Archiv der Kategorie: Siedler

Held der Stunde

Shuki Gilboa und seine Frau Shulamit. Quelle: Kikar Hashabat
Shuki Gilboa und seine Frau Shulamit. Quelle: Kikar Hashabat

Dieser Mann, Shuki (Yehoshu’a) Gilbo’a, hat am Donnerstag, dem 30.06., um die neun Uhr vormittags sein rechtes Augenlicht verloren. Als er nach einigen Notoperationen aus dem Operationssaal gefahren wurde und ihn seine Frau empfing, erzählte sie ihm, dass er auf rechtem Auge für immer blind sein würde.

„Er sagte nur zwei Worte – ‚Alles ist zum Guten'“, erzählte sie.

Shukis Frau Shulamit war dabei, als dieser einen Notfallruf über das örtliche Funkgerät bekam und mit Weste und Gewehr aus dem Haus stürmte. Es bestand ein Verdacht auf ein fremdes Eindringen in die Ortschaft Kiryat Arba. Nur wenige Minuten später, als Shuki gemeinsam mit einem weiteren Kollegen-Schutzmann ins betroffene Haus der Familie Ariel am Rande von Kiryat Arbastürmte, in welchem sich der Terrorist verschanzt haben sollte, hatte er bereits die Messerklinge des Terroristen abbekommen. Der 17-Jährige arabische Jugendliche aus der Ortschaft Bani Na’im hatte sich im Kinderzimmer der 13-jährigen Hallel verschanzt, nachdem er diese im Schlaf abgestochen hatte, und sprang auf Shuki, als dieser zur Tür vordrang. (Bericht ueber Hallel hier)

Shuki wurde schwer verletzt. Sein Kollege erschoss den Attentäter. Shulamit erhielt die Nachricht von zwei Verletzten, und so, wie sie es der Nachrichtenplattform Ynet berichtet, hatte sie den starken Verdacht, dass es sich bei dem einen um ihren Mann handelte.
Selbst eine Krankenschwester und Freiwillige bei dem Roten Davidsstern, lief sie zur Kreuzung bei der Ausfahrt aus der Ortschaft, bei welcher auch der Notfallwagen vorbeigefahren kam, hielt ihn an, sprang hinzu und leistete selbst ihrem Mann die erste Hilfe. Von da an blieb sie bei ihm, ohne ihn zu verlassen – bis jetzt. Sie erzählte Shuki vom verlorenen Auge. Sie erzählte auch der Presse von den Schmerzen ihres Mannes, aber auch davon, dass sie an seine Inneren Kräfte glaube und dass die Unterstützung von Familie, Freunden und der gesamten israelischen Gemeinschaft überaus hoch sei, aus vielen Orten riefen sie Menschen an und ermutigten sie – nicht nur aus Judaea und Samaria:

„Wir werden von Liebe überhäuft“.

Der Heilungsprozess ist erst am Anfang, und es wird viel Zeit der Erholung brauchen, auch viel Zeit der Eingewoehnung. Aber die innere Einstellung ist seit jeher ein grosser Faktor bei der Heilung. Zusammen mit Shulamit glaube ich fest daran, dass dieser grosse Mann – ein einfacher Einwohner von Kiryat Arba – den Schmerz und den Verlust ueberwinden wird. Er ist fuer uns alle ein grosses Beispiel, und wir werden ihn tatkraeftig und im Geiste immer unterstuetzen.

NEWS: Familienvater tot nach Schussattentat nahe Otni’el

(Aktualisiert) Und wieder trifft der Terror die Berge Hevrons. Diesmal kein Einbruch in eine Ortschaft wie bei Dafna Me’ir und Hallel Yaffa Ariel.

Der Terrorort und die Gegend auf der Karte
Der Terrorort und die Gegend auf der Karte

Diesmal ein Schussattentat, eines von vielen des letzten Dreivierteljahres, eines von vielen aus der Zeit, seit welcher wieder Juden in diesen Bergen leben. So wie die Familie Litman, die 13.11.15 von einem Schussattentat auf der Autobahnstrecke nahe Otni’el am Freitagabend, kurz vor Schabattbeginn, auseinander gerissen wurde, so auch diesmal, eine Familie:
Michael Mark, 48, und seine Frau Chava, 40, sowie zwei ihrer Kinder, Pediya (15) und Tehila (13).

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Michael Mark sel.A. Quelle: Israel Hayom

Michael Mark, 48 Jahre, Vater von zehn Kindern, war der Direktor der Religionsschule für Jungen (Yeshiva) in Otniel. Einer meiner guten Freunde lernte dort bis zu seiner Armeezeit. Mark war bekannt als ein offener, sehr hilfsbereiter Mann, ein Rollenbeispiele fuer die Schueler der Yeshiva, in der gesamten Ortschaft beliebt und respektiert. Die Tochter Tehila lernt gemeinsam mit den Töchtern meiner guten Freunde aus dem Dorf Bet Haggai bei Hevron.

Die Familie war auf der Autobahn unterwegs; bei der Kreuzung Adoraim wurden sie offenbar von hinten von einem Wagen mit arabischen Insassen überholt. Als diese vorne waren, eröffneten sie aus dem Inneren des Wagens Feuer. Über 19 Schüsse wurden auf das Fahrzeug der Familie Mark abgefeuert. Das Auto verlor die Kontrolle, überschlug sich, landete auf dem Dach. Im Wagen war der sehr schwer verletzte Michael Mark

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Das Auto der Familie Mark. Quelle: Walla!co.il

eingeklemmt, offenbar mit den Kindern. Seine Frau wurde aus dem Wagen geschleudert und lag vor dem Fahrzeug. Auch sie war schwerverletzt, ebenso die Tochter Tehila – mehrere Bauchschüsse hatten sie getroffen. Der Sohn, Pediya, war der einzige, der sich einigermaßen bewegen konnte.

Rettungskräfte erreichten die Unfallstelle und begannen die Wiederbelebungsversuche an Michael, doch mussten bald aufgeben, dieser gab kein Lebenszeichen mehr von sich. Michael Mark starb an seinen Verletzungen am Unfallort. Die mehrfach im Oberkörper getroffene Chava wurde ins Hadassa-Hospital evakuiert, ebenso die mittelschwer bis schwer verletzte Tehila. Pediya wurde noch am Unfallort behandelt und danach ebenso ins Krankenhaus gefahren.

Familie Mark vor dem Attentat. Tochter Orit im Vordergrund. Quelle: INN
Familie Mark vor dem Attentat. Tochter Orit im Vordergrund. Quelle: INN

Wieder eine Familie auseinandergerissen, wieder mehr Waisen und Witwen, die unverschuldet die Narben der Verluste in ihren Seelen bis zum Lebensende tragen werden, und womöglich werden physische Narben

Michael und seine Frau Chava. Quelle: INN
Michael und seine Frau Chava. Quelle: INN

hinzukommen. „Gestern haben meine Tochter und ihre Freundinnen um eine ermordete Klassenkameradin geweint, heute weinen sie um eine weitere verletzte Freundin“, schrieb Me’ir Dana Picard, mein guter Freund aus der Ortschaft Bet Haggai südlich Hevrons, welcher schon einige seiner Freunde bei Terrorattacken in den Südhevronbergen verloren hatte.

Wieder war es eine Attacke auf Zivilisten, von Arabern auf Juden, von Muslimen auf Juden, von denjenigen, die dem Leben den Tod vorziehen und andere dafür in den Tod zwingen wollen.

UPDATE:
Das Video der Waisen von Michael Mark. Quelle: INN
Das Video der Waisen von Michael Mark. Quelle: INN

Am zweiten Tag nach dem Attentat veroeffentlichten die Waisen der Familie Mark ein kurzes Video, in welchem sie um das zahlreiche Kommen zum Begraebnis ihres Vaters baten: „Papa war nicht nur unser Vater, sondern ein Vater von ganz, ganz vielen Menschen“, sagte Orit. Und eine weitere Tochter, Shira, fuegte hinzu:

„Nehmt etwas Gutes von Papa mit, werdet bessere Menschen, werdet liebender.“

Tehila Mark. Quelle: NRG
Tehila Mark. Quelle: NRG

Auf der Beerdigung, welche am Sonntag, dem 04.07. erschien auch der gegenwaertige Mossad-Direktor Yossi Cohen, welcher ein Cousin des ermordeten Mark ist. Die Tochter Tehila, die bei

Mossad-Direktor Yossi Cohen, ein Cousin des Ermordeten, mit Neffe Pediya. Quelle: NRG
Mossad-Direktor Yossi Cohen, ein Cousin des Ermordeten, mit Neffe Pediya. Quelle: NRG

dem Anschlag schwer verletzt worden war, wurde im Krankenbett zum Beerdigung gefahren.

Die Tochter Orit, in ihrer Grabrede, wandte sich an den Vater selbst, erzaehlte von seiner Liebe zu den Kindern, der Unterstuetzung, die speziell sie von ihm erfahren hatte und bat zum Schluss:

„Papa, du hast immer eine Loesung fuer alles gefunden. Du warst so begabt und so gut, es ist nicht fassbar, dass du nicht mehr hier sein wirst. Geliebter Papa, bete fuer unsere Mutter, die du so geliebt hast, fuer Tulik (Tehila), unsere Heldin, dass ihr Bauch in Ordnung sein wird, dass sie an diesem Trauma nicht zerbricht. Auch fuer unseren Pediya. Er hat alles gesehen, er erinnert sich an alles, es brennt in seinem kleinen Herzen. Papa, schau von oben herab, schau, wie stark wir sind.“

 

(Quellen: Kol Israel Radio, Ynet, Channel 2, INN)


Die Regierung hat angekündigt, auf das Verlangen von Erziehungsminister und Vorsitzendem der Partei „Jüdisches Heim“ Naftali Bennett hin eine Kabinettssitzung am heutigen Abend statt morgen abzuhalten: „Terroristen halten keinen Schabbat ein“, meinte Naftali Bennett. Laut den Medienberichten fordert Bennett die Sperrung der Autobahn 60, auf welcher sich die zahlreichen Attentate ereigneten, für palästinensischen Verkehr.

Ganz ehrlich, ich kann nicht glauben, dass das der Gesamtsituation irgendwie helfen wird.

Irving Moskowitz ist tot

Irving MOskowitz, 2005. Quelle: AFP (David Furst)
Irving MOskowitz, 2005. Quelle: AFP (David Furst)

Dr.Irving Moskowitz, amerikanischer Jude polnischen Ursprungs, Arzt, Unternehmer, Milliardär und Philantrop, ist am Freitag, dem 17.06.16, im Alter von 88 Jahren in Miami, Florida, verstorben.

Irving und seine Frau Cherna, beide in den USA geboren, waren in den USA wegen ihres Wohltätigkeitsinstituts, dem Irving Moskowitz-Fond, bekannt, welchen sie im Jahr 1968 ins Leben riefen. Über den Fonds, welcher zu einem großen Teil auf den Einnahmen Moskowitz‘ von einem Bingo-Club in der kalifornischen Stadt Hawaiian Gardens basierte, unterstützte das Ehepaar im Laufe der Jahrzehnte die Stadt Hawaiian Gardens selbst (Investitionen in soziale Strukturen und Stadtentwicklung), Projekte

100.000 Dollar an das Amerikanische Rote Kreuz gespendet. Quelle: Moskowitz Fonds
100.000 Dollar an das Amerikanische Rote Kreuz gespendet. Quelle: Moskowitz Fonds

für Studenten in den USA und auch in Israel. Der Moskowitz-Fonds

Ein Dankesplakat an den Irving Moskowitz Fonds in Hawaii Gardens, Kalifornia.  Quelle: Moskowitz Fonds
Ein Dankesplakat an den Irving Moskowitz Fonds in Hawaii Gardens, Kalifornia.
Quelle: Moskowitz Fonds

war bekannt für seine enorme finanzielle Unterstützung von Rettungsoperationen und Hilfsprojekte in Krisengebieten über die Jahre hinweg; so beispielsweise 1998 nach dem Hurrikan „Mitch“, 1999 in Kosovo und nach einem Erdbeben in der Türkei, nach dem Terroranschlag des 11.Septembers 2001 in New York, 2004 nach dem Tsunami in Indonesien und Sri Lanka, dem Hurrikan „Katrina“ in 2005 und dem Erdbeben in Japan in 2011.

In Israel war Irving Moskowitz vor allem im politischen Spektrum als eine kontroverse Persönlichkeit bekannt. Mit seinen Spenden setzte sich Dr.Moskowitz für jüdische Rückkehr und Besiedlung von Judäa und Samaria ein, ebenso für den Erwerb und die Übersiedlung von Juden in die arabisch geprägten Viertel von Ost-Jerusalem. Seit der Etablierung des Hilfsfonds, 1968, prägte diese Tätigkeit seinen Ruf in Israel. Hohe Summern für Landerwerb, Häuserkauf, Errichtung von Vorposten und Anlagen in existierenden Siedlungen stammten aus dem Moskowitz Fonds. Irving Moskowitz verschleierte nicht die Ausgaben für diesen Zweck, hielt regen Kontakt zu Aktivisten der Siedlerbewegung und unterstützte sie finanziell massiv bis in die letzten Tage hinein. Er war es, der viele Aktivitäten der Bewegung „Women in Green“ für eine Souveränität Israels in Judäa und Samaria finanzierte, den politischen Kampf gegen die Evakuierung von Gush Katif in 2005 unterstützte; ebenso stand er hinter dem Erwerb des Hauses „Bet haBracha“ nahe des Dorfes El-Arub in Gush Etzion, dessen Land nun offiziel zum Regionalbezirk von Gush Etzion gehört; außerdem sorgte er für den Kauf von Immobilien zugunsten der Einsiedlung jüdischer Einwohner in der Altstadt Jerusalems und in den arabischen Viertel wie Sheich Jarrah und Silwan.

Wie einige Medien es formulierten, sorgte Moskowitz dafür, die Käufe zu „risikoreichen“ Zeiten publik zu machen, welche Provokationen nach sich zogen – wie beispielsweise die Forderung des Baustopps in Siedlungen seitens der amerikanischen Regierung. Nichtsdestotrotz blieb Irving Moskowitz seinen Überzeugungen treu. Im Jahr 2008 gründeten Irving und Cherna den „Moskowitz Preis für Zionismus“. Unter den Preisträgern befinden sich u.a. der

Cherna Moskowitz. Quelle: Voices Magazine
Cherna Moskowitz. Quelle: Voices Magazine

heutige Knessetabgeordnete Yehuda Glick, welcher für Religionsfreiheit auf dem Tempelberg aktiv ist, der ehemalige Mossad-Leiter Meir Dagan, der Aktivist Sammy Bar Lev – einer der Gründer der ersten Besiedlungen auf den Golanhöhen nach 1967, wie der heutigen Stadt Katzrin; und Yigal Cohen-Organ, dem Vorsitzenden der Ariel-Universität in Samaria.

Heute wird der Fonds von seiner Frau Cherna im Geiste ihres Mannes geleitet. Yehudit Katzover, eine der Gründerinnen von „Women in Green“, ist überzeugt, dass die Nachfolgerin des Ehepaares Moskowitz ihre Tochter Laurie sein wird. Irving selbst vergleicht sie mit Baron Rothschild, welcher im 19. und 20.Jahrhundert für einen Großteil von Landerwerb im osmanisch besetzten Heiligen Land und für die Errichtung zahlreicher neuer jüdischer Siedlungen und Ortschaften verantwortlich gewesen war.

