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Yom Kippur kann beginnen

Heute abend beginnt der höchste jüdische Feier- und Fastentag – Yom Kippur, oder der Buß (kippur) tag (yom) (auch Versöhnungstag genannt). Es ist ein Feier- und gleichzeitig auch Fastentag aus der Tora (3.Buch Moses, Kap.23), an dem man verschiedene Arbeits- und Genussverbote beachten muss, um zu fasten, Gott um Vergebung und Erbarmen für die eigenen Fehler und Taten zu bitten und ebenso darum, das neue Jahr (das 10 Tage zuvor beginnt) in Reinheit und von Sünden erleichtert zu beginnen. Diesem Tag der Buße und Reue und Bitte (ich nehme an, der christliche Buß- und Bettag hat in Yom Kippur seinen Ursprung) wird der hebräische Monat Elul, einen Monat vor Neujahr (Rosh Hashana), vorangestellt, der als eine Zeit der Umkehr, der persönlichen Bilanz und der Vorbereitung für die Hohen Feiertag – Neujahr und Versöhnungstag gilt. Je nach Brauch der jeweiligen Gemeinden, nach Herkunft unterteilt, werden entweder vom Beginn des Monats Elul an oder ab der letzten Woche spezielle Gebete und Gesänge aus der Liturgie gesprochen, um Mitternacht oder vor Sonnenaufgang, im Bethaus. Die ashkenasischen (europäischen) Juden beginnen diese Mitternachtsgebete in der letzten Woche vor Jahresbeginn,  die sephardischen (aus dem Mittelmeerraum stammenden) und orientalischen Juden beginnen damit gleich zu Beginn des Monats. Nach allen Riten werden diese Gebete mit speziellen Zusätzen in den 10 Tagen zwischen Rosh Hashana und Yom Kippur gesagt. Diese gelten als eine besondere Gelegenheit zur Selbstreinigung und Vorbereitung und heißen „die Zehn Tage der Rückkehr“.

Diese Gebete und Bitten um Vergebung (Slikhót, vom Wort slikhá, Vergebung) haben wunderschöne Melodien und sehr tiefgehende Texte und werden dabei auch vom Blasen des Shofars, des Widderhorns, das an den Hohen Feiertagen geblasen wird, begleitet.

Der Gebetsraum der sephardischen Synagoge in Alon Shvut, Gush Etzion.

Mehr über Yom Kippur und seine Traditionen kann man hier nachlesen , dort ist es sehr schön erklärt. Was die Slikhot angeht, so habe ich vom letzten Tag, in der vergangenen Nacht, einige Momente in der sephardischen Synagoge von Alon Shvut aufgenommen, natürlich, um die Betenden so gut wie möglich nicht zu stören, daher nur kurz.

Die Hauptbitte an Yom Kippur ist es, in das sogenannte „Buch des Lebens“ eingetragen und besiegelt zu werden, das bedeutet, ein weiteres Jahr zum Leben und zum Handeln zu bekommen, das von Gott gesegnet sein solle. Dabei gilt das nicht nur für Juden, sondern um diese Jahreszeit wird über die gesamte Menschheit gerichtet und eingetragen, wer weiteres Leben und Segen erhält, und wer nicht.

Ich wünsche euch und uns allen einen erfolgreichen Eintrag und eine Besiegelung im Buch des Lebens!

 

Eure Chaya

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Neues Jahr 5779 – neue Anfänge

Liebe Freunde und Follower,

das Neue Jahr (Rosh Hashana 5779) steht schon ganz vor der Tür und will auch hinein, und ich bin Gott sei Dank wohlauf daheim in Israel und in Gush Etzion angekommen, voller neuer Erfahrungen und willkommener Erinnerungen an die Gastfreundschaft all meiner GastgeberInnen während dieser spannenden (und meiner ersten!) Vortragsreise im Rahmen meines Blogs DieSiedlerin.net.

