An jenem verhängnisvollen Freitag, dem ersten Julitag, waren der junge Mann aus dem als Flüchtlingslager bekannten Al-Fawar nahe Hevron und seine Frau zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um die überlebenden Mitglieder der Mark-Familie aus Otniel nach dem tödlichen Attentat aus dem zerschossenen Wagen zu zerren. Sein Name und seine herzerwärmende Erklärung zu seiner Tat bekamen ihren Platz in den israelischen Nachrichten und er wurde hochgelobt. Verständlich – er hatte der 15-jährigen Tehila, dem 13-jährigen Pedaya und ihrer Mutter Chava das Leben gerettet, und das, obwohl die Familie Mark als der größte Feind der palästinensischen Araber gilt: sie sind jüdische Siedler. Zum israelischen Channel 1 sagte er noch am Tatort,
Ich will nicht, dass mir jemand Danke sagt. Ich habe es aus menschlichen Gründen getan und für Gott.
Heute hat dieser junge Mann, Islam al-Bayd (Bid) heisst er, ein Problem: Seine Tat hat bei vielen seiner Mitbrüder sowie bei der von ihnen gewählten Regierungsvertretung – der palästinensischen Autonomiebehörde – Unmut erregt, und das gelinde ausgedrückt:
Islam wurde seine Arbeitsstelle, die er bei der PA innehatte, fristlos gekündigt. So vermeldeten es vor wenigen Wochen einige der israelischen Medien, darunter auch Ynet. Darüber ausgesagt haben sowohl der Vorstand der Bezirksverwaltung der Südhevronberge, Yochai
Bezirksvorstand der Region Suedhevron, Yochai Damari (links) und Islam al-Bayd. Quelle: Bezirksverwaltung S.H.
Damari, als auch die Justizministerin Ayelet Shaked. Auf Nachfrage einiger israelischer Reporter handelte es sich bei dem Entlassenen nicht um Dr.Ali Shuruch, dem dritten arabischen Helfer am Tatort, da dieser eine Privatklinik besitzt. Dieser verneinte es auch.
Auf die Veröffentlichung dieser Affäre hin reagierten viele mit Empörung und im Netz kamen Rufe auf, dass dem Helfer, der nun nun den Status eines Helden erhielt, von israelischer Seite zwingend geholfen werden sollte. Derselben Ansicht war auch die Bezirksverwaltung von Südhevron, die führenden Köpfe der Siedlung Otniel und die Ministerin Shaked. Yochai Damari wurde bei Ynet wie folgt zitiert, wobei die Nachrichtenseite auch angab, dass die Umstände der Entlassung nicht gänzlich geklärt seien:
„Darauffolgend (nach der Hilfeleistung, Anm.D.S.) wurde er von seiner Arbeit entlassen. Ich habe mich mit ihm getroffen und er bat mich, ihm dabei zu helfen, ein Arbeitsvisum (in Israel, Anm.D.S.) für ihn zu genehmigen. Ich habe mich in einem Brief an den Verteidigungsminister gewandt und ihn um Mithilfe bei der Erteilung eines Arbeitsvisums für beide (Islam und den Arzt, Anm.D.S.). Ich habe mich mit ihnen getroffen, ich kenne die allgemein bekannten Schwierigkeiten, aber ich bin überzeugt, dass es unsere Pflicht als jüdisches Volk ist, denjenigen Dank zu zollen, die sich wie Menschen verhalten und das, was von ihnen erwartet wird, auch tun.“ (Ynet 08.08.16)
Auch wurde in den Artikeln berichtet, dass Islam und seine Frau Drohungen aus ihrer persönlichen Umgebung bekommen hatten. Islam bat die Journalisten, sein Gesicht nicht öffentlich zu zeigen.
Zwei Dinge lassen sich aus diesem bedauernswerten Inzident, knapp formuliert, lernen: Die Siedler sind den fremden Freunden Freunde. Die palästinensische Autonomiebehörde ist sowohl den Fremden als auch den Eigenen Feind.
(Auf Deutsch wurde über dieses Thema nur bei Audiatur Online und Israel Heute berichtet: Audiatur OnlineIsrael Heute )
Hier wurde die Stellungnahme des BR Studio/ ARD Tel Aviv-Blogs zum besagten Beitrag über Wasserknappheit in Salfit veröffentlicht, nachdem es, nach eigenen Angaben, zahlreiche Rückfragen und Kritik bezüglich des Beitrags erreicht hatten.
Zunächst einmal, die Tatsache, dass sich so eine enorme Zahl an Kritikern an die zuständige Stelle gewandt hatte, dass sich das BR Studiozu einer Stellungnahme gezwungen sah, ist beachtlich und nicht zu unterschätzen: Die öffentliche Meinung hat eben doch Wirkungskraft, wenn sie entschlossen und zielgerichtet und zur richtigen Zeit geäußert wird.
Andererseits sollte sich niemand erleichtert fühlen. Das BR Studio (namentlich die Israel-Korrespondenten Markus Rosch und Susanne Glass) ist nur auf wenige der Kritikpunkte eingegangen, um die herum man sachlich argumentieren könnte. So gibt es nur einen
Hier liegt Salfit. Karte
kleinen Verweis auf einen vorherigen Beitrag über den „Wasserstreit“ vom 28.07.16 mit einem „Siedlerstatement“ – von Israel Meydad, der Sprecher von Shilo. Auf der Seite des kleinen Verweises gibt es einen kleinen (im Vergleich zum Rest der Darstellung) Teil, der sich mit den israelischen Argumenten befasst – so beispielsweise dem unterentwickelten Wasserleitungsbau, der durch die palästinensische Autonomiebehörde vernachlässigt wird und es daher dauerhaft zu Rohrbrüchen kommt. Nirgendwo sonst – erst recht nicht in der offiziellen Stellungnahme selbst – kommt dieses Argument, was eine der Hauptursachen für die stetig gestörte Wasserversorgung der arabischen Ortschaften und Städte darstellt, vor. Niemand, der sich den zweiten, aufmerksamkeitsheischenden Videoclip anschaut, wird sich die Mühe machen, den Radiobeitrag anzuhören und auch noch bis zu der Minute zu warten, wenn die „Siedlerseite“ (O-Ton) zur Sprache kommt. Für den Zuschauer ist alles klar: Die Siedler rauben das Wasser.
Seltsam nur, dass es nicht die „Siedler“ sind, die das Wasser von den armen palästinensischen Counterparts anzapfen. Das Wasser gelangt nach Judäa und Samaria über die israelische „Mekorot“-
Das Logo der Mekorot-Firma. Man kann sie über den Link kontaktieren.
Firma. Die Wassermenge, die sich Israel verpflichtet hat, zu liefern, ist in den Oslo-Abkommen gegenüber Yassir Arafat und der palästinensischen Autonomiebehörde festgehalten. Die Leitungen, die das Wasser in die arabischen Ortschaften führen sollen, sind seit Jahrzehnten nicht saniert. Hinzu kommt, dass sie illegal von Privatpersonen angezapft werden; das angezapfte Wasser wird dann an andere verkauft, die unter der besagten Wasserknappheit leiden. Die palästinensische Autonomiebehörde hat Schulden in Millionenhöhe bei der israelischen Firma „Mekorot“. Der Wasserverbrauch seitens der palästinensischen Araber findet unkontrolliert statt, Wasserrechnungen werden in nicht wenigen Fällen nicht gezahlt und die Zahlungen von offiziellen Stellen nicht eingeholt – daher auch die Schulden bei den israelischen Behörden.
Was den „Luxusverbrauch“ der „Siedler“ für Swimmingpools und Agrarwirtschaft angeht – welcher in beiden Beiträgen erwähnt wird:
Einen Swimmingpool wie diesen findet man in Siedlungen zu 99% nicht. Wo befindet sich dieser? Überraschung: In Salfit! (Quelle: Wikicommons)
A. Die wenigsten Siedlungen besitzen ein öffentliches Bad. Die wenigsten der Einwohner dieser Siedlungen besitzen einen Swimmingpool, wenn man von aufblasbaren Gummibecken für Kinder im Garten absieht. Keine einzige Siedlung, ob nun kleines Dorf oder Großstadt wie Ariel, besitzt einen Wasserpark – im Unterschied zu einigen palästinensischen Städten, siehe unten.
B. Die landwirtschaftliche Nutzung von Wasser in jüdischen „Siedlungen“ ist weitaus geringer als die in den arabischen Ortschaften, gemessen an der Tatsache, dass vielen der Einwohner der arabischen Ortschaften Ländereien und Felder gehören (über welche die deutschen Medien immer gerne berichten) – und das in ganz Judäa und Samaria. Die arabische Gesellschaft in Judäa und Samaria basierte schon immer auf Landwirtschaft. Bei den Einwohnern der jüdischen Ortschaften ist dem nicht so der Fall; die wenigsten unter ihnen beschäftigen sich mit Landwirtschaft (solche wie der Weinanbau in Shiloh oder Psagot); Einzelpersonen besitzen in der Regel keine Ländereien, sondern arbeiten in anderen Wirtschaftszweigen.
