinattacken gegen israelische Fahrzeuge gegeben hatte, wurde gerade durch die Armeekräfte als „ungefährlich“ erklärt – kurz darauf begann der Steinterror wieder, und das trotz eines Briefes der Einwohner von Hussan, sie würden sich gegen die Attacken stellen und sich die jüdischen Einkäufler im Dorf zurückwünschen. Auch das Auto meiner Freunde wurde von einem großen Steinblock getroffen – es gab zu Glück keine Verletzte;

    Shlomo Neeman
  • der neue Regionalvorsitzende von Gush Etzion, Shlomo Ne’eman, der im März dieses Jahres gewählt worden war, hat endlich seine Arbeit vollends aufgenommen;
  • und natürlich kommt man nicht um Steinattacken und hin und wieder Molotow-Cocktails auf israelische Autos und Molotow-Cocktails auf  herum. Und ab und zu gibt es auch feindliche Auseinandersetzungen zwischen jüdischen und arabischen Nachbarn – zumeist in der Samaria-Region.

Auch ich habe einiges hinter mich gebracht – so beispielsweise eine kleine Gruppe deutschsprachiger Teilnehmer einer Bildungsreise, die von der taz und ihrer Israel-Korrespondentin Susanne Knaul, zusammen mit ihrem Kollegen Georg Baltissen, organisiert worden war.

Ich hoffe, bald wieder zum Schreiben zu kommen und verbleibe bis dahin mit herzlichen Grüßen und guten Wünschen für den Frühling. Ich hoffe sehr, dass diejenigen unter euch, die Ostern feiern, ein gelungenes Fest gehabt haben!

Chaya

 

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Alon Shvut trauert um Erez

Der tödliche Anschlag in Jerusalem am 08.01.17 (diese Woche Sonntag), bei welchem ein Terrorist aus dem arabischen Jerusalemer Viertel Jabal Mukabber mit einem LKW in eine Gruppe junger Offiziersanwärter/-innen auf der Promenade von Armon Hanatziv raste, forderte 4 Tote und über ein dutzend  zum Teil schwer Verletzte. Es war der erste Anschlag in Israel, welcher zu unerwarteten Solidaritätsgesten in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden führte – dem Projezieren der israelischen Flagge auf offizielle Einrichtungen – jeweils in Berlin (Brandenburger Tor), Paris (Rathaus) und dem Aufsetzen der israelischen Flagge auf Halbmast über dem Rathaus von Rotterdamm (laut i24 und Ynet eine Initative des aus Marokko stammenden Rotterdamer Bürgermeister).

Tatsächlich ist die große Aufmerksamkeit, die auch in den internationalen Medien diesem Attentat überraschenderweise gewidmet wurde, wohl den ähnlich ausgeführten Attacken in Nizza und Berlin zuzuschreiben, welche diese Art des Terrors auch Europa näher gebracht haben. Israel hat zahllose Attacken dieser Art durchleben müssen, ohne dass darüber besonders berichtet worden war. Seit Nizza und vor allem Berlin scheint die Einstellung dazu sich gewandelt haben.


Erez Orbach sel.A. Quelle: Internet
Erez Orbach sel.A. Quelle: Internet

Eines der Opfer des grausamen Attentates war der 20-jährige Erez Orbach, ein typischer Jugendlicher bzw. schon junger Mann aus der Ortschaft Alon Shevut in Gush Etzion, Abgänger eines religiösen Instituts  (Jeshiva) und lange Zeit Mitglied der beliebten Jugendbewegung Bnei Akiva. Erez, der Älteste von sechs Kindern, war, so beschreiben ihn Familie und Freunde, ein ruhiger, bescheidener Junge, fleißig und begabt, der sich sehr für religiöse Studien interessierte und immer darauf aus war, sich als Mensch zu verbessern. Er wurde für seine Freundschaft geschätzt. Immer wieder erwähnten diejenigen, die ihn kannten, in den zahlreichen Artikeln nach dem Mord an Erez sein Lächeln, welches sie weiterhin begleiten würde.

Die Eltern von Erez, Uri Shraga und Keren Or, leben in Alon Shevut seit vielen Jahren; der Vater Uri ist hier geboren worden. Sowohl er als auch sein Vater Moshe Orbach, Erez‘ Großvater, sind bekannte Handwerkmeister in Gush Etzion. Uri war zudem bis vor Kurzem der stellvertretende Leiter der Rettungseinheit der Region.

Da Erez von Geburt an an einer chronischen Krankheit zu leiden hatte, hätte er nicht in der Armee dienen brauchen. Auf der Beerdigung, welche einen Tag später, am 09.01. auf dem lokalen Friedhof von Kfar Etzion stattfand, erzählten Mutter Keren und Großmutter Yemima von den gesundheitlichen Problemen, welche ihren Sohn schon knapp einige Monate nach seiner Geburt begleiteten und deren Konsequenzen er durch das ganze Leben zu tragen hatte. Diese, so Keren , habe Erez stets mit Fassung ertragen, ebenso die immerwährenden Krankenhausaufenthalte. Trotz der

Erez in Uniform. Quelle. Internet
Erez in Uniform. Quelle. Internet

automatischen Befreiung vom Armeedienst bestand Erez darauf, „für den Staat dienen“ zu wollen, als eine moralische Pflicht, und ging freiwillig zur Armee. Zum Zeitpunkt des Attentates befand er sich im Offizierstraining und sollte nach Abschluss diesen in einer Analyseeinheit der israelischen Luftwaffe dienen.  Seine Cousine erzählte mir eine Anekdote aus Erez‘ kurzer Armeezeit:

„Er war zu seinem Befehlshaber gekommen und fragte diesen, ‚Wann gehe ich zum Offizierskurs?‘ Dieser habe gelacht und geantwortet, ‚Nicht wann, sondern ob‘. Daraufhin Erez: ‚Ich fragte nicht ob, sondern wann.“

15965123_1836217899995090_7106234027639568577_nAuf der Beerdigung  hatten sich mehrere tausend Menschen versammelt; Soldaten aus der Einheit, in welcher Erez gedient hatte, und aus anderen, sowie viele Offiziere waren gekommen. Auch viele Jugendliche waren anwesend – aus der Jugendbewegung, der Schule und dem Bekanntenkreis in ganz Gush Etzion. Einer seiner guten Freunde, Daniel aus Alon Shevut: „In seiner Stufe und bei ‚Bnei Akiva‘ sind alle wie eine Familie‘.“ Viele Jugendliche weinten. Bei den Grabreden betonten sowohl Vater Uri als auch Mutter Keren die Dankbarkeit, 15871904_1836218053328408_8601772489883548939_nwelche sie empfinden dafür, dass Erez ihr Sohn sein durfte. Die Großmutter unterstrich die besondere Ehre, welche Erez immer seinen Eltern zu erweisen pflegte. Bruder Alon und auch Keren trugen ihre Grabreden sehr gefasst und kurz, aber auch eindringlich vor; Uri konnte die Tränen nicht zurückhalten. (Daniel erzählte mir später, er hätte Uri das erste Mal im Leben weinen gesehen, als er vom Tod des Sohnes erfuhr).

