Archiv der Kategorie: Gush Etzion

Shalom erste Klasse! Schulbeginn

Der 1. September. Ganz nach der Tradition der guten alten Sowjetzeiten war es in Israel der erste Schultag nach den Ferien für alle Schüler und auch die Öffnung der Kindergärten, und die größte Aufregung herrschte natürlich bei den kleinen Schulanfängern/-innen und den stolzen Eltern.
Nun, ich weiß nicht genau, ob es an der sowjetischen Tradition liegt,

Schülerinnen bekommen Süßigkeiten beim Einstieg in den Schulbus. Foto: Regionalverwaltung Südhevron
Schülerinnen bekommen Süßigkeiten beim Einstieg in den Schulbus. Foto: Regionalverwaltung Südhevron

dass der erste Schultag bei uns wie in Russland der 1.September ist, aber auf jeden Fall ist es ein groß gefeierter Tag für alle neuen Erstklässler, ihre Eltern und Lehrer (bei den älteren Schülern setzt bekanntlich schnell die „Ich will nicht in die Schule“-Phase ein). Im Radio spielen Lieder zum ersten Schultag, Eltern, Kinder und Erstklässler werden interviewt, die Nachrichten handeln davon, und die Schulbusse im ganzen Land nehmen ihre Fahrten von Neuem auf.

Ayelet aus Tapuach, "Hallo erste Klasse". Foto: Regionalverwaltung Samaria
Ayelet aus Tapuach, „Shalom erste Klasse“. Foto: Regionalverwaltung Samaria

Es scheint ein wenig unpraktisch, dass die Schule an einem Donnerstag anfängt, denn dann bleiben nur anderthalb tatsächliche Schultage bis zum Wochenende. Aber, wie mir meine Nachbarin Yona einen Tag zuvor versichert hatte, „als Eltern sind wir über jeden Tag froh, der uns aufatmen lässt“. Kein Wunder, denn wie im vorherigen Beitrag beschrieben, sind die Kinder im letzten Sommerferienmonat zumeist auf die Aufsicht ihrer Eltern und Großeltern angewiesen und es ist durchaus nicht einfach für meist Vollzeit arbeitenden Eltern. Es handelt sich ja nicht um eins oder zwei Kinder, wie es bei der deutschen Bevölkerung auszusehen scheint (die Geburtsrate laut dem Statistischen Bundesamt liegt bei 1.47 Kinder pro Familie, Stand 2014); in Israel liegt die durchschnittliche Kinderanzahl bei stolzen 2,4 (Pressebüro für Statistik, Stand: 2015), und in Judäa und Samaria ist es entsprechend höher: Während es in einer israelischen Durschnittsfamilie 3,72 Familienmitglieder gibt, so beläuft es sich in Familien in Judäa und Samaria auf 4,6 Familienmitglieder im Durchschnitt (Ynet, Stand: 2014, Pressebüro für Statistik).

Wie viele Kinder sind denn nun bei uns in die Schule gekommen?
Greifen wir wieder auf die statistischen Angaben zurück – was erzählen sie uns über Judäa und Samaria?

Szenen aus dem Schulbeginn. Foto: Regionalverwaltung Samaria
Szenen aus dem Schulbeginn. Foto: Regionalverwaltung Samaria

In Samaria sind etwa 1100 Kinder Erstklässer geworden. Insgesamt sind es 17300 Schul- und Kindergartenkinder in diesem neuen Schuljahr in Samaria. In Gush Etzion sind es 4930 Schulkinder und 1840 Kindergartenkinder, darunter natürlich auch diejenigen, die zum ersten Mal in die Schule und den Kindergarten kamen. In Gush Etzion selbst gibt es 11 Grundschulen und 4 weiterführende Schulen, und dazu 69 Kindergärten. Die Regionalverwaltung von Südhevron berichtet von etwa 4000 Schul- und Kindergartenkindern. Zu manchen Schuleröffnungen kamen Abgeordnete zu Besuch und grüßten die Kinder und die Lehrer. Der

"Wilkommen im Namen Gottes". Erstklässler in Gush Etzion. Foto: Regionalverwaltung Gush Etzion
„Wilkommen im Namen Gottes“. Erstklässler in Gush Etzion. Foto: Regionalverwaltung Gush Etzion

Erziehungminister Naftali Bennet besuchte ebenso einige der Schulen. In diesem neuen Jahr werden neue Reformen, die er veranlasst und durchgebracht hatte, aktuell werden – so beispielsweise eine Verkleinerung von Schulklassen und neue Mathematiklernpläne, die das Erlernen von Mathematik fördern sollen.

Ich wünsche ihnen allen ein erfolgreiches neues Schuljahr.

Schulmädchen aus den Südhevronbergen. Foto: Regionalverwaltung Südhevron
Schulmädchen aus den Südhevronbergen. Foto: Regionalverwaltung Südhevron

 

 

NEWS: Zivilverwaltung zerstört Bäume

Die Feldschule des Kibbutz Kfar Etzion schlägt Alarm:

Die israelische Zivilverwaltung holzt unkontrolliert zehntausende von Bäumen im Bereich Gush Etzion ab!

Foto: Yaron Rosental
Foto: Yaron Rosental

 

Yaron Rosental ist der Direktor der lokalen Feldschule im Kibbutz

Yaron Rosental. Quelle: Facebook
Yaron Rosental. Quelle: Facebook

Kfar Etzion, im Herzen der Gush Etzion-Region von Judäa. Die Feldschule unter seiner Leitung fördert Natur- und Geschichtsbewusstsein, veranstaltet unzählige Wandertage, Informationsabende, Geschichtsforschung, leitet archäologische und ökologische Projekte, bietet Aktivitäten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene; sie steht

Symbol der Feldschule von Kfar Etzion
Symbol der Feldschule von Kfar Etzion. Zum Link in Englisch aufs Bild klicken

auch für die Förderung der nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen den lokalen jüdischen und arabischen Einwohnern ein.

Yaron Rosental veröffentlichte diese Meldung bei sich im Facebook-Profil vor etwa drei Tagen und schickte sie ebenso weiter an die Mailverteiler der lokalen Ortschaften und und benachrichtigte darüber auch die Bezirksverwaltung und andere.

Was ist eigentlich passiert?

Rosental erklärt:

„Wir (von der Feldschule Kfar Etzion) haben rausgefunden, dass in der letzten Woche die Zivilverwaltung mehrere zehntausend Bäume in  Gush Etzion gefällt hat; in manchen Gegenden sind bis zu 80% der Bäume abgeholzt worden. Diese Bäume sind von den Pionieren von Gush Etzion vor etwa 50 Jahren gepflanzt worden, und wir spielten und picknickten zwischen diesen Bäumen als Kinder und Jugendliche.

Als wir bei der Zivilverwaltung nachfragten, warum diese Bäume abgeholzt werden würden, so wurde uns geantwortet, dass es Brandstiftungen vermeiden würde, denn wenn es keine Bäume gebe, würde es schwierig sein, einen Waldbrand zu legen.“

Foto: Yaron Rosental
Foto: Yaron Rosental

Weiterhin beschreibt er die Gebiete, in welchen ein umfassender Anteil des Waldes schon nicht existent geworden war – so rund um die Siedlung Geva’ot und den Vergnügungspark „Gazellenland“ (Eretz Ha’ayalim). Die nächsten Abholzungspläne würden die Bäume im Sadjme-Wadi und sogar das Wäldchen um den Park Oz veGa’on betreffen (dort, wo ich vier Monate lang im Zelt geschlafen und welchen ich miterrichtet habe).

Was ist die Zivilverwaltung?

Die Zivilverwaltung ist eins der offiziellen administrativen Organe, welche sich mit der Verwaltung der Bevölkerungsangelegenheiten und allem, was nicht direkt der Militärverwaltung in Judäa und Samaria unterliegt, befasst. Sie wurde 1981 eingerichtet und ist dem Verteidigungsministerium untergeordnet. Die Zivilverwaltung ist Teil eines größeren Verwaltungsorgans, des „Koordinators von Regierungsaufgaben in den Gebieten (COGAT)“. Wenn man das Wort „Zivilverwaltung“ in der Anwesenheit von israelischen Siedlern oder Arabern in Judäa und Samaria erwähnt, wird es bei beiden größtenteils unangenehme Assoziationen wecken: Ob es nun die Zerstörung illegaler oder als illegal deklarierter Baustrukturen, die Reglementierung von Feldarbeiten, die Ausstellung von Arbeitsvisa, die Kontrolle über politischen Aktivismus, unendliche bürokratische Hürden und unbegründete Wartezeiten bei diesen oder jenen Anträgen beider Seiten angeht – für all das ist die Zivilverwaltung zuständig und auf all diesen Gebieten hat sie „Sünden“ zu verzeichnen.

***

Über Waldbrände und Waldzündeleien habe ich schon im vorherigen Sommer geschrieben, vor allem auf meiner Facebook-Seite im Rahmen von Aktualisierungen. Das geschah noch während meiner Arbeit im Sicherheitscenter von Efrat. Damals gab es mehrmals pro Woche Benachrichtigungen über Waldbrände, vor allem im besagten Gebiet von Geva’ot (West-Gush Etzion) und bei

Kahlstellen nach Abholzung im lokalen Waldgebiet.  Foto: Yaron Rosental
Kahlstellen nach Abholzung im lokalen Waldgebiet.
Foto: Yaron Rosental

den meisten handelte es sich im Nachhinein um Brandstiftung. Die Spuren der Brandstifter, so äußerten sich damals beduinische Soldaten, die für die Aufspürung der Täter verantwortlich waren, führten zumeist in die umliegenden arabischen Dörfer – Geba‘, Nahalin und andere.

