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News November ’16 und Pause

Liebe Leser/-innen und Abonnent/-innen, 

aus verschiedenen Anlaessen habe ich beschlossen, fuer einige Zeit von meinen Aktivitaeten im Blog eine Pause zu nehmen, ein wenig Abstand zum Schreiben und zum Thema zu gewinnen, mich mehr meinem Studium zu widmen und mich anschliessend wieder an die Fortsetzung des Blogs zu setzen. Derweil werde ich interessante Themen sammeln, auch mit Menschen sprechen, deren Aussagen oder Erfahrungen Relevanz zum Thema haben koennen und sie fuer die Zukunft aufbewahren.

Keine Sorge ich hoere den Blog nicht auf, zu fuehren; ich sehe es momentan lediglich fuer richtig an, eine Pause einzulegen. Zudem bin ich wieder zurueck in den anstrengenden Rhythmus des Pendelns zwischen Arbeit und Studium und finde nicht die Zeit, euch regelmaessig und so, wie ich es mir vorstelle wuerde, ueber aktuelle Ereignisse zu informieren, obwohl es natuerlich genuegend Anlaesse dazu gibt. Hier eine kurze Uebersicht: 


Amona

1)  In der Knesset tobt ein Kampf um das Regulierungsgesetz zur Vermeidung des Abrisses der juedischen Ortschaft Amona in Binyamin statt, welche auf  Ende Dezember dieses Jahres (2016) angesetzt ist und welche der Oberste Gerichtshof fest entschlossen ist, durchzufuehren – zum grossen Aerger vieler Koalitionsmitglieder und, natuerlich, der Siedlerbewegung. Die palaestinensisch-arabischen Klaeger, die auf das Grundstueck, auf welchem sich Amona befindet, Anspruch erheben, weigern sich, eine finanzielle Entschaedigung anzunehmen und fordern den kompletten Abriss der Siedlung und der Ausweisung ihrer etwa 250 Bewohner.

Amona. Quelle: INN
Amona. Quelle: INN

Das Regulierungsgesetz, welches zunaechst vom Abgeordneten Yariv Levin (Likud) vorgeschlagen und anschliessend in einer neuen Version von MK Shuli Mu’allem-Refaeli  und MK Betzalel Smotritch (Juedisches Heim) uebernommen und von der Fraktion Juedisches Heim adoptiert worden war, soll mit juristischen Mitteln einen Abriss einer von einer Raeumung bedrohten Siedlung oder einzelner Haeuser in einer solchen verhindern, wenn gegen ihren Bau im Nachhinein eine Klage wegen Verletzung von Privatbesitz erhoben wird, und soll statt eines Abrisses bei dem Nachweises eines tatsaechlichen Privatbesitzes den urspruenglichen Besitzer finanziell entschaedigen (bis zu 125% des Ursprungswertes) oder diesem ein entsprechendes Stueck Land an einer anderen Stelle anbieten, diesem allerdings das Recht, das betroffene Grundstueck zu nutzen und den Abriss der vorhandenen Strukturen, zu fordern, nehmen.

Am 14.November wurde ueber den Entwurf des Regulierungsgesetzes entsprechend dem Prozedere durch den Regierungsausschuss abgestimmt und dieser wurde einstimmig (durch alle sieben Minister des Ausschusses) angenommen und zur Vorabstimmung der Knesset weitergeleitet. Der Justizberater der Regierung sowie Verteidigungsminister Liebermann wandten sich gegen den Entwurf, weil dieser gegen ein aktuell gueltiges Gesetz verstossen und dieses kippen wuerde.

Am 16. November wurde die Vorabstimmung, die erste der insgesamt vier notwendigen Abstimmung vor der Verabschiedung eines Gesetzes, im Plenarsaal abgehalten und der Entwurf in seinen drei Teilen angenommen (erster Teil – 58 zu 50, zweiter – 57 zu 52, dritter- 58 zu 51, Quelle: Knesset.gov.il). Im weiteren Verlauf soll das Knessetkommittee entscheiden, in welchem Ausschuss der Entwurf weiter bearbeitet wird. Die Abstimmung selbst wurde von stuermischen Diskussionen begleitet und ging tagelang durch die saemtliche israelische Presse.

Vorgeschichte: Amona wurde zu Beginn als archaeologische Staette im Jahr 1995 auf einem Huegel weiter der Ortschaft Ofra im Binyamin-Gebiet errichtet. Im Jahr darauf, 1996 (Amtsjahr von Premierminister Netanyahu) wurden die ersten Wohncontainer auf den Huegel gebracht.  Erste Einwohner bezogen die Wohncontainer – zumeist junge Maenner und Familien ohne oder mit kleinen Kindern. Der Ausbau von Amona, die erste Infrastruktur, Verbindungsstrassen und der Erwerb weiterer Wohncontainer (Karavane) wurden mehrheitlich von der israelischen Regierung durchgefuehrt. Im Laufe dieser Zeit wandten sich mehrere linksgerichtete NGOs wie „Shalom Achshav/Peace Now“ mit Klagen an den Obersten Gerichtshof und dem Aufruf, den Aussenposten, welcher auch als ein neues Wohnviertel der Siedlung Ofra gehandhabt wurde, zu raeumen. Die Einwohner von Amona und die Vorsitzenden der Regionalversammlung von Judaea und Samaria wurden ueber Jahre hinweg zu Prozessen gegen den Ausbau der Ortschaft hinzugezogen. Ab dem Jahr 2000 kamen verstaerkt Klagen auf, welche auf einen moeglichen Landraub eines Privatbesitzes pochten. Diese fuehrten linksgerichtete, anti-Siedlungsbau-NGOs wie „Shalom Achshav“ und „Yesh Din“, im Namen von palaestinensischen Klaegern, welche das Grundstueck fuer sich  beanspruchten. Mehrere Male wurde ein Baustopp verhaengt, dennoch wurden die ersten festen Bauten im Jahr 2005 errichtet.

Anfang des Jahres wurden im Zuge der politischen Vorgaenge nach der Gaza-Raeumung 2005 10 Haeuser in Amona zerstoert und fuehrten zu einer gewalttaetigen Auseinandersetzung bei der

Amona in 2006. Quelle: Natan Dvir
Amona in 2006. Quelle: Natan Dvir

Raeumung selbst zwischen Bewohnern, Protestierenden und der Grenzschutzpolizei. Der sich dort aufgebaute Widerstand gegen den Abriss schlug fehl, brachte aber zahlreiche Opfer mit sich – dutzende Verletzte, offene Polizeitgewalt und traumatisierte Jugendliche waren das Ergebnis dieser Aktion und hallten noch lange in der Presse und innerhalb der nationalreligioesen Gemeinschaft nach.

Im Jahr 2014 legte der Oberste Gerichtshof in einem Beschluss fest, dass Amona innerhalb vom 2 Jahren abgerissen werden sollte, aufgrund von mangelnden Nachweisen des Grundbesitzes seitens der Bewohner von Amona, nachdem deren Klage, das Land sei rechtmaessig von arabischen Landbesitzern erworben worden bzw.teilweise nicht von solchen besessen worden sein, nicht stattgegeben worden war. Dieser Beschluss wurde von hochrangigen Politikern, so dem Knessetsprecher MK Yuli (Yoel) Edelstein. Im letzten Jahr betreiben die Unterstuetzer von Amona eine grossangelegte Pressekampagne, die sich allerdings sehr auf die nationalreligioese Gesellschaftsgruppe ausrichtet, um Unterstuetzung fuer den Protest gegen die Raeumung zu erwirken. Es besteht die Angst innerhalb der Siedlerbewegung, dass, sollte der Abriss durchgefuehrt werden, er eine Tuer zu weiteren Klagen gegen ehemals von der israelischen Regierung selbst gefoerderten Ortschaften oeffnen und somit tausende von Haeusern und ihren Bewohnern vor ein Abrissrisiko stellen.

Das Regulierungsgesetz und die Zustimmung fuer den Entwurf in der Vorabstimmung in der Knesset wird in der israelischen Gesellschaft sehr kontrovers aufgenommen, soll es doch die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs umgehen koennen, sollte eine Siedlung vom Abriss bedroht sein. Einige Politiker fordern, dass der Paragraph, welcher sich speziell auf Amona konzentriert, aus dem Gesetzesentwurf weggelassen wird. (Quellen: Ynet, Channel 2, Makor Rishon, Mako)
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Davidi Perl

2) Der Vorsitzende der Regionalverwaltung von Gush Etzion, Davidi Perl, hat sein Amt Anfang des Monats niedergelegt. Seinen

Davidi Perl. Quelle: INN
Davidi Perl. Quelle: INN

Entschluss traf er, nachdem publik geworden war, dass er einer Frau Schweigegeld gezahlt hatte, damit diese keine Klage gegen ihn wegen mutmasslicher sexueller Belaestigung erheben moege. Die Affaere wurde vom Journalisten des Channel 10, Roy Sharon aufgedeckt, nachdem die Angelegenheit intern zwischen Perl, der besagten Betroffenen und einem fuer ethische Fragen zustaendigen religioesen Forum (Takana) abgewickelt worden war, im Zuge dessen Perl dazu verpflichtet wurde, 200.000 Shekel an die Frau zu zahlen. Die Frau zog die Klage aus dem Forum zurueck und verzichtete auf eine Veroeffentlichung und Davidi Perl seinerseits verpflichtete sich, kein zweites Mal bei den naechsten Bezirkswahlen fuer das Amt des Vorsitzenden zu kandidieren. Die Berechtigung, den Streit im Rahmen einer Unterredung und einer Kompromissfindung beizulegen, erhielt das Forum „Takana“ nach einer Nachfrage dieses vom Justizbeauftragten der Regierung erteilt, nachdem die Betroffene sich selbst an das Forum gewandt hatte, um einer Intervention der Polizei und somit einer moeglichen Preisgebung ihrer Identitaet zu entgehen. Davidi Perl selbst weigerte sich mehrmals, an den Vorladungen des Forums teilzunehmen und musste, so berichtete Roy Sharon, durch mehrere Geistliche aus der nationalreligioesen Sphaere unter Druck gesetzt werden, um zu den Unterredungen zu erscheinen.