 

 

Unterwegs nach Ariel mit Fauzi

Neulich (08.06.16)  musste ich für ein Interview, das ich durchzuführen hatte, aus der Bar-Ilan-Universität nahe Ramat Gan/Tel Aviv in die Universitätsstadt Ariel im Herzen von Samaria fahren. Ariel ist eine Stadt mit etwa 18.000 Einwohnern, eine der vier großen Städte in Judäa und Samaria, besitzt als einzige von Ariel auf der Karteihnen eine Universität, die staatlich anerkannt ist, ist industriell und bildungstechnisch gut entwickelt, besitzt ein entspanntes Klima, eine Aussicht bis Ariel, 2013 (Quelle: Wikipedia)zum Mittelmeer und liegt an den zentralen Verbindungsstraßen zwischen Bergland und Küste, was diese Stadt zu einem attraktiven Wohnort macht. Die Bewohner von Ariel sind zum Großteil säkular und arbeiten innerhalb der Stadt bzw. vielfach im Küstenbereich – Tel Aviv und Umgebung.

Ich war bisher nur zweimal in Ariel, kein einziges Mal zuvor bin ich selbstständig angereist. Ich musste mich über Whatsapp mit einigen Freunden beraten, wie ich aus dem Zentrum überhaupt dorthin käme. Mir wurde schnell geholfen, was allerdings eine schnelle Busankunft nicht garantierte. Bis ich zur richtigen Haltestelle fand, verpasste ich ganze drei Busse, und danach ließen sich diese lange auf sich warten.

Und ich wartete, in brütender Hitze des Juni-Nachmittages, und mit mir an der Haltestelle warteten noch einige weitere Menschen. Fast alle waren dem Aussehen nach Araber, aus „den Gebieten“. Was aber machen Araber „aus den Gebieten“ mitten im Land auf einer Haltestelle? Ach, natürlich. Sie fahren heim. Die Strecke zwischen Küstenebene/Tel Aviv und Umgebung und Ariel wird tagtäglich von hunderten von arabischen Arbeitern aus Samaria befahren, welche eine Arbeitserlaubnis im Kernland Israels haben. Die Busse nach Ariel sind ihre einzige Transportmöglichkeit, von den Sicherheitsübergängen an der „Grünen Linie“ ins Land und an ihre Arbeitsstelle zu gelangen. Mit den Bussen fahren sie zu bestimmten Kreuzungen, schon im Samaria-Gebiet, und gelangen dann weiter über innerpalästinensische Transportmittel – meist Sammeltaxis – in ihre Dörfer. Manche davon liegen weit entfernt, andere nah an der Haltestelle.

Ich erinnerte mich, über dieses Thema einmal geschrieben zu haben – im Eintrag Der Bus-Skandal im Mai 2015, da wurde in den deutschen Medien über eine Entscheidung des Verteidigungsministeriums berichtet, welche am Tag ihrer Öffentlichmachung aufgehoben worden war – und zwar, die Transportmittel der israelischen Fahrgäste und der palästinensischen Arbeiter aus Sicherheitsgründen zu trennen. Jetzt hatte ich die Gelegenheit, selbst mitzuerleben, wie eine solche Fahrt von Israelis und palästinensischen Arabern in einem gemeinsamen Bus aussieht.

20160608_162730Zur Haltestelle gelangte ich mit einem Araber, er hatte gesehen, wie ich den Bus verpasst hatte. Wir warteten gemeinsam, wechselten einige wenige Worte und Gesten, ärgerten uns in schweigsamer Eintracht über den verpassten Bus. Es war heiß, ich bot ihm etwas zu trinken an. Er lehnte dankend ab und ich fasste mir an den Kopf – der Fastenmonat Ramadan hatte begonnen, wie ungeschickt von mir!

Nach einer scheinbar ewig langen Zeit kam ein Bus angefahren, der schon vollgepfercht war. Ein weiterer hielt nicht an, und so zwängten wir uns mit noch weiteren Wartenden in den Gang. Selbst die Stehplätze waren knapp. Der Bus war etwa zur Hälfte mit arabischen Arbeitern besetzt, die meisten sehr ermüdet, einige schlafend. Wir standen im Gang, der Bus bewegte sich im Schneckentempo, es waren die Nachmittagsstaus und die Autobahn 5 nach Ariel ist da leider keine Ausnahme. Ständig gab der Busfahrer einen Ruck, wir Stehenden fielen fast 20160608_163420übereinander. Wieder das Blickewechseln, manche hoben resigniert die Augenbrauen. Ich schaute einem arabischen Fahrenden über die Schulter. Der sah sich „Streich“-Videos auf Youtube an, wie sie häufig im Netz kursieren. Vertrieb sich damit die lange Fahrt. Nonchalant wie ich bin, gesellte ich mich hinter seinem Rücken dazu und konnte mir das Lachen nicht verkneifen. Ein älterer Araber neben mir kommentierte meine Beschäftigung mit einem ironischen „very funny“. Auch ihm machte der Stau zu schaffen.

Von meinem ehemaligen „Wartekollegen“ an der Haltestelle versuchte ich mit einigen Worten zu erfahren, wo er denn wohne. Er meinte nur schüchtern lächelnd, „Ariel“. Entweder sprach er kein rechtes Hebräisch, oder wollte nichts sagen. Ich kam ihm wahrscheinlich recht sonderbar vor – junge Frau, jüdisch, mit Rock (Siedlerin, was sonst?), fängt mit ihm Gespräche an.

Endlich löste sich der Verkehr, ein paar Reisende stiegen aus, Plätze wurden frei. Ich beschloss, stehen zu bleiben, aber die Männer begannen, mir Platz anzubieten. Ich lehnte wiederholt ab. Dem älteren „very funny“- Herrn, der neben mir stand, sagte ich frei heraus: Ihr habt heute gearbeitet, ich habe nichts gemacht, ihr sollt euch setzen. Der verzog leicht das Gesicht, „und das beim Fasten, den ganzen Tag nichts trinken, nichts essen“. Ich nickte verständnisvoll, wie ich es nur konnte. An unseren Fastentagen pflegen wir nicht zu arbeiten. „Hast du etwa den ganzen Tag nichts gemacht?“, fragte er zurück. „Nein, nichts“, meinte ich lachend, „ich fahre nur den ganzen Tag herum.“ Wieder ein schiefes Lachen. Der Mann wurde mir sympatisch, er sprach einwandfreies Hebräisch und schien nichts gegen Gespräche einzuwenden zu haben.

Ich nutzte die Gelegenheit natürlich, um ihn auszufragen. Wo er arbeite, was er arbeite, wo er wohne. Fauzi* (*Name geändert) arbeitete als Restaurator in der Stadt Rishon leTzion. Er erzählte mir, wie er zu seinem Dorf, Burukin, neben der Siedlung Barkan gelangte („Barkan, Buruqin, selber Name“)- bis zu einer Kreuzung auf der Autobahn 5, und dann weiter mit dem Sammeltaxi. Ja, davon

Ariel, Buruqin und dazwischen
Ariel, Buruqin und dazwischen

habe ich schon gehört. „Wieso kannst du dir kein Auto holen, um diese Strecke zu fahren?“, fragte ich und erwartete Erklärung. Diese kam, „das darf man nicht. Ohne israelischen Führerschein kann ich keine Erlaubnis für ein Auto bekommen, ein Auto der PA darf nicht nach Israel hinein.“ „Kannst du dir keinen israelischen Führerschein machen lassen?“ Ich wusste, die Fragen waren naiv, aber ich wollte Antworten von ihm in seiner Darstellung hören. Natürlich war mir klar, dass PA-Autos innerhalb Israels nicht zugelassen waren. „Nein, das kann ich nicht. Ich habe eine Arbeitserlaubnis, aber keinen blauen Ausweis (israelische Aufenthaltserlaubnis).“ Die Frage „würdest du gerne einen haben?“ lag mir auf der Zunge, aber ich unterließ sie. Vielleicht würde er sich nicht trauen, darauf zu antworten, außerdem wollte ich niemanden von etwas überzeugen, sondern Information sammeln.

Ich fragte also weiter, ob israelische Staatsbürger in seinem Dorf leben dürften. Er bejahte, es würden welche leben, das sei normal , es würden auch andere auf der anderen Seite der „Grünen Linie“ leben, sie haben eingeheiratet und dann kriegt man eine Wohnerlaubnis. Über dieses Thema gelangten wir zum Thema Heirat. So erzählte mir Fauzi, in seinem Dorf würden Muslime Jüdinnen heiraten und dann ins Dorf bringen. „Die haben dann eine israelische Staatsbürgerschaft?“ „Ja.“ „Aber dann sind sie zum Islam übergetreten, richtig?“ „Ja, natürlich.“ Ich kannte natürlich solche Fälle, aber dass das eine gängige Praxis sei, überraschte mich doch. Ich sagte ihm es auch, und dass es bei Juden nicht gerne gesehen werden würde. „Ich weiß. Sie heiraten aber nicht nach der Religion, sondern nach dem Staatsgesetz, und nach diesem ist es erlaubt“, meinte Fauzi, und fügte hinzu, „am Ende sind wir alle Menschen.“ Und dennoch, beharrte ich darauf, für Muslime sei es in Ordnung, aber für Juden nicht. Fauzi wusste das. „Dann sind die Kinder einerseits von der Mutter her jüdisch, und vom Vater her muslimisch“, dachte ich laut nach. Fauzi wusste mir daraufhin zu erzählen: „Ich kannte einmal jemanden, er kam ins Dorf, sprach mittelmäßiges Arabisch; wir unterhielten uns. Es stellte sich heraus, dass sein Vater Araber sei! Er aber wohne mit seiner Mutter in Israel. Er sagte mir, er würde seinen Vater kennen und ab und zu besuchen. Ich fragte ihn nach seiner Religion, er sagte mir daraufhin, ‚ich bin jüdisch‘.“ Fauzi erzählte auch, viele der Frauen, die ins Dorf kämen, seien russischer Herkunft. Es gäbe viele nichtjüdische Russinnen, erwiderte ich. Ob ich russisch und jüdisch sei, fragte er, und wo ich geboren sei. Er erzählte mir auch, viele würden noch immer nach Russland fahren und von dort Ehefrauen mitbringen: „Immer wieder bringen sie Frauen von dort mit.“

Ich fragte ihn schließlich nach den „Horrorgeschichten“, die bei uns viele erzählen – die schlimme Behandlung, die ehemals nichtmuslimische/jüdische Frauen von ihren arabischen Männern erfahren würden. Organisationen wie „Yad le’Achim“ in Israel spezialisieren sich auf solche „Fälle“ und berichten immer wieder von „Rettungsoperationen“, bei welchen sie diese oder jene Frau mit Kindern von einem gewalttätigen arabischen Ehemann gerettet haben. Fauzi winkte abwertend ab: „Es ist immer so, es wird ein Wort gesagt, und bis es bei der nächsten Stelle ankommt, werden daraus zehn Wörter. Ich glaube diesen Geschichten nicht. Zudem, gibt es etwa nur bei uns Gewalt, und bei den Juden nicht?“ Ich bejahte, mir kamen gleich mehrere Fälle in den Sinn.

Es ist zweifellos eine komplexe Realität. Von verschiedenen Standpunkten aus betrachtet, sieht sie vollkommen anders aus; und jeder hat dennoch das Recht auf seinen Standpunkt. Der Bus fuhr währenddessen weiter; wieder ein Rucken, und wir Stehenden fielen übereinander und fingen an zu lachen. „Man versteht nicht, was dieser Fahrer hat“, erklärte mir Fauzi mit verwundertem Lachen die Reaktionen der anderen, „wo hat er seinen Führerschein gemacht? Welcher Esel hat ihm den gegeben?“ „Vielleicht ritt er vorher auf einem Esel, und dann hat er beschlossen, das Transportmittel zu wechseln“, entgegnete ich witzelnd. Wir schmunzelten.

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Die Menschenmenge an der Kreuzung.

Dann war der Bus an der Ariel-Kreuzung angekommen. Wir verabschiedeten uns voneinander, Fauzi und ich, und stiegen aus. Draußen – Schreie, Taxifahrer, die ihre Kundschaft anwarben, Männer in langen Gewändern zwischen Olivenheinen, und all die ausgestiegenden arabischen Arbeiter, die zu den Fahrzeugen eilten. Zwei Soldaten regelten den Verkehr an der Kreuzung. Erst im März 2016 gab es hier eine Messerattacke auf eine junge Soldatin, und im Oktober 2015 eine Messerattacke auf einen wartenden Juden. Auch zuvor hatte es hier Terrorattacken gegeben, an dieser vielbefahrenen Kreuzung, wo sich beide Bevölkerungsgruppen dicht aneinander reiben.  Ein Vorbeieilender meinte, ich würde mich nach Hilfe umschauen, doch ich winkte ab. Mein Ziel war noch immer die Universität von Ariel. Wie gewohnt, nutzte ich dafür den Autostop. Die Sonne stand hoch am Himmel, es war noch Zeit bis zum Fastenbrechen beim Sonnenuntergang. Wie die Menschen das durchlebten, wie viele sich bei diesen Bedingungen tatsächlich an die strengen Regeln des Fastens hielten, wusste ich nicht zu sagen.

Ariel-Kreuzung. Das Schild weist auf das nahegelegene "Eshel Hashomron"-Hotel hin.
Ariel-Kreuzung. Das Schild weist auf das nahegelegene „Eshel Hashomron“-Hotel hin.

Ich war dankbar für die Unterhaltung mit meinem unerwarteten Gesprächspartner, meinem Nachbarn, einem weiteren Puzzlestück in der menschlichen Landschaft von Judäa und Samaria. Unser Land ist zu klein, um zwei Staaten zu beherbergen, aber es ist nicht zu klein für Leute wie Fauzi und mich, vorausgesetzt, wir wollen hier leben und einander leben lassen. Leider ist diese simple Voraussetzung in unserer Region nicht selbstverständlich. Aber die Zukunft steht offen.

Und, ja, die Anfahrtsbedingungen für die Arbeiter sollten definitiv verbessert werden, nicht nur bei Ariel, sondern auch an den restlichen Übergängen. Es gab eine Zeit, nicht allzu lange her, da gab es noch keine Übergänge, da hätte ich sogar Fauzi in seinem Dorf besuchen können. Aber die Zeit ist fürs Erste vorbei, und außerdem ist das schon eine ganz andere Geschichte…

 

 

Reblogged: Wohnen Araber in jüdischen Siedlungen?

BPB 080616 Efrat3Heute habe ich in Efrat (liegt im Herzen von Gush Etzion) eine Gruppe junger Journalisten verschiedener deutscher Medien (von ZDF und Süddeutsche Zeitung über Berliner Zeitung bis Tagesspiegel) getroffen und sich mit ihnen dabei über verschiedene Themen, die das Zusammenleben zwischen Juden und Arabern in Judäa und Samaria betreffen, unterhalten. Das Treffen fand in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung statt (siehe mehr darüber hier).

Für diejenigen unter ihnen, die möglicherweise nach diesem Treffen auf diesem Blog hier vorbeischauen wollen, und auch für alle von euch, die dieses Thema ebenso interessiert, hänge ich hier einen älteren Artikel von mir an, über ebendieses Zusammenleben von Juden und Arabern und was es damit auf sich hat. Fragen und Bemerkungen sind immer willkommen.

Chaya

Avatar von ChayaIch, die Siedlerin | Eine jüdische Stimme aus Judäa

Häufig werde ich gefragt – und das meist mit einem vorauseilenden anklagenden Unterton -, ob Araber/-innen in jüdischen Siedlungen wohnen dürfen. Dieses kurze Essay dürfte als eine Erklärung zu dieser nicht unwesentlichen Frage dienen. 


