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Tu BiShvat – das Land- und Pflanzfest der Jugend

Das im Talmud erwähnte „Neujahr der Bäume“ im Land Israel, ab welchem ein neuer Lebenszyklus von Bäumen gerechnet wird, fällt im jüdischen Kalender auf den 15. des Wintermonats Shvat (auf Hebräisch – Tu BiShvat). Im Laufe der Exilzeit wurde es von den jüdischen Mystikern als besonderes Datum gehandelt, hatte allerdings keine besondere Bedeutung für die im Exil lebenden und mit dem Heiligen Land physisch nicht verbundenen Juden.

Naturbewusstsein bei Kindern entwickeln. Illustration (E.Kimhi)
Naturbewusstsein bei Kindern entwickeln. Illustration (E.Kimhi)

Vor etwa 100 Jahren wurde dieses Datum speziell von der zionistischen Bewegung aufgewertet und zu einem praktischen Fest der Bäume erklärt, welches dank der stetig steigenden Anzahl von rückkehrenden Juden in das Land eine neue Bedeutung erhielt – die Neubeflanzung des Landes Israel. Es ist bekannt, dass die natürlichen Wälder des Landes zum 19. und 20.Jahrhundert hin aufgrund von verstärkter Nutzung von Holz für Zugverkehr, Schiffbau und Heizmaterial fast vollständig verschwunden waren. Der Jüdische Nationalfonds (JNF/KKL), welcher auch für massiven Landkauf im Land vor der Staatsgründung verantwortlich gewesen war, initiierte Beflanzungen, speziell an Tu BiShvat, und das im ganzen Land. Dazu wurde in den Diasporagemeinden und im Land selbst Spendergeld in den sogenannten „blauen Büchsen“  gesammelt und anschließend in die Bäume investiert, welche gepflanzt wurden.  Auch wenn heute immer mehr Umweltexperten

und Historiker kritisieren, dass der JNF in seinen Bemühungen um Aufforsterung sich mehr auf die Besetzung von Land mit Pflanzen und die Verbreitung von für die lokale Natur unpassenden europäischen Baumsorten konzentrierte, um Land vor Wegnahme durch  Araber zu verhindern und eine europäische Vorstellung von bewaldetem Land zu verwurzeln, gilt der JNF dennoch als einer der Hauptfaktoren bei der Begrünung des Landes bis heute.  Mehr darüber in Bildern kann man hier finden, zu Tu BiShvat in Kürze hier.


Die Feldschule von Kfar-Etzion, die erste  Feldschule in Judäa und Samaria zur Forschung, Fortbildung, Umweltschutz und Erhaltung des Kulturerbes in Gush Etzion nach dem Sechstagekrieg 1967, ist landesweit und auch mittlerweile im Ausland für ihre Weiterbildungsprogramme im Forschungsfeld der Archäologie und Geschichte sowie Wanderungen für alle Altersstufen auf den zahllosen Pfaden im Bereich von Nordjudäa bekannt und geschätzt. Die Feldschule, von den Rückkehrern in den 1948 zerstörten Kibbutz Kfar Etzion nach 1967 gegründet, unterhält hunderte von Wanderungsprogrammen, Ausgrabungsprojekten, veranstaltet Informationskonferenzen und beschäftigt sich auch mit Ausweitung der Natur- und Geschichtskenntnis von Kindern und Jugendlichen.  (Kleiner Bericht hier).

Yaron Rosental
Yaron Rosental

Yaron Rosental  ist seit mehr als 10 Jahren Direktor der Feldschule und ist für seine praktische Herangehensweise zur Durchführung lokaler Projekte, sein ökologisches Bewusstsein, seine geschichtliche Wertschätzung, die Sorge um die archäologischen Schätze in Gush Etzion und auch seinen Einsatz für friedliches Zusammenleben von Arabern und Juden der Region bekannt. (Hier ein Bericht mit Yaron Rosental)

Passend zum Tu BiShvat-Fest hin organisierten Yaron und sein Team von der Feldschule ein Projekt, welches er als „eins der größten der letzten Jahre in Gush Etzion“ bezeichnete: 7000 Jugendliche der  Jugendbewegung „Ezra“ wurden eingeladen, um im

Bei den Vorbereitungen.
Felsen markiert.

ganzen Bereich der westlichen Etzion-Region Wandertouren vorzunehmen und mit Hacke und Spaten neue Wanderwege freizulegen. An speziell dafür vorbereiteten Stellen durften sie auch Bäume pflanzen. Daraufhin hatten Yaron und sein Team lange gewartet und die Aktivitäten mehrere Wochen lang vorbereitet – Festlegung der für neue Wanderwege geeigneten Orte, Markierungen, Probepflanzungen und mehr.

Yaron pflanzt schon mal vor.
Yaron pflanzt schon mal vor.
Bei den Vorbereitungen.
Bei den Vorbereitungen.
Bei den Vorbereitungen.
Bei den Vorbereitungen.

 

Am letzten Donnerstag, dem 09.02. , war es dann soweit: Die Kinder kamen mit über hundert Reisebussen aus dem ganzen Land nach Gush Etzion und dank dem sonnigen und relativ warmen Wetter konnten sie die geplanten Aktivitäten durchführen. Yaron 16486888_10154333469548597_6177113876590206900_oentschuldigte sich auf Facebook mit einem Zwinkern für die entstandenen Staus und veröffentlichte dutzende Bilder der jungen Teilnehmer und Teilnehmerinnen, welche in farbigen Pullis, Jeans und Röcken die Erde bearbeiteten und den westlichen Gush durchforsteten. Die zentralen Punkte beinhalteten den Naturpark Oz veGaon (in welchem ich selbst vor zweieinhalb Jahren mit Hacke und Spaten meinen Weg im Gush Etzion begonnen habe), Wadi Sadjme, die Arbiya-Höhlen (bei El Arub), Livne-Bach, Etziona-Bach, Oz-Aussichtspunkt und andere. Die Bäume, die gepflanzt worden waren, wurden aus den 16486818_10154333470273597_1625585356103277624_oSorten des natürlichen Waldes der Region ausgewählt – solche wie lokale Eichensorten, Terebinthen, Erdbeer- und Olivenbäume. Das 16665748_10154333471418597_2201696226374299674_oProjekt verlief im Angesicht seines Ausmaßes sehr erfolgreich und viele junge Menschen hatten dadurch mehr die Chance, mit der lokalen Natur und ihren Besonderheiten in Berührung zu kommen und selbst zu ihrem Wohlergehen beizutragen.

