Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Held der Stunde

Shuki Gilboa und seine Frau Shulamit. Quelle: Kikar Hashabat
Shuki Gilboa und seine Frau Shulamit. Quelle: Kikar Hashabat

Dieser Mann, Shuki (Yehoshu’a) Gilbo’a, hat am Donnerstag, dem 30.06., um die neun Uhr vormittags sein rechtes Augenlicht verloren. Als er nach einigen Notoperationen aus dem Operationssaal gefahren wurde und ihn seine Frau empfing, erzählte sie ihm, dass er auf rechtem Auge für immer blind sein würde.

„Er sagte nur zwei Worte – ‚Alles ist zum Guten'“, erzählte sie.

Shukis Frau Shulamit war dabei, als dieser einen Notfallruf über das örtliche Funkgerät bekam und mit Weste und Gewehr aus dem Haus stürmte. Es bestand ein Verdacht auf ein fremdes Eindringen in die Ortschaft Kiryat Arba. Nur wenige Minuten später, als Shuki gemeinsam mit einem weiteren Kollegen-Schutzmann ins betroffene Haus der Familie Ariel am Rande von Kiryat Arbastürmte, in welchem sich der Terrorist verschanzt haben sollte, hatte er bereits die Messerklinge des Terroristen abbekommen. Der 17-Jährige arabische Jugendliche aus der Ortschaft Bani Na’im hatte sich im Kinderzimmer der 13-jährigen Hallel verschanzt, nachdem er diese im Schlaf abgestochen hatte, und sprang auf Shuki, als dieser zur Tür vordrang. (Bericht ueber Hallel hier)

Shuki wurde schwer verletzt. Sein Kollege erschoss den Attentäter. Shulamit erhielt die Nachricht von zwei Verletzten, und so, wie sie es der Nachrichtenplattform Ynet berichtet, hatte sie den starken Verdacht, dass es sich bei dem einen um ihren Mann handelte.
Selbst eine Krankenschwester und Freiwillige bei dem Roten Davidsstern, lief sie zur Kreuzung bei der Ausfahrt aus der Ortschaft, bei welcher auch der Notfallwagen vorbeigefahren kam, hielt ihn an, sprang hinzu und leistete selbst ihrem Mann die erste Hilfe. Von da an blieb sie bei ihm, ohne ihn zu verlassen – bis jetzt. Sie erzählte Shuki vom verlorenen Auge. Sie erzählte auch der Presse von den Schmerzen ihres Mannes, aber auch davon, dass sie an seine Inneren Kräfte glaube und dass die Unterstützung von Familie, Freunden und der gesamten israelischen Gemeinschaft überaus hoch sei, aus vielen Orten riefen sie Menschen an und ermutigten sie – nicht nur aus Judaea und Samaria:

„Wir werden von Liebe überhäuft“.

Der Heilungsprozess ist erst am Anfang, und es wird viel Zeit der Erholung brauchen, auch viel Zeit der Eingewoehnung. Aber die innere Einstellung ist seit jeher ein grosser Faktor bei der Heilung. Zusammen mit Shulamit glaube ich fest daran, dass dieser grosse Mann – ein einfacher Einwohner von Kiryat Arba – den Schmerz und den Verlust ueberwinden wird. Er ist fuer uns alle ein grosses Beispiel, und wir werden ihn tatkraeftig und im Geiste immer unterstuetzen.

NEWS: 13-Jährige ermordet. Hallels letzter Tanz

Heute (30.06.16) um etwa 9 Uhr morgens drang ein 17-jähriger Terrorist in das Haus der Familie Ariel im Vorort der Großsiedlung Kiryat Arba bei Hevron ein. Der Attentäter kletterte über den Sicherheitszaun, der die Ortschaft umgibt, und gelangte in das nächstgelegene Haus. Er verschloss hinter sich die Tuer und begab sich in das Kinderzimmer der Familie, dort schlief eins der Kinder von Rina und Amichai Ariel, die 13-jährige Hallel Jaffa.

Von da an begann ein Alptraum.

Hallel Yaffa Ariel. Quelle: Internet
Hallel Yaffa Ariel. Quelle: Internet

Der Terrorist fing an, auf das schlafende Mädchen einzustechen. Hallel war am vorherigen Abend von einer Tanzaufführung, bei welcher sie mitgemacht hatte, spät zurueckgekommen, die Ferien hatten am Sonntag begonnen, und Hallel schlief aus. Der Attentäter, selbst noch keine 18 Jahre, überraschte sie im Schlaf und stach auf sie mit insgesamt acht Stichen ein. Hallel verlor das Bewusstsein, ihr Blut verschmierte den Boden.

Als der Terrorist (ich erwähne generell keine Namen von Attentätern) noch über den Zaun gekommen war, alarmierte dies das Sicherheitszentrum von Kiryat Arba, da der Zaun mit einer Signalanlage versehen ist. Auf den Kameras wurde der Eindringling erkenntlich. Die Mitarbeiterinnen des Zentrums (ich habe einige Zeit in einem solchen im Gush Etzion gearbeitet) benachrichtigten die

Das Haus von Hallel und ihrer Familie. Quelle: Maariv
Das Haus von Hallel und ihrer Familie. Quelle: Maariv

innere Sicherheitseinheit, welche aus freiwillig in ihr dienenden Einwohnern besteht, und ebenso die Armee. Die ersten, die sich am Schnellsten zum Eindringungsort aufmachen konnten, waren die Schutzmänner der Sicherheitseinheit. Sie eilten zum Zaun und begannen, aus verschiedenen Richtungen das Haus einzukesseln, da es nicht klar gewesen war, wo sich der Täter in diesen Momenten befand. Anschließend, so berichtete einer von ihnen im Nachhinein den israelischen Medien, näherten sie sich dem Haus, bis drei von ihnen schließlich ins Innere des Hauses vordrangen – Yehoshua (Shuki), Chanoch und Amichai – der Vater des Mädchens, welcher ebenso in der Einheit diente. Dank diesem konnte wohl auch die Tür geöffnet werden, die zuvor vom Attentäter verschlossen worden war.

Kiyat Arba - Tatort, Bani Na'im - Wohnort des Terroristen
Kiyat Arba – Tatort, Bani Na’im – Wohnort des Terroristen

Als die drei hineingelangten, gingen sie in Richtung des Kinderzimmers. Direkt am Eingang sprang der Terrorist auf einen von ihnen, Yehoshua, und begann, auch auf ihn einzustechen. Chanoch erschoss den Angreifer. Auf dem Bett erblickten die drei die blutende Hallel. Sie wurde von den angekommenen Notfallärzten herausgebracht, ebenso der schwerverletzte

Hallels Zimmer. Die ersten Rettungseinsatzkräfte haben das Zimmer schon gereinigt.
Hallels Zimmer. Die ersten Rettungseinsatzkräfte haben das Zimmer schon gereinigt.

Yehoshua. Nach den ersten Wiederbelebungsversuchen wurde sie in den Notfallwagen gebracht und ins Hadassah-Krankenhaus gefahren, ebenso der verletzte Yehoshua. Die Frau von Yehoshua, die ebenso als Freiwillige des „Roten Davidssterns“ und als Krankenschwester arbeitete, sah den Ambulanzwagen fahren, als sie auf dem Nachhauseweg auf der Straße in der Siedlung war und stieg zu; der Patient offenbarte sich ihr als ihr Mann.

Hallel mit ihren Eltern Amichai und Rina und mit juengeren Geschwistern bei einem Besuch auf dem Tempelberg. Quelle: Nana
Hallel mit ihren Eltern Amichai und Rina und mit juengeren Geschwistern bei einem Besuch auf dem Tempelberg. Quelle: Nana

Im Krankenhaus fand das Drama sein bitteres Ende, zumindest, was Hallel anbetraf. Der Leiter des Traumazentrums des Hadassah-Krankenhauses berichtete den Nachrichtendiensten, Hallel sei durch die Messerstiche zu schwer verletzt worden und die Wiederbelebungsversuche hatten nicht geglückt. Hallel verstarb an ihren Wunden. Yehoshua befindet sich noch immer in der Notaufnahmestation und wird operiert.

Hallel beim Auftritt. Quelle: INN
Hallel beim Auftritt. Quelle: INN

Das Drama war vorbei, der Alptraum hatte erst begonnen. Für die Familie, Freunde und Nachbarn von Hallel; den Vater, einen Pädagogen und Weinbauern, für ihre Mutter Rina. Für die Schülerinnen der ehemaligen achten Klasse der Mittelschule in Kiryat Arba, welche Hallel vor einigen Tagen erfolgreich abgeschlossen hatte. Für ihre Tanzgruppe, mit welcher die 13-Jährige erst vor einem Tag eine erfolgreiche Aufführung gehabt hatte. Hallel liebte es zu tanzen, so erzählen ihre Eltern und Nachbarn.

„Sie hatte einen guten Charakter, ein gutes Mädchen, immer beliebt und von Freundinnen umgeben. Sie liebte diesen Ort, das schöne Haus, das Grün, sie fühlte sich sehr wohl“, so berichtete der Nachbar, der als Sicherheitsoffizier in der Siedlung fungiert, dem INN.