Nach der Veroeffentlung der Affaere bei Channel 10 kam es zu einem Aufruhr innerhalb der Bewohner von Gush Etzion und eine Untersuchung eines Bezirkskommittees wurde gefordert, um festzustellen, ob Perl sich weiterhin als Vorsitzender eignete. Der Beschluss nach der entsprechenden Ueberpruefung fiel positiv aus und wurde auch so der Oeffentlichkeit mitgeteilt, allerdings entschied sich Davidi Perl selbst einige Wochen spaeter, sein Amt freiwillig niederzulegen und es bis zu den naechsten Wahlen seinem Stellvertreter, Moshe Savil, zu ueberlassen.  Davidi Perl hatte von 2012 bis 2016 als Vorsitzender der Regionalverwaltung Gush Etzion gedient und zu einer erheblichen Entwicklung der Infrastruktur und sozialer Angebote im Gush Etzion-Gebiet West und Ost beigetragen.   (Quellen: Channel 10, NRG, Nana, Ha’aretz, Mako)

Josefsgrab 

3) Anfang dieses Monats (08.11) berichteten die Israel National News ueber eine Nachtaktion am Josefsgrab, einer juedischen heiligen Staette, welche innerhalb des Stadtgebietes der Stadt

Josefsgrab. Quelle: Regionalverwaltung Samaria
Josefsgrab. Quelle: Regionalverwaltung Samaria

Nablus/Shchem liegt, in welcher in Zusammenarbeit mit der Regionalverwaltung Samaria, der Samaria-Division der IDF und lokalen juedischen Arbeitern die vor einem Jahr begonnenen Restaurierungsarbeiten beendet werden konnten. Das Grab, welches bei Absprache mit der israelischen Armee von juedischen Glaeubigen nur unter hohen Sicherheitsmassnahmen besucht werden kann, wurde im Laufe der letzten Jahrzehnte, mehrmals von palaestinensischen Vandalierern angegriffen, beschaedigt und auch angezuendet – so wie vor etwa einem Jahr, als ich hier darueber berichtet habe. Im Nobember 2015 beschloss die Regionalverwaltung Samaria unter Yossi Dagan, die Reparaturarbeiten zur Wiederherstellung der heiligen Staette zu beginnen; diese konnten allerdings aufgrund der angespannten Sicherheitssituation im letzten Jahr nicht fortgesetzt werden. Nun wurde in diesem November das Grab wieder instand gesetzt. Mehrere dutzend religioese juedische Gruppen statteten dem Grab in den letzten Wochen und Monaten einen Besuch ab und beteten an der Staette, welche entsprechend der juedischen Tradition und nach der Meinung einiger Archaeologen als die Grabstaette von Josef, dem Urenkel des Stammvaters Avraham, gilt.

Josefsgrab. Quelle: Regionalverwaltung Samaria
Josefsgrab. Quelle: Regionalverwaltung Samaria

Die historische Stätte, früher am Rand der Stadt Shchem/Nablus in Samaria gelegen, befindet sich heute im Herzen dieser und hat im Laufe der Neuzeit viele Wandel erlebt, vor allem aber gilt sie als heiß umkämpft und kann zu Recht als einer der bitteren Streitpunkte zwischen religiösen Juden, den Nabluser Arabern und der Palästinensischen Autonomiebehörde gelten. Das Josefsgrab ist laut archäologischen Befunden und Meinungen mehrere Jahrtausende alt; seine Existenz bei Shchem wurde sowohl in der Tora und den nachfolgenden Schriften festgelegt, als auch in den Berichten verschiedener mittelalterlicher Reisender erwähnt. In der

Josefsgrab. Quelle: Regionalverwaltung Samaria
Josefsgrab. Quelle: Regionalverwaltung Samaria

Tora wird der Kauf eines Landstuecks bei Shchem von den lokalen Bewohnern durch Jakov, dem Vater Josefs, im 1.Buch Moses, Kap.33 erwaehnt; von der Bestattung Josefs nach dem Auszug der Nachkommen Jakovs aus Aegypten auf demselben Landstueck wird im Jehoshu’a-Buch, Kap.24, berichtet.

Nach den Osloer Abkommen 1993 und 1994 wurde der Zugang fuer Israelis zur Grabstaette enorm erschwert und war mit grossem Sicherheitsrisiko verbunden. Unweit des Grabs befindet sich heute das als Fluechtlingslager und kriminelle Brutstaette bekannte Viertel Balata, in und um welches es regelmaessig blutige Auseinandersetzungen zwischen seinen Bewohnern und der israelischen Armee gegeben hat. Das Josefsgrab litt im Laufe der Jahre unter schweren Vandalismusattacken durch Palaestinenser aus Nablus und Kaempfen zwischen Militanten und israelischen Armeekraeften, bis hin zum Brand wie im Jahr 2015.  (Quellen: Regionalverwaltung Samaria, INN)

 


Soweit die aktuellsten und wichtigsten Nachrichten, die ich euch mitteilen wollte.

 

Mein Blog und alle Texte stehen weiterhin fuer euch online bereit; auf Kommentare und Mails reagiere ich, wenn vielleicht auch verzoegert, und auch bei Facebook wird man hin und wieder aktualisierungen finden koennen (also einfach ein „Like“ setzen und aktualisiert bleiben 😉 ).

Bleibe euch auch weiterhin verbunden.

Bis demnaechst,

eure Chaya

 

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Laubhüttenfest überall

Das Laubhüttenfest – Sukkót-Fest auf Hebräisch – ist seit dem 16.Oktober im vollen Gange. Sieben Tage wird dieses aus der Tora stammendes Fest mit seinen Geboten gefeiert, und wird in derselben als ein Fest der letzten Ernte, ein Fest des Wassers, der Gottvertrauens und der Freude beschrieben.

(Sukkot in Judäa und Samaria – weiter nach unten scrollen)

Ernte, weil in dieser Zeit die zweite Erntezeit zu ihrem Ende kommt – im Land Israel gibt es sowohl im Früh- als auch im Spätjahr Erntezeit.

Wasser, weil in der Zeit um das Sukkot-Fest herum die ersten Regenfälle beginnen und die Sommerzeit offiziell zu Ende ist. Auch wird das Fest traditionell als die Zeit betrachtet, in der Gott darüber entscheidet, welche Wassermenge dem Neuen Jahr (das an Rosh Hashana vor drei Wochen begonnen hat) zugesprochen wird.

Gottvertrauen, weil eines der wichtigsten Gebote des Sukkot-Festes die eigentliche Sukká – die Laubhütte – ist, in Erinnerung an die Zeit, in der die Kinder Israels, die den Anfang des jüdischen Volkes legten, aus Ägypten zogen und die Zeit in der Wüste in laubhüttenähnlichen Gebilden verbrachten. Die Anweisung dazu, eine solche Sukka zu bauen und in ihr zu wohnen – sprich, zu essen und zu schlafen – findet sich mehrfach direkt in der schriftlichen Tora, so zum Beispiel im zweiten und dritten der fünf Bücher Moses (2.B.M. Kap.23, 16; 3.B.M.Kap.23,  39-42).

Die Sukka, so erklären es Gelehrte wie Maimonides (Rambam) und Rabbi Yakov Halevi (Maharil) aus Mainz, steht sowohl für die Unbeständigkeit der menschlichen Existenz als auch für die Bedrängnis, die das Volk in der Wüste durchmachen musste. Die Laubhütte, die von nun an in jeder Generation einmal im Jahr

So schläft sich in der Sukka von Tuvia, dem Nachbarsjungen (Alon Shevut)
So schläft sich in der Sukka von Tuvia, dem Nachbarsjungen (Alon Shevut)

errichtet werden soll, dient dazu, um jedem Juden und jeder Jüdin am eigenen Leib beispielhaft „klar zu machen“, was es bedeutet hatte, in einer Wüste ungeschützt unter offenem Himmel in einem wackeligen Gebilde zu sitzen und zu schlafen, und sich dabei nur auf den Schöpfer zu verlassen.  Eine weitere Interpretation besagt, dass durch den symbolischen (und physisch sehr nachvollziehbaren) Akt der Laubhütte wir unseren Glauben auch öffentlich stärken sollen – denn gerade, wenn das Wetter von warm zu kühl umschlägt und Regenschauer drohen, verziehen sich die meisten Menschen ins warme Heim; die Juden jedoch ziehen nach draußen und schlafen (meistens zumindest) in den unfesten Bauten, weil ihnen das Gesetz so befielt.

Und was soll die Freude besagen?

Sukkot soll das fröhlichste Fest der gesamten Jahreszeit werden. Tatsächlich sind es sieben Tage, die vor allem in Israel bemerkbar werden, wo die jüdische Religion heute endlich nach fast 2000 Jahren offen und in all ihren Variationen ausgelebt werden kann. Der erste Feiertag ist Ferientag und auch in den nachfolgenden sechs haben viele Ferien – vor allem die Kinder. Die meisten nutzen die Zeit für Wanderungen  und Ausflüge mit der Familie. Naturparks, Vergnügungsparks, Wanderwege, Konzerthallen, Freiluftmuseen, Zoos und andere Attraktionen und Veranstaltungen sind randvoll mit Menschen, als gehe die gesamte Bevölkerung auf Reisen. Andere ziehen es vor, in diesen Tagen ins Ausland zu fliegen,

Theatervorstellung in Samaria. Quelle. Facebook Shomron Tourism
Theatervorstellung in Samaria. Quelle. Facebook Shomron Tourism

aber die Statistiken zeigen, dass das Land nicht leergefegt wird – im Gegenteil, es kommen umso mehr Besucher aus dem Ausland nach Israel. Jerusalem bekommt über eine Million Besucher in dieser Zeit – denn Sukkot ist auch als eins der drei Pilgerfeste bekannt. Auch das ist in der Tora festgeschrieben – an Sukkot, so wie auch an Pessach und dem Wochenfest Shavu’ot (die beiden letzten im Frühjahr) sollen Juden nach Jerusalem, zum Tempel aufsteigen und dort das Fest feiern.

Als beide Tempel, deren Existenz die UNESCO beschlossen hat, zu verneinen, noch standen, fanden in ihnen festliche Opfergaben statt. Die Stadt war mit Familien der Pilger überfüllt; man kann sich vorstellen, dass zu dieser Zeit auch Veranstaltungen für diese stattfanden, und die wichtigste davon – die Wasserschöpf-Feier. Im Talmud wird beschrieben, wie das Wasser, welches aus der Shilo’ach-Quelle südlich des Tempelbergs in der damaligen Davidsstadt (heute als Ostjerusalemer Silwan-Viertel bekannt) entnommen und von Priestern in den Tempel gebracht und dort auf den Altar gegossen wurde. Von der Freifläche neben dem Altar führte ein Kanal tief unter den Tempelberg – so gelang das von oben gegossene Wasser wieder nach unten, der „Kreis“ schloss sich. Diesen Akt umrahmten Festlichkeiten und Vorstellungen zur Belustigung des Publikums – Akrobaten, Jongleure, Musik und Tanz. Kurzum, aller Grund zur Freude.