15940733_1836218136661733_6139686160657060721_nNachdem das Totengebet „E-l Male Rachamim“ vom Armeekantor vorgetragen worden war und die Zeremonie offiziell vorbei war, sammelten sich Erez‘ Freunde um das frische Grab, öffneten einen 15873355_1836218229995057_7582872801940673288_nKreis und sangen Lieder aus jüdischer Tradition und Liturgie, etwa eine Dreiviertelstunde lang, solche wie „Meine Seele ist durstig nach Gott“ (Psalm 42, Melodie hier) und „Wenn die Seele leuchtet, dann strömt selbst ein wolkenverhangener Himmel ein wohliges Licht aus“ (Rav A.Y.Kuk, Melodie hier). Es schien, als würden sie die Seele des ermordeten Kameraden mit den Liedern auf ihrem letzten Weg begleiten wollen.

 

Der Friedhof in Kfar Etzion hatte schon Einiges gesehen; als letztes Terroropfer wurde dort Major Eliav Gelman begraben, als er bei einem Schusswechsel zwischen IDF-Soldaten bei dem Versuch, einen Terroristen an der Etzion-Kreuzung zu fassen, ums Leben gekommen war. Kfar Etzions Friedhof war aber schon seit langer15895039_1836218329995047_954996063467577738_n Zeit unfreiwillige Heimstatt für Opfer der zahllosen Auseinandersetzungen und Kriege – noch vor dem Unabhängigkeitskrieg, bei dem Fall des Kibbutz im Mai 1948 und danach, nach der Wiedereroberung des Gebietes in 1967.  Erez wurde auf der neuen Friedhofsabteilung für israelische Soldaten begraben, welche erst vor Kurzem eingerichtet worden war. Er wurde der erste dort begrabene Soldat. Nach seinem Tod wurde er in den Rang des Unterleutnants erhoben.


Seit Montagnachmittag sitzt die Familie Orbach Shiva, das Trauersitzen, welches sieben Tage dauert und während welchem diejenigen, die an der Trauer Anteil nehmen wollen, zu der Familie kommen können. Gestern (11.01) besuchte auch Reuven Rivlin, Israels Staatspräsident, die Familie. Zum Vater Uri sagte er:

„Die Geschichte von Erez, dem Kampf für die Gemeinschaft, selbst wenn vor einem keine einfachen Herausforderungen liegen, diese Geschichten formen den Ethos des jüdischen Volkes in Israel.“ (INN)

 

Islam hat ein Problem

An jenem verhängnisvollen Freitag, dem ersten Julitag, waren der junge Mann aus dem als Flüchtlingslager bekannten Al-Fawar nahe Hevron und seine Frau zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um die überlebenden Mitglieder der Mark-Familie aus Otniel nach dem tödlichen Attentat aus dem zerschossenen Wagen zu zerren. Sein Name und seine herzerwärmende Erklärung zu seiner Tat bekamen ihren Platz in den israelischen Nachrichten und er wurde hochgelobt. Verständlich – er hatte der 15-jährigen Tehila, dem 13-jährigen Pedaya und ihrer Mutter Chava das Leben gerettet, und das, obwohl die Familie Mark als der größte Feind der palästinensischen Araber gilt: sie sind jüdische Siedler. Zum israelischen Channel 1 sagte er noch am Tatort,

Ich will nicht, dass mir jemand Danke sagt. Ich habe es aus menschlichen Gründen getan und für Gott.

Heute hat dieser junge Mann, Islam al-Bayd (Bid) heisst er, ein Problem: Seine Tat hat bei vielen seiner Mitbrüder sowie bei der von ihnen gewählten Regierungsvertretung – der palästinensischen Autonomiebehörde – Unmut erregt, und das gelinde ausgedrückt:

Islam wurde seine Arbeitsstelle, die er bei der PA innehatte, fristlos gekündigt. So vermeldeten es vor wenigen Wochen einige der israelischen Medien, darunter auch Ynet. Darüber ausgesagt haben sowohl der Vorstand der Bezirksverwaltung der Südhevronberge, Yochai

Bezirksvorstand der Region Suedhevron, Yochai Damari (links) und Islam al-Bayd. Quelle: Bezirksverwaltung S.H.
Bezirksvorstand der Region Suedhevron, Yochai Damari (links) und Islam al-Bayd. Quelle: Bezirksverwaltung S.H.

Damari, als auch die Justizministerin Ayelet Shaked. Auf Nachfrage einiger israelischer Reporter handelte es sich bei dem Entlassenen nicht um Dr.Ali Shuruch, dem dritten arabischen Helfer am Tatort, da dieser eine Privatklinik besitzt. Dieser verneinte es auch.

Auf die Veröffentlichung dieser Affäre hin reagierten viele mit Empörung und im Netz kamen Rufe auf, dass dem Helfer, der nun nun den Status eines Helden erhielt, von israelischer Seite zwingend geholfen werden sollte. Derselben Ansicht war auch die Bezirksverwaltung von Südhevron, die führenden Köpfe der Siedlung Otniel und die Ministerin Shaked. Yochai Damari wurde bei Ynet wie folgt zitiert, wobei die Nachrichtenseite auch angab, dass die Umstände der Entlassung nicht gänzlich geklärt seien:

„Darauffolgend (nach der Hilfeleistung, Anm.D.S.) wurde er von seiner Arbeit entlassen. Ich habe mich mit ihm getroffen und er bat mich, ihm dabei zu helfen, ein Arbeitsvisum (in Israel, Anm.D.S.) für ihn zu genehmigen. Ich habe mich in einem Brief an den Verteidigungsminister gewandt und ihn um Mithilfe bei der Erteilung eines Arbeitsvisums für beide (Islam und den Arzt, Anm.D.S.). Ich habe mich mit ihnen getroffen, ich kenne die allgemein bekannten Schwierigkeiten, aber ich bin überzeugt, dass es unsere Pflicht als jüdisches Volk ist, denjenigen Dank zu zollen, die sich wie Menschen verhalten und das, was von ihnen erwartet wird, auch tun.“ (Ynet 08.08.16)

Auch wurde in den Artikeln berichtet, dass Islam und seine Frau Drohungen aus ihrer persönlichen Umgebung bekommen hatten. Islam bat die Journalisten, sein Gesicht nicht öffentlich zu zeigen.

