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Dieses Jahr an Purim – Party in Teko’a

Jedes Purim-Fest wird etwas anders gefeiert. Das Fest der Rettung der jüdischen Diaspora im Persischen Reich durch die jüdische Königin Esther und ihren Onkel Mordechai, die Schicksalswandlung für die Juden in Persien und Midien und der Hauptstadt Shushan (Shosh) und die Abwehr ihrer Feinde nach dem Auffliegen des Vernichtungsplans von Großvisier und Judenfeind Haman  – heute, viele Generationen später, hat Purim viele zusätzliche praktische und geistige Elemente als Feiertag erhalten, spirituelle Erzählungen und Erklärungen haben sich darum gesammelt, Bräuche wie selbstvergessenes Trinken und Verkleidungsumzüge füllen diesen überaus fröhlichen und sozialen Feiertag. Im ganzen Land Israel und in der Diaspora feiern alle Juden gemeinsam – außer den Bewohnern von Jerusalem und seiner unmittelbaren Umgebung. Diese feiern, der Tradition und der Niederschrift in der Esther-Rolle entsprechend, einen Tag danach – etwas, was sich bis heute hält!

Jedes Purim verbringe ich anders. Das vorletzte Jahr war ich, als Pippi Langstrumpf verkleidet, in Hevron bei der jüdischen Gemeinde und habe hier darüber berichtet – und auch über die Bräuche und meine persönlichen Erlebnisse an diesem Tag. Das letzte Jahr verbrachte ich bei einer Ladies Night Party in unserem nahegelegenen Vergnügungspark „Eretz Ha’Ayalim“ und hatte mich, in einer Hommage an meine Lieblingshaustiere, als Katze verkleidet (leider finde ich keinen Bericht dazu).

Natürlich auch mit Tamburin. In der lokalen Synagoge in Alon Shevut

Dieses Jahr wollte ich, infolge meiner Wissenserweiterungen bezüglich des Arabischen und der arabisch-palästinensischen Bevölkerung, etwas Ausgefalleneres als Kostüm wählen und auch diesmal wollte ich feiern gehen. Also fuhr ich, nach einiger Beratung mit lokalen Freunden, nach Bethlehem und handelte mir dort mithilfe eines Freundes ein nicht allzu teueres, aber qualitatives traditionelles Kleid einer arabischen Dorfbewohnerin aus der Gegend von Bethlehem aus. Das sogenannte „Thob Falastini“ wird usprünglich per Hand mit einem jeweils ortstypischen Dekorationsmuster, „Tatreez“ genannt, verziert (in meinem Fall natürlich maschinell…sonst müsste man über ganz andere Preise sprechen) und dazu gehören generell noch ein Schal und eine Kopfdekoration. Ich habe dabei die Kopftuchalternative „Hijab“ (einfaches muslimisches Kopftuch) gewählt und den Gürtel auf Empfehlung der Verkäuferinnen in der Bethlehemer Einkaufsmeile zu einem Kopfschmuck umfunktioniert und das Ganze dann mit Stecknadeln auf dem Kopf zusammengebastelt.

In der Synagoge vor dem Lesen

Der Effekt war ganz ansehnlich. In der Synagoge, am Abend, beim Lesen der Esther-Rolle, waren die Reaktionen zumeist als „Begeisterung“ zu deuten; viele waren überrascht, denn wenn sich bei uns jemand als „Araber“ verkleidet (und das taten in diesem Jahr bei uns und generell im ganzen Land sehr viele), dann ist meistens die Keffiyah das Hauptkleiderstück, und dann natürlich die Beduinenroben, aber

In der Synagoge vor dem Rolle-Lesen

keine „palästinensische Nationaltracht“. Ich denke, im Allgemeinen kann man alle Reaktionen zusammengezählt (frühmorgens in der Siedlung;in der Synagoge; auf der Bushaltestelle; bei der Party; bei Freunden; auf Facebook) als „Faszination“ beschreiben. In meinen Augen auf jeden Fall etwas Positives – trotz zusammenstoßender politischer Narrative und Realitäten sollte Traditionen Respekt gebühren. Und wann sonst kann man als festlich gekleidete arabische Bauernfrau in einer Siedlung herumlaufen, wenn nicht an Purim? 😉

