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Das Hallel-Ensemble – Frauen von Samaria singen

Aufmerksam geworden bin ich auf sie durch eine-Cover-Interpretation vom Lied „Mode Ani“ (Ich danke Dir) des bekannten israelischen Popsängers Omer Adam. Eine zarte, mehrstimmige women-only Version, gesungen von Frauen in bunten Kopftüchern nach national-religiöser Art, im Hintergrund des Videoclips atemberaubende Aufnahmen der Berge von Samaria. Ich dachte an eine einmalige Performance von einer Frauengruppe speziell für dieses Lied, aber es stellte sich heraus, dass es sich um ein schon 11 Jahre lang aktives Ensemble von Sängerinnen aus der ganzen Samaria-Region handelt .

Das Logo von „Hallel“

Das Ensemble trägt den Namen „Hallel“ (Lobpreisung, der Name eines Gebets an Feiertagen und Neumonaten) und besteht nur aus Frauen aus der Region Samarias. 15 Frauen singen im Ensemble, das von Meyrav Brenner geleitet wird und nur vor einem weiblichen Publikum auftritt (allerdings können ihre Lieder auch über Youtube angehört werden). Sie existieren schon seit 2007 und haben bisher zwei Alben hervorgebracht, das erste („Zu Dir bete ich“) in 2008 und das zweite („Hallel mit Kaffee und Kuchen“) in 2012. Das Repertoire besteht aus original komponierten Liedern und neu aufgenommenen Variationen zu schon existierenden Liedern anderer Interpreten bzw. traditionellen Gesangsstücken, beispielsweise aus der Liturgie. Unterstützt wird das Ensemble-Projekt durch die Regionalverwaltung Samarias und deren Freizeitzentrum. Einmal pro Woche treffen sich die Sängerinnen, um zu üben.

 

Meyrav Brenner. Foto: Facebook

Meyrav Brenner, die Leiterin des Ensembles, ist selbst Komponistin und Sängerin, und ist als Leiterin von Musikprojekten an einer religiösen Schule für Jungen, die nicht in reguläre schulische Einrichtungen zugelassen wurden. Sie lebt in der Siedlung Har Bracha nahe Schchem/Nablus. Die anderen Ensemblemitglieder – allesamt verheiratete Frauen – sind teilweise berufstätig (so ist eine Sängerin auch selbstständige Kosmetikerin, eine andere leitet das Büro des Direktoriums der Partei „Jüdisches Heim“, und eine dritte ist parallel auch selbstständige Schauspielerin) und teilweise Hausfrauen. Ihre Webseite (leider nur in Hebräisch) hat Verweise zu einigen der Lieder, auf einer anderen Webseite, die Frauengesang gewidmet ist, lassen sich (fast) alle Titel des letzten Albums mit Liedtext und Video finden. Wie gesagt, sind alle Lieder auch auf Youtube anseh- und anhörbar.  Die „Hallel“-Sängerinnen

Foto: Facebook

treten bei verschiedenen Veranstaltungen auf – auf Kongressen, Abschlussfeiern von Schulen oder Vortragsabenden und haben auch eigene Gesangsabende, all das nicht nur in Samaria, sondern im ganzen Land.

Die Entscheidung, entsprechend dem jüdischen Gesetz nur vor und für Frauen zu singen, erklärte die Chorleiterin Brenner in einem Interview Anfang 2013 so:

„Wir sind in es hineingeboren,die Halacha [das jüdische Gesetz, Anm.DS] ist ein Teil von uns, und so hatten wir auch niemals Zweifel gehabt. Wir sind ein Frauenensemble, das für Frauen singt. Von Anfang an haben wir das Ensemble ins Leben gerufen, um für Frauen zu singen. Es liegt etwas Besonderes in einem Auftritt von Frauen vor Frauen. Es ist schwer, es zu charakterisieren, aber die Atmosphäre ist anders, die Selbstmitteilung und das Gefühl von Befreiung, wenn Frauen miteinander singen – es ist eine ganz andere Form von Stärke.“


Hier habe ich euch zwei Videos verlinkt, das erste davon „Moda Ani/Ich danke Dir“ mit einem wunderschönen Videoclip, der die samarischen Berge in all ihrer Pracht zeigt; das zweite ist von einem gemeinsamen Gesangsevent des Ensembles mit jungen Mädchen und Frauen aus ganz Samaria mit dem Lied „Mashehu Hadash Matchil/Etwas Neues beginnt“ – auch hier ein schön arrangierter Videoclip, in dem die ganze Vielfalt der jüdischen Einwohnerinnen der Region zur Geltung kommt.  Weitere Lieder kann man sich auf dem Videokanal von Meyrav Brenner auf Youtube anhören. Viel Vergnügen!

„Moda Ani/Ich danke Dir“

 

„Mashehu Hadash Matchil/Etwas Neues beginnt“

 

 

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Josefsgrab – unbewachter Besuch mit Folgen

Ein unangenehmer Vorfall ereignete sich gestern nacht (21.11) in Shchem/Nablus am Josefsgrab (Samaria), das neben dem hochkriminalisierten (Flüchtlings-)Viertel Balata liegt.
Drei Juden aus Israel, die am Josefsgrab inmitten der arabisch-palästinensischen Stadt beten wollten, gelangten nachts in die Stadt. Jüdische Pilger haben nach einem Abkommen mit der Armee bestimmte Zeiten und Tag(e) in der Woche, an denen sie zum