C. Wenn man sich über Swimmingpools und Wasserverbrauch unterhalten will, so sollte man sich etwas mehr darüber informieren, wie es um die Schwimmbäder in den palästinensischen Autonomiegebieten bestellt ist. Es gibt „einschlägige Blogs“ wie „Elder of Ziyon“, die sich schon im Jahr 2013 mit dem Thema befasst haben und dabei helfen könnten, mehr Informationen einzutreiben; aber es gibt auch die einfache Suchfunktion auf Facebook, die einem neugierigen Internetsurfer das offenbart, was offenbar so schwer herauszufinden ist:
Auch in „Palästina“ gibt es Schwimmbäder!Davon ganze sechs in der Region um Nablus. Selbst mit geringen Arabischkenntnissen kann man bei diesem Link auf der Karte erkennen, wo sich die
Das Hayat-Bad in Nablus. Beneidenswert. (Quelle: Facebook)
Vergnügungsplantschbecken befinden, und sich die Facebookkommentare arabischer Nutzer per Google Translate übersetzen lassen. Dieses Schwimmbad hier liegt beispielsweise im „Nablus Hayat Resort“ und scheint regelrechte Begeisterung hervorzurufen (siehe Bild). Die Vergnügungsanlage im „Palestine Park“ in Nablus liefert noch bessere Aussichten – und verbraucht sicherlich sehr viel Wasser, wie es sich auf den Rechnungen der Autonomiebehörde gegenüber „Mekorot“ auch bestimmt regelmäßig zeigt. Dasselbe gilt für das Al-Shaghour-Schwimmbad in Nablus, das Schwimmbad Wadi al-Akhdar und den Al-Aqsa Olympic and Sports Complex in Jenin.
Eine ganze Liste von Schwimmbädern in den palästinensischen Autonomiegebieten, verteilt nach Städten, findet man bei WafaInfo, und wer des Arabischen mächtig ist und zumindest das Wort مسبح – Schwimmbad (Masbach) schreiben und lesen kann, wird die Angaben bestätigen: In Ramallah befinden sich 7 Schwimmbäder; in Hevron eins, in Jericho zwei, in Nablus sind 5 aufgeführt, in Jenin 2 und in Qalqiliya eins. Soviel zur Wasserknappheit und Wasserverbrauch.
Es ist aus meiner Sicht traurig, wenn die Oslo-Abkommen, die maroden Wasserleitungen und die Rechtslosigkeit und Gleichgültigkeit für die eigenen Bewohner seitens der palästinensischen Autonomiebehörde dazu führen, dass Menschen in Salfit oder andernorts (wie vor einigen Tagen, am Donnerstag, 11.08.in Betlehem) ohne Wasser in der Hitze auskommen müssen. Seit jeher haben die Menschen unter der Politik ihrer Regierungen leiden müssen.
Jedoch widersetze ich mich vehement den absichtlichen Versuchen von Medienredaktionen, in diesem Fall der ARD-Redaktion, ihre Berichterstattung gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen zu wenden und diese für Dilemmas und Konflikte, die auf weitaus vielschichtiger Ebene ihren Ursprung haben, verantwortlich zu machen. Wie es bei der ARD üblich ist, sind es „die Siedler“ – diese anonymisierte, blut- und wassersaugende Bevölkerung, die sich in den Ländereien des nichtexistenten Staates Palästina herumtreibt und alles stiehlt, was nicht niet- und nagelfest ist. Wie es bei der ARD üblich ist, wird der Kontext nach Redaktionsansicht formuliert und dem Publikum serviert und von einer umfassenden Darstellung wird dringend Abstand genommen. Im Endeffekt läuft alles auf dieselbe Agenda heraus – die Unterstützung der Zweistaatenlösung und die offene Abneigung gegenüber allem und jedem, der diese etwaig „behindern“ könnte – selbst wenn es sich um die Renovierung alter Wasserleitungen zum Wohle der Bevölkerung handelt:
Doch neue Wasserleitungen sind im besetzten Westjordanland ein Politikum. Mit jeder Maßnahme, die die Siedler unterstützt, untergräbt die israelische Regierung eine mögliche Zweistaatenlösung, zu der sich der israelische Premier Netanjahu ja zumindest offiziell noch immer bekennt. (BR-Studio Tel Aviv, 28.07.16)
Es ist nicht neu. Es ist nicht überraschend. Aber es ist systematisch wahrheitsfälschend und daher habe ich diese Klarstellungen veröffentlicht.
Ich freue mich auf Rückmeldungen, Korrekturen, Vorschläge – nur zu.
Die Feldschule des Kibbutz Kfar Etzion schlägt Alarm:
Die israelische Zivilverwaltung holzt unkontrolliert zehntausende von Bäumen im Bereich Gush Etzion ab!
Foto: Yaron Rosental
Yaron Rosental ist der Direktor der lokalen Feldschule im Kibbutz
Yaron Rosental. Quelle: Facebook
Kfar Etzion, im Herzen der Gush Etzion-Region von Judäa. Die Feldschule unter seiner Leitung fördert Natur- und Geschichtsbewusstsein, veranstaltet unzählige Wandertage, Informationsabende, Geschichtsforschung, leitet archäologische und ökologische Projekte, bietet Aktivitäten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene; sie steht
Symbol der Feldschule von Kfar Etzion. Zum Link in Englisch aufs Bild klicken
auch für die Förderung der nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen den lokalen jüdischen und arabischen Einwohnern ein.
Yaron Rosental veröffentlichte diese Meldung bei sich im Facebook-Profil vor etwa drei Tagen und schickte sie ebenso weiter an die Mailverteiler der lokalen Ortschaften und und benachrichtigte darüber auch die Bezirksverwaltung und andere.
Was ist eigentlich passiert?
Rosental erklärt:
„Wir (von der Feldschule Kfar Etzion) haben rausgefunden, dass in der letzten Woche die Zivilverwaltung mehrere zehntausend Bäume in Gush Etzion gefällt hat; in manchen Gegenden sind bis zu 80% der Bäume abgeholzt worden. Diese Bäume sind von den Pionieren von Gush Etzion vor etwa 50 Jahren gepflanzt worden, und wir spielten und picknickten zwischen diesen Bäumen als Kinder und Jugendliche.
Als wir bei der Zivilverwaltung nachfragten, warum diese Bäume abgeholzt werden würden, so wurde uns geantwortet, dass es Brandstiftungen vermeiden würde, denn wenn es keine Bäume gebe, würde es schwierig sein, einen Waldbrand zu legen.“
Foto: Yaron Rosental
Weiterhin beschreibt er die Gebiete, in welchen ein umfassender Anteil des Waldes schon nicht existent geworden war – so rund um die Siedlung Geva’ot und den Vergnügungspark „Gazellenland“ (Eretz Ha’ayalim). Die nächsten Abholzungspläne würden die Bäume im Sadjme-Wadi und sogar das Wäldchen um den Park Oz veGa’on betreffen (dort, wo ich vier Monate lang im Zelt geschlafen und welchen ich miterrichtet habe).
Was ist die Zivilverwaltung?
Die Zivilverwaltung ist eins der offiziellen administrativen Organe, welche sich mit der Verwaltung der Bevölkerungsangelegenheiten und allem, was nicht direkt der Militärverwaltung in Judäa und Samaria unterliegt, befasst. Sie wurde 1981 eingerichtet und ist dem Verteidigungsministerium untergeordnet. Die Zivilverwaltung ist Teil eines größeren Verwaltungsorgans, des „Koordinators von Regierungsaufgaben in den Gebieten (COGAT)“. Wenn man das Wort „Zivilverwaltung“ in der Anwesenheit von israelischen Siedlern oder Arabern in Judäa und Samaria erwähnt, wird es bei beiden größtenteils unangenehme Assoziationen wecken: Ob es nun die Zerstörung illegaler oder als illegal deklarierter Baustrukturen, die Reglementierung von Feldarbeiten, die Ausstellung von Arbeitsvisa, die Kontrolle über politischen Aktivismus, unendliche bürokratische Hürden und unbegründete Wartezeiten bei diesen oder jenen Anträgen beider Seiten angeht – für all das ist die Zivilverwaltung zuständig und auf all diesen Gebieten hat sie „Sünden“ zu verzeichnen.
***
Über Waldbrände und Waldzündeleien habe ich schon im vorherigen Sommer geschrieben, vor allem auf meiner Facebook-Seite im Rahmen von Aktualisierungen. Das geschah noch während meiner Arbeit im Sicherheitscenter von Efrat. Damals gab es mehrmals pro Woche Benachrichtigungen über Waldbrände, vor allem im besagten Gebiet von Geva’ot (West-Gush Etzion) und bei
Kahlstellen nach Abholzung im lokalen Waldgebiet. Foto: Yaron Rosental
den meisten handelte es sich im Nachhinein um Brandstiftung. Die Spuren der Brandstifter, so äußerten sich damals beduinische Soldaten, die für die Aufspürung der Täter verantwortlich waren, führten zumeist in die umliegenden arabischen Dörfer – Geba‘, Nahalin und andere.