Der jüdischen Tradition entsprechend soll ein Toter so schnell wie

Das Trauersitzen (Shiva) von Familie Ariel. Auch Premierminister Netanyahu kam zu Besuch. Quelle: Nana
Das Trauersitzen (Shiva) von Familie Ariel. Auch Premierminister Netanyahu kam zu Besuch. Quelle: Nana

möglich begraben werden. Daher wurde die Beerdigung auf 18 Uhr Ortszeit gesetzt. Hallel wurde auf dem alten jüdischen Friedhof von Hevron, in der Hevroner Altstadt, in welcher sich die jüdische Gemeinde Hevrons befindet, beerdigt. Hunderte von Menschen erschienen auf der Beerdigung und begleiteten Hallel auf dem letzten Weg.

Was die offiziellen Reaktionen auf den Mord von Hallel und die Attacke auf Yehoshua angeht, so äußerte sich Premierminister Netanyahu zu dem Attentat und erklärte, die Arbeitsvisa für die Verwandten des 17-jährigen Terroristen zu streichen. Armeeeinheiten haben mittlerweile die Stadt Bani Na’im bei Hevron eingekesselt, in welcher der junge Attentäter gelebt hatte, die Familienmitglieder verhört und ebenso die Einfahrt nach Bani Na’im mit Betonblöcken versperrt Der Vater wurde aufs Armeerevier

mitgenommen. Die Mutter, so veröffentlichte es Ynet, beteuerte, nicht geglaubt zu haben, dass ihr Sohn die Attacke vollführt haben soll: „Er meinte immer, er wolle ‚etwas tun‘, aber wir dachten, er würde nur Spaß machen“.
Auch innerhalb des Gebietes von Judäa bis nach Ramallah im Norden Jerusalems wurden Straßensperren von der Armee errichtet.

(Quellen: Channel 2, Jerusalem Post, INN, Ynet, Walla)


Ein weiterer Artikel, aus persoenlicher Sicht geschrieben, laesst sich hier finden: Barbara Sofer, Jerusalem Post (uebersetzt): Je Suis Hebron


Bani Na’im, ebenso wie die gesamte Umgebung von Hevron, ist durchsetzt von Terrorzellen der Hamas und anderer islamistischer Terrororganisationen, und ihre Einwohner sind sehr anfällig für Radikalisierung. Zahlreiche Attentäter, welche Attacken auf

Terroregion Großraum Hevron - Karte
Terroregion Großraum Hevron – Karte

Zivilisten und Soldaten in und außerhalb der „Grünen Linie“ verübt hatten, auch in dem letzten halben Jahr, stammten aus dieser Region:  Dura  – Yatta – Bani Na’im  – Hevron- Sse’ir (alShuyuch)  – Halhul. So die drei Attentäter, welche in diesem Monat  (Juni) die Terrorattacke im Sarona-Zentrum in Tel Aviv zu verantworten hatten; der Attentäter, der vor etwa einem halben Jahr Jakov Don und Ezra Schwarz in einem Stau bei Alon Shevut erschoss; der Mörder von Dalia Lemkos im Oktober 2014, und schließlich auch die Entführer der drei Jugendlichen, Eyal, Gil-ad und Naftali, welche genau vor einem Jahr, am 30.06.14 , ermordet und eingebuddelt auf einem Feld beim Hevroner Vorort Halhul gefunden wurden.


spiegel-online-logoSeitens der deutschen Berichterstattung dürften diejenigen, die die heutigen Nachrichten größeren Medienkonzerne verfolgt hatten, eine kleine Überraschung erlebt haben:
So berichtete der SPIEGEL in einer uncharakteristisch informativen datazdfund sachlichen Art und Weise über den Terroranschlag und erwähnte ebenso die Terrorwelle und die israelischen Opfer der Attacken des letzten Dreivierteljahres. Die Meldung stammte aus der Nachrichtenagentur dpa.

Bei der „Tagesschau“ musste man Vorarbeit leisten:
Der Studentin Noemi Becher aus Frankfurt fiel in der Nachrichtenausgabe der „Tagesschau“ auf, dass der Mord mit tagesschau128-_v-banner3x1keinem Wort erwähnt wurde. Daraufhin schrieb sie einen Brief an die Onlineredaktion. Wenig später veröffentlichte die Webseite einen kurzen Bericht zum Attentat. Noemi postete auf ihrem Facebook-Profil:

Eigeninitiative hilft. Nachdem ich bei der Tagesschau nichts zum Attentat in Kiryat Arba gefunden habe, habe ich mich per Mail an die Redaktion gewendet und sie darauf aufmerksam gemacht, dass der Terror nicht in Tel Aviv anfing und dort auch nicht aufgehört hat. Ich habe auch ausdrücklich gefordert, dass der Attentäter nicht als das Opfer dargestellt wird. Kurz darauf erschien der Artikel auf ihrer Webseite. Zusammen mit den anderen, die eventuell auch eine Mail geschickt haben, haben wir etwas bewirkt.

Auch andere Medien meldeten sich im Laufe des Tages – so beispielsweise die BILD, RTL Online, Hamburger Morgenpost. Offenbar ließ sich der Mord an einer unschuldigen 13-Jährigen nicht einfach übergehen.

Der Bericht von ZDF heuteplus.
Der Bericht von ZDF heuteplus.

Am Ende des Tages kam auch das ZDF heuteplus mit einem gar außergewöhnlichen Bericht auf, welches sowohl einfühlsam und respektvoll über den Mord von Hallel berichtete, als auch mehr als deutlich auf den Hass hinwies, welcher in der palästinensischen Gesellschaft geschürt wird und dem vor allem Jugendliche ausgesetzt werden.

Leider schrieb keins der erwähnten Medien darüber, welche Überzeugungen der Attentäter selbst vor seiner Tat hegte. So verherrlichte er auf seinem Facebookprofil die jugendliche Terroristin, ebenso aus Bani Na’im, die vor einigen Monat Soldaten in Hevron angegriffen hatte und dabei erschossen worden war. So schrieb der 17-Jähriger, dessen Cousin laut Ynet bei einer versuchten Autorammattacke im März dieses Jahres von Soldaten erschossen worden war, am vorherigen Samstag auf Facebook:

„Ich will sterben. Das Sterben ist ein Privileg.“


Mein Bekannter Me’ir aus der Ortschaft Bet Haggai im Norden Hevrons berichtete einige Stunden nach dem

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Attentat, vor der Einfahrt nach Hevron (von seinem Haus aus zu sehen) würde eine lange Autoschlange stehen, die Autos wären mit Flaggen geschmückt und es würde gehupt werden: Sie hupen sicherlich deshalb, weil sie gute Zeugnisse heimgebracht haben“, schrieb Me’ir sarkastisch.

Ein anderer Bekannter, Moshe Rahmanov, veröffentlichte das folgende Bild und betitelte es „Bunkerbetten – bald im Angebot“:
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Es wäre lustig, wenn es nicht so realitätsnah wäre.

Unterwegs nach Ariel mit Fauzi

Neulich (08.06.16)  musste ich für ein Interview, das ich durchzuführen hatte, aus der Bar-Ilan-Universität nahe Ramat Gan/Tel Aviv in die Universitätsstadt Ariel im Herzen von Samaria fahren. Ariel ist eine Stadt mit etwa 18.000 Einwohnern, eine der vier großen Städte in Judäa und Samaria, besitzt als einzige von Ariel auf der Karteihnen eine Universität, die staatlich anerkannt ist, ist industriell und bildungstechnisch gut entwickelt, besitzt ein entspanntes Klima, eine Aussicht bis Ariel, 2013 (Quelle: Wikipedia)zum Mittelmeer und liegt an den zentralen Verbindungsstraßen zwischen Bergland und Küste, was diese Stadt zu einem attraktiven Wohnort macht. Die Bewohner von Ariel sind zum Großteil säkular und arbeiten innerhalb der Stadt bzw. vielfach im Küstenbereich – Tel Aviv und Umgebung.

Ich war bisher nur zweimal in Ariel, kein einziges Mal zuvor bin ich selbstständig angereist. Ich musste mich über Whatsapp mit einigen Freunden beraten, wie ich aus dem Zentrum überhaupt dorthin käme. Mir wurde schnell geholfen, was allerdings eine schnelle Busankunft nicht garantierte. Bis ich zur richtigen Haltestelle fand, verpasste ich ganze drei Busse, und danach ließen sich diese lange auf sich warten.

Und ich wartete, in brütender Hitze des Juni-Nachmittages, und mit mir an der Haltestelle warteten noch einige weitere Menschen. Fast alle waren dem Aussehen nach Araber, aus „den Gebieten“. Was aber machen Araber „aus den Gebieten“ mitten im Land auf einer Haltestelle? Ach, natürlich. Sie fahren heim. Die Strecke zwischen Küstenebene/Tel Aviv und Umgebung und Ariel wird tagtäglich von hunderten von arabischen Arbeitern aus Samaria befahren, welche eine Arbeitserlaubnis im Kernland Israels haben. Die Busse nach Ariel sind ihre einzige Transportmöglichkeit, von den Sicherheitsübergängen an der „Grünen Linie“ ins Land und an ihre Arbeitsstelle zu gelangen. Mit den Bussen fahren sie zu bestimmten Kreuzungen, schon im Samaria-Gebiet, und gelangen dann weiter über innerpalästinensische Transportmittel – meist Sammeltaxis – in ihre Dörfer. Manche davon liegen weit entfernt, andere nah an der Haltestelle.

Ich erinnerte mich, über dieses Thema einmal geschrieben zu haben – im Eintrag Der Bus-Skandal im Mai 2015, da wurde in den deutschen Medien über eine Entscheidung des Verteidigungsministeriums berichtet, welche am Tag ihrer Öffentlichmachung aufgehoben worden war – und zwar, die Transportmittel der israelischen Fahrgäste und der palästinensischen Arbeiter aus Sicherheitsgründen zu trennen. Jetzt hatte ich die Gelegenheit, selbst mitzuerleben, wie eine solche Fahrt von Israelis und palästinensischen Arabern in einem gemeinsamen Bus aussieht.

