„Das irrelevante Kopftuch“ Na’ama Henkin sel.A.

10421622_401196053387094_3221754775169969373_nDieser Text wurde von Na’ama Henkin, der ermordeten jungen Frau und Mutter aus Neria, vor etwa drei Jahren auf der israelischen Blogplattform „Point of View“ veröffentlicht. Na’ama Henkin bloggte dort zusammen mit anderen jungen Frauen aus Judäa und Samaria auf Englisch über verschiedene Aspekte ihres Lebens. In diesem Text versucht sie, anhand eigener Erfahrung als erfolgreiche religiöse Grafikerin aus einer Siedlung die Diskrepanz der  gegenseitigen Wahrnehmungen innerhalb der israelischen Gesellschaft, zwischen „Religiösen“, „Siedlern“, „Tel Avivern“ und „Sekulären“ darzustellen. Vor drei Jahren habe ich diesen Text nicht gekannt, und heute gelangt er an die Oberfläche durch den grausamen Mord an Na’ama und ihrem Mann Eytam, und zeigt auf einige schmerzvolle Aspekte der Selbstwahrnehmunng der israelischen Gesellschaft. Übersetzt von mir.


Na'ama Henkin hy"d

Na’ama Henkin hy“d

Das irrelevante Kopftuch*

Hier bin ich wieder, bereite mich für ein Meeting in Tel Aviv vor, öffne zum hundertsten Mal meinen Schrank, um mir herauszusuchen, was ich anziehen soll.  Was wird bescheiden, aber modisch aussehen, elegant, aber nicht zu sehr? Trotz meiner Bestrebungen weiß ich, dass wenn ich im Herzen Tel Avivs aus dem Auto steigen werde, ich anders aussehen und mich anders fühlen werde. Ich werde „eine von denen“ sein. Mein Designer-Kopftuch, das mir viele Komplimente von meinen Freundinnen in meiner Gemeinschaft einbringen wird, dasselbe Kopftuch ist so üblich und relevant in Tel Aviv wie ein Hijab – nämlich absolut irrelevant.

Nachdem ich es geschafft habe, meinen Minderwertigkeitskomplex zu überwinden, betrete ich das das Gebäude, in dem mein Meeting stattfindet (natürlich bin ich 10 Minuten zu spät, denn der Tel Aviver Verkehr scheint mich immer wieder von Neuem zu überraschen). Ein kurzer Stopp auf der Toilette gibt mir noch mal die Chance, mein Aussehen neu zu ordnen, mein Make-up zu korrigieren und mein Kopftuch neu festzubinden. Wen versuche ich hier eigentlich zum Narren zu halten?, denke ich mir, ein religiöses Mädel wird immer ein solches bleiben.

Während ich mir meinen Weg zum Treffen bahne, überlege ich vor mich hin: werden sie überrascht sein, zu sehen, dass ich gläubig bin? Wird die Person, die meine Arbeit bestellt hat, zu meiner professionellen Beschreibung hinzufügen: ‚Wir werden mit Na’ama zusammenarbeiten, sie macht Interface-Design. Ja, die eine Religiöse mit dem Kopftuch, aber sie ist eigentlich ganz cool“… Ich war niemals dabei, wenn ein solcher Satz gesagt wurde, aber ich fühle ihn immer, wenn ich in den Raum hineinkomme. Auch wenn ich mit einem Lächeln begrüßt werde, versuchen die Männer immer, diesen peinlichen Moment, die Hände zum Händeschütteln auszustrecken in der Erwartung, meine Hand zu schütteln, zu vermeiden. Und die Sekretärin bestätigt mir lächelnd, der Kaffee sei koscher.

Dann kommt der Smalltalk. Jemand wird fragen: „So, woher sagten Sie, dass Sie kommen? Jerusalem?“ Und ich werde rot anlaufen und sagen, „nein, ich komme aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Modi’in.“ „Oh“, werden sie sagen und mit den Köpfen nicken, „wir haben von dieser Stadt gehört. Ein netter Ort. Wir sollten wirklich einmal dorthin mit unseren Kindern fahren, dort müsste ein schöner Park sein.“

Hier liegt Neria
Hier liegt Neria

 Eines Tages  – so verspreche ich dem verstörten Verlangen nach Gerechtigkeit in meinem Inneren – , vielleicht, wenn ich erwachsen sein werde, werde ich den Mut haben, die Wahrheit zu sagen. Ich lebe in Neria, einer Gemeinschaft in der Binyamin-Region. Ja, es liegt auf der anderen Seite der Grünen Linie. Die Medien mögen es eine „Siedlung“ nennen, aber für uns ist es einfach „Zuhause“. Kommt vorbei, wenn ihr die Gelegenheit dazu findet, es ist wirklich wunderschön dort. 