keveryosef
Auf der Karte

Grab gelangen können; in jedem Fall geschieht es nachts und wird von Armeekonvois bewacht. Gestern nachts fand einer dieser Besuchertage statt und etwa 1000 jüdische Pilger beteten unter Armeebewachung am Grab.
Die besagten drei Personen fuhren offenbar auf Eigeninitiative und ohne Absprechung mit der Armee oder als Teil einer Gruppe zum Grab und nachdem sie ihr Fahrzeug verliessen, wurde dieses von arabischen Einwohnern entdeckt und gestohlen und anschließend angezündet. Die drei mussten durch einen Armeeinsatz evakuiert werden. Gegen einen der unberechtigten Besucher wurde eine Klage eröffnet, dass er entgegen dem Beschluss des Militärgenerals eine für Israelis verbotene Zone (A-Zone, unter PA-Verwaltung = Nablus) betreten habe.
Die Anwälte des Betroffenen beklagten den Zustand, nach dem jüdische und arabische Israelis sowie nichtreligiöse gelegentliche jüdisch-israelische Besucher nach zweierlei Maß gemessen sein würden: demnach verfolge das Militärgericht die Linie, dass religiöse Pilger eher zu bestrafen sei, arabische Israelis allerdings durchgehend in die PA-Gebiete gelassen werden und sonstige israelische Besucher nicht gerichtlich geahndet werden würden.

Kleine, aber feine Bat Mitzva

Am letzten Donnerstag (16.03.)  feierte die Tochter meiner

Nachbarn, Shvut Rachel ihr Name, ihre Bat Mitzva – ihren 12.Geburtstag, der nach jüdischer Tradition als Beginn des Erwachsenwerdens gilt. Als Teil des Erwachsenwerdens tritt auch

Shvut hält ihre Ansprache

die vollständige Verpflichtung fuer alle religiösen Gebote in Kraft – daher übersetzt man den Namen „Bat Mitzva“ als „Tochter des Gebotes“ oder Diejenige, die die Gebote auf sich nimmt. (Mehr dazu in den Essays auf Talmud.de)

Die Feier wurde im lokalen Festsaal von Alon Shvut organisiert und es kamen Familie, Freundinnen und Freunde und viele unserer gemeinsamen Nachbarn. Insgesamt waren vielleicht knapp hundert Gäste anwesend, wenn nicht weniger – durchaus bescheiden  für eine solche Feier. Als Teil des Unterhaltungsprogramms wurden Diashows mit Fotos aus der Kindheit von Shvut und ein Film mit Glückwünschen von Familienmitgliedern wurden gezeigt; die Geschwister, Cousinen und Cousins sangen gemeinsam ein Lied, das sie, so erklärte mir Shvuts große Schwester Tohar, bei jeder Familienfeier singen würden und dabei die Strophen des Liedes immer für das entsprechende Event verändern würden – sei es

Die Familie singt für Shvut

Hochzeit, Geburt, Bat Mitzva oder anderes. Es wurde sehr viel musiziert und getanzt – natürlich tanzten dabei die Frauen und Mädchen von den Männern getrennt. Die Eltern erzählten von Shvut Rachels Werdegang und sie selbst hielt eine Rede, in der sie über den religiösen und geschichtlichen Hintergrund ihres Namens – Shvut („Rueckkehr“, Rückkehr aus dem Exil ins Land Israel) und Rachel (die Ehefrau von Vorvater Jaakov und „Urmutter“ der 12 israelitischen Stämme = des jüdischen Volkes) erzählte.

Die Verbindung zwischen dem Motiv der Rückkehr ins Heilige Land und Rachel ist biblisch sehr stark ausgeführt. Die Grabstelle von Rachel, der zweiten und Lieblingsfrau von Jaakov wird traditionell als bei der Stadt Bethlehem liegend gesehen, so wie es im 1.Buch Moses geschildert wird: „Und Rachel starb und wurde auf dem Weg nach Efrat, das Bethlehem ist, begraben.“ (1.Buch Moses 35, 19) Allerdings gibt es dabei auch andere Meinungen und Diskussionen darüber, die sich auf den Vers aus dem Buch Jirmiyahu (Jeremia) 31, 14 berufen, in welchem von „Rama“ gesprochen wird –

Hier befindet sich heute die Stätte des Rachelgrabs

dabei stellt sich die Frage, wie das Wort „Rama“ übersetzt werden soll – einer geologischen Beschreibung einer „Anhöhe“, welche das Grab in den Binyamin-Bergen (Südsamaria, nördlich von Jerusalem) vermuten lässt, oder der Beschreibung der Lautstärke gesprochen wird. Hier der volle Vers (35,14-15):

„So sagt Gott, eine (laute) Stimme lässt sich (auf der Anhöhe) hören – Rachel beweint ihre Kinder und weigert sich, sich trösten zu lassen, denn ihre Kinder sind nicht da. So sagt Gott, höre dein Weinen auf und lass deine Augen nicht tränen, denn dein Tun erhält seinen Lohn – so spricht Gott – und sie kommen aus dem Feindesland zurück; und es gibt Hoffnung zu deiner Letzt und die Kinder werden zu ihrer Grenze zurückkehren.“

Dieser Vers bezieht sich einerseits auf das babylonische Exil von Juden aus dem Land zur Zeit von Jirmiyahu (etwa um 589 v.d.Z.), andererseits wird es auch in der jüdischen Religion als prophetische Vision zur vollständigen Rückkehr aus jedem Exil (sprich, dem letzten – heutigen Exil) ins Land Israel angesehen. Dabei wird Rachel zur Symbolfigur der Wandernden und Heimatlosen, da sie selbst auf dem Weg begraben worden ist (und nicht wie ihre Schwester Leah, Jaakovs erste Frau, in der Patriarchenhöhle in Hevron) und daher um die „verlorenen Kinder“ trauert und um deren Rückkehr bittet. 

Herzliche Glückwünsche und viel Erfolg an Shvut Rachel und danke für die schöne Feier!