Neta Karniel
Neta Karniel

Eine Veröffentlichung widmete Yaron auf seiner Facebookseite einem kleinen Mädchen namens Neta Karniel: Auch sie war zum Pflanzen im Gush Etzion gekommen, und zwar nicht ohne Grund: einer der Urgroßväter von Neta, Shlomo Rozen, war einer der Pioniere des Kibbutzes Kfar Etzion vor der Staatsgründung und ist im Unabhängigkeitskrieg 1948 beim Fall des Kibbutz in die Hände der jordanischen Kämpfer getötet worden; ein weiterer Urgroßvater, Shalom Karniel, war einer der Truppenmitglieder, die einen Hilfskonvoi ins besetzte Gush Etzion im Frühjahr 1948 brachten und dabei getötet worden waren. Ihre Kinder und Enkel kamen zurück in den Gush. Urenkelin Neta ist der lebende Beweis für die wiederkehrende jüdische Existenz in Gush Etzion und Judäa im Allgemeinen.

Hier kommen einige Bilder vom „Ezra“-Projekt. Fotos: Yaron Rosental.

 

 

 

 

Musikabend in Bat Ayin

Wieder etwas still gewesen um mich… Studium und Bürokratie füllen den Alltag und es bleibt weniger Zeit zum Schreiben. Und wenn dann das Wochenende kommt – ist es bei uns recht kurz, ein halber Freitag und ein im Winter nicht allzu langer Shabbat – dann kommt die ersehnte Ruhe.

Den Shabbat – Tradition und Gesetz entsprechend – verbringe ich häufig daheim und werde bei meinen Nachbarn zum Essen eingeladen. Manchmal mache ich aber auch einen kleinen Abstecher zu Freunden, die etwas weiter wohnen.

Den vergangenen Shabbat (21.01) verbrachte ich in der kleinen Gemeinde Bat Ayin in Gush Etzion verbracht. Bat Ayin hat etwa 1400 Einwohner und ist auf einem Hügel auf dem Berghang des Hebroner Bergmassivs verstreut. Bat Ayins Bewohner lassen sich zumeist religiös bis sehr religiös einordnen, zum großen Teil Anhänger des Rabbiners Nachman von Bratzlav (Breslever Chassiden); die Bevölkerung ist zumeist jung und die Familien kinderreich.

Sicht auf Bat Ayin
Sicht auf Bat Ayin

Bat Ayin gilt als eine eher abgeschottete Gemeinde; auch was den Lebensstil angeht, so sind die Bat Ayiner Bewohner eine Gemeinschaft für sich – Kleidermode und Baustil sind keinem westlichen Mainstream, sondern eher einer „alternativen Mode“ einzuordnen; Rückbesinnung auf Religion (viele der Einwohner kommen ursprünglich aus säkularen Elternhäusern und suchen ihren Weg zur Religion), Naturbezogenheit (kleine Farmen, Privatzucht, Gärten, selbstgebaute Häuser), Vegetarismus und Umweltbewustsein sind dort hoch im Kurs; es gibt einen gemeinschaftlichen Kleiderspendeladen. Mädchen und Frauen lassen sich meist an wallenden, bunten Kleidern, Kopftüchern und

Bat Ayin
Bat Ayin

Schals mit fernöstlichen Einflüssen erkennen; die Männer sind eher Arbeitshosen und langen Hemden unterwegs, haben die Gebetsfäden (Tzitzit) und Haare, auf jeden Fall aber die Schläfenlocken offen. Viele Einwohner sind Musiker. In der Gemeinde selbst gibt es einige religiöse Einrichtungen, Kindergarten, Grundschule, Krankenkasse, kleinen Supermarkt und einige Synagogen. Es gibt ebenso ein Aufnahmezentrum für schwererziehbare Jugendliche, um welche sich die Gemeinde und der Initiator des Projekts sorgen. Der Großteil von Bat Ayin ist von keinem Zaun umgeben, aus ideologischen Gründen; die Bewohner von Bat Ayin haben eine lange Auseinandersetzung mit der Armee hinter sich, welche darauf besteht, die Siedlung mit einem Sicherheitszaun zu umgeben, die Bewohner sich jedoch gegen eine Einschränkung und Eingrenzung der Gebiete um sie herum weigern.

Die Häuser des Dorfes Zurif
Die Häuser des Dorfes Zurif

Bisher hat nur ein Teil der Ortschaft einen kurzen Zaun, und zwar auf der Südseite, welche in unmittelbarer Nähe zum arabischen Dorf Zurif liegt. Bat Ayin ist auch bekannt für seine Auseinandersetzungen mit den Bewohnern von Zurif undG’eba, zwei arabischen Nachbardörfern, welche sich gegenseitige Abneigung zollen. Im Februar 2007 wurde ein Bewohner von Bat Ayin, Erez Levanon sel.A. von arabischen Terroristen aus der Gegend von Zurif getötet.  In 2002, im Laufe der 2.Intifada, geriet Bat Ayin ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit, als Mitglieder der sogenannten „Bat Ayin Untergrundorganisation“, einer Terrorgruppierung, von den israelischen Sicherheitskräften gefasst wurden, als sie dabei waren, einen großangelegten Terroranschlag gegen eine arabische Schule in Ostjerusalem auszuführen.

Die Natur um Bat Ayin herum ist üppig – ehemals vom Jüdischen Nationalfonds und früheren Bewohnern von Gush Etzion gepflanzter Wald, drei Wasserquellen, Hügellandschaft und eine Aussicht über das israelische Flachland, welche bei klarem Wetter einen Blick bis zu den Küstenstädten Ashdod und Ashkelon erlaubt.


Das Wetter am Shabbat war kühl, aber ansonsten ausgezeichnet – strahlende Sonne, wenig Wind und frische Luft. Die Bewohner und Bewohnerinnen beteten, statteten einander Besuche ab, gingen spazieren; einige gingen dem Ortsbrauch entsprechend zu den Wasserquellen, um dort einzutauchen. Nach Shabbat-Ausgang (Samstagabends, nach dem Sonnenuntergang) lud mich meine Freundin zu einem musikalischen Ausklang des Shabbats ein, bei einer Familie namens Levy. Familie Levy – Ariel und Elia, beide in

Rechts: Ariel Levy am Saxophon, Elia auf der Gitarre, Sa'ar Tuvia (Freund) an der Trommel, unten: die Kinder Na'ama (älteste), Miriam und Baby Rachel
Links: Ariel Levy am Saxophon, Elia auf der Gitarre, in der Mitte: die Kinder Na’ama (älteste), Miriam und Baby Rachel

ihren Dreißigern – waren erst vor wenigen Monaten aus Jerusalem in das imposante, mit Holz verzierte Haus gezogen, hatten aber schon in dieser Zeit geschafft, eine Tradition zu etablieren: Jeden Samstagabend versammeln sich in ihrem geräumigen Wohnzimmer Nachbarn und Gäste, um gemeinsam

Eine Fülle an gutem Essen ist auch dabei
Eine Fülle an gutem Essen ist auch dabei

zu musizieren. Dazu werden hauseigene Suppe, Salate und Kuchen serviert; jeder Gast bring auch meistens etwas zu essen mit.