Noch etwas Erwähnenswertes fand in diesen sieben Tagen statt – im Tempel wurden 70 Stiere geopfert, symbolisch für die 70 Nationen dieser Welt. Sukkot sollte also nicht nur ein „innerjüdisches“ Fest sein, sondern auch die restliche Welt mit einschließen und diese am Gottesdienst teilhaben zu lassen. Traditionell dazu findet der „Jerusalem-Marsch“ in diesen Tagen statt – zu diesem kommen zehntausende israelbegeisterte Besucher aus verschiedenen Ländern, die meisten davon christlichen Glaubens, und marschieren durch Jerusalem in Nationaltrachten und mit Nationalfahnen.


Wie wird Sukkot in Judäa und Samaria gefeiert?

Natürlich sehr üppig. Was kleinere Orte und durchwegs religiöse Städte und Siedlungsblöcke wie Betar Illit, Modi’in Illit, Gush Etzion,

Sukka von Tzippi und Eli
Sukka von Tzippi und Elior

Talmon-Region, Nordwestbinyamin und Südhevronberge angeht, so findet man wohl bei jeder Familie eine Sukka vor dem Haus oder im Garten stehen, in allen möglichen Ausführungen – mit Holzwänden, Stoffwänden, Metallwänden, einem Laub-, Palmen- oder

Bambusdach, den ganzen  Garten und die Straße belegend oder nur in einer kleinen Ecke sich ans Haus drängend; und was die Innendekoration betrifft, so sind ihr keine Grenzen gesetzt. Eine

Sukka von Hanani und Rivka
Sukka von Hanani und Rivka

„koschere“, sprich gültige Sukka, hat eine bestimmte Mindestgröße

von etwa 60x60cm, mit einer Wandhöhe von min.80cm und max.10 Metern. Sie muss mindestens drei unvollständige Wände besitzen und das Dach muss mit Pflanzenmaterial bedeckt sein und etwas Lichteinfall in die Hütte selbst garantieren.

Auch in den größeren gemischten Städten wie Ma’ale Adumim und Ariel finden sich, wie in ganz Israel eigentlich, Sukkot. Besonders kurios für den nicht gewohnten Besucher sind die portablen Sukkot vor jedem Restaurant und Café, damit die Kunden auch bei Kaffee, Kuchen und Gulaschsuppe das Gebot des Sitzens in der Sukka erfüllen können. Natürlich standen auch bei uns an den Einkaufsläden im Gush Etzion diese niedlichen Bauwerke.

Drachen steigen lassen in Elon Moreh, Samaria. Quelle. Shomron Tourism
Drachen steigen lassen in Elon Moreh, Samaria. Quelle. Shomron Tourism

Was Freizeit angeht, so sind die Sukkot-Feiertage eine Hochsaison für den Tourismus in Judäa und Samaria. Sämtliche touristische Attraktionen werden von Menschenmengen aufgesucht – und das von einem sehr gemischten Kontingent. Sukkot ist die Zeit, in der die Freizeiteinrichtungen in Judäa und Samaria ihre Tore einem mannigfaltigen Publikum öffnen und sich stolz präsentieren können in der Hoffnung, dass die Besucher auch nach den Feiertagen

Kamelreiten in Samaria. Quelle: Shomron Tourism
Kamelreiten in Samaria. Quelle: Shomron Tourism

zurückkehren werden. In dieser Zeit werden die Sicherheitsstandarts in der Region erhöht, die Attraktionen in freier

Natur zusätzlich bewacht. Historische Stätten wie der archäologische Park in Sussya

Kinder in Shiloh, Südsamaria. Quelle: Ancient Shiloh Tourism
Kinder in Shiloh, Südsamaria. Quelle: Ancient Shiloh Tourism

(Südhevronberge), das Herodium bei Gush Etzion, das Freilichtmuseum bei der antiken Tempelstadt Shiloh in

Binyamin, der erste Samaria-Außenposten nach dem Sechstagekrieg in der antiken Stadt Sebastia, Wanderwege in den malerischen Bergen und Schluchten erwachen zum Leben; Campingplätze und Bed&Breakfast-Zimmer werden voll belegt. Feldschulen wie die von Kfar Etzion unter der Leitung von Yaron Rozental organisieren

Musik und Spiel in Binyamin, Quelle: BInyamin Tourism
Musik und Spiel in Binyamin, Quelle: BInyamin Tourism

themenpassende Ausflüge in die Natur.

Hier ein Video vom „Bibel-Marathon“ in Shiloh am 21.Oktober:


Das sind die Gewinnerinnen unter den Marathonläuferinnen:

Quelle: Facebook The Bible Marathon
Quelle: Facebook The Bible Marathon

Sukkot ist ein schöner Feiertag. Er ist vor allem auch schön, weil mit einem Mal vielen Israelis bewusst wird, dass die Geschichte ihrer

Quelle: Binyamin Tourism
Quelle: Binyamin Tourism

Vorväter sich gerade dort abspielte, wo sie in regulären Zeilen keinen Fuß hinsetzen wollen – in den Bergen und Tälern der Samaria-Judäa-Bergkette. Hier – und nicht in Tel Aviv, Ashdod oder Nahariya – befinden sich die Wegezeichen der alten Pilgerer, die durch die Berge nach Jerusalem zogen; hier sind die Wasserquellen,

Dolev-Wasserquelle, BInyamin-Gebiet. Quelle: Binyamin Tourism
Dolev-Wasserquelle, BInyamin-Gebiet. Quelle: Binyamin Tourism

die die tausendjährige Hauptstadt mit Wasser versorgten; hier waren die Zentren von Religion und Tradition; und noch immer warten viele Stätten darauf, dass die Nachfahren derjenigen, die sie errichtet und genutzt hatten, sie für sich wiederentdecken.

Auch ich habe eine Wanderung mitgemacht – im sogenannten Wadi Heletz, von der Aussichtsplattform bei Neve Daniel im Tal unter Beit Jalla-Bethlehem, durch die Olivenhaine des arabischen Dorfes Battir, vorbei an der Zugstrecke Jerusalem-Bet Shemesh und zum Biblischen Zoo in Jerusalem. Die Bilder kann man sich hier anschauen:

Sukkot ist ein Fest der Gastfreundschaft. Arbeitskollegen, Bekannte, Freunde – religiös,  nicht religiös, ja nicht mal jüdisch – treffen sich unter dem Laubdach. Arabische Gäste in jüdischen Sukkas sind kein seltener Anblick.

In Judäa und Samaria ist es leider kein Alltag und auch eine sehr, sehr große Seltenheit – soweit es überhaupt an die Öffentlichkeit dringt. Allerdings gibt es auch Präzedenzfälle – so wie den Bürgermeister von Efrat in Gush Etzion – Oded Revivi, welcher in diesem Jahr mehrere dutzend palästinensische Araber aus den

Arabische Dorfeinwohner und Soldaten umarmt - ein seltener Anblick. Quelle: Facebook, Oded Revivi
Arabische Dorfbewohner und Soldaten umarmt – ein seltener Anblick. Quelle: Facebook, Oded Revivi

Nachbardörfern gemeinsam mit israelischen Offizieren und Polizeibeamten zu sich in die Laubhütte eingeladen hatte. Die Veranstaltung soll freudig und in positiver Atmosphäre abgelaufen sein, es wurde gegessen, getrunken, gesprochen und viele Selfies geschossen. Die Folgen ließen leider nicht lange auf sich warten – aber dazu im gesonderten Beitrag.

Heute, 23.10.16, ist der letzte Tag des Sukkot-Festes und der Vorabend eines weiteren, mit Sukkot wenig zu tun habenden Feiertags – Shmini Atzeret bzw.Simchat Tora, das Tora-Freudenfest. Und nachdem alle Feiertage vorbei sein werden, erwartet alle der „Sprung ins kalte Wasser“ der regulären Wochentage…wir hoffen, dass der Regen nicht mehr lange auf sich warten lassen wird.

Halbleer und halbvoll: Fastentag des 9.Aw

Heute ist der Fastentag des „9.Aw“ zu Ende gegangen. Der schwierigste und erdrückendste aller jüdischen Gedenktage, welche die jüdische Tradition aufbieten kann, dauert etwa 24 Stunden lang, in welchen viele Vorschriften zu begehen sind. Die zentralste davon ist das Ess- und Trinkverbot. Der neunte Tag des Monats Aw, welcher im weltlichen Kalender generell auf einen der Tage im Monat August fällt, ist ein Trauer- und Gedenktag für sämtliche Katastrophen, die das jüdische Volk im Laufe der tausende von

Nacht auf den 14.08.16 - betende und fastende Frauen vor der West-(Klage-)mauer.
Nacht auf den 14.08.16 – betende und fastende Frauen vor der West-(Klage-)mauer.

Jahren ereilten – angefangen von dem göttlichen Dekret, das Volk 40 Jahre lang nicht ins Land Israel zu lassen, über die Zerstörung der zwei jüdischen Tempel und das darauffolgende fast zweitausendjährige Exil, und bis zu der Tragödie der Shoah.  (Hier kann man mehr über die Vorgeschichte des Fastentages und seine Bräuche lesen.)

In den letzten Jahrzehnten, in welchen der Staat Israel existiert und blüht, ist dieser Tag bei vielen Israelis und Juden auch als ein Tag des In-Sich-Gehens bekannt geworden, an welchem man gerade im Angesicht des Wiederauflebens des jüdischen Volkes darüber nachdenken möchte, weshalb es noch immer Unheil gibt, das uns hier und dort trifft; weshalb es keine Einigkeit untereinander findet, was die Situation im Land selbst gegenüber unseren Feinden angeht – und weshalb eigentlich der Dritte Tempel, trotz unserer Erfolge und Aspirationen, noch immer nicht steht. Und wie dieser wohl aussehen möge. Manche der Trauerschriften und -gebete, die man an diesem Tag liest, passen nicht mehr wörtlich in die Landschaft, die man in Israel um sich sieht – blühende Gemeinden, Menschen, die ihr Leben genießen und gestalten, wiedererbaute Städte, Unabhängigkeit. Jerusalem liegt nicht in Scherben und blutet, wie bei Prophet Jeremia beschrieben, dessen Klagerolle man an diesem Tag liest, sondern ist voller Lebensfreude.