Zwei Dinge lassen sich aus diesem bedauernswerten Inzident, knapp formuliert, lernen: Die Siedler sind den fremden Freunden Freunde. Die palästinensische Autonomiebehörde ist sowohl den Fremden als auch den Eigenen Feind.

 

(Auf Deutsch wurde über dieses Thema nur bei Audiatur Online und Israel Heute berichtet: Audiatur Online Israel Heute )

Ein „Haus“-Besuch aus Bethlehem

Über den Besuch bei der Familie Mark habe ich ja hier schon berichtet. 

Jetzt würde ich gerne aber von einem weiteren Besuch erzählen, der allerdings von ganz anderen Leuten durchgeführt worden ist.


Erfahren habe ich darüber von einem guten Freund und Friedensaktivisten (ja, genau das, Friedensaktivisten!), sein Name ist Inon Dan Kehati, er lebt in Jerusalem und wie jeder gute Friedensaktivist hat er einen Traum. Den Traum von einem gemeinsamen „Haus“ für Israelis und Palästinenser, für Juden und

Inon Dan Kehati. Quelle: Facebook.
Inon Dan Kehati. Quelle: Facebook.

Araber, indem das gesamte Land – Judäa, Samaria, Golan, Gaza und der Rest – ein Heim für beide Völker bieten soll, wenn man die Tatsache akzeptiert, dass niemand von den beiden von hier zu gehen beabsichtigt. Inon nennt „Westjordanland“ Judäa und Samaria, geht gleichzeitig in Bethlehem ein und aus, hat rund um sich (und bis vor Kurzem mit seinem palästinensisch-amerikanischen Partner John Elias Dabis) arabische und jüdische Gleichgesinnte gescharrt, spricht sich für jüdische Anwesenheit in den „umstrittenen Gebieten“ aus und ist im Netz vor allem für seine Jerusalemer Aktion „Cleaning the Hate“ bekannt, bei welcher er gemeinsam mit Freiwilligen in und um Jerusalem Müll sammelt. Als eine Art gemeinsamer Aktivität mit positivem Resultat. Er will sich und sein Tun nicht mit politischen Parteien in Zusammenhang gesehen werden. Auf Facebook, wo er sehr aktiv ist, folgen ihm unter anderem auch viele arabischstämmige junge Leute.

Die Organisation, die er in 2015 gemeinsam mit John E.Dabis 801c9f_ed31d22d43aa41b1a8b295a7432c6540gegründet haben, nennt sich genau wie seine Vision „The Home/Habait/Albeyt“ (Das Haus) und basiert auf einer sogenannten „Acht-Schritte-Jerusalem-Resolution“. Ich vertrete seine Organisation nicht und werde das Ganze hier nicht allzu breitlegen, wer sich interessiert, kann hier nachlesen, worum es sich dabei handelt (auf Englisch).

Ich wollte aber von einem Besuch erzählen, gell?


Am 21.Juli besuchte eine kleine Gruppe palästinensischer Araber aus Bethlehem die Familie Mark aus Otni’el, deren Familienoberhaupt Michael (Michi) Mark am 01.07.16 auf der Autobahn 60 nach Otniel von Terroristen erschossen worden war. Das Treffen wurde von Inon D.Kehati über den „The Home“-Verein initiiert und organisiert. Im praktischen Sinne sah es so aus, dass Inon selbst nach Bethlehem reiste, die Besuchswilligen aus dem als

Einfahrt zum Aida-Camp in Bethlehem. (c) Inon D.Kehati
Einfahrt zum Aida-Camp in Bethlehem. (c) Inon D.Kehati

Flüchtlingslager bekannten Aida-Camp in Bethlehem abholte und sie gemeinsam sich auf die Reise nach Otni’el in den Südhevronbergen aufmachten. Dort warteten, wie zuvor abgemacht, die Kinder der Familie Mark auf sie. Shlomi und Shira, die älteren Geschwister der Familie, hatten es mit Inon koordiniert.

Bethlehem auf der Karte. Eine Stadt mit rund 30.000 Einwohnern (Quelle: offizielle Seite der Stadtverwaltung. Unklar, ob auch die Außenregionen wie Elkhadr und Beyt Sahur dazugehören).
Bethlehem auf der Karte. Eine Stadt mit rund 30.000 Einwohnern (Quelle: offizielle Seite der Stadtverwaltung. Unklar, ob auch die Außenregionen wie Elkhadr und Beyt Sahur dazugehören).

Wie es bei einem Trauerbesuch üblich ist, saßen sie zusammen im Kreis, in demselben Wohnzimmer, wo auch die siebentägige Trauerperiode der Familie verbracht worden war, und unterhielten sich – die Kinder des Terroropfers Mark und die arabischen Besucher aus Bethlehem. Diesmal waren es nicht die an der Rettung der Familie beteiligten Araber wie Islam al-Bayd und Dr.Ali Shuruch,

Bei Familie Mark. (c) Inon D.Kehati
Bei Familie Mark. (c) Inon D.Kehati

sondern Menschen aus einer scheinbar fremden Gesellschaft, die ihr Beileid direkt aussprechen und sich solidarisieren wollten.

