ARD’s Wasserdilemma in Palästina, Folge Zwei

Hier wurde die Stellungnahme des BR Studio/ ARD Tel Aviv-Blogs zum besagten Beitrag über Wasserknappheit in Salfit veröffentlicht, nachdem es, nach eigenen Angaben, zahlreiche Rückfragen und Kritik bezüglich des Beitrags erreicht hatten.

Zunächst einmal, die Tatsache, dass sich so eine enorme Zahl an Kritikern an die zuständige Stelle gewandt hatte, dass sich das BR Studiozu einer Stellungnahme gezwungen sah, ist beachtlich und nicht zu unterschätzen: Die öffentliche Meinung hat eben doch Wirkungskraft, wenn sie entschlossen und zielgerichtet und zur richtigen Zeit geäußert wird.

Andererseits sollte sich niemand erleichtert fühlen. Das BR Studio (namentlich die Israel-Korrespondenten Markus Rosch und Susanne Glass) ist nur auf wenige der Kritikpunkte eingegangen, um die herum man sachlich argumentieren könnte. So gibt es nur einen

Hier liegt Salfit. Karte
Hier liegt Salfit. Karte

kleinen Verweis auf einen vorherigen Beitrag über den „Wasserstreit“ vom 28.07.16 mit einem „Siedlerstatement“  –  von Israel Meydad, der Sprecher von Shilo. Auf der Seite des kleinen Verweises gibt es einen kleinen  (im Vergleich zum Rest der Darstellung) Teil, der sich mit den israelischen Argumenten befasst – so beispielsweise dem unterentwickelten Wasserleitungsbau, der durch die palästinensische Autonomiebehörde vernachlässigt wird und es daher dauerhaft zu Rohrbrüchen kommt. Nirgendwo sonst – erst recht nicht in der offiziellen Stellungnahme selbst – kommt dieses Argument, was eine der Hauptursachen für die stetig gestörte Wasserversorgung der arabischen Ortschaften und Städte darstellt, vor. Niemand, der sich den zweiten, aufmerksamkeitsheischenden Videoclip anschaut, wird sich die Mühe machen, den Radiobeitrag anzuhören und auch noch bis zu der Minute zu warten, wenn die „Siedlerseite“ (O-Ton) zur Sprache kommt. Für den Zuschauer ist alles klar: Die Siedler rauben das Wasser. 

Seltsam nur, dass es nicht die „Siedler“ sind, die das Wasser von den armen palästinensischen Counterparts anzapfen. Das Wasser gelangt nach Judäa und Samaria über die israelische „Mekorot“-

Das Logo der Mekorot-Firma. Man kann sie kontaktieren.
Das Logo der Mekorot-Firma. Man kann sie über den Link kontaktieren.

Firma. Die Wassermenge, die sich Israel verpflichtet hat, zu liefern, ist in den Oslo-Abkommen gegenüber Yassir Arafat und der palästinensischen Autonomiebehörde festgehalten. Die Leitungen, die das Wasser in die arabischen Ortschaften führen sollen, sind seit Jahrzehnten nicht saniert. Hinzu kommt, dass sie illegal von Privatpersonen angezapft werden; das angezapfte Wasser wird dann an andere verkauft, die unter der besagten Wasserknappheit leiden. Die palästinensische Autonomiebehörde hat Schulden in Millionenhöhe bei der israelischen Firma „Mekorot“. Der Wasserverbrauch seitens der palästinensischen Araber findet unkontrolliert statt, Wasserrechnungen werden in nicht wenigen Fällen nicht gezahlt und die Zahlungen von offiziellen Stellen nicht eingeholt – daher auch die Schulden bei den israelischen Behörden.

Was den „Luxusverbrauch“ der „Siedler“ für Swimmingpools und Agrarwirtschaft angeht – welcher in beiden Beiträgen erwähnt wird:

Einen Swimmingpool wie diesen findet man in Siedlungen zu 99% nicht. Wo befindet sich dieser? Überraschung: In Salfit! (Quelle: Wikicommons)
Einen Swimmingpool wie diesen findet man in Siedlungen zu 99% nicht. Wo befindet sich dieser? Überraschung: In Salfit! (Quelle: Wikicommons)

A. Die wenigsten Siedlungen besitzen ein öffentliches Bad. Die wenigsten der Einwohner dieser Siedlungen besitzen einen Swimmingpool, wenn man von aufblasbaren Gummibecken für Kinder im Garten absieht. Keine einzige Siedlung, ob nun kleines Dorf oder Großstadt wie Ariel, besitzt einen Wasserpark – im Unterschied zu einigen palästinensischen Städten, siehe unten.

B. Die landwirtschaftliche Nutzung von Wasser in jüdischen „Siedlungen“ ist weitaus geringer als die in den arabischen Ortschaften, gemessen an der Tatsache, dass vielen der Einwohner der arabischen Ortschaften Ländereien und Felder gehören (über welche die deutschen Medien immer gerne berichten) – und das in ganz Judäa und Samaria. Die arabische Gesellschaft in Judäa und Samaria basierte schon immer auf Landwirtschaft. Bei den Einwohnern der jüdischen Ortschaften ist dem nicht so der Fall; die wenigsten unter ihnen beschäftigen sich mit Landwirtschaft (solche wie der Weinanbau in Shiloh oder Psagot); Einzelpersonen besitzen in der Regel keine Ländereien, sondern arbeiten in anderen Wirtschaftszweigen.

