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Erschossen: Rabbiner Raziel Shevach, Vater von 6 Kindern

Es ist nicht leicht, nach einer persönlich bedingten Schreibpause von über einem Monat vergangene Ereignisse aufzufrischen und aufzuzählen, nachdem sie schon zigweise in der Öffentlichkeit besprochen und erwähnt (und wieder vergessen) worden sind. Man möge mir verzeihen, dass ich meiner ehemaligen Nachhaltigkeit in diesem Fall nicht gerecht geworden bin. 


Rabbiner Raziel Shevach hy’d mit Ehefrau Yael und Kindern. Quelle: INN

Der Rabbiner Raziel Shevach, 35 Jahre alt, war verheiratet mit Ya’el und hatte sechs Kinder, mit welchen er den jüdischen (offiziell nicht anerkannten) Außenposten Havat Gilad im Süden Samarias bewohnte. In der kleinen, sich mangels staatlicher Authorisierung selbst versorgenden Ortschaft fungierte er als Rabbiner, Schächter besaß eine Ausbildung als ritueller Beschneider. Außerdem war er im als Freiwilliger Bereitschaftsdienst des Roten Davidssterns (Pendant zum Roten Kreuz/regulärem Landesnotfalldienst) in der Region Samaria

Havat Gilad.Quelle: Makor Rishon

engagiert und lehrte in einer Religionsschule im nahegelegenen Yitzhar. In der kleinen, rund 40 Familien starken Gemeinde von Havat Gilad, die erst seit 2002 existiert (und im Andenken an den Sicherheitskoordinator Gilad Sar, der von einem palästinensischen Attentäter in 2001 ermordet worden war, von seinem Bruder Itai gegründet worden war), war Shevach bekannt und angesehen.

Havat Gilad/Anschlagsort. Karte

Am Abend des 9.Januar 2018, als Rabbiner Shevach auf der Landstraße 60 in Samaria nach Hause fuhr, wurde aus einem vor ihm fahrenden palästinensischen Auto beschossen und schwer verletzt. Über WhatsApp konnte er in den Minuten nach dem unmittelbaren Attentat andere Freiwillige des Roten Davidsterns über das Attentat und seinen Zustand alarmieren. Er wurde in kritischem Zustand vom Attentatsort ins Krankenhaus eingeliefert und verstarb dort anschließend.

 

Der Beerdigungszug. Quelle: Channel 20

Die Beerdigung, die traditionell schon am nächsten Tag nach dem Mord stattfand, wurde in Havat Gilad selbst durchgeführt – nach der expliziten Bitte der Witwe, die ihren Mann zitierend sagte, ‚Raziel sagte, sollte mir etwas passieren, so möchte ich hier vor Ort begraben werden‘. Der Bitte wurde stattgegeben, und

 

Quelle: Channel 20

hunderte von Menschen – Familie, Freunde, Nachbarn, Geistliche (darunter die Oberrabbiner Israels, David Lau und Shlomo Amar) und Politiker (darunter der Erziehungsminister Naftali Bennett) wohnten der Beerdigung bei. In ihren Nachreden auf Shevach, in welchen vor allem die geistliche Aktivität, die Hilfsbereitschaft und Aufopferung des Ermordeten angepriesen wurden, wiederholten die Redner immer wieder die Forderung an die Regierung, welche auch die Witwe Ya’el zum zentralen Motiv machte – die Authorisierung und Erweiterung von Havat Gilad, als gebührende Antwort auf den Terror. (Channel 20)

Die Grundstücke, auf welchen sich Havat Gilad befindet, wurden teilweise von Moshe Sar, einem Siedlungsaktivisten und Einwohner von Samaria (Karney Shomron) in den 80ern und nach der Ermordung seines Sohnes Gilad aufgekauft, um dort eine neue Ortschaft zum Andenken seines Sohnes zu gründen. In ihren jüngeren Jahren hatte sie sich teilweise einen Namen als „Hügeljugend“-Ort gemacht und war mehreren nicht immer friedlich verlaufenden Räumungen zum Opfer gefallen. In den letzten Jahren hatte Havat Gilad sich jedoch zu einem mehr oder weniger etablierten Wohnort errichtet, der allerdings keine Unterstützung vom Staat genoss und sich auf eigenhändig eingerichtete Infrastrukturen wie Generatoren verlassen musste. Die Forderung nach der Eingliederung von Havat Gilad als reguläre Siedlung in die Reihe anderer Ortsprojekte und Ortschaften von Samaria wurde nach dem Mord an Shevach als einzige mögliche effektive Antwort auf den Terror gegenüber Juden in der Region aufgenommen. Sowohl die Witwe Ya’el, als auch der Regionalverwalter von Samaria und Politiker wie Erziehungsminister Bennett,