Ich habe mich überaus gefreut, viele wunderbare neue Menschen kennenzulernen, und werde dies mit Freuden in das nächste Jahr mit hineinnehmen. Ich hoffe sehr, dass das nächste Jahr uns Frieden und Gesundheit und Zufriedenheit bringt, viel Kraft für neue Ideen und Pläne und Inspiration für gute Taten!

Shana tova, mögen wir alle ins Buch des Lebens eingeschrieben werden!

In Freundschaft,
Chaya

Josefsgrab – unbewachter Besuch mit Folgen

Ein unangenehmer Vorfall ereignete sich gestern nacht (21.11) in Shchem/Nablus am Josefsgrab (Samaria), das neben dem hochkriminalisierten (Flüchtlings-)Viertel Balata liegt.
Drei Juden aus Israel, die am Josefsgrab inmitten der arabisch-palästinensischen Stadt beten wollten, gelangten nachts in die Stadt. Jüdische Pilger haben nach einem Abkommen mit der Armee bestimmte Zeiten und Tag(e) in der Woche, an denen sie zum

keveryosef
Auf der Karte

Grab gelangen können; in jedem Fall geschieht es nachts und wird von Armeekonvois bewacht. Gestern nachts fand einer dieser Besuchertage statt und etwa 1000 jüdische Pilger beteten unter Armeebewachung am Grab.
Die besagten drei Personen fuhren offenbar auf Eigeninitiative und ohne Absprechung mit der Armee oder als Teil einer Gruppe zum Grab und nachdem sie ihr Fahrzeug verliessen, wurde dieses von arabischen Einwohnern entdeckt und gestohlen und anschließend angezündet. Die drei mussten durch einen Armeeinsatz evakuiert werden. Gegen einen der unberechtigten Besucher wurde eine Klage eröffnet, dass er entgegen dem Beschluss des Militärgenerals eine für Israelis verbotene Zone (A-Zone, unter PA-Verwaltung = Nablus) betreten habe.
Die Anwälte des Betroffenen beklagten den Zustand, nach dem jüdische und arabische Israelis sowie nichtreligiöse gelegentliche jüdisch-israelische Besucher nach zweierlei Maß gemessen sein würden: demnach verfolge das Militärgericht die Linie, dass religiöse Pilger eher zu bestrafen sei, arabische Israelis allerdings durchgehend in die PA-Gebiete gelassen werden und sonstige israelische Besucher nicht gerichtlich geahndet werden würden.

Kleine, aber feine Bat Mitzva

Am letzten Donnerstag (16.03.)  feierte die Tochter meiner

Nachbarn, Shvut Rachel ihr Name, ihre Bat Mitzva – ihren 12.Geburtstag, der nach jüdischer Tradition als Beginn des Erwachsenwerdens gilt. Als Teil des Erwachsenwerdens tritt auch

Shvut hält ihre Ansprache

die vollständige Verpflichtung fuer alle religiösen Gebote in Kraft – daher übersetzt man den Namen „Bat Mitzva“ als „Tochter des Gebotes“ oder Diejenige, die die Gebote auf sich nimmt. (Mehr dazu in den Essays auf Talmud.de)

Die Feier wurde im lokalen Festsaal von Alon Shvut organisiert und es kamen Familie, Freundinnen und Freunde und viele unserer gemeinsamen Nachbarn. Insgesamt waren vielleicht knapp hundert Gäste anwesend, wenn nicht weniger – durchaus bescheiden  für eine solche Feier. Als Teil des Unterhaltungsprogramms wurden Diashows mit Fotos aus der Kindheit von Shvut und ein Film mit Glückwünschen von Familienmitgliedern wurden gezeigt; die Geschwister, Cousinen und Cousins sangen gemeinsam ein Lied, das sie, so erklärte mir Shvuts große Schwester Tohar, bei jeder Familienfeier singen würden und dabei die Strophen des Liedes immer für das entsprechende Event verändern würden – sei es

Die Familie singt für Shvut

Hochzeit, Geburt, Bat Mitzva oder anderes. Es wurde sehr viel musiziert und getanzt – natürlich tanzten dabei die Frauen und Mädchen von den Männern getrennt. Die Eltern erzählten von Shvut Rachels Werdegang und sie selbst hielt eine Rede, in der sie über den religiösen und geschichtlichen Hintergrund ihres Namens – Shvut („Rueckkehr“, Rückkehr aus dem Exil ins Land Israel) und Rachel (die Ehefrau von Vorvater Jaakov und „Urmutter“ der 12 israelitischen Stämme = des jüdischen Volkes) erzählte.