Es ist offenbar üblich, dass bei hoher Gefahr von Waldbränden eine bestimmte Anzahl von Bäumen gefällt werden muss, um die Anzahl von Bäumen und Lauf zu vermindern und auch den Feuereinsatzkräften eine schnelle Anfahrt zu ermöglichen. Allerdings übersteigt die gefällte und noch zu fällende Anzahl von Bäumen um ein Vielfaches die notwendige Menge, so Yaron Rosental. Ebenso kommentiert er:
„Wir sind zwar keine Experten für Waldbrandschutz, aber es scheint uns, dass man Waldbrände durch die Auffindung und Verhaftung von Brandstiftern und die Schaffung von Anfahrtsstraßen und nicht durch ein wahlloses Fällen von Bäumen erreichen sollte.“
Im Anschlus an den Aufruf bittet die Feldschule, eine angehängte Petition zu unterschreiben und den Post zu teilen; ansonsten möge sich jeder, der sich aktiv am Protest beteiligen möchte, bei Yaron Rosental persönlich melden.
In einer Mail zu diesem Thema schrieb eine Einwohnerin von Alon Shevut, dass nicht nur eine überflüssige Anzahl von Bäumen abgeholzt werden würde, sondern die dafür zuständigen Arbeiter die größeren Baumstämme später zum Weiterverkauf nutzen würden und daher speziell große und starke Bäume der Abholzung zum Opfer fielen. Dies wurde von Yaron Rosental noch nicht bestätigt, wäre aber theoretisch durchaus möglich.
Galerie: Resultat der Abholzung durch die Zivilverwaltung. Fotos: Yaron Rosental
Kahlstellen nach Abholzung im lokalen Waldgebiet. Foto: Yaron Rosental
Foto: Yaron Rosental
Foto: Yaron Rosental
Kahlstellen nach Abholzung im lokalen Waldgebiet.
Foto: Yaron Rosental
Ma’ale Adumim, die große Stadt im Nordosten Jerusalems, am Rande der Judäischen Wüste, an der Autobahnstrecke von Jerusalem zum Toten Meer als Siedlung zu bezeichnen grenzt nahezu an Lächerlichkeit. 1975 gegründet, beherbergt die mit dem traditionellen Jerusalemer Stein verzierte Stadt um die 38.000 Einwohner aller gesellschaftlichen Schichten und religiöser Ausrichtungen. Sie umgeben die Judäischen Berge, hinter denen das
Quelle: INN
Tote Meer liegt, Hinter Ma’ale Adumim befindet sich das dazugehörige weitausholende Industriegebiet Mishor Adumim. Eine Schnellstraße verbindet zwischen der auch gerne als Vorort Jerusalems betrachteten Ortschaft und der Hauptstadt selbst, etwa 15-20 Minuten braucht ein Durchschnittsbürger, um ins Zentrum Jerusalems zu gelangen. Mit Stau können es mehr werden. Die Kleinstadt hat ein großes Einkaufszentrum, eine Bibliothek, Schulen, Kindergärten, medizinische Einrichtungen und Restaurants zu bieten. Die meisten ihrer Einwohner arbeiten in Jerusalem.
So gesehen könnte diese Beschreibung auf jede ganz normale Stadt in Israel passen. Eine solche wie Bet Shemesh, Petach Tikva und Modi’in. Aber was ist schon normal? Auf jeden Fall nicht die Tatsache, dass trotz der israelischen Staatsbürgerschaft der absoluten Mehrheit der Einwohner von Ma’ale Adumim, trotz der industriellen Bedeutung, der staatlichen Förderung und der Größe der Stadt diese gesetzlich mehr oder weniger genauso gehandhabt wird wie ein Häufchen Wohncontainer auf einem als Staatsland erklärtem Fleck Erde irgendwo auf einem Hügel in Samaria oder Judäa.
Vom gesetzlichen Status gesehen, ist Ma’ale Adumim eine Stadt , die in den militärisch von Israel verwalteten Gebieten sind, die noch immer als Niemandsland gelten bzw. die noch niemand offiziell annektiert oder sonst irgendwie für autonom erklärt hat (‚Siedlerstadt‘ wäre ein Begriff für die deutschen Medien!). Ma’ale
Quelle: Maveze.co.il
Adumim liegt in der C-Zone, die seit den Oslo-Abkommen 1994 als ein vom israelischen Militär verwaltetes Areal gilt. Nah zu Ma’ale Adumim liegt die Stadt („Flüchtlingslager“) A-Za’im und das Dorf Jahalin. Ma’ale Adumim ist somit eine Siedlung und verwaltet wird sie offiziell von der israelischen Militärverwaltung! Ein freilich unsäglicher Dauerstatus für Bürger einer Stadt, die nichts getan haben, um sich diese Militärverwaltung „verdient“ zu haben, außer Bürger eines Staates zu sein, dessen Regierungen sich seit 49 Jahren nicht darauf einigen können, wie sie mit dem im Verteidigungskrieg von Feinden erobertem Gebiet verfahren sollen. Während der Bau und der Ausbau von Ma’ale Adumim im Laufe der Zeit voranschritt, kümmerte sich niemand um den gesetzlichen Status der Stadt.
Hier liegt Ma’ale Adumim
Im Laufe der Jahre wuchs die Stadt, und die Forderungen nach einer offiziellen Eingliederung von Ma’ale Adumim in die israelischen Grenzen wurden lauter. Der Status Quo solle endlich verändert werden, die Grenzen erweitert, sodass größere Ansiedlungsblöcke Teil des Staates werden können. (Tatsächlich war die Idee des sog.“Landtausches“ von größeren jüdischen Siedlungsblöcken im Gegenzug mit größeren arabischen Siedlungsblöcken im Zuge der Erschaffung eines Staates Palästina).
Seit einigen Monaten kriegt man wieder etwas von den Diskussionen zu spüren, das heißt, das Thema Annexion/Eingliederung wird von Knessetabgeordneten wieder aufgerollt, die Medien berichten, wenn auch nur zaghaft. Aber die Bemühungen sind da und so versuchen Abgeordnete, Lobbyisten und andere, diese Angelegenheit voranzubringen. Ich habe darüber in diesem Beitrag (Good news, bad news) im Juni schon kurz berichtet.
Jetzt scheinen die Bemühungen intensiver zu werden, und auch angesichts der Terrorwelle neue Motivation zu wecken. Die „Land Israel“-Lobby der Knesset (geleitet von den Abgeordneten Yoav Kisch, Likud, und Betzalel Smotritch, Jüdisches Heim), welche die Idee der Annexion und Eingliederung von Judäa und Samaria in israelisches Staatsgebiet vorantreibt, legte den ersten Gesetzesentwurf zu Ma’ale Adumim dem Knessetsprecher Yuli (Yoel) Edelstein (Likud) vor, welcher „das Gesetz, die Gesetzesausführung und die Staatsverwaltung über Ma’ale Adumim walten lassen“ soll (INN, Ynet). Außer den Vorsitzenden der Lobby unterstützen andere Knessetabgeordnete, darunter auch Minister wie Zeev Elkin, Miri Regev und Ayelet Shaked, die Initiative. Mehrere weitere Abgeordnete aus der Koalition haben den Gesetzesentwurf unterschrieben.
Der Knessetsprecher Edelstein selbst äußerte sich bei der Sitzung der Lobby for einigen Tagen positiv über den Entwurf und wird ihn voraussichtlich problemlos dem Ministerausschuss für Gesetzesgebung weiterleiten. Edelstein nannte ein offizielles Ma’ale Adumim einen „Konzensus“. So wie die Dinge momentan bestellt sind, wird wohl auch im Ministerausschuss eine Mehrheit für die Unterstützung des Entwurfs sprechen. Sobald ihre Bestätigung erfolgt, gelangt der Entwurf in die Vorabstimmung. Dort wird sich dann entscheiden, ob er angenommen und zur Ausarbeitung in einen der ständigen Ausschüsse der Knesset gelangen oder aber für ein halbes Jahr verworfen wird. Auch in der letzten Knesset (der 19,) wurde der Entwurf diskutiert, aber ohne Erfolg, da die vorgezogenen Wahlen den Prozess stoppten.
(Quellen: Ynet, Makor Rishon, INN)
P.S. In der deutschen Presse kennt man Ma’ale Adumim übrigens über die Affäre um das E1-Gebiet. Das E1-Gebiet, welches im von Israel verwalteten C-Gebiet liegt, sollte ursprünglich für eine Erweiterung der Stadt dienen, erregte aber schnell internationales Interesse, wie es bei „Siedlungsaktivitäten“ oft so ist. Die internationale Gemeinschaft, allen voran die USA, bedauerten und beklagten den „fortschreitenden Siedlungsbau“. Allerdings gab es auch noch andere Aspekte des E1-Gebietes: So die illegalen Siedlungsaktivitäten der EU, der notorischen Hasserin jeder Wohnprojekte für Israelis in Judäa und Samaria. Damals – Februar 2015 – veröffentlichte die israelische Organisation REGAVIM für illegale Bodenbebauung in Israel und Judäa und Samaria einen Bericht, dem nach von der EU unberechtigt über 400 Bauten im C-Gebiet (so auch E1) errichtet worden wären.
vieles geschieht in Judaea und Samaria, was ich euch gerne berichten wuerde und mich auch bemuehe, es zu tun. Schliesslich sollt ihr eine Ahnung davon bekommen, wie das Leben in dieser Region speziell fuer die juedische Bevoelkerung aussieht. Nicht alle Neuigkeiten brauchen aber einen ausfuehrlichen Blogeintrag, manchmal reicht eine kurze Notiz oder ein News-Update; manchmal gibt es auch keine Zeit fuer in die Tiefe gehende Texte, weil sich die Ereignisse ueberschlagen.