Ansicht auf Efrat. Im Vordergrund: Weinstöcke arabischer Weinbauern Ansicht auf Efrat. Im Vordergrund: Weinstöcke arabischer Weinbauern

…Efrat ist eine Ortschaft in Gush Etzion mit fast 10.000 Einwohnern. Es befindet sich mitten in Ausbau und Erweiterung. Lang ausstehende Bauprojekte wurden genemigt und von verschiedenen Auftragnehmern übernommen. Die Baustellen sind täglich in Betrieb. Auch sonst bedarf die Infrastruktur von Efrat einer umfassenden Pflege – wie die einer jeden Ortschaft. Efrat ist eine „Großsiedlung“, wenn man will, und wurde für 25.000 Einwohner geplant. Sobald Efrat sich in ihrer Einwohnerzahl der 15.000-Grenze nähern wird, soll ein Antrag auf Stadternennung durchgeführt werden, welches ihr den Status der ersten jüdischen Stadt der Judäa-Region einbringen würde, und der fünftgrößten Stadt in den Siedlungsgebieten (nach Modi’in Illit, Beitar Illit, Ma’ale Adumim und Ariel).

Hier liegt Efrat Hier…

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Yehuda will nach Hause – aber darf nicht?

Das größte und erfolgreichste Projekt in der Geschichte der israelischen Projekt- und Spendensammelseite Headstart.co.il (inspiriert von einer ähnlichen Webseite in den USA, Kickstarter), welches erst am Donnerstag, dem 02.Juni ’16, ins Leben gerufen wurde, hat schon sein mehreren Tagen seine erste Zielsumme überschritten – 600.000 Shekel – und eigentlich hat es auch mehrere hunderttausend Shekel mehr als die zweite Zielsumme, die diesem gesetzt wurde, eingesammelt – alles in allem 1,528,601 Millionen Shekel.

Dutzende von Medien und tausende Posts in sozialen Netzwerken berichteten auf Hebräisch und Englisch über das Projekt und priesen die Großzügigkeit und überwältigenden Einsatz für einen für die meisten Spender komplett fremden Menschen – Yehuda Yitzhak Hayisraeli.

Die Kampagne, ins Leben gerufen am besagten 02.06. 2016 von der Non-Profit-Organisation „My Israel“ (manche mögen ihre Aktivitäten auf Facebook verfolgt oder einige Posts gesehen haben), entstand für einen noblen Zweck; gleichzeitig offenbarte sie ganz Israel, durch die überwältigende Teilnahme und die Berichterstattung in der zumeist neutralen bis kritischen Presse, die aber auch bei diesem Fall nicht gleichgültig bleiben konnte, die menschenunwürdige und gar entsetzende Haltung, welche die staatlichen Organe gegenüber denen pflegen, die für sie in den Krieg und in den Tod ziehen. Beispielsweise dann, wenn diese an einem Ort wohnen, deren Bewohner für politische Spielereien ausgenutzt werden können, wann immer es den Politikern beliebt. Alle Bürger sind gleich vor dem Gesetz, aber manche sind eben weniger gleich, mögen sie noch so sehr ihr Leben aufs Spiel setzen.

Zu den Fakten.

Wer ist Yehuda Yitzhak Hayisraeli?
Yehuda, Rivka und die kleine Tzuria (Quelle: BInyamin Council)
Yehuda, Rivka und die kleine Tzuria (Quelle: Binyamin Council)

Yehuda ist ein junger Mann, 24 , Ehemann von Rivka (23), Vater von zwei kleinen Kindern – Tzuriá und Érez. Geboren in der Siedlung Psagot (Binyamin-Region), wuchs er mit seinen Eltern in der Ortschaft Ofra (ebenso Binyamin) auf. Als er und Rivka heirateten, da waren beide Anfang 20, sie zogen um nach Tel Aviv, wo die Eltern seiner Ehefrau wohnten. Im Herbst 2012, im Rahmen seines religiösen Studiums kombiniert mit dem Armeedienst, wurde Yehuda in den Wehrdienst eingezogen. Anstatt nah am Wohnort zu dienen, was er als verheirateter Mann hätte verlangen können, entschied er sich, in eine Kampfeinheit einzutreten (bei den GIvati-Einheiten), zog die Examen durch und wurde angenommen.

„Er ist ein Mensch, dem das jüdische Volk wichtig gewesen ist. Das Geben war ihm wichtig“, beschrieb ihn sein Vater (Israel Hayom, 27.03.15).

Der Einsatz und die Folgen

Im Juli 2014 begann die Militäroperation „Fels in der Brandung“, im Anschluss an die Entführung der drei Jugendlichen Eyal, Gil-ad und Naftali einen Monat zuvor. Verschiedene Einheiten der IDF marschierten im Laufe der Operation in den Gazastreifen ein, um Terroristenzellen zu neutralisieren und die erst seit Neuestem bekannt gewordenen Terrortunnel, welche aus dem Streifen ins Kernland Israel führten, ausfindig zu machen. Yehuda, der sich gerade in einem Offizierskurs befand, war gerade für einen kurzen Urlaub daheim, aber konnte angesichts der Kriegshandlungen nicht stillsitzen, so berichtete seine Frau Rivka im Nachhinein; er wollte zusammen mit den anderen Kameraden sein. Rivka befand sich gerade im 9.Monat, ließ ihren Mann aber zur Front. Am 1.August, einige Tage später, wurde der Verdacht auf Entführung eines der Soldaten öffentlich gemacht, und Yehuda und weitere Soldaten der Spezialeinheit wurden in den Gazastreifen, nahe der Stadt Rafiah, geschickt, um den Entführten aufzuspüren.

Während ihres Vormarsches in einem Trainingslager der Hamas gerieten sie ins Kreuzfeuer einer technischen Einheit der Armee, welche die Gebäude auf dem Weg zu sprengen hatte, um den Vormarsch zu garantieren. Yehuda wurde von einem Raketensplitter in den Kopf getroffen. Lebensgefährlich verletzt, wurde er ins Soroka-Krankenhaus in Be’er Shewa transportiert, im Laufe des Tages und der Nacht mehrfach operiert, ins Koma versetzt. Tag und Nacht wachten Familie und Freunde. Sein Zustand veränderte sich – verschlimmerte sich, verbesserte sich wieder, Yehuda verblieb im Koma. Zwei Monate lag er in der Notaufnahme, überlebte fünf Kopfoperationen. Laut Sara Ha’etzni-Cohen, der Direktorin der NGO „My Israel“, musste etwa ein Drittel seines Schädels, der irreparabel beschädigt worden war, entfernt werden.

„Wir wissen, dass er hört und fühlt“

Nur wenige Wochen nach der schicksalsträchtigen Verletzung, am 21.August, wurde Yehudas zweites Kind geboren, fünf Tage vor dem offiziellen Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas. Am 28.August wurde die traditionelle Beschneidungszeremonie abgehalten – im Krankenhaus, im Korridor neben Yehudas Krankenzimmer. Der Komapatient sollte, so möglich es nur war, bei der Beschneidung und Namensgebung seines Sohnes dabei sein. Das Krankenpersonal, welches sehr eng mit der Familie Hayisraeli zusammenstand, organisierte die Zeremonie. Der Sohn wurde Érez benannt – auf Hebräisch Zeder. Auf den Namen hatten sich Yehuda und seine Frau noch vor seinem Einsatz geeinigt.

Rivka  brachte das Mädchen, Tzuria, die damals noch keine zwei Jahre war, erst einige Monate nach Yehudas Verletzung zum Vater, als er ins Rehabilitationszentrum Shiba (Tel Hashomer Hospital,

Rivka Hayisraeli. Quelle: Israel Hayom
Rivka Hayisraeli. Quelle: Israel Hayom

nahe Tel Aviv) überführt worden war. Sie hatte Angst vor der Reaktion des Kindes auf den durch die Verletzung und die Kabel kaum erkennbaren Vater . Entgegen ihrer Sorgen, so berichtete sie in einem Interview (Israel Hayom), reagierte das Kind ganz normal und zeigte keine Berührungsängste. Auch den kleinen Sohn brachte Rivka von da an ans Krankenbett, nahe zum Vater, damit dieser sich an den Geruch gewöhnen konnte.

„Wir wissen, dass er hört und fühlt, er ist einfach gefangen in sich selbst und kann nicht reagieren.“ (Rivka)

Iris und David Hayisraeli. Quelle: Israel Hayom
Iris und David Hayisraeli am Bett von Yehuda. Quelle: Israel Hayom

Die Eltern, Iris und David, hatten außer des Kummers um den Sohn noch mit vielen weiteren Sorgen zu kämpfen – der weitesgehend als müßig und träge bekannten Bürokratie der israelischen Armee und weiterer offizieller Stellen. „Wir haben gute Menschen gefunden, die uns so gut es geht helfen wollen. (…) Sie waren bereit, Ausnahmebitten zu akzeptieren, um es uns zu erleichtern. Sie bezahlen uns die Anwesenheit in den Gästezimmern am Shabbat, ein behindertengerechtes Auto, das ihm zustehen sollte, lieferten sie mir an seiner statt, unterstützen uns mit dem Kindergartengelt für Tzuria und Erez, und uns begleitet auch eine Sozialarbeiterin“, berichtete David Hayisraeli im selben Interview in 2015. Und dennoch: Das Bürokratierad drehte sich langsam, und die Folgen der politischen Kräftemessungen und Launen blieben auch Yehuda und seiner Familie nicht erspart.

Behindertengerecht? Nicht für Siedler

Ein Jahr nach seiner Hospitalisierung begann Yehuda, Handbewegungen zu zeigen und damit auf Ja-und-Nein-Fragen zu antworten. Im Oktober 2015 schließlich begann er, die ersten Worte zu sagen. Seine Genesung ging voran, in sehr langsamen Schritten, aber ein Horizont wurde endlich sichtbar. Im Frühjahr wurde eine weitere wichtige Operation an ihm durchgeführt, und die Rehabilitation hatte eine Phase erreicht, bei welcher Hayisraeli in das Haus seiner Eltern in Ofra überführt werden durfte, um dort, in familiärer Umgebung, weiter behandelt zu werden. Die täglichen Fahren der Familie ins Krankenhaus, die Übernachtungen in den Hotelzimmern und die andauernde Hospitalisierung durfte endlich zu ihrem Ende kommen, fast zwei Jahre hatte diese angedauert.

Um das Haus seiner Eltern behindertengerecht umgestalten zu können, müssten einige Dinge angepasst werden – eine

Haus der Familie Hayisraeli. Quelle: Channel 10
Haus der Familie Hayisraeli. Quelle: Channel 10

Einfahrtsrampe zum Haus, eine besonders eingerichtete Wohneinheit, ein Behindertenaufzug und anderes mehr. Da Ofra eine Siedlung ist, eine vom Staat seit Jahrzehnten anerkannte, aber ihre Bewohner – israelische Staatsbürger – dennoch zunächst einmal dem Militärgesetz in den Gebieten von Judäa und Samaria unterliegen, mussten für das neue Zimmer und die zusätzlichen Erweiterungen für den Sohn seitens der Familie über das Verteidigungsministerium beantragt werden.

Hier liegt Ofra.
Hier liegt Ofra.

Das Verteidigungsministerium, speziell die Abteilung für im Kampf verletzte und als körperlich oder geistig behindert eingestufte Soldaten, ist dafür verantwortlich, das Geld und die entsprechenden Anpassungen bereitzustellen, um dem betreffenden Soldaten ihm gerecht werdende und würdige Lebensumstände zu ermöglichen, welche eine weitere Rehabilitation fördern können. Nach knapp zwei Jahren Krankenhausaufenthalt und schwieriger Behandlungsprozesse, inklusive mehrerer schwerwiegender Operationen, ist Yehuda endlich soweit, ein Leben im Haus seiner Eltern neu aufnehmen zu können.

Aber dieses Recht scheint nicht für „Siedlersoldaten“ zu gelten. Denn das Verteidigungsministerium, trotz aller eingereichten Formulare und des geltenden Rechts für verletzte Soldaten, weigert sich, den Ausbau eines solchen Raumes sowie weiterer Bauanpassungen für Yehuda stattzugeben. Denn für die Siedlung Ofra gilt ein Baustopp. Es wird nicht gebaut. Auch keine Rampe, kein Behindertenaufzug, erst recht kein zusätzliches Zimmer. „Siedlungsbau ist eingefroren“, heißt dieser Zustand normalerweise in den regulären Berichten der deutschen und internationalen Medien. So lauten auch immer wieder die Forderungen sämtlicher internationaler Regierungen. Diese fragen niemals nach, wer von einer solchen „Einfrierung“ betroffen sein könnte, wem sie tatsächlich nutzen oder gar schaden könnte.

In diesem Fall betraf sie Yehuda. Darüber berichteten die Nachrichten des Channel 10 und 2 – und so besagt ein offizielles Schreiben des Verteidigungsministeriums vom 24.05.2016:

Offizielles Schreiben des Verteidigungsministeriums, 24.05.16. Quelle: Akiva Lamm
Offizielles Schreiben des Verteidigungsministeriums, 24.05.16. Quelle: Akiva Lamm

 

„An Yehuda Hayisraeli (über seine Vormünde):

Bezüglich der Anfrage um finanzielle Unterstützung für die Errichtung einer Wohneinheit nahe des Elternhauses: Es ist entschieden worden, dass es keinen Anlass gibt, zu dieser Zeit über die Anfrage zu entschceiden, solange es keine Baugenehmigung gibt, daher wird die Besprechung der Anfrage auf ein Weiteres verlegt, bis eine Baugenehmigung vorliegt.“

Seine Eltern erzählen, dass wenn Yehuda in seinem Rollstuhl in das Haus der Familie gebracht werden soll, beispielsweise an den Wochenenden, so wird er einige Dutzend Stufen hoch ins Haus getragen. Soll ihm Physiotherapie verabreicht werden, so erzählt Mutter Iris für Channel 10, so muss er per Kran angehoben und auf den Tisch gelegt werden:

„Wir verlangen keine Paläste, wir verlangen elementäre Zustände, die ihm seine Würde erhalten und eine Rehabilitation ermöglichen können.“

„Wenn der Staat nicht sorgt, werden wir es tun“

Am 02.Juni 2016 eröffnete die Organisation „My Israel“ die Spendenkampagne zugunsten der behindertengerechten Anpassungen für Yehuda, nach Absprache mit der Familie. Die Initiatorin – Vorsitzende der Organisation, Sara Ha’etzni-Cohen. Die Kampagne startete unter dem Motto – „Wenn der Staat nicht für Yehuda sorgt, werden wir es tun.“ Nach knapp zwei Tagen erreichte die gesammelte Summe über 600.000 Shekel. Der Gesamtanbau würde sich auf 1,2 Millionen belaufen. Sprachlos von dem Erfolg, erhöhten „My Israel“ die Zielsumme auf die eigentliche Kostenanzahl. Am 05.Juni belief sich die Spendensumme auf über 1 Million. Am 07.Juni erlange sie schon über 1,500,000 Shekel. Über 8200 Spender engagierten sich, aus allen Landesteilen, aus allen Landesgruppen.