*Anmerkung: Das Haar zu bedecken, ist religionsgesetzliche Pflicht für verheiratete jüdische Frauen. Dabei gibt es verschiedene Bräuche, wie man das Haar zu bedecken hat – in welchem Maße, oder auch womit. Heute entscheiden sich sehr viele religiöse jüdische Frauen für Kopftücher. Andere wählen dafür eine Echthaar-Perücke. 

 

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18 Kommentare zu „„Das irrelevante Kopftuch“ Na’ama Henkin sel.A.“

  1. „Heute entscheiden sich sehr viele religiöse jüdische Frauen für Kopftücher.“

    Ja, aber das ist in Deutschland nicht sehr bekannt. Hier werden dafür seit Jahren Debatten über islamische Kopftücher geführt.

    „Andere wählen dafür eine Echthaar-Perücke.“

    Oder auch Hauben, Haarnetze, Mützen oder Hüte. Diese Kopfbedeckungen habe ich bei meinen Besuchen in Israel gerade bei Siedlerinnen häufig gesehen.

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    1. „Juedinnen in Judaea und Samaria“, wenn ich bitten darf. Es handelt sich um regulaere israelisch-juedische Staatsbuergerinnen und nicht um eine gesonderte Rasse.

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  2. Hallo Chaya,

    Das ist eine interessante Perspektive auf das Kopftuch, die mich zum Nachdenken gebracht hat:

    Wo ich lebe, tragen einige Frauen an der Supermarktkasse Kopftuch, Nachbarinnen oder Putzfrauen. Wie würde ich auf eine kopftuchtragende türkische-deutsche Webdesignerin reagieren? Bislang habe ich noch keine getroffen. Würde sie verstehen, was ich als Kunde will? Könnte sie meine Vorstellungen besser umsetzen als andere? Da wäre ich zunächst mal skeptisch, ganz unabhängig davon, welche Vorurteile ich möglicherweise gegen ein religiös bestimmtes Leben habe oder nicht.

    Ich habe mal einige Monate in Istanbul gearbeitet, meine säkular orientierten Kolleginnen und Kollegen dort, hätten vermutlich stärkere grundsätzliche Vorbehalte gegen Kopftuchträgerinnen als ich. Istanbul ist gespalten zwischen Städtern und Zuwanderern aus Anatolien sowie zwischen säkularen Kemalisten und kopftuchtragenden AKP-Anhängerinnen. So wird das Kopftuch zum religiösen und politischen Statement in einem Kulturkampf.

    Die Haltung der Säkularen in Tel Aviv zu religiösem Leben und den Siedlern kenne ich nur ansatzweise. Ich glaube, „Ihr“ und „Sie“ seid euch nicht einig, inwieweit Israel ein religiöser oder ein säkularer Nationalstaat sein sollte. Zudem kämpfen „Sie“ in der IDF für die jüdische Herrschaft über Erez Israel, gegen einen palästinensischen Staat und für „Euren“ Glauben an das Land, ohne dass dieser Kampf aus säkularer Sicht viel Sinn macht, weil er die Tendenz zum Religionskrieg in sich trägt.

    Übrigens habe ich einiges an Web- und Printdesign aus Israel gesehen, der Stil hat mir sehr gut gefallen.

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    1. Deine Ausführungen sind in sich nicht schlüssig.

      Es kann keinen säkularen jüdischen Staat Israel geben, da Israel der Staat des jüdischen Volkes ist. Das jüdische Volk vereint Herkunft und Religion in einem. Es gibt aufgrund der Nichtmissionierung des Judentums keine Trennung zwischen Religion und Volkszugehörigkeit.

      Ich habe auch meine Schwierigkeiten als „Vierteljude“ das zu begreifen. Aber ich habe meinen Frieden damit geschlossen und blicke mit Stolz auf das jüdische Volk.

      Und Chaya wünsche ich viel Kraft…

      S. B.-H.

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      1. Zunächst einmal sollte es Ziel Israels sein, ein anerkanntes und geachtetes Mitglied der Staatengemeinschaft zu werden, genau so wie viele andere Staaten auf der Welt auch. Und dazu gehört auch ein Bekenntnis zur Religionsfreiheit, jedenfalls wenn man sich von sogenannten Gottesstaaten wie dem Iran unterscheiden will. Um das zu begreifen, reicht es vollkommen einfach nur Mensch zu sein. Übrigens habe ich Begriffe wie „Vierteljude“ bisher nur in Nazischriften gelesen und hatte gehofft, dass solche rassistischen Begriffe mit dem ganzen braunen Pack hoffentlich aussterben würden.