Um auf dem aktuellsten Stand zu bleiben, gibt es daher meine Facebook-Seite DieSiedlerin.net! Dort findet ihr die neuesten Ereignisse, Artikelempfehlungen, Fotos und Facebookposts, die ich auf die Schnelle mit euch teilen moechte, und natuerlich jedes News-Update – beispielsweise bei Attentaten oder auch erfreulichen Ereignissen 😉
Ich warte (und freue mich!) auf eure Likes und Shares! Ausfuehrliches gibt es natuerlich wie immer hier, auf dem Blog.
„Bitte fotografiere nicht, wir bitten darum, es nicht zu tun“, wendet sich Orit Mark an mich, die 17-jährige Tochter von Michael (Michi) Mark aus Otni’el, der am Freitagnachmittag, dem 01.07.16, von Attentätern auf der Autobahn 60 erschossen worden war. Ich laufe rot an, nicke schnell und stecke mein Smartphone weg, das ich zuvor herausgeholt habe, um wenigstens ein Foto von den Trauernden für den Blog zu erhaschen. Ein Moment der Peinlichkeit. Die Augen der jungen und erwachsenen Besucher sind für einen kurzen Augenblick alle auf mich gerichtet. Aber Orit selbst wirkt nicht verstört. „Entschuldige, mach dir keine Sorgen. Du bist wunderbar!“, fügt sie hinzu und lächelt dabei ein angenehmes, strahlendes Lächeln und ihre Augen glänzen.
Orit Mark. Quelle: Öffentliche Aufnahme aus dem Facebook-Profil
Die Gestalt von Orit wird mich noch lange begleiten, auch wenn ich sie nur verschämt angeschaut habe und ganz am Ende meines Trauerbesuches, den ich auf Anregung eines Freundes am Donnerstagnachmittag, sechs Tage nach dem Mord an Michi Mark, sie nur kurz umarmen konnte. Obwohl ich es vorgezogen habe, im Hintergrund zu bleiben, ihr zuzuhören und selbst nichts zu sagen.
Michael und seine Frau Chava. Quelle: INN
Orit ist eine von zehn Kindern der Familie Mark aus der Ortschaft Otni’el in den Südhevronbergen. Sie kommt nach den Sommerferien in die 12.Klasse. Orit war es, die nach dem Mord an ihrem Vater ihre Geschwister vor der Kamera versammelte und die Öffentlichkeit darum bat, zu dem Begräbnis zu kommen: „Papa war nicht nur unser Vater, sondern ein Vater von ganz, ganz vielen Menschen“, sagte
Das Video der Waisen von Michael Mark. Quelle: INN
sie im Video. Auch war es sie, deren Grabrede am darauffolgenden Tag in den meisten Medien zitiert wurde. Orit ist es nun, die auf dem niedrigen Stuhl im Wohnzimmer der Familie sitzt, um sie herum junge Leute versammelt, Männer und Frauen, die ihr zuhören. Sie nimmt die Hände der Frauen und Mädchen in die Hand, die zu ihr hinkommen und sie umarmen, lächelt ihnen zu. Es ist der sechste Tag, am nächsten Tag wird die Familie von der traditionellen Trauerperiode, der Shivah (Sieben Tage) aufstehen, nicht mehr auf niedrigen Stühlen sitzen müssen, die Kleidung auswechseln können, sich selbst essen zubereiten können. Die Besucherflut wird abflauen, obwohl nicht vollkommen, denn die Menschen aus der Siedlung und aus den umgebenden Wohnorten werden weiterhin kommen und sie stärken.
Besucher im Haus der Familie Mark
Jetzt ist es aber Orit, welche die sie Umgebenden stärkt. Die Besucher sitzen um sie herum auf Plastikstühlen. Orit erzählt von ihrem Vater. Von dem Guten, was er im Leben getan hat, davon, wie er die Familie gestärkt hat, und dass er ein enormes Licht in sich trug. Immer wieder unterbricht sie sich, um einem anderen Besucher oder Besucherin zuzulächeln und anzusprechen, als würde sie Segen austeilen. Ihre Augen leuchten. Sie weint nicht mehr wie in den ersten Tagen. Ihr Lächeln strahlt jeden an, sie heißt jeden willkommen, sie ist dankbar. Der Blick weich. Jedem wendet sie sich persönlich zu, und hört nicht auf, zu ermutigen. Das offene, jugendliche Gesicht leuchtet. Es ist verrückt. Woher kommt dieses Licht?
Orit hat ein einfaches T-Shirt an, offenbar von einem ihrer älteren Brüder aus seiner Armeezeit. Ein knielanger, leichter schwarzer Rock, sie sitzt barfuß, die lockigen Haare offen. Alles muss so einfach wie möglich gehalten werden in der Trauerperiode. Im Haus und auf der Terrasse sind Tische aufgestellt, Tee, Kaffee, Früchte, Kuchen, für die Besucher, so besagt es die Tradition. Natürlich sind es nicht die Trauernden, die das Buffet aufstellen, sondern Freunde und Besucher. Den Trauernden ist es verboten, Essen vorzubereiten oder sich sonstwie zu beschäftigen, sie dürfen sogar nicht aufstehen, um sich Essen zu holen; das müssen ihnen die anderen bringen.
Es fällt schwer, die Atmosphäre zu beschreiben. Um Orit herum sitzen die Menschen und hören ihr konzentriert zu, die Gesichtsausdrücke zeigen Verständnis, aber kein Erbarmen. Sie zeigen Verbundenheit. „Gespräch ist Verbindung“, zitiert Orit ihren Vater, und wendet sich an alle, immer wieder:
„Verbreitet Gutes, lasst mehr Gutes an eurem Leben teilhaben, seid gute Menschen. Jeder von euch hier ist wunderbar. Gebt anderen Komplimente. viele Komplimente! Sagt zu jemandem, ‚du bist eine gute Seele‘, ‚du bist ein rechtschaffender Mensch‘! Wir haben viel Kraft, unglaublich viel Licht in uns!“
Wenn sie es sagt, und wenn man sie dabei anschaut, werden aus klischeehaften Sätzen Bitten und Vorsätze, die Orit uns vorlegen möchte. Um sie herum erzählen ihr die Besucher von ihrem Vater, gute Erinnerungen. Sie nickt. „Jede Tochter sagt sicherlich von ihrem Vater, ‚Mein Vater ist der Beste‘, auch ich habe es immer gesagt“, und sie lacht dabei ein wenig, „aber ich höre all das von anderen. Dass er ganz und gar gut gewesen ist, dass er etwas Besonderes gewesen ist.“ Mehr als sie selbst erzählen will, will sie andere stärken und ermutigen. Anderen Zuwendung, Licht in die Seele zu geben, von welchen sie möchte, dass andere es in sich entdecken und nutzen.
Ein weiterer Mann sitzt auf einem niedrigen Stuhl. Vielleicht ist es der Bruder. Neben ihm sehe ich einen alten Mann, in traditioneller muslimischer Kleidung. Ein Scheich, vielleicht, oder einfach ein altes Familienoberhaupt. Schon als wir angekommen sind, war im und vor dem Haus eine große Menschenmenge versammelt. Als ich fragte, was passiert war, erklärte man mir, die arabisch-palästinensische Familie, die nach dem Attentat den Verletzten Erste Hilfe erteilte und das Leben von Mutter Chava und Tochter Tehila gerettet hatte, sei zum Trauerbesuch gekommen.
Tatsächlich ging die Geschichte durch die Presse (wäre ich nicht auf sie bei dem Besuch gestoßen, hätte ich getrennt darüber berichtet): Direkt nach dem tödlichen Anschlag, als das Auto sich überschlug und alle drei Insassen verletzt drin eingeschlossen bzw. darum herum lagen, fuhr ein palästinensisches Auto vorbei, darin zwei Insassen – ein Ehemann und seine Frau aus al-Fawar (bekannt als Flüchtlingslager). Das Auto hielt an – so berichtete der Mann, Islam al-Bayd, der israelischen Presse; beide stiegen aus und begannen, die Eingeschlossenen aus
Das Auto der Familie Mark nach dem Attentat. Quelle: Hidabroot
dem Wagen zu zerren – die Tochter Tehilaת ebenso wie ihren Bruder Pedaya.
Tehila Mark bei der Beerdigung, daneben zwei ihrer Brüder. Quelle: Ynet
Die Frau, von Beruf Krankenschwester, begann, den Kindern Erste Hilfe zu leisten. Islam telefonierte mit den palästinensischen und israelischen Notfalldiensten. Da kamen ein Arzt, Dr. Abu Shuruch aus Dahariya bei Hevron, und sein Bruder hinzu. Dr.Abu Shuruch gelang es, Tehilas Blutung zu stoppen. Ebenso behandelten sie die Mutter Chavi, die schwerverletzt worden war. Vor Ort waren noch keine Krankenwagen angekommen, erst kurze Zeit später kamen ein Armeewagen und der israelische Notdienst an und der Arzt rief den Soldaten zu, sie sollen schnell den israelischen Notdienst rufen.