20160608_162730Zur Haltestelle gelangte ich mit einem Araber, er hatte gesehen, wie ich den Bus verpasst hatte. Wir warteten gemeinsam, wechselten einige wenige Worte und Gesten, ärgerten uns in schweigsamer Eintracht über den verpassten Bus. Es war heiß, ich bot ihm etwas zu trinken an. Er lehnte dankend ab und ich fasste mir an den Kopf – der Fastenmonat Ramadan hatte begonnen, wie ungeschickt von mir!

Nach einer scheinbar ewig langen Zeit kam ein Bus angefahren, der schon vollgepfercht war. Ein weiterer hielt nicht an, und so zwängten wir uns mit noch weiteren Wartenden in den Gang. Selbst die Stehplätze waren knapp. Der Bus war etwa zur Hälfte mit arabischen Arbeitern besetzt, die meisten sehr ermüdet, einige schlafend. Wir standen im Gang, der Bus bewegte sich im Schneckentempo, es waren die Nachmittagsstaus und die Autobahn 5 nach Ariel ist da leider keine Ausnahme. Ständig gab der Busfahrer einen Ruck, wir Stehenden fielen fast 20160608_163420übereinander. Wieder das Blickewechseln, manche hoben resigniert die Augenbrauen. Ich schaute einem arabischen Fahrenden über die Schulter. Der sah sich „Streich“-Videos auf Youtube an, wie sie häufig im Netz kursieren. Vertrieb sich damit die lange Fahrt. Nonchalant wie ich bin, gesellte ich mich hinter seinem Rücken dazu und konnte mir das Lachen nicht verkneifen. Ein älterer Araber neben mir kommentierte meine Beschäftigung mit einem ironischen „very funny“. Auch ihm machte der Stau zu schaffen.

Von meinem ehemaligen „Wartekollegen“ an der Haltestelle versuchte ich mit einigen Worten zu erfahren, wo er denn wohne. Er meinte nur schüchtern lächelnd, „Ariel“. Entweder sprach er kein rechtes Hebräisch, oder wollte nichts sagen. Ich kam ihm wahrscheinlich recht sonderbar vor – junge Frau, jüdisch, mit Rock (Siedlerin, was sonst?), fängt mit ihm Gespräche an.

Endlich löste sich der Verkehr, ein paar Reisende stiegen aus, Plätze wurden frei. Ich beschloss, stehen zu bleiben, aber die Männer begannen, mir Platz anzubieten. Ich lehnte wiederholt ab. Dem älteren „very funny“- Herrn, der neben mir stand, sagte ich frei heraus: Ihr habt heute gearbeitet, ich habe nichts gemacht, ihr sollt euch setzen. Der verzog leicht das Gesicht, „und das beim Fasten, den ganzen Tag nichts trinken, nichts essen“. Ich nickte verständnisvoll, wie ich es nur konnte. An unseren Fastentagen pflegen wir nicht zu arbeiten. „Hast du etwa den ganzen Tag nichts gemacht?“, fragte er zurück. „Nein, nichts“, meinte ich lachend, „ich fahre nur den ganzen Tag herum.“ Wieder ein schiefes Lachen. Der Mann wurde mir sympatisch, er sprach einwandfreies Hebräisch und schien nichts gegen Gespräche einzuwenden zu haben.

Ich nutzte die Gelegenheit natürlich, um ihn auszufragen. Wo er arbeite, was er arbeite, wo er wohne. Fauzi* (*Name geändert) arbeitete als Restaurator in der Stadt Rishon leTzion. Er erzählte mir, wie er zu seinem Dorf, Burukin, neben der Siedlung Barkan gelangte („Barkan, Buruqin, selber Name“)- bis zu einer Kreuzung auf der Autobahn 5, und dann weiter mit dem Sammeltaxi. Ja, davon

Ariel, Buruqin und dazwischen
Ariel, Buruqin und dazwischen

habe ich schon gehört. „Wieso kannst du dir kein Auto holen, um diese Strecke zu fahren?“, fragte ich und erwartete Erklärung. Diese kam, „das darf man nicht. Ohne israelischen Führerschein kann ich keine Erlaubnis für ein Auto bekommen, ein Auto der PA darf nicht nach Israel hinein.“ „Kannst du dir keinen israelischen Führerschein machen lassen?“ Ich wusste, die Fragen waren naiv, aber ich wollte Antworten von ihm in seiner Darstellung hören. Natürlich war mir klar, dass PA-Autos innerhalb Israels nicht zugelassen waren. „Nein, das kann ich nicht. Ich habe eine Arbeitserlaubnis, aber keinen blauen Ausweis (israelische Aufenthaltserlaubnis).“ Die Frage „würdest du gerne einen haben?“ lag mir auf der Zunge, aber ich unterließ sie. Vielleicht würde er sich nicht trauen, darauf zu antworten, außerdem wollte ich niemanden von etwas überzeugen, sondern Information sammeln.

Ich fragte also weiter, ob israelische Staatsbürger in seinem Dorf leben dürften. Er bejahte, es würden welche leben, das sei normal , es würden auch andere auf der anderen Seite der „Grünen Linie“ leben, sie haben eingeheiratet und dann kriegt man eine Wohnerlaubnis. Über dieses Thema gelangten wir zum Thema Heirat. So erzählte mir Fauzi, in seinem Dorf würden Muslime Jüdinnen heiraten und dann ins Dorf bringen. „Die haben dann eine israelische Staatsbürgerschaft?“ „Ja.“ „Aber dann sind sie zum Islam übergetreten, richtig?“ „Ja, natürlich.“ Ich kannte natürlich solche Fälle, aber dass das eine gängige Praxis sei, überraschte mich doch. Ich sagte ihm es auch, und dass es bei Juden nicht gerne gesehen werden würde. „Ich weiß. Sie heiraten aber nicht nach der Religion, sondern nach dem Staatsgesetz, und nach diesem ist es erlaubt“, meinte Fauzi, und fügte hinzu, „am Ende sind wir alle Menschen.“ Und dennoch, beharrte ich darauf, für Muslime sei es in Ordnung, aber für Juden nicht. Fauzi wusste das. „Dann sind die Kinder einerseits von der Mutter her jüdisch, und vom Vater her muslimisch“, dachte ich laut nach. Fauzi wusste mir daraufhin zu erzählen: „Ich kannte einmal jemanden, er kam ins Dorf, sprach mittelmäßiges Arabisch; wir unterhielten uns. Es stellte sich heraus, dass sein Vater Araber sei! Er aber wohne mit seiner Mutter in Israel. Er sagte mir, er würde seinen Vater kennen und ab und zu besuchen. Ich fragte ihn nach seiner Religion, er sagte mir daraufhin, ‚ich bin jüdisch‘.“ Fauzi erzählte auch, viele der Frauen, die ins Dorf kämen, seien russischer Herkunft. Es gäbe viele nichtjüdische Russinnen, erwiderte ich. Ob ich russisch und jüdisch sei, fragte er, und wo ich geboren sei. Er erzählte mir auch, viele würden noch immer nach Russland fahren und von dort Ehefrauen mitbringen: „Immer wieder bringen sie Frauen von dort mit.“

Ich fragte ihn schließlich nach den „Horrorgeschichten“, die bei uns viele erzählen – die schlimme Behandlung, die ehemals nichtmuslimische/jüdische Frauen von ihren arabischen Männern erfahren würden. Organisationen wie „Yad le’Achim“ in Israel spezialisieren sich auf solche „Fälle“ und berichten immer wieder von „Rettungsoperationen“, bei welchen sie diese oder jene Frau mit Kindern von einem gewalttätigen arabischen Ehemann gerettet haben. Fauzi winkte abwertend ab: „Es ist immer so, es wird ein Wort gesagt, und bis es bei der nächsten Stelle ankommt, werden daraus zehn Wörter. Ich glaube diesen Geschichten nicht. Zudem, gibt es etwa nur bei uns Gewalt, und bei den Juden nicht?“ Ich bejahte, mir kamen gleich mehrere Fälle in den Sinn.

Es ist zweifellos eine komplexe Realität. Von verschiedenen Standpunkten aus betrachtet, sieht sie vollkommen anders aus; und jeder hat dennoch das Recht auf seinen Standpunkt. Der Bus fuhr währenddessen weiter; wieder ein Rucken, und wir Stehenden fielen übereinander und fingen an zu lachen. „Man versteht nicht, was dieser Fahrer hat“, erklärte mir Fauzi mit verwundertem Lachen die Reaktionen der anderen, „wo hat er seinen Führerschein gemacht? Welcher Esel hat ihm den gegeben?“ „Vielleicht ritt er vorher auf einem Esel, und dann hat er beschlossen, das Transportmittel zu wechseln“, entgegnete ich witzelnd. Wir schmunzelten.

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Die Menschenmenge an der Kreuzung.