Die Verbindung zwischen dem Motiv der Rückkehr ins Heilige Land und Rachel ist biblisch sehr stark ausgeführt. Die Grabstelle von Rachel, der zweiten und Lieblingsfrau von Jaakov wird traditionell als bei der Stadt Bethlehem liegend gesehen, so wie es im 1.Buch Moses geschildert wird: „Und Rachel starb und wurde auf dem Weg nach Efrat, das Bethlehem ist, begraben.“ (1.Buch Moses 35, 19) Allerdings gibt es dabei auch andere Meinungen und Diskussionen darüber, die sich auf den Vers aus dem Buch Jirmiyahu (Jeremia) 31, 14 berufen, in welchem von „Rama“ gesprochen wird –

Hier befindet sich heute die Stätte des Rachelgrabs

dabei stellt sich die Frage, wie das Wort „Rama“ übersetzt werden soll – einer geologischen Beschreibung einer „Anhöhe“, welche das Grab in den Binyamin-Bergen (Südsamaria, nördlich von Jerusalem) vermuten lässt, oder der Beschreibung der Lautstärke gesprochen wird. Hier der volle Vers (35,14-15):

„So sagt Gott, eine (laute) Stimme lässt sich (auf der Anhöhe) hören – Rachel beweint ihre Kinder und weigert sich, sich trösten zu lassen, denn ihre Kinder sind nicht da. So sagt Gott, höre dein Weinen auf und lass deine Augen nicht tränen, denn dein Tun erhält seinen Lohn – so spricht Gott – und sie kommen aus dem Feindesland zurück; und es gibt Hoffnung zu deiner Letzt und die Kinder werden zu ihrer Grenze zurückkehren.“

Dieser Vers bezieht sich einerseits auf das babylonische Exil von Juden aus dem Land zur Zeit von Jirmiyahu (etwa um 589 v.d.Z.), andererseits wird es auch in der jüdischen Religion als prophetische Vision zur vollständigen Rückkehr aus jedem Exil (sprich, dem letzten – heutigen Exil) ins Land Israel angesehen. Dabei wird Rachel zur Symbolfigur der Wandernden und Heimatlosen, da sie selbst auf dem Weg begraben worden ist (und nicht wie ihre Schwester Leah, Jaakovs erste Frau, in der Patriarchenhöhle in Hevron) und daher um die „verlorenen Kinder“ trauert und um deren Rückkehr bittet. 

Herzliche Glückwünsche und viel Erfolg an Shvut Rachel und danke für die schöne Feier!

 

Dieses Jahr an Purim – Party in Teko’a

Jedes Purim-Fest wird etwas anders gefeiert. Das Fest der Rettung der jüdischen Diaspora im Persischen Reich durch die jüdische Königin Esther und ihren Onkel Mordechai, die Schicksalswandlung für die Juden in Persien und Midien und der Hauptstadt Shushan (Shosh) und die Abwehr ihrer Feinde nach dem Auffliegen des Vernichtungsplans von Großvisier und Judenfeind Haman  – heute, viele Generationen später, hat Purim viele zusätzliche praktische und geistige Elemente als Feiertag erhalten, spirituelle Erzählungen und Erklärungen haben sich darum gesammelt, Bräuche wie selbstvergessenes Trinken und Verkleidungsumzüge füllen diesen überaus fröhlichen und sozialen Feiertag. Im ganzen Land Israel und in der Diaspora feiern alle Juden gemeinsam – außer den Bewohnern von Jerusalem und seiner unmittelbaren Umgebung. Diese feiern, der Tradition und der Niederschrift in der Esther-Rolle entsprechend, einen Tag danach – etwas, was sich bis heute hält!