Ariel Levy, selbst Saxophonist, nimmt die Musikabende auf und strahlt sie auf Youtube oder auch live über Facebook aus. Zwischen dem Musizieren hält er einen Vortrag über die Tora und verschiedene Ideen des jüdischen Glaubens. Auch diese lassen

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Elia an der Gitarre, Avi am Tamburin, Sa’ar-Tuvia an der Trommel

sich im Internet finden, unter dem Nicknamen „The Emunah Home“ (Haus des Glaubens), welcher für die gesamte Familie Levy steht. Ihre fünf Kinder, die jüngste darunter erst drei Monate alt, sind beim Musizieren dabei. Die älteren gehen nicht in den Kindergarten oder die Schule, sondern werden daheim unterrichtet.

Zumeist spielen Ariel und Elia, die ihn auf Gitarre begleitet, osteuropäisch-jüdische Melodien, aber es gibt auch orientalische Einflüsse. Die beiden selbst haben unmittelbare Wurzeln im Nahen Osten: Elia ist syrisch-türkischen Ursprungs, Ariel persisch-bulgarisch.

20170121_223048Auch an diesem Abend tauchten nach und nach viele Besucher auf, nahmen Platz, aßen etwas und nutzten einige der Instrumente, die zur Verfügung standen. Inmitten der Jam Session erzählte Ariel ein wenig über seine letzten Gedanken über den Zusammenhalt des jüdischen Volkes, basiert auf der Lehre von Rabbi Nachman; anschließend musizierten wir mit verstärkten Kräften weiter. Die 20170121_211227Anwesenden waren verschiedenen Alters – junge Mädchen, einige ältere Frauen, Jungs im Teenager-Alter und auch weit darüber hinaus, die Kinder von Ariel und Elia und andere.

Das Video vom Abend lud Ariel auf seine Facebook-Webseite, es kann man sich hier ansehen:

Hier eine weitere, sehr schöne instrumentale Aufnahme eines bekannten chassidischen Liedes, dem „Lied der Gräser“, gespielt von Ariel und Elia Levy.  Mehr gibt es auf ihrem Youtube-Kanal.

Laubhüttenfest überall

Das Laubhüttenfest – Sukkót-Fest auf Hebräisch – ist seit dem 16.Oktober im vollen Gange. Sieben Tage wird dieses aus der Tora stammendes Fest mit seinen Geboten gefeiert, und wird in derselben als ein Fest der letzten Ernte, ein Fest des Wassers, der Gottvertrauens und der Freude beschrieben.

(Sukkot in Judäa und Samaria – weiter nach unten scrollen)

Ernte, weil in dieser Zeit die zweite Erntezeit zu ihrem Ende kommt – im Land Israel gibt es sowohl im Früh- als auch im Spätjahr Erntezeit.

Wasser, weil in der Zeit um das Sukkot-Fest herum die ersten Regenfälle beginnen und die Sommerzeit offiziell zu Ende ist. Auch wird das Fest traditionell als die Zeit betrachtet, in der Gott darüber entscheidet, welche Wassermenge dem Neuen Jahr (das an Rosh Hashana vor drei Wochen begonnen hat) zugesprochen wird.

Gottvertrauen, weil eines der wichtigsten Gebote des Sukkot-Festes die eigentliche Sukká – die Laubhütte – ist, in Erinnerung an die Zeit, in der die Kinder Israels, die den Anfang des jüdischen Volkes legten, aus Ägypten zogen und die Zeit in der Wüste in laubhüttenähnlichen Gebilden verbrachten. Die Anweisung dazu, eine solche Sukka zu bauen und in ihr zu wohnen – sprich, zu essen und zu schlafen – findet sich mehrfach direkt in der schriftlichen Tora, so zum Beispiel im zweiten und dritten der fünf Bücher Moses (2.B.M. Kap.23, 16; 3.B.M.Kap.23,  39-42).

Die Sukka, so erklären es Gelehrte wie Maimonides (Rambam) und Rabbi Yakov Halevi (Maharil) aus Mainz, steht sowohl für die Unbeständigkeit der menschlichen Existenz als auch für die Bedrängnis, die das Volk in der Wüste durchmachen musste. Die Laubhütte, die von nun an in jeder Generation einmal im Jahr

So schläft sich in der Sukka von Tuvia, dem Nachbarsjungen (Alon Shevut)
So schläft sich in der Sukka von Tuvia, dem Nachbarsjungen (Alon Shevut)

errichtet werden soll, dient dazu, um jedem Juden und jeder Jüdin am eigenen Leib beispielhaft „klar zu machen“, was es bedeutet hatte, in einer Wüste ungeschützt unter offenem Himmel in einem wackeligen Gebilde zu sitzen und zu schlafen, und sich dabei nur auf den Schöpfer zu verlassen.  Eine weitere Interpretation besagt, dass durch den symbolischen (und physisch sehr nachvollziehbaren) Akt der Laubhütte wir unseren Glauben auch öffentlich stärken sollen – denn gerade, wenn das Wetter von warm zu kühl umschlägt und Regenschauer drohen, verziehen sich die meisten Menschen ins warme Heim; die Juden jedoch ziehen nach draußen und schlafen (meistens zumindest) in den unfesten Bauten, weil ihnen das Gesetz so befielt.

Und was soll die Freude besagen?

Sukkot soll das fröhlichste Fest der gesamten Jahreszeit werden. Tatsächlich sind es sieben Tage, die vor allem in Israel bemerkbar werden, wo die jüdische Religion heute endlich nach fast 2000 Jahren offen und in all ihren Variationen ausgelebt werden kann. Der erste Feiertag ist Ferientag und auch in den nachfolgenden sechs haben viele Ferien – vor allem die Kinder. Die meisten nutzen die Zeit für Wanderungen  und Ausflüge mit der Familie. Naturparks, Vergnügungsparks, Wanderwege, Konzerthallen, Freiluftmuseen, Zoos und andere Attraktionen und Veranstaltungen sind randvoll mit Menschen, als gehe die gesamte Bevölkerung auf Reisen. Andere ziehen es vor, in diesen Tagen ins Ausland zu fliegen,

Theatervorstellung in Samaria. Quelle. Facebook Shomron Tourism
Theatervorstellung in Samaria. Quelle. Facebook Shomron Tourism

aber die Statistiken zeigen, dass das Land nicht leergefegt wird – im Gegenteil, es kommen umso mehr Besucher aus dem Ausland nach Israel. Jerusalem bekommt über eine Million Besucher in dieser Zeit – denn Sukkot ist auch als eins der drei Pilgerfeste bekannt. Auch das ist in der Tora festgeschrieben – an Sukkot, so wie auch an Pessach und dem Wochenfest Shavu’ot (die beiden letzten im Frühjahr) sollen Juden nach Jerusalem, zum Tempel aufsteigen und dort das Fest feiern.