Einige Tage zuvor, am 05.Juni, interviewten die Reporter des Channel 2 die Initatorin, fragten sie nach den Rückmeldungen der Spender und brachten erneut die Rückmeldung des Verteidigungsministeriums, die wie folgt lautete:

Rückmeldung des Verteidigungsministeriums, 05.06.16 (Quelle: Channel 2)
Rückmeldung des Verteidigungsministeriums, 05.06.16 (Quelle: Channel 2)

„Zu unserem Leidwesen erfüllt die Familie die notwendigen Kriterien, die eine solche [finanzielle] Unterstützung ermöglichen, auch unter Ausnahme des gültigen Rechts. Zudem hatte die Abteilung für Rehabilitation der Familie verschiedene Lösungsmöglichkeiten für die gestellte Anfrage vorgeschlagen. Das Verteidigungsministerium sucht weiterhin nach Lösungen zusammen mit der Familie, um die Rehabilitation von Yehuda zu unterstützen.“

Bauarbeiten am Haus. Quelle: My Israel (FB)
Bauarbeiten am Haus. Quelle: My Israel (FB)

Am selben Tag begannen die Arbeiten am neuen Raum und der Rampe für Yehuda in seinem Heimatort Ofra. Wie ein Familienangehöriger in einem Interview erklärte, „wir werden trotzdem bauen“. Technisch ließ sich dies allerdings erst nach der Spendenaktion ermöglichen. NRG berichtete über den Beginn der Bauarbeiten und zitierte die stellvertretende Außenministerin Tzipi Hotovely, welche sich darüber empörte, dass in keinem „ordentlich geführten Land ein Staat einen Soldaten, der für ihn gekämpft hat, zum Geldsammeln schickt, damit dieser in angemessenen Umständen nach Hause zurückkehren kann“. 

Man darf nicht vergessen, dass im Laufe des Monats Mai der damalige Verteidigungsminister Moshe Ya’alon sein Amt am 20.Mai aufkündigte. Am 30.Mai wurde der neue Minister, Avigdor Lieberman, welcher selbst in einer Siedlung, Nokdim (Gush Etzion) wohnhaft ist und für seinen rechtsorientierten politischen Kurs, allerdings auch für seine Launenhaftigkeit und politischen „Zigzag“ bekannt ist, vereidigt. Am 06.06. zitierte „My Israel“ den Tweet von Channel 2, der wiederum einen Tweet von Avigdor Lieberman selbst wiedergab:

Quelle: My Israel
Quelle: My Israel

„Das Verteidigungsministerium wird die Ausgaben für den Anpassungsbau von Yehuda Hayisraeli übernehmen.“

Ein weiteres Statement besagte, dass Verteidigungsminister Liebermann den Militärgouverneur von Judäa und Samaria angewiesen hatte, die Bauarbeiten an Hayisraelis Haus nicht zu unterbrechen.

Noch immer nichts

Nach diesen hoffnungsvollen Botschaften,  auf die Änderung eines Kurses seitens der Staatsorgane hindeuteten, erfolgte allerdings noch immer keine offizielle Wendung dieser an die Familie, geschweige denn eine finanzielle Unterstützung. Die Bauprozesse werden von den Spenden getragen, ebenso der Erwerb der Einrichtungen für die Physiotherapie. Eine Mitwirkung des Staates scheint nicht in Sicht.

Die Organisation „My Israel“ hat auf ihrer Facebookseite die neuesten Entwicklungen veröffentlicht und versichert, die gespendeten Gelder unter der Beaufsichtigung eines unabhängigen Gremiums entsprechend ihrem Zweck zu verwenden Bericht zu erstatten, und im Falle einer Finanzierung durch den Staat die Spender zu kontaktieren und ihr Einverständnis zur Verwendung einzuholen, oder aber die Summe zurückzuerstatten.

Yehuda Hayisraeli heute.  Quelle: Channel 10
Yehuda Hayisraeli heute.
Quelle: Channel 10

Die Familie hat darum gebeten, die Spenden einzustellen; noch immer sprachlos vom gewaltigen Einsatz der israelischen Öffentlichkeit für ihren Sohn, möchte sie jedoch von nun an das natürliche Recht verlangen, das Yehuda Hayisraeli zugesteht – angemessene Wohnverhältnisse für einen im Kampf lebensgefährlich verletzten israelischen Soldaten, einem israelischen Staatsbürger, dem Vater von zwei Kindern. Auch Yehuda selbst ist mittlerweile in der Lage, die Worte „Ich will nach Hause“ auszusprechen – mit Mühe, doch er kann das.

Aber die Frage bleibt – wenn das Haus umgebaut wird und Yehuda endlich einziehen darf , wird der israelische Staat ihm seine Rehabilitation legal ermöglichen können – oder wird Yehuda für den Staat Israel als „illegaler Siedler“ gelten?

 

 

 

(Quellen: Channel 2, NRG, Channel 10, Ynet, Israel Hayom)

 

Good news, bad news

Zeit für einige aktuelle Nachrichten aus der Welt der Siedler.


Ma’ale Adumim:
Quelle: INN
Quelle: INN

Etwa sieben Kilometer nordöstlich von Jerusalem liegt die Stadt Ma’ale Adumim, an der Autobahn 1 Richtung Totes Meer und Jordantal. Die Stadt existierte seit 1975 formell als Siedlung von 1975 bis 1991, im Jahr 1991 wurde ihr der Status einer Stadt verliehen. Die Anzahl der Einwohner (Stand: 2014) beträgt um die 38,000.  Bekannt ist Ma’ale Adumim für seine

Hier liegt Ma'ale Adumim
Hier liegt Ma’ale Adumim

Nähe zu Jerusalem und den regen Betrieb des Industriegebietes, in welchem bis vor Kurzem noch (2015) die berühmte Fabrik von „SodaStream“ gestanden hat, und u.a. durch internationalen Druck und Verleumdungskampagnen seitens der Boykottorganisation BDS ihren Sitz aus Ma’ale Adumim in den Negev verlegt hat.

Quelle: Maveze.co.il
Quelle: Maveze.co.il

Ma’ale Adumim ist im Bewusstsein der meisten Israelis, erst recht der Einwohner des Umkreises von Jerusalem, als eine Art entfernter Vorort der Hauptstadt verankert, ebenso wie die im Norden gelegene Siedlung Givat Ze’ev und der in Richtung Tel Aviv gelegene Ort Mevasseret Zion. Es ist ein beliebter Ort für Sparer, welche ihren Arbeitsplatz in Jerusalem haben, sich aber ein dauerhaftes Wohnen in der Hauptstadt nicht leisten können. Die Infrastruktur von Ma’ale Adumim ist vollständig entwickelt, neue Buslinien führen direkt in die Stadt und eine Fahrt dauert im Schnitt 15-20 Minuten. Das Klima von Ma’ale Adumim ist wärmer als in Jerusalem, liegt es doch am Rande der Judäischen Wüste und nur 450 Meter über dem Meeresspiegel. Die Bevölkerung der Stadt ist vielfältig, es handelt sich oftmals um Jerusalemer verschiedener Schichten, welche in die Stadt umgezogen sind, ein großer Prozentteil der Bevölkerung ist säkular.

Seit Längerem werden in der Knesset und der Gesellschaft Diskussionen darüber geführt, ob es nicht gerechtfertigt wäre, das Gebiet von Ma’ale Adumim als offiziellen Vorort von Jerusalem anzuerkennen und demnach zum Staatsgebiet von Israel zurechnen zu lassen – sprich, offiziell unter israelische Souveränität zu stellen. Als ersten Schritt sollte dafür das israelische Gesetz für die Einwohner der Stadt gültig gemacht werden – etwas, das auch in größeren Orten wie Ma’ale Adumim auf der anderen Seite der „Grünen Linie“ bisher nicht möglich ist, da sie wie andere Siedlungen in Judäa und Samaria unter dem Zivilgesetz im Rahmen der Militärverwaltung der Gebiete stehen. Dies bringt Benachteiligungen für die Bewohner von Ma’ale Adumim und anderen Orten mit sich, wie im Landerwerbs-, Bau- und Arbeitsrecht.  Diese Initiative unterstützen offen die Minister Ayelet Shaked und Naftali Bennett (Ha’aretz), welche allerdings rechtlich noch keine Annektierung bedeuten würde.

Während der Verhandlungen um die Erweiterung der Koalition mit der Einsetzung von früherem Außenminister Avigdor Liebermann als neuen Verteidigungsminister wurde ein neuer Gesetzesentwurf innerhalb der „Land Israel“-Lobby der Knesset unter der Leitung von Knessetabgeordnetem Yoav Kisch (Likud) und Betzalel Smotritch (Habait Hyehudi) ausgearbeitet und pünktlich zur Vereidigung Liebermanns vorgestellt: die vollständige Eingliederung von Ma’ale Adumim in die offiziellen Grenzen des Staates Israel. Beide Knessetabgeordnete erklärten vor laufenden Kameras, diesen Gesetzesentwurf im Laufe der Sommerzeitperiode der Knesset voranbringen zu wollen, auch im Angesicht der neuesten Erklärungen von Premierminister Netanyahu und Liebermann nach seiner Vereidigung, einem Teilungsplan und der Errichtung eines palästinensischen Staates zustimmen zu wollen. Laut einer Umfrage, welche im Auftrag der Lobby durchgeführt worden war, zeigten die Ergebnisse, dass 78% der israelischen Bevölkerung einer Eingliederung von Ma’ale Adumim zustimmen würden, ganze 88% würden sich die Gültigkeit des israelischen Gesetzes für die Einwohner der Stadt wünschen.

(Quellen: Walla!, Knesset Channel, INN, Channel 20, Srugim)


Amona:
Quelle: INN
Quelle: INN

Die Siedlung Amona wurde im Jahr 1995 neben einer archäologischen Stätte und nach dem Aufbau eines archäologischen Campus vor Ort gegründet. Es liegt auf den Bergen überhalb der Siedlung Ofra (etwa 20 Minuten-halbe Stunde nördlich von Jerusalem) auf etwa 940 Metern Höhe. Heute leben in der Siedlung 40 Familien, teils in Wohncontainern, teils in festern Häusern. Die Siedlung ist über die Verbindungsstraße von Ofra aus zu erreichen.

Die Familie Nazri aus Amona, NRG
Die Familie Nazri aus Amona, NRG

Im Laufe der Jahre ab 2000 begannen die Schwierigkeiten für die Bewohner von Amona, als verschiedene links ausgerichtete anti-Siedlungs-Organisationen und Aktivisten, allen voran „Peace Now“, gegen einzelne Häuser und die Erweiterung der Siedlung Anträge bei dem Obersten Gerichtshof einlegten. Staatliche Institutionen begannen mit der Prüfung der Bautätigkeiten und befanden diese für illegal, stoppten daher mehrfach Bauerweiterungen, was allerdings die Bewohner nicht davon abhielt, weitere Häuser zu bauen und zu besiedeln. Weitere Anträge seitens der Organisationen beinhalteten Forderungen einzelner palästinensischer Araber, welche behaupteten, Teile der Siedlung würden auf Privatland erbaut worden sein. Der Oberste Gerichtshof befasste sich mit Amona über die Jahre hinweg bis 2005, wobei die Verwaltung Amonas sich mehrfach gegen die Anträge wandte und ihrerseits behauptete, das Gebiet sei rechtlich erworben, nur würde die offizielle Einschreibung der Ländereien als Prozedur nicht korrekt erfolgt sein. Im Zuge der Ausarbeitung des Abzugsplans aus dem Gazastreifen in 2004 und 2005 legte der Oberste Gerichtshof fest, die betroffenen Häuser nicht vor dem Abzug zu zerstören. Bis Januar 2006 wurde über einen Abriss bzw. andere Lösungen und die Anträge der Organisationen verhandelt, schließlich wurde die Räumung und Zerstörung von 9 Häusern im nachfolgenden Monat durchgeführt.

Quelle: Natan Dvir
Quelle: Natan Dvir

Der Widerstand gegen die Räumung der Häuser im Februar 2006 ließ sich im Bewusstsein der jüdischen Gemeinschaft von Judäa und Samaria als ein Trauma nieder und auch im Rest Israels erntete die Vorgehensweise der Räumungskräfte, allen voran der Spezialkräfte der israelischen Polizei, vielfache Kritik. Am Räumungstag waren tausende Demonstranten, Männer und Frauen, darunter zahlreiche Jugendliche, vor Ort, verbarrikadierten sich in den Häusern und auf den Dächern und füllten die Fläche. Zur Räumung wurden ebenso mehrere Tausend Polizisten ausgesandt, welche, auf Pferden und

Quelle: NRG
Quelle: NRG

mit Schlagstöcken bewaffnet, gegen die aufgebrachte Menge vorgingen. Der Widerstand war gewalttätig; brennende Reifen wurden als Barrikaden genutzt, Steinblöcke gegen die Einheiten geworfen. Ebenso waren es die Reaktionen der Polizisten. Demonstranten wurden mit Schlagstöcken verprügelt, Pferde ritten über zu Boden geworfene Jugendliche hinweg, Frauen und junge Mädchen wurden mit Gewalt

Quelle: AP
Quelle: AP

angegriffen. Mehrere Demonstranten erlitten Schädelbrüche und blutige Verletzungen. Bilder blutender Verletzter füllten die Presse. Die Räumung von Amona fand nur ein halbes Jahr nach der Zerstörung von Gush Katif im Sommer

Quelle: oferikodotcom
Quelle: oferikodotcom

2005 statt und riss die tiefen Wunden, die diese Räumungen innerhalb der nationalreligiösen Gesellschaft hinterließen, erneut auf.

 

Seit 2006 wurden weitere Anträge seitens der Organisationen wie „Yesh Din“ gestellt mit der Forderung, ganz Amona abzureissen, erneut mit der Behauptung, diese wäre auf Privatland gebaut worden. Dasselbe sollte, so Vertreter dieser Organisationen, für über 2000 weitere Häuser im Großraum Judäa und Samaria gelten und man würde alle Bemühungen anstellen, um auch deren Abriss zu erwirken.  Die Verwaltung von Amona legte Dokumente vor, welche den Landkauf beschrieben und zu erklären versuchten, weshalb die Kaufprozedur nicht abgeschlossen worden war. 2014 schließlich erließ der Oberste Gerichtshof einen Beschluss, in welchem ein Abriss der gesamten Siedlung bis Ende 2016 durchzuführen sei. Der Abriss würde nur durch einen gesetzlichen Beschluss der Regierung aufgehalten werden können.

Zwei Jahre lang versuchen die Bewohner von Amona, diesen Abriss zu verhindern und fordern eine Legalisierung der Siedlung durch die Regierung mithilfe gerichtlicher Entscheidungen im Bezug auf das betreffende Gebiet. Diese Bemühungen wurden ab 2016 verstärkt. Bisher haben diese nicht zu einem positiven Ergebnis geführt und der Abrisstermin steht auf Dezember 2016 fest. Einige Knessetabgeordnete, so auch die Vorsitzende der „Habait Hayehudi“-Fraktion Shuli Mu’allem-Refaeli, unterstützen den Widerstand gegen den Abriss von Amona. Mu’allem-Refaeli fordert eine gerichtliche Legalisierung der Siedlung und weiterer Häuser, welche, so sie in einem Interview, auf der Zielscheibe linksextremistischer Organisationen stünden. Dokumente, welche der Nachrichtenagentur Walla! zugekommen waren, würden auch die finanzielle Mitwirkung der Regierung bei der Entwicklung von Amona im Laufe des neuen Milleniums nachweisen. Darauf beruft sich auch der Widerstand der Bewohner von Amona – die Regierung würde nach jahrelanger Unterstützung und Ausbau der Siedlungen einen Abriss verlangen, hätte allerdings bei dem Aufbau und der Entwicklung sich nicht die Mühe gemacht, den rechtlichen Status der Gebiete zu überprüfen und die Besiedlung dieser erlaubt. Dass der Staat nun den Abriss ganzer Ortschaften verlange, wäre nicht zu akzeptieren.