Islam Al-Bayd sprach mit dem israelischen Channel 1 am Tatort und sagte im Interview:
„Ich will nicht, dass mir jemand Danke sagt. Ich habe es aus menschlichen Gründen getan und für Gott.
Dr.Abu Shuruch. Quelle: Channel 1
Nun ist die Familie von Abu Shuruch zu Besuch gekommen; der alte Mann, den ich auf dem Plastikstuhl bemerkt habe, gehört ebenso dazu. Es ist verboten, Fotos zu machen, und außer dem Alten bekomme ich niemanden mehr zu Gesicht. Obwohl Dr.Abu Shuruch berichtet hat, dass auch seine Bekannten seiner Tat zugestimmt haben und er keine Angst vor Drohungen habe, da er seine Pflicht als Arzt getan habe, darf dennoch kein Material nach außen dringen, keine gemeinsamen Fotos entstehen etc. Hier in der Gegend ist es eine Frage von Leben und Tod.
Das Thema der arabischen Nachbarn ist nicht erst seit dem Attentat aufgekommen, sondern hatte die Familie schon länger begleitet. Michi Mark war in Otni’el für seine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft gegenüber den Bewohnern der umgebenden arabischen Ortschaften bekannt. Offenbar erzog er auch seine Kinder in diesem Geiste; als bei der Beerdigung von Mark dazugekommene Jugendliche anfingen, laut „Rache“ zu rufen, wurden sie schnell leisegepfiffen. Das sei nicht der Weg, erklärte die Familie. Tehila, die auch beim Begräbnis dabei gewesen war, erzählte von der Rettung durch den arabischen Arzt, ihr Satz „es gibt auch gute Menschen, nicht alle Araber sind Terroristen“ wurde immer wieder in den Medien zitiert – das Terroropfer, das statt Hass Worte des Trostes findet. Die Menschenmenge vor dem Haus spricht leise über das Geschehene, über die Familie, will diese rechtschaffenen Menschen sehen, die es gewagt haben, einer jüdischen Familie Hilfe zu lassen, wenige Minuten nachdem andere Angehörige ihres Volkes versucht hatten, diese zu töten.
Das Haus der Familie Mark in Otni’el.
Der Platz vor dem Haus und weiter die Straße herunter, vor der atemberaubenden Aussicht auf die braunen Hügel des judäischen Bergmassivs ist voll mit Autos. Eine weitere Welle von Besuchern strömt herein. Alle möglichen Menschen kommen zur Familie Mark – religiös, säkular, aus allen Ecken des Landes, so schrieb man auch in der Presse, obwohl die nationalreligiösen Juden und Menschen aus der Siedlung den größten Teil ausmachen, Und dennoch – ein buntes Publikum.
„In unserer Familie gibt es alles, Säkulare, Religiöse, Ultraorthodoxe, und wir sind dennoch eine Familie, ein Volk“,
erklärt Orit, und wieder strahlt ihr Gesicht ehrliche Überzeugung aus.
Die Situation, die sich uns im Wohnzimmer bietet, ist absurd, aber charakteristisch hier in Israel: Bärtige Männer, Familienväter, junge Mädchen und ältere Frauen, sitzen und stehen im Kreis und lauschen konzentriert einer Siebzehnjährigen in einem ihr zu großen T-Shirt, schütteln ihr die Hände, neben das Gesagte mit sich, wollen es sich einprägen, damit es, wenn sie das Haus verlassen und in ihren nicht ruhigen, aber dennoch nicht dermaßen erschütterten Alltag zurückkehren. Es fällt mir schwer, sich vorzustellen, dass irgendwo anders so viel Zuwendung, Wichtigkeit und Ehre einem einfachen Mädchen gezeigt wird.
Im Zimmer nebenan liegt Tehila. Sie wurde am vergangenen Dienstag aus dem Krankenhaus entlassen. An ihrer Tür klebt ein
„Tehila, wir lieben dich!“
großes, farbiges Plakat, „Wir lieben dich“, steht darauf. Sie ist von ihren Freundinnen umgeben, sitzt nicht im Wohnzimmer und die Menschenmenge kommt nicht zu ihr. Nicht jeder der Kinder von Michi Mark ist in der Lage, dem Ansturm so gefasst und offen entgegenzustehen wie Orit. Hier und dort erspähe ich die anderen Kinder der Familie – die verheiratete Shira mit ihrem Mann, der eher schüchterne Shlomi mit den langen Schläfenlocken. Draußen sitzt ein eher locker gekleidetes Mädchen mit einer Zigarette in der Hand, mehreren Ohrringen im Ohr, Jeans. Ganz und gar nicht passend zu diesem scheinbar so religiösen Haus. Es ist Miriam, sie ist 18 und die Schwester von Orit. Freundinnen umgeben auch sie, sie plaudern und lachen auch. Jeder nimmt seine Trauer anders wahr, jede Art und Weise muss akzeptiert werden. Die Hauptsache ist es, den Trauernden zu unterstützen, da zu sein, Zuwendung und Verständnis zu geben. Jeder versteht es, jeder nimmt teil an dem Leid – jeder kennt es auch, entweder aus der eigenen Familie, von anderen Freunden, aus demselben Ort, wie dem von Terror geplagten Otni’el, oder auch nur aus den Nachrichten.
Orit. Quelle: Öffentliche Aufnahme aus dem Facebook-Profil
Und daher ist es schwer zu erzählen und darzustellen, wie die Realität hier, in diesem Ort, Otni’el, und auch in anderen Orten so schnell ihr Gesicht wandeln kann, in einigen Sekunden, in denen ein intaktes Leben plötzlich in Scherben zerbricht. Ein Leben, in dem man zwar um die möglichen Gefahren weiß, aber niemals erwartet, dass es gerade über einem zerfällt. Es braucht nur einige Sekunden wie an jenem Freitag auf der Schnellstraße, und die Realität ist anders, unumkehrbar, und niemand ist darauf vorbereitet. Der Tod bricht ein in das ländliche Idyll, das sich die Menschen in einem
Familie Mark vor dem Attentat. Tochter Orit im Vordergrund. Quelle: INN
Ort wie Otni’el aufzubauen versuchen, er steht vor der Tür des schönen, geräumigen Hauses, auf der Terasse im liebevoll gepflegten Garten, er besetzt den gesamten Parkplatz, der niemals der Anzahl der Trauerbesucher gewachsen sein wird. Er nimmt den Platz eines seiner Bewohner ein, der nun nicht mehr sein wird…
Das Leben ist nicht vorhersehbar. Die Realität verändert sich ständig, und wir dürfen nicht erwarten, dass es wie bestellt, so geliefert wird. Der Mensch ist geboren, um sich an das Leben anzupassen und aus jedem Moment, aus jeder Rolle, die er einnimmt im Laufe seiner Lebenszeit, das Beste und das Wichtigste herauszuholen. Die Familie Mark versteht es sehr gut, und sie versteht es auch, wie es den anderen um sie herum, die nicht diese Erfahrung gemacht haben, zu vermitteln ist. Jetzt, da ihre Welt über ihnen zusammengebrochen ist, müssen sie einen neuen Weg vorzeichnen und gehen, im Geiste des immer im Herzen weilenden Vaters, so wie Orit es ausdrückt:
„Jetzt, da Papa nicht mehr hier ist, um das Gute weiterzugeben, werde ich es machen, so gut ich es kann.“
Ich komme noch einmal ins Wohnzimmer hinein, um sich von ihr zu verabschieden. Neue Besucher sind gekommen, darunter ein feierlich angezogenes Paar. Sie sprechen Englisch und wie es sich herausstellt, sind sie ultraorthodoxe Juden aus Amerika, Miami. Orit spricht mit Hilfe einer Freundin mit ihnen, auf einem relativ guten Englisch. Sie erklären ihr, sie seien zu Besuch und hätten gefühlt, dass sie kommen sollten. Orit betrachtet sie, lächelt dankbar, hält die Hand der Frau in ihrer und fragt ihre Freundin, wie man „Grübchen“ auch Englisch sagt. Dann wendet sie sich an die Frau und sagt ihr, fast schon fasziniert – „Ich wollte schon immer solche Grübchen in den Backen haben, all my life!“
Orit, ihr Name bedeutet „Licht“, „die Lichtige“. Offenbar kann Licht vererbt werden. Und alle, die etwas näher an dieses Licht kommen, finden es heraus und stimmen diesem zu. Man kann nur hoffen, dass sie es weiterreichen werden. Das Licht desjenigen, dessen Leben ihm genommen worden war, muss weitergegeben werden, und das ist jetzt die Aufgabe von uns allen.
Am Samstagabend (02.07.16) veroeffentlichten die israelischen Medien die Entscheidung von Premierminister Netanyahu und
Hallel Yaffa Ariel. Quelle: Internet
Verteidigungsminister Liebermann, als Antwort auf den Mord an Hallel Yaffa Ariel am 30.06. 42 neue Wohneinheiten in der Ortschaft Kiryat Arba bei Hevron zur Ausschreibung und damit zum Bau freizugeben. Sollte dies in die Mainstreammedien gelangen (wenn es nicht schon ist), wird es wieder mit Hoechstwahrscheinlichkeit als ein Preis fuer die Siedlerbewegung und Friedenshindernis abgetan werden.