Aber schaut man etwas genauer hin, so lassen sich Mangel erkennen; Steine, die noch nicht aus dem Weg geräumt worden sind, schwere Steine, die auf unserem Lebensweg als jüdisches Volk und

Das "Tor des Erbarmens" auf der östlichen Seite des Tempelbergs, zugemauert seit frühislamischen Zeiten, um die Ankunft des jüdischen Messias zu verhindern, der der Tradition nach durch dieses Tor schreiten soll. Davor wurde ein muslimischer Friedhof errichtet.
Das „Tor des Erbarmens“ auf der östlichen Seite des Tempelbergs, zugemauert seit frühislamischen Zeiten, um die Ankunft des jüdischen Messias zu verhindern, der der Tradition nach durch dieses Tor schreiten soll. Davor wurde ein muslimischer Friedhof errichtet.

unserem Schicksal lasten; Schaden, den wir uns selbst durch die Uneinigkeit zufügen; Entscheidungen, die noch immer aus einer Exilmentalität herrühren, und die somit der neuen Generation in Israel schaden, sich in geistiger Freiheit zu entfalten. Das jüdische Selbstbewusstsein, nach 2000 Jahren Exil und Zerstörung schwer angeschlagen, rehabilitiert sich langsam, und währenddessen bleibt die Welt nicht stehen. Viele Herausforderungen erwarten uns, und manche werden schmerzhafter sein, als wir uns es vorgestellt haben mögen.

Dieser Tag dient dazu, sich auf das „halbleere Glas“ zu konzentrieren, im Gegensatz zu den restlichen 364 Tagen, an welchen wir immer wieder aufgerufen werden, sich das halbvolle Glas anzuschauen. Heutzutage ist die Trauer- und Gedenkkultur von vielen wichtigen und förderlichen Elementen entleert worden; man wird praktisch überall, im Netz, in Büchern und von der Umgebung, dazu „gezwungen“, sich mit positiven Dingen zu befassen. Ob es aus einer Gleichgültigkeit herrührt, die sich in der heutigen Zeit breitmacht, oder aus dem Wunsch heraus, anstatt zu trauern, Dinge voranzutreiben – ich weiß es nicht. Ich weiß aber wohl, dass das Wertschätzen des Gegebenen darauf beruht, dass man im Blick behält, dass es nicht selbstverständlich ist; dass es auch andere Perioden gegeben hat und warum man sich vor ihnen hüten sollte – und auch dass es trotz allem positiven Denken einen Unterschied gibt zwischen dem Guten, was gegeben ist, und dem Guten, das man anstrebt.

Der Wunsch nach Trost, nach der Erfüllung der Sehnsucht, der Gedanke daran, wie man sich diese zu eigen machen kann – all das sollte in den Köpfen kreisen, wenn man den Fastentag des 9. Aw begeht.

Die Ausweisung von jüdischen Bewohnern aus den Ortschaften von Gush Katif im Gazastreifen im Jahr 2005 – insgesamt an die 8000

Die Zerstörung der Ortschaften in Gush Katif durch die israelische Armee, nach Ausweisung der jüdischen Bewohner, August 2005. Quelle: Gush Katif Museum
Die Zerstörung der Ortschaften in Gush Katif durch die israelische Armee, nach Ausweisung der jüdischen Bewohner, August 2005. Quelle: Gush Katif Museum

Menschen – fand rund um den 9.Aw, August 2005, statt. Die herzzerreißenden Bilder aus dieser Zeit – eine Tat gewaltigen Ausmaßes und von gewaltiger Dummheit für den israelischen Staat – haben sich jedem ‚Siedler‘ und auch sonst ins kollektive israelische Gedächnis eingeprägt und dienen als bittere Erinnerung daran, dass das Land noch immer nicht zur Ruhe gekommen ist.

Manchmal reichen schon die Aufnahmen vom Tempelberg in Jerusalem, dem allerheiligsten Ort für das jüdische Volk und die jüdische Religion (es ist nicht die Klagemauer/Westmauer!), um zu verstehen, wie weit die vollständige Befreiung von äußeren Zwängen und fremder Gewalt liegt:  So die Aufnahme dieses weinenden jüdischen Besuchers auf dem Tempelberg in den letzten Tagen, welcher aufgrund der Tatsache, dass er weinte, von dem

Jüdischer Israeli (Mitte) wird von einem Waqf-Hüter (links) und einem israelischen Polizisten vom Tempelberg ausgewiesen, nachdem er dort geweint hat. Quelle: Twoday.co.il
Jüdischer Israeli (Mitte) wird von einem Waqf-Hüter (links) und einem israelischen Polizisten vom Tempelberg ausgewiesen, nachdem er dort geweint hat. Quelle: Twoday.co.il

jordanischen Waqf-Aufsichtshüter vom Ort verjagt wurde, der  israelische Polizei dazu zwang, diesen vom Tempelberg herunter zu holen. Für jüdische Besucher besteht laut den Richtlinien des jordanischen „Waqf“ (Einrichtung für Hütung der muslimischen Heiligenstätten) ein striktes Gebetsverbot auf dem Tempelberg – jedes Wort, Murmeln, Geste und in diesem Fall auch Tränen als Ausdruck von Gebet bzw.Verbindung zu diesem Ort  werden von den Waqf-Angestellten sanktioniert und oft mit Gewalt beantwortet. Die israelische Regierung fügt sich diesem Abkommen mit Jordanien und unterbindet nicht die rassistische Behandlung von ausschließlich jüdischen Besuchern durch den Waqf, sondern unterstützt diese durch die eigenen Polizeikräfte. Selbst die UNESCO veröffentlichte im April 2016 eine Resolution, in welcher sie jegliche Verbindung zwischen der jüdischen Religion mit dem Tempelberg leugnete und diesen ausschließlich den Muslimen als heilig zuschrieb – im kompletten Gegensatz zu den Aussagen im Quran (geschweige denn archäologischen Quellen und jüdischen Schriften), welcher auf die Existenz des jüdischen Tempels und den Heiligenstatus des Ortes für die Juden hinweist.

Wie gesagt, es gibt noch vieles, worüber man nachdenken sollte, woran man sich erinnern und daraus Schlüsse ziehen sollte.

Jetzt geht der Tag zu Ende. Die Männer bei uns in der Karavansiedlung haben das Abendgebet beendet, man hörte aufmunternde Gesänge aus der Synagoge, und jetzt darf man endlich essen und trinken, bügeln, waschen, Musik hören, lachen, sich freuen, alles, was zu einem guten Leben dazugehört. Vor allem – man darf sich endlich auf das halbvolle Glas berufen und hoffen, dass bis zum nächsten Monat Aw sich Dinge zum Positiven wenden werden. Für uns, für das Land und im Endeffekt auch für die ganze Welt.

Le’chaim!

20.Sächsische Israelkonferenz – ein Rückblick

Am Sonntag, dem 22.05.16, ist meine viertägige, lange eingeplante und gutes Gewissens als Kurzurlaub einstufbare Sachsenreise zu Ende gegangen. Gleichzeitig fand auch die 20.Israelkonferenz der Sächsischen Israelfreunde e.V. ihr Ende, mit einer abschließenden

"Warum toben die Heiden?" (Psalm 2,1) Logo der Israelkonferenz. Wer wissen will, warum sie toben - einfach Psalm durchlesen.
„Warum toben die Heiden?“ (Psalm 2,1) Logo der Israelkonferenz. Wer wissen will, warum sie toben – einfach Psalm durchlesen.

Veranstaltung in der Sachsenlandhalle Glauchau, welche für diese Zwecke für 3 Tage gemietet worden war. Am letzten Tag kamen auch israelische offizielle Gäste der israelischen Botschaft in Berlin zum Event, aber diese musste ich leider vepassen – da saß ich schon im Flugzeug Richtung Heim, Richtung Israel, Richtung Judäa und meinen Wohncontainer auf dem Hügel.

Dem berühmten Wohncontainer, den mittlerweile schon dutzende Menschen besucht und wohl Hunderte über ihn erzählt bekommen haben müssten, ist es zu verdanken, dass ich nach Sachsen gelangen konnte, für ein Wochenende Ende Mai, und die Gelegenheit bekommen habe, christliche Gemeinschaften kennenzulernen, die ich bisher nie gekannt habe. Nicht in Deutschland und nicht anderswo. Und das war für mich eine hochspannende Erfahrung. Spannend, weil es neugierig gemacht hat, weil es mir neues Verständnis über Menschen und ihre Wertvorstellungen gegeben hat, weil es mir eine andere Perspektive über einen Teil Deutschlands ermöglicht hat – und auch weil das

Foto: W.H.
Foto: W.H.

Treffen ein nutzenswertes Potenzial in sich barg und birgt. Ich dürfte mittlerweile auch für die Leser meines Blogs als ein relativ offener, zumindest aber wagemutiger und neugieriger Mensch bekannt sein, und deshalb sollte es niemanden überraschen, dass ich mich auf eine religiöse, christliche Konferenz gewagt und dort gar einen Vortrag gehalten habe, als orthodoxe Jüdin. Und das auch noch am Shabbat*.


Worum es ging

Zunächst zur Konferenz. Veranstaltet wurde sie schon zum 20. Mal 20160520_181519.jpgvon dem Verein der Sächsischen Israelfreunde (gegründet in Dezember 1999). Der Verein versteht sich als proisraelisch, lehnt Judenmission gemäß Satzung und Verordnung ab; seine Mitglieder kommen aus verschiedenen christlichen Strömungen. Die Zentrale

Stand der Sächs. Israelfreunde
Stand der Sächs. Israelfreunde

befindet sich in Schönborn (Sachsen). Der Verein unterstützt israelische Aktivitäten, vermittelt ein positives Bild des Staates Israel, fördert Interesse am jüdischen Volk und Brauchtum, bestärkt den Bezug von Christen zu den jüdischen Heiligen Schriften neben  dem christlichen Neuen Testament und veranstaltet auch Reisen nach Israel, nämlich über den stellvertretenden Vorsitzenden und Reiseleiter Werner Hartstock

Werner Hartstock (links).
Werner Hartstock (links).

(israelreise.de). Er ist es, der mich durch meinen Blog irgendwann vor etwa einem Jahr „aufgetrieben“ hat und mir eine Zusammenarbeit vorschlug. Seitdem haben sich einige Reisegruppen bei mir gemeldet und sind zu meinen Führungen in Alon Shevut gekommen, und so entstand auch die Idee für meinen Vortrag bei der Konferenz.