Auch zahlreiche Rabbiner, darunter Vorstände der modern-orthodoxen Organisationen wie „Beit Hillel“ und „Tzohar“, unterschrieben eine Forderung an die Regierung, die Siedlung Amona nicht zu zerstören, sondern eine gerichtliche Lösung für die Weiterbestehung der Ortschaft zu finden. Rabbiner Ya’ir Frank ließ in einem Interview von Israel National News verlauten, seine Hoffnungen würden dem neuen Verteidigungsminister Avigdor Liebermann gelten, welcher schon „in der Vergangenheit“ bewiesen habe, dass seine Partei „Israel Beitenu“ komplizierte Vorgänge innerhalb der Gesetzesgebung der Knesset vorantreiben könne. „Es gibt keine Begründung, 40 Familien mit Kindern aus ihren Häusern herauszuzerren, es widerspricht jeder Logik“, sagte er.

Familie Shaag aus Amona, NRG
Familie Shaag aus Amona, NRG

Innerhalb der Gemeinde selbst, so laut einem Interview von Bewohnern Amonas, seien die Meinungen zwar geteilt, allerdings sei eine große Anzahl der Bewohner für einen kompromisslosen Protest gegen die Zerstörung und mögliche Übersiedlung von Amona auf eine andere Gebietsfläche – eine Möglichkeit, welche dem Verwaltungsrat von Judäa und Samaria und Amona seitens Regierungsstellen vorgeschlagen worden war.

„Es stimmt, eine Übersiedlungslösung könnte uns einen Wohnraum in einer bequemeren Gegend verschaffen, aber wir weigern uns, diese Lösung anzunehmen; nicht nur, weil wir uns mit diesem Ort verbunden fühlen, sondern auch, weil wir uns aus der Räumung heraus entstehenden Konsequenzen bewusst sind“,

erklärte auch Rabbiner Frank (INN).

Tali Lahav, eine Einwohnerin von Amona und Erzieherin von Beruf, kommentierte die Ereignisse so (INN):

„Es handelt sich hierbei nicht um irgendeinen verlassenen Hügel. Wir sind ein ganz normaler Ort, in dem gesetzestreue Bürger wohnen, die ihr Leben in Ruhe leben wollen. Es ist uns klar, dass dieses Gebiet nicht in arabische Hände übergehen wird. Es ist ein strategisch wichtiger Punkt, es schaut über Ofra hinaus bis zum Ba’al Hatzor-Gebirge. (…) Es liegen hier 9 Gebäude in Ruinen (nach ihrem Abriss in 2006, pers.Anm.) und die Siedlung wurde um sie herum weitergebaut worden. Kein Araber hat das Gebiet übergeben bekommen und kein Araber will diesen Platz in Wirklichkeit. Es ist Zerstörung um der Zerstörung willen.“

(Quellen: INN, Walla!, NRG, Wikipedia)

 

Spieglein, Spieglein – darf man das?

Zuerst leicht veraendert erschienen in der Ausgabe 05/2016 der Juedischen Rundschau.


Der SPIEGEL, Deutschlands populärstes Israel-verabscheuendes Magazin, braucht eigentlich keine Bilder, um die Absichten seiner Autoren zu unterstreichen. Seine Texte tun es bestens. Während beispielsweise die linksradikale Boulevardzeitung taz  nicht ganz für voll genommen werden kann, und die SZ und die FAZ  wenigstens noch versuchen den Anschein von Professionalität zu wahren, so fühlen sich der SPIEGEL und seine Ausgeburten wie „bento“ oder „Unispiegel“ in der deutschen Medienlandschaft selbstbewusst genug, um Israel mithilfe ihrer Autoren ihre Texte ungestraft um die Ohren zu hauen. Denn die Aufgabe des SPIEGELS in Bezug auf den jüdischen Staat besteht schon viele Jahre lange darin, abstoßende Ekel-Reflexe zu erzielen. Ein verfaulter Brei aus Verleumdungen und Halbwahrheiten wirkt als giftige Injektion einer emotional verseuchten Einschätzung des jüdischen Staates. Der SPIEGEL pfeift auf jegliches journalistisches Gewissen, und auf die Objektivität gleich mit.

Die UniSpiegel Ausgabe mit dem betroffenen Artikel. Ausgabe 02/2016
Die UniSpiegel Ausgabe mit dem betroffenen Artikel. Ausgabe 02/2016

Der aktuelle Stoff, der mir unter die Finger gekommen ist, behandelt das Thema „Ferien in Krisengebieten – Urlaub mitten im Nahostkonflikt“, er wurde von David Donschen verfasst und am 27. April 2016 auf der SPIEGEL-Webseite veröffentlicht. Das „Besondere“ daran: Das Kunstwerk ist bebildert. Illustriert von Philipp Lemm – zum besseren Verständnis für Leser, die schwer von Begriff zu sein scheinen. Es ist nämlich offiziell in der Mai-Ausgabe des Magazins „UNISPIEGEL“ abgedruckt worden; der „UNISPIEGEL“ ist für junge Leute gedacht, junge Leute sind der Ansicht der Redaktion nach schwer von Begriff – Idioten, auf gut deutsch, und die sollen die ihnen vorgelegte Idiotie auch noch mit Bilderchen im Comic-Format verziert bekommen, damit das Schlucken einfacher fällt. Die Portion wird ihnen auch noch kostenlos in den Mund gesteckt, denn der „UNISPIEGEL“ wird an den meisten Hochschulen kostenlos ausgelegt. Und die jungen Leute beeilen sich offenbar nicht, aus der Kategorie „leicht zu fütternderIdioten“ auszubrechen und man darf annehmen, dass sie in diesem Fall ganz bequem das schlucken werden, was man ihnen bebildert vorkaut.

Neugierig geworden? Dann los, lasst uns, nach Originalwortlaut des Textes, „die Hände schmutzig machen“ und das kostenlose Drecksstück auseinander nehmen.


Zunächst eine Frage: Welcher von den drei gezeichneten Personen ist der jüdische Siedler?

Illustration: Philipp Lemm
Illustration: Philipp Lemm
Illustration: Philipp Lemm
Illustration: Philipp Lemm
Illustration: Philipp Lemm
Illustration: Philipp Lemm

Nicht erraten? Es sind die zwei, die euch besonders unangenehm anstarren. Es ist nicht der nette bebrillte Junge im mittleren Bild. Der nette bebrillte Junge auf den Bildern heißt Eric und ist die Hauptfigur im Text. Er kommt aus den USA und mag Öko-Tourismus und Biofarmen. Um eine solche kennenzulernen, fährt er zu einer Dattelfarm im Jordantal, welche an der israelisch-jordanischen Grenze liegt, und arbeitet dort einige Tage zusammen mit einem Einheimischen auf seiner Dattelfarm. Sonne, Palmen, Datteln, Handarbeit. Hört sich soweit gut an und ist nicht schwer zu verstehen.

Bei meiner simplen Zusammenfassung tauchen aber schnell die ersten Probleme auf. Problem Nummer Eins: Einheimischer. Schön und gut, der amerikanische Tourist kommt zu einem Ortsansässigen, aber der Ortsansässige heißt nicht Achmed, Machmud oder Ra‘ed. Dann würde er nämlich ein ganz normaler Anwohner sein. Aber Eric arbeitet bei jemandem, der anders heißt:

Er…hebt gemeinsam mit dem israelischen Siedler Eyal einen Graben aus.

Eyal ist ein jüdisch-hebräischer Name. Daher ist die Identität des „Einheimischen“ oder „Anwohner“ problematisch, denn es gilt: jüdische „Einheimische“ gibt es nicht im Westjordanland. Juden gibt es dort nur als Soldaten, oder Siedler. Daher mag Eyal dort vielleicht wohnen, aber ist kein Einheimischer, diesen Status verdient er nicht. Er ist Siedler. Das ist schon eine ganz andere Kategorie von Mensch.

Problem Nummer Zwei: Seine Dattelfarm. Eyal ist zwar zugegeben einer ihrer Betreiber, aber hier ist der Haken: Siedler können keine Dattelfarmen haben, die ihnen gehören. Denn das Land, auf dem sie wohnen siedeln, kann ihres nicht sein. Sie mögen es persönlich gekauft haben, es mag niemandem zuvor gehört haben, es kann leer und steinig und unbebaut jahrzehntelang herumgelegen haben, sie mögen alle Nachweise dafür besitzen, dass dieses Land nach allen Rechten ihr Privatland ist und darauf Produkte kultivieren wollen – egal. Siedler sind per definitionem Landräuber. Denn es gibt keine „freilebenden“ Juden im Westjordanland. Juden sind Landräuber, entweder in Gestalt von Soldaten oder von Siedlern. Sie können kein Land besitzen. Erst recht keine Farm.

Eric ist ein netter Mensch. Er sieht nett aus, kommt, um Urlaub zu machen und hat auch nette Ansichten, die der SPIEGEL auch direkt dem Leser mitteilt, um Eric nicht allzu schlechtzumachen:

„In einer perfekten Welt gäbe es eine Zweistaatenlösung. Manche Leute sagen, die Juden hätten Anspruch auf das Westjordanland, weil Gott es ihnen gegeben hat“, meint Eric. Er halte aber eher zu den Palästinensern. „Die sind die Underdogs.“

Aber dennoch hilft Eric seine Haltung nicht. Denn er ist einer der Menschen, die der SPIEGEL in diesem Text eigentlich geißeln will: Er ist ein Kollaborateur, er macht gemeinsame Sache mit dem Siedler, denn er macht „Urlaub mitten im Nahostkonflikt“, und hier stellt das deutsche Magazin endlich die alles entscheidende Frage: Darf man das eigentlich?

„Darf man das eigentlich – hier Arbeitsurlaub machen? Oder facht man damit einen Konflikt an, der seit Jahrzehnten die Welt in Atem hält? Wie viel Verantwortung trägt ein Tourist?“

Spieglein, Spieglein an der Wand, darf man das eigentlich? Sich auf jüdischen Farmen die Hände schmutzig machen, darf man das eigentlich? Hinter Zäunen arbeiten, die Juden vor den Angriffen ihrer Nachbarn schützen, darf man das eigentlich? Menschen besuchen, die zu Illegalen erklärt wurden, darf man das eigentlich?

„Die Farm…steht mitten in einer Krisenregion und wird von israelischen Siedlern betrieben, die unter anderem nach Ansicht der deutschen Bundesregierung gegen internationales Recht verstoßen. Auch die EU erkennt das Westjordanland nicht als Teil Israels an – und hat Ende 2015 sogar eine Kennzeichnungspflicht für Produkte aus israelischen Siedlungen beschlossen.“

Als 1917 der britische Außenminister Lord Arthur Balfour in einer offiziellen, amtlichen Erklärung mitteilte, der jüdischen Bevölkerung der osmanischen Provinz und dem zukünftigen britischen Mandatsgebiet Palästina ein „nationales Heim“ zuzugestehen, da setzte er die Grenzlinien für dieses Heim nicht an

UniSpiegel, Ausgabe 2/2016
UniSpiegel, Ausgabe 2/2016

der heutigen Grünen Linie. Als das Wort „Westbank/Westjordanland“ zum ersten Mal von den Briten verwendet worden war, betraf es das gesamte Gebiet links vom Jordanfluss bis zum Mittelmeer. Und als die NSDAP unter der Führung von Adolf Hitler in den 30er Jahren den Slogan „Juden raus! Auf nach Palästina!“ unter die Leute brachten, hätte niemand im Traum daran gedacht, dass ihre Nachkommen 70 Jahre später die Juden zu einem „raus aus Palästina“ auffordern würden.

“WWOOF steht für ‘Worldwide Opportunities on Organic Farms’. Nur Biobauernhöfe dürfen hier inserieren. Auf der Webseite ist die Rede von „kulturellen Lernerfahrungen“ und dem „Aufbau einer nachhaltigen, globalen Gemeinschaft“. Die politischen Umstände, unter denen die Biofrüchte gedeihen, scheinen Betreiber und Urlauber weniger zu interessieren.“

Hunderte von Deutschen, Franzosen, Schweden, Amerikanern, Briten und anderen engagieren sich Jahr für Jahr auf „palästinensischen“ Farmen, Feldern, in „palästinensischen“ Schulen mit dem Hass-Curriculum der PA über Projekte wie Karama, UNRWA, Oxford Center, Volunteers for Peace, um dort „kulturelle Lernerfahrungen“ zu sammeln, nehmen an gewalttätigen Auseinandersetzungen und illegalen Aktivitäten teil als Teilnehmer von Programmen wie „Palestine Solidarity Project“ oder TIPH, offenbar um den „Aufbau einer nachhaltigen, globalen Gemeinschaft“ zu fördern und das im vollen Bewusstsein der „politischen Umstände“ und ihrer Auswirkungen. Dann kommt aber ein US-Amerikaner, Eric, und bei der Wahl seines Urlaubsziels

ist ihm Politik weitestgehend egal.

Hier könnte man aufatmen und sagen „Endlich, da will einer nur friedlich pflanzen!“, doch gerade den politisch desinteressierten Eric nimmt der SPIEGEL ins Visier. Und da er den naiven Kerl nicht als Radikalen oder Fundamentalisten darstellen kann, so verwandelt das Magazin ihn in einen Kolloborateur:

„Die Freiwilligen auf der Siedlerfarm sind aber nicht nur stille Beobachter. Sie gehen den Siedlern zur Hand und legitimieren damit eine Besatzung, die die EU verurteilt.“

Leider hat niemand das Spieglein gefragt, daher übernehme ich die Drecksarbeit und frage: Die EU, die die Besatzung verurteilt, investiert auf einem in internationalen Abkommen Israel zugesprochenem Land in illegale Gebäude, Strukturen und Aktivitäten. Darf die EU das eigentlich? Verurteilen, für illegal erklären und illegal investieren? Aber gehen wir zurück zu Eyal, denn dieser bekommt ordentlich sein Fett weg, nicht nur der naive Eric:

„…seit Israel das Westjordanland 1967 im Sechstagekrieg besetzt hat, ist das Gebiet um den Jordan militärische Sperrzone. Die gut gesicherte Grenze sollte vor dem Einmarsch feindlicher Truppen schützen. Und die, die von jeher im Grenzgebiet wohnten, mussten nach und nach weichen. Ende der Sechzigerjahre wurden Hunderte palästinensische Familien von der israelischen Armee vertrieben. Danach hatten nur noch israelische Soldaten Zutritt. Erst 20 Jahre später erlaubte die Armee israelischen Siedlern schließlich, sich in den fruchtbaren Gebieten am Fluss niederzulassen. Dort, wo einst Palästinenser Obst und Gemüse angebaut hatten, wachsen nun Datteln ‚made in Israel‘.“

Im Jordantal rund um die Autobahn 90, zwischen der Bet ha Arava-Kreuzung und bis zu den Wassereservoirs des Kibbutz Tirat Zwi hinter der Grünen Grenze befinden sich mindestens 10 große und kleine „palästinensische“ Ortschaften, die über 20.000 Einwohner starke Stadt Jericho nicht mit eingerechnet. Zwischen 1948 und

Mit Sprechblasen zum besseren Verstaendnis versehen. "Ferien im Krisengebiet"
Mit Sprechblasen zum besseren Verstaendnis versehen. „Ferien im Krisengebiet“

1967 herrschte Jordanien über dieses Gebiet sowie über ganz Judäa und Samaria (= Westjordanland), und siedelte dort viele der „Palästinenser“ an, die infolge des Unabhängigkeitskrieges nach Jordanien geflohen waren. 1967, als das Gebiet durch die israelische Armee von der jordanischen Herrschaft befreit worden war, floh ein Großteil dieser, „palästinensischen“ Siedler, zurück nach Jordanien. Dennoch bestehen in diesem Gebiet arabische Ortschaften. Daneben befinden sich 22 dünnbesiedelte jüdische Gemeinden und die Plantagen an der Grenze zu Jordanien. Nach den Oslo-Abkommen 1994 gehört der Großteil des bewohnbaren Jordantals zum C-Gebiet, also verwaltet durch israelisches Militär und die Zivilbehörde. Die Stadt Jericho unterliegt der vollständigen Autonomie der PA und ihr Betreten ist für Israelis verboten.