Es ist offenbar üblich, dass bei hoher Gefahr von Waldbränden eine bestimmte Anzahl von Bäumen gefällt werden muss, um die Anzahl von Bäumen und Lauf zu vermindern und auch den Feuereinsatzkräften eine schnelle Anfahrt zu ermöglichen. Allerdings übersteigt die gefällte und noch zu fällende Anzahl von Bäumen um ein Vielfaches die notwendige Menge, so Yaron Rosental. Ebenso kommentiert er:

„Wir sind zwar keine Experten für Waldbrandschutz, aber es scheint uns, dass man Waldbrände durch die Auffindung und Verhaftung von Brandstiftern und die Schaffung von Anfahrtsstraßen und nicht durch ein wahlloses Fällen von Bäumen erreichen sollte.“

Im Anschlus an den Aufruf bittet die Feldschule, eine angehängte Petition zu unterschreiben und den Post zu teilen; ansonsten möge sich jeder, der sich aktiv am Protest beteiligen möchte, bei Yaron Rosental persönlich melden.

In einer Mail zu diesem Thema schrieb eine Einwohnerin von Alon Shevut, dass nicht nur eine überflüssige Anzahl von Bäumen abgeholzt werden würde, sondern die dafür zuständigen Arbeiter die größeren Baumstämme später zum Weiterverkauf nutzen würden und daher speziell große und starke Bäume der Abholzung zum Opfer fielen. Dies wurde von Yaron Rosental noch nicht bestätigt, wäre aber theoretisch durchaus möglich.

Galerie: Resultat der Abholzung durch die Zivilverwaltung. Fotos: Yaron Rosental

Pflaumeneimer-Episode

Yamina schleppt die Pflaumeneimer
Yamina, palästinensisch-arabische Bäuerin aus Al-Khadr schleppt die Pflaumeneimer

Diese gute Bauernfrau* aus Al-Khadr, dem Dorf/Vorort von Bethlehem – Yamina ihr Name – habe ich heute um die 7 Uhr morgens auf meinem Arbeitsweg durch die Felder unter der Containersiedlung entdeckt. Wobei, zunächst bin ich auf diese Eimer voller Früchte auf dem Pfad neben den Mandelbäumen und einem von einer Steinmauer umgebenden Feld gestoßen. Es stellte sich heraus, dass es sich dabei um Pflaumen handelte. Die Eimer standen vereinzelt auf dem Weg und wie ich weiterging, fand ich die Eigentümerin der Ernte, eine kleingewachsene, eher dickliche arabische

Die vollbeladenen Eimer
Die vollbeladenen Eimer

Bäuerin, die sich mit einem solchen Eimer und einer ebenso randvollen Kiste auf dem Weg Richtung Schnellstraße dahinquälte. Sonst war niemand in der Nähe.

Ich suchte mir die passenden Worte auf Arabisch zusammen und fragte, ob sie Hilfe brauche. „Ya reit!“, atmete die Frau schwer auf und lächelte. Ich wünschte! Ich fragte, wohin sie das Gut bringen sollte. „Zur Strasse dort drüben.“ Ein Auto sollte sie dort abholen, aber hierher würde es wohl nicht gelangen.
Sie zeigte mir auf die Eimer hinter ihr, ich machte mich auf, diese aufzusammeln. Tatsächlich, sie waren schwer. Ich fragte sie verwundert, „schleppst du das alles alleine?“ „Ah, lahali“ (Ja, alleine),

Pflaumenbäume auf dem besagten Feld, nahe der Gush-Etzion-Kreuzung.
Pflaumenbäume auf dem besagten Feld, nahe der Gush-Etzion-Kreuzung.

war die Antwort. Ob sie das öfter mache,13925278_10154594808941842_2264037345894901487_n habe ich nicht gefragt – die arabische Formulierung fiel mir nicht ein. Ich wusste dafür jetzt, wem die üppigen Pflaumenbäume auf dem benachbarten Feld gehoerten.

13886510_10154594779706842_2378188966409552275_nWir schleppten mehr oder weniger gemeinsam die Eimer zur Strasse. Yamina wollte von mir wissen, ob ich aus Amerika sei oder „von hier“ und was ich mache. Ich erfuhr so auch ihren Namen und sagte ihr meinen. Er gefiehl ihr. (Dazu muss man sagen, dass „Chaya“ – die Lebendige bzw.Leben – auch im Arabischen ein Name ist.) Als wir die Straße erreicht hatten , umarmten wir uns. Zum Abschied gab sie mir ein paar Pflaumen. Sie blieb dort, in der aufsteigenden Hitze, um auf das Auto zu warten.  Ich ging zur Kreuzung und zum Bus.

Was soll ich euch sagen, kein leichtes Leben. Warum um Allahs Willen muss die arme Frau aber diese schweren Eimer – fünf! – so ganz alleine schleppen?…

 

*Anmerkung: Tut mir leid, dass ich oft keine Gesichter der mit mir sprechenden Personen veröffentliche. Manches geschieht aufgrund des Wunsches, die Identität der Person zu schützen, aber meistens liegt es daran, dass ich es etwas unhöflich finde, bei jeder einfachen Unterhaltung sofort um ein Foto mit dem/der Gesprächspartner/in zu bitten. Ich möchte mich niemandem aufdrängen. Bitte habt Verständnis dafür.

Die fatale Kreuzung. Etwas besser klargestellt

Die Situation an der Gush-Etzion-Kreuzung, meiner taeglichen Arbeitsroute, ist eine der schwierigsten der letzten Jahre.  Im Folgenden ein Gespraech mit einem Offizier vor Ort, von heute morgen.


Seit der erschuetternden Entfuehrung der drei Jugendlichen von der Bushaltestelle bei Alon Shevut im Sommer 2014, welche einige wenige Kilometer von der Kreuzung selbst liegt; nach den toedlichen Rammattacken, u.a. auf Dalia Lemkos aus Teko’a und Hadar Buchris aus Zfat, nach dem Schussattentat auf Ezra Schwarz aus den USA und Yaakov Don aus Alon Shevut, dem Tod im Kreuzfeuer vom IDF-Offizier Eliav Gelman aus Karmey Tzur, mehrere versuchten und durchgefuehrten, aber nicht zum Tod gefuehrten Messerattacken auf Wartende und Soldaten an der Kreuzung – seit all diesen Ereignissen, speziell ab Oktober 2015 – wird diese Kreuzung, die als eine der Orte mit groesstmoeglichem Gefahrenpotenzial fuer Terrorismus gilt, durch Offiziere, Spezialeinheiten und regulaere Soldaten bewacht.

Im Laufe der Ereignisse wurden dieser Kreuzung, dem Bushaltestellen und dem Einkaufslaeden-Areal um sie herum, immer mehr sicherheitstechnische Schutzbarrieren hinzugefuegt, bis die Kreuzung angefangen hat, wie eine Militaerbasis auszusehen. Zwei Soldaten bewachen von morgens bis abends jede der 4 Haltestellen nach Norden, Osten, Westen und Sueden. Mittlerweile stehen bei uns zwei Aussichtstuerme, die jeweils nach Norden und Sueden blicken und nach verdaechtigen Personen Ausschau halten. Die Freiflaechenareale um die Haltestellen wurden mit einem provisorischen Zaun umgeben, damit dieser im Falle eines sich herannaehernden Terroristen diesen zu einem Umweg zwingen und den Soldaten genuegend Reaktionszeit verschaffen koenne. Betonkloetze wurden fuer die in praller Sonne stundenlang mit schussbereiten Waffen stehende Soldaten mit Ueberdachungen versehen. Auf der Einfahrt zum Rami Levy stehen Soldaten, die die Autofahrer ueberpruefen – nach einem Messerattentateines Hevroner Terroristen auf eine Frau am 28.10.15.


Es ist eine Atmosphaere der Militarisierung. Leider scheint sie nicht

Soldat an der Gush Etzion-Kreuzung.
Soldat an der Gush Etzion-Kreuzung.

im Begriff zu sein, sich zu lockern. Auf meinem Arbeitsweg durch die arabischen Felder von meiner Containersiedlung aus werde ich fast taeglich von Soldaten angesprochen, die mich aus der Ferne ueber den Aussichtsturm und die Kameras erkennen. Heute morgen wurde ich zwar nicht abgefangen, aber an der Bushaltestelle angekommen, befragte mich ein streng und sehr „motiviert“ wirkender Offizier, woher ich eben heruntergekommen sei und teilte mir mit, dass jede aus den Feldern kommende und auf der Strasse zur Kreuzung gehende  Person als verdaechtig eingestuft wird. Ich wollte daraufhin wissen, wie es um die Situation der arabischen Bewohner der umgebenden Doerfer oder ueberhaupt der palaestinensischen Araber hier bestellt sei. Wie sieht die Reaktion aus, wenn ein arabischer Fahrgast an der Kreuzung aussteigen muss oder sonstwie an die Kreuzung gelangen will?

„Sie muessen an der Kreuzung selbst herausgelassen werden. Das gilt dann automatisch als verdaechtig. Fuer sie gilt die Prozedur fuer die Ueberpruefung verdaechtiger Personen. Jeder gilt automatisch als verdaechtig. Wenn jemand zu Fuss kommt, ueberpruefen wir diesen auf Dokumente, Waffen, sagen ihm, er soll umdrehen (bez.weitergehen, ich habe die Antwort nicht genau verstanden, bitte nicht beim Wort nehmen!), nicht hier anhalten. Wenn jemand herueber muss, begleiten wir ihn persoenlich ueber die Kreuzung.“

Ich selbst war schon mehrmals Zeuge einer solcher Sicherheitsueberpruefungen gewesen. Arabische Fussgaenger, die zur Kreuzung kamen, wurden angehalten, befragt. Ein junger Mann wurde an einen Lampenpfahl gestellt und nach Waffen durchsucht. Ein anderer, den ich vor Kurzem beobachten konnte, diskutierte mit Papieren in der Hand mehrere Minuten lang aufgeregt mit den Soldaten, die ihn abgefangen hatten. Ich konnte leider nicht verstehen, worum es dabei ging, aber die Gesten verrieten es natuerlich – die Passiereinschraenkungen. Am Schluss wurde der Mann von zwei Soldaten auf die andere Strassenseite eskortiert.

Was sei mit den hier in den Geschaeften Arbeitenden, wie kaemen sie zur Arbeit? fragte ich.