Dann war der Bus an der Ariel-Kreuzung angekommen. Wir verabschiedeten uns voneinander, Fauzi und ich, und stiegen aus. Draußen – Schreie, Taxifahrer, die ihre Kundschaft anwarben, Männer in langen Gewändern zwischen Olivenheinen, und all die ausgestiegenden arabischen Arbeiter, die zu den Fahrzeugen eilten. Zwei Soldaten regelten den Verkehr an der Kreuzung. Erst im März 2016 gab es hier eine Messerattacke auf eine junge Soldatin, und im Oktober 2015 eine Messerattacke auf einen wartenden Juden. Auch zuvor hatte es hier Terrorattacken gegeben, an dieser vielbefahrenen Kreuzung, wo sich beide Bevölkerungsgruppen dicht aneinander reiben.  Ein Vorbeieilender meinte, ich würde mich nach Hilfe umschauen, doch ich winkte ab. Mein Ziel war noch immer die Universität von Ariel. Wie gewohnt, nutzte ich dafür den Autostop. Die Sonne stand hoch am Himmel, es war noch Zeit bis zum Fastenbrechen beim Sonnenuntergang. Wie die Menschen das durchlebten, wie viele sich bei diesen Bedingungen tatsächlich an die strengen Regeln des Fastens hielten, wusste ich nicht zu sagen.

Ariel-Kreuzung. Das Schild weist auf das nahegelegene "Eshel Hashomron"-Hotel hin.
Ariel-Kreuzung. Das Schild weist auf das nahegelegene „Eshel Hashomron“-Hotel hin.

Ich war dankbar für die Unterhaltung mit meinem unerwarteten Gesprächspartner, meinem Nachbarn, einem weiteren Puzzlestück in der menschlichen Landschaft von Judäa und Samaria. Unser Land ist zu klein, um zwei Staaten zu beherbergen, aber es ist nicht zu klein für Leute wie Fauzi und mich, vorausgesetzt, wir wollen hier leben und einander leben lassen. Leider ist diese simple Voraussetzung in unserer Region nicht selbstverständlich. Aber die Zukunft steht offen.

Und, ja, die Anfahrtsbedingungen für die Arbeiter sollten definitiv verbessert werden, nicht nur bei Ariel, sondern auch an den restlichen Übergängen. Es gab eine Zeit, nicht allzu lange her, da gab es noch keine Übergänge, da hätte ich sogar Fauzi in seinem Dorf besuchen können. Aber die Zeit ist fürs Erste vorbei, und außerdem ist das schon eine ganz andere Geschichte…

 

 

Alles dieselben Opfer

Ich muss leider Frust loswerden, auch wenn es manchen nicht gefallen oder wenig verständlich sein wird. Ich möchte aber dennoch diesen Standpunkt darstellen, weil er authentisch die Gefühle vieler Menschen in Judäa und Samaria ausdrückt, ihren Frust, ihr Dilemma, ihre Enttäuschung. Gegenüber den eigenen Landsleuten, nicht gegenüber der Welt.


Es ist schon Mittag des nächsten Tages nach dem Tel Aviv-Attentat, und noch immer sind die Schlagzeilen der zentralen Medien (Channel 2, Ynet) alle komplett besetzt mit den Berichten. Es steht nicht in Aussicht, dass sich das im Laufe des Tages ändern wird, im Gegenteil.

Das Attentat geschah am hellichten Tag in einer beliebten Erholunhsmeile in der Metropole Tel Aviv. Tel Aviv ist Israels Entertainment-Hauptstadt. Wenn etwas in Tel Aviv geschieht, schauen alle hin.

Aber auch Rabbiner Lavieh wurde vor aller Augen ermordet, in der Altstadt von Jerusalem, und mit ihm ein weiterer Vater kleiner Kinder, und niemand half. Auch Shlomit Krigermann und Hadar Buchris wurden am hellichten Tag ermordet, zwei junge Mädchen, mit Messer und Schusswaffen. Und wer kennt noch die Namen von Eliav Gelman, der mit seinem Einsatz das Leben von Zivilisten an einer Bushaltestelle retten wollte und dabei ins Kreuzfeuer geriet; und Avraham Hasno, der an seinem Auto brutal von einem Lastwagenfahrer überfahren wurde und dieser noch mehrere Male über ihn gerollt war, um den Tod sicherzustellen? Der Täter wurde anfangs nur wegen „fahrlässiger Tötung“ belangt.

Und Jakov Don und Ezra Schwarz? Sie standen im Stau. Der Täter schoss auf alle, tötete „nur drei“, darunter einen eigenen Landsmann.

Warum nenne ich diese Namen und rufe die längst vergessenen Personen in Erinnerung?
Sie waren Opfer desselben Terrors wie die Opfer von Tel Aviv.

Aber sie kamen nicht aus Tel Aviv. Sie waren Siedler, oder aus Jerusalem. Sie wurden in Judäa und Samaria getötet. Nicht in einer Erholungsmeile einer Non-Stop-Metropole. Dort, hinter der „Grünen Linie“, knappe 80 Kilometer von Tel Aviv entfernt, dort erwartet man die Toten. Dort ist rechtsfreier Raum, dort töten die Terroristen die Juden aus ganz anderen Gründen als in Tel Aviv. Dort muss ein Massaker geschehen, wie des Vogel-Ehepaares und ihrer Kinder, dass sich jemand entsetzt. Die Terroropfer und Verletzten in Judäa und Samaria sind mehr „Kollateralschaeden“, „Opfer des Friedens“, wie der verstorbene Yitzhak Rabin einst die Terroranschläge nach den Oslo-Verträgen nannte.

Aber wer so denkt, irrt sich.
Der Terror kommt überall hin, der Terror beginnt in Judäa und Samaria, aber er hält dort nicht an. Diejenigen, die die Terroristen erreichen wollen, sie fragen sie nicht nach ihren Überzeugungen, ihren Berufen und sie interessiert auch nicht ihr Aussehen und ihre sexuelle Orientierung. Sie interessiert einzig und allein ihre Zugehörigkeit – zu Israel, zum jüdischen Volk.

„From the river to the sea, Palestine will be free“, skandieren die radikalisierten muslimischen Massen und ihre Unterstützer im selbsternannten Palästina, auf den Straßen von Europa und den USA. Zwischen dem Jordanfluss und dem Meer, dort liegen Alon Shevut und Hevron, Givat Ze’ev und Jerusalem. Und auch Tel Aviv. Und solange sie dort sind, solange wird der Terror anhalten. Bis diesem jemand ein Ende setzt, so oder anders. Aber das scheint noch immer nicht in Sicht zu sein.

Sollen die Ermordeten in Frieden ruhen, sie alle, , Gott ihr Blut sühnen und ihr Gedenken zum Segen werden lassen.
זכרונם לברכה, ה‘ יקום דמם.

Reblogged: Wohnen Araber in jüdischen Siedlungen?

BPB 080616 Efrat3Heute habe ich in Efrat (liegt im Herzen von Gush Etzion) eine Gruppe junger Journalisten verschiedener deutscher Medien (von ZDF und Süddeutsche Zeitung über Berliner Zeitung bis Tagesspiegel) getroffen und sich mit ihnen dabei über verschiedene Themen, die das Zusammenleben zwischen Juden und Arabern in Judäa und Samaria betreffen, unterhalten. Das Treffen fand in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung statt (siehe mehr darüber hier).

Für diejenigen unter ihnen, die möglicherweise nach diesem Treffen auf diesem Blog hier vorbeischauen wollen, und auch für alle von euch, die dieses Thema ebenso interessiert, hänge ich hier einen älteren Artikel von mir an, über ebendieses Zusammenleben von Juden und Arabern und was es damit auf sich hat. Fragen und Bemerkungen sind immer willkommen.

Chaya

Avatar von ChayaIch, die Siedlerin | Eine jüdische Stimme aus Judäa

Häufig werde ich gefragt – und das meist mit einem vorauseilenden anklagenden Unterton -, ob Araber/-innen in jüdischen Siedlungen wohnen dürfen. Dieses kurze Essay dürfte als eine Erklärung zu dieser nicht unwesentlichen Frage dienen. 


Ansicht auf Efrat. Im Vordergrund: Weinstöcke arabischer Weinbauern Ansicht auf Efrat. Im Vordergrund: Weinstöcke arabischer Weinbauern

…Efrat ist eine Ortschaft in Gush Etzion mit fast 10.000 Einwohnern. Es befindet sich mitten in Ausbau und Erweiterung. Lang ausstehende Bauprojekte wurden genemigt und von verschiedenen Auftragnehmern übernommen. Die Baustellen sind täglich in Betrieb. Auch sonst bedarf die Infrastruktur von Efrat einer umfassenden Pflege – wie die einer jeden Ortschaft. Efrat ist eine „Großsiedlung“, wenn man will, und wurde für 25.000 Einwohner geplant. Sobald Efrat sich in ihrer Einwohnerzahl der 15.000-Grenze nähern wird, soll ein Antrag auf Stadternennung durchgeführt werden, welches ihr den Status der ersten jüdischen Stadt der Judäa-Region einbringen würde, und der fünftgrößten Stadt in den Siedlungsgebieten (nach Modi’in Illit, Beitar Illit, Ma’ale Adumim und Ariel).

Hier liegt Efrat Hier…

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Yehuda will nach Hause – aber darf nicht?

Das größte und erfolgreichste Projekt in der Geschichte der israelischen Projekt- und Spendensammelseite Headstart.co.il (inspiriert von einer ähnlichen Webseite in den USA, Kickstarter), welches erst am Donnerstag, dem 02.Juni ’16, ins Leben gerufen wurde, hat schon sein mehreren Tagen seine erste Zielsumme überschritten – 600.000 Shekel – und eigentlich hat es auch mehrere hunderttausend Shekel mehr als die zweite Zielsumme, die diesem gesetzt wurde, eingesammelt – alles in allem 1,528,601 Millionen Shekel.

