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Musikabend in Bat Ayin

Wieder etwas still gewesen um mich… Studium und Bürokratie füllen den Alltag und es bleibt weniger Zeit zum Schreiben. Und wenn dann das Wochenende kommt – ist es bei uns recht kurz, ein halber Freitag und ein im Winter nicht allzu langer Shabbat – dann kommt die ersehnte Ruhe.

Den Shabbat – Tradition und Gesetz entsprechend – verbringe ich häufig daheim und werde bei meinen Nachbarn zum Essen eingeladen. Manchmal mache ich aber auch einen kleinen Abstecher zu Freunden, die etwas weiter wohnen.

Den vergangenen Shabbat (21.01) verbrachte ich in der kleinen Gemeinde Bat Ayin in Gush Etzion verbracht. Bat Ayin hat etwa 1400 Einwohner und ist auf einem Hügel auf dem Berghang des Hebroner Bergmassivs verstreut. Bat Ayins Bewohner lassen sich zumeist religiös bis sehr religiös einordnen, zum großen Teil Anhänger des Rabbiners Nachman von Bratzlav (Breslever Chassiden); die Bevölkerung ist zumeist jung und die Familien kinderreich.

Sicht auf Bat Ayin
Sicht auf Bat Ayin

Bat Ayin gilt als eine eher abgeschottete Gemeinde; auch was den Lebensstil angeht, so sind die Bat Ayiner Bewohner eine Gemeinschaft für sich – Kleidermode und Baustil sind keinem westlichen Mainstream, sondern eher einer „alternativen Mode“ einzuordnen; Rückbesinnung auf Religion (viele der Einwohner kommen ursprünglich aus säkularen Elternhäusern und suchen ihren Weg zur Religion), Naturbezogenheit (kleine Farmen, Privatzucht, Gärten, selbstgebaute Häuser), Vegetarismus und Umweltbewustsein sind dort hoch im Kurs; es gibt einen gemeinschaftlichen Kleiderspendeladen. Mädchen und Frauen lassen sich meist an wallenden, bunten Kleidern, Kopftüchern und

Bat Ayin
Bat Ayin

Schals mit fernöstlichen Einflüssen erkennen; die Männer sind eher Arbeitshosen und langen Hemden unterwegs, haben die Gebetsfäden (Tzitzit) und Haare, auf jeden Fall aber die Schläfenlocken offen. Viele Einwohner sind Musiker. In der Gemeinde selbst gibt es einige religiöse Einrichtungen, Kindergarten, Grundschule, Krankenkasse, kleinen Supermarkt und einige Synagogen. Es gibt ebenso ein Aufnahmezentrum für schwererziehbare Jugendliche, um welche sich die Gemeinde und der Initiator des Projekts sorgen. Der Großteil von Bat Ayin ist von keinem Zaun umgeben, aus ideologischen Gründen; die Bewohner von Bat Ayin haben eine lange Auseinandersetzung mit der Armee hinter sich, welche darauf besteht, die Siedlung mit einem Sicherheitszaun zu umgeben, die Bewohner sich jedoch gegen eine Einschränkung und Eingrenzung der Gebiete um sie herum weigern.

Die Häuser des Dorfes Zurif
Die Häuser des Dorfes Zurif

Bisher hat nur ein Teil der Ortschaft einen kurzen Zaun, und zwar auf der Südseite, welche in unmittelbarer Nähe zum arabischen Dorf Zurif liegt. Bat Ayin ist auch bekannt für seine Auseinandersetzungen mit den Bewohnern von Zurif undG’eba, zwei arabischen Nachbardörfern, welche sich gegenseitige Abneigung zollen. Im Februar 2007 wurde ein Bewohner von Bat Ayin, Erez Levanon sel.A. von arabischen Terroristen aus der Gegend von Zurif getötet.  In 2002, im Laufe der 2.Intifada, geriet Bat Ayin ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit, als Mitglieder der sogenannten „Bat Ayin Untergrundorganisation“, einer Terrorgruppierung, von den israelischen Sicherheitskräften gefasst wurden, als sie dabei waren, einen großangelegten Terroranschlag gegen eine arabische Schule in Ostjerusalem auszuführen.

Die Natur um Bat Ayin herum ist üppig – ehemals vom Jüdischen Nationalfonds und früheren Bewohnern von Gush Etzion gepflanzter Wald, drei Wasserquellen, Hügellandschaft und eine Aussicht über das israelische Flachland, welche bei klarem Wetter einen Blick bis zu den Küstenstädten Ashdod und Ashkelon erlaubt.


Das Wetter am Shabbat war kühl, aber ansonsten ausgezeichnet – strahlende Sonne, wenig Wind und frische Luft. Die Bewohner und Bewohnerinnen beteten, statteten einander Besuche ab, gingen spazieren; einige gingen dem Ortsbrauch entsprechend zu den Wasserquellen, um dort einzutauchen. Nach Shabbat-Ausgang (Samstagabends, nach dem Sonnenuntergang) lud mich meine Freundin zu einem musikalischen Ausklang des Shabbats ein, bei einer Familie namens Levy. Familie Levy – Ariel und Elia, beide in

Rechts: Ariel Levy am Saxophon, Elia auf der Gitarre, Sa'ar Tuvia (Freund) an der Trommel, unten: die Kinder Na'ama (älteste), Miriam und Baby Rachel
Links: Ariel Levy am Saxophon, Elia auf der Gitarre, in der Mitte: die Kinder Na’ama (älteste), Miriam und Baby Rachel

ihren Dreißigern – waren erst vor wenigen Monaten aus Jerusalem in das imposante, mit Holz verzierte Haus gezogen, hatten aber schon in dieser Zeit geschafft, eine Tradition zu etablieren: Jeden Samstagabend versammeln sich in ihrem geräumigen Wohnzimmer Nachbarn und Gäste, um gemeinsam

Eine Fülle an gutem Essen ist auch dabei
Eine Fülle an gutem Essen ist auch dabei

zu musizieren. Dazu werden hauseigene Suppe, Salate und Kuchen serviert; jeder Gast bring auch meistens etwas zu essen mit.