„Sie haben besondere Erlaubnispapiere. Wir haben eine Liste der hier angestellten Arbeiter. „

Einige Meter weiter von der Stelle, wo der oben beschriebene Mann angehalten worden war, hinter dem provisorischen Zaun, befindet sich ein Kiosk mit einigen Gluecksspiel- und Wettautomaten und ist besonders zu Abendzeiten gut besucht – von lokalen arabischen Einwohnern. Der Kioskbetreiber ist ebenso Araber. Ich tauche dort immer auf, wenn ich schnell mein Telefon aufladen muss, sie kennen mich dort schon. Ich habe sie nicht gefragt, woher sie dorthin kaemen. Offenbar mit Autos, die auch davor geparkt werden.  Fahrzeuge duerfen auf dieser Strasse fahren, werden nicht angehalten. Es koennten auch alles lokale Arbeiter sein, aber ich bezweifle, dass sie das alleinige Publikum ausmachen. Ich muesste tatsaechlich einmal nachfragen.

Die Situation ist seltsam – auf der Kreuzung werden Araber angehalten und ueberprueft, einige Meter weiter sitzen sie gemuetlich im Kiosk an Gluecksautomaten, rauchen, wetten und spielen Lotto…
Noch eine Frage habe ich an den Offizier: Wie kommen palaestinensische Bewohner zum Rami Levy-Supermarkt?

„Auch beim Supermarkt stehen Soldaten, die die Ankommenden ueberpruefen.“

Ich persoenlich weiss, dass zum Supermarkt generell nicht zu Fuss gegangen wird; die palaestinensisch-arabischen Kaeufer gelangen dorthin mit Fahrzeugen. Auch fuer die Restaurants im Einkaufsareal gibt es keine Einschraenkungen fuer arabische Interessierte – nicht fuer das Fleischrestaurant „ROZA“, nicht fuer das Cafe „English Cake“, nicht fuer den Pizzaladen hinter  „Rami Levy“. Habe nachgefragt.

Nicht zu vergessen, auch die Landstrasse, die zu den westlichen Ortschaften  – Alon Shevut, Kfar Etzion, Bat Ayin, Rosh Tzurim, Gevaot fuehrt – ist mit einem Soldatenposten versehen. Nach den letzten Angaben, die ich erfragt habe, duerfen nur palaestinensische Wagen hinein, von denen die Besitzer dort in der Gegend wohnen bzw. arbeiten. Eine Lektion aus dem Schussattentat auf den Stau neben Alon Shevut, bei dem zwei Israelis getoeten worden waren und ein offenbar nicht absichtlich getoeteter  palaestinensischer Araber, „Kollateralschaden“ des Attentats sozusagen (ein schwerer Begriff, ich weiss. Ich frage mich, ob die Familie des Attentaeters sich bei den Verwandten des Ermordeten entschudigt hat oder ob dieser auch in die Statistik der „Maertyrer von Palaestina“ eingegangen ist). 

Seit wann seien diese erschwerten Sicherheitsmassnahmen eingefuehrt worden, seit der letzten Terrorwelle?

„Ja“, bestaetigt der Offizier.

Mir wird es bitter zumute. So vieles ist im letzten Dreivierteljahr kaputtgegangen, so vieles erschwert worden. Die Araber leiden unter der Einschraenkung ihrer Bewegungsfreiheit. Die Juden fuerchten um ihr Leben. Der Lebensalltag ist absurd und durch und durch kontrolliert. Nicht viele koennen sich den Mut leisten, auf die Einschraenkungen zu pfeifen. Viele versuchen, ueber diese hinwegzusehen, so gut es geht, um dennoch die Vernunft und die Ruhe zu behalten. Manchen gelingt es, manchen nicht.

Mir kommt der Satz in den Sinn, der zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland sehr populaer gewesen ist: „Die Juden sind selbst schuld an ihrem Unglueck.“

Ja, die israelischen Regierungen haben sehr viele Fehler gemacht. Zu viele gravierende Missstaende geschaffen. Die bedeutendsten  Fehler waren die Nicht-Annektierung von Judaea und Samaria nach dem Sechstagekrieg 1967 und die Schaffung der Palaestinensischen Autonomiebehoerde und ihre Inkraftsetzung durch die Osloer Vertraege in 1994.

Aber wenn der beruechtigte Satz im Bezug auf die Juden auch nur irgendwo ein Fuenkchen Wahrheit in sich traegt, dann stimmt er, im Hinblick auf die letzten 100 Jahre, fuer die palaestinensischen Araber im vollen Umfang.

 

Reblogged: Wohnen Araber in jüdischen Siedlungen?

BPB 080616 Efrat3Heute habe ich in Efrat (liegt im Herzen von Gush Etzion) eine Gruppe junger Journalisten verschiedener deutscher Medien (von ZDF und Süddeutsche Zeitung über Berliner Zeitung bis Tagesspiegel) getroffen und sich mit ihnen dabei über verschiedene Themen, die das Zusammenleben zwischen Juden und Arabern in Judäa und Samaria betreffen, unterhalten. Das Treffen fand in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung statt (siehe mehr darüber hier).

Für diejenigen unter ihnen, die möglicherweise nach diesem Treffen auf diesem Blog hier vorbeischauen wollen, und auch für alle von euch, die dieses Thema ebenso interessiert, hänge ich hier einen älteren Artikel von mir an, über ebendieses Zusammenleben von Juden und Arabern und was es damit auf sich hat. Fragen und Bemerkungen sind immer willkommen.

Chaya

Avatar von ChayaIch, die Siedlerin | Eine jüdische Stimme aus Judäa

Häufig werde ich gefragt – und das meist mit einem vorauseilenden anklagenden Unterton -, ob Araber/-innen in jüdischen Siedlungen wohnen dürfen. Dieses kurze Essay dürfte als eine Erklärung zu dieser nicht unwesentlichen Frage dienen. 


Ansicht auf Efrat. Im Vordergrund: Weinstöcke arabischer Weinbauern Ansicht auf Efrat. Im Vordergrund: Weinstöcke arabischer Weinbauern

…Efrat ist eine Ortschaft in Gush Etzion mit fast 10.000 Einwohnern. Es befindet sich mitten in Ausbau und Erweiterung. Lang ausstehende Bauprojekte wurden genemigt und von verschiedenen Auftragnehmern übernommen. Die Baustellen sind täglich in Betrieb. Auch sonst bedarf die Infrastruktur von Efrat einer umfassenden Pflege – wie die einer jeden Ortschaft. Efrat ist eine „Großsiedlung“, wenn man will, und wurde für 25.000 Einwohner geplant. Sobald Efrat sich in ihrer Einwohnerzahl der 15.000-Grenze nähern wird, soll ein Antrag auf Stadternennung durchgeführt werden, welches ihr den Status der ersten jüdischen Stadt der Judäa-Region einbringen würde, und der fünftgrößten Stadt in den Siedlungsgebieten (nach Modi’in Illit, Beitar Illit, Ma’ale Adumim und Ariel).

Hier liegt Efrat Hier…

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Meinungen zur Zweistaatenlösung und Die Siedlerin

Oliver Vrankovic. Quelle: Facebook
Oliver Vrankovic. Quelle: Facebook

Oliver Vrankovic, seines Zeichens deutschsprachiger Blogger aus Ramat Amidar nahe Tel Aviv, berichtet über spannende und wissenswerte Dinge aus der Geschichte und Kultur Israels. Oft sind auch politische Anmerkungen dabei. In der zweiteiligen Beitraggserie „Zwei-Staaten-Lösung“ stellt er verschiedene Meinungen von Israelis aus den unterschiedlichsten Milieus zu dem Thema dar. Dabei kommen zahlreiche Personen „vom Fach“ zur Sprache – Politiker, soziale Aktivisten von früher und heute und Zeitzeugen.

Im Rahmen der Serie interviewte Oliver auch mich –  natürlich zum Thema Siedlungen, Gush Etzion, israelische Souveränität in Judäa und Samaria und meine persönliche Geschichte. Auch mit einem kichererbsenchayaAktivisten der „Roots“-Friedensbewegung spricht Oliver, Myron Joshua aus Kfar Etzion, und dieser weiß auch mir und sicherlich euch Neues hinzuzufügen und zu berichten – beispielsweise aus dem Alltag der arabischen Bevölkerung von Gush Etzion. Beide Beiträge (Teil 1 und 2) sind sehr zu empfehlen. Nachfolgend der Link zum Bericht über mich:

→ Die Siedler von Gush Etzion- der Kichererbsenblog

Bibel- und geschichtsfest erklärt sie, dass Jerusalem und Hebron über Jahrhunderte hinweg die zwei wichtigsten kulturellen Zentren des Judentums gewesen seien (…). In all ihrem Wissen wurzelt ihre Anschauung.

(…) Für Chaya ist die Agenda einer Zwei Staaten Lösung ein Hirngespinst. Sie verweist auf Ben Dror Yemini, der die Realisierung eines palästinensischen Staates unter den Bedingungen des Nahen Ostens heute für unmöglich erachtet. (…) Sie diene einzig der Diskreditierung der Siedler als Friedenshindernis. Wer in Israel predige, sich für den Frieden von den Palästinensern abzukoppeln, ignoriere die Lehren des Rückzugs aus Gaza und die Veränderungen in der arabischen Welt. Ein friedfertiger palästinensischer Staat sei eine Illusion. (…)

So wie sie selbst voll hinter der jüdischen Präsenz im biblischen Kernland der Juden steht, anerkennt sie die arabische Präsenz. Sie ist gegen Landraub, gegen die Forderungen von extremistischen Siedlern, die Palästinenser zu deportieren.
Gleichzeitig spricht sie sich gegen die Fortsetzung der Militärbesatzung aus. Die Zivilverwaltung durch die Militärbesatzung in den C-Gebieten, so sagt sie, schade mit ihren Restriktionen den Juden und den Palästinensern.