In einem Gespräch sagte Inon mir, er hätte noch niemals zuvor ein so emotional bedeutendes und eindrucksvolles Gespräch erlebt. Auf Facebook fasste er es so zusammen:

„Es ist nicht einfach, die Energie des Gespräches, die in dem Familienwohnzimmer entstanden war, zu beschreiben, daher werde ich sie in drei Worten zusammenfassen: Respekt, Aufrichtigkeit und Transparenz.“

Michael Mark war in Otni’el bekannt dafür gewesen, dass er auch zu den arabischen Nachbarn aus den umgebenden Dörfern Kontakt pflegte und diesen sogar aushalf, wenn es nötig gewesen war. Dass

Bei Familie Mark. (c) Inon D.Kehati
Bei Familie Mark. Im Bild: Shira Mark, ihr Mann und ein Besucher aus Bethlehem. (c) Inon D.Kehati

es gerade diesen Mann traf, der sich der Existenz anderer Menschen nicht verschloss und diese nicht delegitimierte oder hasste, bleibt eine bittere Ironie des Schicksals. Andererseits hatten schon in der Vergangenheit zahlreiche Tragödien die Bewohner von Otni’el befallen, und hinderten die Einwohner dennoch nicht daran, Kontakt mit der arabischen Bevölkerung aufzubauen und Verständnis für diese zu entwickeln, ob nun seitens Einzelpersonen, die darin aktiv gewesen waren (solche wie Dafna Me’ir) oder auch als Erziehungsauftrag in der Religionsschule für Jungen in Otni’el, deren Rabbiner und Schüler sich schon mehrfach mit Gruppen von arabischen Jugendlichen getroffen haben.

Auch sonst gibt es solche und andere Annäherungsversuche zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen, die doch so ineinanderverwachsen sind auf diesem Stück Land. Die meisten davon werden nicht so gut dokumentiert wie der Besuch von Inon und seinen Freunden. Aber sie existieren, und nur jemand, der bereit ist, in diese Materie aufmerksam hineinzuhorchen und sich damit vorsichtig zu befassen, wird sie für sich entdecken. Es ist ein riskantes Feld für alle Beteiligten. Aber wenn manchmal doch etwas nach außen dringt, erweckt es Hoffnung.

Das Fazit des Besuches von Inon kann ich persönlich wortlos unterschreiben, besagt es doch das, worüber ich schon mehrfach selbst geschrieben und allzu oft gesprochen habe: (aus Inons Facebook-Post, übersetzt von mir)

Wenn diese Menschen, von beiden Seiten des Konflikts, sich hinsetzen und miteinander auf Augenhöhe, gleichgestellt, reden, ist die Energie, die dabei erzeugt wird, stärker, als Worte sie darstellen können, und das ist es genau, was im ‚Friedensprozess‘ fehlt: Die authentischen Stimmen derjenigen, die diesen Konflikt auf beiden Seiten leben, und vor allem die der Palästinenser, die im Westjordanland, und die der Juden, die in Judäa und Samaria leben.

Drei hauptsächliche Erkenntnisse aus diesem außergewöhnlichen Besuch:

  1. Der Dialog zwischen Palästinensern und Israelis sollte auf diejenigen konzentriert sein, die in den jüdischen Gemeinden von Judäa und Samaria leben, und nicht auf diejenigen aus Tel Aviv, und das nicht einmal in drei Monaten, sondern wöchentlich. Leider ist es so, dass es auf beiden Seiten Menschen gibt, die bereit sind, diesen Weg zu gehen, aber es gibt keine Infrastruktur dafür, und daher bleiben wir beim Reden.
  2. Diese Art von Gesprächen ist genau das, was dem Friedensprozess fehlt, aber sie werden von der „Friedensindustrie“ absichtlich ignoriert und sogar verbannt.
  3. Beide Seiten sollten die Tatsache hinnehmen, dass nicht nur, dass keiner von beiden sein Heim verlassen wird, sondern dass das Schicksal uns beide aus einem besonderen Grund in dasselbe Land gebracht hat.

Unser Schicksal ist es, das gesamte Land zu teilen, ohne Grenzen, vom Fluss bis zum Meer. Das Resultat muss entwickelt, diskutiert und bestätigt werden – von dem palästinensischen und dem jüdischen Volk allein – nicht von der internationalen Gemeinschaft.

Shlomi Mark mit zwei Besuchern aus Bethlehem. (c) Inon D.Kehati
Shlomi Mark mit zwei Besuchern aus Bethlehem. Aus Personenschutzgründen wurden die Gesichter der Besucher unkenntlich gemacht.
(c) Inon D.Kehati

 

 

„Gebt das Licht weiter.“ Besuch bei Familie Mark

„Bitte fotografiere nicht, wir bitten darum, es nicht zu tun“, wendet sich Orit Mark an mich, die 17-jährige Tochter von Michael (Michi)  Mark aus Otni’el, der am Freitagnachmittag, dem 01.07.16, von Attentätern auf der Autobahn 60 erschossen worden war. Ich laufe rot an, nicke schnell und stecke mein Smartphone weg, das ich zuvor herausgeholt habe, um wenigstens ein Foto von den Trauernden für den Blog zu erhaschen. Ein Moment der Peinlichkeit. Die Augen der jungen und erwachsenen Besucher sind für einen kurzen Augenblick alle auf mich gerichtet. Aber Orit selbst wirkt nicht verstört. „Entschuldige, mach dir keine Sorgen. Du bist wunderbar!“, fügt sie hinzu und lächelt dabei ein angenehmes, strahlendes Lächeln und ihre Augen glänzen.

Orit Mark. Quelle: Öffentliche Aufnahme aus dem Facebook-Profil
Orit Mark. Quelle: Öffentliche Aufnahme aus dem Facebook-Profil

Die Gestalt von Orit wird mich noch lange begleiten, auch wenn ich sie nur verschämt angeschaut habe und ganz am Ende meines Trauerbesuches, den ich auf Anregung eines Freundes am Donnerstagnachmittag, sechs Tage nach dem Mord an Michi Mark, sie nur kurz umarmen konnte. Obwohl ich es vorgezogen habe, im Hintergrund zu bleiben, ihr zuzuhören und selbst nichts zu sagen.

Michael und seine Frau Chava. Quelle: INN
Michael und seine Frau Chava. Quelle: INN

Orit ist eine von zehn Kindern der Familie Mark aus der Ortschaft Otni’el in den Südhevronbergen. Sie kommt nach den Sommerferien in die 12.Klasse. Orit war es, die nach dem Mord an ihrem Vater ihre Geschwister vor der Kamera versammelte und die Öffentlichkeit darum bat, zu dem Begräbnis zu kommen: „Papa war nicht nur unser Vater, sondern ein Vater von ganz, ganz vielen Menschen“, sagte

Das Video der Waisen von Michael Mark. Quelle: INN
Das Video der Waisen von Michael Mark. Quelle: INN

sie im Video. Auch war es sie, deren Grabrede am darauffolgenden Tag in den meisten Medien zitiert wurde. Orit ist es nun,  die auf dem niedrigen Stuhl im Wohnzimmer der Familie sitzt, um sie herum junge Leute versammelt, Männer und Frauen, die ihr zuhören. Sie nimmt die Hände der Frauen und Mädchen in die Hand, die zu ihr hinkommen und sie umarmen, lächelt ihnen zu. Es ist der sechste Tag, am nächsten Tag wird die Familie von der traditionellen Trauerperiode, der Shivah (Sieben Tage) aufstehen, nicht mehr auf niedrigen Stühlen sitzen müssen, die Kleidung auswechseln können, sich selbst essen zubereiten können. Die Besucherflut wird abflauen, obwohl nicht vollkommen, denn die Menschen aus der Siedlung und aus den umgebenden Wohnorten werden weiterhin kommen und sie stärken.