Ariel Levy, selbst Saxophonist, nimmt die Musikabende auf und strahlt sie auf Youtube oder auch live über Facebook aus. Zwischen dem Musizieren hält er einen Vortrag über die Tora und verschiedene Ideen des jüdischen Glaubens. Auch diese lassen

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Elia an der Gitarre, Avi am Tamburin, Sa’ar-Tuvia an der Trommel

sich im Internet finden, unter dem Nicknamen „The Emunah Home“ (Haus des Glaubens), welcher für die gesamte Familie Levy steht. Ihre fünf Kinder, die jüngste darunter erst drei Monate alt, sind beim Musizieren dabei. Die älteren gehen nicht in den Kindergarten oder die Schule, sondern werden daheim unterrichtet.

Zumeist spielen Ariel und Elia, die ihn auf Gitarre begleitet, osteuropäisch-jüdische Melodien, aber es gibt auch orientalische Einflüsse. Die beiden selbst haben unmittelbare Wurzeln im Nahen Osten: Elia ist syrisch-türkischen Ursprungs, Ariel persisch-bulgarisch.

20170121_223048Auch an diesem Abend tauchten nach und nach viele Besucher auf, nahmen Platz, aßen etwas und nutzten einige der Instrumente, die zur Verfügung standen. Inmitten der Jam Session erzählte Ariel ein wenig über seine letzten Gedanken über den Zusammenhalt des jüdischen Volkes, basiert auf der Lehre von Rabbi Nachman; anschließend musizierten wir mit verstärkten Kräften weiter. Die 20170121_211227Anwesenden waren verschiedenen Alters – junge Mädchen, einige ältere Frauen, Jungs im Teenager-Alter und auch weit darüber hinaus, die Kinder von Ariel und Elia und andere.

Das Video vom Abend lud Ariel auf seine Facebook-Webseite, es kann man sich hier ansehen:

Hier eine weitere, sehr schöne instrumentale Aufnahme eines bekannten chassidischen Liedes, dem „Lied der Gräser“, gespielt von Ariel und Elia Levy.  Mehr gibt es auf ihrem Youtube-Kanal.

Halbleer und halbvoll: Fastentag des 9.Aw

Heute ist der Fastentag des „9.Aw“ zu Ende gegangen. Der schwierigste und erdrückendste aller jüdischen Gedenktage, welche die jüdische Tradition aufbieten kann, dauert etwa 24 Stunden lang, in welchen viele Vorschriften zu begehen sind. Die zentralste davon ist das Ess- und Trinkverbot. Der neunte Tag des Monats Aw, welcher im weltlichen Kalender generell auf einen der Tage im Monat August fällt, ist ein Trauer- und Gedenktag für sämtliche Katastrophen, die das jüdische Volk im Laufe der tausende von

Nacht auf den 14.08.16 - betende und fastende Frauen vor der West-(Klage-)mauer.
Nacht auf den 14.08.16 – betende und fastende Frauen vor der West-(Klage-)mauer.

Jahren ereilten – angefangen von dem göttlichen Dekret, das Volk 40 Jahre lang nicht ins Land Israel zu lassen, über die Zerstörung der zwei jüdischen Tempel und das darauffolgende fast zweitausendjährige Exil, und bis zu der Tragödie der Shoah.  (Hier kann man mehr über die Vorgeschichte des Fastentages und seine Bräuche lesen.)

In den letzten Jahrzehnten, in welchen der Staat Israel existiert und blüht, ist dieser Tag bei vielen Israelis und Juden auch als ein Tag des In-Sich-Gehens bekannt geworden, an welchem man gerade im Angesicht des Wiederauflebens des jüdischen Volkes darüber nachdenken möchte, weshalb es noch immer Unheil gibt, das uns hier und dort trifft; weshalb es keine Einigkeit untereinander findet, was die Situation im Land selbst gegenüber unseren Feinden angeht – und weshalb eigentlich der Dritte Tempel, trotz unserer Erfolge und Aspirationen, noch immer nicht steht. Und wie dieser wohl aussehen möge. Manche der Trauerschriften und -gebete, die man an diesem Tag liest, passen nicht mehr wörtlich in die Landschaft, die man in Israel um sich sieht – blühende Gemeinden, Menschen, die ihr Leben genießen und gestalten, wiedererbaute Städte, Unabhängigkeit. Jerusalem liegt nicht in Scherben und blutet, wie bei Prophet Jeremia beschrieben, dessen Klagerolle man an diesem Tag liest, sondern ist voller Lebensfreude.