Jedes Purim verbringe ich anders. Das vorletzte Jahr war ich, als Pippi Langstrumpf verkleidet, in Hevron bei der jüdischen Gemeinde und habe hier darüber berichtet – und auch über die Bräuche und meine persönlichen Erlebnisse an diesem Tag. Das letzte Jahr verbrachte ich bei einer Ladies Night Party in unserem nahegelegenen Vergnügungspark „Eretz Ha’Ayalim“ und hatte mich, in einer Hommage an meine Lieblingshaustiere, als Katze verkleidet (leider finde ich keinen Bericht dazu).

Natürlich auch mit Tamburin. In der lokalen Synagoge in Alon Shevut

Dieses Jahr wollte ich, infolge meiner Wissenserweiterungen bezüglich des Arabischen und der arabisch-palästinensischen Bevölkerung, etwas Ausgefalleneres als Kostüm wählen und auch diesmal wollte ich feiern gehen. Also fuhr ich, nach einiger Beratung mit lokalen Freunden, nach Bethlehem und handelte mir dort mithilfe eines Freundes ein nicht allzu teueres, aber qualitatives traditionelles Kleid einer arabischen Dorfbewohnerin aus der Gegend von Bethlehem aus. Das sogenannte „Thob Falastini“ wird usprünglich per Hand mit einem jeweils ortstypischen Dekorationsmuster, „Tatreez“ genannt, verziert (in meinem Fall natürlich maschinell…sonst müsste man über ganz andere Preise sprechen) und dazu gehören generell noch ein Schal und eine Kopfdekoration. Ich habe dabei die Kopftuchalternative „Hijab“ (einfaches muslimisches Kopftuch) gewählt und den Gürtel auf Empfehlung der Verkäuferinnen in der Bethlehemer Einkaufsmeile zu einem Kopfschmuck umfunktioniert und das Ganze dann mit Stecknadeln auf dem Kopf zusammengebastelt.

In der Synagoge vor dem Lesen

Der Effekt war ganz ansehnlich. In der Synagoge, am Abend, beim Lesen der Esther-Rolle, waren die Reaktionen zumeist als „Begeisterung“ zu deuten; viele waren überrascht, denn wenn sich bei uns jemand als „Araber“ verkleidet (und das taten in diesem Jahr bei uns und generell im ganzen Land sehr viele), dann ist meistens die Keffiyah das Hauptkleiderstück, und dann natürlich die Beduinenroben, aber

In der Synagoge vor dem Rolle-Lesen

keine „palästinensische Nationaltracht“. Ich denke, im Allgemeinen kann man alle Reaktionen zusammengezählt (frühmorgens in der Siedlung;in der Synagoge; auf der Bushaltestelle; bei der Party; bei Freunden; auf Facebook) als „Faszination“ beschreiben. In meinen Augen auf jeden Fall etwas Positives – trotz zusammenstoßender politischer Narrative und Realitäten sollte Traditionen Respekt gebühren. Und wann sonst kann man als festlich gekleidete arabische Bauernfrau in einer Siedlung herumlaufen, wenn nicht an Purim? 😉

Das Feiern erledigte ich dann in Teko’a, einem Großort (die größte Ortschaft der Regionalverwaltung Gush Etzion mit ca.3700 Einwohnern) im Osten der Gush Etzion-Region, an der Grenze zur Judäischen Wüste. Teko’a ist bekannt für seine gemischte, sprich säkular-religiöse Einwohnerschaft, für  interessante und kontroverse Persönlichkeiten wie der Rabbiner Menachem Fruman, für seine Musik- und Bierfestivals – und für Parties. Neben allen