Gedenkhügel am Ort des Terroranschlags an der Landstraße 60, Samaria. Quelle: Channel 20

verlangten nach der Authorisierung der Ortschaft: „Wir kämpfen nicht mit eigenen Waffen, wir haben die Armee“ und „Das Bauen ist unsere Antwort (auf Terror)“, kommentierte Bennett bei der Beerdigungszeremonie, als vereinzelte Rufe „Rache“ gehört worden waren.  (mako) Fünf Tage nach dem Anschlag legte der Verteidigungsminister Avigdor Liebermann der Regierung einen Entscheidungsvorschlag zur Legalisierung der Siedlung vor.

Auch heute, knapp zwei Wochen nach dem Attentat, hat sich die Forderung von Ya’el Shevach hinsichtlich der Reaktion auf den Mord ihres Mannes nicht verändert:

„Dieses Ereignis ist nicht mein persönliches, sondern ein nationales, und für mich wird der wahre Trost sein, wenn Havat Gilad den Status einer offiziellen Siedlung bekommen wird. Ich rufe den Premierminister dazu auf, am kommenden Sonntag (28.01) die Entscheidung des Verteidigungsministers [die Ortschaft zu legalisieren] aufzunehmen und es weiter zu verfolgen, damit wir eine entgültige Erlaubnis bekommen. Das wird der Trost für den Mord meines geliebten Mannes Raziel Shevach, Gott soll sein Blut rächen, sein.“ (Pressemitteilung von Ya’el Shevach, Makor Rishon)

⇒ Im Internet wurde infolge des Anschlags eine „Crowdfunding“-Aktion zur finanziellen Unterstützung der Familie Shevach initiiert. Bisher wurden über 240.000 Dollar (Zielsumme: 300.000 Dollar = 1 Million Shekel) gesammelt. Wer die Aktion unterstützen möchte, kann es hier tun (Englisch): Link zur Initiative


Zu Beginn der Fahndung nach den Terroristen war es (zumindest den Medien nach) der IDF unklar, ob es sich bei dem Attentäter um eine Einzelperson oder eine geplante Gruppenaktion handelte (wobei die Hamas-Organisation das Attentat öffentlich lobte); allerdings stellte sich in den Ermittlungen der IDF und der inneren Sicherheitsdienste heraus, dass mehrere Beteiligte involviert worden waren. Da Havat Gilad und die Strecke, auf der Raziel Shevach erschossen worden war, nahe der Stadt Nablus/Schchem liegen, sperrte die Armee fuer die ersten Tage die Ein- und Ausfahrten der Stadt ab bzw. belegte diese mit Checkpoints, ebenso kreiste sie umliegende Dörfer ein, da die Vermutung nahelag, dass die Attentäter aus Nablus selbst stammten.

Allerdings änderte sich nach einigen Tagen die Situation und die Fahndung weitete sich auf den Großraum Jenin im weiteren Norden Samarias aus und am 18.01. trat die Armee schließlich zu einer Großoperation im Jeniner Flüchtlingsviertel an, bei der die Mitglieder der Terrorzelle gefasst und/oder getötet werden sollten. Der Einsatz sorgte für großen Aufruhr und Widerstand innerhalb des Viertels, die offensichtlichen Verdächtigen lieferten sich Schusswechsel mit der Armee. Dabei wurden zwei der israelischen Einsatzkräfte verletzt, einer davon schwer; von den Zielpersonen wurde einer umgebracht, ein weiterer inhaftiert und der dritte, laut Medien, „verschwand“ und ist offenbar noch immer auf der Flucht. Das Haus eines der Terrorverdächtigen wurde während der Kämpfe zerstört.

 

Quellen: Ynet, Mako, Channel 7, Channel 20, Makor Rishon, Haaretz

NEWS: Ein Unglück ist geschehen

Ein Unglück ist geschehen.
Der Sohn meines Lehrers und Rabbiners ist bei möglicher Terrorattacke ermordet worden.