Aber schaut man etwas genauer hin, so lassen sich Mangel erkennen; Steine, die noch nicht aus dem Weg geräumt worden sind, schwere Steine, die auf unserem Lebensweg als jüdisches Volk und

Das "Tor des Erbarmens" auf der östlichen Seite des Tempelbergs, zugemauert seit frühislamischen Zeiten, um die Ankunft des jüdischen Messias zu verhindern, der der Tradition nach durch dieses Tor schreiten soll. Davor wurde ein muslimischer Friedhof errichtet.
Das „Tor des Erbarmens“ auf der östlichen Seite des Tempelbergs, zugemauert seit frühislamischen Zeiten, um die Ankunft des jüdischen Messias zu verhindern, der der Tradition nach durch dieses Tor schreiten soll. Davor wurde ein muslimischer Friedhof errichtet.

unserem Schicksal lasten; Schaden, den wir uns selbst durch die Uneinigkeit zufügen; Entscheidungen, die noch immer aus einer Exilmentalität herrühren, und die somit der neuen Generation in Israel schaden, sich in geistiger Freiheit zu entfalten. Das jüdische Selbstbewusstsein, nach 2000 Jahren Exil und Zerstörung schwer angeschlagen, rehabilitiert sich langsam, und währenddessen bleibt die Welt nicht stehen. Viele Herausforderungen erwarten uns, und manche werden schmerzhafter sein, als wir uns es vorgestellt haben mögen.

Dieser Tag dient dazu, sich auf das „halbleere Glas“ zu konzentrieren, im Gegensatz zu den restlichen 364 Tagen, an welchen wir immer wieder aufgerufen werden, sich das halbvolle Glas anzuschauen. Heutzutage ist die Trauer- und Gedenkkultur von vielen wichtigen und förderlichen Elementen entleert worden; man wird praktisch überall, im Netz, in Büchern und von der Umgebung, dazu „gezwungen“, sich mit positiven Dingen zu befassen. Ob es aus einer Gleichgültigkeit herrührt, die sich in der heutigen Zeit breitmacht, oder aus dem Wunsch heraus, anstatt zu trauern, Dinge voranzutreiben – ich weiß es nicht. Ich weiß aber wohl, dass das Wertschätzen des Gegebenen darauf beruht, dass man im Blick behält, dass es nicht selbstverständlich ist; dass es auch andere Perioden gegeben hat und warum man sich vor ihnen hüten sollte – und auch dass es trotz allem positiven Denken einen Unterschied gibt zwischen dem Guten, was gegeben ist, und dem Guten, das man anstrebt.

Der Wunsch nach Trost, nach der Erfüllung der Sehnsucht, der Gedanke daran, wie man sich diese zu eigen machen kann – all das sollte in den Köpfen kreisen, wenn man den Fastentag des 9. Aw begeht.

Die Ausweisung von jüdischen Bewohnern aus den Ortschaften von Gush Katif im Gazastreifen im Jahr 2005 – insgesamt an die 8000

Die Zerstörung der Ortschaften in Gush Katif durch die israelische Armee, nach Ausweisung der jüdischen Bewohner, August 2005. Quelle: Gush Katif Museum
Die Zerstörung der Ortschaften in Gush Katif durch die israelische Armee, nach Ausweisung der jüdischen Bewohner, August 2005. Quelle: Gush Katif Museum

Menschen – fand rund um den 9.Aw, August 2005, statt. Die herzzerreißenden Bilder aus dieser Zeit – eine Tat gewaltigen Ausmaßes und von gewaltiger Dummheit für den israelischen Staat – haben sich jedem ‚Siedler‘ und auch sonst ins kollektive israelische Gedächnis eingeprägt und dienen als bittere Erinnerung daran, dass das Land noch immer nicht zur Ruhe gekommen ist.

Manchmal reichen schon die Aufnahmen vom Tempelberg in Jerusalem, dem allerheiligsten Ort für das jüdische Volk und die jüdische Religion (es ist nicht die Klagemauer/Westmauer!), um zu verstehen, wie weit die vollständige Befreiung von äußeren Zwängen und fremder Gewalt liegt:  So die Aufnahme dieses weinenden jüdischen Besuchers auf dem Tempelberg in den letzten Tagen, welcher aufgrund der Tatsache, dass er weinte, von dem

Jüdischer Israeli (Mitte) wird von einem Waqf-Hüter (links) und einem israelischen Polizisten vom Tempelberg ausgewiesen, nachdem er dort geweint hat. Quelle: Twoday.co.il
Jüdischer Israeli (Mitte) wird von einem Waqf-Hüter (links) und einem israelischen Polizisten vom Tempelberg ausgewiesen, nachdem er dort geweint hat. Quelle: Twoday.co.il

jordanischen Waqf-Aufsichtshüter vom Ort verjagt wurde, der  israelische Polizei dazu zwang, diesen vom Tempelberg herunter zu holen. Für jüdische Besucher besteht laut den Richtlinien des jordanischen „Waqf“ (Einrichtung für Hütung der muslimischen Heiligenstätten) ein striktes Gebetsverbot auf dem Tempelberg – jedes Wort, Murmeln, Geste und in diesem Fall auch Tränen als Ausdruck von Gebet bzw.Verbindung zu diesem Ort  werden von den Waqf-Angestellten sanktioniert und oft mit Gewalt beantwortet. Die israelische Regierung fügt sich diesem Abkommen mit Jordanien und unterbindet nicht die rassistische Behandlung von ausschließlich jüdischen Besuchern durch den Waqf, sondern unterstützt diese durch die eigenen Polizeikräfte. Selbst die UNESCO veröffentlichte im April 2016 eine Resolution, in welcher sie jegliche Verbindung zwischen der jüdischen Religion mit dem Tempelberg leugnete und diesen ausschließlich den Muslimen als heilig zuschrieb – im kompletten Gegensatz zu den Aussagen im Quran (geschweige denn archäologischen Quellen und jüdischen Schriften), welcher auf die Existenz des jüdischen Tempels und den Heiligenstatus des Ortes für die Juden hinweist.