Netta und ich

möglichen anderen Veranstaltungen am Samstagabend (11.03) wurden zwei Ladies Only Feiern organisiert, zwischen denen ich mit meiner Freundin Netta aus Bat Ayin (Gush Etzion) bis etwa zwei Uhr morgens pendelten. „Ladies Only“, das heißt natürlich Zutritt für Männer verboten, aber es heißt keinesfalls Langeweile.  Eine DJ unterhielt eine der Parties, die einer verrückten Disco-Nacht für Mädels zwischen 15 und 55 ähnelte, mit einem beeindruckenden Mix aus neuesten Charthits aus Israel und der Welt, hebräischen Folksongs und religiös adaptierten Schlagern; es gab Henna-Malerei auf Hände und Füße und künstlerische Gesichtsschminke und eine Menge Alkohol im Angebot. Auf der zweiten Party gab es eine etwas „heimischere“ Atmosphäre und dort wurden Wein und Gemüse mit Tahini-Sauce umsonst angeboten – Musik natürlich inklusive (aber keine künstlerischen Extras). Um etwa Mitternacht formierte sich ein Kreis aus den tanzenden Frauen und gemeinsam summten und sangen wir eine Weile umarmt; die einen beteten, die anderen drehten Piruetten im Raum und wieder andere standen still und ließen den Feiertag in ihre Seele hineinsinken.

Fellaha (Dorfbewohnerin) oder nicht? 😉

Das Feiern ging bis in die frühen Morgenstunden hinein und Netta und ich hatten irgendwann beschlossen, heimzufahren. Zu schlafen schaffte ich es nicht mehr – am Morgen musste zum zweiten Mal die Esther-Rolle gelesen und dann die Geschenke verteilt werden, ein Festmahl musste auch gegessen werden – und dann konnte man sich etwas ausruhen. Das Wetter war nicht sonderlich fröhlich – kalt und windig und ein Staubsturm fegte an diesem Tag durchs Land. Aber alles in Allem war die Stimmung überall positiv und festlich.

Leider habe ich aus Teko’a keine besonders gut gelungenen Bilder, aber solltet ihr euch eine Vorstellung von der Purim-Feier und Festumzug in der jüdischen Gemeinde in Hevron machen wollen – fernab der hässlichen Schlagzeilen und Verleumdungen, mit welchen die internationale Presse die Juden Hevrons regelmäßig bedenkt – dann schaut in die Galerie meines Freundes Shmuel Mushnik, eines Malers und Touristenführers aus Hevron, hinein – hier. Ein paar Beispiele aus der Galerie findet ihr nachfolgend. (Achtet auf das Bild mit den Mädels in Keffiya neben dem im Kopftuch mit roter Jacke – diese hatten sich als „europäische Friedensaktivistinnen“ in Hevron plus verkleidet, die regelmäßig den schon recht angespannten Alltag durcheinanderbringen und die Bewohner provozieren.)

Auf dass auch nächstes Jahr es ein so ausgelassenes Purim-Fest gibt!

Musikabend in Bat Ayin

Wieder etwas still gewesen um mich… Studium und Bürokratie füllen den Alltag und es bleibt weniger Zeit zum Schreiben. Und wenn dann das Wochenende kommt – ist es bei uns recht kurz, ein halber Freitag und ein im Winter nicht allzu langer Shabbat – dann kommt die ersehnte Ruhe.

Den Shabbat – Tradition und Gesetz entsprechend – verbringe ich häufig daheim und werde bei meinen Nachbarn zum Essen eingeladen. Manchmal mache ich aber auch einen kleinen Abstecher zu Freunden, die etwas weiter wohnen.

Den vergangenen Shabbat (21.01) verbrachte ich in der kleinen Gemeinde Bat Ayin in Gush Etzion verbracht. Bat Ayin hat etwa 1400 Einwohner und ist auf einem Hügel auf dem Berghang des Hebroner Bergmassivs verstreut. Bat Ayins Bewohner lassen sich zumeist religiös bis sehr religiös einordnen, zum großen Teil Anhänger des Rabbiners Nachman von Bratzlav (Breslever Chassiden); die Bevölkerung ist zumeist jung und die Familien kinderreich.