 

Arabisch-Kurs im Siedlungsblock

Das Projekt „Shorashim/Judur/Roots“, welches zum Kennenlernen und Verständnisaufbau zwischen jüdischen Siedlern und ihren arabischen Nachbarn aufruft und dazu Aktivitäten und Gespräche

Das "Roots" Logo
Das „Roots“ Logo

veranstaltet, habe ich schon einige Male vorgestellt und angesprochen, siehe beispielsweise hier unter „Friedenszusammenkunft“. Eine relativ neue Initiative, von einigen Aktivisten aus den Siedlungen Teko’a und Alon Shevut sowie Bet Ummar geführt, die sich standhaft versucht, in der jüdisch-arabischen, nicht gerade befreundeten Landschaft von Judäa zu behaupten. Ich habe ihren Newsletter abboniert, um sich über neue Entwicklungen auf dem Stand zu halten, und kenne die meisten der dort aktiven Menschen persönlich.

Der Flyer zum Kurs von "Roots"
Der Flyer zum Kurs von „Roots“

In diesen Pessach-Ferien (bis zum kommenden Samstag, 30.04) hat „Roots“ angekündigt, einen Arabisch-Sprachkurs für Jugendliche der 9.-10.Klassen durchzuführen – nämlich auf der Farm des arabischen Aktivisten Ali Abu Awwad unweit von Alon Shevut, unter dem Motto „Willst du deine Nachbarn verstehen?“. Auch ein Kurs für Erwachsene ist angekündigt.

Was die Nachfrage für Angebote angeht, so weiß ich das noch nicht, werde aber hoffentlich hier aktualisieren, sobald ich es weiß. Ich wäre übrigens an dem Erwachsenenkurs durchaus interessiert – erstens, es ist nah zu meinem Zuhause, zweitens lerne ich zwar Hocharabisch, ein Gespräch mit den lokalen Arabern ermöglicht es mir leider nicht – nur das Lesen der Straßenschilder (was auch nicht so kompiziert ist – statt Tel Aviv steht dort dann Tel Abib..).

Aktuelles / Protestmarsch / Friedenszusammenkunft

Shalom an alle.

In den letzten Tagen habe ich relativ geschwiegen und nichts veröffentlicht; das liegt daran, dass ich in den letzten Wochen sehr von meiner Arbeit und dem Studium beansprucht wurde (zur Erinnerung, ich arbeite als Reiseführerin in Teilzeit in der Knesset und studiere Nahostwissenschaften für das BA an der Bar-Ilan-Universität). In solchen Fällen kommt es leider vor, dass ich keine Beiträge schreiben kann.

Das Leben steht aber trotz meines überfüllten Alltags nicht still und es finden sich Aspekte, die es wert sind, erwähnt zu werden. Natürlich rede ich dabei von den aktuellen Ereignissen in Judäa und Samaria, auch wenn es in ganz Israel momentan alles andere als ruhig ist.


Zur aktuellen Sicherheitslage: Die Terrorversuche und Attentate flauen leider nicht ab. In Städten im Zentrum des Landes tauchen Terroristen auf und greifen Bürger an, und was Judäa und Samaria angeht, so sind Steinewürfe, versuchte (oder ausgeführte) Messer- und Schussattacken auf Kontrollposten seitens palästinensischer Araber insofern Teil der Routine, als dass selbst ich mittlerweile müde werde, sie zu erwähnen. Unsere Kreuzung, in Gush Etzion, ähnelt schon einige Monate einem Sicherheitstrakt, und wenn ich morgens durch die Felder von meiner Karavanensiedlung aus hinunter zur Hauptstraße komme, laufen mir immer wieder Soldaten entgegen und wollen wissen, wer ich sei. Sie wechseln sich ständig ab und haben sich noch immer nicht an mich gewöhnt. Einmal pro Woche hören wir in den lokalen Nachrichten von einem versuchten Attentat entweder bei uns, oder auf einer anderen Kreuzung. Die Soldaten vor Ort sind sehr angespannt, das merkt man ihnen an. Denn die Einwohner lassen sich von den Terroristen nicht daran hindern, weiterhin an den Bushaltestellen zu warten und zu fahren.

Am 14. 03 ereigneten sich eine Schuss- und Autoattacke auf der Bushaltestelle bei der Einfahrt in die Stadt Kiryat Arba-Hevron (Judäa), bei der zwei Terroristen die sich dort aufhaltenden Wartenden und Soldaten angriffen. Drei Soldaten, darunter ein Offizier, wurden verletzt und evakuiert, die Attentäter wurden getötet. Am 17.03 (heute) wurde eine Soldatin an der Ariel-Kreuzung (Samaria) von zwei Arabern angefallen, die auf sie einstachen. Die Täter wurden getötet, die Soldatin medizinisch versorgt und evakuiert. (Quelle: IDF)


Die israelische Instant-Nachrichtenseite 0404 berichtet, dass Donnerstag früh drei arabische Lastwagen mit Baumaterial von der israelischen Zivilverwaltung (für die zivilen Angelegenheiten der jüdischen und arabischen Bewohner Judäas und Samarias sowie für Landangelegenheiten verantwortlich; ein Organ der israelischen Militärverwaltung) konfisziert worden sind. Ihre Besitzer hatten sich unrechtmäßig aufgemacht, ein Landgebiet um die Siedlung Karmey Tzur (Judäa) herum zu bebauen. Das betroffene Gebiet besitzt Untersuchungsstatus (was bedeutet, dass sein Besitzer juristisch gesehen noch nicht ermittelt worden ist) und darf offiziell nicht von israelischen oder palästinensischen Einwohnern bebaut werden.  Die spontane und illegale Landaneignung seitens palästinensischer Araber im C-Gebiet findet regelmäßig statt; bei manchen der Fälle hat in der Vergangenheit auch die EU ihre Unterstützung geliefert. Die israelische NGO „Regavim“  befasst sich mit illegalem arabischen Bau in C-Gebieten ebenso wie im Süden und Norden Israels.


 

Protestmarsch-Flyer
Protestmarsch-Flyer

Am 15.03., Dienstag, fand ein Protestmarsch bei uns in Judäa statt  – besser gesagt, auf der Autobahn 60 zwischen der Siedlung Karmey Tzur und dem zentralen Knotenpunkt – der Gush-Kreuzung. Der Autruf wurde von den Vorsitzenden der Regionalverwaltungen getätigt – von Gush Etzion, der Stadt Kirzat Arba, Südhevron, Binyamin-Samaria, und richtete sich an die Einwohner mit dem Aufruf, gegen die freie Fahrt palästinensischer Fahrzeug durch den Hauptknotenpunkt Gush Etzion zu demonstrieren. Unter dem Motto „Hauptstraßen versperren – Abschreckung wiederherstellen“ gingen mehrere Dutzend Menschen (den Aufnahmen zufolge,

Foto: Natan Epstein
Foto: Natan Epstein

müssten es knapp Hundert gewesen sein) mit Israelflaggen und in Begleitung der Armee auf die Straße, sperrten für 2 Stunden den lokalen Verkehr ab und demonstrierten für sichere Straßen für israelische Fahrzeuge – durch das Verhindern palästinensischen Verkehrs. Der Aufruf richtete sich selbstverständlich an den Premierminister und das Regierungskabinett. Die Idee dahinter: Die unaufhörlichen Terrorakte gegen die jüdische Bevölkerung basieren auf Hetze und

Foto: Natan Epstein
Foto: Natan Epstein

werden von der unmittelbaren Umgebung der Täter befürwortet und unterstützt. Auf die Terrorakte folgt keine Reaktion der offiziellen Stellen und es gibt kein Abschreckungspotential gegenüber zukünftigen Tätern und ihren Unterstützern. Die Beeinträchtigung der Lebensqualität dieser „unterstützenden“ Umgebung würde zu einem Abschwellen des Terrors führen.

Ich weiß nicht, inwiefern dieser Marsch tatsächlich etwas erreichen wird oder gar einen Sinn hat in seinen Absichten. Aber ich respektiere das Recht auf freie Meinung und Ausdruck. Es ist wichtig, dass Menschen nicht gleichgültig ihrem Schicksal gegenüberstehen.

Zum Video (Englisch)


Heute (18.03.16) findet vor der Tür sozusagen, in den Feldern bei Alon Shevut, eine „Friedenszusammenkunft“ der besonderen Art statt.

Frieden? Hier? Judäa? Westjordanland? Was? – höre ich die Stimmen.

"Wir machen Frieden im Land" Eventflyer
„Wir machen Frieden im Land“ Eventflyer

Allerdings. Gerade bei uns, gerade in Judäa. Es geht um eine Initiative, die vor etwas anderthalb Jahren gestartet wurde, und die der Idee des im Jahre 2013 verstorbenen Rabbiners Menachem Fruman aus Teko’a nachhängt. Wer den Namen schon einmal gehört hat – gut so, so wird sich einiges aufklären. Wer nicht – Menachem Fruman, über den und seine Familie ich im Laufe der Zeit berichten  möchte – war der „Wunderrabbi“ der gemischten Siedlung Teko’a in Ost-Judäa und ein national und international bekannter Friedensaktivist. Als Rabbiner, nationalreligiös und Siedler, nahm er sich vor, den Kontakt zwischen Juden und muslimischen Arabern ausgerechnet  in Judäa und Samaria aufzunehmen und zu fördern. Frieden, so Fruman, muss von unten wachsen, und niemand würde dafür besser geeignet sein als die beiden Bevölkerungsschichen, die sich diesem meisten verbunden fühlen würden – die arabische Dorfbevölkerung und die jüdischen Bewohner von Judäa und Samaria.

Zu diesem Zweck führte Rabbi Fruman jahrzehntelang Gespräche mit lokalen muslimischen Geistlichen, palästinensischen Politikern, einfachen Einwohnern – und natürlich den „Mitsiedlern“. Traf sich mit ihnen, organisierte gemeinsame Gebete, besprach Auswirkungen von Terroranschlägen und ihre Prävention. Er traf sich auch mit den Anführern der Palästinensischen Autonomiebehörde und den führenden Politikern der palästinensischen Widerstands- und  Terrorbewegungen! Als er 2013 an einer Krankheit verstarb, führten seine Frau Hadassah, nicht weniger bekannte Aktivistin, und seine Kinder sein Lebenswerk mit Überzeugung weiter.