Besucher im Haus der Familie Mark
Besucher im Haus der Familie Mark

Jetzt ist es aber Orit, welche die sie Umgebenden stärkt. Die Besucher sitzen um sie herum auf Plastikstühlen. Orit erzählt von ihrem Vater. Von dem Guten, was er im Leben getan hat, davon, wie er die Familie gestärkt hat, und dass er ein enormes Licht in sich trug. Immer wieder unterbricht sie sich, um einem anderen Besucher oder Besucherin zuzulächeln und anzusprechen, als würde sie Segen austeilen. Ihre Augen leuchten. Sie weint nicht mehr wie in den ersten Tagen. Ihr Lächeln strahlt jeden an, sie heißt jeden willkommen, sie ist dankbar. Der Blick weich. Jedem wendet sie sich persönlich zu, und hört nicht auf, zu ermutigen. Das offene, jugendliche Gesicht leuchtet. Es ist verrückt. Woher kommt dieses Licht?

Orit hat ein einfaches T-Shirt an, offenbar von einem ihrer älteren Brüder aus seiner Armeezeit. Ein knielanger, leichter schwarzer Rock, sie sitzt barfuß, die lockigen Haare offen. Alles muss so einfach wie möglich gehalten werden in der Trauerperiode. Im Haus und auf der Terrasse sind Tische aufgestellt, Tee, Kaffee, Früchte, Kuchen, für die Besucher, so besagt es die Tradition. Natürlich sind es nicht die Trauernden, die das Buffet aufstellen, sondern Freunde und Besucher. Den Trauernden ist es verboten, Essen vorzubereiten oder sich sonstwie zu beschäftigen, sie dürfen sogar nicht aufstehen, um sich Essen zu holen; das müssen ihnen die anderen bringen.

Es fällt schwer, die Atmosphäre zu beschreiben. Um Orit herum sitzen die Menschen und hören ihr konzentriert zu, die Gesichtsausdrücke zeigen Verständnis, aber kein Erbarmen. Sie zeigen Verbundenheit. „Gespräch ist Verbindung“, zitiert Orit ihren Vater, und wendet sich an alle, immer wieder:

„Verbreitet Gutes, lasst mehr Gutes an eurem Leben teilhaben, seid gute Menschen. Jeder von euch hier ist wunderbar. Gebt anderen Komplimente. viele Komplimente! Sagt zu jemandem, ‚du bist eine gute Seele‘, ‚du bist ein rechtschaffender Mensch‘! Wir haben viel Kraft, unglaublich viel Licht in uns!“

Wenn sie es sagt, und wenn man sie dabei anschaut, werden aus klischeehaften Sätzen Bitten und Vorsätze, die Orit uns vorlegen möchte. Um sie herum erzählen ihr die Besucher von ihrem Vater, gute Erinnerungen. Sie nickt. „Jede Tochter sagt sicherlich von ihrem Vater, ‚Mein Vater ist der Beste‘, auch ich habe es immer gesagt“, und sie lacht dabei ein wenig, „aber ich höre all das von anderen. Dass er ganz und gar gut gewesen ist, dass er etwas Besonderes gewesen ist.“ Mehr als sie selbst erzählen will, will sie andere stärken und ermutigen. Anderen Zuwendung, Licht in die Seele zu geben, von welchen sie möchte, dass andere es in sich entdecken und nutzen.

Ein weiterer Mann sitzt auf einem niedrigen Stuhl. Vielleicht ist es der Bruder. Neben ihm sehe ich einen alten Mann, in traditioneller muslimischer Kleidung. Ein Scheich, vielleicht, oder einfach ein altes Familienoberhaupt. Schon als wir angekommen sind, war im und vor dem Haus eine große Menschenmenge versammelt. Als ich fragte, was passiert war, erklärte man mir, die arabisch-palästinensische Familie, die nach dem Attentat den Verletzten Erste Hilfe erteilte und das Leben von Mutter Chava und Tochter Tehila gerettet hatte, sei zum Trauerbesuch gekommen.

Tatsächlich ging die Geschichte durch die Presse (wäre ich nicht auf sie bei dem Besuch gestoßen, hätte ich getrennt darüber berichtet): Direkt nach dem tödlichen Anschlag, als das Auto sich überschlug und alle drei Insassen verletzt drin eingeschlossen bzw. darum herum lagen, fuhr ein palästinensisches Auto vorbei, darin zwei Insassen – ein Ehemann und seine Frau aus al-Fawar (bekannt als Flüchtlingslager). Das Auto hielt an – so berichtete der Mann,  Islam al-Bayd, der israelischen Presse;  beide stiegen aus und  begannen, die Eingeschlossenen aus

Das Auto der Familie Mark nach dem Attentat. Quelle: Hidabroot
Das Auto der Familie Mark nach dem Attentat. Quelle: Hidabroot

dem Wagen zu zerren – die Tochter Tehilaת ebenso wie ihren Bruder Pedaya.

Tehila Mark bei der Beerdigung, daneben zwei ihrer Brüder. Quelle: Ynet
Tehila Mark bei der Beerdigung, daneben zwei ihrer Brüder. Quelle: Ynet

Die Frau, von Beruf Krankenschwester, begann, den Kindern Erste Hilfe zu leisten. Islam telefonierte mit den palästinensischen und israelischen Notfalldiensten. Da kamen ein Arzt, Dr. Abu Shuruch aus Dahariya bei Hevron, und sein Bruder hinzu. Dr.Abu Shuruch gelang es,  Tehilas Blutung zu stoppen. Ebenso behandelten sie die Mutter Chavi, die schwerverletzt worden war. Vor Ort waren noch keine Krankenwagen angekommen, erst kurze Zeit später kamen ein Armeewagen und der israelische Notdienst an und der Arzt rief den Soldaten zu, sie sollen schnell den israelischen Notdienst rufen.