Es sollte allerdings etwas sonderbar erscheinen, dass die Redefuehrer der „Siedlerbewegung“ ganz anderer Meinung ueber diese „Geste“ seitens der Regierung sind. So reagierte auf die Entscheidung die Vorsitzende der mit der Gemeinschaft in Judaea und Samaria assoziierten Partei“Juedisches Heim“, Shuli Mu’allem-Refaeli:
Die Genehmigung zum Ausschreiben der 42 Wohneinheiten in Kiryat Arba ist nichts anderes als eine leere Ueberschrift. Wir haben uns an Ueberschriften wie den Bau als ‚eine angemessene zionistische Antwort auf Attentate‘ gewoehnt, aber wir haben keinen wirklichen Bau daraufhin gesehen.“
„Es handelt sich in diesem Fall um die Genehmigung von Projekten, die diese schon in der Vergangenheit erhalten haben, und auch diesmal werden sie irgendwo stecken bleiben. Die Oeffentlichkeit kauft das nicht mehr ab und auch die Europaeische Union und die PA beunruhigt diese Erklaerung nicht mehr.“
Das Rueckmeldung der Regionalverwaltung von Judaea und Samaria fiel ebenso negativ und unzufrieden aus:
„Es ist keine eine Besiedlung befuehrwortende Antwort, sondern eine Verhoehung. Diese geringfuegige Genehmigung wird die momentanen Tendenzen (der Regierung) nicht veraendern. (…) Zusammen mit den militaerischen und sicherheitsbezogenen Vorkehrungen, die momentan in der Region von Hevron durchgefuehrt werden, muss auch eine entschiedene und aufrichtige zionistische Besiedlungsaktivitaet erfolgen, so die Genehmigung von tausenden von Wohneinheiten und die Foerderung der Infrastruktur in der Region.“
Und der stellvertretende Vorsitzende der lokalen Bezirksverwaltung von Kiryat Arba, Israel Bramson, aeusserte sich noch vernichtender:
Es handelt sich hier um einen Bluff und um einen Betrug der Oeffentlichkeit. Es ist von Haeusern die Rede, die sich schon seit Monaten im Bauprozess befinden, die Traktoren arbeiten schon vor Ort. Wie immer ist es eine Wiederverwertung von Wettbewerbsausschreibungen. Es gibt nichts Tatsaechliches. Noch eine Ente nach bester Tradition von Netanyahu und Liebermann.“
(Aktualisiert) Und wieder trifft der Terror die Berge Hevrons. Diesmal kein Einbruch in eine Ortschaft wie bei Dafna Me’ir und Hallel Yaffa Ariel.
Der Terrorort und die Gegend auf der Karte
Diesmal ein Schussattentat, eines von vielen des letzten Dreivierteljahres, eines von vielen aus der Zeit, seit welcher wieder Juden in diesen Bergen leben. So wie die Familie Litman, die 13.11.15 von einem Schussattentat auf der Autobahnstrecke nahe Otni’el am Freitagabend, kurz vor Schabattbeginn, auseinander gerissen wurde, so auch diesmal, eine Familie: Michael Mark, 48, und seine Frau Chava, 40, sowie zwei ihrer Kinder, Pediya (15) und Tehila (13).
Michael Mark sel.A. Quelle: Israel Hayom
Michael Mark, 48 Jahre, Vater von zehn Kindern, war der Direktor der Religionsschule für Jungen (Yeshiva) in Otniel. Einer meiner guten Freunde lernte dort bis zu seiner Armeezeit. Mark war bekannt als ein offener, sehr hilfsbereiter Mann, ein Rollenbeispiele fuer die Schueler der Yeshiva, in der gesamten Ortschaft beliebt und respektiert. Die Tochter Tehila lernt gemeinsam mit den Töchtern meiner guten Freunde aus dem Dorf Bet Haggai bei Hevron.
Die Familie war auf der Autobahn unterwegs; bei der Kreuzung Adoraim wurden sie offenbar von hinten von einem Wagen mit arabischen Insassen überholt. Als diese vorne waren, eröffneten sie aus dem Inneren des Wagens Feuer. Über 19 Schüsse wurden auf das Fahrzeug der Familie Mark abgefeuert. Das Auto verlor die Kontrolle, überschlug sich, landete auf dem Dach. Im Wagen war der sehr schwer verletzte Michael Mark
Das Auto der Familie Mark. Quelle: Walla!co.il
eingeklemmt, offenbar mit den Kindern. Seine Frau wurde aus dem Wagen geschleudert und lag vor dem Fahrzeug. Auch sie war schwerverletzt, ebenso die Tochter Tehila – mehrere Bauchschüsse hatten sie getroffen. Der Sohn, Pediya, war der einzige, der sich einigermaßen bewegen konnte.
Rettungskräfte erreichten die Unfallstelle und begannen die Wiederbelebungsversuche an Michael, doch mussten bald aufgeben, dieser gab kein Lebenszeichen mehr von sich. Michael Mark starb an seinen Verletzungen am Unfallort. Die mehrfach im Oberkörper getroffene Chava wurde ins Hadassa-Hospital evakuiert, ebenso die mittelschwer bis schwer verletzte Tehila. Pediya wurde noch am Unfallort behandelt und danach ebenso ins Krankenhaus gefahren.
Familie Mark vor dem Attentat. Tochter Orit im Vordergrund. Quelle: INN
Wieder eine Familie auseinandergerissen, wieder mehr Waisen und Witwen, die unverschuldet die Narben der Verluste in ihren Seelen bis zum Lebensende tragen werden, und womöglich werden physische Narben
Michael und seine Frau Chava. Quelle: INN
hinzukommen. „Gestern haben meine Tochter und ihre Freundinnen um eine ermordete Klassenkameradin geweint, heute weinen sie um eine weitere verletzte Freundin“, schrieb Me’ir Dana Picard, mein guter Freund aus der Ortschaft Bet Haggai südlich Hevrons, welcher schon einige seiner Freunde bei Terrorattacken in den Südhevronbergen verloren hatte.
Wieder war es eine Attacke auf Zivilisten, von Arabern auf Juden, von Muslimen auf Juden, von denjenigen, die dem Leben den Tod vorziehen und andere dafür in den Tod zwingen wollen.
UPDATE:
Das Video der Waisen von Michael Mark. Quelle: INN
Am zweiten Tag nach dem Attentat veroeffentlichten die Waisen der Familie Mark ein kurzes Video, in welchem sie um das zahlreiche Kommen zum Begraebnis ihres Vaters baten: „Papa war nicht nur unser Vater, sondern ein Vater von ganz, ganz vielen Menschen“, sagte Orit. Und eine weitere Tochter, Shira, fuegte hinzu:
„Nehmt etwas Gutes von Papa mit, werdet bessere Menschen, werdet liebender.“
Tehila Mark. Quelle: NRG
Auf der Beerdigung, welche am Sonntag, dem 04.07. erschien auch der gegenwaertige Mossad-Direktor Yossi Cohen, welcher ein Cousin des ermordeten Mark ist. Die Tochter Tehila, die bei
Mossad-Direktor Yossi Cohen, ein Cousin des Ermordeten, mit Neffe Pediya. Quelle: NRG
dem Anschlag schwer verletzt worden war, wurde im Krankenbett zum Beerdigung gefahren.
Die Tochter Orit, in ihrer Grabrede, wandte sich an den Vater selbst, erzaehlte von seiner Liebe zu den Kindern, der Unterstuetzung, die speziell sie von ihm erfahren hatte und bat zum Schluss:
„Papa, du hast immer eine Loesung fuer alles gefunden. Du warst so begabt und so gut, es ist nicht fassbar, dass du nicht mehr hier sein wirst. Geliebter Papa, bete fuer unsere Mutter, die du so geliebt hast, fuer Tulik (Tehila), unsere Heldin, dass ihr Bauch in Ordnung sein wird, dass sie an diesem Trauma nicht zerbricht. Auch fuer unseren Pediya. Er hat alles gesehen, er erinnert sich an alles, es brennt in seinem kleinen Herzen. Papa, schau von oben herab, schau, wie stark wir sind.“
(Quellen: Kol Israel Radio, Ynet, Channel 2, INN)
Die Regierung hat angekündigt, auf das Verlangen von Erziehungsminister und Vorsitzendem der Partei „Jüdisches Heim“ Naftali Bennett hin eine Kabinettssitzung am heutigen Abend statt morgen abzuhalten: „Terroristen halten keinen Schabbat ein“, meinte Naftali Bennett. Laut den Medienberichten fordert Bennett die Sperrung der Autobahn 60, auf welcher sich die zahlreichen Attentate ereigneten, für palästinensischen Verkehr.
Ganz ehrlich, ich kann nicht glauben, dass das der Gesamtsituation irgendwie helfen wird.