 

Chanukkah überall

Noch drei Tage sind vom Chanukkah-Fest übrig, und die Aktivitäten und Veranstaltungen für Familien, Kinder und andere Interessierte rund um den Feiertag neigen sich ihrem Ende zu. Wie im ganzen Land, so war auch der Eventkalender von Judäa und Samaria gefüllt mit Events für Groß und Klein –  vor allem, wenn man bedenkt, dass auch diese Region für ihre Geschichtsbezogenheit zu den historischen Vorgängen zur Zeit der Makkabäerrevolte gegen die Griechen im 2.Jhdt v.d.Z. bekannt ist. Es folgt eine kleine Übersicht dessen, was die Israelis in Judäa und Samaria während des Chanukkah-Festes erwartet(e), von Norden nach Süden:

Samaria

Festival des Lichts 2017 – organisiert von der Regionalverwaltung Samaria und dem Ministerium für Kultur und Sport.

Im Programm: 

  • Musical-Auffführung, inspiriert durch Lieder von Arik Einstein und Shalom Hanoch in Sha’arey Tikva (östlich von Kfar Kassem), 26.12
  • Gesangsabende für Senioren in Shaked (südöstlich von Umm el-
    Ausflug für Samaria-Jugendliche. Foto: Regionalverwaltung Samaria
    Ausflug für Samaria-Jugendliche. Foto: Regionalverwaltung Samaria

    Fahm), Elon More (östlich von Nablus/Shchem) und Nofim (östlich von Kfar Saba) (27-29.12)

  • Theateraufführung für Kinder ab der fünften Klasse in Sha’arey Tikva (25.12)
  • „Der große Ausflug für Samaria-Teens“, Wanderung für Jugendliche im Jordantal mit Kerzenzünden in Ma’ale Efraim
  • Joggling- und Feuerschlucker-Show von Nissan Hess in Kfar Tapuach, Nofey Nehemia (südlich von Nablus/Shchem, östlich von Ariel) und Havat Gilad (westlich von Nablus/Shchem) (25./26.12)

    Mitarbeiterinnen der Regionalverwaltung Samaria in Chanukkah-Atmosphäre
    Mitarbeiterinnen der Regionalverwaltung Samaria in Chanukkah-Atmosphäre. Quelle: Regionalverwaltung Samaria

Binyamin-Region (im Norden von Jerusalem,Süd-Samaria):

Im Programm: 

  • Makkabäer-Festival in der Talmonim-Region (nordöstlich von Modi’in, nordwestlich von Ramallah) – Straßenkünstler, Wanderung mit Überraschungen für Kinder,
    Makkabäer-Festival. Quelle: Webseite des Festivals
    Makkabäer-Festival. Quelle: Webseite des Festivals

    Höhlenentdeckungen, Bastelaktivitäten, Jeep-Touren von Modi’in nach Talmon und mehr (28-29.12.)

  • Orientierungs-Spiel „Extreme“ mit Herausforderungen für Kinder und Familien im Shiloh-Tal und auf der Ausgrabungsstelle und Besucherzentrum „antikes Shiloh“ (zwischen Ramallah und Nablus/Shchem), (28.-19-12)

Gush Etzion (Judäa)

Im Programm: 

  • Konzerte in Gush Etzion. Foto: Regionalverwaltung Gush Etzion
    Konzerte in Gush Etzion. Foto: Regionalverwaltung Gush Etzion

    Musikkonzerte von bekannten Künstlern im Kulturzentrum Gush Etzion und Teko’a – Jane Bordeaux, Dani Rubin, Shlomo Gronich, Ziv  Yechezkeli (25.-27.12)

  • Vortrag des Nahost-Experten und Journalisten von Channel 10, Tzvi Yechezkeli, über die Situation und Entwicklungen der muslimischen Welt in Alon Shevut (Gush Etzion, südlich von Jerusalem) (30.12)
  • Wanderungen der Feldschule Kfar Etzion rund um Gush Etzion, Binyamin-Region und Jerusalem (Hariton-Höhle, Wadi Kelt, Patriarchenhöhle in Hevron, Kanada-Park, Herodion)
  • Spenden-Aktion von „Chanukkah-Geld“ der Mädchenschule Neve Chana in Efrat

Hevron-Region (Judäa)

Im Programm: 

  • 12.Konferenz „Das Buch und die Wüste“ zu den neuesten archäologischen und anderenForschungen über das Hevron-Bergmassiv in Susia (südlich von Hevron, nordwestlich von Arad) (29.12)
  • Theatervorstellung des Theaters „Aspaklaria“ für Erwachsene nach der Erzählung „Das Kleid“ von Nobelpreisträger Shai Agnon in Kiryat Arba (Hevron), (31.12)

    Theateraufführung in den Hevron-Bergen. Foto: Regionalverwaltung Har Hevron
    Theateraufführung in den Hevron-Bergen. Foto: Regionalverwaltung Har Hevron

Laubhüttenfest überall

Das Laubhüttenfest – Sukkót-Fest auf Hebräisch – ist seit dem 16.Oktober im vollen Gange. Sieben Tage wird dieses aus der Tora stammendes Fest mit seinen Geboten gefeiert, und wird in derselben als ein Fest der letzten Ernte, ein Fest des Wassers, der Gottvertrauens und der Freude beschrieben.

(Sukkot in Judäa und Samaria – weiter nach unten scrollen)

Ernte, weil in dieser Zeit die zweite Erntezeit zu ihrem Ende kommt – im Land Israel gibt es sowohl im Früh- als auch im Spätjahr Erntezeit.

Wasser, weil in der Zeit um das Sukkot-Fest herum die ersten Regenfälle beginnen und die Sommerzeit offiziell zu Ende ist. Auch wird das Fest traditionell als die Zeit betrachtet, in der Gott darüber entscheidet, welche Wassermenge dem Neuen Jahr (das an Rosh Hashana vor drei Wochen begonnen hat) zugesprochen wird.