Finden all diese Nuancen ihren Platz im Text von David Donschen? Unnötig zu fragen – für „UNISPIEGEL“ muss man sich keine Mühe mit historischen Fakten geben. Ominöse Andeutungen und Behauptungen reichen:

„Eine Gruppe Palästinenser rief kürzlich das höchste israelische Gericht an. Sie beklagen, dass ihnen der Zutritt zu ihrem Privatbesitz verwehrt wird – und stattdessen israelische Siedler auf ihrem Land Farmen betreiben. Die Entscheidung des Gerichts steht noch aus.“

Um welche Gruppe, um welchen Privatbesitz, welches Land und welche Farmen handelt es sich dabei? Richtig, Rückfragen gelten nicht beim Spieglein an der Wand. Eyal ist ein verbohrter jüdischer Siedler:

„Freiwillig hergeben wird Eyal seine Dattelbäume nicht. Die Farm soll sogar weiter wachsen.“

Deshalb ist jede Unterredung mit Eyal fehl am Platz, selbst wenn man ihn noch so nett bitten würde, seine Farm doch gefälligst abzubauen, auch wenn das höchste israelische Gericht noch gar nicht entschieden hat – Eyal wird nicht nachgeben, denn

für Eyal stellt sich die Frage nach dem rechtmäßigen Besitzer erst gar nicht.

Des SPIEGELs Aufgabe ist es, als mutiges Magazin die korrekten Antworten herauszufinden und zu liefern. „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der rechtmäßige Besitzer im ganzen Land?“ Ach, hätten doch Lord Balfour, die UN-Vollversammlung, Mosche Dayan, Bill Clinton, Jitzak Rabin und Benjamin Netanjahu so ein Spieglein bei sich zuhause hängen, es hätte ihnen schon längst alle wichtigen Antwort geliefert. Man hätte sich Arafat, Nasrallah, Ahmadinedschad und Haniyeh sparen können. Der SPIEGEL weiß das schon seit Langem, man muss ihn nur fragen.

Aber Eyal stellt keine Fragen, insbesondere nicht an den SPIEGEL, und bei so viel Verbohrtheit kann das Spieglein gar nicht anders und erklärt ihn für illegal (im ganzen Land?).

Obwohl Eyal von Gott und dem Erbe des jüdischen Volkes spricht, ist er kein religiöser Fundamentalist. Anstelle einer Kippa, dem Erkennungszeichen religiöser Juden, trägt er ein Basecap mit dem Logo eines Traktorherstellers.

Darf man das eigentlich, von Gott und dem Erbe des jüdischen Volkes sprechen? Denn dann ist man doch ein religiöser Fundamentalist!

Der SPIEGEL kann aber auch verständnisvoll sein. Er versteht beispielsweise, dass die Siedler auf ihrer Farm nervös sind; denn im Jahr 2002, so schreibt David Donschen,

stürmte ein bewaffneter „Palästinenser“ in die Siedlung und tötete einen Soldaten, eine Frau und ihre elfjährige Tochter.

Dennoch ist der Zaun um die Siedlung herum, bei welcher drei Menschen durch ein „palästinensisches“ Attentat aus heiterem Himmel ermordet worden sind, „abschreckend“:

„Von Eyals Veranda aus blickt man auf den abschreckenden Zaun, der die Siedlung umschließt.“

Und auch:

„…erheben auch die Palästinenser Anspruch auf die Fläche, auf der Eyals Dattelpalmen stehen. Doch ein vier Meter hoher Zaun versperrt ihnen den Weg.“

Ich zu meinem Teil als praktisch denkender Leser würde es sehr positiv finden, dass ein Ort, deren Bewohner und Bewohnerinnen von Attentätern bedroht sind, einen Zaun um sich hat, der potenzielle Attentäter abschrecken kann und diesen bei ihren Plänen den Weg versperrt. Aber für den SPIEGEL ist der Gedanke an die eigene Sicherheit eine egozentrische und verpönte Weltsicht:

„Die Touristen auf Eyals Farm scheint der ewig schwelende Konflikt höchstens dann zu interessieren, wenn sie sich Sorgen um ihre eigene Sicherheit machen.“

Dass die Einwohner selbst unter den Konsequenzen dieser Sorgen zu leiden haben, findet beim SPIEGEL nicht etwa eine Legitimierung, es findet nicht einmal Erwähnung. Denn wenn laut David Donschen Palästinenser „Anspruch auf die Fläche erheben“ und sie ein „vier Meter hoher“ Zaun von ihren gefühlten Ansprüchen trennt, dann kann man auch schon mal ausrasten, bewaffnet in die Siedlung stürzen und jemanden umlegen. Ein Zaun schreckt dabei nur ab, versperrt den Weg und stört bei der Ausführung der gerechtfertigten Tat. Darf man das eigentlich, unschuldige bewaffnete „Palästinenser“ bei ihrem Vorhaben behindern?

„Während die Weltgemeinschaft darüber berät, ob die Siedlungen nun legal oder illegal sind, schafft Eyal Fakten.“

Hier hat Eyal entgültig sein Existenzrecht verspielt. Denn Eyal schafft Fakten, ohne vorher nachzufragen, ob er das eigentlich darf. Er fragt nicht die Weltgemeinschaft, die EU, und was noch wesentlich schlimmer ist – er fragt nicht mal den SPIEGEL!

Um diese Farm geht es: Farm 298 in Hamra. Als Region wird "West Bank - Jordan Rifr Valley" verzeichnet.
Um diese Farm geht es: Farm 298 in Hamra. Als Region wird „West Bank – Jordan Rift Valley“ verzeichnet, sie wird aber unter WWOOF Israel gezaehlt.

„Inzwischen steht Eyals Farm auf WWOOF und anderen Freiwilligen-Plattformen wieder zur Auswahl, und er empfängt wieder zahlreiche Freiwillige, die anschließend Bewertungen auf dem Onlineportal hinterlassen. So wie Katleen aus Deutschland. Sie schreibt: ‚Es wird dir gefallen, wenn du kein Problem damit hast, dir die Hände schmutzig zu machen‘.“

Gut gebrüllt, Katleen. Genauso wie ein jeder, der kein Problem damit hat, sich die Hände schmutzig zu machen, wenn er sich diesen Text zu Gemüte führen will.

Jetzt würde ich mich am Liebsten fragen wollen, „darf der SPIEGEL das alles eigentlich?“ Aber ich fürchte, das Spieglein an der Wand wird meine Frage nicht besonders mögen. Daher nehme ich das Risiko nicht auf mich und beantworte mir die Frage selbst.

20.Sächsische Israelkonferenz – ein Rückblick

Am Sonntag, dem 22.05.16, ist meine viertägige, lange eingeplante und gutes Gewissens als Kurzurlaub einstufbare Sachsenreise zu Ende gegangen. Gleichzeitig fand auch die 20.Israelkonferenz der Sächsischen Israelfreunde e.V. ihr Ende, mit einer abschließenden

"Warum toben die Heiden?" (Psalm 2,1) Logo der Israelkonferenz. Wer wissen will, warum sie toben - einfach Psalm durchlesen.
„Warum toben die Heiden?“ (Psalm 2,1) Logo der Israelkonferenz. Wer wissen will, warum sie toben – einfach Psalm durchlesen.

Veranstaltung in der Sachsenlandhalle Glauchau, welche für diese Zwecke für 3 Tage gemietet worden war. Am letzten Tag kamen auch israelische offizielle Gäste der israelischen Botschaft in Berlin zum Event, aber diese musste ich leider vepassen – da saß ich schon im Flugzeug Richtung Heim, Richtung Israel, Richtung Judäa und meinen Wohncontainer auf dem Hügel.

Dem berühmten Wohncontainer, den mittlerweile schon dutzende Menschen besucht und wohl Hunderte über ihn erzählt bekommen haben müssten, ist es zu verdanken, dass ich nach Sachsen gelangen konnte, für ein Wochenende Ende Mai, und die Gelegenheit bekommen habe, christliche Gemeinschaften kennenzulernen, die ich bisher nie gekannt habe. Nicht in Deutschland und nicht anderswo. Und das war für mich eine hochspannende Erfahrung. Spannend, weil es neugierig gemacht hat, weil es mir neues Verständnis über Menschen und ihre Wertvorstellungen gegeben hat, weil es mir eine andere Perspektive über einen Teil Deutschlands ermöglicht hat – und auch weil das

Foto: W.H.
Foto: W.H.

Treffen ein nutzenswertes Potenzial in sich barg und birgt. Ich dürfte mittlerweile auch für die Leser meines Blogs als ein relativ offener, zumindest aber wagemutiger und neugieriger Mensch bekannt sein, und deshalb sollte es niemanden überraschen, dass ich mich auf eine religiöse, christliche Konferenz gewagt und dort gar einen Vortrag gehalten habe, als orthodoxe Jüdin. Und das auch noch am Shabbat*.


Worum es ging

Zunächst zur Konferenz. Veranstaltet wurde sie schon zum 20. Mal 20160520_181519.jpgvon dem Verein der Sächsischen Israelfreunde (gegründet in Dezember 1999). Der Verein versteht sich als proisraelisch, lehnt Judenmission gemäß Satzung und Verordnung ab; seine Mitglieder kommen aus verschiedenen christlichen Strömungen. Die Zentrale

Stand der Sächs. Israelfreunde
Stand der Sächs. Israelfreunde

befindet sich in Schönborn (Sachsen). Der Verein unterstützt israelische Aktivitäten, vermittelt ein positives Bild des Staates Israel, fördert Interesse am jüdischen Volk und Brauchtum, bestärkt den Bezug von Christen zu den jüdischen Heiligen Schriften neben  dem christlichen Neuen Testament und veranstaltet auch Reisen nach Israel, nämlich über den stellvertretenden Vorsitzenden und Reiseleiter Werner Hartstock

Werner Hartstock (links).
Werner Hartstock (links).

(israelreise.de). Er ist es, der mich durch meinen Blog irgendwann vor etwa einem Jahr „aufgetrieben“ hat und mir eine Zusammenarbeit vorschlug. Seitdem haben sich einige Reisegruppen bei mir gemeldet und sind zu meinen Führungen in Alon Shevut gekommen, und so entstand auch die Idee für meinen Vortrag bei der Konferenz.

Die Konferenz, zu welcher verschiedene weitere christliche und pro-israelische Organisationen und Vereine eingeladen wurden (unter anderem auch der Jüdische Nationalfonds KKL), fand zum zweiten Mal in der Großen Kreisstadt Glauchau statt, davor in den Jahren 2004 und 2006. (Glauchau ist ein sehr netter und freundlicher 20160522_060826Ort mit einem gemütlichen Landhotel, mehreren kleinen Wäldchen, vielen Wiesen und Kleinvieh und von der Gesamtfläche ist es sicherlich 20160522_060223um einiges größer als Alon Shevut. Dabei ist es bei weitem keine „Große Kreisstadt“, erst recht nicht nach deutschen Maßstäben. Man erklärte mir dazu, das liege an den vergleichsweise großen Fördermitteln, welcheWhatsApp-Image-20160522 (13) Glauchau bekommen würde.) Ansonsten hatte die Konferenz schon einige Orte und Gemeinden erreicht, es würden sich einige Organisationen immer wieder dazugesellen. Das Publikum, so

Leuchterausstellung vor der Bühne
Leuchterausstellung vor der Bühne

Werner Hartstock, der mich während dieser Zeit  unter seine „Fittiche“ genommen hatte, sei aber oftmals schon bekannt und käme zur Konferenz wie zu einem Familientreffen. Tatsächlich waren in den drei Tagen alle Altergruppen vertreten, von Kleinkindern bis zu Älteren. Ein Familientreffen ist natürlich auch nichts schlechtes, es bestärkt, fördert einen Zusammenhalt, Zusammenarbeit und ermöglicht es auch, sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten, was beim Thema Israel unbedingt notwendig ist, bei der Dynamik, mit welcher sich die Dinge im und ums Land verändern. Aber natürlich sollten sich auch junge Leute mehr zeigen und sich informieren, und  daran sollte man noch arbeiten. Ich habe mich eher überraschen lassen von der Anzahl der jungen Menschen (dazu gehören auch Mittvierziger), die zur Konferenz und auch zu meinem Vortrag gekommen waren. Sie hatten nicht ausgesehen, als fühlten sie sich fehl am Platz; im Gegenteil, sowohl beim musikalischen Teil des

Ensemble Route 77.
Ensemble Route 77.

Programms (u.a. der Gospelchor Voice Point und das Ensemble Route 77, die mit einer jungen Besetzung aufgetreten sind) als auch bei den Vorträgen  und Gebeten waren sie rege dabei.

Die Organisationen und Werke, welche sich mit ihren Ständen auf der Konferenz vorstellten, hatten in beinahe allen Fällen direkten Bezug zu Israel aufgebaut, die meisten richteten sich auf Vermittlung jüdischer/alttestamentarischer Werte an die christliche Gemeinschaft aus, und die Unterstützung von Israel und dem „außerwählten Volk Gottes“, wie wir Juden dort entsprechend der Texte der Tora genannt wurden. Die meisten kamen aus Deutschland, einige wenige schienen aus der Schweiz zu stammen.

Mitternachtsruf, Schweiz
Mitternachtsruf, Schweiz

Auch Produkte und Souvenirs aus Israel wurden massenhaft angeboten (Old Abraham, Israelweine, leider boten sie keine Produkte aus Judäa und Samaria an) und

Old Abraham - Israelprodukte. Vielleicht in Zukunft auch aus den Siedlungen?
Old Abraham – Israelprodukte. Vielleicht in Zukunft auch aus den Siedlungen?

offenbar auch vielfach gekauft. Mir kam  es ganz besonders zugute, da ich mir für den Shabbat koscheren Wein kaufen konnte, von dem ich dank der strengen Handgepäckbestimmungen im Flugzeug nicht zu träumen gewagt hatte.

Wer war dabei?

Was für Organisatonen waren denn nun vorhanden? Als größere Vereine traten natürlich die Sächsischen Israelfreunde, die Veranstalter, auf, welche verschiedene Projekte darboten – so die Israelreisen und das Handwerkerteam zugunsten Holocaustüberlebender in Israel (näheres siehe hier). Außerdem befanden sich auch das ICEJ (International Christian Embassy in Jerusalem) und das Christliche Forum Für Israel (CFFI), eine auf junge Leute ausgerichtete Organisation vor Ort. Weitere Infostände: Israel Connect, Feigenbaum, Ruf zur Versöhnung,

Das Martin-Bucer-Seminar.
Das Martin-Bucer-Seminar.

Martin Bucer Seminar, Zedaka und andere. Einige Vereine und Verlege („Bücherstube Gotter“ von Wilfried Gotter) eröffneten Stände mit einem großen Buchangebot. Unter den Autoren ließen sich aus der nichtchristlichen/religiösen Szene Bücher

Hashtags und Mikrophone. Glauben in moderner Form
Hashtags und Mikrophone. Glauben in moderner Form

von Ulrich Sahm, Doron Schneider, Hans-Peter Raddatz, Mosab Hassan Yousef („Sohn der Hamas“) und auch dem Rabbiner Yehuda Bohrer aus der Siedlung Bet El finden, welcher regen Kontakt zu den Organisatoren pflegt, den ich auch auf meine Besuchsliste gesetzt habe und hoffentlich auch bald über ihn berichten können werde. Ansonsten war natürlich viel Literatur zur christlichen Thematik vorhanden und selbst mir eher als Journalist und Reiseführer bekannte Johannes Gerloff entpuppte sich zu meiner  Überraschung als

Johannes Gerloff (c) W.H.
Johannes Gerloff (c) W.H.