Islam Al-Bayd sprach mit dem israelischen Channel 1 am Tatort und sagte im Interview:

 „Ich will nicht, dass mir jemand Danke sagt. Ich habe es aus menschlichen Gründen getan und für Gott. 

Dr.Abu Shuruch. Quelle: Channel 1
Dr.Abu Shuruch. Quelle: Channel 1

Nun ist die Familie von Abu Shuruch zu Besuch gekommen; der alte Mann, den ich auf dem Plastikstuhl bemerkt habe, gehört ebenso dazu. Es ist verboten, Fotos zu machen, und außer dem Alten bekomme ich niemanden mehr zu Gesicht. Obwohl Dr.Abu Shuruch berichtet hat, dass auch seine Bekannten seiner Tat zugestimmt haben und er keine Angst vor Drohungen habe, da er seine Pflicht als Arzt getan habe, darf dennoch kein Material nach außen dringen, keine gemeinsamen Fotos entstehen etc. Hier in der Gegend ist es eine Frage von Leben und Tod.

Das Thema der arabischen Nachbarn ist nicht erst seit dem Attentat aufgekommen, sondern hatte die Familie schon länger begleitet. Michi Mark war in Otni’el für seine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft gegenüber den Bewohnern der umgebenden arabischen Ortschaften bekannt. Offenbar erzog er auch seine Kinder in diesem Geiste; als bei der Beerdigung von Mark dazugekommene Jugendliche anfingen, laut „Rache“ zu rufen, wurden sie schnell leisegepfiffen. Das sei nicht der Weg, erklärte die Familie. Tehila, die auch beim Begräbnis dabei gewesen war, erzählte von der Rettung durch den arabischen Arzt, ihr Satz „es gibt auch gute Menschen, nicht alle Araber sind Terroristen“ wurde immer wieder in den Medien zitiert – das Terroropfer, das statt Hass Worte des Trostes findet. Die Menschenmenge vor dem Haus spricht leise über das Geschehene, über die Familie, will diese rechtschaffenen Menschen sehen, die es gewagt haben, einer jüdischen Familie Hilfe zu lassen, wenige Minuten nachdem andere Angehörige ihres Volkes versucht hatten, diese zu töten.

Das Haus der Familie Mark in Otni'el.
Das Haus der Familie Mark in Otni’el.

Der Platz vor dem Haus und weiter die Straße herunter, vor der atemberaubenden Aussicht auf die braunen Hügel des judäischen Bergmassivs ist voll mit Autos. Eine weitere Welle von Besuchern strömt herein. Alle möglichen Menschen kommen zur Familie Mark – religiös, säkular, aus allen Ecken des Landes, so schrieb man auch in der Presse, obwohl die nationalreligiösen Juden und Menschen aus der Siedlung den größten Teil ausmachen, Und dennoch – ein buntes Publikum.

„In unserer Familie gibt es alles, Säkulare, Religiöse, Ultraorthodoxe, und  wir sind dennoch eine Familie, ein Volk“,

erklärt Orit, und wieder strahlt ihr Gesicht ehrliche Überzeugung aus.

Die Situation, die sich uns im Wohnzimmer bietet, ist absurd, aber charakteristisch hier in Israel: Bärtige Männer, Familienväter, junge Mädchen und ältere Frauen, sitzen und stehen im Kreis und lauschen konzentriert einer Siebzehnjährigen in einem ihr zu großen T-Shirt, schütteln ihr die Hände, neben das Gesagte mit sich, wollen es sich einprägen, damit es, wenn sie das Haus verlassen und in ihren nicht ruhigen, aber dennoch nicht dermaßen erschütterten Alltag zurückkehren. Es fällt mir schwer, sich vorzustellen, dass irgendwo anders so viel Zuwendung, Wichtigkeit und Ehre einem einfachen Mädchen gezeigt wird.

Im Zimmer nebenan liegt Tehila. Sie wurde am vergangenen Dienstag aus dem Krankenhaus entlassen. An ihrer Tür klebt ein

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„Tehila, wir lieben dich!“

großes, farbiges Plakat, „Wir lieben dich“, steht darauf. Sie ist von ihren Freundinnen umgeben, sitzt nicht im Wohnzimmer und die Menschenmenge kommt nicht zu ihr. Nicht jeder der Kinder von Michi Mark ist in der Lage, dem Ansturm so gefasst und offen entgegenzustehen wie Orit. Hier und dort erspähe ich die anderen Kinder der Familie – die verheiratete Shira mit ihrem Mann, der eher schüchterne Shlomi mit den langen Schläfenlocken. Draußen sitzt ein eher locker gekleidetes Mädchen mit einer Zigarette in der Hand, mehreren Ohrringen im Ohr, Jeans. Ganz und gar nicht passend zu diesem scheinbar so religiösen Haus. Es ist Miriam, sie ist 18 und die Schwester von Orit. Freundinnen umgeben auch sie, sie plaudern und lachen auch. Jeder nimmt seine Trauer anders wahr, jede Art und Weise muss akzeptiert werden. Die Hauptsache ist es, den Trauernden zu unterstützen, da zu sein, Zuwendung und Verständnis zu geben. Jeder versteht es, jeder nimmt teil an dem Leid – jeder kennt es auch, entweder aus der eigenen Familie, von anderen Freunden, aus demselben Ort, wie dem von Terror geplagten Otni’el, oder auch nur aus den Nachrichten.

Orit. Quelle: Öffentliche Aufnahme aus dem Facebook-Profil
Orit. Quelle: Öffentliche Aufnahme aus dem Facebook-Profil

Und daher ist es schwer zu erzählen und darzustellen, wie die Realität hier, in diesem Ort, Otni’el, und auch in anderen Orten so schnell ihr Gesicht wandeln kann, in einigen Sekunden, in denen ein intaktes Leben plötzlich in Scherben zerbricht. Ein Leben, in dem man zwar um die möglichen Gefahren weiß, aber niemals erwartet, dass es gerade über einem zerfällt. Es braucht nur einige Sekunden wie an jenem Freitag auf der Schnellstraße, und die Realität ist anders, unumkehrbar, und niemand ist darauf vorbereitet. Der Tod bricht ein in das ländliche Idyll, das sich die Menschen in einem

Familie Mark vor dem Attentat. Tochter Orit im Vordergrund. Quelle: INN
Familie Mark vor dem Attentat. Tochter Orit im Vordergrund. Quelle: INN