Gottvertrauen, weil eines der wichtigsten Gebote des Sukkot-Festes die eigentliche Sukká – die Laubhütte – ist, in Erinnerung an die Zeit, in der die Kinder Israels, die den Anfang des jüdischen Volkes legten, aus Ägypten zogen und die Zeit in der Wüste in laubhüttenähnlichen Gebilden verbrachten. Die Anweisung dazu, eine solche Sukka zu bauen und in ihr zu wohnen – sprich, zu essen und zu schlafen – findet sich mehrfach direkt in der schriftlichen Tora, so zum Beispiel im zweiten und dritten der fünf Bücher Moses (2.B.M. Kap.23, 16; 3.B.M.Kap.23,  39-42).

Die Sukka, so erklären es Gelehrte wie Maimonides (Rambam) und Rabbi Yakov Halevi (Maharil) aus Mainz, steht sowohl für die Unbeständigkeit der menschlichen Existenz als auch für die Bedrängnis, die das Volk in der Wüste durchmachen musste. Die Laubhütte, die von nun an in jeder Generation einmal im Jahr

So schläft sich in der Sukka von Tuvia, dem Nachbarsjungen (Alon Shevut)
So schläft sich in der Sukka von Tuvia, dem Nachbarsjungen (Alon Shevut)

errichtet werden soll, dient dazu, um jedem Juden und jeder Jüdin am eigenen Leib beispielhaft „klar zu machen“, was es bedeutet hatte, in einer Wüste ungeschützt unter offenem Himmel in einem wackeligen Gebilde zu sitzen und zu schlafen, und sich dabei nur auf den Schöpfer zu verlassen.  Eine weitere Interpretation besagt, dass durch den symbolischen (und physisch sehr nachvollziehbaren) Akt der Laubhütte wir unseren Glauben auch öffentlich stärken sollen – denn gerade, wenn das Wetter von warm zu kühl umschlägt und Regenschauer drohen, verziehen sich die meisten Menschen ins warme Heim; die Juden jedoch ziehen nach draußen und schlafen (meistens zumindest) in den unfesten Bauten, weil ihnen das Gesetz so befielt.

Und was soll die Freude besagen?

Sukkot soll das fröhlichste Fest der gesamten Jahreszeit werden. Tatsächlich sind es sieben Tage, die vor allem in Israel bemerkbar werden, wo die jüdische Religion heute endlich nach fast 2000 Jahren offen und in all ihren Variationen ausgelebt werden kann. Der erste Feiertag ist Ferientag und auch in den nachfolgenden sechs haben viele Ferien – vor allem die Kinder. Die meisten nutzen die Zeit für Wanderungen  und Ausflüge mit der Familie. Naturparks, Vergnügungsparks, Wanderwege, Konzerthallen, Freiluftmuseen, Zoos und andere Attraktionen und Veranstaltungen sind randvoll mit Menschen, als gehe die gesamte Bevölkerung auf Reisen. Andere ziehen es vor, in diesen Tagen ins Ausland zu fliegen,

Theatervorstellung in Samaria. Quelle. Facebook Shomron Tourism
Theatervorstellung in Samaria. Quelle. Facebook Shomron Tourism

aber die Statistiken zeigen, dass das Land nicht leergefegt wird – im Gegenteil, es kommen umso mehr Besucher aus dem Ausland nach Israel. Jerusalem bekommt über eine Million Besucher in dieser Zeit – denn Sukkot ist auch als eins der drei Pilgerfeste bekannt. Auch das ist in der Tora festgeschrieben – an Sukkot, so wie auch an Pessach und dem Wochenfest Shavu’ot (die beiden letzten im Frühjahr) sollen Juden nach Jerusalem, zum Tempel aufsteigen und dort das Fest feiern.

Als beide Tempel, deren Existenz die UNESCO beschlossen hat, zu verneinen, noch standen, fanden in ihnen festliche Opfergaben statt. Die Stadt war mit Familien der Pilger überfüllt; man kann sich vorstellen, dass zu dieser Zeit auch Veranstaltungen für diese stattfanden, und die wichtigste davon – die Wasserschöpf-Feier. Im Talmud wird beschrieben, wie das Wasser, welches aus der Shilo’ach-Quelle südlich des Tempelbergs in der damaligen Davidsstadt (heute als Ostjerusalemer Silwan-Viertel bekannt) entnommen und von Priestern in den Tempel gebracht und dort auf den Altar gegossen wurde. Von der Freifläche neben dem Altar führte ein Kanal tief unter den Tempelberg – so gelang das von oben gegossene Wasser wieder nach unten, der „Kreis“ schloss sich. Diesen Akt umrahmten Festlichkeiten und Vorstellungen zur Belustigung des Publikums – Akrobaten, Jongleure, Musik und Tanz. Kurzum, aller Grund zur Freude.

Noch etwas Erwähnenswertes fand in diesen sieben Tagen statt – im Tempel wurden 70 Stiere geopfert, symbolisch für die 70 Nationen dieser Welt. Sukkot sollte also nicht nur ein „innerjüdisches“ Fest sein, sondern auch die restliche Welt mit einschließen und diese am Gottesdienst teilhaben zu lassen. Traditionell dazu findet der „Jerusalem-Marsch“ in diesen Tagen statt – zu diesem kommen zehntausende israelbegeisterte Besucher aus verschiedenen Ländern, die meisten davon christlichen Glaubens, und marschieren durch Jerusalem in Nationaltrachten und mit Nationalfahnen.


Wie wird Sukkot in Judäa und Samaria gefeiert?

Natürlich sehr üppig. Was kleinere Orte und durchwegs religiöse Städte und Siedlungsblöcke wie Betar Illit, Modi’in Illit, Gush Etzion,

Sukka von Tzippi und Eli
Sukka von Tzippi und Elior

Talmon-Region, Nordwestbinyamin und Südhevronberge angeht, so findet man wohl bei jeder Familie eine Sukka vor dem Haus oder im Garten stehen, in allen möglichen Ausführungen – mit Holzwänden, Stoffwänden, Metallwänden, einem Laub-, Palmen- oder

Bambusdach, den ganzen  Garten und die Straße belegend oder nur in einer kleinen Ecke sich ans Haus drängend; und was die Innendekoration betrifft, so sind ihr keine Grenzen gesetzt. Eine

Sukka von Hanani und Rivka
Sukka von Hanani und Rivka

„koschere“, sprich gültige Sukka, hat eine bestimmte Mindestgröße

von etwa 60x60cm, mit einer Wandhöhe von min.80cm und max.10 Metern. Sie muss mindestens drei unvollständige Wände besitzen und das Dach muss mit Pflanzenmaterial bedeckt sein und etwas Lichteinfall in die Hütte selbst garantieren.