Bibelkommentator mit einem entsprechenden Buch („Verflucht und von Christus entfernt, Eine Studie zu Römer 9-11“, SCM Hänssler). Offenbar war ich eine der Wenigen, die davon nichts gewusst hatten. Die deutsche Schuld am jüdischen Volk, der Wunsch, diese im Nachhinein zu kompensieren oder sie „erträglich“ zu machen, ob durch soziale Unterstützung oder das Einstehen für Israel auf der politischen Ebene, war ein wiederholtes, wenn auch kein hauptsächliches Motiv. Sogar ein speziell formuliertes Schuldbekenntnis lag  aus, aber der deutliche Aspekt bezog sich dabei auf das Religiöse, die Verantwortung als Christen für die Versäumnisse und Verbrechen der Nazizeit vor allem seitens der christlichen Gemeinden auf praktische Art und Weise zu „sühnen“.  Politik ließ sich dabei nicht erkennen, und auch nicht etwa die Schlussfolgerung, welche der Journalist Tuvia Tenenbom einst in seinem Buch „Allein unter Juden“ aufgeführt hatte: Aus Schuldgefühl gegenüber den Juden würden die Deutschen jetzt den Palästinensern helfen.

Kritisch oder suspekt?

Ein breites und offenbar neu hinzugekommenes Themengebiet machte die islamkritische Literatur aus. Bücher wie „Von Gott zu 20160520_171357Allah“ , „Islamismus Kurz und Bündig – Wenn Religion zur Politik wird“, „Mekka Deutschland – die stille Islamisierung“, „Allahs Frauen“ und andere ließen sich entdecken; natürlich ließ man auch das Thema Islamischer Staat nicht aus: eindeutig ein gutes Fressen für liberaldemokratische Konservativkritiker. Ich als vom israelischen Standpunkt aus kommende Betrachterin, mit einem relativ großen Vorwissen der islamischen und christlichen Geschichte, konnte mich  davon freilich  nicht sonderlich beeindrucken lassen. Populistische Botschaften sind zunächst einmal kein Alleinerbe religiöser Strömungen, 20160520_171255sondern gleichermaßen auch im säkularen und linksliberalen Sektor zu finden; und vom religiösen Standpunkt aus  – und um diesen ging es ja bei der Konferenz – ist die Sorge des modernen Christentums vor dem Islam mehr als gerechtfertigt; die Flüchtlingswelle hat Ängste ausgelöst, die zuvor nur geschlummert hatten, und IS ist ein Phänomen, das in allen Kreisen Beachtung verdient. Was mich doch eher überrascht hat, waren „praktische Anleitungen“, wie gläubige Christen Muslimen begegnen können – natürlich mit missionarischem Zweck. Ironie der Geschichte – die  beiden größten und machtvollsten monotheistischen Religion, die als einzige auf Mission ausgerichtet sind, schreiben für ihre Anhänger Bücher, wie man den jeweils anderen bekehren zu bekehren habe. Denn man sollte sich keine Illusionen machen – die Zielsetzung des Islams ist seine Verbreitung unter allen  Nichtmuslimen und Zwangskonversionen sind bis heute eine Regel im Islam. Da konnte sich unsereiner auch mal ein verschmitztes Lächeln erlauben und sich als der sogenannte Dritte „freuen“ – in der Satzung der Sächsischen Israelfreunde und der Konferenzveranstaltung ist festgelegt worden, dass Judenmission (mehr dazu – gut erklärt) nicht erlaubt sei. Tatsächlich, nach meinem persönlichen Ermessen und der Lektüre etlicher Flyer der Aussteller konnte ich nichts „Verdächtiges“ erkennen. Das Wort bzw. das Thema „evangelistisch“ fiel nur ein einziges Mal, nämlich im Zusammenhang mit einem angebotenen Büchlein eines entsprechenden Vereines, aber auch da mal wieder nichts zur Judenmission.

[Der folgende Absatz wurde nach Absprache und erneuter Recherche korrigiert.]

Eine Organisation, die mir als solche, trotz ihrer Ausführungen, doch suspekt erschien, war das Werk

Äthiopienarbeit Fassika - Stand
Äthiopienarbeit Fassika – Stand

„Äthiopienarbeit Fassika – Matthias Franke“. Ich hatte leider keine Zeit, über dieses ausführliche Informationen einzuholen. Weshalb es mir suspekt erscheint: Das eine ist eine proisraelische Thematik, in dessen Rahmen man sich mit israelisch-jüdischer Geschichte und Religion auseinandersetzt, etwas anderes ist finanzielle (oder geistige, und wenn ja, welcher Ausrichtung?) Hilfe für ahnungslose Hilfsbedürftige, welche ansonsten links gelassen werden – solche wie Juden in Äthiopien in ihren gottverlassenen Unterkünften, welche sich leider schnell überzeugen lassen von den einen oder anderen Ideen, um schnell an gute Lebensumstände oder in das Land ihrer Träume zu gelangen. Im Gegensatz zu Holocaustüberlebenden in Israel sind diese ein problematisches Publikum, und wenn jemand das ausnutzen wollte, um Missionierung zu betreiben, würde es demjenigen leicht fallen…

Ein Thema, das sehr ins Auge stach, war das der messianischen Juden (mehr dazu – gut erklärt).  In Israel selbst befinden sich etwa 80 sich als solche definierenden Glaubensgemeinschaften (Quelle: TIME, Stand 2008), welche als Juden vom Oberrabbinat und anderen orthodoxen und konservativen Strömungen nicht anerkannt werden. Einige davon sind Konvertiten oder Nachkommen von solchen, andere sind Juden, allerdings mit Partnern nichtjüdischer Herkunft verheiratet, andere definieren sich als Juden, sind es aber entsprechend des jüdischen Religionsgesetzes nicht. Mission welcher Religion auch immer ist in Israel per Gesetz verboten. Was diesen Gemeinschaften bleibt, ist offenbar nur die Unterstützung ihrer Brüder und Förderer im Ausland, und so erhalten sich die Gemeinden in Israel. Messianische Juden in Israel sind generell patriotisch eingestellt, zumeist religiös, dienen in der Armee. Während meiner Armeezeit durfte ich einige kennenlernen, und

Beit Sar Shalom-Stand
Beit Sar Shalom-Stand

selbst während meiner Arbeit bei der lokalen Sicherheit in Gush Etzion konnte ich die Bekanntschaft eines messianischen Sicherheitsmannes aus der Gegend machen. Bei meiner Nachfrage, weshalb messianische Juden und sie unterstützende Organisationen (wie Beit Sar Shalom) bei der Konferenz dabei wären, wurde dies beantwortet mit:

„Nach unserem Verständnis sind sie immer noch Juden. Wir mischen uns nicht in innerjüdische Angelegenheiten ein.“ Sei es drum, es war eine christliche Konferenz.

Die Atmosphäre

Die Besucher der Veranstaltung (bis zu 900 Teilnehmer ingesamt) brachten viel Lebhaftigkeit und gute Laune zur Veranstaltung mit. Es war für mich. auch im sozialen Sinne eine erfrischende Erfahrung, Menschen mit einem ganz anderen Charakter zu treffen, als ich es bisher von Deutschen im Land gekannt habe. Ich bin hierbei ehrlich und nehme auch kein Blatt vor den Mund – es fiel mir viel einfacher und es war auch viel angenehmer und entspannter, sowohl mit den Besuchern der Konferenz als auch im Allgemeinen innerhalb Sachsens zu kommunizieren, als ich es bisher in Großstädten in Deutschlands Westen erleben durfte. Natürlich waren auch

Ein Paar aus einer Ortschaft nahe Magdeburg kamen über Berlin mit einem Wohnwagen daher.
Ein Paar aus einer Ortschaft nahe Magdeburg kamen über Berlin mit einem Wohnwagen daher.

Besucher aus anderen Orten gekommen, solchen wie Kassel, München, Berlin und Magdeburg. Die Mehrheit machten allerdings sächsische Teilnehmer aus. Ich mag mich anhören, als würde ich eine anthropologische Studie schreiben wollen, aber das maße ich mir nicht an; ich gehe  nur von meiner Erfahrung aus, vergleiche diese und halte es hier fest. Ich habe selbst kein großes Verständnis von deutscher Politik und ihren Eigenheiten und kein Interesse, von innerdeutschen Ansichten beeinflusst zu werden. Es mag verstärkt aufkommenden Fremdenhass in Sachsen geben oder eine Attitüde, die als solche bezeichnet wird. Ich glaube an die Freiheit der Meinung und der persönlichen Einstellung einem jeden gegenüber, solange diese nicht auf Unwissen oder Indoktrinierung basieren. Auf dieser wie auch auf meiner vorherigen Reise durch Erfurt und Reichenbach durfte ich die Einwohner der neuen Bundesländer als humorvoll, selbst- und auch sonst kritisch, realitäts- und menschennah erleben, mit einem guten Spürsinn für staatliche Propaganda, mit einer einfachen Herangehensweise an das Gegenüber und mit einem Potenzial, sich politischer Korrektheit entgegenzusetzen. Natürlich ist die Herzlichkeit hier nicht annähernd der orientalisch-mediterranen ähnlich, aber ganz ehrlich – das erwartet auch niemand. Dafür kann man ja auch nach Israel fliegen! Ansonsten muss auch der religiöse Aspekt seine Rolle gespielt haben, denn außer der allerkleinsten gemeinsamen Nenner wie „Mensch“ oder „deutschsprachig“ konnte auch die Religiösität und ein mehr oder weniger gemeinsames Gottesverständnis als Grundbasis dienen. Und Gemeinsamkeiten verbinden.

Foto: W.H.
Foto: W.H.

Soweit zu meinen Gedanken.  Was meinen Vortrag betrifft, so wurde dieser im Rahmen der für jüngere Leute gedachten Vorträge seitens des CFFI (Theresia Ebert) eingerichtet, es kamen allerdings Zuhörer aus verschiedenen Altersgruppen. Meine Erklärungen und Erzählungen über die Welt der Siedler von Judäa und Samaria, die politischen Hintergründe zur „Westjordanlandproblematik“ und meinen Werdegang hatten die Vortragszeit leicht überzogen, dafür hatten die Zuhörer anschließend die Gelegenheit, mit mir persönlich

Foto: W.H.
Foto: W.H.

zu sprechen und diese Option wurde gerne genutzt. Besonders gefreut hatten mich die Fragen und Rückmeldungen der Jugendlichen und Studenten unter ihnen.

Mit dem Vortrag war meine eigentliche Mission auf der Veranstaltung zu Ende, ich hielt mich allerdings noch eine Weile des Spaßes halber auf dem Gelände auf; das Wetter war herrlich, die Landschaft grün und erfrischend und die Atmosphäre ähnelte sehr einem Volksfest. Wie schon erwähnt, war die Veranstaltung durchaus kinderfreundlich und viele brachten tatsächlich ihre Familien mit. Der nahegelegene Spielplatz neben einem kleinen

Mit Theresia Ebert (CFFI)
Mit Theresia Ebert (CFFI)

Tümpel kam dabei sehr zugunsten wurde gut genutzt.  Am Abend ging der Shabbat spät aus; was übrig blieb, war Packen, kurz draußen die frische Waldluft schnuppern und am Morgen früh zum Flughafen nach Prag fahren, über welchen ich nach Deutschland gekommen war. Der letzte Tag der 20.Israelkonferenz in Glauchau verging ohne mich.

Fazit

„Warum machst du es eigentlich?“, wurde ich von einigen gefragt – hier auf dem Blog, auch in meiner Umgebung. Dieselbe Frage habe ich an meine Gastgeber gestellt – warum macht ihr es eigentlich? Warum lädt ihr mich zu eurer Konferenz ein, was liegt euch an mir – der Siedlerin, an uns Juden und an Israel? Die simpelste Antwort, die ich bisher darauf bekommen habe, war: „Weil uns gefällt, was du machst, und wir wollen dich dabei unterstützen.“ Je mehr man sich in die Tiefe des Warum begeben würde, desto mehr Erklärungen und Interpretationen könnte man finden. Sie würden religiös, gesellschaftich, politisch ausfallen.  Manche davon würden mehr in das liberaldemokratische Schema passen, andere wären im konservativ-traditionellen Bereich angesiedelt. Nicht wenige würden wohl einen religiösen Standpunkt vertreten, den heute nur wenige in der postmodernen Gesellschaft teilen könnten. Zugegeben, bei den Sächsischen Israelfreunden und der ihnen Ähnlichen in den deutschsprachigen Ländern  handelt es sich um eine Randgruppe. Diese Randgruppe hat einige Stimmen, die sich nach außen äußern, aber im Mainstream scheint sie keine Bewegungen verursachen zu können – noch nicht, oder vielleicht ist sie gar nicht darauf ausgerichtet.

Auch das war ein Thema. Aufkleber von der Konferenz.
Auch das war ein Thema. Aufkleber von der Konferenz.

Die Aufklärungsarbeit der Israelfreunde und Co. ist Feldarbeit, es wird von Mann zu Mann (Frauen und Kinder inklusive) vermittelt, es sind kleine Kreise, die sich für diese komplexe und übermäßig belastete Thematik interessieren oder begeistern lassen, aber das Interesse ist ein Ergebnis wichtiger Vorgänge innerhalb der deutschen und christlichen Identitätsforschung und individuellen Selbstsuche eines jeden Einzelnen. Ich glaube, dass es in Deutschland nicht umsonst dieses Interesse gibt; es existiert bekanntlich eine Verbindung zwischen Deutschland und Israel, Deutschland und den Juden. In Kultur und Geschichte, im Guten wie im Schlechten sind Juden und Deutsche verbunden und aus der Geschichtsidentität des jeweiligen Landes nicht wegzudenken. Auch wenn ich mich lange Zeit dagegen gesträubt habe, es so zu sehen, leugnen lässt es sich schwer. Wie die weitere Entwicklung verlaufen wird, wo sich Deutsche, Christen und Juden treffen werden, was diesen Begegnungen entwachsen wird, kann man nicht voraussehen. Der Kontext aber, die Motivation und die Herangehensweise dieser Menschen an unsere Geschichte und Religion ist meines Erachtens hochspannend, gar faszinierend, und um dies näher zu verstehen, war mir dieser Besuch zweifelsfrei wert. Vielen herzlichen Dank an Wilfried Gotter, Theresia Ebert und Werner Hartstock für die Einladung und Durchführung.

Und jetzt geht es wieder zurück in den Siedleralltag, mit hoffentlich weiteren Reisegruppen vor Ort…

 


*Für diejenigen, die für eine Weile um die Authentizität meiner Einhaltung der religiösen Gebote gebangt haben (vielleicht habe ich mich ja von den „listigen Christen“ überzeugen lassen?), kann ich die Situation entschärfen. Ich habe, gemeinsam mit den Organisatoren der Reise (Wilfried Gotter, Werner Hartstock, Theresia Ebert), einige Anstrengungen unternommen, um den Shabbat möglichst koscher und orthodox zu gestalten. Das beinhaltete eine Absprache mit meinem Rabbiner, ein Hotel in unmittelbarer Nähe des Veranstaltungsortes, von mir selbst geprüftes und vorbereitetes Essen (oder eher vom REWE…) und auch die vollkommene Abwesenheit von Mikrofonen. Fotos wurden von Außenstehenden gemacht. Alles koscher also, ich kann mich nicht beklagen, sondern  – im Gegenteil – den Veranstaltern für die Annehmlichkeiten, die sie mir bereitet haben, von Herzen danken! Religiöse Menschen, so scheint es, verstehen sich mehr auf Respekt den anderen religiösen Menschen gegenüber, selbst wenn ihre Bräuche unterschiedlich sind. Sie wissen, wie notwendig das Seelenheil auf geistiger und physischer Ebene ist.