Dutzende von Medien und tausende Posts in sozialen Netzwerken berichteten auf Hebräisch und Englisch über das Projekt und priesen die Großzügigkeit und überwältigenden Einsatz für einen für die meisten Spender komplett fremden Menschen – Yehuda Yitzhak Hayisraeli.

Die Kampagne, ins Leben gerufen am besagten 02.06. 2016 von der Non-Profit-Organisation „My Israel“ (manche mögen ihre Aktivitäten auf Facebook verfolgt oder einige Posts gesehen haben), entstand für einen noblen Zweck; gleichzeitig offenbarte sie ganz Israel, durch die überwältigende Teilnahme und die Berichterstattung in der zumeist neutralen bis kritischen Presse, die aber auch bei diesem Fall nicht gleichgültig bleiben konnte, die menschenunwürdige und gar entsetzende Haltung, welche die staatlichen Organe gegenüber denen pflegen, die für sie in den Krieg und in den Tod ziehen. Beispielsweise dann, wenn diese an einem Ort wohnen, deren Bewohner für politische Spielereien ausgenutzt werden können, wann immer es den Politikern beliebt. Alle Bürger sind gleich vor dem Gesetz, aber manche sind eben weniger gleich, mögen sie noch so sehr ihr Leben aufs Spiel setzen.

Zu den Fakten.

Wer ist Yehuda Yitzhak Hayisraeli?
Yehuda, Rivka und die kleine Tzuria (Quelle: BInyamin Council)
Yehuda, Rivka und die kleine Tzuria (Quelle: Binyamin Council)

Yehuda ist ein junger Mann, 24 , Ehemann von Rivka (23), Vater von zwei kleinen Kindern – Tzuriá und Érez. Geboren in der Siedlung Psagot (Binyamin-Region), wuchs er mit seinen Eltern in der Ortschaft Ofra (ebenso Binyamin) auf. Als er und Rivka heirateten, da waren beide Anfang 20, sie zogen um nach Tel Aviv, wo die Eltern seiner Ehefrau wohnten. Im Herbst 2012, im Rahmen seines religiösen Studiums kombiniert mit dem Armeedienst, wurde Yehuda in den Wehrdienst eingezogen. Anstatt nah am Wohnort zu dienen, was er als verheirateter Mann hätte verlangen können, entschied er sich, in eine Kampfeinheit einzutreten (bei den GIvati-Einheiten), zog die Examen durch und wurde angenommen.

„Er ist ein Mensch, dem das jüdische Volk wichtig gewesen ist. Das Geben war ihm wichtig“, beschrieb ihn sein Vater (Israel Hayom, 27.03.15).

Der Einsatz und die Folgen

Im Juli 2014 begann die Militäroperation „Fels in der Brandung“, im Anschluss an die Entführung der drei Jugendlichen Eyal, Gil-ad und Naftali einen Monat zuvor. Verschiedene Einheiten der IDF marschierten im Laufe der Operation in den Gazastreifen ein, um Terroristenzellen zu neutralisieren und die erst seit Neuestem bekannt gewordenen Terrortunnel, welche aus dem Streifen ins Kernland Israel führten, ausfindig zu machen. Yehuda, der sich gerade in einem Offizierskurs befand, war gerade für einen kurzen Urlaub daheim, aber konnte angesichts der Kriegshandlungen nicht stillsitzen, so berichtete seine Frau Rivka im Nachhinein; er wollte zusammen mit den anderen Kameraden sein. Rivka befand sich gerade im 9.Monat, ließ ihren Mann aber zur Front. Am 1.August, einige Tage später, wurde der Verdacht auf Entführung eines der Soldaten öffentlich gemacht, und Yehuda und weitere Soldaten der Spezialeinheit wurden in den Gazastreifen, nahe der Stadt Rafiah, geschickt, um den Entführten aufzuspüren.

Während ihres Vormarsches in einem Trainingslager der Hamas gerieten sie ins Kreuzfeuer einer technischen Einheit der Armee, welche die Gebäude auf dem Weg zu sprengen hatte, um den Vormarsch zu garantieren. Yehuda wurde von einem Raketensplitter in den Kopf getroffen. Lebensgefährlich verletzt, wurde er ins Soroka-Krankenhaus in Be’er Shewa transportiert, im Laufe des Tages und der Nacht mehrfach operiert, ins Koma versetzt. Tag und Nacht wachten Familie und Freunde. Sein Zustand veränderte sich – verschlimmerte sich, verbesserte sich wieder, Yehuda verblieb im Koma. Zwei Monate lag er in der Notaufnahme, überlebte fünf Kopfoperationen. Laut Sara Ha’etzni-Cohen, der Direktorin der NGO „My Israel“, musste etwa ein Drittel seines Schädels, der irreparabel beschädigt worden war, entfernt werden.

„Wir wissen, dass er hört und fühlt“

Nur wenige Wochen nach der schicksalsträchtigen Verletzung, am 21.August, wurde Yehudas zweites Kind geboren, fünf Tage vor dem offiziellen Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas. Am 28.August wurde die traditionelle Beschneidungszeremonie abgehalten – im Krankenhaus, im Korridor neben Yehudas Krankenzimmer. Der Komapatient sollte, so möglich es nur war, bei der Beschneidung und Namensgebung seines Sohnes dabei sein. Das Krankenpersonal, welches sehr eng mit der Familie Hayisraeli zusammenstand, organisierte die Zeremonie. Der Sohn wurde Érez benannt – auf Hebräisch Zeder. Auf den Namen hatten sich Yehuda und seine Frau noch vor seinem Einsatz geeinigt.

Rivka  brachte das Mädchen, Tzuria, die damals noch keine zwei Jahre war, erst einige Monate nach Yehudas Verletzung zum Vater, als er ins Rehabilitationszentrum Shiba (Tel Hashomer Hospital,

Rivka Hayisraeli. Quelle: Israel Hayom
Rivka Hayisraeli. Quelle: Israel Hayom

nahe Tel Aviv) überführt worden war. Sie hatte Angst vor der Reaktion des Kindes auf den durch die Verletzung und die Kabel kaum erkennbaren Vater . Entgegen ihrer Sorgen, so berichtete sie in einem Interview (Israel Hayom), reagierte das Kind ganz normal und zeigte keine Berührungsängste. Auch den kleinen Sohn brachte Rivka von da an ans Krankenbett, nahe zum Vater, damit dieser sich an den Geruch gewöhnen konnte.

„Wir wissen, dass er hört und fühlt, er ist einfach gefangen in sich selbst und kann nicht reagieren.“ (Rivka)

Iris und David Hayisraeli. Quelle: Israel Hayom
Iris und David Hayisraeli am Bett von Yehuda. Quelle: Israel Hayom

Die Eltern, Iris und David, hatten außer des Kummers um den Sohn noch mit vielen weiteren Sorgen zu kämpfen – der weitesgehend als müßig und träge bekannten Bürokratie der israelischen Armee und weiterer offizieller Stellen. „Wir haben gute Menschen gefunden, die uns so gut es geht helfen wollen. (…) Sie waren bereit, Ausnahmebitten zu akzeptieren, um es uns zu erleichtern. Sie bezahlen uns die Anwesenheit in den Gästezimmern am Shabbat, ein behindertengerechtes Auto, das ihm zustehen sollte, lieferten sie mir an seiner statt, unterstützen uns mit dem Kindergartengelt für Tzuria und Erez, und uns begleitet auch eine Sozialarbeiterin“, berichtete David Hayisraeli im selben Interview in 2015. Und dennoch: Das Bürokratierad drehte sich langsam, und die Folgen der politischen Kräftemessungen und Launen blieben auch Yehuda und seiner Familie nicht erspart.

Behindertengerecht? Nicht für Siedler

Ein Jahr nach seiner Hospitalisierung begann Yehuda, Handbewegungen zu zeigen und damit auf Ja-und-Nein-Fragen zu antworten. Im Oktober 2015 schließlich begann er, die ersten Worte zu sagen. Seine Genesung ging voran, in sehr langsamen Schritten, aber ein Horizont wurde endlich sichtbar. Im Frühjahr wurde eine weitere wichtige Operation an ihm durchgeführt, und die Rehabilitation hatte eine Phase erreicht, bei welcher Hayisraeli in das Haus seiner Eltern in Ofra überführt werden durfte, um dort, in familiärer Umgebung, weiter behandelt zu werden. Die täglichen Fahren der Familie ins Krankenhaus, die Übernachtungen in den Hotelzimmern und die andauernde Hospitalisierung durfte endlich zu ihrem Ende kommen, fast zwei Jahre hatte diese angedauert.

Um das Haus seiner Eltern behindertengerecht umgestalten zu können, müssten einige Dinge angepasst werden – eine

Haus der Familie Hayisraeli. Quelle: Channel 10
Haus der Familie Hayisraeli. Quelle: Channel 10

Einfahrtsrampe zum Haus, eine besonders eingerichtete Wohneinheit, ein Behindertenaufzug und anderes mehr. Da Ofra eine Siedlung ist, eine vom Staat seit Jahrzehnten anerkannte, aber ihre Bewohner – israelische Staatsbürger – dennoch zunächst einmal dem Militärgesetz in den Gebieten von Judäa und Samaria unterliegen, mussten für das neue Zimmer und die zusätzlichen Erweiterungen für den Sohn seitens der Familie über das Verteidigungsministerium beantragt werden.

Hier liegt Ofra.
Hier liegt Ofra.