Das Feiern erledigte ich dann in Teko’a, einem Großort (die größte Ortschaft der Regionalverwaltung Gush Etzion mit ca.3700 Einwohnern) im Osten der Gush Etzion-Region, an der Grenze zur Judäischen Wüste. Teko’a ist bekannt für seine gemischte, sprich säkular-religiöse Einwohnerschaft, für  interessante und kontroverse Persönlichkeiten wie der Rabbiner Menachem Fruman, für seine Musik- und Bierfestivals – und für Parties. Neben allen

Netta und ich

möglichen anderen Veranstaltungen am Samstagabend (11.03) wurden zwei Ladies Only Feiern organisiert, zwischen denen ich mit meiner Freundin Netta aus Bat Ayin (Gush Etzion) bis etwa zwei Uhr morgens pendelten. „Ladies Only“, das heißt natürlich Zutritt für Männer verboten, aber es heißt keinesfalls Langeweile.  Eine DJ unterhielt eine der Parties, die einer verrückten Disco-Nacht für Mädels zwischen 15 und 55 ähnelte, mit einem beeindruckenden Mix aus neuesten Charthits aus Israel und der Welt, hebräischen Folksongs und religiös adaptierten Schlagern; es gab Henna-Malerei auf Hände und Füße und künstlerische Gesichtsschminke und eine Menge Alkohol im Angebot. Auf der zweiten Party gab es eine etwas „heimischere“ Atmosphäre und dort wurden Wein und Gemüse mit Tahini-Sauce umsonst angeboten – Musik natürlich inklusive (aber keine künstlerischen Extras). Um etwa Mitternacht formierte sich ein Kreis aus den tanzenden Frauen und gemeinsam summten und sangen wir eine Weile umarmt; die einen beteten, die anderen drehten Piruetten im Raum und wieder andere standen still und ließen den Feiertag in ihre Seele hineinsinken.

Fellaha (Dorfbewohnerin) oder nicht? 😉

Das Feiern ging bis in die frühen Morgenstunden hinein und Netta und ich hatten irgendwann beschlossen, heimzufahren. Zu schlafen schaffte ich es nicht mehr – am Morgen musste zum zweiten Mal die Esther-Rolle gelesen und dann die Geschenke verteilt werden, ein Festmahl musste auch gegessen werden – und dann konnte man sich etwas ausruhen. Das Wetter war nicht sonderlich fröhlich – kalt und windig und ein Staubsturm fegte an diesem Tag durchs Land. Aber alles in Allem war die Stimmung überall positiv und festlich.

Leider habe ich aus Teko’a keine besonders gut gelungenen Bilder, aber solltet ihr euch eine Vorstellung von der Purim-Feier und Festumzug in der jüdischen Gemeinde in Hevron machen wollen – fernab der hässlichen Schlagzeilen und Verleumdungen, mit welchen die internationale Presse die Juden Hevrons regelmäßig bedenkt – dann schaut in die Galerie meines Freundes Shmuel Mushnik, eines Malers und Touristenführers aus Hevron, hinein – hier. Ein paar Beispiele aus der Galerie findet ihr nachfolgend. (Achtet auf das Bild mit den Mädels in Keffiya neben dem im Kopftuch mit roter Jacke – diese hatten sich als „europäische Friedensaktivistinnen“ in Hevron plus verkleidet, die regelmäßig den schon recht angespannten Alltag durcheinanderbringen und die Bewohner provozieren.)

Auf dass auch nächstes Jahr es ein so ausgelassenes Purim-Fest gibt!

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Wo der Rabbi tanzen geht…Das Purim-Fest

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Königin Esther mit Fotoapparat

Zur laut dröhnenden Musik wedeln Tiger, Prinzessinen mit Bärten, Sanitäter und Clowns wie wild mit den Armen, ein bis zu den Ohren grinsender Mexikaner wird von einem chassidischen Rabbi auf den Schultern geschwungen, langbärtige Köpfe ruhen auf dem Tisch, in süßen Traum versunken; ein wie im jiddischen Schtetl gekleideter Äthiopier umarmt verliebt die Säule im bunten, kreischenden, von Wein- und Zigarettengeruch erfülltem Raum. Frauen versuchen, ihre heranwachsenden Teenies davon abzuhalten, nach den letzten Tropfen Wein in den Flaschen zu fahnden, und überall laufen durch die Menge wilde Prinzessinen, Tiger, Soldaten, Mini-Bob-Dylans und wer nicht noch alles. In der Nachbarstraße gehen Unbeteiligte vorbei und schauen halbbelustigt, halb skeptisch auf die wilde Feier im oberen Stock. Eine bunte Pippi-Langstrumpf-Figur lehnt sich heraus, winkt den Vorbeigehenden zu, von denen manche irritiert  stehenbleiben, andere lächelnd vorbeigehen.