Die Konferenz, zu welcher verschiedene weitere christliche und pro-israelische Organisationen und Vereine eingeladen wurden (unter anderem auch der Jüdische Nationalfonds KKL), fand zum zweiten Mal in der Großen Kreisstadt Glauchau statt, davor in den Jahren 2004 und 2006. (Glauchau ist ein sehr netter und freundlicher 20160522_060826Ort mit einem gemütlichen Landhotel, mehreren kleinen Wäldchen, vielen Wiesen und Kleinvieh und von der Gesamtfläche ist es sicherlich 20160522_060223um einiges größer als Alon Shevut. Dabei ist es bei weitem keine „Große Kreisstadt“, erst recht nicht nach deutschen Maßstäben. Man erklärte mir dazu, das liege an den vergleichsweise großen Fördermitteln, welcheWhatsApp-Image-20160522 (13) Glauchau bekommen würde.) Ansonsten hatte die Konferenz schon einige Orte und Gemeinden erreicht, es würden sich einige Organisationen immer wieder dazugesellen. Das Publikum, so

Leuchterausstellung vor der Bühne
Leuchterausstellung vor der Bühne

Werner Hartstock, der mich während dieser Zeit  unter seine „Fittiche“ genommen hatte, sei aber oftmals schon bekannt und käme zur Konferenz wie zu einem Familientreffen. Tatsächlich waren in den drei Tagen alle Altergruppen vertreten, von Kleinkindern bis zu Älteren. Ein Familientreffen ist natürlich auch nichts schlechtes, es bestärkt, fördert einen Zusammenhalt, Zusammenarbeit und ermöglicht es auch, sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten, was beim Thema Israel unbedingt notwendig ist, bei der Dynamik, mit welcher sich die Dinge im und ums Land verändern. Aber natürlich sollten sich auch junge Leute mehr zeigen und sich informieren, und  daran sollte man noch arbeiten. Ich habe mich eher überraschen lassen von der Anzahl der jungen Menschen (dazu gehören auch Mittvierziger), die zur Konferenz und auch zu meinem Vortrag gekommen waren. Sie hatten nicht ausgesehen, als fühlten sie sich fehl am Platz; im Gegenteil, sowohl beim musikalischen Teil des

Ensemble Route 77.
Ensemble Route 77.

Programms (u.a. der Gospelchor Voice Point und das Ensemble Route 77, die mit einer jungen Besetzung aufgetreten sind) als auch bei den Vorträgen  und Gebeten waren sie rege dabei.

Die Organisationen und Werke, welche sich mit ihren Ständen auf der Konferenz vorstellten, hatten in beinahe allen Fällen direkten Bezug zu Israel aufgebaut, die meisten richteten sich auf Vermittlung jüdischer/alttestamentarischer Werte an die christliche Gemeinschaft aus, und die Unterstützung von Israel und dem „außerwählten Volk Gottes“, wie wir Juden dort entsprechend der Texte der Tora genannt wurden. Die meisten kamen aus Deutschland, einige wenige schienen aus der Schweiz zu stammen.

Mitternachtsruf, Schweiz
Mitternachtsruf, Schweiz

Auch Produkte und Souvenirs aus Israel wurden massenhaft angeboten (Old Abraham, Israelweine, leider boten sie keine Produkte aus Judäa und Samaria an) und

Old Abraham - Israelprodukte. Vielleicht in Zukunft auch aus den Siedlungen?
Old Abraham – Israelprodukte. Vielleicht in Zukunft auch aus den Siedlungen?

offenbar auch vielfach gekauft. Mir kam  es ganz besonders zugute, da ich mir für den Shabbat koscheren Wein kaufen konnte, von dem ich dank der strengen Handgepäckbestimmungen im Flugzeug nicht zu träumen gewagt hatte.

Wer war dabei?

Was für Organisatonen waren denn nun vorhanden? Als größere Vereine traten natürlich die Sächsischen Israelfreunde, die Veranstalter, auf, welche verschiedene Projekte darboten – so die Israelreisen und das Handwerkerteam zugunsten Holocaustüberlebender in Israel (näheres siehe hier). Außerdem befanden sich auch das ICEJ (International Christian Embassy in Jerusalem) und das Christliche Forum Für Israel (CFFI), eine auf junge Leute ausgerichtete Organisation vor Ort. Weitere Infostände: Israel Connect, Feigenbaum, Ruf zur Versöhnung,

Das Martin-Bucer-Seminar.
Das Martin-Bucer-Seminar.

Martin Bucer Seminar, Zedaka und andere. Einige Vereine und Verlege („Bücherstube Gotter“ von Wilfried Gotter) eröffneten Stände mit einem großen Buchangebot. Unter den Autoren ließen sich aus der nichtchristlichen/religiösen Szene Bücher

Hashtags und Mikrophone. Glauben in moderner Form
Hashtags und Mikrophone. Glauben in moderner Form

von Ulrich Sahm, Doron Schneider, Hans-Peter Raddatz, Mosab Hassan Yousef („Sohn der Hamas“) und auch dem Rabbiner Yehuda Bohrer aus der Siedlung Bet El finden, welcher regen Kontakt zu den Organisatoren pflegt, den ich auch auf meine Besuchsliste gesetzt habe und hoffentlich auch bald über ihn berichten können werde. Ansonsten war natürlich viel Literatur zur christlichen Thematik vorhanden und selbst mir eher als Journalist und Reiseführer bekannte Johannes Gerloff entpuppte sich zu meiner  Überraschung als

Johannes Gerloff (c) W.H.
Johannes Gerloff (c) W.H.

Bibelkommentator mit einem entsprechenden Buch („Verflucht und von Christus entfernt, Eine Studie zu Römer 9-11“, SCM Hänssler). Offenbar war ich eine der Wenigen, die davon nichts gewusst hatten. Die deutsche Schuld am jüdischen Volk, der Wunsch, diese im Nachhinein zu kompensieren oder sie „erträglich“ zu machen, ob durch soziale Unterstützung oder das Einstehen für Israel auf der politischen Ebene, war ein wiederholtes, wenn auch kein hauptsächliches Motiv. Sogar ein speziell formuliertes Schuldbekenntnis lag  aus, aber der deutliche Aspekt bezog sich dabei auf das Religiöse, die Verantwortung als Christen für die Versäumnisse und Verbrechen der Nazizeit vor allem seitens der christlichen Gemeinden auf praktische Art und Weise zu „sühnen“.  Politik ließ sich dabei nicht erkennen, und auch nicht etwa die Schlussfolgerung, welche der Journalist Tuvia Tenenbom einst in seinem Buch „Allein unter Juden“ aufgeführt hatte: Aus Schuldgefühl gegenüber den Juden würden die Deutschen jetzt den Palästinensern helfen.

Kritisch oder suspekt?

Ein breites und offenbar neu hinzugekommenes Themengebiet machte die islamkritische Literatur aus. Bücher wie „Von Gott zu 20160520_171357Allah“ , „Islamismus Kurz und Bündig – Wenn Religion zur Politik wird“, „Mekka Deutschland – die stille Islamisierung“, „Allahs Frauen“ und andere ließen sich entdecken; natürlich ließ man auch das Thema Islamischer Staat nicht aus: eindeutig ein gutes Fressen für liberaldemokratische Konservativkritiker. Ich als vom israelischen Standpunkt aus kommende Betrachterin, mit einem relativ großen Vorwissen der islamischen und christlichen Geschichte, konnte mich  davon freilich  nicht sonderlich beeindrucken lassen. Populistische Botschaften sind zunächst einmal kein Alleinerbe religiöser Strömungen, 20160520_171255sondern gleichermaßen auch im säkularen und linksliberalen Sektor zu finden; und vom religiösen Standpunkt aus  – und um diesen ging es ja bei der Konferenz – ist die Sorge des modernen Christentums vor dem Islam mehr als gerechtfertigt; die Flüchtlingswelle hat Ängste ausgelöst, die zuvor nur geschlummert hatten, und IS ist ein Phänomen, das in allen Kreisen Beachtung verdient. Was mich doch eher überrascht hat, waren „praktische Anleitungen“, wie gläubige Christen Muslimen begegnen können – natürlich mit missionarischem Zweck. Ironie der Geschichte – die  beiden größten und machtvollsten monotheistischen Religion, die als einzige auf Mission ausgerichtet sind, schreiben für ihre Anhänger Bücher, wie man den jeweils anderen bekehren zu bekehren habe. Denn man sollte sich keine Illusionen machen – die Zielsetzung des Islams ist seine Verbreitung unter allen  Nichtmuslimen und Zwangskonversionen sind bis heute eine Regel im Islam. Da konnte sich unsereiner auch mal ein verschmitztes Lächeln erlauben und sich als der sogenannte Dritte „freuen“ – in der Satzung der Sächsischen Israelfreunde und der Konferenzveranstaltung ist festgelegt worden, dass Judenmission (mehr dazu – gut erklärt) nicht erlaubt sei. Tatsächlich, nach meinem persönlichen Ermessen und der Lektüre etlicher Flyer der Aussteller konnte ich nichts „Verdächtiges“ erkennen. Das Wort bzw. das Thema „evangelistisch“ fiel nur ein einziges Mal, nämlich im Zusammenhang mit einem angebotenen Büchlein eines entsprechenden Vereines, aber auch da mal wieder nichts zur Judenmission.

[Der folgende Absatz wurde nach Absprache und erneuter Recherche korrigiert.]

Eine Organisation, die mir als solche, trotz ihrer Ausführungen, doch suspekt erschien, war das Werk

Äthiopienarbeit Fassika - Stand
Äthiopienarbeit Fassika – Stand

„Äthiopienarbeit Fassika – Matthias Franke“. Ich hatte leider keine Zeit, über dieses ausführliche Informationen einzuholen. Weshalb es mir suspekt erscheint: Das eine ist eine proisraelische Thematik, in dessen Rahmen man sich mit israelisch-jüdischer Geschichte und Religion auseinandersetzt, etwas anderes ist finanzielle (oder geistige, und wenn ja, welcher Ausrichtung?) Hilfe für ahnungslose Hilfsbedürftige, welche ansonsten links gelassen werden – solche wie Juden in Äthiopien in ihren gottverlassenen Unterkünften, welche sich leider schnell überzeugen lassen von den einen oder anderen Ideen, um schnell an gute Lebensumstände oder in das Land ihrer Träume zu gelangen. Im Gegensatz zu Holocaustüberlebenden in Israel sind diese ein problematisches Publikum, und wenn jemand das ausnutzen wollte, um Missionierung zu betreiben, würde es demjenigen leicht fallen…

Ein Thema, das sehr ins Auge stach, war das der messianischen Juden (mehr dazu – gut erklärt).  In Israel selbst befinden sich etwa 80 sich als solche definierenden Glaubensgemeinschaften (Quelle: TIME, Stand 2008), welche als Juden vom Oberrabbinat und anderen orthodoxen und konservativen Strömungen nicht anerkannt werden. Einige davon sind Konvertiten oder Nachkommen von solchen, andere sind Juden, allerdings mit Partnern nichtjüdischer Herkunft verheiratet, andere definieren sich als Juden, sind es aber entsprechend des jüdischen Religionsgesetzes nicht. Mission welcher Religion auch immer ist in Israel per Gesetz verboten. Was diesen Gemeinschaften bleibt, ist offenbar nur die Unterstützung ihrer Brüder und Förderer im Ausland, und so erhalten sich die Gemeinden in Israel. Messianische Juden in Israel sind generell patriotisch eingestellt, zumeist religiös, dienen in der Armee. Während meiner Armeezeit durfte ich einige kennenlernen, und

Beit Sar Shalom-Stand
Beit Sar Shalom-Stand

selbst während meiner Arbeit bei der lokalen Sicherheit in Gush Etzion konnte ich die Bekanntschaft eines messianischen Sicherheitsmannes aus der Gegend machen. Bei meiner Nachfrage, weshalb messianische Juden und sie unterstützende Organisationen (wie Beit Sar Shalom) bei der Konferenz dabei wären, wurde dies beantwortet mit:

„Nach unserem Verständnis sind sie immer noch Juden. Wir mischen uns nicht in innerjüdische Angelegenheiten ein.“ Sei es drum, es war eine christliche Konferenz.