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Unabhängigkeit, Souveränität oder was? 68 Jahre Israel

Heute feiern wir 68 Jahre seit der Entstehung des Staates Israel. Achtundsechzig Jahre lang steht der Staat Israel auf seinen Grundfesten, lässt sich von keiner Armee besiegen, von keiner 68 logoGroßmacht auflösen, von keiner Boykottdrohung einschüchtern, von keinem Terroristen verschrecken.  Achtundsechzig Jahre entwickelt sich die israelische Gesellschaft im staatlichen Rahmen, als eine  Gemeinschaft in einem großen „Schmelztiegel“ aus verschiedenen Nationen, Mentalitäten, Meinungen, Glauben und Wertvorstellungen. In diesen achtundsechzig Jahren hat der Staat Israel Prüfungen auf sich nehmen müssen, die nur wenigen bis keinen Staaten vorgelegt wurden, und es sieht nicht aus, als würden diese ein Ende nehmen.

Von außen wie von innen sieht die israelische Gesellschaft und mehr noch, die israelische Politik, zersplittert und zerstritten wie noch nie aus. Einiges von diesem Eindruck ist freilich übertrieben und unwahr, aber vieles ist auch Realität. An vielen Kreuzungen haben sowohl die jüdische als auch die gesamtisraelische Gesellschaft und ihre Anführer gestanden und sich entscheiden müssen -in welche Richtung bewegen wir die Gemeinschaft? Fügen wir unser Puzzle zusammen, notwendigerweise oder aus innerem Verlangen heraus, oder driften wir auseinander, weil die Unterschiede und die Ideale uns wichtiger sind als der Zusammenhalt? In Krisenzeiten ist es von Israel und seinen Bewohnern bekannt, dass man die Unterschiede beiseite stellt (nicht vergisst, freilich) und füreinander einzustehen bereit ist. Krisenzeiten, damit sind Kriege gemeint.

Aber wenn politische Krisen aufkommen; wenn die Weltgemeinschaft mal wieder ihre israelkritische Phase durchmacht und uns dies auf sämtliche Arten und Weisen wissen lässt? Wenn die Linksorientierten unter uns Angst um ihre Führungsrolle haben und die Rechtsorientierten Angst um ihr Mitbestimmungsrecht? Wenn die Führung des Landes ihrer Dissonanz mit denjenigen, die sie gewählt haben, nicht bewusst ist oder sie nicht akzeptieren will, und wenn Gesellschaft, sich nach Individualismus sehnend, ihre Gemeinschaftsrolle vergisst? Wenn die Differenz zwischen den Weltanschauungen hin zu post- oder pre-modern flüchtet, anstatt einen Kompromiss in einer vorhandenen Moderne zu schaffen? Und wenn das Gefühl, sich in einem ununterbrochenen Verteidigungskampf zu befinden, den Mut und die Kreativität lähmen, neue Möglichkeiten zu entdecken und Schritte zu wagen?

Dann sehen wir die Zersplitterung,. Dann tritt auch ein Antagonismus zwischen dem Begriff „Unabhängig“ und Souverän“ auf die Bühne.

Weshalb?

Ein unabhängiger Staat hat nicht gleich eine Souveränität. Israel ist ein deutliches Beispiel hierfür, und das Themengebiet, mit welchem sich der Blog „Die Siedlerin“, befasst, ist mit diesem Antagonismus mehr als vertraut.

Denn der Staat Israel mag unabhängig in Form und auf Papier sein. Es mag eine Erklärung, eine funktionierende Regierung und ein aktives Parlament haben. Seine Wirtschaft betreuen wie jeder weitere unabhängige, funktionierende Staat, und seine Gesellschaft darf sich nach ihrem Ermessen entfalten. Aber hat er tatsächlich die Souveränität, der er bedarf? Kann der Staat tatsächlich seine Entscheidungen treffen unabhängig vom Einfluss äußerer Handlungsträger, Gremien, Staaten, Interessenten?

Hat der Staat Israel beispielsweise Souveränität über seine Grenzen? Wird ihm uneingeschränkt ermöglicht, diese zu verteidigen? Zwei feste Grenzen hat der Staat Israel. Es ist die Grenze zum Meer, und die Grenze zu Ägypten. Diese steht erst seit 1982. Alles andere? Der Gazastreifen wurde nach Ende des Unabhängigkeitskrieges 1949 von Ägypten besetzt, doch durch seine Übernahme durch Israel im Sechs-Tage-Krieg nicht wieder von Ägypten beansprucht und bis heute abgelehnt. Israel besiedelte den Gazastreifen, Menschen bauten sich dort gemeinsam mit den arabischen Einwohnern ein Heim auf, doch die späten Achtziger (Erste Intifada) und die Oslo-Abkommen 1994 sprengten das scheinbare Zusammenleben. Der Terror und die immer wieder nicht zum Ende kommenden Friedensverhandlungen mit der palästinensischen Führung führten die israelische Regierung zu dem Schluss, dass den Gazastreifen wegzugeben und die jüdische Bevölkerung von dort herauszuholen die beste Geste zu einem „Frieden“ sei. Das geschah im Jahr 2000. Nach der Vertreibung von 8000 Menschen, der Zerstörung ihrer Häuser, nach dem Aufstieg der Terrororganisation Hamas zur Regierungspartei des nunmehr autonomen Gazastreifens wird noch immer behauptet, Israel würde über den Streifen herrschen. Die Rückzugslinie, welche die Hamas nicht anerkennt und immer wieder (auch physisch, wie man schon weiß) untergräbt, soll die Grenze zu einem zukünftigen arabischen Staat im Landstreifen darstellen. Wie soll man das heutige Gebilde allerdings betrachten?

Grenze zu Israel und Ägypten
Grenze zu Israel und Ägypten

Die Grenze zum Libanon ist eine Kriegsfolge von 1982 und 2000 und eine Waffenstillstandslinie nach dem Abzug der israelischen Truppen im Jahr 2000, nach einem jahrzehntelangem Krieg gegen Terrormilizen im Libanon (die „blaue Linie“). Dasselbe gilt für die Grenze zum (ehemaligen) Syrien – eine Waffenstillstandslinie von 1974. Die Grenze zu Jordanien im Osten des Landes

Grenze und umstrittene Grenze zu Jordanien
Grenze und umstrittene Grenze zu Jordanien

wurde zwar 1994 bei dem Friedensabkommen festgelegt – aber gilt es für die gesamte Grenze? Will man Israel in den Gesprächen mit der palästinensischen Führung nicht dazu zwingen, das von Jordanien 1967 eroberte und von diesem 1988 als nicht mehr für beansprucht erklärte Gebiet, welches an Jordanien grenzt, in die Hände der Palästinenser zu geben? Speziell handelt es sich dabei um die Grenze zu Jordanien – bis heute eine umstrittene Grenzlinie und ursprüngliche Waffenstillstandslinie von 1967.

Die Golanhöhen – man könnte meinen, nach dem Sechs-Tage-Krieg und nach der Eingliederung dieser in die israelisch festgelegten Staatsgrenzen würde das massive Gebirge als israelisches Staatsgebiet anerkannt sein. Bisher waren die Gespräche über die Golanhöhen nur auf diplomatischer Ebene ein Streitpunkt zwischen Israel, Syrien und der UNO. Doch ausgerechnet in den letzten Jahren, in welchen wir zudem Zeugen eines sich auflösenden Syriens werden, kommen die Golanhöhen wieder ins Visier derjenigen, die Israel auf möglichst wenig Land reduziert sehen wollen. Schon werden die populären und weltbekannten Golan-Weine als „kolonialistische

Die "Grenzen" zwischen Libanon und Syrien
Die „Grenzen“ zwischen Libanon und Syrien

Produkte“ abgehandelt und sollen von der EU gekennzeichnet werden. Internationale Organe fordern die „Abgabe“ des Bergmassivs an ein de facto nicht mehr existierendes Syrien. Die Grenzen zu Syrien? Das unabhängige Israel legte diese nach einem gewonnenen Verteidigungskrieg selbst, doch die Souveränität über das Gebiet wird Israel abgestritten.

Und das problematischste Feld ist die sogenannte Grüne Linie. Als

Samaria-Gebiet

„Grenze von 1967“ oder „Grenze von 1949“ abgehandelt, führt die Waffenstillstandslinie nach dem Unabhängigkeitskrieg von Israel gegen sechs arabische Staaten quer durch das Land und ist Explosivmaterial für die meisten Gespräche im und um das Land. Es ist keine Grenze, es wurde nie als solche f

judea
Judäa-Gebiet

estgelegt oder anerkannt; aber seit 1994 wird sie als solche gehandhabt, mit allen daraus resultierenden Folgen. In 1967 entschloss sich Israel – teils aus internationalem Druck, teils aus innerer Unentschiedenheit heraus und vor allem aufgrund der Weigerung der Arabischen Liga, mit dem Gewinnerstaat zu verhandeln, das Gebiet nicht einzugliedern. Keine Grenze wurde festgelegt; nur eine theoretische Linie gezogen und im Gebiet schufen die Regierung, die Armee, die Bevölkerung und die Zeit ihre Realität.

Was diese Realität für Israel bedeutet – ob Besatzung, Verwaltung oder Vorbereitung,  ließ sich vor 49 Jahren für die damaligen Führungskräfte nicht erahnen. Doch mittlerweile lebt der achtundsechzig Jahre alte Staat in seiner Unabhängigkeit mit einem hunderte Quadratkilometer großen Stück Land in seinem Herzen, welches weder unter die Kategorie „unabhängig“ fallen kann, noch lässt sich dort irgendeine Souveränität in Handlung und Entscheidung erkennen – von welchem staatlichen Organ auch immer, auch seitens der seit 1994 existierenden und aktiven Palästinensischen Autonomiebehörde. Ob in Bau, Verkehr, Wasser und Strom, Landverteilung oder simples Betreten von Territorien – jedes Wimpernzucken in diesem nur 24% des offiziellen Israels ausmachenden Gebiets wird auf einem internationalen Tribunal ausdiskutiert. Je mehr Jahre seit dem vermaledeiten Status Quo der 60er vergehen, desto lauter verlangt das Tribunal die Aufgabe des Gebiets, die Auflösung jeglichen Souveränitätsanspruches und spricht Israel jegliche Entscheidungsfreiheit ab.

Es stellt sich aber die Frage – hatte der Status Quo eine Berechtigung? Und hätten wir die Gelegenheit gehabt, anstatt einer Militärherrschaft eine tatsächliche Souveränität nach Judäa und Samaria bringen können? Inwiefern bedeutet uns Israelis die Unabhängigkeit, wieso lassen wir eine Unabhängigkeit mit Lücken durchgehen und fordern nicht laut genug das Recht auf Bestimmung, was in unserem Land geschieht, das wir durch alle 68 Jahre hindurch mit Blut und Schweiß für uns erworben haben?

Ich rede hier nicht über die Ansprüche der palästinensischen Araber. Weshalb? Weil die Entscheidungen, die unabhängigen Entscheidungen des Staates Israel die Voraussetzung für die Zukunft dieser sind. Sie waren es bisher und sie werden es weiterhin sein. Im Endeffekt ist es Israel, welches die Zukunft und die Wandlung der Region um es herum bestimmt, und selbst in ihrem Krieg gegen Israel schauen die palästinensischen Araber auf den  Staat und warten auf unsere Reaktion. Sie sind ein Produkt der israelischen Handlungen, die Unabhängigkeit, die sich Israel aufgebaut hat, war der Katalysator für ihren Ruf danach, war und ist die treibende Macht hinter ihrer Identifikation, die Hauptkomponente und schließlich auch der Grund für ihr Bestehen bis zum heutigen Tag. Es ist keinesfalls die Frage nach einer Daseinsberechtigung – es ist die Frage nach ihrer Bedeutung. Welche Bedeutung verleiht uns der palästinensisch-arabische Kampf gegen uns?

Dasselbe betrifft auch die israelischen Siedler von Judäa und Samaria. Die Siedler, einst das Symbol des Zionismus und der Wiedergeburt des jüdischen Volkes und heute als politische Spielkarte und „Friedenshindernis“ in die Ecke gedrängt, weisen mit ihrem Dasein auf eine offene Wunde der Gesellschaft hin. Die Staatsführer hingegen wissen von Generation zu Generation nicht, wie sie zu schließen. Es ist eine Wunde wegen der Unklarheit um Judäa und Samaria herum, das jüdische Kernland, welches so viele für einen zweifelhaften bis betrügerischen Frieden hingeben wollen. Weggeben, weil sie müde von dem erschöpfenden Alltag des jahrelangen Krieges sind; weil sie die Forderungen aus der restlichen Welt nicht mehr hören wollen; oder weil sich ihre eigene jüdische oder israelische Identität  noch immer nicht formiert hat. Noch immer ist nicht klar, welche Aspekte diese jüdisch-israelische Identität ausmachen. Wie viel davon ist jüdisch, was genau heißt demokratisch; welchen Stellenwert hat das Land und welches die Leute? In diesem Sinne sind die Siedler in ihrer Bedeutung den palästinensischen Arabern sehr ähnlich. Sie beide weisen auf ungelöste Probleme hin, deren Lösungsdatum schon lange abgelaufen ist und welche die Gesellschaft von innen zu zersetzen beginnen.

Beide sind sie auf ihre Art ein Dorn in den Augen derjenigen, die meinen, wir seien schon bei unserer Unabhängigkeit oder Souveränität „angekommen“. Beide stellen die zentralen Herausforderungen des Staates dar, bei welchen sich schließlich dessen wahres Unabhängigkeitsvermögen zeigen wird.

Wo wir uns nach diesen 68 Jahren befinden, ist noch immer nicht eindeutig. Israelische Errungenschaften sollten in unserer Wahrnehmung dieser 68 Jahre eindeutig einen zentralen Platz einnehmen. Israelische Herausforderungen von innen und außen sollten zum Wohle aller für die Zukunft wahrgenommen werden. Für uns in Israel bedeutet es  eine tägliche Auseinandersetzung. Wir können es uns noch nicht erlauben – wenn überhaupt, die Arme sinken zu lassen.

Ich habe eine starke Vermutung, dass der Begriff des „Arme sinken lassen“ noch aus der Tora stammt, als Moses den Kampf der Israeliten gegen das Volk des Amalek anführte, welches diese auf eigene Initiative hin überfiel und zu vernichten drohte (2.Buch Moses, 17,8). Solange Moses die Hände oben hielt, gewannen die Israeliten; ließ er sie sinken, gewann Amalek. Als selbst der große Anführer und Prophet seine Arme nicht mehr halten konnte und sie ihm zu schwer wurden, legte sein Gehilfe Jehoshua einen Stein, damit dieser sich setzte. Sein Bruder Aharon und sein Neffe Hur stützen Moses‘ Arme von beiden Seiten, und am Ende wurden die Amalekiter besiegt.

Es gilt, wie zuvor, so auch weiterhin, die Arme nicht sinken zu lassen, sich aufeinander zu stützen und weiterzugehen, wo man gehen muss, und zu kämpfen, wo man kämpfen muss. Die Unabhängigkeit haben sich Israel und die Israelis auf diese Weise schon erworben; doch die Souveränität über das eigene Schicksal muss täglich neu erkämpft werden. Dies wird schließlich aufzeigen, inwieweit Israel und das jüdische Volk tatsächlich dorthin gehört, wo es zu sein beansprucht.

Zum Leben, lechaim, Israel.
Zum Leben, lechaim, Israel.