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Halbleer und halbvoll: Fastentag des 9.Aw

Heute ist der Fastentag des „9.Aw“ zu Ende gegangen. Der schwierigste und erdrückendste aller jüdischen Gedenktage, welche die jüdische Tradition aufbieten kann, dauert etwa 24 Stunden lang, in welchen viele Vorschriften zu begehen sind. Die zentralste davon ist das Ess- und Trinkverbot. Der neunte Tag des Monats Aw, welcher im weltlichen Kalender generell auf einen der Tage im Monat August fällt, ist ein Trauer- und Gedenktag für sämtliche Katastrophen, die das jüdische Volk im Laufe der tausende von

Nacht auf den 14.08.16 - betende und fastende Frauen vor der West-(Klage-)mauer.
Nacht auf den 14.08.16 – betende und fastende Frauen vor der West-(Klage-)mauer.

Jahren ereilten – angefangen von dem göttlichen Dekret, das Volk 40 Jahre lang nicht ins Land Israel zu lassen, über die Zerstörung der zwei jüdischen Tempel und das darauffolgende fast zweitausendjährige Exil, und bis zu der Tragödie der Shoah.  (Hier kann man mehr über die Vorgeschichte des Fastentages und seine Bräuche lesen.)

In den letzten Jahrzehnten, in welchen der Staat Israel existiert und blüht, ist dieser Tag bei vielen Israelis und Juden auch als ein Tag des In-Sich-Gehens bekannt geworden, an welchem man gerade im Angesicht des Wiederauflebens des jüdischen Volkes darüber nachdenken möchte, weshalb es noch immer Unheil gibt, das uns hier und dort trifft; weshalb es keine Einigkeit untereinander findet, was die Situation im Land selbst gegenüber unseren Feinden angeht – und weshalb eigentlich der Dritte Tempel, trotz unserer Erfolge und Aspirationen, noch immer nicht steht. Und wie dieser wohl aussehen möge. Manche der Trauerschriften und -gebete, die man an diesem Tag liest, passen nicht mehr wörtlich in die Landschaft, die man in Israel um sich sieht – blühende Gemeinden, Menschen, die ihr Leben genießen und gestalten, wiedererbaute Städte, Unabhängigkeit. Jerusalem liegt nicht in Scherben und blutet, wie bei Prophet Jeremia beschrieben, dessen Klagerolle man an diesem Tag liest, sondern ist voller Lebensfreude.

Aber schaut man etwas genauer hin, so lassen sich Mangel erkennen; Steine, die noch nicht aus dem Weg geräumt worden sind, schwere Steine, die auf unserem Lebensweg als jüdisches Volk und

Das "Tor des Erbarmens" auf der östlichen Seite des Tempelbergs, zugemauert seit frühislamischen Zeiten, um die Ankunft des jüdischen Messias zu verhindern, der der Tradition nach durch dieses Tor schreiten soll. Davor wurde ein muslimischer Friedhof errichtet.
Das „Tor des Erbarmens“ auf der östlichen Seite des Tempelbergs, zugemauert seit frühislamischen Zeiten, um die Ankunft des jüdischen Messias zu verhindern, der der Tradition nach durch dieses Tor schreiten soll. Davor wurde ein muslimischer Friedhof errichtet.

unserem Schicksal lasten; Schaden, den wir uns selbst durch die Uneinigkeit zufügen; Entscheidungen, die noch immer aus einer Exilmentalität herrühren, und die somit der neuen Generation in Israel schaden, sich in geistiger Freiheit zu entfalten. Das jüdische Selbstbewusstsein, nach 2000 Jahren Exil und Zerstörung schwer angeschlagen, rehabilitiert sich langsam, und währenddessen bleibt die Welt nicht stehen. Viele Herausforderungen erwarten uns, und manche werden schmerzhafter sein, als wir uns es vorgestellt haben mögen.

Dieser Tag dient dazu, sich auf das „halbleere Glas“ zu konzentrieren, im Gegensatz zu den restlichen 364 Tagen, an welchen wir immer wieder aufgerufen werden, sich das halbvolle Glas anzuschauen. Heutzutage ist die Trauer- und Gedenkkultur von vielen wichtigen und förderlichen Elementen entleert worden; man wird praktisch überall, im Netz, in Büchern und von der Umgebung, dazu „gezwungen“, sich mit positiven Dingen zu befassen. Ob es aus einer Gleichgültigkeit herrührt, die sich in der heutigen Zeit breitmacht, oder aus dem Wunsch heraus, anstatt zu trauern, Dinge voranzutreiben – ich weiß es nicht. Ich weiß aber wohl, dass das Wertschätzen des Gegebenen darauf beruht, dass man im Blick behält, dass es nicht selbstverständlich ist; dass es auch andere Perioden gegeben hat und warum man sich vor ihnen hüten sollte – und auch dass es trotz allem positiven Denken einen Unterschied gibt zwischen dem Guten, was gegeben ist, und dem Guten, das man anstrebt.

Der Wunsch nach Trost, nach der Erfüllung der Sehnsucht, der Gedanke daran, wie man sich diese zu eigen machen kann – all das sollte in den Köpfen kreisen, wenn man den Fastentag des 9. Aw begeht.

Die Ausweisung von jüdischen Bewohnern aus den Ortschaften von Gush Katif im Gazastreifen im Jahr 2005 – insgesamt an die 8000

Die Zerstörung der Ortschaften in Gush Katif durch die israelische Armee, nach Ausweisung der jüdischen Bewohner, August 2005. Quelle: Gush Katif Museum
Die Zerstörung der Ortschaften in Gush Katif durch die israelische Armee, nach Ausweisung der jüdischen Bewohner, August 2005. Quelle: Gush Katif Museum

Menschen – fand rund um den 9.Aw, August 2005, statt. Die herzzerreißenden Bilder aus dieser Zeit – eine Tat gewaltigen Ausmaßes und von gewaltiger Dummheit für den israelischen Staat – haben sich jedem ‚Siedler‘ und auch sonst ins kollektive israelische Gedächnis eingeprägt und dienen als bittere Erinnerung daran, dass das Land noch immer nicht zur Ruhe gekommen ist.