Wie gesagt, es gibt noch vieles, worüber man nachdenken sollte, woran man sich erinnern und daraus Schlüsse ziehen sollte.

Jetzt geht der Tag zu Ende. Die Männer bei uns in der Karavansiedlung haben das Abendgebet beendet, man hörte aufmunternde Gesänge aus der Synagoge, und jetzt darf man endlich essen und trinken, bügeln, waschen, Musik hören, lachen, sich freuen, alles, was zu einem guten Leben dazugehört. Vor allem – man darf sich endlich auf das halbvolle Glas berufen und hoffen, dass bis zum nächsten Monat Aw sich Dinge zum Positiven wenden werden. Für uns, für das Land und im Endeffekt auch für die ganze Welt.

Le’chaim!

Gute Weine aus Judäa&Samaria

Vor einigen Tagen habe ich den Machane-Yehuda Markt in Jerusalem besucht und bin dort in eine Weinhandlung hineingegangen. Zu meiner großen Überraschung fand ich dort Regale über Regale gefüllt mit seltenen Weinen, die ich sonst kaum in anderen Weinhandlungen zu finden scheine – und all diese aus den verschiedenen Weinkellereien von Judäa und Samaria!

Um nur einige Namen zu nennen:

Gva'ot-Wein und Lone Oak
Gva’ot-Wein und Lone Oak

Die Gewürzstraminer „Gva’ot“ und „Lone Oak“ aus den Weinkellereien von Gevaot und Gush Etzion, in meiner Nachbarschaft; der Cabernet Sauvignon „Jozef“ aus Har

Jozef-Wein aus Har Bracha
Jozef-Wein aus Har Bracha

Bracha in Samaria, der Cabernet-Merlot „Makhpela“ aus den Hebron Heights Winery, ein Wein aus der Weinkellerei in Shilo und natürlich die preisgekrönten Weine aus Psagot.

Makhpela-Wein aus Hevron
Makhpela-Wein aus Hevron
Lone Oak und Nahal Hapirim aus Gush Etzion
Lone Oak und Nahal Hapirim aus Gush Etzion

 

 

 

 

Warum preisgekrönt? Weil gerade die Weine aus der Weinkellerei in Psagot, Binyamin-Gebiet (Südsamaria), bei verschiedenen internationalen Weinfestivals Auszeichnungen und Preise abräumten, unter anderen auf dem internationalen Mittelmeer-Weinfestival  terravino 2009, als der Cabernet Sauvignon von Psagot die goldene Medaille holte, oder auf dem  von französischen Winzern veranstalteten Wettbewerb des Weinportals degustations.com im Dezember

Psagot-Wein
Psagot-Wein

2013, bei welchem 8 Weinsorten aus der Psagot-Kellerei die ersten drei Plätze errungen haben – und das, ohne zu wissen, dass die Weine aus den verpönten „besetzten“ (oder auf französisch gar „kolonialisierten“) Gebieten auf „geraubtem palästinensischen Land“ gewachsen waren!

Das war natürlich alles noch vor der Kennzeichnungspflicht der EU für Produkte hinter der „Grünen Linie“. Heute, sollte die Herkunft der Weine allen offengelegt werden, würden so manche Weinfestivals wohl auf erstklassige Weine verzichten müssen…

 

 

Siedlermusik. Odelia Berlin

Ich habe momentan kein großes Interesse daran, mich in politische Themen zu vertiefen. Daher folgt lieber ein Beitrag zur Kultur und Gesellschaft. Weiter geht es also in der Reihe „Siedlermusik“. Eine Einführung dazu findet ihr hier


Odelia Berlin. Quelle: ACUM
Odelia Berlin. Quelle: ACUM

Odelia Berlin. 

Kaum eine andere Sängerin und Musikerin repräsentiert moderne  jüdische Musik in der nationalreligiösen Frauenwelt mehr als Odelia Berlin, die 34-jährige Sängerin, Komponistin und Lehrerin der Mittelstufe aus Jerusalem. Odelias Name taucht schon mehr als sechs Jahre lang alljährlich auf den Aushängebrettern von Straßenecken, Instituten und Schulen auf, wo für ihre Konzertreihe „Achila“ (Ich sehne mich) vor dem Versöhnungstag, dem höchsten jüdischen Feiertag, geworben wird. Sie selbst musiziert seit ihrer Kindheit, und vor mehr als zehn Jahren schuf sie sich ihren Namen als Gründerin des Frauenensembles „Tefilat Haderech“ (Gebet für den Weg). Seitdem ist moderne israelische, persönliche und liturgische Musik ihr Métier, und ihr Publikum wächst  Jahr für Jahr.

Wer ist Odelia?

Eins von sechs Kindern des bekannten israelischen Klarinettisten und Klezmer-Musiker Moshe (Mussa) Berlin, der seinerzeit mit Rabbiner und Musiker Shlomo Carlebach lernte und mit Klezmer-Ikone Giora Feidman auftrat. Familie Berlin lebte lange Zeit in der Siedlung Elkana (Südsamaria-Binyamin), Mussa Berlin trat bei den Musikfestivals von Elkana auf.  Später zog die Familie nach Alon Shevut in Gush Etzion (Judäa), weil sie zwei weitere Kinder mit Behinderungen adoptierten und diese in besondere Einrichtung in der Region geschickt werden mussten. Auch Odelia fand sich in der Musikwelt wieder, und musizierte ab dem vierten Lebensjahr – so erfährt man aus einem ihrer Interviews. Sie lerne klassisches Klavierspielen, widmete sich anschließend dem Keyboard und schrieb Liedtexte, ließ sich aber parallel auch als Lehrerin ausbilden.