Auch in den größeren gemischten Städten wie Ma’ale Adumim und Ariel finden sich, wie in ganz Israel eigentlich, Sukkot. Besonders kurios für den nicht gewohnten Besucher sind die portablen Sukkot vor jedem Restaurant und Café, damit die Kunden auch bei Kaffee, Kuchen und Gulaschsuppe das Gebot des Sitzens in der Sukka erfüllen können. Natürlich standen auch bei uns an den Einkaufsläden im Gush Etzion diese niedlichen Bauwerke.

Drachen steigen lassen in Elon Moreh, Samaria. Quelle. Shomron Tourism
Drachen steigen lassen in Elon Moreh, Samaria. Quelle. Shomron Tourism

Was Freizeit angeht, so sind die Sukkot-Feiertage eine Hochsaison für den Tourismus in Judäa und Samaria. Sämtliche touristische Attraktionen werden von Menschenmengen aufgesucht – und das von einem sehr gemischten Kontingent. Sukkot ist die Zeit, in der die Freizeiteinrichtungen in Judäa und Samaria ihre Tore einem mannigfaltigen Publikum öffnen und sich stolz präsentieren können in der Hoffnung, dass die Besucher auch nach den Feiertagen

Kamelreiten in Samaria. Quelle: Shomron Tourism
Kamelreiten in Samaria. Quelle: Shomron Tourism

zurückkehren werden. In dieser Zeit werden die Sicherheitsstandarts in der Region erhöht, die Attraktionen in freier

Natur zusätzlich bewacht. Historische Stätten wie der archäologische Park in Sussya

Kinder in Shiloh, Südsamaria. Quelle: Ancient Shiloh Tourism
Kinder in Shiloh, Südsamaria. Quelle: Ancient Shiloh Tourism

(Südhevronberge), das Herodium bei Gush Etzion, das Freilichtmuseum bei der antiken Tempelstadt Shiloh in

Binyamin, der erste Samaria-Außenposten nach dem Sechstagekrieg in der antiken Stadt Sebastia, Wanderwege in den malerischen Bergen und Schluchten erwachen zum Leben; Campingplätze und Bed&Breakfast-Zimmer werden voll belegt. Feldschulen wie die von Kfar Etzion unter der Leitung von Yaron Rozental organisieren

Musik und Spiel in Binyamin, Quelle: BInyamin Tourism
Musik und Spiel in Binyamin, Quelle: BInyamin Tourism

themenpassende Ausflüge in die Natur.

Hier ein Video vom „Bibel-Marathon“ in Shiloh am 21.Oktober:


Das sind die Gewinnerinnen unter den Marathonläuferinnen:

Quelle: Facebook The Bible Marathon
Quelle: Facebook The Bible Marathon

Sukkot ist ein schöner Feiertag. Er ist vor allem auch schön, weil mit einem Mal vielen Israelis bewusst wird, dass die Geschichte ihrer

Quelle: Binyamin Tourism
Quelle: Binyamin Tourism

Vorväter sich gerade dort abspielte, wo sie in regulären Zeilen keinen Fuß hinsetzen wollen – in den Bergen und Tälern der Samaria-Judäa-Bergkette. Hier – und nicht in Tel Aviv, Ashdod oder Nahariya – befinden sich die Wegezeichen der alten Pilgerer, die durch die Berge nach Jerusalem zogen; hier sind die Wasserquellen,

Dolev-Wasserquelle, BInyamin-Gebiet. Quelle: Binyamin Tourism
Dolev-Wasserquelle, BInyamin-Gebiet. Quelle: Binyamin Tourism

die die tausendjährige Hauptstadt mit Wasser versorgten; hier waren die Zentren von Religion und Tradition; und noch immer warten viele Stätten darauf, dass die Nachfahren derjenigen, die sie errichtet und genutzt hatten, sie für sich wiederentdecken.

Auch ich habe eine Wanderung mitgemacht – im sogenannten Wadi Heletz, von der Aussichtsplattform bei Neve Daniel im Tal unter Beit Jalla-Bethlehem, durch die Olivenhaine des arabischen Dorfes Battir, vorbei an der Zugstrecke Jerusalem-Bet Shemesh und zum Biblischen Zoo in Jerusalem. Die Bilder kann man sich hier anschauen:

Sukkot ist ein Fest der Gastfreundschaft. Arbeitskollegen, Bekannte, Freunde – religiös,  nicht religiös, ja nicht mal jüdisch – treffen sich unter dem Laubdach. Arabische Gäste in jüdischen Sukkas sind kein seltener Anblick.

In Judäa und Samaria ist es leider kein Alltag und auch eine sehr, sehr große Seltenheit – soweit es überhaupt an die Öffentlichkeit dringt. Allerdings gibt es auch Präzedenzfälle – so wie den Bürgermeister von Efrat in Gush Etzion – Oded Revivi, welcher in diesem Jahr mehrere dutzend palästinensische Araber aus den

Arabische Dorfeinwohner und Soldaten umarmt - ein seltener Anblick. Quelle: Facebook, Oded Revivi
Arabische Dorfbewohner und Soldaten umarmt – ein seltener Anblick. Quelle: Facebook, Oded Revivi

Nachbardörfern gemeinsam mit israelischen Offizieren und Polizeibeamten zu sich in die Laubhütte eingeladen hatte. Die Veranstaltung soll freudig und in positiver Atmosphäre abgelaufen sein, es wurde gegessen, getrunken, gesprochen und viele Selfies geschossen. Die Folgen ließen leider nicht lange auf sich warten – aber dazu im gesonderten Beitrag.