Als beide Tempel, deren Existenz die UNESCO beschlossen hat, zu verneinen, noch standen, fanden in ihnen festliche Opfergaben statt. Die Stadt war mit Familien der Pilger überfüllt; man kann sich vorstellen, dass zu dieser Zeit auch Veranstaltungen für diese stattfanden, und die wichtigste davon – die Wasserschöpf-Feier. Im Talmud wird beschrieben, wie das Wasser, welches aus der Shilo’ach-Quelle südlich des Tempelbergs in der damaligen Davidsstadt (heute als Ostjerusalemer Silwan-Viertel bekannt) entnommen und von Priestern in den Tempel gebracht und dort auf den Altar gegossen wurde. Von der Freifläche neben dem Altar führte ein Kanal tief unter den Tempelberg – so gelang das von oben gegossene Wasser wieder nach unten, der „Kreis“ schloss sich. Diesen Akt umrahmten Festlichkeiten und Vorstellungen zur Belustigung des Publikums – Akrobaten, Jongleure, Musik und Tanz. Kurzum, aller Grund zur Freude.

Noch etwas Erwähnenswertes fand in diesen sieben Tagen statt – im Tempel wurden 70 Stiere geopfert, symbolisch für die 70 Nationen dieser Welt. Sukkot sollte also nicht nur ein „innerjüdisches“ Fest sein, sondern auch die restliche Welt mit einschließen und diese am Gottesdienst teilhaben zu lassen. Traditionell dazu findet der „Jerusalem-Marsch“ in diesen Tagen statt – zu diesem kommen zehntausende israelbegeisterte Besucher aus verschiedenen Ländern, die meisten davon christlichen Glaubens, und marschieren durch Jerusalem in Nationaltrachten und mit Nationalfahnen.


Wie wird Sukkot in Judäa und Samaria gefeiert?

Natürlich sehr üppig. Was kleinere Orte und durchwegs religiöse Städte und Siedlungsblöcke wie Betar Illit, Modi’in Illit, Gush Etzion,

Sukka von Tzippi und Eli
Sukka von Tzippi und Elior

Talmon-Region, Nordwestbinyamin und Südhevronberge angeht, so findet man wohl bei jeder Familie eine Sukka vor dem Haus oder im Garten stehen, in allen möglichen Ausführungen – mit Holzwänden, Stoffwänden, Metallwänden, einem Laub-, Palmen- oder

Bambusdach, den ganzen  Garten und die Straße belegend oder nur in einer kleinen Ecke sich ans Haus drängend; und was die Innendekoration betrifft, so sind ihr keine Grenzen gesetzt. Eine

Sukka von Hanani und Rivka
Sukka von Hanani und Rivka

„koschere“, sprich gültige Sukka, hat eine bestimmte Mindestgröße

von etwa 60x60cm, mit einer Wandhöhe von min.80cm und max.10 Metern. Sie muss mindestens drei unvollständige Wände besitzen und das Dach muss mit Pflanzenmaterial bedeckt sein und etwas Lichteinfall in die Hütte selbst garantieren.

Auch in den größeren gemischten Städten wie Ma’ale Adumim und Ariel finden sich, wie in ganz Israel eigentlich, Sukkot. Besonders kurios für den nicht gewohnten Besucher sind die portablen Sukkot vor jedem Restaurant und Café, damit die Kunden auch bei Kaffee, Kuchen und Gulaschsuppe das Gebot des Sitzens in der Sukka erfüllen können. Natürlich standen auch bei uns an den Einkaufsläden im Gush Etzion diese niedlichen Bauwerke.

Drachen steigen lassen in Elon Moreh, Samaria. Quelle. Shomron Tourism
Drachen steigen lassen in Elon Moreh, Samaria. Quelle. Shomron Tourism

Was Freizeit angeht, so sind die Sukkot-Feiertage eine Hochsaison für den Tourismus in Judäa und Samaria. Sämtliche touristische Attraktionen werden von Menschenmengen aufgesucht – und das von einem sehr gemischten Kontingent. Sukkot ist die Zeit, in der die Freizeiteinrichtungen in Judäa und Samaria ihre Tore einem mannigfaltigen Publikum öffnen und sich stolz präsentieren können in der Hoffnung, dass die Besucher auch nach den Feiertagen

Kamelreiten in Samaria. Quelle: Shomron Tourism
Kamelreiten in Samaria. Quelle: Shomron Tourism

zurückkehren werden. In dieser Zeit werden die Sicherheitsstandarts in der Region erhöht, die Attraktionen in freier

Natur zusätzlich bewacht. Historische Stätten wie der archäologische Park in Sussya

Kinder in Shiloh, Südsamaria. Quelle: Ancient Shiloh Tourism
Kinder in Shiloh, Südsamaria. Quelle: Ancient Shiloh Tourism

(Südhevronberge), das Herodium bei Gush Etzion, das Freilichtmuseum bei der antiken Tempelstadt Shiloh in

Binyamin, der erste Samaria-Außenposten nach dem Sechstagekrieg in der antiken Stadt Sebastia, Wanderwege in den malerischen Bergen und Schluchten erwachen zum Leben; Campingplätze und Bed&Breakfast-Zimmer werden voll belegt. Feldschulen wie die von Kfar Etzion unter der Leitung von Yaron Rozental organisieren

Musik und Spiel in Binyamin, Quelle: BInyamin Tourism
Musik und Spiel in Binyamin, Quelle: BInyamin Tourism

themenpassende Ausflüge in die Natur.

Hier ein Video vom „Bibel-Marathon“ in Shiloh am 21.Oktober:


Das sind die Gewinnerinnen unter den Marathonläuferinnen:

Quelle: Facebook The Bible Marathon
Quelle: Facebook The Bible Marathon

Sukkot ist ein schöner Feiertag. Er ist vor allem auch schön, weil mit einem Mal vielen Israelis bewusst wird, dass die Geschichte ihrer

Quelle: Binyamin Tourism
Quelle: Binyamin Tourism

Vorväter sich gerade dort abspielte, wo sie in regulären Zeilen keinen Fuß hinsetzen wollen – in den Bergen und Tälern der Samaria-Judäa-Bergkette. Hier – und nicht in Tel Aviv, Ashdod oder Nahariya – befinden sich die Wegezeichen der alten Pilgerer, die durch die Berge nach Jerusalem zogen; hier sind die Wasserquellen,

Dolev-Wasserquelle, BInyamin-Gebiet. Quelle: Binyamin Tourism
Dolev-Wasserquelle, BInyamin-Gebiet. Quelle: Binyamin Tourism

die die tausendjährige Hauptstadt mit Wasser versorgten; hier waren die Zentren von Religion und Tradition; und noch immer warten viele Stätten darauf, dass die Nachfahren derjenigen, die sie errichtet und genutzt hatten, sie für sich wiederentdecken.