C. Wenn man sich über Swimmingpools und Wasserverbrauch unterhalten will, so sollte man sich etwas mehr darüber informieren, wie es um die Schwimmbäder in den palästinensischen Autonomiegebieten bestellt ist. Es gibt „einschlägige Blogs“ wie „Elder of Ziyon“, die sich schon im Jahr 2013 mit dem Thema befasst haben und dabei helfen könnten, mehr Informationen einzutreiben; aber es gibt auch die einfache Suchfunktion auf Facebook, die einem neugierigen Internetsurfer das offenbart, was offenbar so schwer herauszufinden ist:

Auch in „Palästina“ gibt es Schwimmbäder! Davon ganze sechs in der Region um Nablus. Selbst mit geringen Arabischkenntnissen kann man bei diesem Link auf der Karte erkennen, wo sich die

Das Hayat-Bad in Nablus. Beneidenswert. (Quelle: Facebook)
Das Hayat-Bad in Nablus. Beneidenswert. (Quelle: Facebook)

Vergnügungsplantschbecken befinden, und sich die Facebookkommentare arabischer Nutzer per Google Translate übersetzen lassen. Dieses Schwimmbad hier liegt beispielsweise im „Nablus Hayat Resort“ und scheint regelrechte Begeisterung hervorzurufen (siehe Bild). Die Vergnügungsanlage im „Palestine Park“ in Nablus liefert noch bessere Aussichten – und verbraucht sicherlich sehr viel Wasser, wie es sich auf den Rechnungen der Autonomiebehörde gegenüber „Mekorot“ auch bestimmt regelmäßig zeigt. Dasselbe gilt für das Al-Shaghour-Schwimmbad in Nablus, das Schwimmbad Wadi al-Akhdar  und den Al-Aqsa Olympic and Sports Complex in Jenin.

Eine ganze Liste von Schwimmbädern in den palästinensischen Autonomiegebieten, verteilt nach Städten, findet man bei WafaInfo, und wer des Arabischen mächtig ist und zumindest das Wort مسبح – Schwimmbad (Masbach) schreiben und lesen kann, wird die Angaben bestätigen: In Ramallah befinden sich 7 Schwimmbäder; in Hevron eins, in Jericho  zwei, in Nablus sind 5 aufgeführt, in Jenin 2 und in Qalqiliya eins. Soviel zur Wasserknappheit und Wasserverbrauch.


Es ist aus meiner Sicht traurig, wenn die Oslo-Abkommen, die maroden Wasserleitungen und die Rechtslosigkeit und Gleichgültigkeit für die eigenen Bewohner seitens der palästinensischen Autonomiebehörde dazu führen, dass Menschen in Salfit oder andernorts (wie vor einigen Tagen, am Donnerstag, 11.08.in Betlehem) ohne Wasser in der Hitze auskommen müssen. Seit jeher haben die Menschen unter der Politik ihrer Regierungen leiden müssen.

Jedoch widersetze ich mich vehement den absichtlichen Versuchen von Medienredaktionen, in diesem Fall der ARD-Redaktion, ihre Berichterstattung gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen zu wenden und diese für Dilemmas und Konflikte, die auf weitaus vielschichtiger Ebene ihren Ursprung haben, verantwortlich zu machen. Wie es bei der ARD üblich ist, sind es „die Siedler“ – diese anonymisierte, blut- und wassersaugende Bevölkerung, die sich in den Ländereien des nichtexistenten Staates Palästina herumtreibt und alles stiehlt, was nicht niet- und nagelfest ist. Wie es bei der ARD üblich ist, wird der Kontext nach Redaktionsansicht formuliert und dem Publikum serviert und von einer umfassenden Darstellung wird dringend Abstand genommen. Im Endeffekt läuft alles auf dieselbe Agenda heraus – die Unterstützung der Zweistaatenlösung und die offene Abneigung gegenüber allem und jedem, der diese etwaig „behindern“ könnte – selbst wenn es sich um die Renovierung alter Wasserleitungen zum Wohle der Bevölkerung handelt:

Doch neue Wasserleitungen sind im besetzten Westjordanland ein Politikum. Mit jeder Maßnahme, die die Siedler unterstützt, untergräbt die israelische Regierung eine mögliche Zweistaatenlösung, zu der sich der israelische Premier Netanjahu ja zumindest offiziell noch immer bekennt. (BR-Studio Tel Aviv, 28.07.16)

Es ist nicht neu. Es ist nicht überraschend. Aber es ist systematisch wahrheitsfälschend und daher habe ich diese Klarstellungen veröffentlicht.

Ich freue mich auf Rückmeldungen, Korrekturen, Vorschläge – nur zu.

 

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8 Kommentare zu “ARD’s Wasserdilemma in Palästina, Folge Zwei”

  1. Danke, Chaya Tal, für diese exzellente faktenreiche Klarstellung, habe bei der ARD diesen Artikel als Teil meiner Zuschauerreaktion auf die Stellungnahme der ARD angegeben. Leider ist trotz aller Klarstellungen der Schaden immens, der durch diese propagandistische Art der „Berichterstattung“ seitens der Öffentlich-Rechtlichen für den Staat Israel entsteht, das negative Israelbild der Allgemeinheit verfestigt sich und wird kaum hinterfragt. Danke für diese journalistische Leistung, sie ist unendlich wichtig! Shalom Ulrike

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