Das "Roots" Logo
Das „Roots“ Logo

Die Initiative, über die ich momentan einige Worte verlieren möchte, wird sowohl vom „Fruman’schen“-Zentrum organisiert, als auch von den „Roots“ (Shorashim/Judur auf Hebräisch und Arabisch). Und „Roots“ ist eine NGO in Anlehnung an die Ideologie von Rabbiner Fruman  und ist etwa 1,5 Jahre lang aktiv. Die treibende Kraft und der „Partner zum Dialog“ dahinter ist Ali Abu Awwad, ehemaliger Fatah-Aktivist und heute in einer innerarabischen Bewegung für Gewaltlosigkeit und Kooperation tätig, die er ins Leben gerufen hat. Er, gemeinsam mit dem amerikanischstämmigen Rabbiner Hanan Schlesinger aus Alon Shevut und einigen dutzend weiteren motivierten Israelis (und darunter einigen wenigen

Von links: Ali Abu Awwad, R.Hanan Schlesinger, Shaul Judelman (weiterer Aktivist). Quelle: Friends of Roots Webseite
Von links: Ali Abu Awwad, R.Hanan Schlesinger, Shaul Judelman (weiterer Aktivist). Quelle: Friends of Roots Webseite

pal.Arabern) betreiben die Organisation als eine lokale Initiative für Kennenlernen, Verständigung und Normalisation zwischen den zwei

verfeindeten Bevölkerungsgruppen – den Arabern und den Juden Judäas und Samarias.  „Roots“ veranstaltet Gesprächsrunden, Aktivitäten für Kindern, Vorträge in Amerika und der Schweiz; Rabbi Schlesinger und Abu Awwad treffen sich mit Interessierten. Es hört sich bombastisch an – aber die Organisation ist noch immer starr, beschränkt sich momentan nur auf Gespräche und Vorträge mit einer überwiegend israelischen Teilnehmerzahl (überwiegend – das heißt, in den meisten Fällen 50 zu 1).

Was aber ist das Treffen am Freitagvormittag, dem 18.03? Die „Friedenszusammenkunft“ soll zum Gespräch und Kennenlernen animieren und genutzt werden. Über die Ideologie des lokalen Friedens wird gesprochen werden. Zu den Gästen zählen auch unter anderem linke Friedensorganisationen, welche offenbar ein Interesse an ihrem „Siedleräquivalent“ bekommen haben, wohl aber bisher einen Kontakt zu den jüdischen Siedlern verneint haben.  Es soll auch arabische Redner geben…

Das alles hat mir übrgens jemand beim neulichen Autostoppen erzählt. Wer war der/diejenige?

Die Tochter von Hadassah und Rabbi Fruman höchstpersönlich, Re’ut!

Ich traf auf sie beim Autostoppen nach Hause. Erst aus einem Telefongespräche verstand ich, dass es sich um die Tochter Rabbi Frumans handelte. Ihr Gespräch drehte sich natürlich um das Event am nächsten Tag. Ich sprach sie darauf an und wollte mehr darüber wissen, und vor allem über ihre Meinung darüber. Auch brennende Fragen hatte ich – und habe immer noch: Was erreicht die Organisation tatsächlich? Wie viele Menschen interessieren sich dafür? Wieso kommen so viele lokale jüdische Interessierte, treffen aber immer auf dieselben zwei bis drei arabische Aktivisten (und meistens nur auf Ali Abu Awwad)? Was soll die Initiative bei der arabischen Bevölkerung erreichen, erreicht sie etwas?

Re’ut hörte sich nach jemandem an, der ganz in die Idee ihres Vaters vertraut und mit ganzer Seele dabei ist, obwohl sie bekundete, ihr Vater habe ihr noch als Jugendliche die Wahl freigestellt, ob sie sein Lebenswerk unterstützen oder diesem fernbleiben wollte. Was die lokalen Veranstaltungen und Projekte ihrer Mutter Hadassah angeht, so meinte sie, dort gäbe es viel mehr Rückmeldung und auch Menschen, „Roots“ sei so etwas wie eine Tochter und auch davon bekämen Menschen zu hören. Sie war sichtlich voller Vorfreude auf das kommende Event. Auf die Frage, wieso die arabische Seite der Organisation nach außen hin kaum bis gar keine Beteiligung zeige, wusste sie mir Beispiele anzuführen und vor allem hatte sie ein Argument: Es ist gefährlich. „Viele, die uns im Herzen unterstützen, können sich das nicht erlauben, zu kommen. Diejenigen, die kommen, begeben sich in Lebensgefahr. Wenn sie kommen, sind sie sich das bewusst und nehmen es in Kauf. Andere, verstehst du, viele können dies nicht machen.“ Sie brachte mir ein Beispiel eines muslimischen Scheichs, der mit ihrem Vater einst viel Kontakt hatte und auch zu ihm kam. Dieser Scheich meinte, er würde keiner Bedrohung ausgesetzt sein – er sei eine religiöse Figur.  – Zwei Wochen danach erfuhr sie, dass derselbe Scheich sich ins Ausland abgesetzt hatte, da gegen ihn seitens der Hamas ein Todesurteil ausgesprochen wurde.

Was Ali angeht, so Re’ut, so hat er einen großen Clan hinter sich, der zu ihm steht. Andere, die keinen großen und einflussreichen Clan hinter sich haben, haben es viel schwerer. Ob ihre Mutter Hadassah Fruman auch mit der Palästinensischen Autonomiebehörde Gespräche führe? Ja, das tue sie, so Re’ut. Wieso sollten sie ein Interesse daran haben, an einer Normalisierung, an einem guten Verhältnis? Es sei immer einfach, sich dagegen zu stellen, so Re’ut, aber auch sie hätten Interesse daran, dass es eine Realität vor Ort mit Rechten und normalisierten Zuständen gäbe.

Mehr konnte ich Re’ut leider nicht fragen und auch nicht weiter nachhaken – ich musste aussteigen. Ich hoffe, sie bei der Veranstaltung noch einmal zu sehen und auch dort selbst einige Antworten zu bekommen – zumindest in der Variante der „Roots“-Aktivisten, um zu sehen, inwiefern das Ganze einen Realitätsbezug besitzt. „Friedensaktivisten“ gibt es viele, aber nur wenige von ihnen nehmen die Wirklichkeit um sie herum in der richtigen Proportion in Kauf….

SPIEGEL ONLINE/bento: Chaya ist das Problem

Seit vorgestern, 25.02.16, kocht und brodelt das Netz um mich herum. Kein Wunder: Das angekündigte Portrait „der Siedlerin“ aus Judäa ist endlich im bento, dem jugendlichen Tochtermagazin von Spiegel Online erschienen:

"Warum eine deutsche Jüdin im Westjordanland lebt", bento, 25.02.16
„Warum eine deutsche Jüdin im Westjordanland lebt“, bento, 25.02.16

Zunächst einmal – alle, die darauf gewartet oder nicht gewartet und bisher noch nicht gelesen haben – ich lade euch herzlich ein, das Portrait zu lesen und sich eigene Eindrücke zu machen. Leider bin ich aus verschiedenen Gründen nicht dazu gekommen, früher darüber zu berichten. Selbstverständlich würde ich mich sehr darüber freuen, wenn ihr mich an euren Gedanken teilhaben lässt, unten in der Kommentarspalte. ⇓

Und jetzt, mit Verlaub, gebe ich etwas von meinem Senf dazu, als eine, die auch ein wenig den Hintergrund zu der gesamten Geschichte kennt.


Das Ergebnis des Besuches von Spiegel-Reporterin Jennifer Bligh und Fotograf Jonas Opperskalski, unserer mehrstündigen persönlichen Gespräche, Hintergrundinformationen und Erklärungen, der Führung rund um meine Karavanensiedlung  und der Fotosession ist meiner Meinung zweifach zu bewerten.

Das Positive?

Meine Besucherzahlen sind um ein Vierfaches gestiegen. Mein Blog wird seit dem 25.02 nicht mehr nur von Deutschen, Israelis und Schweizern, sondern sonderbarerweise auch von Schweden und Amerikanern besucht. Und meine Aufrufzahlen insgesamt belaufen sich seit Freitag auf 100.000 Besucher!!!! Wenn das kein Grund zum Feiern ist! Dutzende von positiven, aufmunternden Kommentaren und privaten Nachrichten haben mich erreicht, Facebookfreunde und zahlreiche Unbekannte unterhalten sich über das Schriftstück und Neuentdecker meines Blogs berichten mir aufgeregt, sie würden ab jetzt mit größtem Interesse meine Berichterstattung verfolgen. Besseres könnte man sich gar nicht wünschen. Außerdem ist es durchaus kein schlechtes Ding, zu wissen, dass das eigene Projekt auf die Hauptseite der SPIEGEL-Berichte gekommen ist. Denn welchen Ruf der SPIEGEL auch bei uns Israelfans genießen mag, ist es dennoch das zentrale deutsche Magazin. Come on, gebt’s zu. Es ist wirklich nicht alles so furchtbar im SPIEGEL. Wie ein guter Freund zu mir meinte, „es gibt keine schlechte Werbung“. In meinem Métier ist das tatsächlich ein wahrer Satz. Auch die Fotos von Jonas Opperskalski sind eine Bewunderung wert. Das war, genau genommen, auch mein erstes Fotoshooting gewesen und ich bin vollends zufrieden damit. To be continued…

Und was ist mit dem Negativen?

Das Negative ist der Rest.

Sprich, der Text selbst, der journalistische Standard, die Professionalität oder eher ihre gähnende Abwesenheit, die Präsentation seitens der Autorin, die einschlägigen Motive des Textes, seine Überarbeitung durch die Redaktion im Vergleich zum Entwurf, der mir vor der Veröffentlichung vorgelegt worden ist.