Auch ich habe eine Wanderung mitgemacht – im sogenannten Wadi Heletz, von der Aussichtsplattform bei Neve Daniel im Tal unter Beit Jalla-Bethlehem, durch die Olivenhaine des arabischen Dorfes Battir, vorbei an der Zugstrecke Jerusalem-Bet Shemesh und zum Biblischen Zoo in Jerusalem. Die Bilder kann man sich hier anschauen:

Sukkot ist ein Fest der Gastfreundschaft. Arbeitskollegen, Bekannte, Freunde – religiös,  nicht religiös, ja nicht mal jüdisch – treffen sich unter dem Laubdach. Arabische Gäste in jüdischen Sukkas sind kein seltener Anblick.

In Judäa und Samaria ist es leider kein Alltag und auch eine sehr, sehr große Seltenheit – soweit es überhaupt an die Öffentlichkeit dringt. Allerdings gibt es auch Präzedenzfälle – so wie den Bürgermeister von Efrat in Gush Etzion – Oded Revivi, welcher in diesem Jahr mehrere dutzend palästinensische Araber aus den

Arabische Dorfeinwohner und Soldaten umarmt - ein seltener Anblick. Quelle: Facebook, Oded Revivi
Arabische Dorfbewohner und Soldaten umarmt – ein seltener Anblick. Quelle: Facebook, Oded Revivi

Nachbardörfern gemeinsam mit israelischen Offizieren und Polizeibeamten zu sich in die Laubhütte eingeladen hatte. Die Veranstaltung soll freudig und in positiver Atmosphäre abgelaufen sein, es wurde gegessen, getrunken, gesprochen und viele Selfies geschossen. Die Folgen ließen leider nicht lange auf sich warten – aber dazu im gesonderten Beitrag.

Heute, 23.10.16, ist der letzte Tag des Sukkot-Festes und der Vorabend eines weiteren, mit Sukkot wenig zu tun habenden Feiertags – Shmini Atzeret bzw.Simchat Tora, das Tora-Freudenfest. Und nachdem alle Feiertage vorbei sein werden, erwartet alle der „Sprung ins kalte Wasser“ der regulären Wochentage…wir hoffen, dass der Regen nicht mehr lange auf sich warten lassen wird.

Siedlermusik. Odelia Berlin

Ich habe momentan kein großes Interesse daran, mich in politische Themen zu vertiefen. Daher folgt lieber ein Beitrag zur Kultur und Gesellschaft. Weiter geht es also in der Reihe „Siedlermusik“. Eine Einführung dazu findet ihr hier


Odelia Berlin. Quelle: ACUM
Odelia Berlin. Quelle: ACUM

Odelia Berlin. 

Kaum eine andere Sängerin und Musikerin repräsentiert moderne  jüdische Musik in der nationalreligiösen Frauenwelt mehr als Odelia Berlin, die 34-jährige Sängerin, Komponistin und Lehrerin der Mittelstufe aus Jerusalem. Odelias Name taucht schon mehr als sechs Jahre lang alljährlich auf den Aushängebrettern von Straßenecken, Instituten und Schulen auf, wo für ihre Konzertreihe „Achila“ (Ich sehne mich) vor dem Versöhnungstag, dem höchsten jüdischen Feiertag, geworben wird. Sie selbst musiziert seit ihrer Kindheit, und vor mehr als zehn Jahren schuf sie sich ihren Namen als Gründerin des Frauenensembles „Tefilat Haderech“ (Gebet für den Weg). Seitdem ist moderne israelische, persönliche und liturgische Musik ihr Métier, und ihr Publikum wächst  Jahr für Jahr.

Wer ist Odelia?

Eins von sechs Kindern des bekannten israelischen Klarinettisten und Klezmer-Musiker Moshe (Mussa) Berlin, der seinerzeit mit Rabbiner und Musiker Shlomo Carlebach lernte und mit Klezmer-Ikone Giora Feidman auftrat. Familie Berlin lebte lange Zeit in der Siedlung Elkana (Südsamaria-Binyamin), Mussa Berlin trat bei den Musikfestivals von Elkana auf.  Später zog die Familie nach Alon Shevut in Gush Etzion (Judäa), weil sie zwei weitere Kinder mit Behinderungen adoptierten und diese in besondere Einrichtung in der Region geschickt werden mussten. Auch Odelia fand sich in der Musikwelt wieder, und musizierte ab dem vierten Lebensjahr – so erfährt man aus einem ihrer Interviews. Sie lerne klassisches Klavierspielen, widmete sich anschließend dem Keyboard und schrieb Liedtexte, ließ sich aber parallel auch als Lehrerin ausbilden.

In 2006 – da war sie knapp 24 und hatte sich erst vor Kurzem dem Traum erfüllt, mit ihrem Vater auf einer Bühne gemeinsam aufzutreten – sprach sie mit einer Freundin über die Idee eines eigenen Konzertes vor weiblichem Publikum. Durch diese Idee knüpfte sie zahlreiche Kontakte, doch anstatt ein eigenes Konzert zu planen, bekam immer mehr die Idee der Gründung eines Ensembles ihre Form.

So entstand „Tefilat Haderech“. Das Ensemble war erfolgreich und bildete mehrere Jahre lang das Fundament für Odelia Berlins Wirken in der Musikszene. Der Weg für eine Solokarriere wurde aufbereitet und das Publikum war schon geschaffen: Traditionelle und religiös orientierte Frauen, Frauen mit Interesse und Gespür für spirituelle, emotional betonte Musik und abstrakten Motiven.

Quelle: INN
Quelle: INN

Schon zu Beginn der Karriere, bei der Gründung des Ensembles, war es für Odelia und ihre Mitsängerinnen klar, in welchem Rahm sie auftreten würden – und zwar nur für weibliches Publikum. Dasselbe sollte später auch für ihre Solokarriere gelten:

Als ein religiöses Mädchen hatte ich keine großen Zweifel, ob ich vor gemischtem oder nur weiblichen Publikum auftreten würde. Mein Weg war mir klar – Auftritte nur vor Frauen„,

erzählte sie in einem Interview der Plattform „Kipa“ in 2011.

Was aber ist das Problem von weiblichem Gesang und männlichem oder gemischten Publikum? 