Das Verteidigungsministerium, speziell die Abteilung für im Kampf verletzte und als körperlich oder geistig behindert eingestufte Soldaten, ist dafür verantwortlich, das Geld und die entsprechenden Anpassungen bereitzustellen, um dem betreffenden Soldaten ihm gerecht werdende und würdige Lebensumstände zu ermöglichen, welche eine weitere Rehabilitation fördern können. Nach knapp zwei Jahren Krankenhausaufenthalt und schwieriger Behandlungsprozesse, inklusive mehrerer schwerwiegender Operationen, ist Yehuda endlich soweit, ein Leben im Haus seiner Eltern neu aufnehmen zu können.

Aber dieses Recht scheint nicht für „Siedlersoldaten“ zu gelten. Denn das Verteidigungsministerium, trotz aller eingereichten Formulare und des geltenden Rechts für verletzte Soldaten, weigert sich, den Ausbau eines solchen Raumes sowie weiterer Bauanpassungen für Yehuda stattzugeben. Denn für die Siedlung Ofra gilt ein Baustopp. Es wird nicht gebaut. Auch keine Rampe, kein Behindertenaufzug, erst recht kein zusätzliches Zimmer. „Siedlungsbau ist eingefroren“, heißt dieser Zustand normalerweise in den regulären Berichten der deutschen und internationalen Medien. So lauten auch immer wieder die Forderungen sämtlicher internationaler Regierungen. Diese fragen niemals nach, wer von einer solchen „Einfrierung“ betroffen sein könnte, wem sie tatsächlich nutzen oder gar schaden könnte.

In diesem Fall betraf sie Yehuda. Darüber berichteten die Nachrichten des Channel 10 und 2 – und so besagt ein offizielles Schreiben des Verteidigungsministeriums vom 24.05.2016:

Offizielles Schreiben des Verteidigungsministeriums, 24.05.16. Quelle: Akiva Lamm
Offizielles Schreiben des Verteidigungsministeriums, 24.05.16. Quelle: Akiva Lamm

 

„An Yehuda Hayisraeli (über seine Vormünde):

Bezüglich der Anfrage um finanzielle Unterstützung für die Errichtung einer Wohneinheit nahe des Elternhauses: Es ist entschieden worden, dass es keinen Anlass gibt, zu dieser Zeit über die Anfrage zu entschceiden, solange es keine Baugenehmigung gibt, daher wird die Besprechung der Anfrage auf ein Weiteres verlegt, bis eine Baugenehmigung vorliegt.“

Seine Eltern erzählen, dass wenn Yehuda in seinem Rollstuhl in das Haus der Familie gebracht werden soll, beispielsweise an den Wochenenden, so wird er einige Dutzend Stufen hoch ins Haus getragen. Soll ihm Physiotherapie verabreicht werden, so erzählt Mutter Iris für Channel 10, so muss er per Kran angehoben und auf den Tisch gelegt werden:

„Wir verlangen keine Paläste, wir verlangen elementäre Zustände, die ihm seine Würde erhalten und eine Rehabilitation ermöglichen können.“

„Wenn der Staat nicht sorgt, werden wir es tun“

Am 02.Juni 2016 eröffnete die Organisation „My Israel“ die Spendenkampagne zugunsten der behindertengerechten Anpassungen für Yehuda, nach Absprache mit der Familie. Die Initiatorin – Vorsitzende der Organisation, Sara Ha’etzni-Cohen. Die Kampagne startete unter dem Motto – „Wenn der Staat nicht für Yehuda sorgt, werden wir es tun.“ Nach knapp zwei Tagen erreichte die gesammelte Summe über 600.000 Shekel. Der Gesamtanbau würde sich auf 1,2 Millionen belaufen. Sprachlos von dem Erfolg, erhöhten „My Israel“ die Zielsumme auf die eigentliche Kostenanzahl. Am 05.Juni belief sich die Spendensumme auf über 1 Million. Am 07.Juni erlange sie schon über 1,500,000 Shekel. Über 8200 Spender engagierten sich, aus allen Landesteilen, aus allen Landesgruppen.

Einige Tage zuvor, am 05.Juni, interviewten die Reporter des Channel 2 die Initatorin, fragten sie nach den Rückmeldungen der Spender und brachten erneut die Rückmeldung des Verteidigungsministeriums, die wie folgt lautete:

Rückmeldung des Verteidigungsministeriums, 05.06.16 (Quelle: Channel 2)
Rückmeldung des Verteidigungsministeriums, 05.06.16 (Quelle: Channel 2)

„Zu unserem Leidwesen erfüllt die Familie die notwendigen Kriterien, die eine solche [finanzielle] Unterstützung ermöglichen, auch unter Ausnahme des gültigen Rechts. Zudem hatte die Abteilung für Rehabilitation der Familie verschiedene Lösungsmöglichkeiten für die gestellte Anfrage vorgeschlagen. Das Verteidigungsministerium sucht weiterhin nach Lösungen zusammen mit der Familie, um die Rehabilitation von Yehuda zu unterstützen.“

Bauarbeiten am Haus. Quelle: My Israel (FB)
Bauarbeiten am Haus. Quelle: My Israel (FB)

Am selben Tag begannen die Arbeiten am neuen Raum und der Rampe für Yehuda in seinem Heimatort Ofra. Wie ein Familienangehöriger in einem Interview erklärte, „wir werden trotzdem bauen“. Technisch ließ sich dies allerdings erst nach der Spendenaktion ermöglichen. NRG berichtete über den Beginn der Bauarbeiten und zitierte die stellvertretende Außenministerin Tzipi Hotovely, welche sich darüber empörte, dass in keinem „ordentlich geführten Land ein Staat einen Soldaten, der für ihn gekämpft hat, zum Geldsammeln schickt, damit dieser in angemessenen Umständen nach Hause zurückkehren kann“. 

Man darf nicht vergessen, dass im Laufe des Monats Mai der damalige Verteidigungsminister Moshe Ya’alon sein Amt am 20.Mai aufkündigte. Am 30.Mai wurde der neue Minister, Avigdor Lieberman, welcher selbst in einer Siedlung, Nokdim (Gush Etzion) wohnhaft ist und für seinen rechtsorientierten politischen Kurs, allerdings auch für seine Launenhaftigkeit und politischen „Zigzag“ bekannt ist, vereidigt. Am 06.06. zitierte „My Israel“ den Tweet von Channel 2, der wiederum einen Tweet von Avigdor Lieberman selbst wiedergab:

Quelle: My Israel
Quelle: My Israel

„Das Verteidigungsministerium wird die Ausgaben für den Anpassungsbau von Yehuda Hayisraeli übernehmen.“

Ein weiteres Statement besagte, dass Verteidigungsminister Liebermann den Militärgouverneur von Judäa und Samaria angewiesen hatte, die Bauarbeiten an Hayisraelis Haus nicht zu unterbrechen.

Noch immer nichts

Nach diesen hoffnungsvollen Botschaften,  auf die Änderung eines Kurses seitens der Staatsorgane hindeuteten, erfolgte allerdings noch immer keine offizielle Wendung dieser an die Familie, geschweige denn eine finanzielle Unterstützung. Die Bauprozesse werden von den Spenden getragen, ebenso der Erwerb der Einrichtungen für die Physiotherapie. Eine Mitwirkung des Staates scheint nicht in Sicht.

Die Organisation „My Israel“ hat auf ihrer Facebookseite die neuesten Entwicklungen veröffentlicht und versichert, die gespendeten Gelder unter der Beaufsichtigung eines unabhängigen Gremiums entsprechend ihrem Zweck zu verwenden Bericht zu erstatten, und im Falle einer Finanzierung durch den Staat die Spender zu kontaktieren und ihr Einverständnis zur Verwendung einzuholen, oder aber die Summe zurückzuerstatten.

Yehuda Hayisraeli heute.  Quelle: Channel 10
Yehuda Hayisraeli heute.
Quelle: Channel 10

Die Familie hat darum gebeten, die Spenden einzustellen; noch immer sprachlos vom gewaltigen Einsatz der israelischen Öffentlichkeit für ihren Sohn, möchte sie jedoch von nun an das natürliche Recht verlangen, das Yehuda Hayisraeli zugesteht – angemessene Wohnverhältnisse für einen im Kampf lebensgefährlich verletzten israelischen Soldaten, einem israelischen Staatsbürger, dem Vater von zwei Kindern. Auch Yehuda selbst ist mittlerweile in der Lage, die Worte „Ich will nach Hause“ auszusprechen – mit Mühe, doch er kann das.

Aber die Frage bleibt – wenn das Haus umgebaut wird und Yehuda endlich einziehen darf , wird der israelische Staat ihm seine Rehabilitation legal ermöglichen können – oder wird Yehuda für den Staat Israel als „illegaler Siedler“ gelten?

 

 

 

(Quellen: Channel 2, NRG, Channel 10, Ynet, Israel Hayom)

 

Unabhängigkeit, Souveränität oder was? 68 Jahre Israel

Heute feiern wir 68 Jahre seit der Entstehung des Staates Israel. Achtundsechzig Jahre lang steht der Staat Israel auf seinen Grundfesten, lässt sich von keiner Armee besiegen, von keiner 68 logoGroßmacht auflösen, von keiner Boykottdrohung einschüchtern, von keinem Terroristen verschrecken.  Achtundsechzig Jahre entwickelt sich die israelische Gesellschaft im staatlichen Rahmen, als eine  Gemeinschaft in einem großen „Schmelztiegel“ aus verschiedenen Nationen, Mentalitäten, Meinungen, Glauben und Wertvorstellungen. In diesen achtundsechzig Jahren hat der Staat Israel Prüfungen auf sich nehmen müssen, die nur wenigen bis keinen Staaten vorgelegt wurden, und es sieht nicht aus, als würden diese ein Ende nehmen.