Ort wie Otni’el aufzubauen versuchen, er steht vor der Tür des schönen, geräumigen Hauses, auf der Terasse im liebevoll gepflegten Garten, er besetzt den gesamten Parkplatz, der niemals der Anzahl der Trauerbesucher gewachsen sein wird. Er  nimmt den Platz eines seiner Bewohner ein, der nun nicht mehr sein wird…

Das Leben ist nicht vorhersehbar. Die Realität verändert sich ständig, und wir dürfen nicht erwarten, dass es wie bestellt, so geliefert wird. Der Mensch ist geboren, um sich an das Leben anzupassen und aus jedem Moment, aus jeder Rolle, die er einnimmt im Laufe seiner Lebenszeit, das Beste und das Wichtigste herauszuholen. Die Familie Mark versteht es sehr gut, und sie versteht es auch, wie es den anderen um sie herum, die nicht diese Erfahrung gemacht haben, zu vermitteln ist. Jetzt, da ihre Welt über ihnen zusammengebrochen ist, müssen sie einen neuen Weg vorzeichnen und gehen, im Geiste des immer im Herzen weilenden Vaters, so wie Orit es ausdrückt:
„Jetzt, da Papa nicht mehr hier ist, um das Gute weiterzugeben, werde ich es machen, so gut ich es kann.“

Ich komme noch einmal ins Wohnzimmer hinein, um sich von ihr zu verabschieden. Neue Besucher sind gekommen, darunter ein feierlich angezogenes Paar. Sie sprechen Englisch und wie es sich herausstellt, sind sie ultraorthodoxe Juden aus Amerika, Miami. Orit spricht mit Hilfe einer Freundin mit ihnen, auf einem relativ guten Englisch. Sie erklären ihr, sie seien zu Besuch und hätten gefühlt, dass sie kommen sollten. Orit betrachtet sie, lächelt dankbar, hält die Hand der Frau in ihrer und fragt ihre Freundin, wie man „Grübchen“ auch Englisch sagt. Dann wendet sie sich an die Frau und sagt ihr, fast schon fasziniert – „Ich wollte schon immer solche Grübchen in den Backen haben, all my life!“

Orit, ihr Name bedeutet „Licht“, „die Lichtige“. Offenbar kann Licht vererbt werden. Und alle, die etwas näher an dieses Licht kommen, finden es heraus und stimmen diesem zu. Man kann nur hoffen, dass sie es weiterreichen werden. Das Licht desjenigen, dessen Leben ihm genommen worden war, muss weitergegeben werden, und das ist jetzt die Aufgabe von uns allen. 

Held der Stunde

Shuki Gilboa und seine Frau Shulamit. Quelle: Kikar Hashabat
Shuki Gilboa und seine Frau Shulamit. Quelle: Kikar Hashabat

Dieser Mann, Shuki (Yehoshu’a) Gilbo’a, hat am Donnerstag, dem 30.06., um die neun Uhr vormittags sein rechtes Augenlicht verloren. Als er nach einigen Notoperationen aus dem Operationssaal gefahren wurde und ihn seine Frau empfing, erzählte sie ihm, dass er auf rechtem Auge für immer blind sein würde.

„Er sagte nur zwei Worte – ‚Alles ist zum Guten'“, erzählte sie.

Shukis Frau Shulamit war dabei, als dieser einen Notfallruf über das örtliche Funkgerät bekam und mit Weste und Gewehr aus dem Haus stürmte. Es bestand ein Verdacht auf ein fremdes Eindringen in die Ortschaft Kiryat Arba. Nur wenige Minuten später, als Shuki gemeinsam mit einem weiteren Kollegen-Schutzmann ins betroffene Haus der Familie Ariel am Rande von Kiryat Arbastürmte, in welchem sich der Terrorist verschanzt haben sollte, hatte er bereits die Messerklinge des Terroristen abbekommen. Der 17-Jährige arabische Jugendliche aus der Ortschaft Bani Na’im hatte sich im Kinderzimmer der 13-jährigen Hallel verschanzt, nachdem er diese im Schlaf abgestochen hatte, und sprang auf Shuki, als dieser zur Tür vordrang. (Bericht ueber Hallel hier)

Shuki wurde schwer verletzt. Sein Kollege erschoss den Attentäter. Shulamit erhielt die Nachricht von zwei Verletzten, und so, wie sie es der Nachrichtenplattform Ynet berichtet, hatte sie den starken Verdacht, dass es sich bei dem einen um ihren Mann handelte.
Selbst eine Krankenschwester und Freiwillige bei dem Roten Davidsstern, lief sie zur Kreuzung bei der Ausfahrt aus der Ortschaft, bei welcher auch der Notfallwagen vorbeigefahren kam, hielt ihn an, sprang hinzu und leistete selbst ihrem Mann die erste Hilfe. Von da an blieb sie bei ihm, ohne ihn zu verlassen – bis jetzt. Sie erzählte Shuki vom verlorenen Auge. Sie erzählte auch der Presse von den Schmerzen ihres Mannes, aber auch davon, dass sie an seine Inneren Kräfte glaube und dass die Unterstützung von Familie, Freunden und der gesamten israelischen Gemeinschaft überaus hoch sei, aus vielen Orten riefen sie Menschen an und ermutigten sie – nicht nur aus Judaea und Samaria:

„Wir werden von Liebe überhäuft“.

Der Heilungsprozess ist erst am Anfang, und es wird viel Zeit der Erholung brauchen, auch viel Zeit der Eingewoehnung. Aber die innere Einstellung ist seit jeher ein grosser Faktor bei der Heilung. Zusammen mit Shulamit glaube ich fest daran, dass dieser grosse Mann – ein einfacher Einwohner von Kiryat Arba – den Schmerz und den Verlust ueberwinden wird. Er ist fuer uns alle ein grosses Beispiel, und wir werden ihn tatkraeftig und im Geiste immer unterstuetzen.

NEWS: Familienvater tot nach Schussattentat nahe Otni’el

(Aktualisiert) Und wieder trifft der Terror die Berge Hevrons. Diesmal kein Einbruch in eine Ortschaft wie bei Dafna Me’ir und Hallel Yaffa Ariel.