Gestern abend wurde eine Autoattacke gegen Wartende an der Bushaltestelle des Stadteiles  French Hill (Sderot Bar Lev) in Jerusalem ausgeführt. Eine junge Frau und ein Mann in ihren 20ern wurden lebensgefährlich verletzt. Die Polizei ermittelt in alle Richtungen, doch den Anzeichen nach vom Tatort und auch den früheren Erfahrungen nach, gerade in dieser Gegend, deutet alles auf eine Terrorattacke hin. Der Fahrer – ein etwa 37 Jahre alter Araber aus Ostjerusalem.
(Quellen: YNET, Channel 2, Channel 7/INN)

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Der junge Mann, der verletzt wurde, ist leider heute morgen an seinen Verletzungen verstorben. Es war Shalom Jochai Sherki, der Sohn des bekannten Rabbiners Uri Sherki, der auch ein Jahr lang mein Rabbiner und Lehrer im Institut Machon Ora für Frauen in Jerusalem gewesen ist.

Machon Ora, ein Institut für jüdische Philosophie, Glauben und Gesetz für Frauen, zusammen mit seinem Counterpart Machon Meir für Männer, waren meine Wegweiser in den ersten Jahren nach meiner Ankunft in Israel. Durch ihre Rabbiner und Dozent-/innen, allesamt mit Herz und Seele dem Wohl des Landes Israel und dem jüdischen Volk verschrieben, habe ich meine ersten Einblick in die Welt von Judäa und Samaria abseits der gängigen Verleumdung von Medien und öffentlicher Ignoranz bekommen. Die jungen Mädchen und Frauen, meine Mitstudentinnen, stammten aus vielen Teilen der Gesellschaft, aber vor allem auch aus den Ortschaften in Judäa, Samaria und dem Gazastreifen, und zeigten mir am eigenen Beispiel ihre Verbundenheit mit diesem Land.

In Machon Ora, welches vor allem die Lehren von Rabbiner Avraham Yitzhak Hacohen Kook in den Mittelpunkt stellt, habe ich gelernt und verinnerlicht, dass die Neuentstehung des jüdischen Volkes im eigenen Land und Staat keine neuartige und illusionierte Erfindung einiger weniger Idealisten ist, sondern eine seit jeher tief in unserer Lehre und Tradition sitzende Vorstellung, und mehr als das – ein sich nach und nach verwirklichende Plan, an welchem wir alle teilhaben.

Das Beleben des Landes Israel durch die wiederkehrenden Juden, die Symbiose zwischen Religiösen und Nichtreligiösen, der Aufbau eines souveränen Staates, und die fortschreitende Suche nach sich selbst in diesem Land, waren ein zentraler Punkt der Unterrichte von Machon Ora.

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Rabbiner Uri Sherki, neben seinem Amt als Rabbiner, Gemeindevorsteher und Gründer/Leiter der Noachiden-Bewegung in Israel und im Ausland auch ein ausgezeichneter Wissenschaftler und Geschichtskenner, bereicherte die Unterrichte mit seiner Spitzfindigkeit, Gelehrsamkeit, origineller Herangehensweise und Führungsqualität, die ich selten bei einem Rabbiner erlebt habe. (Sein anderer Sohn und Bruder Shalom Jochais, Yair Sherki, ist übrigens Korrespondent des israelischen Channel 2 für religiöse Angelegenheiten).

Sein verstorbener Sohn Shalom Jochai war ein beliebter Betreuer in einem Internat einer Jeshiwa (relig.Institut für Jungen und Männer).

Nicht zum ersten Mal ereignet sich eine Tragödie für einen der Lehrer bei Machon Ora/Meir. Der Vorsteher und Leiter des Instituts, der Rabbiner Yehuda ben Yishai ist der Vater von Ruth Fogel, welche zusammen mit ihrem Mann Udi Fogel und ihren drei von sechs Kindern von zwei arabischen Terroristen in der Siedlung Itamar im Jahr 2011 bestialisch niedergestochen und niedergeschossen worden sind.

Es tut mir im Herzen weh für diesen wunderbaren jungen Mann, seine Familie und seinen Vater, meinen Lehrer und Vorbild.
Soll Shaloms Seele eingebunden sein in den Bund des Lebens.