Heute (30.06.16) um etwa 9 Uhr morgens drang ein 17-jähriger Terrorist in das Haus der Familie Ariel im Vorort der Großsiedlung Kiryat Arba bei Hevron ein. Der Attentäter kletterte über den Sicherheitszaun, der die Ortschaft umgibt, und gelangte in das nächstgelegene Haus. Er verschloss hinter sich die Tuer und begab sich in das Kinderzimmer der Familie, dort schlief eins der Kinder von Rina und Amichai Ariel, die 13-jährige Hallel Jaffa.
Von da an begann ein Alptraum.
Hallel Yaffa Ariel. Quelle: Internet
Der Terrorist fing an, auf das schlafende Mädchen einzustechen. Hallel war am vorherigen Abend von einer Tanzaufführung, bei welcher sie mitgemacht hatte, spät zurueckgekommen, die Ferien hatten am Sonntag begonnen, und Hallel schlief aus. Der Attentäter, selbst noch keine 18 Jahre, überraschte sie im Schlaf und stach auf sie mit insgesamt acht Stichen ein. Hallel verlor das Bewusstsein, ihr Blut verschmierte den Boden.
Als der Terrorist (ich erwähne generell keine Namen von Attentätern) noch über den Zaun gekommen war, alarmierte dies das Sicherheitszentrum von Kiryat Arba, da der Zaun mit einer Signalanlage versehen ist. Auf den Kameras wurde der Eindringling erkenntlich. Die Mitarbeiterinnen des Zentrums (ich habe einige Zeit in einem solchen im Gush Etzion gearbeitet) benachrichtigten die
Das Haus von Hallel und ihrer Familie. Quelle: Maariv
innere Sicherheitseinheit, welche aus freiwillig in ihr dienenden Einwohnern besteht, und ebenso die Armee. Die ersten, die sich am Schnellsten zum Eindringungsort aufmachen konnten, waren die Schutzmänner der Sicherheitseinheit. Sie eilten zum Zaun und begannen, aus verschiedenen Richtungen das Haus einzukesseln, da es nicht klar gewesen war, wo sich der Täter in diesen Momenten befand. Anschließend, so berichtete einer von ihnen im Nachhinein den israelischen Medien, näherten sie sich dem Haus, bis drei von ihnen schließlich ins Innere des Hauses vordrangen – Yehoshua (Shuki), Chanoch und Amichai – der Vater des Mädchens, welcher ebenso in der Einheit diente. Dank diesem konnte wohl auch die Tür geöffnet werden, die zuvor vom Attentäter verschlossen worden war.
Kiyat Arba – Tatort, Bani Na’im – Wohnort des Terroristen
Als die drei hineingelangten, gingen sie in Richtung des Kinderzimmers. Direkt am Eingang sprang der Terrorist auf einen von ihnen, Yehoshua, und begann, auch auf ihn einzustechen. Chanoch erschoss den Angreifer. Auf dem Bett erblickten die drei die blutende Hallel. Sie wurde von den angekommenen Notfallärzten herausgebracht, ebenso der schwerverletzte
Hallels Zimmer. Die ersten Rettungseinsatzkräfte haben das Zimmer schon gereinigt.
Yehoshua. Nach den ersten Wiederbelebungsversuchen wurde sie in den Notfallwagen gebracht und ins Hadassah-Krankenhaus gefahren, ebenso der verletzte Yehoshua. Die Frau von Yehoshua, die ebenso als Freiwillige des „Roten Davidssterns“ und als Krankenschwester arbeitete, sah den Ambulanzwagen fahren, als sie auf dem Nachhauseweg auf der Straße in der Siedlung war und stieg zu; der Patient offenbarte sich ihr als ihr Mann.
Hallel mit ihren Eltern Amichai und Rina und mit juengeren Geschwistern bei einem Besuch auf dem Tempelberg. Quelle: Nana
Im Krankenhaus fand das Drama sein bitteres Ende, zumindest, was Hallel anbetraf. Der Leiter des Traumazentrums des Hadassah-Krankenhauses berichtete den Nachrichtendiensten, Hallel sei durch die Messerstiche zu schwer verletzt worden und die Wiederbelebungsversuche hatten nicht geglückt. Hallel verstarb an ihren Wunden. Yehoshua befindet sich noch immer in der Notaufnahmestation und wird operiert.
Hallel beim Auftritt. Quelle: INN
Das Drama war vorbei, der Alptraum hatte erst begonnen. Für die Familie, Freunde und Nachbarn von Hallel; den Vater, einen Pädagogen und Weinbauern, für ihre Mutter Rina. Für die Schülerinnen der ehemaligen achten Klasse der Mittelschule in Kiryat Arba, welche Hallel vor einigen Tagen erfolgreich abgeschlossen hatte. Für ihre Tanzgruppe, mit welcher die 13-Jährige erst vor einem Tag eine erfolgreiche Aufführung gehabt hatte. Hallel liebte es zu tanzen, so erzählen ihre Eltern und Nachbarn.
„Sie hatte einen guten Charakter, ein gutes Mädchen, immer beliebt und von Freundinnen umgeben. Sie liebte diesen Ort, das schöne Haus, das Grün, sie fühlte sich sehr wohl“, so berichtete der Nachbar, der als Sicherheitsoffizier in der Siedlung fungiert, dem INN.
Der jüdischen Tradition entsprechend soll ein Toter so schnell wie
Das Trauersitzen (Shiva) von Familie Ariel. Auch Premierminister Netanyahu kam zu Besuch. Quelle: Nana
möglich begraben werden. Daher wurde die Beerdigung auf 18 Uhr Ortszeit gesetzt. Hallel wurde auf dem alten jüdischen Friedhof von Hevron, in der Hevroner Altstadt, in welcher sich die jüdische Gemeinde Hevrons befindet, beerdigt. Hunderte von Menschen erschienen auf der Beerdigung und begleiteten Hallel auf dem letzten Weg.
Was die offiziellen Reaktionen auf den Mord von Hallel und die Attacke auf Yehoshua angeht, so äußerte sich Premierminister Netanyahu zu dem Attentat und erklärte, die Arbeitsvisa für die Verwandten des 17-jährigen Terroristen zu streichen. Armeeeinheiten haben mittlerweile die Stadt Bani Na’im bei Hevron eingekesselt, in welcher der junge Attentäter gelebt hatte, die Familienmitglieder verhört und ebenso die Einfahrt nach Bani Na’im mit Betonblöcken versperrt Der Vater wurde aufs Armeerevier
mitgenommen. Die Mutter, so veröffentlichte es Ynet, beteuerte, nicht geglaubt zu haben, dass ihr Sohn die Attacke vollführt haben soll: „Er meinte immer, er wolle ‚etwas tun‘, aber wir dachten, er würde nur Spaß machen“.
Auch innerhalb des Gebietes von Judäa bis nach Ramallah im Norden Jerusalems wurden Straßensperren von der Armee errichtet.
(Quellen: Channel 2, Jerusalem Post, INN, Ynet, Walla)
Bani Na’im, ebenso wie die gesamte Umgebung von Hevron, ist durchsetzt von Terrorzellen der Hamas und anderer islamistischer Terrororganisationen, und ihre Einwohner sind sehr anfällig für Radikalisierung. Zahlreiche Attentäter, welche Attacken auf
Terroregion Großraum Hevron – Karte
Zivilisten und Soldaten in und außerhalb der „Grünen Linie“ verübt hatten, auch in dem letzten halben Jahr, stammten aus dieser Region: Dura – Yatta – Bani Na’im – Hevron- Sse’ir (alShuyuch) – Halhul. So die drei Attentäter, welche in diesem Monat (Juni) die Terrorattacke im Sarona-Zentrum in Tel Aviv zu verantworten hatten; der Attentäter, der vor etwa einem halben Jahr Jakov Don und Ezra Schwarz in einem Stau bei Alon Shevut erschoss; der Mörder von Dalia Lemkos im Oktober 2014, und schließlich auch die Entführer der drei Jugendlichen, Eyal, Gil-ad und Naftali, welche genau vor einem Jahr, am 30.06.14 , ermordet und eingebuddelt auf einem Feld beim Hevroner Vorort Halhul gefunden wurden.
Seitens der deutschen Berichterstattung dürften diejenigen, die die heutigen Nachrichten größeren Medienkonzerne verfolgt hatten, eine kleine Überraschung erlebt haben:
So berichtete der SPIEGEL in einer uncharakteristisch informativen und sachlichen Art und Weise über den Terroranschlag und erwähnte ebenso die Terrorwelle und die israelischen Opfer der Attacken des letzten Dreivierteljahres. Die Meldung stammte aus der Nachrichtenagentur dpa.
Bei der „Tagesschau“ musste man Vorarbeit leisten: Der Studentin Noemi Becher aus Frankfurt fiel in der Nachrichtenausgabe der „Tagesschau“ auf, dass der Mord mit keinem Wort erwähnt wurde. Daraufhin schrieb sie einen Brief an die Onlineredaktion. Wenig später veröffentlichte die Webseite einen kurzen Bericht zum Attentat. Noemi postete auf ihrem Facebook-Profil:
Eigeninitiative hilft. Nachdem ich bei der Tagesschau nichts zum Attentat in Kiryat Arba gefunden habe, habe ich mich per Mail an die Redaktion gewendet und sie darauf aufmerksam gemacht, dass der Terror nicht in Tel Aviv anfing und dort auch nicht aufgehört hat. Ich habe auch ausdrücklich gefordert, dass der Attentäter nicht als das Opfer dargestellt wird. Kurz darauf erschien der Artikel auf ihrer Webseite. Zusammen mit den anderen, die eventuell auch eine Mail geschickt haben, haben wir etwas bewirkt.