Der Terrorort und die Gegend auf der Karte
Der Terrorort und die Gegend auf der Karte

Diesmal ein Schussattentat, eines von vielen des letzten Dreivierteljahres, eines von vielen aus der Zeit, seit welcher wieder Juden in diesen Bergen leben. So wie die Familie Litman, die 13.11.15 von einem Schussattentat auf der Autobahnstrecke nahe Otni’el am Freitagabend, kurz vor Schabattbeginn, auseinander gerissen wurde, so auch diesmal, eine Familie:
Michael Mark, 48, und seine Frau Chava, 40, sowie zwei ihrer Kinder, Pediya (15) und Tehila (13).

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Michael Mark sel.A. Quelle: Israel Hayom

Michael Mark, 48 Jahre, Vater von zehn Kindern, war der Direktor der Religionsschule für Jungen (Yeshiva) in Otniel. Einer meiner guten Freunde lernte dort bis zu seiner Armeezeit. Mark war bekannt als ein offener, sehr hilfsbereiter Mann, ein Rollenbeispiele fuer die Schueler der Yeshiva, in der gesamten Ortschaft beliebt und respektiert. Die Tochter Tehila lernt gemeinsam mit den Töchtern meiner guten Freunde aus dem Dorf Bet Haggai bei Hevron.

Die Familie war auf der Autobahn unterwegs; bei der Kreuzung Adoraim wurden sie offenbar von hinten von einem Wagen mit arabischen Insassen überholt. Als diese vorne waren, eröffneten sie aus dem Inneren des Wagens Feuer. Über 19 Schüsse wurden auf das Fahrzeug der Familie Mark abgefeuert. Das Auto verlor die Kontrolle, überschlug sich, landete auf dem Dach. Im Wagen war der sehr schwer verletzte Michael Mark

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Das Auto der Familie Mark. Quelle: Walla!co.il

eingeklemmt, offenbar mit den Kindern. Seine Frau wurde aus dem Wagen geschleudert und lag vor dem Fahrzeug. Auch sie war schwerverletzt, ebenso die Tochter Tehila – mehrere Bauchschüsse hatten sie getroffen. Der Sohn, Pediya, war der einzige, der sich einigermaßen bewegen konnte.

Rettungskräfte erreichten die Unfallstelle und begannen die Wiederbelebungsversuche an Michael, doch mussten bald aufgeben, dieser gab kein Lebenszeichen mehr von sich. Michael Mark starb an seinen Verletzungen am Unfallort. Die mehrfach im Oberkörper getroffene Chava wurde ins Hadassa-Hospital evakuiert, ebenso die mittelschwer bis schwer verletzte Tehila. Pediya wurde noch am Unfallort behandelt und danach ebenso ins Krankenhaus gefahren.

Familie Mark vor dem Attentat. Tochter Orit im Vordergrund. Quelle: INN
Familie Mark vor dem Attentat. Tochter Orit im Vordergrund. Quelle: INN

Wieder eine Familie auseinandergerissen, wieder mehr Waisen und Witwen, die unverschuldet die Narben der Verluste in ihren Seelen bis zum Lebensende tragen werden, und womöglich werden physische Narben

Michael und seine Frau Chava. Quelle: INN
Michael und seine Frau Chava. Quelle: INN

hinzukommen. „Gestern haben meine Tochter und ihre Freundinnen um eine ermordete Klassenkameradin geweint, heute weinen sie um eine weitere verletzte Freundin“, schrieb Me’ir Dana Picard, mein guter Freund aus der Ortschaft Bet Haggai südlich Hevrons, welcher schon einige seiner Freunde bei Terrorattacken in den Südhevronbergen verloren hatte.

Wieder war es eine Attacke auf Zivilisten, von Arabern auf Juden, von Muslimen auf Juden, von denjenigen, die dem Leben den Tod vorziehen und andere dafür in den Tod zwingen wollen.

UPDATE:
Das Video der Waisen von Michael Mark. Quelle: INN
Das Video der Waisen von Michael Mark. Quelle: INN

Am zweiten Tag nach dem Attentat veroeffentlichten die Waisen der Familie Mark ein kurzes Video, in welchem sie um das zahlreiche Kommen zum Begraebnis ihres Vaters baten: „Papa war nicht nur unser Vater, sondern ein Vater von ganz, ganz vielen Menschen“, sagte Orit. Und eine weitere Tochter, Shira, fuegte hinzu:

„Nehmt etwas Gutes von Papa mit, werdet bessere Menschen, werdet liebender.“

Tehila Mark. Quelle: NRG
Tehila Mark. Quelle: NRG

Auf der Beerdigung, welche am Sonntag, dem 04.07. erschien auch der gegenwaertige Mossad-Direktor Yossi Cohen, welcher ein Cousin des ermordeten Mark ist. Die Tochter Tehila, die bei

Mossad-Direktor Yossi Cohen, ein Cousin des Ermordeten, mit Neffe Pediya. Quelle: NRG
Mossad-Direktor Yossi Cohen, ein Cousin des Ermordeten, mit Neffe Pediya. Quelle: NRG

dem Anschlag schwer verletzt worden war, wurde im Krankenbett zum Beerdigung gefahren.

Die Tochter Orit, in ihrer Grabrede, wandte sich an den Vater selbst, erzaehlte von seiner Liebe zu den Kindern, der Unterstuetzung, die speziell sie von ihm erfahren hatte und bat zum Schluss:

„Papa, du hast immer eine Loesung fuer alles gefunden. Du warst so begabt und so gut, es ist nicht fassbar, dass du nicht mehr hier sein wirst. Geliebter Papa, bete fuer unsere Mutter, die du so geliebt hast, fuer Tulik (Tehila), unsere Heldin, dass ihr Bauch in Ordnung sein wird, dass sie an diesem Trauma nicht zerbricht. Auch fuer unseren Pediya. Er hat alles gesehen, er erinnert sich an alles, es brennt in seinem kleinen Herzen. Papa, schau von oben herab, schau, wie stark wir sind.“

 

(Quellen: Kol Israel Radio, Ynet, Channel 2, INN)


Die Regierung hat angekündigt, auf das Verlangen von Erziehungsminister und Vorsitzendem der Partei „Jüdisches Heim“ Naftali Bennett hin eine Kabinettssitzung am heutigen Abend statt morgen abzuhalten: „Terroristen halten keinen Schabbat ein“, meinte Naftali Bennett. Laut den Medienberichten fordert Bennett die Sperrung der Autobahn 60, auf welcher sich die zahlreichen Attentate ereigneten, für palästinensischen Verkehr.

Ganz ehrlich, ich kann nicht glauben, dass das der Gesamtsituation irgendwie helfen wird.