Von außen wie von innen sieht die israelische Gesellschaft und mehr noch, die israelische Politik, zersplittert und zerstritten wie noch nie aus. Einiges von diesem Eindruck ist freilich übertrieben und unwahr, aber vieles ist auch Realität. An vielen Kreuzungen haben sowohl die jüdische als auch die gesamtisraelische Gesellschaft und ihre Anführer gestanden und sich entscheiden müssen -in welche Richtung bewegen wir die Gemeinschaft? Fügen wir unser Puzzle zusammen, notwendigerweise oder aus innerem Verlangen heraus, oder driften wir auseinander, weil die Unterschiede und die Ideale uns wichtiger sind als der Zusammenhalt? In Krisenzeiten ist es von Israel und seinen Bewohnern bekannt, dass man die Unterschiede beiseite stellt (nicht vergisst, freilich) und füreinander einzustehen bereit ist. Krisenzeiten, damit sind Kriege gemeint.

Aber wenn politische Krisen aufkommen; wenn die Weltgemeinschaft mal wieder ihre israelkritische Phase durchmacht und uns dies auf sämtliche Arten und Weisen wissen lässt? Wenn die Linksorientierten unter uns Angst um ihre Führungsrolle haben und die Rechtsorientierten Angst um ihr Mitbestimmungsrecht? Wenn die Führung des Landes ihrer Dissonanz mit denjenigen, die sie gewählt haben, nicht bewusst ist oder sie nicht akzeptieren will, und wenn Gesellschaft, sich nach Individualismus sehnend, ihre Gemeinschaftsrolle vergisst? Wenn die Differenz zwischen den Weltanschauungen hin zu post- oder pre-modern flüchtet, anstatt einen Kompromiss in einer vorhandenen Moderne zu schaffen? Und wenn das Gefühl, sich in einem ununterbrochenen Verteidigungskampf zu befinden, den Mut und die Kreativität lähmen, neue Möglichkeiten zu entdecken und Schritte zu wagen?

Dann sehen wir die Zersplitterung,. Dann tritt auch ein Antagonismus zwischen dem Begriff „Unabhängig“ und Souverän“ auf die Bühne.

Weshalb?

Ein unabhängiger Staat hat nicht gleich eine Souveränität. Israel ist ein deutliches Beispiel hierfür, und das Themengebiet, mit welchem sich der Blog „Die Siedlerin“, befasst, ist mit diesem Antagonismus mehr als vertraut.

Denn der Staat Israel mag unabhängig in Form und auf Papier sein. Es mag eine Erklärung, eine funktionierende Regierung und ein aktives Parlament haben. Seine Wirtschaft betreuen wie jeder weitere unabhängige, funktionierende Staat, und seine Gesellschaft darf sich nach ihrem Ermessen entfalten. Aber hat er tatsächlich die Souveränität, der er bedarf? Kann der Staat tatsächlich seine Entscheidungen treffen unabhängig vom Einfluss äußerer Handlungsträger, Gremien, Staaten, Interessenten?

Hat der Staat Israel beispielsweise Souveränität über seine Grenzen? Wird ihm uneingeschränkt ermöglicht, diese zu verteidigen? Zwei feste Grenzen hat der Staat Israel. Es ist die Grenze zum Meer, und die Grenze zu Ägypten. Diese steht erst seit 1982. Alles andere? Der Gazastreifen wurde nach Ende des Unabhängigkeitskrieges 1949 von Ägypten besetzt, doch durch seine Übernahme durch Israel im Sechs-Tage-Krieg nicht wieder von Ägypten beansprucht und bis heute abgelehnt. Israel besiedelte den Gazastreifen, Menschen bauten sich dort gemeinsam mit den arabischen Einwohnern ein Heim auf, doch die späten Achtziger (Erste Intifada) und die Oslo-Abkommen 1994 sprengten das scheinbare Zusammenleben. Der Terror und die immer wieder nicht zum Ende kommenden Friedensverhandlungen mit der palästinensischen Führung führten die israelische Regierung zu dem Schluss, dass den Gazastreifen wegzugeben und die jüdische Bevölkerung von dort herauszuholen die beste Geste zu einem „Frieden“ sei. Das geschah im Jahr 2000. Nach der Vertreibung von 8000 Menschen, der Zerstörung ihrer Häuser, nach dem Aufstieg der Terrororganisation Hamas zur Regierungspartei des nunmehr autonomen Gazastreifens wird noch immer behauptet, Israel würde über den Streifen herrschen. Die Rückzugslinie, welche die Hamas nicht anerkennt und immer wieder (auch physisch, wie man schon weiß) untergräbt, soll die Grenze zu einem zukünftigen arabischen Staat im Landstreifen darstellen. Wie soll man das heutige Gebilde allerdings betrachten?

Grenze zu Israel und Ägypten
Grenze zu Israel und Ägypten

Die Grenze zum Libanon ist eine Kriegsfolge von 1982 und 2000 und eine Waffenstillstandslinie nach dem Abzug der israelischen Truppen im Jahr 2000, nach einem jahrzehntelangem Krieg gegen Terrormilizen im Libanon (die „blaue Linie“). Dasselbe gilt für die Grenze zum (ehemaligen) Syrien – eine Waffenstillstandslinie von 1974. Die Grenze zu Jordanien im Osten des Landes

Grenze und umstrittene Grenze zu Jordanien
Grenze und umstrittene Grenze zu Jordanien

wurde zwar 1994 bei dem Friedensabkommen festgelegt – aber gilt es für die gesamte Grenze? Will man Israel in den Gesprächen mit der palästinensischen Führung nicht dazu zwingen, das von Jordanien 1967 eroberte und von diesem 1988 als nicht mehr für beansprucht erklärte Gebiet, welches an Jordanien grenzt, in die Hände der Palästinenser zu geben? Speziell handelt es sich dabei um die Grenze zu Jordanien – bis heute eine umstrittene Grenzlinie und ursprüngliche Waffenstillstandslinie von 1967.

Die Golanhöhen – man könnte meinen, nach dem Sechs-Tage-Krieg und nach der Eingliederung dieser in die israelisch festgelegten Staatsgrenzen würde das massive Gebirge als israelisches Staatsgebiet anerkannt sein. Bisher waren die Gespräche über die Golanhöhen nur auf diplomatischer Ebene ein Streitpunkt zwischen Israel, Syrien und der UNO. Doch ausgerechnet in den letzten Jahren, in welchen wir zudem Zeugen eines sich auflösenden Syriens werden, kommen die Golanhöhen wieder ins Visier derjenigen, die Israel auf möglichst wenig Land reduziert sehen wollen. Schon werden die populären und weltbekannten Golan-Weine als „kolonialistische

Die "Grenzen" zwischen Libanon und Syrien
Die „Grenzen“ zwischen Libanon und Syrien

Produkte“ abgehandelt und sollen von der EU gekennzeichnet werden. Internationale Organe fordern die „Abgabe“ des Bergmassivs an ein de facto nicht mehr existierendes Syrien. Die Grenzen zu Syrien? Das unabhängige Israel legte diese nach einem gewonnenen Verteidigungskrieg selbst, doch die Souveränität über das Gebiet wird Israel abgestritten.

Und das problematischste Feld ist die sogenannte Grüne Linie. Als

Samaria-Gebiet

„Grenze von 1967“ oder „Grenze von 1949“ abgehandelt, führt die Waffenstillstandslinie nach dem Unabhängigkeitskrieg von Israel gegen sechs arabische Staaten quer durch das Land und ist Explosivmaterial für die meisten Gespräche im und um das Land. Es ist keine Grenze, es wurde nie als solche f

judea
Judäa-Gebiet

estgelegt oder anerkannt; aber seit 1994 wird sie als solche gehandhabt, mit allen daraus resultierenden Folgen. In 1967 entschloss sich Israel – teils aus internationalem Druck, teils aus innerer Unentschiedenheit heraus und vor allem aufgrund der Weigerung der Arabischen Liga, mit dem Gewinnerstaat zu verhandeln, das Gebiet nicht einzugliedern. Keine Grenze wurde festgelegt; nur eine theoretische Linie gezogen und im Gebiet schufen die Regierung, die Armee, die Bevölkerung und die Zeit ihre Realität.

Was diese Realität für Israel bedeutet – ob Besatzung, Verwaltung oder Vorbereitung,  ließ sich vor 49 Jahren für die damaligen Führungskräfte nicht erahnen. Doch mittlerweile lebt der achtundsechzig Jahre alte Staat in seiner Unabhängigkeit mit einem hunderte Quadratkilometer großen Stück Land in seinem Herzen, welches weder unter die Kategorie „unabhängig“ fallen kann, noch lässt sich dort irgendeine Souveränität in Handlung und Entscheidung erkennen – von welchem staatlichen Organ auch immer, auch seitens der seit 1994 existierenden und aktiven Palästinensischen Autonomiebehörde. Ob in Bau, Verkehr, Wasser und Strom, Landverteilung oder simples Betreten von Territorien – jedes Wimpernzucken in diesem nur 24% des offiziellen Israels ausmachenden Gebiets wird auf einem internationalen Tribunal ausdiskutiert. Je mehr Jahre seit dem vermaledeiten Status Quo der 60er vergehen, desto lauter verlangt das Tribunal die Aufgabe des Gebiets, die Auflösung jeglichen Souveränitätsanspruches und spricht Israel jegliche Entscheidungsfreiheit ab.