Heute, 23.10.16, ist der letzte Tag des Sukkot-Festes und der Vorabend eines weiteren, mit Sukkot wenig zu tun habenden Feiertags – Shmini Atzeret bzw.Simchat Tora, das Tora-Freudenfest. Und nachdem alle Feiertage vorbei sein werden, erwartet alle der „Sprung ins kalte Wasser“ der regulären Wochentage…wir hoffen, dass der Regen nicht mehr lange auf sich warten lassen wird.

Halbleer und halbvoll: Fastentag des 9.Aw

Heute ist der Fastentag des „9.Aw“ zu Ende gegangen. Der schwierigste und erdrückendste aller jüdischen Gedenktage, welche die jüdische Tradition aufbieten kann, dauert etwa 24 Stunden lang, in welchen viele Vorschriften zu begehen sind. Die zentralste davon ist das Ess- und Trinkverbot. Der neunte Tag des Monats Aw, welcher im weltlichen Kalender generell auf einen der Tage im Monat August fällt, ist ein Trauer- und Gedenktag für sämtliche Katastrophen, die das jüdische Volk im Laufe der tausende von

Nacht auf den 14.08.16 - betende und fastende Frauen vor der West-(Klage-)mauer.
Nacht auf den 14.08.16 – betende und fastende Frauen vor der West-(Klage-)mauer.

Jahren ereilten – angefangen von dem göttlichen Dekret, das Volk 40 Jahre lang nicht ins Land Israel zu lassen, über die Zerstörung der zwei jüdischen Tempel und das darauffolgende fast zweitausendjährige Exil, und bis zu der Tragödie der Shoah.  (Hier kann man mehr über die Vorgeschichte des Fastentages und seine Bräuche lesen.)

In den letzten Jahrzehnten, in welchen der Staat Israel existiert und blüht, ist dieser Tag bei vielen Israelis und Juden auch als ein Tag des In-Sich-Gehens bekannt geworden, an welchem man gerade im Angesicht des Wiederauflebens des jüdischen Volkes darüber nachdenken möchte, weshalb es noch immer Unheil gibt, das uns hier und dort trifft; weshalb es keine Einigkeit untereinander findet, was die Situation im Land selbst gegenüber unseren Feinden angeht – und weshalb eigentlich der Dritte Tempel, trotz unserer Erfolge und Aspirationen, noch immer nicht steht. Und wie dieser wohl aussehen möge. Manche der Trauerschriften und -gebete, die man an diesem Tag liest, passen nicht mehr wörtlich in die Landschaft, die man in Israel um sich sieht – blühende Gemeinden, Menschen, die ihr Leben genießen und gestalten, wiedererbaute Städte, Unabhängigkeit. Jerusalem liegt nicht in Scherben und blutet, wie bei Prophet Jeremia beschrieben, dessen Klagerolle man an diesem Tag liest, sondern ist voller Lebensfreude.

Aber schaut man etwas genauer hin, so lassen sich Mangel erkennen; Steine, die noch nicht aus dem Weg geräumt worden sind, schwere Steine, die auf unserem Lebensweg als jüdisches Volk und

Das "Tor des Erbarmens" auf der östlichen Seite des Tempelbergs, zugemauert seit frühislamischen Zeiten, um die Ankunft des jüdischen Messias zu verhindern, der der Tradition nach durch dieses Tor schreiten soll. Davor wurde ein muslimischer Friedhof errichtet.
Das „Tor des Erbarmens“ auf der östlichen Seite des Tempelbergs, zugemauert seit frühislamischen Zeiten, um die Ankunft des jüdischen Messias zu verhindern, der der Tradition nach durch dieses Tor schreiten soll. Davor wurde ein muslimischer Friedhof errichtet.

unserem Schicksal lasten; Schaden, den wir uns selbst durch die Uneinigkeit zufügen; Entscheidungen, die noch immer aus einer Exilmentalität herrühren, und die somit der neuen Generation in Israel schaden, sich in geistiger Freiheit zu entfalten. Das jüdische Selbstbewusstsein, nach 2000 Jahren Exil und Zerstörung schwer angeschlagen, rehabilitiert sich langsam, und währenddessen bleibt die Welt nicht stehen. Viele Herausforderungen erwarten uns, und manche werden schmerzhafter sein, als wir uns es vorgestellt haben mögen.

Dieser Tag dient dazu, sich auf das „halbleere Glas“ zu konzentrieren, im Gegensatz zu den restlichen 364 Tagen, an welchen wir immer wieder aufgerufen werden, sich das halbvolle Glas anzuschauen. Heutzutage ist die Trauer- und Gedenkkultur von vielen wichtigen und förderlichen Elementen entleert worden; man wird praktisch überall, im Netz, in Büchern und von der Umgebung, dazu „gezwungen“, sich mit positiven Dingen zu befassen. Ob es aus einer Gleichgültigkeit herrührt, die sich in der heutigen Zeit breitmacht, oder aus dem Wunsch heraus, anstatt zu trauern, Dinge voranzutreiben – ich weiß es nicht. Ich weiß aber wohl, dass das Wertschätzen des Gegebenen darauf beruht, dass man im Blick behält, dass es nicht selbstverständlich ist; dass es auch andere Perioden gegeben hat und warum man sich vor ihnen hüten sollte – und auch dass es trotz allem positiven Denken einen Unterschied gibt zwischen dem Guten, was gegeben ist, und dem Guten, das man anstrebt.

Der Wunsch nach Trost, nach der Erfüllung der Sehnsucht, der Gedanke daran, wie man sich diese zu eigen machen kann – all das sollte in den Köpfen kreisen, wenn man den Fastentag des 9. Aw begeht.