Das jüdische Religionsgesetz, abgeleitet aus den Festlegungen im Babylonischen und Jerusalemer Talmud  (Traktate Brachot/Challa), verbietet es Männern, einen direkten Gesang von einer oder mehreren Frauen zu hören. Das wird begründet mit der Aussage „Die Stimme einer Frau ist eine Entblößung“. Zu dieser Festlegung gab es und gibt es im religionsgesetzlichen Diskurs Abwandlungen, Diskussionen, verschiedene Auslegungen und Ausführungen. Von Gemeinde zu Gemeinde und Land zu Land wurden die Details dieses Grundsatzes anders aufgenommen und ausgelegt.

Ohne sich allzu tief in halachische (religionsgesetzliche) Dispute zu begeben, lässt sich heute sagen, dass das orthodoxe Judentum (zu dem auch die nationalreligiöse Strömung gehört, der die Gesellschaft der Juden in Judäa und Samaria größtenteils angehört) einen Wert darauf legt, weiblichen Gesang von männlichen Ohren fernzuhalten. Dazu gibt es verschiedene Wege und Versionen, wie das aufzufassen sei. Das direkte Singen einer einzelnen Frau, das Singen in einem Chor, das Hören einer Frauenstimme im Radio oder Fernsehen oder durch eine Aufnahme, das Hören der Stimme einer bekannten oder unbekannten Frau oder einer, die schon verstorben ist – zu all diesen Fragen haben sich Rabbiner geäußert und  sie verschieden behandelt. Selbst politische Themen fanden ihren Eingang in die Diskussion: So der breite Diskurs der letzten Jahre um die Weigerung einiger religiöser Soldaten der IDF, die regulären Konzerte und Zeremonien bei der Armee zu besuchen, wenn dort eine Frau auftritt.

Manche mögen sich heutzutage mehr, andere weniger daran halten. Jeder Künstler und jede Künstlerin in Israel suchen sich ihr Publikum und verschaffen sich ihr Image. Allerdings haben ideologische Hintergründe ihre Konsequenzen – sie stellen Anforderungen an musikalisch begabte und an einer Sängerkarriere interessierte religiöse Frauen, welche nicht selten eine solche Karriere verhindern oder erheblich erschweren. Die meisten religiösen Frauen singen, tanzen und treten auch im Alltag nicht vor männlichem Publikum auf. Wenn sie es tun, dann nur eingeschränkt. Aus Gründen des Gemeinschaftsdruckes, der eigenen Überzeugung, der fehlenden Möglichkeit, des eigenen Bescheidenheitsgefühls. Wer einmal auf jüdischen Hochzeiten gewesen ist, der wird bei einer traditionellen Hochzeit die „Barrikaden“ zwischen zwei Teilen einer Tanzfläche bemerkt haben – die Trennung in einen Frauen- und einen Männerteil, und hinter den Barrikaden toben sich die Frauen und Mädchen in wildem Tanz und Gesängen aus, wie sie sich allerdings niemals neben den männlichen Gästen erlauben würden.

Quelle: Facebook.
Quelle: Facebook.

Zurück zu Odelia. Das religiöse Gesetz ist, laut ihr, nur ein Grund, weshalb sie sich das Frauenpublikum ausgewählt hatte. Odelia legt großen Wert auf Frauensicht, Weiblichkeit, weibliche Intuition und Empfindsamkeit. Das kommt auch immer wieder als Argument in allen Musikkritiken über sie hoch – das Element der „weiblichen Stärke“, welche sich in Intuition, Emotion und Ausdruck befindet und eben vor allem durch Gesang manifestiert, der Frauen mit Frauen vereint.

Als der letzte mediale Sturm zu diesem Thema vorbeizog, hatte auch ich mich verstärkt damit auseinandergesetzt und mich selbst geprüft, wie meine Position dazu aussieht. Sehe ich mich als eingeschränkt, diskriminiert oder unterdrückt? Die Antwort lautet  – nein. Nicht nur, dass ich mich nicht unterdrückt fühle – ich fühle mich gesegnet, ich befinde mich genau dort, wo ich sein möchte. Wenn die Wahl in meinen Händen liegen würde – ich würde selbst wählen, nur vor Frauen zu singen.“ (Kipa.co.il, 2011)

Odelia beteuert ebenso, dass das Frauenpublikum eine ganz andere Auffassungsgabe für ihre Musik entwickelt, und auf eine besondere Weise reagiert:

„Meine Zuhörerschaft versteht mich, wie nur eine Frau eine andere Frau verstehen kann.“

Und die Musik, die Odelia spielt und mit der sie Konzerthallen füllt, in welchen man nicht nur religiöse, sondern auch säkulare Frauen finden kann, setzt eben auf bekanntlich feminine Eigenschaften: Gefühlsausdruck, Impulsivität, Zärtlichkeit, Gebet.  Mit ihrer Band, welche ebenso nur aus Frauen besteht – ob nun an der Percussion oder am Klarinett oder der Geige – variiert Odelia bei ihren Aufführungen zwischen bekannten und neuen Liedern und Melodien und ermöglicht ihren Zuhörern eine individuelle Aufnahme der Musik: Tanz, Gesang, Lachen und Weinen, all das findet seinen Platz bei den Auftritten von Odelia, sei es bei privaten Aufführungen in intimen Kreisen oder in Konzerthallen wie den „Binyaney haUma“ oder dem Gérard Bachar-Zentrum in Jerusalem, im Hafen von Tel Aviv oder in einem kleinen Raum unterhalb einer ganz normalen Synagoge.

„Eine Frau, die singt, enthüllt einen Teil ihrer Seele, und genauso, wie ich es mir aussuche, mich so zu kleiden, dass bestimmte Teile meines Körpers verdeckt werden – so entscheide ich mich auch dazu, nicht vor Männern aufzutreten und diesen Teil meiner Seele vor einem gemischten Publikum nicht zu enthüllen“,

sagt Odelia, und:

„Jede Sache kann man als Einschränkung oder Ausweitung betrachten. Auch eine Schüssel hat ihre Grenzen für das Essen  festgelegt, aber sie ermöglicht es, Dinge in sich aufzunehmen (Kipa.co.il, 2011).