Sicht auf Bat Ayin
Sicht auf Bat Ayin

Bat Ayin gilt als eine eher abgeschottete Gemeinde; auch was den Lebensstil angeht, so sind die Bat Ayiner Bewohner eine Gemeinschaft für sich – Kleidermode und Baustil sind keinem westlichen Mainstream, sondern eher einer „alternativen Mode“ einzuordnen; Rückbesinnung auf Religion (viele der Einwohner kommen ursprünglich aus säkularen Elternhäusern und suchen ihren Weg zur Religion), Naturbezogenheit (kleine Farmen, Privatzucht, Gärten, selbstgebaute Häuser), Vegetarismus und Umweltbewustsein sind dort hoch im Kurs; es gibt einen gemeinschaftlichen Kleiderspendeladen. Mädchen und Frauen lassen sich meist an wallenden, bunten Kleidern, Kopftüchern und

Bat Ayin
Bat Ayin

Schals mit fernöstlichen Einflüssen erkennen; die Männer sind eher Arbeitshosen und langen Hemden unterwegs, haben die Gebetsfäden (Tzitzit) und Haare, auf jeden Fall aber die Schläfenlocken offen. Viele Einwohner sind Musiker. In der Gemeinde selbst gibt es einige religiöse Einrichtungen, Kindergarten, Grundschule, Krankenkasse, kleinen Supermarkt und einige Synagogen. Es gibt ebenso ein Aufnahmezentrum für schwererziehbare Jugendliche, um welche sich die Gemeinde und der Initiator des Projekts sorgen. Der Großteil von Bat Ayin ist von keinem Zaun umgeben, aus ideologischen Gründen; die Bewohner von Bat Ayin haben eine lange Auseinandersetzung mit der Armee hinter sich, welche darauf besteht, die Siedlung mit einem Sicherheitszaun zu umgeben, die Bewohner sich jedoch gegen eine Einschränkung und Eingrenzung der Gebiete um sie herum weigern.

Die Häuser des Dorfes Zurif
Die Häuser des Dorfes Zurif

Bisher hat nur ein Teil der Ortschaft einen kurzen Zaun, und zwar auf der Südseite, welche in unmittelbarer Nähe zum arabischen Dorf Zurif liegt. Bat Ayin ist auch bekannt für seine Auseinandersetzungen mit den Bewohnern von Zurif undG’eba, zwei arabischen Nachbardörfern, welche sich gegenseitige Abneigung zollen. Im Februar 2007 wurde ein Bewohner von Bat Ayin, Erez Levanon sel.A. von arabischen Terroristen aus der Gegend von Zurif getötet.  In 2002, im Laufe der 2.Intifada, geriet Bat Ayin ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit, als Mitglieder der sogenannten „Bat Ayin Untergrundorganisation“, einer Terrorgruppierung, von den israelischen Sicherheitskräften gefasst wurden, als sie dabei waren, einen großangelegten Terroranschlag gegen eine arabische Schule in Ostjerusalem auszuführen.

Die Natur um Bat Ayin herum ist üppig – ehemals vom Jüdischen Nationalfonds und früheren Bewohnern von Gush Etzion gepflanzter Wald, drei Wasserquellen, Hügellandschaft und eine Aussicht über das israelische Flachland, welche bei klarem Wetter einen Blick bis zu den Küstenstädten Ashdod und Ashkelon erlaubt.


Das Wetter am Shabbat war kühl, aber ansonsten ausgezeichnet – strahlende Sonne, wenig Wind und frische Luft. Die Bewohner und Bewohnerinnen beteten, statteten einander Besuche ab, gingen spazieren; einige gingen dem Ortsbrauch entsprechend zu den Wasserquellen, um dort einzutauchen. Nach Shabbat-Ausgang (Samstagabends, nach dem Sonnenuntergang) lud mich meine Freundin zu einem musikalischen Ausklang des Shabbats ein, bei einer Familie namens Levy. Familie Levy – Ariel und Elia, beide in