Manchmal reichen schon die Aufnahmen vom Tempelberg in Jerusalem, dem allerheiligsten Ort für das jüdische Volk und die jüdische Religion (es ist nicht die Klagemauer/Westmauer!), um zu verstehen, wie weit die vollständige Befreiung von äußeren Zwängen und fremder Gewalt liegt:  So die Aufnahme dieses weinenden jüdischen Besuchers auf dem Tempelberg in den letzten Tagen, welcher aufgrund der Tatsache, dass er weinte, von dem

Jüdischer Israeli (Mitte) wird von einem Waqf-Hüter (links) und einem israelischen Polizisten vom Tempelberg ausgewiesen, nachdem er dort geweint hat. Quelle: Twoday.co.il
Jüdischer Israeli (Mitte) wird von einem Waqf-Hüter (links) und einem israelischen Polizisten vom Tempelberg ausgewiesen, nachdem er dort geweint hat. Quelle: Twoday.co.il

jordanischen Waqf-Aufsichtshüter vom Ort verjagt wurde, der  israelische Polizei dazu zwang, diesen vom Tempelberg herunter zu holen. Für jüdische Besucher besteht laut den Richtlinien des jordanischen „Waqf“ (Einrichtung für Hütung der muslimischen Heiligenstätten) ein striktes Gebetsverbot auf dem Tempelberg – jedes Wort, Murmeln, Geste und in diesem Fall auch Tränen als Ausdruck von Gebet bzw.Verbindung zu diesem Ort  werden von den Waqf-Angestellten sanktioniert und oft mit Gewalt beantwortet. Die israelische Regierung fügt sich diesem Abkommen mit Jordanien und unterbindet nicht die rassistische Behandlung von ausschließlich jüdischen Besuchern durch den Waqf, sondern unterstützt diese durch die eigenen Polizeikräfte. Selbst die UNESCO veröffentlichte im April 2016 eine Resolution, in welcher sie jegliche Verbindung zwischen der jüdischen Religion mit dem Tempelberg leugnete und diesen ausschließlich den Muslimen als heilig zuschrieb – im kompletten Gegensatz zu den Aussagen im Quran (geschweige denn archäologischen Quellen und jüdischen Schriften), welcher auf die Existenz des jüdischen Tempels und den Heiligenstatus des Ortes für die Juden hinweist.

Wie gesagt, es gibt noch vieles, worüber man nachdenken sollte, woran man sich erinnern und daraus Schlüsse ziehen sollte.

Jetzt geht der Tag zu Ende. Die Männer bei uns in der Karavansiedlung haben das Abendgebet beendet, man hörte aufmunternde Gesänge aus der Synagoge, und jetzt darf man endlich essen und trinken, bügeln, waschen, Musik hören, lachen, sich freuen, alles, was zu einem guten Leben dazugehört. Vor allem – man darf sich endlich auf das halbvolle Glas berufen und hoffen, dass bis zum nächsten Monat Aw sich Dinge zum Positiven wenden werden. Für uns, für das Land und im Endeffekt auch für die ganze Welt.

Le’chaim!

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Zionistischer Siedlerkolonialismus…

Ach ja. Nicht neu, der Begriff. In allen seinen Abarten und Wandlungen. Die Überschrift hier will jedoch nicht andeuten, dass ich mich im neuesten Beitrag mit dem Begriff befassen möchte; das wäre mir, ehrlich gesagt, zu blöd.

Nein, der „zionistische Siedlerkolonialismus“ ist ein Untertitel des Buches einer gewissen Petra Wild, einer deutschen Islamwissenschaftlerin und Palästina-Aktivistin, über die ich bei einer lässigen Google-Suche schon gleich  viel erfahren konnte, und das nur auf den ersten Blick (man stelle sich den zweiten und den dritten vor…oder lieber nicht).  Das Buch heißt „Apartheid und

Petra Wild.
Petra Wild.

ethnische Säuberung in Palästina“, eine 240 Seiten langes Hetzpamphlet mit Wissenschaftsanspruch aus dem Jahr 2013. Rezensionen dazu finden sich auf Hagalil (negativ), Promedia (positiv, verfasst vom Verlag) und  in der Süddeutschen Zeitung (wen überrascht es? – Positiv).

Warum kümmert mich aber eine „Islamwissenschaftlerin und freie Autorin“ Petra Wild?

pgd-djp-palaestinasalonEigentlich nur, weil die Dame heute in Berlin um 16 Uhr in Berlin, in den Räumen der „Palästinensischen Gesellschaft in Deutschland“ (Wissmannstraße 9) ihren Vortrag mit dem Titel „Boykott versus israelische Siedlungen“ halten wird. Man darf raten, für welche Option sie sich aussprechen wird. Das Ganze im Rahmen einer wunderbaren Initative namens „Palästina Salon“. Welche Themen der „Salon“ erörtert, könnt ihr hier auf dem Flyer lesen: Eigentlich alles zwischen „LIteratur, Kunst, Kultur“, „Apartheids Mauer (sic!)“, „illegale Siedlungen“ und „historische Geschichte Palästinas“. palaestinasalon

Frau Wild wurde übrigens im Laufe ihrer Karriere auch vom berühmt-berüchtigten KenFM interviewt, und natürlich vom Professor Moshe Zuckermann, einem „Israelkritiker“ herzlich rezensiert. Ein Blick auf die Wikipedia-Darstellung von Zuckermann und dem richtigen Lesen der politisch-korrekten Codes („Israelkritiker“, „Antisemit! Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument“, „Was heißt Solidarität mit Israel?“ „Die Ideologie der israelischen Rechten“) reicht vollkommen.

Was will ich mit dem Beitrag bezwecken, fragt ihr euch vielleicht?
Nun, zumindest einen kurzen Blick in die Israelhass-Szene Deutschlands gewähren und auf diese Entwicklungen aufmerksam machen, die sich in letzter Zeit ziemlich gut fortzupflanzen geschafft haben (als würden sie das Demographieproblem der deutschen Gesellschaft aufholen wollen). Es gibt verstärkte Antiisrael-Aktivitäten, vor allem in der Hauptstadt, aber auch woanders. BDS und andere Arten von Boykott-Unterstützung und DIffamierung schießen aus dem Boden, sind gut miteinander vernetzt und ziehen sowohl Junge als auch Alte an.

Mein Rat – gebt einfach Acht, und fallt nicht auf reißerische Veranstaltungstitel ein. Im Endeffekt ist das immer nur derselbe griesgrämige alte Kaiser in immer wieder neuen Kleidern schlechter Qualität, aber dafür aus leuchtenden Farben.

 

Randbemerkung. Zensur in Deutschland.

In diesen Tagen bin ich unwillkürlich Mitwisser eines Zensurfalls geworden, der mich etwas aufgewühlt hat. Es hat nicht wirklich etwas mit Siedlern zu tun, aber der Betroffene ist ein guter Freund von mir. Es hat auch nichts mit Israel zu tun, aber im Fall dreht es sich um Juden. Ohne Namen zu nennen, Linkverweise zu geben, auf bestimmte Medien hinzuweisen, möchte ich nur sagen, dass ich nun ein weiteres Mal aus meinem nahen Umfeld die Bestätigung bekommen habe, dass deutsche Medien zensieren. Nein, nicht die Redakteure, die einen Artikel von seinen wesentlichen Inhalten befreien, oder durch ihre Schlagzeilen den Inhalt verdrehen, das ist alles hinreichend bekannt und gar nicht mehr Aufsehen erregend. Es geht um tatsächlich schwerwiegenden Eingriff in die Meinungsfreiheit und das Recht der Öffentlichkeit auf Wissen.

Die letzten mir persönlich gut bekannten Fälle waren Tuvia Tenenbom, dessen ZEIT-Redakteur ihn mehrfach versucht hatte, vor dem Druck seiner Kolumnen oftmals den Inhalt zu verbieten. Auch kennt jeder, der ein wenig Berührung mit dem Buch „Allein unter Deutschen“ gehabt hatte, die Geschichte, dass der erste Verlag, Rowohlt, das Buch ehemals gar nicht drucken wollte, ohne zuvor Zensur an den Aussagen einiger Interviewpartner von Tenenbom vorzunehmen. Tenenbom pfiff darauf, und ließ es woanders abdrucken. Das Buch wurde Bestseller, der störrische Verlag wurde blamiert, und die ZEIT-Kolumnen wurden beinahe alle im Originalformat abgedruckt. Erfolgsgeschichte von einem Mann mit  Mut zu Nachdruck.

Der andere Fall war der des Ulrich Sahm, an die 40 Jahre lang Korrespondent bei sämtlichen deutschen Medien zum Thema Nahost, zuletzt bei n-tv. Wohnhaft in Israel. Spätestens seit der Eröffnung der Facebook-Gruppe „Ulrich Sahm zurück ins deutsche Fernsehen“ müsste die Öffentlichkeit wissen, dass Ulrich Sahm nicht mehr in den nationalen deutschen Medien zu finden ist. Er wurde von dort verbannt, und das nachhaltig bei sämtlichen Presseorganen, und das wegen seiner pro-israelischen Haltung. Die Details zu seiner Entlassung kann Ulrich bei Gelegenheit selbst bestätigen. Das erschwert heutzutage für den auch nicht mehr so jungen, aber noch immer auf außergewöhnlich hohem Niveau stehenden Experten die Veröffentlichung seiner Recherchen, und offenbart die ideologische Korruption seiner ehemaligen Arbeitgeber. Aber auch er hat seine Nische gefunden. Es gibt private Netzwerke wie Audiatur Online, und zum Glück hat Ulrich Sahm einen guten Namen bei dem gemeinen Volk und unternimmt regelmäßig Vortragsreisen in Deutschland, und es gibt Leute, die ihn hören wollen. ich würde mich nicht wundern, wenn es in der nächsten Zeit noch mehr davon geben wird – vorausgesetzt, Ulrich wird nicht davon absehen, weiterhin unerschrocken seine Recherchen und Kritik öffentlich zu machen. Solche, die die nationalen Medien nicht bei sich in den Publikationen sehen wollen.

Nun ist mein anonymer Freund, den ich zu Beginn erwähnt habe, weder Tuvia Tenenbom noch Ulrich Sahm, sondern nur ein Mensch mit einer bestimmten Funktion, und auch noch Jude.  Und als Jude mit Funktion, sozusagen „Funktionsjude“ (liebe nichtjüdischen Nichtzyniker, verzeiht den jüdischen Zynismus), kam er neulich mit den deutschen Medien in Kontakt, und wurde sogar von einem solchen Medium zu seinen Ansichten gefragt. Nach den neuesten Ereignissen wurde es auch in Deutschland von Interesse, was Juden in ihren Gemeinden von ihrem Leben halten. In Frankreich sagen die Juden das offen – wir fühlen keine Sicherheit, wir wandern aus, und die ersten Gruppen nach der Attacke am 13.11 kamen schon angereist (Ynet berichtete). So wurde mein Freund befragt, aber das, was er zu antworten gedachte, gefiel dem Journalisten nicht. Er wurde gebeten, seine Antworten zu revidieren. Revidieren? Ja, denn die Antwort, die er gegeben habe, würde den Terror mit dem Islam in Zusammenhang bringen. Mit dem Islam? Islamistischer Terror mit dem…? Ja. Und so musste mein Freund die Antwort umändern, und als er das tat und aus der ehemals deutlich formulierten Antwort ein geschmacks- und geruchlose Suppe geworden war, da war der Journalist sichtlich zufrieden, und brachte das einvernehmliche Endergebnis ans Volk.

Als ich das Ergebnis sah, wusste ich, dass irgendetwas faul war. Aus Privatschutzgründen kann ich es leider nicht mit euch teilen. Denn mein Freund wollte zwar noch nie ein „Funktionsjude“ sein, und noch weniger ein „Hofjude“, wie viele (und leider auch ich) so manche  jüdische Funktionäre in Deutschland und andernorts schimpfen, wenn diese das sagen, was die Politkorrektheit hören möchte. Aber er entsagte sich auch nicht des Interviews und bestand darauf, dass die Affäre nicht publik gemacht werden sollte. Und so wie hier, wissen wir nicht, sofern uns das nicht zufällig über den Weg läuft wie mir, wie viele andere öffentlich zitierte Menschen dazu gebracht wurden, ihre Meinungen zensiert und umgeschrieben zu bekommen. Und damit einverstanden gewesen waren, aus Angst, ihren Namen, ihre Stelle, ihren Einfluss? zu verlieren. Denn dann werden sie auch das bisschen Gutes, das sie im kleinen Umfeld vielleicht noch bewirken können, nicht mehr tun können.

Und für uns von außen, die wir nicht immer hinter den Kulissen sein können, erscheint alles freundlich und harmonievoll, und aufeinander abgestimmt. Manchmal sagen wir auch, abwinkend, „die wurden dafür bezahlt“. Mein Freund wurde für das Schwanzeinziehen, vor das er gestellt wurde, nicht bezahlt.Und so sehr ich mich für sein Schwanzeinziehen schäme, so tut es mir auch weh, zu wissen, wie sehr Zensur Teil unseres Alltags darstellt. Und dass viele gute Menschen, die etwas mehr zu verlieren haben als Blogger wie ich, vor ihrer Diktatur einknicken.

Es ist keine allzu große Leistung, als Privatperson einen Blog aufzumachen (in meinem Fall sogar in einem fernen Land) und dort all das frei heraus zu posaunen, was die öffentlichen Medien bei sich nicht haben wollen. Mein Blog hat nun beinahe 70.000 Besucher, fast 1000 Kommentare, ich bekomme wöchentlich und manchmal mehrmals in der Woche private Mails mit Lob und Unterstützung, werde interviewt und führe Gespräche mit deutschsprachigen Gruppen im Namen einer Bundesinititative (BpB, siehe hier). Und als Bloggerin und Privatperson sage ich dort das, was ich mit meinem Gewissen vereinbaren kann, und niemand schreibt mir vor, was ich zu sagen habe. Es mag mutig klingen – aber eigentlich ist es das nicht. Denn ich brauche keine Konsequenzen zu fürchten – nicht von der Zielgruppe, für die ich schreibe und vor welcher ich auftrete.

In Deutschland sitzen Menschen mit klugen Gedanken und guten Herzen, und auch sie würden gerne das sagen, was ihnen auf den Lippen liegt und in der Seele schmerzt. Aber Deutschland scheint kein Land zu sein, das Diskussion stärkt, das Nonkonformismus akzeptiert, in welchem ein Konzensus einfach übergangen werden kann. Ein wenig haben die sozialen Netzwerke den staubigen Vorhang, der die deutsche Meinungsfreiheit umhüllt, angehoben. Aber der Lichtstrahl, der unter dem Vorhang hervorbricht, ist noch zu klein, und die Luft noch immer nicht erstickend genug, als dass Menschen effektiv nach Frischluft suchen würden.

Zensur hin oder her. Jeder ist im Endeffekt verantwortlich für das, was er sagt, schreibt, oder zu sagen und zu schreiben unterlässt. Jeder hat nur die Kräfte, die ihm zur Verfügung stehen, um etwas zu bewirken, und die nur eigene freie Wahl. Ein jüdisches Sprichwort besagt, „wenn Zusya in den Himmel kommt, wird Gott ihn nicht fragen, ‚wieso bist du nicht wie der Prophet Moses gewesen?‘, Er wird ihn fragen, ‚wieso bist du nicht Zusya gewesen?'“

Ich habe mit euch in dieser Randbemerkung diese Episode aus meinem Alltag geteilt, weil es mich persönlich berührt und getroffen hat, und ich würde wollen, dass wir, vor allem auch ich, etwas aus dieser Geschichte mitnehmen.

Was, das kann jeder für sich selbst entscheiden. Die Gedanken sind schließlich frei.

 

Paris im Krieg. Zum IS-Attentat am 13.11.

Mein simples menschliches Mitgefühl kämpft in diesem Stunden mit dem „Man hat euch gewarnt“-Zyniker in mir, seit dem Moment, als ein Freund mir nach einem technik-losen Shabbat von dem Massaker in Paris mitteilte. Und im Hintergrund dieses inneren Kampfes senkt sich ein dumpfes Gefühl in die Magengegend, das sich irgendwo zwischen Ernsthaftigkeit, Bereitschaft und

Opfer des Pariser Attentats im Bataclan-Theater, 13.11.15. Quelle: Web
Opfer des Pariser Attentats im Bataclan-Theater, 13.11.15. Quelle: Web

Ausweglosigkeit bewegt und sich nicht festlegen will. Schwere Tage erwarten die Menschen in Frankreich, und ich kann es niemandem verdenken, der emotional betroffen sein Facebook-Avatar in Frankreichs Nationalfarben umändert, um den persönlichen Gefühlen von Trauer und Verwirrung einen Ausdruck zu verleihen,

Opfer des Pariser Attentats im Bataclan-Theater, 13.11.15. Quelle: Web
Opfer des Pariser Attentats im Bataclan-Theater, 13.11.15. Quelle: Web

oder Bilderchen mit Solidaritätssäzen verbreitet – noch hat sich keiner adäquate Online-Reaktionen zu vergleichbaren Ereignissen ausgedacht. Das Attentat hat so viele wie aus heiterem Himmel getroffen. Schock, Trauma, und ein Unwissen darum, was zu tun. Vor allem für diejenigen vor Ort, oder auch die auf demselben Kontinent, Europa.

Opfer des Pariser Attentats im Bataclan-Theater, 13.11.15. Quelle: Web
Opfer des Pariser Attentats im Bataclan-Theater, 13.11.15. Quelle: Web
Hier, in Israel, hat dieses Attentat viele nicht überrascht. Aus einer Position heraus, in der wir als Bevölkerung und als Staat tagtäglich mit Dingen konfrontiert werden, die in Europa eher ein angstvolles Zittern hervorrufen – Terroristen, Waffen, Bomben, Polizei und Armee – ist die Auffassungsfähigkeit und die gedankliche Einordnung einer solchen Tat eine ganz andere. Durch die physische und politische Distanz, und bei einem wachen Bewusstsein für die Verhältnisse im Nahen Osten, haben wir mit einer großen Besorgnis und einem Unglauben die europäische Politik  – auch die Frankreichs – gegenüber der steigenden Terrorbedrohung verfolgt. Die wahllose Aufnahme von muslimischen Einwanderern, die fehlende Abschreckung vor Terror im eigenen Land, die religiös und national motivierte Gewalt in den Problemvierteln von Paris und anderen Städten, die steigenden Angriffe auf die jüdische Gemeinschaft in Frankreich und ganz Europa, und die immer wiederkehrenden Warnungen der Terroristen selbst – „wir kommen zu euch, um euch zu kriegen“ : All das wurde auf gesellschaftlicher und politischer Ebene hartnäckig ignoriert – und offensichtlich nicht nur die Öffentlichkeitsmeinung repräsentierenden Organe haben im Angesicht vom Terror auf den Pariser Straßen und im Bataclan-Theater am 13.11. versagt, sondern auch die für die Sicherheit zuständigen.
Pakistaner protestieren gegen Charlie Hebdo in Peshawar, Pakistan. Januar 2015 Quelle: A.Majeed/AFP/Getty Images)
Pakistaner protestieren gegen Charlie Hebdo in Peshawar, Pakistan. Januar 2015 Quelle: A.Majeed/AFP/Getty Images)

Demnach handelt es sich nicht um ein alleinstehendes Versagen, für welches jetzt teuer bezahlt wurde. Es ist ein allgemeines und in den psychologischen und sozialen Verständnisebenen wurzelndes Versäumnis, eine fatale Fehleinschätzung der Realität des islamisch motivierten Terrors, mit welcher die westliche Gesellschaft bitter konfrontiert wird – immer und immer

Demonstration nach den Charlie Hebdo Attentat in Paris, Januar 2015. Quelle: AP Photo/Peter Dejong
Demonstration nach den Charlie Hebdo Attentat in Paris, Januar 2015. Quelle: AP Photo/Peter Dejong

wieder. „Charlie Hebdo“ ist weniger als ein Jahr her. Die Schießereien in Toulouse und Mauntaban nur drei Jahre. Die Aufstände in den „Banlieues“ von Paris – zehn Jahre. Der 11.September, die „Kriegserklärung an Amerika“, liegt nur 14 Jahre zurück. Bei allen war immer derselbe Ausgangssatz präsent und wurde gerne ignoriert: „Allahu Akbar“.

Und anstatt ein Umdenken anzugehen, sich den unweigerlich an die Oberfläche tretenden kulturellen Zusammenstoß zwischen der europäisch-christlich-sekulären und der arabisch-islamischen

Deutsche begrüßen Flüchtlinge, 2015. Quelle: Web
Deutsche begrüßen Flüchtlinge, 2015. Quelle: Web

Zivilisation genauer unter die Lupe zu nehmen, mehrten sich vom genauen Gegenteil getränkte Reaktionen: Menschen, die sich an der eigenen Freiheits-, Gleichheits- und Brüderlichkeitsliebe, trunken vom farbigen Cocktail des gedankenlosen Multikulturalismus, ergötzten und im Namen dieser Ideale jede Nüchternheit verloren – Politiker, Presse, Populisten und „das gemeine Volk“ gleichermaßen.

Schlagzeile der WELT nach dem Charlie Hebdo-Attentat, Januar 2015
Schlagzeile der WELT nach dem Charlie Hebdo-Attentat, Januar 2015

„Mein Herz blutet für meine geliebte Stadt Paris, die es den Gedankenlosen erlaubt hat, über sie zu herrschen, und sie an den Rand des Selbstmords zu bringen“, schrieb gestern der Journalist und Autor Eldad Beck zum Attentat. Auch ich finde leider kein besseres Wort als „Selbstmord“ für die Unverantwortlichkeit, welche die

Muslimischer Flüchtling mit Angela Merkel-Portrait. Quelle: Web
Muslimischer Flüchtling mit Angela Merkel-Portrait. Quelle: Web

europäische Zivilisation im Angesicht des islamischen Aufbegehrens aufbringt, und das Unverständnis von der Misslichkeit der eigenen Lage. Mit welch einer Leichtigkeit bringen Menschen das Wort „Rassismus“ in den Mund gegenüber jedem , der die schnelle und gelingende Integration von hunderttausenden Flüchtlingen in eine ihnen gänzlich fremde Kultur anzuzweifeln wagt. Mit welch einer blendenden Naivität stellen sie sich diese Integration vor! Wie frivol ignorieren sie und ihre Repräsentanten auf der Weltbühne Warnungen und Hinweise und spielen mit dem Leben von Tausenden. Und an was für einer Stufe von geistiger Stumpfheit muss man angelangt sein,  um mit ganzem Herzen zu glauben, dass eine zwanghafte

Demonstration für die Trennung von Religion und Staat in Frankreich. Quelle: Web
Demonstration für die Trennung von Religion und Staat in Frankreich. Quelle: Web

Trennung von Glauben und Alltagsleben tatsächlich eine solche bewirken wird bei Menschen, deren Alltag und Leben sich nur von diesem Glauben nähren? Dass eine Überstülpung der eigenen selbstgefälligen Glasglocke über ganze Völker und Zivilisationen, so wie die europäische Gesellschaft es seit Jahrhunderten zu tun wusste, sie vor diesen schützen wird, wenn sie kommen, um ihre Ehre und ihre Macht einzufordern? Oder denkt man im Westen, dass alle bereit sein werden, ihre Ideale für ein Ticket zu einem Rockkonzert zu verkaufen?

Angela Merkel zum Islam in Deutschland, Schlagzeile aus dem SPIEGEL. Januar 2015
Angela Merkel zum Islam in Deutschland, Schlagzeile aus dem SPIEGEL. Januar 2015

Ob IS oder Al-Qaida, ob lokale oder syrische Terroristen. Sie kamen und kommen nach Europa mit einer Ideologie, und diese Ideologie erkennt nur sich selbst an. Auch der westliche Liberalismus, der das Vakuum nach der Vertreibung der Religion aus dem europäischen Hoheitsgebiet zu füllen wusste, ist eine Ideologie, und auch er erkennt als solche nichts außer sich selbst und den eigenen Prinzipien an. Er weiß nicht, was „Dar al-Islam“ und „Dar al-Harb“ bedeuten – „Das Gebiet des Islams“ und „Das Gebiet des Krieges„. Dass Islamismus kein Phänomen eines fernen Planeten ist, dass Terror nicht nur im Osten zuhause ist, und dass es nirgendwo sicher sein kann außer dort, wo man sich darum bemüht. Und wenn „der Liberalismus“ es erfährt, will er es nicht wissen. Das erschüttert seine Grundfesten. Das ist ein Kulturschock, ein Schuss mitten ins Allerheiligste eines jeden Liberalisten und Humanisten. Der Beweis für das Versagen seiner Weltsicht, welche auf ihrem Weg zum globalen „Frieden-Freude-Eierkuchen“ einen Großteil des Globus einfach übersehen hat. Und dieser meldet sich nun, und die Menschen, die ihn besiedeln und die von dort auch nach Europa kommen und ansässig werden, glauben nicht an die Billigwaren des westlichen Liberalismus, welche ihnen  angeboten werden. Sie

"Der Schleier ist meine Wahl, meine Freiheit, mein Recht" - Demo für den Frauenschleier in Frankreich. Quelle: Web
„Der Schleier ist meine Wahl, meine Freiheit, mein Recht“ – Demo für den Frauenschleier in Frankreich. Quelle: Web

glauben an Allah, und Allah ist akbar. Der Größte. Größer als das World Trade Center, der Eiffelturm  und das Fußballstadion. Größer als die Idee des Multikulturalismus und des „Liberté, Égalité, Fraternité“. Für diesen Allah sind sie bereit, zu leben und noch eher zu sterben, und sie reißen diejenigen mit sich, die nicht bereit sind, für die eigenen Ideale zu kämpfen, weil sie nicht groß genug sind. So wie Allah.


Nein, ich glaube nicht, dass die europäische Öffentlichkeit so schnell umdenken wird, auch nicht nach 127+ Toten in Paris. Ich glaube nicht, dass sie das Prinzip von „Dar al-Islam“ und „Dar al-Harb“ verstehen und verinnerlichen wird. Ich glaube, dass der Wunsch nach Überleben bei vielen vom Drang nach Selbstaufgabe erstickt werden wird. Der Auszug aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit ist schwer, und er wird noch so manche Opfer fordern. Und bis dahin färben Facebook-User ihre Profilbilder bunt, und Menschen in Europa fragen sich, ob Europa im „Kampf gegen den Terror“, ohne zu wissen, wie ein solcher aussehen soll, trotz allem „seinen Grundsätzen treu bleiben wird“?
Ich hoffe es nicht. Für Europa.
Quelle: Web
Quelle: Web

Ein Blick nach innen. Das jüdisch-muslimische Selbstverständnis

…Es ist vier Uhr morgens. Ich stehe am Fenster. Ich bin  mitten in der Nacht aufgewacht und mache mir einen Tee. Gleich werde ich wieder ins Bett gehen. Das Fenster ist leicht geöffnet, draußen ist es ruhig, alles schläft, das Dunkel wird gleichmäßig von den Lampen der Karavans, der Schnellstraße und dem nahgelegenen Städtchen Efrat aufgehellt. Hinter der Lichtgrenze – tiefschwarze Nacht.
Und plötzlich ist es da. Ein Schall rollt langsam heran, von den Bergen, und erhebt sich in die Luft; eine Stimme, der von überall her gleichzeitig zu kommen scheint. Der Schall spaltet sich auf in verschiedene Töne, die ihn mittragen, und auf verschiedener Höhe sich zusammenfinden in eine mächtige Stimme, die sich wie eine Welle über die Umgebung auszubreiten scheint. Sie kommt näher, nimmt zu und wird dann geringer, und während eine Melodie, die sich entfernt aufzusteigen wähnt, einen nur ihr bekannten Höhepunkt erreicht hat und wieder abklingt, stärkt sie ein aufwallendes Echo, das ihr folgt und sie nicht verschwinden lässt. Und hinter diesem noch eines, und noch eines.

Das muslimische Gebet. Fünf Mal innerhalb von vierundzwanzig Stunden erschallt die Stimme des Mu’azzins in jedem arabisch-muslimischen Dorf und ruft die Gläubigen zum Gebet auf. Tagsüber wird man bei dem hohen Lautpegel, der selbst hier in den Bergen herrscht, kaum darauf aufmerksam. Wer aber wach ist, noch bevor die Sonne aufgeht, wird Zeuge dieses Phänomens.

Kein Tag, an dem er nicht ruft. Und nie ruft er allein. Ob nun eine Tonbandaufnahme, oder ein tatsächlicher Geistlicher, der rund um die Uhr seine Pflicht erfüllt, der dort in den Moscheen steht und mitten in der Nacht Menschen aus dem Schlaf zur heiligen Bestimmung reißt – es wird nicht ausgelassen. Der Mu’azzin ruft, und er ruft in jedem der umliegenden arabischen Dörfer, und er macht dies schon, seit diese hier existieren, und in jedem muslimischen Land macht er es. Worte schallen aus seinem Ruf hervor, und ich kann nicht unterscheiden, wo der Ruf zuerst beginnt, und wo er von den anderen aufgegriffen wird – in Abdallah Ibrahim, in Wadi Nis, in Bet Fajjar, in Betlehem, in El Arub, in Jjaba, Zurif, Nahalin, Bet Jjalla…? Und sie alle singen und rufen in einer Monotonie, die keinen Raum für Interpretationen lässt. Sie rufen Gott, und sie reden von der Größe Gottes, und sie holen den Propheten in ihrem Ruf vom Himmel*, und in einem gespenstischen Vielklang, der sich von jedem Hügel wiederholt und vervielfältigt, bezeugen die Rufe die Anwesenheit derjenigen, die die Botschaft von der Größe Gottes hinaustragen sollen. Die Untergebenen vor Gott**, die wahren Gläubigen. Sie tragen es in die Welt, und die, die sich nicht in ihren Reihen finden, sollen es hören und verinnerlichen.

– Zweierlei Bedeutung hat der Mu’azzin für die, die ihn hören: Wer ihm folgt – folgt dem Aufruf, in den Reihen der Armee des Weltschöpfers zu stehen, und seinen Befehlen und den Befehlen seines Gesandten, des Propheten, zu gehorchen. In allem, was er tut, sagt und denkt. Auch wenn er schläft, und der Schöpfer ruft, dann steht er auf, und schließt sich der Reihe an. Der Schöpfer steht über ihm. Es gibt kein Wenn und Aber.

Wer aber den Mu’azzin hört und nicht weiß oder nicht verstehen will, was der Schöpfer will, und wofür der Prophet hierhergekommen ist – der soll verinnerlichen und wissen – er wird gesehen, und seine Taten werden gesehen, und die Menschen, die das Wort des Schöpfers und seines Propheten erfüllen, kennen ihn. Er wird sich nicht lange davon enthalten können , nicht lange wird er die Geduld des Schöpfers strapazieren, der will, dass der Mensch, den Er geschaffen hat, ihm folgt. Seine Getreuen sind um ihn herum, und sie stehen bereit. Höre, oh Ungläubiger, was der Schöpfer dir zu sagen hat. Höre, dass sein Prophet hier gewesen ist, um dir mitzuteilen, dass du nicht tust, was der Schöpfer will. Seinen Willen willst du nicht sehen, aber seine Stimme kannst du nicht überhören. –

Und fünf Mal am Tag und in der Nacht, bei jeder Tätigkeit, übertönt der Ruf im Namen des Schöpfers der Welt alles Weltliche, und hallt von den Bergen, aus jedem Dorf. Und ich stehe am Fenster des kleinen Karavans, blicke in die Nacht hinein und begreife, wo ich lebe.
Das ist keine virtuelle Welt, und kein illusionsbeladenes Gedankenexperiment, kein Diskurs, kein Logikspiel, kein Film und keine Theorie.
Das hier ist ein Universum, in welchem jede Existenz fest verbunden ist mit dem, woher sie kommt, was sie tut, wohin sie geht.

Ich lebe mitten unter Menschen, deren gesamte Lebenssicht keinen Platz für Zweifel lässt, keine Notwendigkeit für Fragen hat und die sich nicht mit einer Suche befasst. Hier sucht niemand, und hinterfragt niemand. Hier wird gelebt, was als richtig festgelegt wurde, hier wird geboren, gekämpft und gestorben, für das, was als Wahrheit gilt. Es ist eine Entehrung der Wahrheit, eine Entehrung von allem, was wichtig ist – Gott, Familie, und man selbst – wenn man für diese nicht bereit ist, alles zu tun – das letzte Hemd hinzugeben und das letzte Hemd zu nehmen. Und diese Menschen halten fest in ihrer Hand, woran sie glauben, und sie halten sich mit Zähnen und Krallen daran, wo sie leben, und was sie haben. Sie fragen nicht, ob es gut ist, ob es strategisch ist, ob es der Sicherheit oder dem guten Ruf dient, oder ob es die Welt verbessern kann, oder Gnade oder Menschlichkeit erwirken wird oder Fortschritt bringt. Ihnen wurde gesagt, was richtig ist. Vom Vater, vom Großvater, vom geistigen Vorsteher, vom Propheten. Und selbst, wenn es der politische Funktionär der einen oder anderen Partei gewesen ist. Es ist alles eins. Alles Wille des Schöpfers, und vorgeschrieben***, und nichts kann und wird es vom Fleck bewegen –  das, was richtig ist.

Diese Menschen finden sich nicht ab mit Erklärungen von Fremden. Sie haben nicht viel, sie haben sich nie darum bemüht, viel zu haben, viel zu schaffen, viel zu bewegen. Das ist nicht die Lebensaufgabe. Lebensaufgabe ist es, zu gehorchen. Und die Ehre nicht zu Schaden kommen zu lassen. Sie sind die älteren Brüder****. Sie wissen, was sie wollen, und sie verstecken es nicht. Wie kannst du deinen Stolz und deine Ehre verteidigen, wenn du sie versteckst? Was hast du, wenn du diese nicht mehr hast? Nichts.

Die jüngeren Brüder**** hingegen suchen noch nach sich, und nach tausenden von Jahren sind sie sich nicht mehr sicher, wer sie sind, und was sie wollen. Ihre Lebensideologie ist eine andere. Die Menschen in den Karavanen, und den hübschen Steinhäusern, die sich in die Gegend gewagt haben, wollen auch nicht mehr in einer Welt von Virtualität, Illusionen und Zweifeln leben. Sie wissen, man hat ihnen das generationenlang erzählt, dass sie auf der Suche nach sich selbst sich genau hier wiederfinden werden. Auch sie kämpfen darum, die Wahrheit zu finden, und diese zu verteidigen.

Aber sie kommen aus einer Welt, die jahrhundertelang nirgendwo anders existiert hat, als im Buch. Das Volk des Buches°*. Der Gedanken, der Fragen, der Gespräche, der Zweifel und der *Abwägungen, des ständigen Prüfens und Hinterfragens – ist es gut, ist es richtig, ist es nötig, ist es förderlich, was ich im Leben tue? Habe ich Recht?
Diese Menschen sollten untergeben sein, sie sollten tun und dann sollten sie hören° und nachdenken. Aber ihr Charakter und ihr Innerstes widerstrebt sich diesem. Sie fragen. Sie streiten. Sie suchen. Sie sehen und hören und können es nicht glauben°°. Und jetzt, wo sie endlich die Möglichkeit bekommen, aus der Wanderung herauszugehen und so, wie es scheint, das Zepter zu ergreifen und zurückzukehren dorthin, woher sie zu stammen scheinen – weichen sie zurück. Und nehmen zaghaft die „Einladung“ an, aber wissen nicht, wie sie mit all dem umgehen sollen.

Ihnen gegenüber stehen ernste Menschen. Kampferprobt, und ohne Fragen. Um zu überleben, um fest auf dem Boden der Tatsachen zu stehen, brauchen sie nicht zu differenzieren. Sie sehen ihre jüngeren Brüder, die erst so spät gekommen sind, um in diesem Land, von welchem sie wissen, dass es ihr Ursprung ist, Tatsachen zu schaffen. Aber sie schaffen keine! Sie reden, sie fragen, sie zweifeln, sie halten sich am Land fest, aber sind sich nicht sicher, ob und was es bringt.

Sie verteidigen nicht die Ehre dieses Landes, und ihre Wahrheit, und den Stolz kennen sie auch nicht recht. Sie sind jung, sie haben viel erlebt, das ist wahr; aber hier in diesem Land benehmen sie sich nicht wie Hausherren, sondern wie launische Gäste, wie verträumte Mieter und wie unzufriedene Erben, die nicht um den Wert ihres eigenen Nachlasses wissen.

– Und so stehe ich am Fenster, höre mich in die Töne der Dunkelheit hinein, und ich verstehe, dass wir hier, an diesem Ort, andere Augen haben müssen, um zu sehen, andere Ohren, um zu hören, und vor allem ein Herz, das sich seiner Liebe treu sein muss. Wir, trotz unser aller Bemühungen, trotz der gewaltigen Leistung der Transplantation einer ganzen Nation in einen für uns schon lange Zeit in Totenstarre verharrten ‚Körper“°°° in so kurzer Zeit, sind noch nicht am Ziel angekommen.

Wir sind noch nicht mit der Umgebung hier verwachsen. Noch nicht in die Erde eingegangen, noch keine Wurzeln geschlagen, noch nicht verschmolzen. Wir träumen noch. Wir können nicht glauben, was wir sehen, und sehen nicht, wer neben uns ist. Wir verstehen noch nicht die Sprache dieses Ortes, trotz der Tatsache, dass wir die Ursprungssprache hier haben aufleben lassen. Aber mit den Menschen, die sich hier in unserer Abwesenheit verwurzelt und diesen Ort mitgestaltet haben, können wir nicht sprechen. Wir kennen ihre Sprache nicht, und sie verstehen nicht, weshalb sie die unsere sprechen sollen. Wir wissen, wie man die Wüste aufblühen lässt und wie man Wein aus dem Bergen bringt, aber wir wissen nicht, wie man diese verteidigt.

Denn wir kommen aus vielen Welten, und haben es uns nicht mehr und nicht weniger zum Ziel gesetzt, diese hier zu vereinen! Ein Paradies zu schaffen, in dem jeder seinen Platz haben würde! – Und haben in aller Eile und heiliger Begeisterung uns nicht die Mühe gegeben, diesen Platz für das Paradies erst fest in den Händen zu haben, dafür zu schwitzen, zu leiden, zu leben und zu sterben. Viel zu eilig sind wir, viel zu hochstrebend, viel zu visionär, viel zu abstrakt. Unsere Füße stehen unruhig auf der Erde, der Kopf ist im Himmel und die Füße wollen immer wieder auf die Leiter steigen^. Unsere Seele mag das Hier und Jetzt nicht; sie klammert sich an die Vergangenheit und träumt schon heute vom übermorgen^^. Das kann nicht jemand verstehen, der fünf Mal am Tag daran erinnert wird, dass er sich demjenigen zu unterwerfen hat, der ihm diesen Tag gegeben hat.

Noch viel haben die Juden aufzuholen, und das, so schnell es nur geht, wenn sie nicht verlieren wollen, was sie eben erst wieder entdeckt haben – ihr Selbstverständnis. Denn die Araber werden das ihre für niemanden hinterfragen. So sind die Regeln des Nahen Ostens.

 


 

Textverweise: 
* Der Ruf des Mu'azzins, der Gebetsrufers:
الله أكبر,  أشهد أن لا اله إلا الله,   أشهد أن محمدا رسول الله,    أشهد ان عليا ولي الله,   حي على الصلاة ,  حي على الفلاح,   حي على خير العمل ,  الصلاة خير من النوم,   الله أكبر,  لا اله إلا الله
Gott ist groß, ich bezeuge, dass es keine Gott außer Gott (Allah) gibt, ich bezeuge, dass Mohammed Gottes Prophet ist, ich bezeuge, dass Gott über mir und mir (meiner) ist, eilt zum Gebet, eilt und habt Erfolg, eilt zu dem vorzüglichsten Dienst, das Gebet ist vorzüglicher als der Schlaf, Gott ist groß, es gibt keinen Gott außer Gott (Allah).
** Islam, (arab.) - totale Hingabe und Unterwerfung an Gott und Seinen Wunsch.
***  Der Determinismus im Quran: "maktub" und "muqaddar" als Begriffe, die darauf deuten sollen, dass Gott 1. ein Vorwissen von allen Taten und Entscheidungen des Menschen hat, und 2. schon vorentschieden hat, was für Ereignisse geschehen werden.
****  1.Buch Moses, Kap.16, 15 - Geburt Yishma'els, Sohnes Avrahams, der als Vorvater der Araber gilt. Kap.21, 1-7 - Geburt Yitzhaks, Sohnes Avrahams, der als Vorvater der Juden/Hebräer gilt.
°*  أهل الكتاب  Das Volk des Buches. Islamischer Begriff für Anhänger der "Buchreligionen", denen Gottesoffenbarungen in einem Buch verkündet worden sind, namentlich Juden und Christen (und andere Gruppen, je nach Ausnahmen; zeitweise waren nur Juden darunter gezählt). Die Anhänger der Buchreligion sollten nach islamischem Recht nicht zwangsweise konvertiert oder bedrängt werden, sondern eine spezielle Kopfsteuer für die Befreiung von islamischen Pflichten zahlen und wurden in der muslim.Gesellschaft vom Gesetz geschützt.
° In Anlehnung an 2.Buch Moses, Kap.24, 7 - die Antwort der Juden auf das Vorlesen des Gesetzes Gottes am Berg Sinai - "wir wollen tun und wir wollen hören".
°° Ähnlich werden die Reaktionen des Volkes Israel auf den Auszug aus Ägypten, das Versprechen des Landes Israel in der Tora beschrieben. Psalm 126, 1: "Als Gott die Rückkehrer von Zion zurückbrachte, da waren wir wie Träumende." Theodor Herzl im Buch "Altneuland": "Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen."
°°° In Anlehnung an die "Vision der trockenen Knochen", Yehezkel 37: Die Prophezeihung der "Wiederbelebung der trockenen Knochen" wird im Text des Buches Yehezkel und von späteren Kommentatoren als das Wiederbeleben des Volkes Israel als Nation im eigenen Land und als Versprechen der Rückkehr aus dem Exil gesehen. (37, 11-15; 21-22)
^ In Anlehnung an 1.Buch Moses, Kap.28,12 - die Leiter im Traum von Ya'akov, dem Vorfahren der Juden, deren "Füße" auf der Erde stehen und deren "Kopf" im Himmel gründet.
^^ In Anlehnung an den Erlösungsgedanken der Glaubenssätze der jüdischen Religion. Siehe auch: Sprüche der Väter, Kap.4, 22: "Besser eine Stunde der Rückkehr und der guten Taten in dieser Welt als das ganze Leben der kommenden Welt; besser eine Stunde im Geiste der kommenden Welt, als das ganze Leben in dieser Welt."