In einem Interview der Zeitung ‚Ha’aretz“ wurde Berlin gefragt, ob sie angesichts der religiösen Doktrin nicht eine Art Ideologie aufbaue, die ihr dabei verhelfe, der eigentlichen Unterdrückung zu entfliehen und so eine Alternativversion aufzubauen, um sich selbst und ihre Entscheidung zu legitimieren. Ihre Antwort:

„Es ist immer da – was ist meins, was ist nicht meins, wo überrede ich mich selbst. Aber de facto  sehe ich  viel Segen in meinem Tun. Ich habe ein gutes Einkommen von dem Moment an, als ich mich entschlossen habe, nur vor Frauen aufzutreten. Daher weiß ich, dass ich mich an der richtigen Stelle befinde. Obwohl ich auch dem Wunsch zum Ausbrechen habe, glaube ich daran, dass mein tatsächlicher Wunsch ist, es nicht zu tun. Weil ich innen drin fühle, dass es für mich nicht richtig wäre.“ (Ha’aretz, 2011)

Quelle: Ha'aretz
Quelle: Ha’aretz

Heute lebt Odelia in Jerusalem und hält regelmäßig Konzerte vor den Hohen Feiertagen – Yom Kippur – ab, wo sie volle Publikumssäle mit ihrer Musik in Spannung hält: Spirituelle, erhebende Klänge, Gespräche mit dem Publikum, bekannte frohe Melodien aus der Liturgie und immer wieder Tänze.  An den sogenannten „zweiten Umzügen“ nach dem Tora-Freudenfest im Herbst (im Anschluss an das Laubhüttenfest) ist ein Konzert von Odelia Pflicht geworden, in der zentralen Jerusalemer „Shlomo-Halle“ neben der Großen Synagoge Tänze zu veranstalten, die von 22 Uhr bis 3 Uhr morgens dauern und bei welchen bis zu 300 Mädchen und Frauen in der großen Eingangshalle pausenlos im Kreis tanzen. Ich war zweimal bei diesen Tänzen dabei und das Gefühl der gemeinsam tanzenden, drehenden, singenden, rufenden, springenden Menge, erfüllt mit den Liedern und der sanften Stimme von Odeliya, war belebend, begeisternd, ansteckend und blieb mir als eine unvergleichliche Erinnerung noch Jahre danach.


Als Beispiellieder für die Musik von Odelia Berlin habe ich zwei Lieder ausgewählt, eins aus ihrem ersten Album „Pfad aus Licht“ – das gleichnamige Lied. Das zweite ist ein bekannter Text aus der Liturgie zum Versöhnungstag (Yom Kippur) mit der Melodie von Akiva Hamnik.

Die Single "Pfad aus Licht" (Shvil shel Or). Quelle: Patiphon.co.il
Die Single „Pfad aus Licht“ (Shvil shel Or). Quelle: Patiphon.co.il

Shvil shel Or – Pfad aus Licht.  Deutsche Fassung: Chaya Tal

Dieser Tag, dieser Tag

Ich finde für ihn keine Worte.

Und ich finde auch keine für dich, 

Um etwas von all deinem Leid zu nehmen,

Um etwas von diesem Tag zu entnehmen.

An diesem Tag ist die Sonne verhüllt wie mit einem Tuch

Die Menschen befinden sich auf der Flucht

Große Tropfen fallen auf die Erde hernieder

Doch ist dort keine Antwort, kein Trost und kein Friede

Eines Tages, da blicken wir einmal zurück

Und entdecken den Pfad aus verborgenem Licht

Wir werden lächeln, wir werden nichts fragen, 

Wir werden verstehen. 

Eines Tages, da blicken wir einmal zurück, 

Und entdecken den Pfad des verborgenen Lichts.

 

Chamol – Erbarme Dich. Deutsche Fassung: Chaya Tal

Deiner Werke sollst Du Dich erbarmen

Deiner Schöpfung sollst Du Dich erfreuen

Die die Last deiner Gerechtigkeit tragen,

Die Dir Anvertrauen werden dir sagen:

Geheiligt bist Du, Herr

Durch alle Deine Werke

Diejenigen, die Dich heiligen

Allein dafür hast Du sie geheiligt!

Und gut ist für den Heiligen

Gut und schön und genehm

Wenn ebendiese Heiligen

Dich ehren und preisen!

 

Mein Wort zu Chanukkah – Vielfältigkeit

Acht Tage dauert das Fest Chanukka, welches an den Sieg jüdischer Aufständischer gegen die griechische Besatzung im 2.Jahrhundert vor der Zeitrechnung, die Wiederherstellung der jüdischen Unabhängigkeit und die Aufhaltung des geistigen Verschwindens der jüdischen Kultur erinnert.

Chanukka, ein Fest des Lichts, der Familie, der Gemeinschaft, an welchem acht Tage lang die Spannung und die Besinnung an Tradition und Zukunft aufgebaut werden.

Können wir aber innerhalb so kurzer Zeit verstehen und verinnerlichen, was diese Lichterkette im wahrsten Sinne ihres Wortes bedeutet?

DSCI0017Das Fest, welches von durchgängig den meisten Juden auf der ganzen Welt gefeiert werden, geht zurück auf eine Zeit, welche uns näher an einen  gemeinsamen Ursprung als Volk und Gesellschaft bringt – die Zeit, als wir noch nicht verstreut gewesen sind, als wir noch dasselbe Land, das selbe Schicksal und eine gemeinsame Prognose für die Zukunft gehabt haben. Als die Tora uns noch zeitlich und emotional sehr nah gewesen ist; als der jüdischen Gemeinschaft die zukünftigen  Herausforderungen noch unbekannt waren. Damals hatten die jüdischen geistigen Anführer diese acht Tage als Tage der Erinnerung und der Heiligung festgelegt. Aber hatte damals jemand ahnen können, dass das Fest Generationen und Jahrhunderte später zu einer Feier der Neuidentifizierung werden würde? Zu Tagen von Neuentdeckung eigener, innerer Werte, Prioritäten und Zugehörigkeit in diesem Leben?

Chanukkafeiern rund um den Globus haben alle eine unterschiedliche Natur. Ob mit einem pompösen Leuchter im Glaskasten, angezündet im Blick der ganzen Straße; ob bei einer Gemeindefeier mit Marmelade-mangelnden, trockenen Donuts, schreienden Kindern, Wachskerzen und Süßigkeiten-Buffet. Ob intim im Kreise der Familie, am Fenster oder Türeingang, manchmal so, dass es die Umgebenden nicht mitbekommen, ja nicht aufmerksam werden. In Zeiten von Verfolgung, Unterdrückung und Krieg. In Zeiten von Unabhängigkeit, Einheit, Wohlstand; Bedrängnis, Identitätsverlust, kultureller Assimilation, religiöser Zurückziehung. Mit Familie, Freunden, Gemeinde, Schicksalskameraden, oder allein.

Es gibt einige Schwerpunkte bei der Erfüllung der Bräuche zu Chanukka, und einer davon ist das „Pirssum haNes“. Es besagt, dass das Chanukka-Wunder veröffentlicht werden soll. Die Kerzen sind nicht für das Hausinnere gedacht, sondern für die Außenwelt. Jeder soll wissen, was geschehen ist, jeder soll daran teilhaben. Ein Signal, ein Zeichen, eine Verbindung, und ein Ausruf. Das sind die Kerzen, das wollen sie sagen – demjenigen, der an ihrer Geschichte teilnimmt, und  demjenigen, der von außen zuschaut.