Rechts: Ariel Levy am Saxophon, Elia auf der Gitarre, Sa'ar Tuvia (Freund) an der Trommel, unten: die Kinder Na'ama (älteste), Miriam und Baby Rachel
Links: Ariel Levy am Saxophon, Elia auf der Gitarre, in der Mitte: die Kinder Na’ama (älteste), Miriam und Baby Rachel

ihren Dreißigern – waren erst vor wenigen Monaten aus Jerusalem in das imposante, mit Holz verzierte Haus gezogen, hatten aber schon in dieser Zeit geschafft, eine Tradition zu etablieren: Jeden Samstagabend versammeln sich in ihrem geräumigen Wohnzimmer Nachbarn und Gäste, um gemeinsam

Eine Fülle an gutem Essen ist auch dabei
Eine Fülle an gutem Essen ist auch dabei

zu musizieren. Dazu werden hauseigene Suppe, Salate und Kuchen serviert; jeder Gast bring auch meistens etwas zu essen mit.

Ariel Levy, selbst Saxophonist, nimmt die Musikabende auf und strahlt sie auf Youtube oder auch live über Facebook aus. Zwischen dem Musizieren hält er einen Vortrag über die Tora und verschiedene Ideen des jüdischen Glaubens. Auch diese lassen

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Elia an der Gitarre, Avi am Tamburin, Sa’ar-Tuvia an der Trommel

sich im Internet finden, unter dem Nicknamen „The Emunah Home“ (Haus des Glaubens), welcher für die gesamte Familie Levy steht. Ihre fünf Kinder, die jüngste darunter erst drei Monate alt, sind beim Musizieren dabei. Die älteren gehen nicht in den Kindergarten oder die Schule, sondern werden daheim unterrichtet.

Zumeist spielen Ariel und Elia, die ihn auf Gitarre begleitet, osteuropäisch-jüdische Melodien, aber es gibt auch orientalische Einflüsse. Die beiden selbst haben unmittelbare Wurzeln im Nahen Osten: Elia ist syrisch-türkischen Ursprungs, Ariel persisch-bulgarisch.

20170121_223048Auch an diesem Abend tauchten nach und nach viele Besucher auf, nahmen Platz, aßen etwas und nutzten einige der Instrumente, die zur Verfügung standen. Inmitten der Jam Session erzählte Ariel ein wenig über seine letzten Gedanken über den Zusammenhalt des jüdischen Volkes, basiert auf der Lehre von Rabbi Nachman; anschließend musizierten wir mit verstärkten Kräften weiter. Die 20170121_211227Anwesenden waren verschiedenen Alters – junge Mädchen, einige ältere Frauen, Jungs im Teenager-Alter und auch weit darüber hinaus, die Kinder von Ariel und Elia und andere.

Das Video vom Abend lud Ariel auf seine Facebook-Webseite, es kann man sich hier ansehen:

Hier eine weitere, sehr schöne instrumentale Aufnahme eines bekannten chassidischen Liedes, dem „Lied der Gräser“, gespielt von Ariel und Elia Levy.  Mehr gibt es auf ihrem Youtube-Kanal.

Chanukkah überall

Noch drei Tage sind vom Chanukkah-Fest übrig, und die Aktivitäten und Veranstaltungen für Familien, Kinder und andere Interessierte rund um den Feiertag neigen sich ihrem Ende zu. Wie im ganzen Land, so war auch der Eventkalender von Judäa und Samaria gefüllt mit Events für Groß und Klein –  vor allem, wenn man bedenkt, dass auch diese Region für ihre Geschichtsbezogenheit zu den historischen Vorgängen zur Zeit der Makkabäerrevolte gegen die Griechen im 2.Jhdt v.d.Z. bekannt ist. Es folgt eine kleine Übersicht dessen, was die Israelis in Judäa und Samaria während des Chanukkah-Festes erwartet(e), von Norden nach Süden:

Samaria

Festival des Lichts 2017 – organisiert von der Regionalverwaltung Samaria und dem Ministerium für Kultur und Sport.