Vor der Veröffentlichung der Reportage wurde ich mit einigen gutgemeinten Ratschlägen versorgt, nach dem Motto „nehme dich in Acht, der SPIEGEL wird kein gutes Haar an dir lassen“. Im Nachhinein bekam ich die gerechten Zornesausbrüche und enttäuschten Feedbacks meiner Freunde und Leser zu Gesicht. Manche davon ähnelten denen einer „jiddischen Mamme“ – „wir haben es dir doch gesagt!“ Und bei allem Amusement, den ich von diesen Rückmeldungen hatte, liebe Freunde, eins muss ich euch sagen – das Risiko war mir bewusst. Aus meiner Erfahrung mit deutschen Medien, und insbesondere dem SPIEGEL, wusste ich, worauf ich mich einlasse. Denn außer der Journalistin vor Ort, Jennifer, einer netten jungen Frau mit geringer Ortskenntnis und manchmal recht seltsamen, aber dennoch interessierten Fragen zu dem Leben in Judäa und Samaria, gibt es ja noch die SPIEGEL-Redaktion. Und diese verfolgt ohne Zweifel die politisch korrekte Leitlinie des unzensierten Siedler-(nein, nicht Juden, Siedler!)hasses und, um dieser treu zu bleiben (alles hat sein Recht und seine Ordnung!), darf in einem Magazin, mag es noch so oberflächlich und ideologielos sein wie das „Jugendmagazin bento“ (man schaue sich nur deren Themenauswahl an), das Portrait einer Siedlerin im Westjordanland keinesfalls so ausfallen, dass man noch auf die Idee kommen könnte, diese zu befürworten.

Und das wurde auch mit allen Mitteln versucht, zu verhindern. Ob nun seitens Frau Bligh oder seitens der Redaktion. Die Details versuche ich noch, herauszufinden. Ich möchte niemandem einen schlechten Ruf verpassen, wozu auch? Der Text spricht für sich selbst.

Und genau hier begingen bento/SPIEGEL einen Fehler.

Denn die „unschöne“ Schreibweise, in der dieses nur wenige Absätze lange Portrait verfasst worden ist,  ließ so manche Leser und Kommentatoren zurückschrecken; so war vielen der 130 Kommentare auf der Seite zu entnehmen, bevor sie gelöscht wurden. Beispiele gefällig?

Erst zu meiner Charakterisierung. Ich bin ein Protestweib, das die Realität daran hindert, zu einer friedvollen Normalität umgewandelt zu werden. Das geht aus dem Untertitel des Artikels hervor („behindert mit ihrem Wohnort den Friedensprozess. Für sie ist das

Böse Chaya.
Böse Chaya. Wusste übrigens nicht, dass ich in Nablus oder Jenin leben kann. Ich werde mich informieren müssen.

Protest“), aus den ersten Absätzen („provoziert…Frieden verhindert“). Nach der saftigen Behauptung, die Siedlungen verstößten laut der UNO gegen das Völkerrecht, wird noch eins drauf gesetzt:

„Chaya sieht das anders – und ist damit Teil des Problems“

Ein Problemmensch also. Ein Mensch, in deren Welt es Dinge, die trotz ihrer Realitätsferne und ihrer de facto Nichtexistenz  – solche, wie die Zwei-Staaten-Lösung – zum internationalen Konzensus gehören, den man gefälligst zu respektieren habe, nicht gibt. Klar, dass eine solche Dreistigkeit entsprechend bestraft werden muss.

Mein problematisches Dasein muss also auch durch persönliche Eigenschaften belegt werden, die mir verpasst werden. So spreche ich nicht, sondern „rattere herunter“ , „rufe“ oder  „lache unschön auf“. Überhaupt scheine ich für die Reporterin entschieden zu oft

Unschön. Das Lachen, aber auch die journalistische Ausdrucksweise.
Unschön. Das Lachen, aber auch die journalistische Ausdrucksweise.

aufzulachen. Vielleicht hat ihr mein Humor nicht gefallen?, denke ich mir heute. Ganze zwei Mal erwähnt sie es im Text. Ansonsten ist meine Gesprächsweise „herausfordernd“, meine Stimme hat „einen Hauch von Trotz“ und auch habe ich die Frechheit, Dinge zu ignorieren, die für alle eigentlich so „simpel“ sein sollten wie das ABC: Siedlungen sind illegal.

Jennifer Bligh berichtigt das Völkerrecht.
Jennifer Bligh berichtigt das Völkerrecht.

So simpel möchten es SPIEGEL und bento haben. Leider ist das Völkerrecht selbst dort anderer Meinung. Somit wird es die UNO, die man für alles heranzieht, was nur ein wenig Hauch von Verleumdung gegen Israel mit sich trägt, auf völkerrechtlicher Ebene auch etwas differenzierter handhaben. Soweit also zu „Chaya sieht es anders“.

Übrigens müsste ich bento und Jennifer Bligh etwas mitteilen, was sie vielleicht so noch nicht gehört haben: Der SPIEGEL hat den Siedlungsbau auch anders gesehen. Vor 1979 nämlich. Da waren die Siedler noch mutige Pioniere, oder aber gänzlich uninteressant. Und das ist wahrlich nicht Chaya, die es herausgefunden hat, sondern Ulrich W.Sahm. Ob er damit auch Teil eines Problems ist? Das kann gut sein. Immerhin wurde er als Journalist aus allen deutschen Mainstreammedien verbannt.

Bei einem weiteren Thema scheint es bento darauf anzulegen, einen Anruf von der Presseeinheit der israelischen Armee zu erhalten. Jennifer Bligh/bento behaupten nämlich, die drei Jugendlichen Eyal, Gil-ad und Naftali, die im Sommer 2014 in Gush Etzion entführt und

bento macht der Hamas die Entführung streitig. Ein Fall für den Pressesprecher der IDF?
bento macht der Hamas die Entführung streitig. Ein Fall für den Pressesprecher der IDF?

ermordet worden sind, seien nur „angeblich“ von der Hamas entführt worden. Dass die Hamas selbst es anders sieht, die beiden Attentäter auf die Ausführung hin vorbereitet hat, die Entführung gefeiert und daraufhin sich auch in einen Krieg mit Israel gestürzt hat („Operation Fels in der Brandung“), schien an Jennifer Bligh vorbeigezogen zu sein. Wie auch, denn als ich ihr diese Information mitgeteilt habe, hat sie nur auf das Tempo geachtet, in welchem ich es gesagt habe („EswirdeinSatzzueinemWort“), der Inhalt war zu herausfordernd, um ihn zu verstehen. Da bin ich natürlich selbst daran schuld. Wie auch sonst an diesem Unglücksartikel.

Den absoluten Wissensmangel und die ins geübte Auge stechende Abwesenheit von jeglicher Professionalität bei diesem Text versucht der Artikel mit Meinungsmache zu vertuschen. Es gibt

Tja, was ist mit ihnen? Ich weiß es nicht, aber wenigestens haben sie mein "Allahu Akbar" gelassen.
Tja, was ist mit ihnen? Ich weiß es nicht, aber wenigestens haben sie mein „Allahu Akbar“ gelassen.

zwar den „roten Kasten“, der über die Situation in Judäa und Samaria aufklären will. Aber in einer der fetten Absatzüberschriften steht „Und was ist mit den Menschen in Gaza?“ Ich würde die Frage gerne zurück stellen, was ist denn mit den Menschen in Gaza? Was haben sie mit meiner Anwesenheit in Judäa zu tun? Vielleicht sollte man dafür die Menschen in Gaza fragen und nicht mich, die ich dieses Fleck Land im Leben nicht betreten habe, und die Fragestellerin ebenso (sie hat ja erst vor Kurzem ihre eigene jüdische Verwandschaft entdeckt und ist so nach Israel gekommen)? Ich antworte also, Gaza sei geräumt worden. So wird es auch zitiert. Der Interpretationsfreiraum für diese bombenfeste (wortwörtlich) Faktenlage wird den noch weniger gebildeten Lesern

Gut, dass bento Bescheid weiss.
„Unrealistisch“: Nur gut, dass bento Bescheid weiss.

gelassen. Auch die Tatsache, dass es noch nie einen palästinensischen Staat gegeben hat, wird zur Auslegung freigestellt. Hatten wir schon „simpel“ gesagt? Ja, Geschichtsumschreibung war noch nie so simpel wie im 21.Jahrhundert. 

Noch ein bisschen zum Insiderwissen: 

Als ich den Artikelentwurf per Email bekommen habe, sah er noch ganz anders aus. Da wurde über die Attentate gesprochen, die sich bei uns in der Gegend ereignet haben. Da findet die Tatsache, dass ich gegen Enteignungen von palästinensischem Privatbesitz bin, Erwähnung.. Da habe ich noch berichtet, dass ich Palästinenser in einer Farm besucht habe. Da sei der Zugang zur Siedlung über die Felder der arabischen Nachbarn noch offen, meine Redeart nicht „herausfordernd“, sondern „Meisterleistung“ und was meine Sichtweise auf die jüdische Religion angeht, so sei sie „differenziert und reflektiert“. Sogar mein Vorwissen zum Thema israelisches Gesetz und internationales Recht wird erwähnt.

All das verschwindet nach der Veröffentlichung. Meine Bitte, die Arbeit bei der „Jüdischen Rundschau“ zu erwähnen und das „Rufen“ als Prädikat aus dem Text zu entfernen, wird nicht berücksichtigt. Heraus kommt ein an Information mangelndes, Gift und Galle spuckendes und von Vorurteilen geradezu getränktes Essay, das, anstatt mich als Person vorzustellen und Einblick in meine selbst für Fortgeschrittene komplizierte Welt zu gewähren, sich an der eigenen Richtigkeit und Rechtschaffenheit ergötzt und alles daran setzt, mich mit den zur Verfügung stehenden Mitteln zu diffamieren. Nicht umsonst wurde der Beitrag wohl  nicht mehr und nicht weniger, als unter dem Schlagwort „Gerechtigkeit“ publiziert.

Gerechtigkeit und ein ungerechter Artikel. Ganz nach SPIEGEL-Tradition.
Gerechtigkeit und ein ungerechter Artikel. Ganz nach SPIEGEL-Tradition.

Bevor die Kommentare auf der Artikelseite zensiert worden sind, habe ich einige davon lesen können. Nicht alle waren vernichtend. Es gab offenbar genug klardenkender Leser, die die Schreibweise dieses Textes angeprangert haben. Ein Kommentator namens Heinz hatte danach gerufen, mich beim „deutschen Staatsanwalt“ zu verklagen, weil ich mit meinem Wohnsitz die Genfer Konvention bräche. Schade, dass ich davon keinen Screenshot gemacht habe.