Meine ganz persönliche Verbindung mit Chanukka begann vor vielen Jahren; ich hatte damals nicht den geringsten Einblick in jüdische Religion und Tradition. Da war ich knappe 13 Jahre alt, und mein Wissen von der jüdischen Welt beschränkte sich auf etwas Israel und ganz viel Zweiten Weltkrieg. Ich lebte in Deutschland, und meine Familie hatte keinen Bezug zur jüdischen Gemeinde; assimilierte Nachkommen von belarussischen Juden, die schon in der dritten Generation in St.Petersburg lebten. Das einzige, mir bekannte jüdische Lied war „Tumbalalaika“ – wenigstens auf Jiddisch.

Nicht umsonst habe ich aber Chanukka als Fest der Neuorientierung bezeichnet. Denn bei diesem Fest holt man all die Identifikation hervor, die man noch mit dem Jüdischen hat; ob nun die Geschichte, der Brauch, die Sprache, die Lieder, der Glaube. Und als ich mit 13 Jahren begann, für eine Reise zu meiner Familie nach Israel Hebräischkurse zu besuchen, füllte sich mein Leben in rasantem Tempo mit einer unglaublichen Menge an neuem Inhalt. Ich lernte, dass die Juden nicht nur eine schöne, aus dem Sterben erweckte Sprache haben; sondern, dass sie auch gemeinsame Dinge begehen, und einen Gott haben, Der sie zusammenhält. Und sie haben Traditionen, und Feste, und das alles vermittelte Gutes, und Gemeinschaft, und eine ganz neue Lebensqualität.
Und ich war nicht dabei.

Wieso eigentlich?, fragte ich mich. Wieso habe ich keinen Anteil daran, wieso erzählte mir bisher niemand von diesem „historischen Gepäck“ in meinem Hinterzimmer, wieso habe ich keine  Zugang dazu? Ich wollte einen haben. Und es war ganz einfach. Als wir in einem der Unterrichte über Chanukka zu sprechen kamen, hörte ich gut zu. Und daheim, auf einer Plastikplatte mit Teelichtern, formte ich meine erste Chanukkia, den „Leuchter“. Für mich war das mein erster jüdischer Akt. Danach folgten die Kerzen an Shabbat – und die Verbindung war hergestellt. Aus Dunkelheit mach Licht.

Chanukkah-Leuchter in Alon Shevut
Chanukkah-Leuchter in Alon Shevut

Heute, viele Wandlungen und Wanderungen später, haben sich auch meine Leuchter evolutioniert, so wie mein ganzes Leben. Heute zündet auch meine ganze Umgebung Kerzen an diesem Tag, ich habe viele, mit denen ich mich über die Bedeutung dieser wunderbaren Zeit austauschen kann, viele, von denen ich lerne, und vielleicht lernt ja auch jemand von mir.

Chanukka ist und bleibt für mich wie ein ganz intimes Licht in meinem Herzen, das Licht, von dem alles begann, und die Heiligkeit, die es  in mir weckt, ist schwer zu beschreiben, sondern nur zu erleben.

Acht Tage – 8, die Zahl, die Unendlichkeit darstellt, die Öl im Hebräischen paraphrasiert, und die über der Naturordnung steht.

Auf dass sich auch in unserem Alltag, Tag für Tag, Sinn und Tiefe offenbaren, und wir das Leben in seiner ganzen Fülle erleben können.

„Tage der Rückkehr“

In diesen Tagen, zwischen den zwei heiligsten jüdischen Feiertagen, dem Neujahrestag und dem Versöhnungstag (Yom Kippur), stehen zehn besondere Tage, die sogenannten „Tage der Rückkehr“. In diesen Tagen, so heißt es, ist Gott denjenigen, die Ihm nah sein wollen, und eine Verbindung mit Ihm suchen , nachdem sie diese über das Jahr hinweg erneut verloren oder ihre Wahrnehmung für diese abgestumpft haben, besonders nahe. „Rückkehr“ (Teshuva) ist ein bekanntes und zentrales Konzept im Judentum und impliziert, dass der Mensch – genauer genommen der Jude/die Jüdin – zu ihrem geistigen Selbst und der ursprünglichen Reinheit ihrer Seele zurückkehren, nachdem das Leben und all seine Belange sie in verschiedene Richtungen treiben konnten, die weit entfernt sind von dem, was Gott oder sie selbst eigentlich von sich wollen. Kein einfaches Konzept, und impliziert eine Menge Glauben und Gottvertrauen – etwas, was in der westlichen Welt heutzutage sehr schwer aufzufinden ist, da die Weltansicht des Atheismus und der geistigen Gleichgültigkeit aus Mangel an gebührenden Alternativen grassiert und alles unter sich begräbt.

20150917_204443Wie dem auch sei, überall im Land finden auf Geist und Seele bezogene Veranstaltungen statt – vor allem Vorträge über jüdische Weltsicht und musikalische Events. Auch in Judäa und Samaria, welches mehrheitlich von Juden bevölkert wird, die es mit ihrer Religion und Tradition ernst meinen, finden diese statt.

Tanzende Frauen beim Konzert
Tanzende Frauen beim Konzert

Ein solches Konzert, im Naturpart „Oz veGaon„, bei dessen Aufbau ich vor einem Jahr aktiv dabei gewesen bin, habe ich für euch ein wenig aufgenommen. Hier kann es angehört werden:

 

Die Texte, welche die Musiker, David Litke, Nehemya Litke und Steve Rodan hier singen, stammen aus der jüdischen Liturgie.

וַהֲבִיאוֹתִים אֶל הַר קָדְשִׁי וְשִׂמַּחְתִּים בְּבֵית תְּפִלָּתִי עוֹלֹתֵיהֶם וְזִבְחֵיהֶם לְרָצוֹן עַל מִזְבְּחִי כִּי בֵיתִי בֵּית תְּפִלָּה יִקָּרֵא לְכָל הָעַמִּים.

"Ich werde sie zu Meinem heiligen Berg bringen, und ihnen Freude bereiten in Meinem Gebetshaus. Ihre Gebetsopfer werden auf meinem Altar zu meinem Wohlwollen sein, denn Mein Haus wird ein Haus des Gebetes heißen für alle Völker." (aus Jesaja/Jeshajahu, 56, 7)

זוֹכר חסדי אבוֹת ומביא גוֹאל לְבְני בְניהֶם לְמען שמוֹ בְּאהַבה.

"Er erinnert sich an die Güte der Vorväter und erlöst ihre Kindeskinder um Seines Namen willen mit Liebe", (aus dem Achzehngebet)
Nadia Matar (links) und Yehudit Katzover
Nadia Matar (links) und Yehudit Katzover

Organisiert wurde die Veranstaltung durch die Leiterinnen des Naturparks „Oz veGaon“ und die Vostände der Organisation „Frauen in Grün“/“Women in Green“, Yehudit Katzover und Nadia Matar. Über sie werde ich einmal getrennt berichten.

Enjoy!