– Darf ich vorstellen? Das war ein kleiner literarischer Einblick ins feiernde Hebron. Die Juden von Hebron und auf der ganzen Welt feierten am letzten Donnerstag und Freitag (4./5.03.) das Purim-Fest. Was ist Purim? So viele Traditionen, Erklärungen und Motive stecken in dem fröhlichsten und frechsten Feiertag des jüdischen Kalenders, und dabei hat dieser Feiertag kaum bestimmte Verpflichtungen und besteht zumeist aus Musik, Geschenken, Verkleidungen und Trinken. Und doch hat dieser Feiertag eine tiefe Verbindung zu der Essenz der jüdischen Geschichte.


 

Lasst uns kurz auf die Geschichte des Festes schauen:

Zu der Epoche des persischen Reiches, ca. im 5.Jahrhundert vor der neuen Zeitrechnung, wurden die Bewohner des Königreichs Jehuda – Judäa, aus genau der Region, in der ich heute wohne, incl. Jerusalem – nach Babylonien vertrieben und die Orte ihrer Heimat und der Tempel in Jerusalem zerstört. Diese Juden lebten in der 127 Kleinstaaten des persischen Reiches, und einer der Könige des Reiches war ein gewisser Achashverosh, bekannt als Artaxerxes. Die Esther-Rolle, ein Bestandteil der Heiligen Schriften der jüdischen Tradition, berichtet von einem einschneidenden Ereignis der jüdischen Geschichte: Dem ersten Plan  zur „Endlösung der Judenfrage“, entwickelt von einem Minister des persischen Königs, Haman. Dieser stammte von den Erzfeinden des jüdischen Volkes, den Amalekitern, ab, und nach einer Auseinandersetzung mit einem  Anführer der ins Exil getriebenen Juden, Mordechai, holte er vom König die Erlaubnis ein, nicht nur Mordechai, sondern auch sein gesamtes Volk dem Verderben zu widmen. (Haman ist somit der erste dokumentierte Antisemit der Zeitgeschichte.)

Es ist eine mit Intrigen und seltsamen „Zufällen“ gespickte Affäre auf dem Königshof, in welchem ebenso das jüdische Mädchen Esther (Hadassa) eine Hauptrolle spielt. Eine Verwandte Mordechais, wird sie als potenzielle Braut für den König ausgewählt, der nach einem Konflikt mit der eigenen Frau diese entlässt (oder gar, nach einer anderen Version – tötet). Esther, welche ihre jüdische Herkunft auf Wunsch Mordechais nicht preisgibt, wird zur Königin erwählt. Nach der Bekanntmachung des Vernichtungsplans, welcher auf ein bestimmtes Datum angesetzt wird, schmieden Mordechai und Esther einen Plan, wie sie die Vernichtung verhindern können. Der Plan gelingt, Esther erwirkt für ihre Landsleute das Recht, sich gegen Angreifer zu verteidigen und dementsprechend das Todesurteil aufzuheben, und Haman wird für sein Vorhaben bestraft und gehenkt. Zur Erinnerung an die Massenrettung legen Esther und Mordechai fest, dass das ursprüngliche Datum der Vernichtung, an welchem sich das Schicksal gewendet hat, zu einem Tag der Freude, der Geschenke, der guten Taten und des Lachens zu machen. Und so feierten und feiern Juden die Jahrhunderte hindurch das Fest der Rettung, der Einigkeit, der Selbstaufopferung  und dem Sieg des Guten über das Böse, ganz egal, wie die Stimmung um sie herum sein mochte  – ob nun in den dunkelsten Zeiten des Exils, ob mit Kostümen, dröhnender Musik, Tanz und Wein auf offener Straße im eigenen Staat.

Die Bräuche, die das Fest begleiten, sind knapp und sozial ausgerichtet: Neben dem zweifachen Hören der Esther-Rolle abends und morgens hat man ein großes Festmahl mit vielen Gästen zu veranstalten, Freunden mindestens zwei essbare Geschenke zu bringen und ebenso an Bedürftige Essen und Geld zu spenden. Auch ist das Trinken unabdingbar – denn, so wie es im Talmud steht, „der Wein geht hinein, und heraus kommt das Geheimnis“, der Wein verwischt die Grenze zwischen Illusion und Wirklichkeit, er befreit die tiefste Freude, die innigsten Gefühle, lässt Trauer verschwinden und verbindet. Die Tradition der Verkleidungen ist kein usprüngliches Gebot zu Purim, hat aber auch das Element des Festes drin – Verwischung von Identität, von Gut und Böse,  und das Lachen über das Unbekannte und Bedrohliche.