Mancher möge sich jetzt fragen, „war es das Ganze wert? Hattest du diese Verleumdung nötig?“

Ich sage eindeutig – ja. Ich sehe jetzt schon, dass die Veröffentlichung mir  mehr Leser und Follower eingebracht hat und mich mehr ins deutsche Bewusstsein gerückt hat. Das ist sehr gut, es ist eins meiner Ziele bei meiner Arbeit und es freut mich, wenn mehr und mehr Menschen auf die Realität aufmerksam werden, die ich versuche zu vermitteln.

Demnach – Respekt und Hochachtung gebühren SPIEGEL und bento eindeutig nicht für diese „Meisterleistung“. Aber ein verschmitztes „Danke“ – definitiv. Und, wie es so schön im Hebräischen heißt, „seid mir gesund!“ Wer Hebräisch kann, wird die Andeutung verstehen. 🙂


Weitere Rezensionen und Kommentare zu dem Artikel bei bento:
Gerd Buurmann
Roger Letsch
Elisabeth Lahusen

NEWS: Tödlicher Schusswechsel

In unserer Karavanensiedlung haben wir eine gemeinsame Whatsapp-Gruppe für alle Einwohner. Diese ist auch recht lebendig, und auch öfters mal nützlich, wenn man sich untereinander austauschen kann.

Ortschaftenkarte Gush Etzion.
Ortschaftenkarte Gush Etzion.

Als gestern, 24.02.16, die Nachricht von Jochanan, meinem Nachbarn, mit der Bitte um ein Gebet für Genesung verschickt wurde, wusste ich schon zuvor, dass es ein Attentat gegeben hatte, wieder einmal bei uns an der Gush Etzion-Kreuzung, um die Mittagszeit. Es war immer dasselbe Prinzip – Araber mit Messer hatte versucht, an der Bushaltestelle wartende Menschen anzugreifen.

Dieses Mal war etwas „schief gelaufen“ – den Nachrichtenmitteilungen entsprechend rannte der Attentäter auf die Gruppe Wartender zu mit einem Messer in der Hand, doch wurde schnell von den Sicherheitskräften, die jede Haltestelle auf der Kreuzung säumen, entdeckt. Auch einer der Wartenden

Gush Etzion Kreuzung. Quelle: Regionalverwaltung
Gush Etzion Kreuzung. Quelle: Regionalverwaltung

entdeckte den Terroristen, Eliav Gelman, 30 Jahre, aus der benachbarten Siedlung Karmey Tzur. Eliav, Vater zweier kleiner Kinder und Reserveoffizier in einer Einheit der israelischen Luftwaffe, war gerade unterwegs nach Hause von einer Reserveübung und trug eine Waffe bei sich. Er zückte die Waffe, als er den Angreifer auf sich zulaufen sah, und schoss. Dasselbe taten auch die Soldaten.

Quelle: MDA
Quelle: MDA

Der Terrorist wurde niedergeschossen, mittelschwer verletzt. Doch ebenso wurde Eliav. Er geriet in die Schusslinie der Soldaten, zwei Kugeln trafen ihn am Oberkörper und verletzten ihn lebensgefährlich.

Nach der moralischen Leitlinie der israelischen Armee und der medizinischen Versorgungsdienste wird bei Verletzten kein Unterschied gemacht, ob es sich dabei um Opfer oder Täter handelt, um Angreifer oder um Verteidiger. Beide werden gleichermaßen entsprechend ihrer Verletzungen versorgt und ins Krankenhaus gebracht. Der Terrorist wurde evakuiert. So auch Eliav.

Eliav Gelman.
Eliav Gelman.

Kurze Zeit später gaben die Nachrichten bekannt: Der Terrorist, ein 26-jähriger Mann, von Beruf Lehrer, aus den Südhevronbergen, wurde behandelt und hatte überlebt. Eliav verstarb an den Schusswunden.

Diese Art von Tragik hatte es schon zwei Mal während der letzten „Messerintifada“ gegeben; einmal war es ein offenbar geistig verwirrter Mann in einem Jerusalemer Bus, der etwas von „Isis“ schrie und mit einem Werkzeug fuchtelte und in diesem Kontext erschossen wurde – die Untersuchungsergebnisse hatten dies ergeben. Ein ander Mal wurde ein eriträischer Flüchtling nach einem Attentat auf dem Zentralbusbahnhof in Beer Shewa, der versehentlich für den Attentäter gehalten und erschossen wurde.

Und jetzt, Eliav, ein Opfer der Situation, gestorben an den Kugeln der eigenen Kameraden, während er dabei war,  ein Attentat auf Unschuldige abzuwehren.

In meiner Whatsapp-Gruppe fand ich heraus, dass es sich bei Eliav um den Ehemann der Schwester meiner Nachbarin Chenit handelte, hier aus der Karavanensiedlung. Diese Nachricht reichte mir, um trotz des späten Arbeitsschlusses in Jerusalem zur Beerdigung zu reisen, welche am selben Abend auf dem lokalen Friedhof des Kibbutz Kfar Etzion stattfinden sollte.


Eliav. Ich kannte ihn nicht, aber trotz der üblichen Trauer um ein weiteres Terroropfer wollte ich Anteil am Schicksal meiner Nachbarin zeigen, deren Schwester es getroffen hatte. Alle sie sind jung, was sind schon 30 Jahre und zwei kleine Kinder? Das Leben sollte vor ihnen stehen und nicht unter ihren Füßen begraben werden…

Ich wartete auf einen Anhalter an der Autobahnkreuzung 60 im Stadtteil Gilo, Jerusalem, Richtung Gush Etzion. Kaum eine Minute war vergangen, da hielt ein Fahrzeug an. „Kfar Etzion“, sagte einer der jungen Männer mit Kippa im Wagen. Der Kibbutz, wo die Beerdigung stattfinden sollte. Ich stieg ein, es dauerte noch, bis er die Windschutzscheibe gereinigt bekam. Unterdessen fragte ich seinen Beifahrer und noch eine Zugestiegene, ob sie zur Beerdigung von Eliav fahren würden. Sie bejahten.

Wir fuhren los. Die beiden unterhalten sich vorne, plötzlich sagt der Fahrer: „Erst heute mittag habe ich ihn zur Gush-Kreuzung gefahren. Von hier aus, von Gilo. Ich habe ihn dort abgesetzt und bin heimgefahren. Ich kenne ihn aus dem Reservedienst. Am vorigen Abend haben wir noch miteinander gechattet. Ich kenne ihn nicht wirklich gut genug, aber wir waren zusammen in der Reserve.“

Und er erzählt mir, die ich sprachlos bin von so einer unerwarteten Information, wie er kurz nach dem Absetzen von Eliav aus den Nachrichten von dem Anschlag erfuhr, und dann gab man auch den Namen des Opfers frei. Er war geschockt.

Ich bin es auch. Es ist mehr als nur eine „kleine Welt“, die hier zum Vorschein kommt. Mehr als nur Nachbarschaft. Alle sind wir irgendwo, irgendwie miteinander verbunden. Der Reservekamerad. Der Verwandte der Nachbarin. Der Bekannte der Freunde aus einer Stadt. Der Kollege, der Kollege des Kollegen, der Sohn der Bekannten. Wenn man hier lebt, muss man sich unwillkürlich fragen, wen es als nächstes trifft, unwillkürlich zittern bei jeder Anschlagsmeldung, „wird mir der Name des Opfers bekannt sein?“

Und selbst wenn dieser es nicht ist, dennoch trifft es ins Herz. Andere. Mich. Als würde wieder und wieder ein Gliedmaß abgehackt werden, mitten im Blühen, mitten im Leben.

Die andere Mitfahrerin kannte Eliav nicht, wohl aber seine Eltern, mit welchen er in der Stadt Kiryat Arba bei Hevron aufgewachsen war.

Der Fahrer und sein Freund unterhalten sich leise über den Ermordeten, das, was sie über ihn wissen; er sei bescheiden gewesen, zurückhaltend, professionell, familientreu, ein Mensch mit einem guten Ruf. Im Radio spielt melancholische Musik, draußen ist es dunkel, die Klimaanlage heizt die Luft im Fahrzeug und wir fahren, dicht aneinander gedrängt, ab und zu ein paar Worte wechselnd, fixiert auf unser Ziel – den Friedhof.

20160224_212707Dann kommt der Stau. Die Landstraße, welche zum Kibbutz führt, ist von Autos verstopft. Alle scheinen zur Beerdigung fahren zu wollen. Ob sie alle ihn gekannt haben? Ich wage zu bezweifeln. Wenn es nicht etwas mit meinen Nachbarn zu tun gehabt hätte, glaube ich kaum, dass ich selbst gekommen wäre. Ich gehe nicht oft zu Beerdigungen, ich mag sie nicht, es verstört mich zu sehr, es belastet, es geht mir nahe. Ich bevorzuge es, zu schreiben, anstatt am Grab zu weilen und das Weinen der Hinterbliebenen zu hören. Aber hier sind die Menschen nicht wie ich. In Israel, und vor allem in Judäa und Samaria, sind die Menschen anders. Sie begleiten einen – den Lebenden, von Geburt an, in der Kindheit, bis zur Bar/Bat Mitzwa, bis zum Einzug in die Armee und bis unter den Heiratsbaldachin; sie begleiten einen zu den wichtigsten Stufen und Ereignissen des Lebens, bis ins Alter und bis zum Tod. Sie lassen niemanden fallen. Sie umarmen – die Familie, den Verstorbenen und die Erinnerung an ihn.

Die Straße, die zum Friedhofstor führt, ist übersät von parkenden Autos. Es ist dunkel, nur der Vollmond leuchtet über den Hügeln und dem Tal, welches sich rechts von uns erstreckt und die Sicht auf die leichtenden Punkte der Dörfer und Städte talabwärts und bis zur Mittelmeerküste bietet.