Im Programm: 

  • Musical-Auffführung, inspiriert durch Lieder von Arik Einstein und Shalom Hanoch in Sha’arey Tikva (östlich von Kfar Kassem), 26.12
  • Gesangsabende für Senioren in Shaked (südöstlich von Umm el-
    Ausflug für Samaria-Jugendliche. Foto: Regionalverwaltung Samaria
    Ausflug für Samaria-Jugendliche. Foto: Regionalverwaltung Samaria

    Fahm), Elon More (östlich von Nablus/Shchem) und Nofim (östlich von Kfar Saba) (27-29.12)

  • Theateraufführung für Kinder ab der fünften Klasse in Sha’arey Tikva (25.12)
  • „Der große Ausflug für Samaria-Teens“, Wanderung für Jugendliche im Jordantal mit Kerzenzünden in Ma’ale Efraim
  • Joggling- und Feuerschlucker-Show von Nissan Hess in Kfar Tapuach, Nofey Nehemia (südlich von Nablus/Shchem, östlich von Ariel) und Havat Gilad (westlich von Nablus/Shchem) (25./26.12)

    Mitarbeiterinnen der Regionalverwaltung Samaria in Chanukkah-Atmosphäre
    Mitarbeiterinnen der Regionalverwaltung Samaria in Chanukkah-Atmosphäre. Quelle: Regionalverwaltung Samaria

Binyamin-Region (im Norden von Jerusalem,Süd-Samaria):

Im Programm: 

  • Makkabäer-Festival in der Talmonim-Region (nordöstlich von Modi’in, nordwestlich von Ramallah) – Straßenkünstler, Wanderung mit Überraschungen für Kinder,
    Makkabäer-Festival. Quelle: Webseite des Festivals
    Makkabäer-Festival. Quelle: Webseite des Festivals

    Höhlenentdeckungen, Bastelaktivitäten, Jeep-Touren von Modi’in nach Talmon und mehr (28-29.12.)

  • Orientierungs-Spiel „Extreme“ mit Herausforderungen für Kinder und Familien im Shiloh-Tal und auf der Ausgrabungsstelle und Besucherzentrum „antikes Shiloh“ (zwischen Ramallah und Nablus/Shchem), (28.-19-12)

Gush Etzion (Judäa)

Im Programm: 

  • Konzerte in Gush Etzion. Foto: Regionalverwaltung Gush Etzion
    Konzerte in Gush Etzion. Foto: Regionalverwaltung Gush Etzion

    Musikkonzerte von bekannten Künstlern im Kulturzentrum Gush Etzion und Teko’a – Jane Bordeaux, Dani Rubin, Shlomo Gronich, Ziv  Yechezkeli (25.-27.12)

  • Vortrag des Nahost-Experten und Journalisten von Channel 10, Tzvi Yechezkeli, über die Situation und Entwicklungen der muslimischen Welt in Alon Shevut (Gush Etzion, südlich von Jerusalem) (30.12)
  • Wanderungen der Feldschule Kfar Etzion rund um Gush Etzion, Binyamin-Region und Jerusalem (Hariton-Höhle, Wadi Kelt, Patriarchenhöhle in Hevron, Kanada-Park, Herodion)
  • Spenden-Aktion von „Chanukkah-Geld“ der Mädchenschule Neve Chana in Efrat

Hevron-Region (Judäa)

Im Programm: 

  • 12.Konferenz „Das Buch und die Wüste“ zu den neuesten archäologischen und anderenForschungen über das Hevron-Bergmassiv in Susia (südlich von Hevron, nordwestlich von Arad) (29.12)
  • Theatervorstellung des Theaters „Aspaklaria“ für Erwachsene nach der Erzählung „Das Kleid“ von Nobelpreisträger Shai Agnon in Kiryat Arba (Hevron), (31.12)

    Theateraufführung in den Hevron-Bergen. Foto: Regionalverwaltung Har Hevron
    Theateraufführung in den Hevron-Bergen. Foto: Regionalverwaltung Har Hevron