In 2006 – da war sie knapp 24 und hatte sich erst vor Kurzem dem Traum erfüllt, mit ihrem Vater auf einer Bühne gemeinsam aufzutreten – sprach sie mit einer Freundin über die Idee eines eigenen Konzertes vor weiblichem Publikum. Durch diese Idee knüpfte sie zahlreiche Kontakte, doch anstatt ein eigenes Konzert zu planen, bekam immer mehr die Idee der Gründung eines Ensembles ihre Form.

So entstand „Tefilat Haderech“. Das Ensemble war erfolgreich und bildete mehrere Jahre lang das Fundament für Odelia Berlins Wirken in der Musikszene. Der Weg für eine Solokarriere wurde aufbereitet und das Publikum war schon geschaffen: Traditionelle und religiös orientierte Frauen, Frauen mit Interesse und Gespür für spirituelle, emotional betonte Musik und abstrakten Motiven.

Quelle: INN
Quelle: INN

Schon zu Beginn der Karriere, bei der Gründung des Ensembles, war es für Odelia und ihre Mitsängerinnen klar, in welchem Rahm sie auftreten würden – und zwar nur für weibliches Publikum. Dasselbe sollte später auch für ihre Solokarriere gelten:

Als ein religiöses Mädchen hatte ich keine großen Zweifel, ob ich vor gemischtem oder nur weiblichen Publikum auftreten würde. Mein Weg war mir klar – Auftritte nur vor Frauen„,

erzählte sie in einem Interview der Plattform „Kipa“ in 2011.

Was aber ist das Problem von weiblichem Gesang und männlichem oder gemischten Publikum? 

Das jüdische Religionsgesetz, abgeleitet aus den Festlegungen im Babylonischen und Jerusalemer Talmud  (Traktate Brachot/Challa), verbietet es Männern, einen direkten Gesang von einer oder mehreren Frauen zu hören. Das wird begründet mit der Aussage „Die Stimme einer Frau ist eine Entblößung“. Zu dieser Festlegung gab es und gibt es im religionsgesetzlichen Diskurs Abwandlungen, Diskussionen, verschiedene Auslegungen und Ausführungen. Von Gemeinde zu Gemeinde und Land zu Land wurden die Details dieses Grundsatzes anders aufgenommen und ausgelegt.

Ohne sich allzu tief in halachische (religionsgesetzliche) Dispute zu begeben, lässt sich heute sagen, dass das orthodoxe Judentum (zu dem auch die nationalreligiöse Strömung gehört, der die Gesellschaft der Juden in Judäa und Samaria größtenteils angehört) einen Wert darauf legt, weiblichen Gesang von männlichen Ohren fernzuhalten. Dazu gibt es verschiedene Wege und Versionen, wie das aufzufassen sei. Das direkte Singen einer einzelnen Frau, das Singen in einem Chor, das Hören einer Frauenstimme im Radio oder Fernsehen oder durch eine Aufnahme, das Hören der Stimme einer bekannten oder unbekannten Frau oder einer, die schon verstorben ist – zu all diesen Fragen haben sich Rabbiner geäußert und  sie verschieden behandelt. Selbst politische Themen fanden ihren Eingang in die Diskussion: So der breite Diskurs der letzten Jahre um die Weigerung einiger religiöser Soldaten der IDF, die regulären Konzerte und Zeremonien bei der Armee zu besuchen, wenn dort eine Frau auftritt.

Manche mögen sich heutzutage mehr, andere weniger daran halten. Jeder Künstler und jede Künstlerin in Israel suchen sich ihr Publikum und verschaffen sich ihr Image. Allerdings haben ideologische Hintergründe ihre Konsequenzen – sie stellen Anforderungen an musikalisch begabte und an einer Sängerkarriere interessierte religiöse Frauen, welche nicht selten eine solche Karriere verhindern oder erheblich erschweren. Die meisten religiösen Frauen singen, tanzen und treten auch im Alltag nicht vor männlichem Publikum auf. Wenn sie es tun, dann nur eingeschränkt. Aus Gründen des Gemeinschaftsdruckes, der eigenen Überzeugung, der fehlenden Möglichkeit, des eigenen Bescheidenheitsgefühls. Wer einmal auf jüdischen Hochzeiten gewesen ist, der wird bei einer traditionellen Hochzeit die „Barrikaden“ zwischen zwei Teilen einer Tanzfläche bemerkt haben – die Trennung in einen Frauen- und einen Männerteil, und hinter den Barrikaden toben sich die Frauen und Mädchen in wildem Tanz und Gesängen aus, wie sie sich allerdings niemals neben den männlichen Gästen erlauben würden.

Quelle: Facebook.
Quelle: Facebook.

Zurück zu Odelia. Das religiöse Gesetz ist, laut ihr, nur ein Grund, weshalb sie sich das Frauenpublikum ausgewählt hatte. Odelia legt großen Wert auf Frauensicht, Weiblichkeit, weibliche Intuition und Empfindsamkeit. Das kommt auch immer wieder als Argument in allen Musikkritiken über sie hoch – das Element der „weiblichen Stärke“, welche sich in Intuition, Emotion und Ausdruck befindet und eben vor allem durch Gesang manifestiert, der Frauen mit Frauen vereint.