Die Atmosphäre

Die Besucher der Veranstaltung (bis zu 900 Teilnehmer ingesamt) brachten viel Lebhaftigkeit und gute Laune zur Veranstaltung mit. Es war für mich. auch im sozialen Sinne eine erfrischende Erfahrung, Menschen mit einem ganz anderen Charakter zu treffen, als ich es bisher von Deutschen im Land gekannt habe. Ich bin hierbei ehrlich und nehme auch kein Blatt vor den Mund – es fiel mir viel einfacher und es war auch viel angenehmer und entspannter, sowohl mit den Besuchern der Konferenz als auch im Allgemeinen innerhalb Sachsens zu kommunizieren, als ich es bisher in Großstädten in Deutschlands Westen erleben durfte. Natürlich waren auch

Ein Paar aus einer Ortschaft nahe Magdeburg kamen über Berlin mit einem Wohnwagen daher.
Ein Paar aus einer Ortschaft nahe Magdeburg kamen über Berlin mit einem Wohnwagen daher.

Besucher aus anderen Orten gekommen, solchen wie Kassel, München, Berlin und Magdeburg. Die Mehrheit machten allerdings sächsische Teilnehmer aus. Ich mag mich anhören, als würde ich eine anthropologische Studie schreiben wollen, aber das maße ich mir nicht an; ich gehe  nur von meiner Erfahrung aus, vergleiche diese und halte es hier fest. Ich habe selbst kein großes Verständnis von deutscher Politik und ihren Eigenheiten und kein Interesse, von innerdeutschen Ansichten beeinflusst zu werden. Es mag verstärkt aufkommenden Fremdenhass in Sachsen geben oder eine Attitüde, die als solche bezeichnet wird. Ich glaube an die Freiheit der Meinung und der persönlichen Einstellung einem jeden gegenüber, solange diese nicht auf Unwissen oder Indoktrinierung basieren. Auf dieser wie auch auf meiner vorherigen Reise durch Erfurt und Reichenbach durfte ich die Einwohner der neuen Bundesländer als humorvoll, selbst- und auch sonst kritisch, realitäts- und menschennah erleben, mit einem guten Spürsinn für staatliche Propaganda, mit einer einfachen Herangehensweise an das Gegenüber und mit einem Potenzial, sich politischer Korrektheit entgegenzusetzen. Natürlich ist die Herzlichkeit hier nicht annähernd der orientalisch-mediterranen ähnlich, aber ganz ehrlich – das erwartet auch niemand. Dafür kann man ja auch nach Israel fliegen! Ansonsten muss auch der religiöse Aspekt seine Rolle gespielt haben, denn außer der allerkleinsten gemeinsamen Nenner wie „Mensch“ oder „deutschsprachig“ konnte auch die Religiösität und ein mehr oder weniger gemeinsames Gottesverständnis als Grundbasis dienen. Und Gemeinsamkeiten verbinden.

Foto: W.H.
Foto: W.H.

Soweit zu meinen Gedanken.  Was meinen Vortrag betrifft, so wurde dieser im Rahmen der für jüngere Leute gedachten Vorträge seitens des CFFI (Theresia Ebert) eingerichtet, es kamen allerdings Zuhörer aus verschiedenen Altersgruppen. Meine Erklärungen und Erzählungen über die Welt der Siedler von Judäa und Samaria, die politischen Hintergründe zur „Westjordanlandproblematik“ und meinen Werdegang hatten die Vortragszeit leicht überzogen, dafür hatten die Zuhörer anschließend die Gelegenheit, mit mir persönlich

Foto: W.H.
Foto: W.H.

zu sprechen und diese Option wurde gerne genutzt. Besonders gefreut hatten mich die Fragen und Rückmeldungen der Jugendlichen und Studenten unter ihnen.

Mit dem Vortrag war meine eigentliche Mission auf der Veranstaltung zu Ende, ich hielt mich allerdings noch eine Weile des Spaßes halber auf dem Gelände auf; das Wetter war herrlich, die Landschaft grün und erfrischend und die Atmosphäre ähnelte sehr einem Volksfest. Wie schon erwähnt, war die Veranstaltung durchaus kinderfreundlich und viele brachten tatsächlich ihre Familien mit. Der nahegelegene Spielplatz neben einem kleinen

Mit Theresia Ebert (CFFI)
Mit Theresia Ebert (CFFI)

Tümpel kam dabei sehr zugunsten wurde gut genutzt.  Am Abend ging der Shabbat spät aus; was übrig blieb, war Packen, kurz draußen die frische Waldluft schnuppern und am Morgen früh zum Flughafen nach Prag fahren, über welchen ich nach Deutschland gekommen war. Der letzte Tag der 20.Israelkonferenz in Glauchau verging ohne mich.

Fazit

„Warum machst du es eigentlich?“, wurde ich von einigen gefragt – hier auf dem Blog, auch in meiner Umgebung. Dieselbe Frage habe ich an meine Gastgeber gestellt – warum macht ihr es eigentlich? Warum lädt ihr mich zu eurer Konferenz ein, was liegt euch an mir – der Siedlerin, an uns Juden und an Israel? Die simpelste Antwort, die ich bisher darauf bekommen habe, war: „Weil uns gefällt, was du machst, und wir wollen dich dabei unterstützen.“ Je mehr man sich in die Tiefe des Warum begeben würde, desto mehr Erklärungen und Interpretationen könnte man finden. Sie würden religiös, gesellschaftich, politisch ausfallen.  Manche davon würden mehr in das liberaldemokratische Schema passen, andere wären im konservativ-traditionellen Bereich angesiedelt. Nicht wenige würden wohl einen religiösen Standpunkt vertreten, den heute nur wenige in der postmodernen Gesellschaft teilen könnten. Zugegeben, bei den Sächsischen Israelfreunden und der ihnen Ähnlichen in den deutschsprachigen Ländern  handelt es sich um eine Randgruppe. Diese Randgruppe hat einige Stimmen, die sich nach außen äußern, aber im Mainstream scheint sie keine Bewegungen verursachen zu können – noch nicht, oder vielleicht ist sie gar nicht darauf ausgerichtet.

Auch das war ein Thema. Aufkleber von der Konferenz.
Auch das war ein Thema. Aufkleber von der Konferenz.

Die Aufklärungsarbeit der Israelfreunde und Co. ist Feldarbeit, es wird von Mann zu Mann (Frauen und Kinder inklusive) vermittelt, es sind kleine Kreise, die sich für diese komplexe und übermäßig belastete Thematik interessieren oder begeistern lassen, aber das Interesse ist ein Ergebnis wichtiger Vorgänge innerhalb der deutschen und christlichen Identitätsforschung und individuellen Selbstsuche eines jeden Einzelnen. Ich glaube, dass es in Deutschland nicht umsonst dieses Interesse gibt; es existiert bekanntlich eine Verbindung zwischen Deutschland und Israel, Deutschland und den Juden. In Kultur und Geschichte, im Guten wie im Schlechten sind Juden und Deutsche verbunden und aus der Geschichtsidentität des jeweiligen Landes nicht wegzudenken. Auch wenn ich mich lange Zeit dagegen gesträubt habe, es so zu sehen, leugnen lässt es sich schwer. Wie die weitere Entwicklung verlaufen wird, wo sich Deutsche, Christen und Juden treffen werden, was diesen Begegnungen entwachsen wird, kann man nicht voraussehen. Der Kontext aber, die Motivation und die Herangehensweise dieser Menschen an unsere Geschichte und Religion ist meines Erachtens hochspannend, gar faszinierend, und um dies näher zu verstehen, war mir dieser Besuch zweifelsfrei wert. Vielen herzlichen Dank an Wilfried Gotter, Theresia Ebert und Werner Hartstock für die Einladung und Durchführung.

Und jetzt geht es wieder zurück in den Siedleralltag, mit hoffentlich weiteren Reisegruppen vor Ort…

 


*Für diejenigen, die für eine Weile um die Authentizität meiner Einhaltung der religiösen Gebote gebangt haben (vielleicht habe ich mich ja von den „listigen Christen“ überzeugen lassen?), kann ich die Situation entschärfen. Ich habe, gemeinsam mit den Organisatoren der Reise (Wilfried Gotter, Werner Hartstock, Theresia Ebert), einige Anstrengungen unternommen, um den Shabbat möglichst koscher und orthodox zu gestalten. Das beinhaltete eine Absprache mit meinem Rabbiner, ein Hotel in unmittelbarer Nähe des Veranstaltungsortes, von mir selbst geprüftes und vorbereitetes Essen (oder eher vom REWE…) und auch die vollkommene Abwesenheit von Mikrofonen. Fotos wurden von Außenstehenden gemacht. Alles koscher also, ich kann mich nicht beklagen, sondern  – im Gegenteil – den Veranstaltern für die Annehmlichkeiten, die sie mir bereitet haben, von Herzen danken! Religiöse Menschen, so scheint es, verstehen sich mehr auf Respekt den anderen religiösen Menschen gegenüber, selbst wenn ihre Bräuche unterschiedlich sind. Sie wissen, wie notwendig das Seelenheil auf geistiger und physischer Ebene ist.