Zurück zu uns in Judäa und Samaria.

Purim-Marathon für Neulinge

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Vorlesung der Esther-Rolle im Naturpark Oz veGaon
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Auch die Kleinsten machen mit

Den Feiertag feiert man in jeder Stadt ein wenig anders, und natürlich hat das in den Siedlungen sein ganz persönliches Flair. Am Abend und am Morgen rennen die Menschen, vor allem die mit den Kindern beschäftigten Frauen (alle Kinder müssen ja geschminkt und geschmückt werden…) den Vorlesungen der Esther-Rolle hinterher, denn es ist ein Pflichtgebot, sie von einer Pergamentrolle vorgelesen zu hören. Meistens gibt es Lesungen in der Synagoge, aber alle beide habe ich persönlich verpasst, und daher waren wir am Abend noch mit Bekannten in das benachbarte Neve Daniel um 11 Uhr gedüst, um dann in einer Gemeinschaft von ebensolchen „Zuspätkommern“, natürlich verkleidet, in einem Haus eines großen bärtigen Mannes die Rolle vorgelesen zu bekommen. Wenn der Name des bösen Haman fiel, wenn man traditionell pfeift, klopft und andersweitig seine „Verabscheuung“ ausdrückt, quäckte der Hausherr mit seltsamer Stimme von der Haustreppe. Einige meiner Bekannten öffneten schon am Abend die Wodkaflasche, und in der Karavansiedlung lief irgendwo Musik, ansonsten war alles ruhig. Am Morgen war es an der Zeit, endlich, endlich die Nachbarschaft zu durchkreuzen nach den Freunden und Nachbarn, denen ich dieses Jahr ein Geschenk vorbereitet hatte.

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Kostümierte Familie aus Peru/Israel
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Alles in den Augen des Betrachters…

Wie erwähnt, ist es ein Gebot, mindestens zwei essbare Produkte an einen Bekannten zu schicken, und mindestens zwei essbare Produkte oder Geld an mindestens zwei bedürftige Menschen. Solche Pakete werden in bunte Tüten verpackt, irgendeiner steckt ein traditionelles Mini-Fläschchen Wein hinzu, es gibt Süßigkeiten und bei manchen auch was Gesundes, und dann geht es darum, die Sachen „an den Mann“  zu bringen, bevor die Sonne sich setzt. Jedes Jahr macht man in meiner Siedlung eine Lotterie, und jeder bekommt eine oder zwei Familien zugewiesen, denen man etwas schenken soll – so auch dieses Jahr. Vor allem für einen Neuling wie mich ist das natürlich sehr kostbar, von meinen mir noch wenig bekannten Nachbarn etwas zu bekommen, mit einem netten Zettel versehen, ebenso wie nachzudenken, was ich denn „meinen Familien“ in die Tüten legen soll.

Durch Alon Shvut sollte eine Maskarade-Prozession gehen, die hatte ich allerdings verpasst. Wer die Karnevalsumzüge aus Deutschland kennt – das ist etwas Ähnliches, und meine Version ist, dass der Brauch mit den deutschen Juden und ihrer Karnevals-Gewohnheit nach Israel importiert worden ist….aber ich habe mir es noch nicht bestätigen lassen.

Ein ganz persönlicher "Karnevalsumzug"...mit dröhnender Musik durch Alon Shvut
Ein ganz persönlicher „Karnevalsumzug“…mit dröhnender Musik durch Alon Shvut

Da ich noch an die wandelnden und laut feiernden Massen von Jerusalem gewöhnt war,  war mir hier es etwas zu still, obwohl in den verschiedenen Häusern Familien gemeinsam feierten. Ein Rabbiner sammelte bei sich die Geschenke für die Bedürftigen, welche er dann in eine Synagoge brachte und den Bedürftigen verteilte. Gut, dass es diese Möglichkeit gab; ich wüßte eindeutig nicht, wer bei uns in der Siedlung wohl bedürftig ist.

Das Fest von Hebron

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An der Haltestelle von Alon Shvut

Am Nachmittag fuhr mit einer Freundin nach Hebron, dort habe ich eine Bekannte, die mir eine Feier versprochen hatte.  Auf den Haltestellen standen bunte Leute und winkten mir zu.