Die Ausweisung von jüdischen Bewohnern aus den Ortschaften von Gush Katif im Gazastreifen im Jahr 2005 – insgesamt an die 8000

Die Zerstörung der Ortschaften in Gush Katif durch die israelische Armee, nach Ausweisung der jüdischen Bewohner, August 2005. Quelle: Gush Katif Museum
Die Zerstörung der Ortschaften in Gush Katif durch die israelische Armee, nach Ausweisung der jüdischen Bewohner, August 2005. Quelle: Gush Katif Museum

Menschen – fand rund um den 9.Aw, August 2005, statt. Die herzzerreißenden Bilder aus dieser Zeit – eine Tat gewaltigen Ausmaßes und von gewaltiger Dummheit für den israelischen Staat – haben sich jedem ‚Siedler‘ und auch sonst ins kollektive israelische Gedächnis eingeprägt und dienen als bittere Erinnerung daran, dass das Land noch immer nicht zur Ruhe gekommen ist.

Manchmal reichen schon die Aufnahmen vom Tempelberg in Jerusalem, dem allerheiligsten Ort für das jüdische Volk und die jüdische Religion (es ist nicht die Klagemauer/Westmauer!), um zu verstehen, wie weit die vollständige Befreiung von äußeren Zwängen und fremder Gewalt liegt:  So die Aufnahme dieses weinenden jüdischen Besuchers auf dem Tempelberg in den letzten Tagen, welcher aufgrund der Tatsache, dass er weinte, von dem

Jüdischer Israeli (Mitte) wird von einem Waqf-Hüter (links) und einem israelischen Polizisten vom Tempelberg ausgewiesen, nachdem er dort geweint hat. Quelle: Twoday.co.il
Jüdischer Israeli (Mitte) wird von einem Waqf-Hüter (links) und einem israelischen Polizisten vom Tempelberg ausgewiesen, nachdem er dort geweint hat. Quelle: Twoday.co.il

jordanischen Waqf-Aufsichtshüter vom Ort verjagt wurde, der  israelische Polizei dazu zwang, diesen vom Tempelberg herunter zu holen. Für jüdische Besucher besteht laut den Richtlinien des jordanischen „Waqf“ (Einrichtung für Hütung der muslimischen Heiligenstätten) ein striktes Gebetsverbot auf dem Tempelberg – jedes Wort, Murmeln, Geste und in diesem Fall auch Tränen als Ausdruck von Gebet bzw.Verbindung zu diesem Ort  werden von den Waqf-Angestellten sanktioniert und oft mit Gewalt beantwortet. Die israelische Regierung fügt sich diesem Abkommen mit Jordanien und unterbindet nicht die rassistische Behandlung von ausschließlich jüdischen Besuchern durch den Waqf, sondern unterstützt diese durch die eigenen Polizeikräfte. Selbst die UNESCO veröffentlichte im April 2016 eine Resolution, in welcher sie jegliche Verbindung zwischen der jüdischen Religion mit dem Tempelberg leugnete und diesen ausschließlich den Muslimen als heilig zuschrieb – im kompletten Gegensatz zu den Aussagen im Quran (geschweige denn archäologischen Quellen und jüdischen Schriften), welcher auf die Existenz des jüdischen Tempels und den Heiligenstatus des Ortes für die Juden hinweist.

Wie gesagt, es gibt noch vieles, worüber man nachdenken sollte, woran man sich erinnern und daraus Schlüsse ziehen sollte.

Jetzt geht der Tag zu Ende. Die Männer bei uns in der Karavansiedlung haben das Abendgebet beendet, man hörte aufmunternde Gesänge aus der Synagoge, und jetzt darf man endlich essen und trinken, bügeln, waschen, Musik hören, lachen, sich freuen, alles, was zu einem guten Leben dazugehört. Vor allem – man darf sich endlich auf das halbvolle Glas berufen und hoffen, dass bis zum nächsten Monat Aw sich Dinge zum Positiven wenden werden. Für uns, für das Land und im Endeffekt auch für die ganze Welt.

Le’chaim!

Frühling ist da, Pessach ist da*

Nach anstrengenden, erschoepfenden, aber ergiebigen Wochen ist das Weltreinigen zum Ende gekommen. Der Feiertag Pessach, der die nationale Geburt des juedischen Volkes, den Auszug aus der (selbstverschuldeten?) Unmuendigkeit hinaus in die Freiheit, ins eigene Land und mit eigenem Schicksal symbolisiert, steht vor der Tuer. Den Namen des Festtages sowie die Tradition des „Fruehlingsputzes“ haben andere Religionen und Gesellschaften uebernommen; doch die einzigartige Freiheitsbotschaft und „Geburt“ einer neuen Realitaet in dieser Welt – der der Gottesnaehe, der direkten Leitung von Schoepfer zu Menschheit durch die Gesetze und Anweisungen fuer das „hauseigene“ Volk, besitzt keine von ihnen. Denn nebst allen Assoziationen von Erneuerung, Befreiung und Hoffnung hat das juedische Pessach-Fest eine direkte Botschaft an den Juden, der dies zu begehen und zu feiern angewiesen ist:

„Jeder Mensch soll sich sehen, als sei er persoenlich aus Aegypten gezogen“ (Talmud)