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Frühling ist da, Pessach ist da*

Nach anstrengenden, erschoepfenden, aber ergiebigen Wochen ist das Weltreinigen zum Ende gekommen. Der Feiertag Pessach, der die nationale Geburt des juedischen Volkes, den Auszug aus der (selbstverschuldeten?) Unmuendigkeit hinaus in die Freiheit, ins eigene Land und mit eigenem Schicksal symbolisiert, steht vor der Tuer. Den Namen des Festtages sowie die Tradition des „Fruehlingsputzes“ haben andere Religionen und Gesellschaften uebernommen; doch die einzigartige Freiheitsbotschaft und „Geburt“ einer neuen Realitaet in dieser Welt – der der Gottesnaehe, der direkten Leitung von Schoepfer zu Menschheit durch die Gesetze und Anweisungen fuer das „hauseigene“ Volk, besitzt keine von ihnen. Denn nebst allen Assoziationen von Erneuerung, Befreiung und Hoffnung hat das juedische Pessach-Fest eine direkte Botschaft an den Juden, der dies zu begehen und zu feiern angewiesen ist:

„Jeder Mensch soll sich sehen, als sei er persoenlich aus Aegypten gezogen“ (Talmud)

Das bedeutet, dass fuer Juden und Juedinnen auf der ganzen Welt, zur selben Zeit, dieser Tag einen Neubeginn des Zyklus bedeutet, welcher ihr Sein ausmacht – ihre Religion, Zugehoerigkeit, Aufgabe in dieser Welt. Hier ist der Anfang. Hier der Ursprung. Von hier haben wir angefangen, alle gemeinsam zu gehen, und wir halten noch immer an denselben Haenden, sind die Glieder einer immer laenger werdenden Kette. Und wir glauben noch immer an dieselben Ideale, sie haben uns herausgebracht in die Freiheit, uns den Weg gefuehrt bis heute – wir bleiben ihnen treu.
Auch die Gebote fuer dieses Fest angeht, welches seinen Beginn in einem eiligen Mahl mitten in der Nacht, unter der staendigen Furcht vor der Reaktion der Aegypter, im Angesicht der Schrecken, die deren Land fuellten, und in der Aussicht auf eine Befreiung aus der unertraeglichen Sklaverei hinaus in ein Unbekanntes –  mit einer brennenden Hoffnung auf endlich einem Lichtstrahl in der jahrhunderte waehrenden Dunkelnheit -, gesehen hat, deuten auf das oben Genannte. Pessach ist ein Familienfest. Rund um den Globus, religioes oder ganz in einer anderen Welt, versammeln sich diejenigen, die sich als Teil des juedischen Volkes sehen, zusammen mit der Familie und erzaehlen von „damals“ – von Sklaverei, Befreiung, Gott, Neuanfang. Es bindet alle zusammen. Das hastige Mahl, „mit den Guerteln um die Hueften gebunden und dem Wanderstab in der Hand“, wie es in der Tora heisst, mit einem unfertigen Brot, woraus spaeter das alljaehrige Mazze- Brot wurde (wer kann sich angesichts der heutigen stylischen Kraecker daran erinnern?), wurde fuer Generationen verewigt – als Auftrag, nicht als Erinnerung. „Jeder Mensch soll sich sehen, als sei er aus Aegypten gezogen“. Auszug aus Aegypten ist kein einmaliges historisches Ereignis und damit hat es sich; Auszug aus Aegypten ist eine Berufung. Denn wir sind verpflichtet, die Lektionen daraus tagtaeglich aufzugreifen und zu verwirklichen. Freiheit zu bekommen, heisst Verantwortung zu uebernehmen. Verantwortung ist lebenslange Verpflichtung. Und genau das feiern wir. Den Preis der Freiheit, der unserem Leben als Juden, als Menschen einen Sinn gibt.


Nach diesen wenigen Worten zum Feiertag moechte ich euch kurz zeigen, wie die letzten Vorbereitungen bei uns in der Siedlung ausgesehen haben. Ausser dem Pessach-Putz, bei dem alles ungefaehr auf den Kopf gestellt wird, um es nicht nur von gesaeuerten Kruemeln, sondern ueberhaupt von jedem organischen Material zu befreien, gibt es noch einige religionsbedingte Aufgaben, die man erfuellen muss. Das macht man bei uns, weil wir ja eine kleine Gemeinschaft bilden, alle zusammen, auf dem Hauptplatz im Ort.

Das Eintauchen des Geschirrs, Alon Shevut, 2016
Das Eintauchen des Geschirrs, Alon Shevut, 2016

20160421_182820Das Metall- und Glasgeschirr (Toepfe, Besteck, Tassen, Teller etc) muss vor Pessach nach gruendlicher Saeuberung in kochendes Wasser eingetaucht werden, damit es jeden Geschmack des Gesaeuerten herausbekommen kann. Gasherd-Platten und Ofengitter werden mit einem Bunsenbrenner durch den Hardcore-Prozess gefuehrt. Bei uns haben es drei grosse, rüstige junge Maenner uebernommen, die an einem grossen Tisch neben grossen Wasserkesseln mit Eisenstangen standen und jedes Geschirr entgegennahmen. Eingetaucht haben sie es in einem hitzefesten Plastikkorb.

Alon Shevut
Alon Shevut

Auf demselben Platz wurde auch eine „Gesaeuertes-Messe“ durchgefuehrt – allerhand Brot, Chips, Falafel, Getreidewaren wurden von Kindern zum Billigpreis verkauft; Kinder und Eltern fuellten den Platz und wohin man sah, jeder kaute irgendwas. Kinder-DJs spielten froehliche Musik.20160421_183349 20160421_183440

Am Tag danach, ab einer bestimmten Uhrzeit, ist es von der Tora verboten, Gesaeuertes zu essen oder ueberhaupt im Haus zu haben. Die Ueberreste werden verkauft (an Nichtjuden, und dann zurueckgekauft, kompliziert, erklaere ich nicht 🙂 ) oder weggeschmissen/verbrannt. Verkaufen oder weggeben ist 20160422_114753natuerlich die bessere Option, obwohl das Gesaeuerte schon jahrhundertelang dieses Schicksal ereilt, und daher braucht man sich nicht darueber aufzuregen. Ich habe beschlossen, die meisten meiner „nichtkoscheren“ Produkte an benachbarte arabische Familien abzugeben; diese Initiative wurde von den Aktivisten des lokalen „Shorashim/Roots“-Friedensprojekts (hier wird darüber erzählt) vorgeschlagen, und einige haben sich dieser Option angeschlossen (andere reagierten darauf ablehnend).

Und nach dem Ganzen – den Reinigungen, den Geboten – macht mam sich fertig zum Fest, raeumt alles wieder ins nagelneue Haus ein und wartet auf die „Sedernacht“ (woertlich – Nacht mit einer bestimmten Ordnung).

Ganz entsprechend der Tradition und den eigentlichen Umstaenden bin ich den ganzen Tag und insbesondere diesen Abend „in Eile“, weil ich erneut zuspaet gewesen (wer mich kennt…). Statt ruhigen Feiertags- und Shabbatbeginns musste ich hin und her fahren und rennen, um ueberhaupt zu irgendjemandem an diesem Tag zum Abendessen anwesend zu sein. Zum Glueck gibt es Taxis. Urspruenglich war zwar Samaria bei mir geplant…..aber man weiss nie, wo man ankommt, wenn man einmal aus Aegypten zieht…am Ende bin ich doch noch daheim.

Hag Sameach ve Kasher!!

*Die Überschrift stammt aus einem bekannten Kinderlied, kann man hier nachhören:

Siedlermusik. Odelia Berlin

Ich habe momentan kein großes Interesse daran, mich in politische Themen zu vertiefen. Daher folgt lieber ein Beitrag zur Kultur und Gesellschaft. Weiter geht es also in der Reihe „Siedlermusik“. Eine Einführung dazu findet ihr hier


Odelia Berlin. Quelle: ACUM
Odelia Berlin. Quelle: ACUM

Odelia Berlin. 

Kaum eine andere Sängerin und Musikerin repräsentiert moderne  jüdische Musik in der nationalreligiösen Frauenwelt mehr als Odelia Berlin, die 34-jährige Sängerin, Komponistin und Lehrerin der Mittelstufe aus Jerusalem. Odelias Name taucht schon mehr als sechs Jahre lang alljährlich auf den Aushängebrettern von Straßenecken, Instituten und Schulen auf, wo für ihre Konzertreihe „Achila“ (Ich sehne mich) vor dem Versöhnungstag, dem höchsten jüdischen Feiertag, geworben wird. Sie selbst musiziert seit ihrer Kindheit, und vor mehr als zehn Jahren schuf sie sich ihren Namen als Gründerin des Frauenensembles „Tefilat Haderech“ (Gebet für den Weg). Seitdem ist moderne israelische, persönliche und liturgische Musik ihr Métier, und ihr Publikum wächst  Jahr für Jahr.

Wer ist Odelia?

Eins von sechs Kindern des bekannten israelischen Klarinettisten und Klezmer-Musiker Moshe (Mussa) Berlin, der seinerzeit mit Rabbiner und Musiker Shlomo Carlebach lernte und mit Klezmer-Ikone Giora Feidman auftrat. Familie Berlin lebte lange Zeit in der Siedlung Elkana (Südsamaria-Binyamin), Mussa Berlin trat bei den Musikfestivals von Elkana auf.  Später zog die Familie nach Alon Shevut in Gush Etzion (Judäa), weil sie zwei weitere Kinder mit Behinderungen adoptierten und diese in besondere Einrichtung in der Region geschickt werden mussten. Auch Odelia fand sich in der Musikwelt wieder, und musizierte ab dem vierten Lebensjahr – so erfährt man aus einem ihrer Interviews. Sie lerne klassisches Klavierspielen, widmete sich anschließend dem Keyboard und schrieb Liedtexte, ließ sich aber parallel auch als Lehrerin ausbilden.

In 2006 – da war sie knapp 24 und hatte sich erst vor Kurzem dem Traum erfüllt, mit ihrem Vater auf einer Bühne gemeinsam aufzutreten – sprach sie mit einer Freundin über die Idee eines eigenen Konzertes vor weiblichem Publikum. Durch diese Idee knüpfte sie zahlreiche Kontakte, doch anstatt ein eigenes Konzert zu planen, bekam immer mehr die Idee der Gründung eines Ensembles ihre Form.

So entstand „Tefilat Haderech“. Das Ensemble war erfolgreich und bildete mehrere Jahre lang das Fundament für Odelia Berlins Wirken in der Musikszene. Der Weg für eine Solokarriere wurde aufbereitet und das Publikum war schon geschaffen: Traditionelle und religiös orientierte Frauen, Frauen mit Interesse und Gespür für spirituelle, emotional betonte Musik und abstrakten Motiven.

Quelle: INN
Quelle: INN

Schon zu Beginn der Karriere, bei der Gründung des Ensembles, war es für Odelia und ihre Mitsängerinnen klar, in welchem Rahm sie auftreten würden – und zwar nur für weibliches Publikum. Dasselbe sollte später auch für ihre Solokarriere gelten:

Als ein religiöses Mädchen hatte ich keine großen Zweifel, ob ich vor gemischtem oder nur weiblichen Publikum auftreten würde. Mein Weg war mir klar – Auftritte nur vor Frauen„,

erzählte sie in einem Interview der Plattform „Kipa“ in 2011.