Als der letzte mediale Sturm zu diesem Thema vorbeizog, hatte auch ich mich verstärkt damit auseinandergesetzt und mich selbst geprüft, wie meine Position dazu aussieht. Sehe ich mich als eingeschränkt, diskriminiert oder unterdrückt? Die Antwort lautet  – nein. Nicht nur, dass ich mich nicht unterdrückt fühle – ich fühle mich gesegnet, ich befinde mich genau dort, wo ich sein möchte. Wenn die Wahl in meinen Händen liegen würde – ich würde selbst wählen, nur vor Frauen zu singen.“ (Kipa.co.il, 2011)

Odelia beteuert ebenso, dass das Frauenpublikum eine ganz andere Auffassungsgabe für ihre Musik entwickelt, und auf eine besondere Weise reagiert:

„Meine Zuhörerschaft versteht mich, wie nur eine Frau eine andere Frau verstehen kann.“

Und die Musik, die Odelia spielt und mit der sie Konzerthallen füllt, in welchen man nicht nur religiöse, sondern auch säkulare Frauen finden kann, setzt eben auf bekanntlich feminine Eigenschaften: Gefühlsausdruck, Impulsivität, Zärtlichkeit, Gebet.  Mit ihrer Band, welche ebenso nur aus Frauen besteht – ob nun an der Percussion oder am Klarinett oder der Geige – variiert Odelia bei ihren Aufführungen zwischen bekannten und neuen Liedern und Melodien und ermöglicht ihren Zuhörern eine individuelle Aufnahme der Musik: Tanz, Gesang, Lachen und Weinen, all das findet seinen Platz bei den Auftritten von Odelia, sei es bei privaten Aufführungen in intimen Kreisen oder in Konzerthallen wie den „Binyaney haUma“ oder dem Gérard Bachar-Zentrum in Jerusalem, im Hafen von Tel Aviv oder in einem kleinen Raum unterhalb einer ganz normalen Synagoge.

„Eine Frau, die singt, enthüllt einen Teil ihrer Seele, und genauso, wie ich es mir aussuche, mich so zu kleiden, dass bestimmte Teile meines Körpers verdeckt werden – so entscheide ich mich auch dazu, nicht vor Männern aufzutreten und diesen Teil meiner Seele vor einem gemischten Publikum nicht zu enthüllen“,

sagt Odelia, und:

„Jede Sache kann man als Einschränkung oder Ausweitung betrachten. Auch eine Schüssel hat ihre Grenzen für das Essen  festgelegt, aber sie ermöglicht es, Dinge in sich aufzunehmen (Kipa.co.il, 2011).

In einem Interview der Zeitung ‚Ha’aretz“ wurde Berlin gefragt, ob sie angesichts der religiösen Doktrin nicht eine Art Ideologie aufbaue, die ihr dabei verhelfe, der eigentlichen Unterdrückung zu entfliehen und so eine Alternativversion aufzubauen, um sich selbst und ihre Entscheidung zu legitimieren. Ihre Antwort:

„Es ist immer da – was ist meins, was ist nicht meins, wo überrede ich mich selbst. Aber de facto  sehe ich  viel Segen in meinem Tun. Ich habe ein gutes Einkommen von dem Moment an, als ich mich entschlossen habe, nur vor Frauen aufzutreten. Daher weiß ich, dass ich mich an der richtigen Stelle befinde. Obwohl ich auch dem Wunsch zum Ausbrechen habe, glaube ich daran, dass mein tatsächlicher Wunsch ist, es nicht zu tun. Weil ich innen drin fühle, dass es für mich nicht richtig wäre.“ (Ha’aretz, 2011)

Quelle: Ha'aretz
Quelle: Ha’aretz

Heute lebt Odelia in Jerusalem und hält regelmäßig Konzerte vor den Hohen Feiertagen – Yom Kippur – ab, wo sie volle Publikumssäle mit ihrer Musik in Spannung hält: Spirituelle, erhebende Klänge, Gespräche mit dem Publikum, bekannte frohe Melodien aus der Liturgie und immer wieder Tänze.  An den sogenannten „zweiten Umzügen“ nach dem Tora-Freudenfest im Herbst (im Anschluss an das Laubhüttenfest) ist ein Konzert von Odelia Pflicht geworden, in der zentralen Jerusalemer „Shlomo-Halle“ neben der Großen Synagoge Tänze zu veranstalten, die von 22 Uhr bis 3 Uhr morgens dauern und bei welchen bis zu 300 Mädchen und Frauen in der großen Eingangshalle pausenlos im Kreis tanzen. Ich war zweimal bei diesen Tänzen dabei und das Gefühl der gemeinsam tanzenden, drehenden, singenden, rufenden, springenden Menge, erfüllt mit den Liedern und der sanften Stimme von Odeliya, war belebend, begeisternd, ansteckend und blieb mir als eine unvergleichliche Erinnerung noch Jahre danach.


Als Beispiellieder für die Musik von Odelia Berlin habe ich zwei Lieder ausgewählt, eins aus ihrem ersten Album „Pfad aus Licht“ – das gleichnamige Lied. Das zweite ist ein bekannter Text aus der Liturgie zum Versöhnungstag (Yom Kippur) mit der Melodie von Akiva Hamnik.