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      2. Israel bekennt sich seit dem 14.05.1948 als Staat zur Religionsfreiheit, so steht es im Gruendungsdokument – der Unabhaengigkeitserklaerung, so ist es im Rechtssystem verankert und so wird es auch in der Praxis ausgefuehrt.

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  3. Ich habe diesen Text rebloggt auf aurorula.wordpress.com.

    Es war schön, Na’ama Henkin durch das was sie schreibt quasi kennenzulernen – und ihr grausamer Mord tragisch und ungeheuerlich.

    Gibt es den Originaltext noch irgendwo? Ich habe auf der Seite gesucht, diesen Text (und andere von Na’ama Henkin) aber nicht mehr gefunden. Würde ihn gern verlinken.

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  4. Ich habe eine Verständnisfrage Chaya:

    Du sprichst von „religiösen Juden“. Demnach gibt es auch „nicht-religiöse“ Juden. Diese nennst du kurz „Säkulare“. Du vermeidest hier (bewusst?) den Zusatz Juden.

    Sind Juden nicht aufgrund Ihrer Religion schon von Haus aus religiös? Kann man, wenn du von „Säkularen“ sprichst nicht einfach von säkularen Israelis sprechen (im Sinne der Staatszugehörigkeit)? Ist demnach die gläubige Mehrheit der Israelis Juden?

    Für mich ist das der Grundgedanke der Aufklärung und des säkularen Staates, der sich dadurch auszeichnet auf einer (mehr oder weniger) strikten Trennung zwischen Kirche/ Synagoge/ Moschee etc. zu bestehen. Wer die so verfasste säkulare Grundordnung eines (westlichen) Staates verletzt (Stichwort: z. B. Scharia) steht außerhalb dieser Grundordnung und hat mit entprechenden strafrechtlichen Konsequenzen zu rechnen.

    P.S.: Die religiöse Selbstbestimmung ist ein privates Gut und hat im öffentlichen Leben eines säkularen Staates keine gesetzlich bindende Rolle.

    Danke für eine kurze Antwort

    P.S.: Hat nicht direkt etwas mit dem traurigen Schicksal von Na’ama zu tun.

    Gruß

    Stephan

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    1. Hi Stephan, ich meine Juden, die vom nationalen und religioesen Aspekt her als Juden gelten, jedoch saekular leben und saek.Weltbild haben. Israelis gibt es auch nichtjuedische, darunter christliche, drusische und andere. Das waere eine dem Sachverhalt nicht entsprechende Verallgemeinerung.
      Ich moechte aber ungern eine Diskussion ueber die Definition von Juedischsein eroeffnen, weil es unnoetig die Kommentarflaeche fuellt. Danke fuer dein Verstaendnis.

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  5. Ja, dass linke Israelis die Siedlungen nicht mögen ist mir klar.
    Dass säkulare Israelis die (ultra)orthodoxen Juden oft nicht mögen ist mir auch bekannt.
    Dass viele ultraortodoxe den Zionismus ablehnen ist auch klar.

    Aber warum schämt sich eine ortodoxeFrau in einer Siedlung zu leben.
    Dass sie mit ihrer religiösen Kopfbedeckung auf Ablehnung stößt ist mir Interessant,dass Muslimas und fromme Jüdinnen die gleichen Probleme haben 😉

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  6. Traurig, dass diese junge Frau und ihre Familie ermordet wurde. Schön hier ein Bild von ihr zu sehen. In der Tagesschau gab es kein Bild, wenn ich mich recht erinnere.

    Leider verstehe ich den Text nicht ganz. Weshalb schämt sich eine (orthodoxe?) Frau in einer „Siedlung “ zu leben?

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    1. Allerdings orthodox. Weil auch in Israel in bestimmten Kreisen, zu welchen insbesondere die linke säkulare Szene Tel Avivs gehört, es als Affront gilt, in einer Siedlung zu leben. Weil die linke säkulare Szene Tel Avivs und andernorts hierbei zumeist die Argumentationsweise der westlichen Medien, NGOs und sämtlicher araberfreundlichen Unterstützer übernommen hat, und auch ohne diese Argumentationsweise keine Berührung hat mit religiösen Juden in Siedlungen.

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