Das bedeutet, dass fuer Juden und Juedinnen auf der ganzen Welt, zur selben Zeit, dieser Tag einen Neubeginn des Zyklus bedeutet, welcher ihr Sein ausmacht – ihre Religion, Zugehoerigkeit, Aufgabe in dieser Welt. Hier ist der Anfang. Hier der Ursprung. Von hier haben wir angefangen, alle gemeinsam zu gehen, und wir halten noch immer an denselben Haenden, sind die Glieder einer immer laenger werdenden Kette. Und wir glauben noch immer an dieselben Ideale, sie haben uns herausgebracht in die Freiheit, uns den Weg gefuehrt bis heute – wir bleiben ihnen treu.
Auch die Gebote fuer dieses Fest angeht, welches seinen Beginn in einem eiligen Mahl mitten in der Nacht, unter der staendigen Furcht vor der Reaktion der Aegypter, im Angesicht der Schrecken, die deren Land fuellten, und in der Aussicht auf eine Befreiung aus der unertraeglichen Sklaverei hinaus in ein Unbekanntes –  mit einer brennenden Hoffnung auf endlich einem Lichtstrahl in der jahrhunderte waehrenden Dunkelnheit -, gesehen hat, deuten auf das oben Genannte. Pessach ist ein Familienfest. Rund um den Globus, religioes oder ganz in einer anderen Welt, versammeln sich diejenigen, die sich als Teil des juedischen Volkes sehen, zusammen mit der Familie und erzaehlen von „damals“ – von Sklaverei, Befreiung, Gott, Neuanfang. Es bindet alle zusammen. Das hastige Mahl, „mit den Guerteln um die Hueften gebunden und dem Wanderstab in der Hand“, wie es in der Tora heisst, mit einem unfertigen Brot, woraus spaeter das alljaehrige Mazze- Brot wurde (wer kann sich angesichts der heutigen stylischen Kraecker daran erinnern?), wurde fuer Generationen verewigt – als Auftrag, nicht als Erinnerung. „Jeder Mensch soll sich sehen, als sei er aus Aegypten gezogen“. Auszug aus Aegypten ist kein einmaliges historisches Ereignis und damit hat es sich; Auszug aus Aegypten ist eine Berufung. Denn wir sind verpflichtet, die Lektionen daraus tagtaeglich aufzugreifen und zu verwirklichen. Freiheit zu bekommen, heisst Verantwortung zu uebernehmen. Verantwortung ist lebenslange Verpflichtung. Und genau das feiern wir. Den Preis der Freiheit, der unserem Leben als Juden, als Menschen einen Sinn gibt.


Nach diesen wenigen Worten zum Feiertag moechte ich euch kurz zeigen, wie die letzten Vorbereitungen bei uns in der Siedlung ausgesehen haben. Ausser dem Pessach-Putz, bei dem alles ungefaehr auf den Kopf gestellt wird, um es nicht nur von gesaeuerten Kruemeln, sondern ueberhaupt von jedem organischen Material zu befreien, gibt es noch einige religionsbedingte Aufgaben, die man erfuellen muss. Das macht man bei uns, weil wir ja eine kleine Gemeinschaft bilden, alle zusammen, auf dem Hauptplatz im Ort.

Das Eintauchen des Geschirrs, Alon Shevut, 2016
Das Eintauchen des Geschirrs, Alon Shevut, 2016

20160421_182820Das Metall- und Glasgeschirr (Toepfe, Besteck, Tassen, Teller etc) muss vor Pessach nach gruendlicher Saeuberung in kochendes Wasser eingetaucht werden, damit es jeden Geschmack des Gesaeuerten herausbekommen kann. Gasherd-Platten und Ofengitter werden mit einem Bunsenbrenner durch den Hardcore-Prozess gefuehrt. Bei uns haben es drei grosse, rüstige junge Maenner uebernommen, die an einem grossen Tisch neben grossen Wasserkesseln mit Eisenstangen standen und jedes Geschirr entgegennahmen. Eingetaucht haben sie es in einem hitzefesten Plastikkorb.

Alon Shevut
Alon Shevut

Auf demselben Platz wurde auch eine „Gesaeuertes-Messe“ durchgefuehrt – allerhand Brot, Chips, Falafel, Getreidewaren wurden von Kindern zum Billigpreis verkauft; Kinder und Eltern fuellten den Platz und wohin man sah, jeder kaute irgendwas. Kinder-DJs spielten froehliche Musik.20160421_183349 20160421_183440

Am Tag danach, ab einer bestimmten Uhrzeit, ist es von der Tora verboten, Gesaeuertes zu essen oder ueberhaupt im Haus zu haben. Die Ueberreste werden verkauft (an Nichtjuden, und dann zurueckgekauft, kompliziert, erklaere ich nicht 🙂 ) oder weggeschmissen/verbrannt. Verkaufen oder weggeben ist 20160422_114753natuerlich die bessere Option, obwohl das Gesaeuerte schon jahrhundertelang dieses Schicksal ereilt, und daher braucht man sich nicht darueber aufzuregen. Ich habe beschlossen, die meisten meiner „nichtkoscheren“ Produkte an benachbarte arabische Familien abzugeben; diese Initiative wurde von den Aktivisten des lokalen „Shorashim/Roots“-Friedensprojekts (hier wird darüber erzählt) vorgeschlagen, und einige haben sich dieser Option angeschlossen (andere reagierten darauf ablehnend).

Und nach dem Ganzen – den Reinigungen, den Geboten – macht mam sich fertig zum Fest, raeumt alles wieder ins nagelneue Haus ein und wartet auf die „Sedernacht“ (woertlich – Nacht mit einer bestimmten Ordnung).

Ganz entsprechend der Tradition und den eigentlichen Umstaenden bin ich den ganzen Tag und insbesondere diesen Abend „in Eile“, weil ich erneut zuspaet gewesen (wer mich kennt…). Statt ruhigen Feiertags- und Shabbatbeginns musste ich hin und her fahren und rennen, um ueberhaupt zu irgendjemandem an diesem Tag zum Abendessen anwesend zu sein. Zum Glueck gibt es Taxis. Urspruenglich war zwar Samaria bei mir geplant…..aber man weiss nie, wo man ankommt, wenn man einmal aus Aegypten zieht…am Ende bin ich doch noch daheim.

Hag Sameach ve Kasher!!

*Die Überschrift stammt aus einem bekannten Kinderlied, kann man hier nachhören: