Randbemerkung. Zensur in Deutschland.

In diesen Tagen bin ich unwillkürlich Mitwisser eines Zensurfalls geworden, der mich etwas aufgewühlt hat. Es hat nicht wirklich etwas mit Siedlern zu tun, aber der Betroffene ist ein guter Freund von mir. Es hat auch nichts mit Israel zu tun, aber im Fall dreht es sich um Juden. Ohne Namen zu nennen, Linkverweise zu geben, auf bestimmte Medien hinzuweisen, möchte ich nur sagen, dass ich nun ein weiteres Mal aus meinem nahen Umfeld die Bestätigung bekommen habe, dass deutsche Medien zensieren. Nein, nicht die Redakteure, die einen Artikel von seinen wesentlichen Inhalten befreien, oder durch ihre Schlagzeilen den Inhalt verdrehen, das ist alles hinreichend bekannt und gar nicht mehr Aufsehen erregend. Es geht um tatsächlich schwerwiegenden Eingriff in die Meinungsfreiheit und das Recht der Öffentlichkeit auf Wissen.

Die letzten mir persönlich gut bekannten Fälle waren Tuvia Tenenbom, dessen ZEIT-Redakteur ihn mehrfach versucht hatte, vor dem Druck seiner Kolumnen oftmals den Inhalt zu verbieten. Auch kennt jeder, der ein wenig Berührung mit dem Buch „Allein unter Deutschen“ gehabt hatte, die Geschichte, dass der erste Verlag, Rowohlt, das Buch ehemals gar nicht drucken wollte, ohne zuvor Zensur an den Aussagen einiger Interviewpartner von Tenenbom vorzunehmen. Tenenbom pfiff darauf, und ließ es woanders abdrucken. Das Buch wurde Bestseller, der störrische Verlag wurde blamiert, und die ZEIT-Kolumnen wurden beinahe alle im Originalformat abgedruckt. Erfolgsgeschichte von einem Mann mit  Mut zu Nachdruck.

Der andere Fall war der des Ulrich Sahm, an die 40 Jahre lang Korrespondent bei sämtlichen deutschen Medien zum Thema Nahost, zuletzt bei n-tv. Wohnhaft in Israel. Spätestens seit der Eröffnung der Facebook-Gruppe „Ulrich Sahm zurück ins deutsche Fernsehen“ müsste die Öffentlichkeit wissen, dass Ulrich Sahm nicht mehr in den nationalen deutschen Medien zu finden ist. Er wurde von dort verbannt, und das nachhaltig bei sämtlichen Presseorganen, und das wegen seiner pro-israelischen Haltung. Die Details zu seiner Entlassung kann Ulrich bei Gelegenheit selbst bestätigen. Das erschwert heutzutage für den auch nicht mehr so jungen, aber noch immer auf außergewöhnlich hohem Niveau stehenden Experten die Veröffentlichung seiner Recherchen, und offenbart die ideologische Korruption seiner ehemaligen Arbeitgeber. Aber auch er hat seine Nische gefunden. Es gibt private Netzwerke wie Audiatur Online, und zum Glück hat Ulrich Sahm einen guten Namen bei dem gemeinen Volk und unternimmt regelmäßig Vortragsreisen in Deutschland, und es gibt Leute, die ihn hören wollen. ich würde mich nicht wundern, wenn es in der nächsten Zeit noch mehr davon geben wird – vorausgesetzt, Ulrich wird nicht davon absehen, weiterhin unerschrocken seine Recherchen und Kritik öffentlich zu machen. Solche, die die nationalen Medien nicht bei sich in den Publikationen sehen wollen.

Nun ist mein anonymer Freund, den ich zu Beginn erwähnt habe, weder Tuvia Tenenbom noch Ulrich Sahm, sondern nur ein Mensch mit einer bestimmten Funktion, und auch noch Jude.  Und als Jude mit Funktion, sozusagen „Funktionsjude“ (liebe nichtjüdischen Nichtzyniker, verzeiht den jüdischen Zynismus), kam er neulich mit den deutschen Medien in Kontakt, und wurde sogar von einem solchen Medium zu seinen Ansichten gefragt. Nach den neuesten Ereignissen wurde es auch in Deutschland von Interesse, was Juden in ihren Gemeinden von ihrem Leben halten. In Frankreich sagen die Juden das offen – wir fühlen keine Sicherheit, wir wandern aus, und die ersten Gruppen nach der Attacke am 13.11 kamen schon angereist (Ynet berichtete). So wurde mein Freund befragt, aber das, was er zu antworten gedachte, gefiel dem Journalisten nicht. Er wurde gebeten, seine Antworten zu revidieren. Revidieren? Ja, denn die Antwort, die er gegeben habe, würde den Terror mit dem Islam in Zusammenhang bringen. Mit dem Islam? Islamistischer Terror mit dem…? Ja. Und so musste mein Freund die Antwort umändern, und als er das tat und aus der ehemals deutlich formulierten Antwort ein geschmacks- und geruchlose Suppe geworden war, da war der Journalist sichtlich zufrieden, und brachte das einvernehmliche Endergebnis ans Volk.

Als ich das Ergebnis sah, wusste ich, dass irgendetwas faul war. Aus Privatschutzgründen kann ich es leider nicht mit euch teilen. Denn mein Freund wollte zwar noch nie ein „Funktionsjude“ sein, und noch weniger ein „Hofjude“, wie viele (und leider auch ich) so manche  jüdische Funktionäre in Deutschland und andernorts schimpfen, wenn diese das sagen, was die Politkorrektheit hören möchte. Aber er entsagte sich auch nicht des Interviews und bestand darauf, dass die Affäre nicht publik gemacht werden sollte. Und so wie hier, wissen wir nicht, sofern uns das nicht zufällig über den Weg läuft wie mir, wie viele andere öffentlich zitierte Menschen dazu gebracht wurden, ihre Meinungen zensiert und umgeschrieben zu bekommen. Und damit einverstanden gewesen waren, aus Angst, ihren Namen, ihre Stelle, ihren Einfluss? zu verlieren. Denn dann werden sie auch das bisschen Gutes, das sie im kleinen Umfeld vielleicht noch bewirken können, nicht mehr tun können.

Und für uns von außen, die wir nicht immer hinter den Kulissen sein können, erscheint alles freundlich und harmonievoll, und aufeinander abgestimmt. Manchmal sagen wir auch, abwinkend, „die wurden dafür bezahlt“. Mein Freund wurde für das Schwanzeinziehen, vor das er gestellt wurde, nicht bezahlt.Und so sehr ich mich für sein Schwanzeinziehen schäme, so tut es mir auch weh, zu wissen, wie sehr Zensur Teil unseres Alltags darstellt. Und dass viele gute Menschen, die etwas mehr zu verlieren haben als Blogger wie ich, vor ihrer Diktatur einknicken.

Es ist keine allzu große Leistung, als Privatperson einen Blog aufzumachen (in meinem Fall sogar in einem fernen Land) und dort all das frei heraus zu posaunen, was die öffentlichen Medien bei sich nicht haben wollen. Mein Blog hat nun beinahe 70.000 Besucher, fast 1000 Kommentare, ich bekomme wöchentlich und manchmal mehrmals in der Woche private Mails mit Lob und Unterstützung, werde interviewt und führe Gespräche mit deutschsprachigen Gruppen im Namen einer Bundesinititative (BpB, siehe hier). Und als Bloggerin und Privatperson sage ich dort das, was ich mit meinem Gewissen vereinbaren kann, und niemand schreibt mir vor, was ich zu sagen habe. Es mag mutig klingen – aber eigentlich ist es das nicht. Denn ich brauche keine Konsequenzen zu fürchten – nicht von der Zielgruppe, für die ich schreibe und vor welcher ich auftrete.

In Deutschland sitzen Menschen mit klugen Gedanken und guten Herzen, und auch sie würden gerne das sagen, was ihnen auf den Lippen liegt und in der Seele schmerzt. Aber Deutschland scheint kein Land zu sein, das Diskussion stärkt, das Nonkonformismus akzeptiert, in welchem ein Konzensus einfach übergangen werden kann. Ein wenig haben die sozialen Netzwerke den staubigen Vorhang, der die deutsche Meinungsfreiheit umhüllt, angehoben. Aber der Lichtstrahl, der unter dem Vorhang hervorbricht, ist noch zu klein, und die Luft noch immer nicht erstickend genug, als dass Menschen effektiv nach Frischluft suchen würden.

Zensur hin oder her. Jeder ist im Endeffekt verantwortlich für das, was er sagt, schreibt, oder zu sagen und zu schreiben unterlässt. Jeder hat nur die Kräfte, die ihm zur Verfügung stehen, um etwas zu bewirken, und die nur eigene freie Wahl. Ein jüdisches Sprichwort besagt, „wenn Zusya in den Himmel kommt, wird Gott ihn nicht fragen, ‚wieso bist du nicht wie der Prophet Moses gewesen?‘, Er wird ihn fragen, ‚wieso bist du nicht Zusya gewesen?'“

Ich habe mit euch in dieser Randbemerkung diese Episode aus meinem Alltag geteilt, weil es mich persönlich berührt und getroffen hat, und ich würde wollen, dass wir, vor allem auch ich, etwas aus dieser Geschichte mitnehmen.

Was, das kann jeder für sich selbst entscheiden. Die Gedanken sind schließlich frei.

 

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8 Kommentare zu “Randbemerkung. Zensur in Deutschland.”

  1. Freundschaft die sich durch Zensur verhindern lässt ist keine Freundschaft. Wir werden uns trotz Zensur bewähren müssen, dan wird sogar mehr daraus. Wir müssen es aber riskieren. Wir müssen die Zensoren nicht fürchten. Es sind sie es, die sich dabei zerstören. Das haben sie nur noch nicht verstanden, dass das was sie tun auf sie selbst zurückfällt. Also hüten Sie sich Herr Zensor davo, zu zensieren was Wahrheit ist. Mit der Lüge sollten Sie sich befassen um sie auszumerzen. Wahrheit kann sich nämlich wehren indem sie einfach weiterhin besteht. Sie sollten sich zu schade dafür zu sein, aber wahrscheinlich mangelt es ihnen an Selbstachtung.

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  2. Liebe Chaya,
    es ist ein offenes Geheimnis, jedenfalls für mich und manch anderen, dass wir in Deutschland Meinungsfreiheit haben, dass es keine Zensur gibt, trotzdem können nicht alle Alles sagen, schreiben was sie denken.
    Da muss ich jetzt nicht auf Pirincci verweisen: Sein Verlag hat ihm gekündigt, einige (alle?) Buchhandlungen haben seine Bücher, auch die völlig unpolitischen Katzenkrimis, aus den Regalen genommen.

    Es reicht schon, auf das letzte Opfer aufmerksam zu machen: Matussek.
    Vor ihm gab es viele andere.

    Durch diese Zensur, ich nenne es so, obwohl, legt man strenge Maßstäbe an, die Kriterien von Zensur nicht erfüllt werden, wird die Meinungsfreiheit einerseits erheblich eingeschränkt, aber anderseits die Macht der Medien erheblich gestärkt. Sie sind jetzt schon die 4. Gewalt im Staat.

    Das ist wohl auch das Ziel: Die Macht der Medien zu stärken.
    Wenn sie dann zur „Hure“ der Politik werden, das nehme ich in Deutschland zunehmend wahr, dann ist es um die Meinungsfreiheit und die politische Willensbildung der Bürger schlecht bestellt.
    Auch die Propagandaerfolge der Palästinenser sehe ich in der gleichen „Schublade“.

    Es ist jedenfalls gut, dass Du und Andere auch, immer wieder den „Finger in die Wunde“ legen.

    Herzlich, Paul

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  3. Mein Kommentar ging irgendwie doppelt durch, weil nicht mehr sofort angezeigt. Nachdem ich auf den einschlägisten Blogs, ob TIN oder numeri249 gesperrt bin, hatte ich hier die gleiche Vermutung. Meine Posts gehen nicht mehr durch, warum weiß ich nicht.
    Mir ist das Thema der Religionen sowas von schei….egal…Schön wäre es…

    Europa hat über Jahrhunderte Kriege erlebt….

    Was diesen islamistisch-fundamentalistischen Terror betrifft, den haben wir uns nun importiert…Ich hatte schon einmal auf den zivilisatorischen Gap zwischen den Religionen verwiesen: Stichwort Aufklärung…

    Es gab sie im jüdischen Glauben und auch im christlichen, nicht aber im muslimischen…

    Ich muss mich da nicht wiederholen…

    Was mich aufregt, dass bis heute ein Keil zwischen Juden und Christen getrieben wird. Dem ist nicht so. Der „Feind“ der Christen und Juden ist ein anderer und das wissen wir alle… jegliche Polemik diesbezüglich verbietet sich meiner Meinung nach..

    Beste Grüße

    S. B.-H.

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  4. Wer Tenenboms Bücher gelesen hat der weiß, das die Welt voll von Appeaser-Journalisten, Appeaser-Medien und Appeaser-Verlagen ist, für die man gar keine Zensur braucht – die haben die Schere bereits im Kopf und schnibbeln deshalb auch bereitwillig an den Gedanken anderer herum. Das ist leider sehr frustrierend, weil die meisten Leser dies nicht erkennen können (oder wollen).

    Gefällt 2 Personen

  5. Und dann stellt man sich hin und wundert sich öffentlich über die Lügenpresse Vorwürfe. Keine Debatte mehr, keine Kontroverse in wichtigen Grundfragen; alles ist Alternativlos. Wo soll das hinführen?

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  6. Liebe Chaya,
    Dein Beitrag macht nachdenklich, aber eher im Sinne von „Geahnt habe ich es immer schon.“ Sowohl ich selber als auch Bekannte haben es erlebt, dass von Reportern Aussagen – nicht zu Israel, nein, ganz „belanglose“ Themen – völlig verändert wiedergeben wurden. Man ist dann geneigt anzunehmen, der Betreffende habe nicht richtig zugehört. Scheint anders zu sein.
    Nur wenn du den – irgendwie naheliegenden – Begriff „Lügenpresse“ verwendest, hast du dich sofort ganz rechts außen positioniert.
    Es macht ratlos…
    Shalom aus Hamburg
    Friedrich

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    1. Liebe Chaya, aus deinen Worten, die ich gerade gelesen habe, ist aber auch eine gehörige Portion Frust heraus zu lesen:

      Ich fasse es einmal kurz zusammen:

      In Deutschland ist das Judentum eine Religionsgemeinschaft.

      Das war sie im übrigen immer, bis man sie mit freundlicher Unterstützung der national(sozialistischen) Bewegung, auf dessen Zug die jüdische Intelligenzia 19./20. Jahrhundert aufgesprungen ist zur Ethnie (etwas krasser ausgedrückt) Rasse… deklariert hat.

      Was willst du nun mittleilen? Ulrich Sahm ist evangelischer Theologe und Tuvia Tenenbom ist israelisch-amerikanischer Autor und Theaterleiter.

      Vielleicht solltest du noch H.-M. Broder erwähnen..,

      Und wenn ich wollte und mich ein wenig „blöd“ anstelle, gehe ich auch noch als jüdischer Weltverbesserer durch, was sicherlich nicht meine Absicht ist… „Das Ding ist durch“.

      LG

      S. B.-H.

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