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Pippi Langstrumpf an der Haltestelle Richtung Hebron. Die Betonpfähle sind dafür da, damit Terroristen die Wartenden nicht überfahren.

Im jüdisch-arabischen Teil von Hebron saß fast die ganze Gemeinde der jüdischen Viertel Avraham Avinu und Tel Rumeida in einem Saal voller recht betrunkener, fröhlich tanzender Menschen, und es gab dröhnende Musik, Essen und Wein. (Ich habe noch kein Wort über die jüdische Gemeinschaft in Hebron verloren, ihre Geschichte, von alt bis zu modern, ist unglaublich spannend, teilweise tragisch und hart, und auch nicht leicht zu verstehen – darüber in eine anderen Beitrag.) Der Saal lag ganz nah am Grab der Patriarchen, einem massiven, herodianisch-osmanischen Gebäude, unter welchem die Gräber der Ahnen des jüdischen Volkes – Avraham, Yitzhak, Ya’akov, und ihre Frauen Sarah, Rivka und Leah – liegen. Die Araber Hebrons, auf der Straße neben der Festhalle, schauten staunend zu der Musik aus den Fenstern hoch und zu mir, die ihnen aus dem offenen Fenster zuwinkte.

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Seltsame Treffen

Anschließend machen wir einen Spaziergang durch die Gassen des Teiles von Hebron, welcher uns als israelischen Staatsbürgern zu betreten erlaubt worden war – von unserer eigenen Regierung. Unterwegs wurde ich von einem Anfall von Übermut erfasst und beschloss, meine restlichen Süßigkeiten an die arabischen Kinder zu verteilen. Dank der Aufmerksamkeit, die mir mein buntes Auftreten sicherte, kam ich in Augenkontakt mit vielen arabischen Fußgängern, und manche konnten sich ein Lächeln abgewinnen, andere grüßte ich zuerst. Ich war in Hochstimmung. Soldaten in Shorts und T-Shirts joggten an mir vorbei und riefen etwas von wegen „täglicher Sport“ zu – wie konnten sie so einfach ohne Waffe herumrennen, fragte ich mich, und dann auch sie, als ich später auf sie traf. „Ja, zu Beginn machte es schon Angst, aber dann gewöhnt man sich daran“, erwiderte einer von ihnen lachend.

Die Kinder, denen ich die Süßigkeiten anbot, reagierten recht ambivalent. Zwei kleine Jungs hinter einem Haustor verneinten erst zurückhaltend, aber dann konnten sie nicht widerstehen und lächelten schließlich auch. Eine andere kleine Gruppe hatte zwei sehr dominante 6- oder 7-jährige Mädchen bei sich. Mein ehemaliges Arabisch hatte sich leider komplett verflüchtigt, und die Mädels bestanden darauf, dass ihre jüngeren Brüder ja nichts nahmen. Angst vor Fremden? Abscheu für die „Feinde“? Es konnte alles sein. Einer von den Jungs gab mir einen Keks, und als er schon auf einen „Austausch“ eingehen wollte, zerrte ihn die ältere Schwester oder Cousine zurück. Friedensverhandlung gescheitert? Die Mädchen hatten aber keine Skrupel, an meiner Perücke zu zupfen und zu fragen, ob sie echt sei. So lernten sie von mir auch das Wort „Sse’ar“  – Haare – welches ich ihnen aus Mangel an Arabisch auf Hebräisch zu vermitteln suchte.

Ein jüdischer Junge schaut aus einem Fenster in Hebron
Ein jüdischer Junge schaut aus einem Fenster in Hebron

In der Gasse mit den jüdischen Häusern war nicht viel los. In diesem Teil Hebrons leben Juden und Araber wie einst, vor dem fatalen Pogrom 1929, nebeneinander. Die Feindschaft ist allerdings sichtlich zu spüren. Eine vorbeifahrende junge Frau fragte mich, warum ich den Kindern die Süßigkeiten verteile. „Warum nicht?“, bemerkte ich. „Gut, wenn du meinst…“, antwortete sie und fuhr davon.