Die Single "Pfad aus Licht" (Shvil shel Or). Quelle: Patiphon.co.il
Die Single „Pfad aus Licht“ (Shvil shel Or). Quelle: Patiphon.co.il

Shvil shel Or – Pfad aus Licht.  Deutsche Fassung: Chaya Tal

Dieser Tag, dieser Tag

Ich finde für ihn keine Worte.

Und ich finde auch keine für dich, 

Um etwas von all deinem Leid zu nehmen,

Um etwas von diesem Tag zu entnehmen.

An diesem Tag ist die Sonne verhüllt wie mit einem Tuch

Die Menschen befinden sich auf der Flucht

Große Tropfen fallen auf die Erde hernieder

Doch ist dort keine Antwort, kein Trost und kein Friede

Eines Tages, da blicken wir einmal zurück

Und entdecken den Pfad aus verborgenem Licht

Wir werden lächeln, wir werden nichts fragen, 

Wir werden verstehen. 

Eines Tages, da blicken wir einmal zurück, 

Und entdecken den Pfad des verborgenen Lichts.

 

Chamol – Erbarme Dich. Deutsche Fassung: Chaya Tal

Deiner Werke sollst Du Dich erbarmen

Deiner Schöpfung sollst Du Dich erfreuen

Die die Last deiner Gerechtigkeit tragen,

Die Dir Anvertrauen werden dir sagen:

Geheiligt bist Du, Herr

Durch alle Deine Werke

Diejenigen, die Dich heiligen

Allein dafür hast Du sie geheiligt!

Und gut ist für den Heiligen

Gut und schön und genehm

Wenn ebendiese Heiligen

Dich ehren und preisen!

 

Siedlermusik. Bini Landau

Neben Politik, aktuellen Nachrichten, Leben unter Terror und Religion gibt es weitere  interessante und vielschichtige Themen, welche ich euch, meinen Lesern /-innen,  im Zusammenhang mit dem jüdischen Leben in Judäa und Samaria näherbringen möchte. Natur und Freizeit haben wir schon etwas angeschnitten (hier und hier beispielsweise). Einige Gesellschaftsthemen, so das Thema Frauen, Studium, Karriere und Wohltätigkeit. Aber die jüdischen Israelis in Judäa und Samaria haben nach der Rückkehr in die alt-neue Heimat auch ihre eigene Kunst und Kultur entwickelt, welche langsam, aber sicher ins Bewusstsein der Obrigkeit rückt. „Siedlerkunst“ und „Siedlerkultur“ ist nichts Einheitliches, alles teilt sich in Subkulturen auf, verfolgt verschiedene Ideale und Ausdrucksweisen. Ich, als noch immer teilwese eine Außenstehende, fühle mich immer wieder voller Neugier in die neue Materie hinein. So beispielsweise in die „Siedlermusik“.

Siedlermusik? Gibt es so etwas?

(Nun ja, in den deutschen Medien ist speziell dieser Begriff noch nicht aufgetaucht, was aber nicht verwunderlich gewesen wäre, angesichts anderer Siedler-Attribute.)

Zum Thema: Wir haben junge Leute in Judäa und Samaria, sogar ziemlich viele, die in unseren Städten und Dörfern leben, sehr musikalisch sind und Musik lieben und sie mögen es auch selbst, Musik zu produzieren. Die Geschmäcker sind bei jedem verschieden und natürlich hat der Mainstream-Pop auch in die traditionsbewusste Gesellschaft nationalreligiöser Juden seinen Eingang gefunden. Es gibt aber nicht wenige unter ihnen, die ihr „eigenes Ding“ machen wollen und auch Kreativität und Talent aufweisen. In den meisten Faellen sind Künstler in ihren 20ern und 30ern, die sich entschieden haben, selbst Musik zu machen und diese auch an die Oeffentlichkeit zu bringen. Sie setzen in ihren Kompositionen in Wort und Klang  Akzente auf Tradition, Spiritualitaet, Verbundenheit zu Natur,  Idealismus und auf die Beziehung zwischen Gott und Mensch.

Die Lieder, die sie komponieren, bringen sie auf Hebräisch heraus. Die Texte, mit vielen Metaphern geschmückt, ermuntern zum Leben, zum Glauben und zur Hoffnung und drücken Liebe oder Sehnsucht zu dem Land und seiner Verbindung zum jüdischen Volk aus. Dabei machen die Musiker Gebrauch von Zitaten aus den Heiligen Schriften, ergaenzen diese und wandeln sie zu neuen Texten um. Die Musikstile selbst vermischen akustische Instrumente – dabei sind die Gitarre und verschiedene Floetenarten sehr populaer –  und neueste Soundeffekte und finden ihre Inspirationen sowohl in mediterranen, fernöstlichen als auch europäischen Klängen.

Ich möchte hier einige der beliebtesten Musiker der Juden aus Judäa und Samaria (und nicht nur dieser!)  und ihre Lieder vorstellen. Die Beispiellieder auf Hebräisch habe ich für euch ins Deutsche übersetzt, nach Möglichkeit in einer sinngemäßen Übersetzung (nicht Wort für Wort).


Quelle: Youtube
Quelle: Youtube

Fangen wir an mit Binyamin (Bini) Landau.