Was aber ist das Problem von weiblichem Gesang und männlichem oder gemischten Publikum? 

Das jüdische Religionsgesetz, abgeleitet aus den Festlegungen im Babylonischen und Jerusalemer Talmud  (Traktate Brachot/Challa), verbietet es Männern, einen direkten Gesang von einer oder mehreren Frauen zu hören. Das wird begründet mit der Aussage „Die Stimme einer Frau ist eine Entblößung“. Zu dieser Festlegung gab es und gibt es im religionsgesetzlichen Diskurs Abwandlungen, Diskussionen, verschiedene Auslegungen und Ausführungen. Von Gemeinde zu Gemeinde und Land zu Land wurden die Details dieses Grundsatzes anders aufgenommen und ausgelegt.

Ohne sich allzu tief in halachische (religionsgesetzliche) Dispute zu begeben, lässt sich heute sagen, dass das orthodoxe Judentum (zu dem auch die nationalreligiöse Strömung gehört, der die Gesellschaft der Juden in Judäa und Samaria größtenteils angehört) einen Wert darauf legt, weiblichen Gesang von männlichen Ohren fernzuhalten. Dazu gibt es verschiedene Wege und Versionen, wie das aufzufassen sei. Das direkte Singen einer einzelnen Frau, das Singen in einem Chor, das Hören einer Frauenstimme im Radio oder Fernsehen oder durch eine Aufnahme, das Hören der Stimme einer bekannten oder unbekannten Frau oder einer, die schon verstorben ist – zu all diesen Fragen haben sich Rabbiner geäußert und  sie verschieden behandelt. Selbst politische Themen fanden ihren Eingang in die Diskussion: So der breite Diskurs der letzten Jahre um die Weigerung einiger religiöser Soldaten der IDF, die regulären Konzerte und Zeremonien bei der Armee zu besuchen, wenn dort eine Frau auftritt.

Manche mögen sich heutzutage mehr, andere weniger daran halten. Jeder Künstler und jede Künstlerin in Israel suchen sich ihr Publikum und verschaffen sich ihr Image. Allerdings haben ideologische Hintergründe ihre Konsequenzen – sie stellen Anforderungen an musikalisch begabte und an einer Sängerkarriere interessierte religiöse Frauen, welche nicht selten eine solche Karriere verhindern oder erheblich erschweren. Die meisten religiösen Frauen singen, tanzen und treten auch im Alltag nicht vor männlichem Publikum auf. Wenn sie es tun, dann nur eingeschränkt. Aus Gründen des Gemeinschaftsdruckes, der eigenen Überzeugung, der fehlenden Möglichkeit, des eigenen Bescheidenheitsgefühls. Wer einmal auf jüdischen Hochzeiten gewesen ist, der wird bei einer traditionellen Hochzeit die „Barrikaden“ zwischen zwei Teilen einer Tanzfläche bemerkt haben – die Trennung in einen Frauen- und einen Männerteil, und hinter den Barrikaden toben sich die Frauen und Mädchen in wildem Tanz und Gesängen aus, wie sie sich allerdings niemals neben den männlichen Gästen erlauben würden.

Quelle: Facebook.
Quelle: Facebook.

Zurück zu Odelia. Das religiöse Gesetz ist, laut ihr, nur ein Grund, weshalb sie sich das Frauenpublikum ausgewählt hatte. Odelia legt großen Wert auf Frauensicht, Weiblichkeit, weibliche Intuition und Empfindsamkeit. Das kommt auch immer wieder als Argument in allen Musikkritiken über sie hoch – das Element der „weiblichen Stärke“, welche sich in Intuition, Emotion und Ausdruck befindet und eben vor allem durch Gesang manifestiert, der Frauen mit Frauen vereint.

Als der letzte mediale Sturm zu diesem Thema vorbeizog, hatte auch ich mich verstärkt damit auseinandergesetzt und mich selbst geprüft, wie meine Position dazu aussieht. Sehe ich mich als eingeschränkt, diskriminiert oder unterdrückt? Die Antwort lautet  – nein. Nicht nur, dass ich mich nicht unterdrückt fühle – ich fühle mich gesegnet, ich befinde mich genau dort, wo ich sein möchte. Wenn die Wahl in meinen Händen liegen würde – ich würde selbst wählen, nur vor Frauen zu singen.“ (Kipa.co.il, 2011)

Odelia beteuert ebenso, dass das Frauenpublikum eine ganz andere Auffassungsgabe für ihre Musik entwickelt, und auf eine besondere Weise reagiert:

„Meine Zuhörerschaft versteht mich, wie nur eine Frau eine andere Frau verstehen kann.“

Und die Musik, die Odelia spielt und mit der sie Konzerthallen füllt, in welchen man nicht nur religiöse, sondern auch säkulare Frauen finden kann, setzt eben auf bekanntlich feminine Eigenschaften: Gefühlsausdruck, Impulsivität, Zärtlichkeit, Gebet.  Mit ihrer Band, welche ebenso nur aus Frauen besteht – ob nun an der Percussion oder am Klarinett oder der Geige – variiert Odelia bei ihren Aufführungen zwischen bekannten und neuen Liedern und Melodien und ermöglicht ihren Zuhörern eine individuelle Aufnahme der Musik: Tanz, Gesang, Lachen und Weinen, all das findet seinen Platz bei den Auftritten von Odelia, sei es bei privaten Aufführungen in intimen Kreisen oder in Konzerthallen wie den „Binyaney haUma“ oder dem Gérard Bachar-Zentrum in Jerusalem, im Hafen von Tel Aviv oder in einem kleinen Raum unterhalb einer ganz normalen Synagoge.

„Eine Frau, die singt, enthüllt einen Teil ihrer Seele, und genauso, wie ich es mir aussuche, mich so zu kleiden, dass bestimmte Teile meines Körpers verdeckt werden – so entscheide ich mich auch dazu, nicht vor Männern aufzutreten und diesen Teil meiner Seele vor einem gemischten Publikum nicht zu enthüllen“,

sagt Odelia, und:

„Jede Sache kann man als Einschränkung oder Ausweitung betrachten. Auch eine Schüssel hat ihre Grenzen für das Essen  festgelegt, aber sie ermöglicht es, Dinge in sich aufzunehmen (Kipa.co.il, 2011).

In einem Interview der Zeitung ‚Ha’aretz“ wurde Berlin gefragt, ob sie angesichts der religiösen Doktrin nicht eine Art Ideologie aufbaue, die ihr dabei verhelfe, der eigentlichen Unterdrückung zu entfliehen und so eine Alternativversion aufzubauen, um sich selbst und ihre Entscheidung zu legitimieren. Ihre Antwort:

„Es ist immer da – was ist meins, was ist nicht meins, wo überrede ich mich selbst. Aber de facto  sehe ich  viel Segen in meinem Tun. Ich habe ein gutes Einkommen von dem Moment an, als ich mich entschlossen habe, nur vor Frauen aufzutreten. Daher weiß ich, dass ich mich an der richtigen Stelle befinde. Obwohl ich auch dem Wunsch zum Ausbrechen habe, glaube ich daran, dass mein tatsächlicher Wunsch ist, es nicht zu tun. Weil ich innen drin fühle, dass es für mich nicht richtig wäre.“ (Ha’aretz, 2011)

Quelle: Ha'aretz
Quelle: Ha’aretz

Heute lebt Odelia in Jerusalem und hält regelmäßig Konzerte vor den Hohen Feiertagen – Yom Kippur – ab, wo sie volle Publikumssäle mit ihrer Musik in Spannung hält: Spirituelle, erhebende Klänge, Gespräche mit dem Publikum, bekannte frohe Melodien aus der Liturgie und immer wieder Tänze.  An den sogenannten „zweiten Umzügen“ nach dem Tora-Freudenfest im Herbst (im Anschluss an das Laubhüttenfest) ist ein Konzert von Odelia Pflicht geworden, in der zentralen Jerusalemer „Shlomo-Halle“ neben der Großen Synagoge Tänze zu veranstalten, die von 22 Uhr bis 3 Uhr morgens dauern und bei welchen bis zu 300 Mädchen und Frauen in der großen Eingangshalle pausenlos im Kreis tanzen. Ich war zweimal bei diesen Tänzen dabei und das Gefühl der gemeinsam tanzenden, drehenden, singenden, rufenden, springenden Menge, erfüllt mit den Liedern und der sanften Stimme von Odeliya, war belebend, begeisternd, ansteckend und blieb mir als eine unvergleichliche Erinnerung noch Jahre danach.


Als Beispiellieder für die Musik von Odelia Berlin habe ich zwei Lieder ausgewählt, eins aus ihrem ersten Album „Pfad aus Licht“ – das gleichnamige Lied. Das zweite ist ein bekannter Text aus der Liturgie zum Versöhnungstag (Yom Kippur) mit der Melodie von Akiva Hamnik.

Die Single "Pfad aus Licht" (Shvil shel Or). Quelle: Patiphon.co.il
Die Single „Pfad aus Licht“ (Shvil shel Or). Quelle: Patiphon.co.il

Shvil shel Or – Pfad aus Licht.  Deutsche Fassung: Chaya Tal

Dieser Tag, dieser Tag

Ich finde für ihn keine Worte.

Und ich finde auch keine für dich, 

Um etwas von all deinem Leid zu nehmen,

Um etwas von diesem Tag zu entnehmen.

An diesem Tag ist die Sonne verhüllt wie mit einem Tuch

Die Menschen befinden sich auf der Flucht

Große Tropfen fallen auf die Erde hernieder

Doch ist dort keine Antwort, kein Trost und kein Friede

Eines Tages, da blicken wir einmal zurück

Und entdecken den Pfad aus verborgenem Licht

Wir werden lächeln, wir werden nichts fragen, 

Wir werden verstehen. 

Eines Tages, da blicken wir einmal zurück, 

Und entdecken den Pfad des verborgenen Lichts.

 

Chamol – Erbarme Dich. Deutsche Fassung: Chaya Tal

Deiner Werke sollst Du Dich erbarmen

Deiner Schöpfung sollst Du Dich erfreuen

Die die Last deiner Gerechtigkeit tragen,

Die Dir Anvertrauen werden dir sagen:

Geheiligt bist Du, Herr

Durch alle Deine Werke

Diejenigen, die Dich heiligen

Allein dafür hast Du sie geheiligt!

Und gut ist für den Heiligen

Gut und schön und genehm

Wenn ebendiese Heiligen

Dich ehren und preisen!