Auch andere Medien meldeten sich im Laufe des Tages – so beispielsweise die BILD, RTL Online, Hamburger Morgenpost. Offenbar ließ sich der Mord an einer unschuldigen 13-Jährigen nicht einfach übergehen.
Der Bericht von ZDF heuteplus.
Am Ende des Tages kam auch das ZDF heuteplus mit einem gar außergewöhnlichen Bericht auf, welches sowohl einfühlsam und respektvoll über den Mord von Hallel berichtete, als auch mehr als deutlich auf den Hass hinwies, welcher in der palästinensischen Gesellschaft geschürt wird und dem vor allem Jugendliche ausgesetzt werden.
Leider schrieb keins der erwähnten Medien darüber, welche Überzeugungen der Attentäter selbst vor seiner Tat hegte. So verherrlichte er auf seinem Facebookprofil die jugendliche Terroristin, ebenso aus Bani Na’im, die vor einigen Monat Soldaten in Hevron angegriffen hatte und dabei erschossen worden war. So schrieb der 17-Jähriger, dessen Cousin laut Ynet bei einer versuchten Autorammattacke im März dieses Jahres von Soldaten erschossen worden war, am vorherigen Samstag auf Facebook:
„Ich will sterben. Das Sterben ist ein Privileg.“
Mein Bekannter Me’ir aus der Ortschaft Bet Haggai im Norden Hevrons berichtete einige Stunden nach dem
Attentat, vor der Einfahrt nach Hevron (von seinem Haus aus zu sehen) würde eine lange Autoschlange stehen, die Autos wären mit Flaggen geschmückt und es würde gehupt werden: Sie hupen sicherlich deshalb, weil sie gute Zeugnisse heimgebracht haben“, schrieb Me’ir sarkastisch.
Ein anderer Bekannter, Moshe Rahmanov, veröffentlichte das folgende Bild und betitelte es „Bunkerbetten – bald im Angebot“:
Es wäre lustig, wenn es nicht so realitätsnah wäre.
Gute Nachrichten: Die Regierung sagte an diesem Sonntag (19.06) den israelischen Einwohnern von Judäa und Samaria und ihren Ortschaften eine Summe von rund 19 Millionen Euro zu (82 Mio Shekel) zu. Begründet wurde dies mit der „besonderen Sicherheitslage“. Das Geld soll allerdings auch Bereichen zukommen, denen unabhängig von den sicherheitstechnischen Zuständen und der Terrorbedrohung Entwicklung gebührt – Infrastrukturen für die Weiterentwicklung von Tourismum, Unterstützung der lokalen Betriebe, Bildungsangebote für Jugendliche, sozial-psychologische Betreuung und mehr.
Zur Erinnerung: In Judäa und Samaria (‚Westjordanland‘) leben bis zu 450.000 israelische Staatsbürger in teils religiösen, teils säkularen Ortschaften. Jüdische Gemeinden hatten sich in dieser Region in postbiblischer Zeit während der römischen, byzanthinischen, omayyadischen, osmanischen und britischen Herrschaft etabliert, wurden allerdings im Zuge des 20.Jahrhunderts und nach dem Unabhängigkeitskriegs Israels infolge der jordanischen Besetzung des Gebiets ausgelöscht. Die Neugründung jüdischer Gemeinden in Judäa und Samaria fand nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 statt (Orte wie Kfar Etzion, Hevron und Sebastia), nachdem Jordanien diesen Krieg verloren und ihren Anspruch auf das Gebiet im Jahr 1988 offiziell aufgab. Nach den Oslo-Abkommen 1994 (Oslo II) wurden bestimmte größere arabische Siedlungsgebiete der Verwaltung der PLO, von nun an der Palästinensischen Autonomiebehörde, überlassen (A-Gebiete). Israel übernahm die MIlitärverwaltung der C-Gebiete mit größerer jüduscher Ansiedlung. Die Gebiete dazwischen, (B), werden gemeinsam von israelischen und und palästinensischen Behörden verwaltet.
Hier die gesamte Nachricht (veröffentlicht auf Israel heute):
(NAI Redaktion) Die israelische Regierung hat gestern (Sonntag) einstimmig einem Zuschuss von rund 19 Millionen Euro für die Siedlungen in Judäa und Samaria zugestimmt. Die Entscheidung
wurde mit der empfindlichen Sicherheitslage der Siedlungen begründet. Das Geld werde an die Siedlungen überwiesen werden, obwohl der Staatshaushalt bereits verabschiedet wurde. Die Opposition hat hat den Entschluss der Regierung stark kritisiert.
Die Summe enthält eine Finanzhilfe von rund 3.5 Millionen Euro für die Landkreise in Judäa und Samaria, die vom Innen- und vom Finanzministerium überwiesen werden. Das Landwirtschaftsministerium wird 2.3 Millionen Euro für die Renovierung und Erneuerung von öffentlichen Gebäuden bereitstellen, um der Bevölkerung mehr Schutz und Sicherheit zu geben. Auch sollen die Bürger mehr psycho-soziale Untersützung erhalten. Dafür werden das Bildungs-, das Sozial- und das Gesundheitsministerium verantwortlich sein. 2.7 Millionen Euro sollen dafür bereitgestellt werden. Im Rahmen des Programms sollen Bildungsprogramme entwickelt und Freiwilligen-Programme geschaffen geschaffen werden. Auch soll kleinen und großen Betrieben geholfen werden. Für den Bau von Hotels und Aufbau von Infrastrukturen für den Tourismus in Judäa und Samaria sollen finanzielle Zuschüsse gegeben werden.
Die Ministerin für Kultur und Sport, Miri Regev, begrüsste die Entscheidung: „In diesem Jahr werden wir mehr Sportanlagen und kulturelle Veranstaltungen in Judäa und Samaria sehen. Natürlich kommt die Hilfe für die Siedlung nicht auf Kosten der Peripherie. Ich werde mich weiterhin für den Sport und die Kultur im ganzen Land einsetzen – in der Peripherie, in den Stadtvierteln, in Judäa und Samaria, im arabischen Sektor und auch in den anderen nicht jüdischen Teilen der Bevölkerung,“ sagte sie.
Die Siedlung Nokdim.
Tourismusminister Yariv Levin äußerte sich ebenfalls positiv zu dem Beschluss. „Zum ersten Mal, nach jahrelangen Versuchen, werden wir die Lebensbedingungen in Judäa und Samaria den Bedingungen im übrigen Land anpassen können. Wir werden den Bau von Hotels und anderen Touristeneinrichtungen unterstützen,“ sagte er in Bezug auf die geplanten finanziellen Zuschüsse des unter seiner Führung stehenden Ministeriums für Tourismus. Das Ministerium wird 20% der Baukosten für Touristikanlagen übernehmen.
In der Opposition war man weniger begeistert. So sagte der Abgeordnete Itzik Shmuli (Zionistisches Lager): „Diese Entscheidung ist unmöglich. Zu einer Zeit, wo sich die Städte in der Peripherie an die Regierung in Jerusalem wenden, um Unterstützung zu bekommen, gibt diese Millionen an die Siedlungen. Wann wird die Regierung endlich zeigen, dass sie sich um die Peripherie kümmert, die bis jetzt vernachlässigt geworden ist und ganz hinten steht?“
Auch Amir Peretz (Zionistisches Lager) kritisierte die Entscheidung der Regierung. „Die ‚Nationale Regierung‘ von Netanjahu verschwendet weiterhin zig Millionen für die ‚politischen‘ Siedlungen und zur gleichen Zeit leiden die gesellschaftliche Peripherie und die jungen Paare unter den finanziellen Bedingungen. Ich fordere Finanzminister Kachlon auf, diese Entscheidung zurückzunehmen und endlich zu kapieren, dass die Regierung auch verpflichtet ist, sich um die Bevölkerungsschichten zu kümmern, die nicht in den Siedlungen wohnen. Dieses soziale Unrecht der Rechten kann nicht mit lächerlichen Filmen und Verängstigungen, Araber würden zu den Wahlurnen rennen, gerechtfertigt werden.“
Der zum Jüdischen Haus gehörende Abgeordnete Bezalel Smotrich reagierte zur Kritik der Opposition: „In Judäa und Samaria leben eine halbe Million Bürger wie Shmuli und Saphir (Zionistisches Lager), die in der Armee dienen, Reservedienst leisten und Steuern zahlen. Und es ist an der Zeit, sie wie alle Bürger gleichermaßen zu behandeln und aufzuhören, populistisch zu sein. Es muss damit aufgehört werden, einen Keil zwischen den Bewohnern im Grenzgebiet zum Gazastreifen und den Bewohnern der Siedlungen in Judäa und Samaria zu treiben. Wer das Land und den Staat Israel wirklich liebt kümmert sich um alle und sät keinen Hass und Uneinigkeiten.“