Wir plauderten noch mit ein paar Soldaten der Golani-Brigade, die momentan in Hebron stationiert sind, um für Recht und Ordnung im gemischten Stadtviertel zu sorgen. Und dann sahen wir sie – drei Männer mittleren Alters, mit den „Palitüchern“ in Kafiyya-Muster. Sie grüßten die arabischen Kindern und gingen dann in Richtung des Grenzübergangs, der den gemischten vom rein arabischen Stadtteil trennt. Meine Freundin und ich gingen ebenso hin. Obwohl sie nicht einverstanden gewesen war, sprach ich die Männer an – ich war mir sicher, sie waren Europäer. Tatsächlich – zwei erwiesen sich als Engländer und der dritte Mann war deutsch.

Was sie denn so machten, und wie lang sie in Hebron seien, sprach ich ihn auf Deutsch an. Er war sichtlich überrascht, aber erzählte mir, sie seien ein paar Tage da, und von einer christlichen Organisation namens Irgendwas geschickt worden (sie trugen gar ihre Jacketts). Ob sie auch im jüdischen Teil gewesen seien, und das Fest mitbekommen haben, fragte ich. Ja, meinten sie, es gäbe da ein Fest und Musik. Was sie denn machten in Hebron, fragte ich. Sie würden morgens und nachmittags so um den Grenzübergang sein und auf der Straße, denn ich wisse ja, es gäbe hier viele Kinder, und sie würden dafür sorgen, dass die Kinder sicher zur Schule kämen, weil, ich wisse ja, die Soldaten prüften ja die Taschen von den Kindern nach. Aha. Nette Leitlinie. Wüssten sie denn nicht, dass man in Schultaschen auch gefährliche Dinge hineinlegen kann, fragte ich möglichst freundlich nach. Aber das seien doch Kinder, erwiderte mir der Deutsche mit demselben sehr freundlichen Lächeln. Gerade in Taschen von Kindern könnte man aber gefährliche Dinge schmuggeln, bestand ich darauf. Bevor ich unsere „sehr freundliche“ Diskussion weiterverfolgen konnte, rief mich plötzlich ein Offizier zur Seite.

„Warum redest du mit ihnen?“, fragte er mich und klang irgendwie verbittert. „Ich versuche herauszufinden, was sie hier machen, obwohl es mir schon recht klar ist“, antwortete ich ihm. „Rede nicht mit ihnen, lass sie, ich will nicht, dass ihr mit ihnen redet.“ „Wieso nicht? Ich rede mit ihm auf Deutsch, und ich provoziere auch nicht“, rechtfertigte ich mich, aber er blieb auf Seinem. „Wir reden nicht mit ihnen hier. Meinst du, du kannst ihnen etwas erklären, sie von etwas abbringen oder überzeugen? Weißt du, was die machen? Sie kommen jeden Morgen und stehen hier, und bedrängen uns, und grüßen jedes einzelne arabische Kind, und wenn ein jüdisches vorbeikommt, schauen es es nicht einmal an, und sie behindern unsere Arbeit. Sie holen hierher Leute und organisieren Demonstrationen. Wenn ich könnte, würde ich diesen Arschlöchern, und vor allem dem da (er nickte in die Richtung des Deutschen) eine Kugel in den Kopf schießen, aber ich darf es nicht.“ Ein Soldat auf einer Wachtreppe über uns stimmte dem Offizier zu. Ich kannte diese Situation schon von früher, aus meiner Dienstzeit in der Armee; damals hatten mir Soldaten an derselben Stelle von den Aktionen der linken europäischen Aktivisten erzählt. „Ich verstehe dich“, erwiderte ich dem jungen Offizier, „ich würde es auch tun wollen. Ich spreche aber nur mit ihm!“ „Ja, ich weiß, du machst nichts Verwerfliches, aber ich möchte trotzdem lieber nicht, dass Juden mit denen sprechen, es bringt nichts.“

Wir verabschiedeten uns und gingen. Die Sonne setzte sich langsam. Wir diskutierten über den Vorfall, besuchten das Grab der Patriarchen kurz, aber dann trennten sich unsere Wege. Ich fuhr nach Hause, und zum wiederholten Male hatte ich das Gefühl, ich würde diese Stadt und ihr Innenleben nicht in der Lage sein, adequat zu erfassen, und fühlte eine Anspannung auf mir lasten, als würde ich innerlich eingezwängt werden. Ich verstand Hebron noch immer nicht, und eines Tages würde es an der Zeit werden, mich auch in diese komplizierte Materie hineinzufühlen. Mit diesen und anderen Gedanken fuhr ich per Anhalter heim nach Gush Etzion und es erschien mir plötzlich so gewohnt, heimisch und leicht.