Bini Landau ist eine Entdeckung der letzten sechs Jahre, obschon er als Künstler seit dem Jahr 2000 verschiedenen Projekten seine Stimme und sein Können geliehen hat. Von seinen Kritikern, soweit ich es den Rezensionen online entnehmen konnte, wird er unter „authentische jüdische Musik“

mit Einflüssen aus Ethno und Rock eingeordnet. Zwei Alben hat der Musiker aus der Siedlung Havvat Ma’on in den Südhevronbergen bisher herausgebracht und in beiden Alben, „Über die Grenzen hinweg“ (2010) und „Stiftszelt/Tempel“ (2013), widmen sich seine Lieder dem Thema Spiritualität. Das Genre „jüdische Musik“ bezieht sich in Israel nicht etwa nur auf Klezmer, so wie man das aus der Musikszene in Deutschland kennt, sondern ist endlos dehnbar – darunter fallen ethnische Gesänge, von religiösen Weisen inspirierte moderne Musik, neu vertonte Texte aus der Liturgie, Kompositionen aus antiken Texten und Neuschöpfungen und das mit Einflüssen sowohl aus dem Okzident, als auch aus dem Orient.

"Nachtscherben", Single des ersten Albums von Bini Landau, 2010 (Quelle: dosmusic)
„Nachtscherben“, Single des ersten Albums von Bini Landau, 2010 (Quelle: dosmusic)

Vor der Veröffentlichung seines ersten Albums arbeitete Bini Landau mit Sängern wie Sinai Tur zusammen, so an einem Album spiritueller hebräischer Gesänge (‚Piyyutim‘ genannt). Sein Album „Über die Grenzen hinweg“ produzierte er im eigenen Studio bei sich, in Havvat Ma’on, schrieb Texte und Musik selbst, in Anlehnung das das „Hohelied Salomos“. Das Album wurde von einigen positiven Rezensionen aus der nationalreligiösen Gemeinschaft begleitet, fand jedoch keinen wirklichen Anklang und wurde unter anderem dafür bemängelt, eine geringe professionelle Qualität aufzuweisen und nach „Hügeljugend-Geplänker“ zu klingen. Zumal hatte sich Bini Landau, passend zur „Hügel-Aura“, einen alternativen Kleidungsstil, vielleicht in Anspielung auf biblische Zeiten, zugelegt – Schals, Wollhut, lange Gewänder, lange lockige Haare, Gitarre.

Album "Mishkan" (Tempel), 2013. Quelle: Wikipedia
Album „Mishkan“ (Tempel), 2013. Quelle: Wikipedia

Das zweite Album, „Stiftszelt“ (oder auch Tempel), war nicht  nach einem bestimmten Thema ausgerichtet, sondern behandelte verschiedene Aspekte, alles dennoch mit jüdisch-geistigem Bezug. 2013 kam es heraus, diesmal in einem anderen Studio und in Zusammenarbeit mit bekannten Musikern. Es beinhaltet Lieder wie „Tempel“ (Mishkan), dessen Übersetzung ich für euch weiter unten angegeben habe; das Lied „Sklaven“ (Avadim), „Glücklich ist der Mensch“ (Ashrey HaIsh), „Flügel ausbreiten“ (Lifros Knafaim), „Stille Wasser“ (Mey Menuchot) und andere. Einige der Lieder sollen Zauderern und Niedergeschlagenen Mut machen, andere die Kleinlichkeit des Seins und die menschliche Abhängigkeit davon anprangern („Sklaven“), wieder andere nutzen ganze Psalmverse, die mit Ethno- und Rockmotiven vertont wurden. Eine neuartige Form von Musik, inspiriert durch ständiges Eintauchen in die spirituell-religiöse Atmosphäre der jüdischen Siedlungen und Lerninstitute, die Verbindung zur biblischen Landschaft, das Ausprobieren alternativer Lebensstile in einsamen kleinen Dörfern oder Bauernhöfen inmitten der Berge und die konzensus-freie Mischung aus verschiedenen Instrumenten und Musikstilen.

Hier lebt Bini Landau
Hier lebt Bini Landau

Bini Landau selbst macht für sich keine große Werbung. Eine Webseite oder Facebook-Präsentation lässt sich nicht finden, Bilder gibt es nur wenige, auch Veranstaltungsposter fallen relativ bescheiden aus. Wie alt Landau ist, ob er verheiratet ist oder nicht, lässt sich ueber die reguläre Suche nicht herausfinden. Dafür muesste ich schon nach Havvat Ma’on fahren und ihn persönlich kennenlernen. Wer weiss, vielleicht mache ich das noch. Und bis dahin – hier das Lied und der Text von „Tempel“. Zur Playlist mit größerer Auswahl – hier.

Mishkan (Tempel). Deutsche Fassung: Chaya Tal

Einen Tempel bau‘ ich im Herzen für dich
Dort findest du Ruhe vom Wandern
Einen Tempel bau ich im Herzen für dich
Dort wirst du Kräfte sammeln

Den Schmerz, den du fühlst,
verspüre auch ich
Auch ich bin durch stürmische Winde gegangen
Was du erbittest
Darum bat ich für mich
Doch den Ort meines Herzens konnt‘ ich nicht erlangen

So warte, verlange und sehn‘ dich danach
Dann bleibt dir die Hoffnung erhalten
Erheb‘ deine Stimme, bete auch für mich
Lass die Verzweiflung nicht walten

Pfade, noch eben verborgen und stumm
Werden sich uns offenbaren
Die eisernen Vorhänge werden sich heben
Das Herz wird Freiheit erfahren

Dann wirst du erleben, mit all deinen Sinnen –
Solltest du all das durchhalten –
Dass Glaube Berge versetzen kann
Und ebenso Meere spalten.

 

Quellen: Kikar haIr, Kipa.co.il, Nrg.c.il, Tarbut-blog.cet.ac.il, Channel 7