20160224_214526Es strömen mehr und mehr Menschen aufs Gelände. Wir müssten insgesamt einige Hundert sein.Trotz der Menschenmenge herrscht eine, ganz dem Wort nach, Totenstille. Dann scheint sich etwas zu bewegen. Von oben her steigen Soldaten herab, einige Reihen von feierlich angezogenen Soldaten, sie tragen eine Bare mit dem Leichnam von Eliav. Eine Bare, und keinen Sarg. Wir haben keine 20160224_215113Särge im Judentum. Der Mensch wird, in den weißen Gebetsmantel und manchmal auch, wie bei Soldaten, in eine Flagge eingewickelt, einfach so in die Erde gelegt. „Von Staub gekommen, zu Staub geworden“. Nichts soll diesem im Wege stehen.

Und dann, als die Soldaten heruntersteigen, hört man das Weinen. Vor allem von Frauen. Weinende, rufende Stimmen, von Eliavs Frau, Schwestern, Eltern. Der Kreis der Weinenden breitet sich aus; Schluchzen kommen aus weiteren Reihen – von Freunden, Bekannten, fremden Anteilnehmenden wie mir?

Und Er ist erbarmungsvoll, vergibt Sünde und vernichtet nicht, zügelt Seinen Zorn und zeigt nicht Seine ganze Wut“

(Psalm 78)

Das Grab wird mit Erde bedeckt. Ich sehe Jochanan, meinen Nachbarn, wie auch er zum Spaten greift. Das Weinen wird lauter. Meine Seele schmerzt bei dem Gedanken daran, wie sich die junge Ehefrau – Witwe – fühlen muss, wenn sie der Erde zuschaut, die nach und nach den Körper ihrer vor einigen Stunden noch lebendigen Mannes, dem Vater ihrer Kinder, bedeckt. Einem Mann, der sich an die Frontlinie wagte, um Terror abzuwehren und diesem erlag.

Alles geschieht sehr schnell hier. Das Leben, der Terror, der Tod, und auch das Begräbnis. Man lässt die Toten nicht über Nacht weilen. Am Mittag noch quicklebendig, am Abend schon in der Erde. Der Armeerabbiner, der die Zeremonie leitet, kommt zu den nahen Angehörigen – Eltern, Ehefrau – und erklärt ihnen, wie sie ihre Kleidung anzureißen haben und welchen Segensspruch sie über Eliavs Tod sprechen sollen. Beides ist das jüdische Gesetz und es wird ausgeführt, auch wenn es schmerzt. Der Kleidersaum am Hals reißt, auch die Herzen reißen. „Gesegnet ist der Herr, der wahre Richter.“ Das sagen wir hier in Israel, wenn wir von einer Todesnachricht erfahren. Wie muss es aber sein, wenn man dies über das eigene Familienmitglied sagen und die Entscheidung akzeptieren muss?…

Gott, schweige nicht, werde nicht taub und ruhe nicht

Denn siehe, wie Deine Feinde aufheulen, und Deine Hasser ihren Kopf heben

Gegen Dein Volk plotten sie sich zusammen, gegen diejenigen, die Du liebst

Sie sagten – gehen wir hin und löschen sie aus

Und an den Namen Israel soll nichts mehr erinnern!“ (Psalm 83)

Der Rabbiner liest die Psalmen vor, und dann kommen Grabesreden. Der erste, der spricht, ist der Integrationsminister und Minister für Jerusalem-Angelegenheiten Ze’ev Elkin; auch er wohnt hier, in Gush Etzion:

„Die Kreuzung der drei Kinder, die Kreuzung des Blutes! Welchen Preis haben wir für diese Kreuzung bezahlt, und für unser Festhalten an diesem Land. Diese Kreuzung ist ein Symbol dafür. Migdal Eder [1927 von arabischen Dörflern verwüstet, Anm.], das alte Kfar Etzion [von 1943, 1948 von arabischen Legionen verwüstet, Anm.] und bis heute. Wir leben hier, weil wir Jerusalem verteidigen. Diese wilden Tiere, die uns angreifen, wissen es, und deshalb greifen sie uns hier an, um uns von hier verschwinden zu lassen. Aber wir werden nicht von hier weggehen, es wird ihnen nicht gelingen. Bestimmt habt ihr schon gehört, dass der Terrorist ein Lehrer gewesen ist! Ein Lehrer! Das ist ihre Erziehung. Sie erziehen ihre Kinder dazu, zu töten. Wo sind sie und wo ist unsere Erziehung dagegen! Wir bringen unseren Kindern bei, zu leben. 

Hört uns, Nachbarn, es reicht, es wird euch nicht gelingen, hört es auf! Ob mit Messern oder mit Gewehren, mit denen ihr auf uns losgeht, wir gehen nicht von hier, genug!“

Offiziere verschiedenen Ranges, Befehlshaber und Kameraden, treten ans Mikrofon und beschreiben einen jungen, furchtlosen Mann, kampferprobt und professionell in der Erfüllung seiner 20160224_215117Aufgaben, und dennoch bescheiden, zurückhaltend, familienbewusst, lernfreudig. „Die israelische Nation weiß nicht, wieviel an ihrer Sicherheit sie diesem Mann verdankt“, sagt einer. „Möge Gott unseren Anführern den Mut geben, sich nicht vor den Europäern und nicht vor den Amerikanern zu fürchten. Man darf den Kopf nicht vor einem Nichtjuden neigen, auch wenn er der Präsident von Amerika ist. Ein Jude muss das tun, was für das jüdische Volk richtig ist“, sagt ein bärtiger Redner mit zitternder Stimme, mir unklar, in welcher Funktion.

„Deine Bibliothek daheim zeugte davon, was für ein Mensch du warst“, so beginnt der Ortsrabbiner von Karmey Tzur seine Rede, „so viel Gutes hat von dir gestrahlt, so viel Bescheidenheit und Zärtlichkeit, ja, Zärtlichkeit, konnte man in deiner Stimme hören, wenn du gesprochen hast.“ Er wendet sich auch an die Angehörigen: „Den Schmerz einer Mutter kennt nur die Mutter (…), den Schmerz der Ehefrau nur sie allein. Nichts und niemand kann euch das nehmen. Ihr werden Schmerz fühlen, ihn durchleben und wieder aufstehen; das hätte Eliav von euch gewollt.“

Auch die Geschwister von Eliav sagen einige Worte, welche mehrmals von Schluchzern unterbrochen wurden. Die Anwesenden erfahren, dass Eliavs Schwester Tzofia, Studentin, eine Kippa für den älteren Bruder stricken wollte und diese nicht fertiggestrickt hatte; sein jüngerer Bruder hätte , wann immer er einen Fehler gemacht habe, daran gedacht, ‚Was hätte Eliav in meinem Fall gemacht?‘, und ein anderer Bruder sagt voller Bitterkeit:

„Wer wird Ya’ir [den älteren Sohn, Anm.] in die Synagoge begleiten, wer wird Yoav [den jüngeren, Anm.] die Kleider wechseln, und wer wird Rinat [der Ehefrau, Anm.] bei der Geburt beistehen? In einundhalb Monaten wird sie ein Kind gebähren mit einer Seele und einem Körper, Fleisch von deinem Fleisch; es wird etwas von deiner Seele haben, aber niemals die Umarmung deines Körpers fühlen können!“

Eliavs Vater sagt im Voraus mit gebrochener Stimme, er wisse nicht, wie man eine Rede hielte, er hätte aus dem Herzen geschrieben:

„Als meine Eltern gestorben sind, hatten sie nicht viele um sich herum, die für sie das Totengebet sprechen konnten. Wir unsererseits haben für uns einen ganzen ‚Chor‘ heranwachsen lassen. Wer hätte aber gedacht, dass ich heute ausgerechnet einen Teil deines ‚Chores‘ ausmachen würde? (…) Avraham, unser Vorvater, war bereit, für die Heiligung des göttlichen Namens seinen Sohn als Opfer darzubringen; der Hohepriester Aharon hat seine zwei Söhne im Gottesdienst verloren und so haben Juden generationenlang ihre Seele für diese Heiligung hingegeben. Mit großem Schmerz nehmen auch wir heute die Tatsache hin, dass du für die Heiligung Seines Namens geopfert wurdest.“

Das Totengebet, das Kaddish, wird gesprochen, die Zeremonie ist vorbei. Die Anwesenden ziehen langsam an den Trauernden vorbei und umarmen sie. So auch ich, umarme Chenit und ihre Schwester Rinat, welche weinend auf der Bank neben dem frischen Grab sitzen, und ziehe dann von dannen, mir einen Anhalter zurück nach Hause zu suchen.

In meinem Kopf wechselen sich die Bilder des Erlebten ab, eine Schwere im Magen und im Herzen, und ausgerechnet an die Worte von Davidi Perl, des Vorsitzenden des Regionalrates von Gush Etzion, erinnere ich mich, der bei seiner Grabesrede David Ben Gurion zitiert hatte. Das Zitat schien aus einem ganz anderen Kontext zu stammen,  aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges von 1948-1949, als Gush Etzion und seine vier Kibbutzim den Schutzwall Jerusalems vor den Anmärschen der feindlichen arabischen Legionen bildeten. Einen Tag vor der Ausrufung des Staates Israel am 14.Mai 1948 fiel Gush Etzion und seine letzten Bastionen in die Hände der arabischen Kämpfer, mehrere hundert Einwohner wurden massakriert, der Rest in Gefangenschaft genommen oder geflohen. In den Jahren danach wurde dieser Tag zum nationalen Gedenktag der Gefallenen des Staates Israel erklärt. Davidi Perl zitierte David Ben Gurion, Israels ersten Premierminister, der sich ein Jahr nach der Staatsgründung  zu dem Fall von Gush Etzion äußerte:

„Die Beschützer von Gush Etzion retteten Jerusalem. Vier Besiedlungspunkte mitten im Feindesland hielten die Feinde davon ab, zu den Toren Jerusalems vorzudringen. Viele, zu viele von uns fielen dort im Kampf. Aber wenn das hebräische Jerusalem heute steht, wenn der jüdischen Besiedlung der Todesstoß, den die Feinde geplant hatten, nicht gegeben worden war – dann gilt der Dank der israelischen Geschichte und der Geschichte des jüdischen Volkes zuallererst den Kämpfern von Gush Etzion…“ 

„Und du bist einer von ihnen“, hatte Davidi Perl den Satz ergänzt.