Es stellt sich aber die Frage – hatte der Status Quo eine Berechtigung? Und hätten wir die Gelegenheit gehabt, anstatt einer Militärherrschaft eine tatsächliche Souveränität nach Judäa und Samaria bringen können? Inwiefern bedeutet uns Israelis die Unabhängigkeit, wieso lassen wir eine Unabhängigkeit mit Lücken durchgehen und fordern nicht laut genug das Recht auf Bestimmung, was in unserem Land geschieht, das wir durch alle 68 Jahre hindurch mit Blut und Schweiß für uns erworben haben?

Ich rede hier nicht über die Ansprüche der palästinensischen Araber. Weshalb? Weil die Entscheidungen, die unabhängigen Entscheidungen des Staates Israel die Voraussetzung für die Zukunft dieser sind. Sie waren es bisher und sie werden es weiterhin sein. Im Endeffekt ist es Israel, welches die Zukunft und die Wandlung der Region um es herum bestimmt, und selbst in ihrem Krieg gegen Israel schauen die palästinensischen Araber auf den  Staat und warten auf unsere Reaktion. Sie sind ein Produkt der israelischen Handlungen, die Unabhängigkeit, die sich Israel aufgebaut hat, war der Katalysator für ihren Ruf danach, war und ist die treibende Macht hinter ihrer Identifikation, die Hauptkomponente und schließlich auch der Grund für ihr Bestehen bis zum heutigen Tag. Es ist keinesfalls die Frage nach einer Daseinsberechtigung – es ist die Frage nach ihrer Bedeutung. Welche Bedeutung verleiht uns der palästinensisch-arabische Kampf gegen uns?

Dasselbe betrifft auch die israelischen Siedler von Judäa und Samaria. Die Siedler, einst das Symbol des Zionismus und der Wiedergeburt des jüdischen Volkes und heute als politische Spielkarte und „Friedenshindernis“ in die Ecke gedrängt, weisen mit ihrem Dasein auf eine offene Wunde der Gesellschaft hin. Die Staatsführer hingegen wissen von Generation zu Generation nicht, wie sie zu schließen. Es ist eine Wunde wegen der Unklarheit um Judäa und Samaria herum, das jüdische Kernland, welches so viele für einen zweifelhaften bis betrügerischen Frieden hingeben wollen. Weggeben, weil sie müde von dem erschöpfenden Alltag des jahrelangen Krieges sind; weil sie die Forderungen aus der restlichen Welt nicht mehr hören wollen; oder weil sich ihre eigene jüdische oder israelische Identität  noch immer nicht formiert hat. Noch immer ist nicht klar, welche Aspekte diese jüdisch-israelische Identität ausmachen. Wie viel davon ist jüdisch, was genau heißt demokratisch; welchen Stellenwert hat das Land und welches die Leute? In diesem Sinne sind die Siedler in ihrer Bedeutung den palästinensischen Arabern sehr ähnlich. Sie beide weisen auf ungelöste Probleme hin, deren Lösungsdatum schon lange abgelaufen ist und welche die Gesellschaft von innen zu zersetzen beginnen.

Beide sind sie auf ihre Art ein Dorn in den Augen derjenigen, die meinen, wir seien schon bei unserer Unabhängigkeit oder Souveränität „angekommen“. Beide stellen die zentralen Herausforderungen des Staates dar, bei welchen sich schließlich dessen wahres Unabhängigkeitsvermögen zeigen wird.

Wo wir uns nach diesen 68 Jahren befinden, ist noch immer nicht eindeutig. Israelische Errungenschaften sollten in unserer Wahrnehmung dieser 68 Jahre eindeutig einen zentralen Platz einnehmen. Israelische Herausforderungen von innen und außen sollten zum Wohle aller für die Zukunft wahrgenommen werden. Für uns in Israel bedeutet es  eine tägliche Auseinandersetzung. Wir können es uns noch nicht erlauben – wenn überhaupt, die Arme sinken zu lassen.

Ich habe eine starke Vermutung, dass der Begriff des „Arme sinken lassen“ noch aus der Tora stammt, als Moses den Kampf der Israeliten gegen das Volk des Amalek anführte, welches diese auf eigene Initiative hin überfiel und zu vernichten drohte (2.Buch Moses, 17,8). Solange Moses die Hände oben hielt, gewannen die Israeliten; ließ er sie sinken, gewann Amalek. Als selbst der große Anführer und Prophet seine Arme nicht mehr halten konnte und sie ihm zu schwer wurden, legte sein Gehilfe Jehoshua einen Stein, damit dieser sich setzte. Sein Bruder Aharon und sein Neffe Hur stützen Moses‘ Arme von beiden Seiten, und am Ende wurden die Amalekiter besiegt.

Es gilt, wie zuvor, so auch weiterhin, die Arme nicht sinken zu lassen, sich aufeinander zu stützen und weiterzugehen, wo man gehen muss, und zu kämpfen, wo man kämpfen muss. Die Unabhängigkeit haben sich Israel und die Israelis auf diese Weise schon erworben; doch die Souveränität über das eigene Schicksal muss täglich neu erkämpft werden. Dies wird schließlich aufzeigen, inwieweit Israel und das jüdische Volk tatsächlich dorthin gehört, wo es zu sein beansprucht.

Zum Leben, lechaim, Israel.
Zum Leben, lechaim, Israel.

 

Meinungen zur Zweistaatenlösung und Die Siedlerin

Oliver Vrankovic. Quelle: Facebook
Oliver Vrankovic. Quelle: Facebook

Oliver Vrankovic, seines Zeichens deutschsprachiger Blogger aus Ramat Amidar nahe Tel Aviv, berichtet über spannende und wissenswerte Dinge aus der Geschichte und Kultur Israels. Oft sind auch politische Anmerkungen dabei. In der zweiteiligen Beitraggserie „Zwei-Staaten-Lösung“ stellt er verschiedene Meinungen von Israelis aus den unterschiedlichsten Milieus zu dem Thema dar. Dabei kommen zahlreiche Personen „vom Fach“ zur Sprache – Politiker, soziale Aktivisten von früher und heute und Zeitzeugen.

Im Rahmen der Serie interviewte Oliver auch mich –  natürlich zum Thema Siedlungen, Gush Etzion, israelische Souveränität in Judäa und Samaria und meine persönliche Geschichte. Auch mit einem kichererbsenchayaAktivisten der „Roots“-Friedensbewegung spricht Oliver, Myron Joshua aus Kfar Etzion, und dieser weiß auch mir und sicherlich euch Neues hinzuzufügen und zu berichten – beispielsweise aus dem Alltag der arabischen Bevölkerung von Gush Etzion. Beide Beiträge (Teil 1 und 2) sind sehr zu empfehlen. Nachfolgend der Link zum Bericht über mich:

→ Die Siedler von Gush Etzion- der Kichererbsenblog

Bibel- und geschichtsfest erklärt sie, dass Jerusalem und Hebron über Jahrhunderte hinweg die zwei wichtigsten kulturellen Zentren des Judentums gewesen seien (…). In all ihrem Wissen wurzelt ihre Anschauung.

(…) Für Chaya ist die Agenda einer Zwei Staaten Lösung ein Hirngespinst. Sie verweist auf Ben Dror Yemini, der die Realisierung eines palästinensischen Staates unter den Bedingungen des Nahen Ostens heute für unmöglich erachtet. (…) Sie diene einzig der Diskreditierung der Siedler als Friedenshindernis. Wer in Israel predige, sich für den Frieden von den Palästinensern abzukoppeln, ignoriere die Lehren des Rückzugs aus Gaza und die Veränderungen in der arabischen Welt. Ein friedfertiger palästinensischer Staat sei eine Illusion. (…)

So wie sie selbst voll hinter der jüdischen Präsenz im biblischen Kernland der Juden steht, anerkennt sie die arabische Präsenz. Sie ist gegen Landraub, gegen die Forderungen von extremistischen Siedlern, die Palästinenser zu deportieren.
Gleichzeitig spricht sie sich gegen die Fortsetzung der Militärbesatzung aus. Die Zivilverwaltung durch die Militärbesatzung in den C-Gebieten, so sagt sie, schade mit ihren Restriktionen den Juden und den Palästinensern.

 

Die Sirene – Momentaufnahme vom Shoah-Gedenktag

Es folgt ein persoenlicher Beitrag zum heutigen Gedenktag der Shoah – des juedischen Holocausts – in Israel. 


In der Knesset soll die Zeremonie zum Shoah – (Holocaust) Gedenktag stattfinden. Viele Besucher kommen hierher, die einen sehr alt, andere jung. Man empfaengt sie laechelnd, zeigt ihnen den Weg; die Sonne scheint und sendet ihre warmen Strahlen auf uns nieder, erhellt den Vorplatz und die Gesichter. Fuer den Staatspraesidenten ist der rote Teppich ausgerollt, die Flaggen sehen feierlich aus – obwohl nur auf Halbmast wehend. Es ist ein sommerlicher, angenehmer Tag und eine ehrenvolle Zeremonie.

Knesset-Vorplatz waehrend der Sirene. 05.05.16
Knesset-Vorplatz waehrend der Sirene. 05.05.16

Und dann ist es 10.00 Uhr. Die Sirene. Sie erkling von den Lautsprechern auf dem Vorplatz, und alles um mich herum erstarrt. Wir, die jungen Mitarbeiter, die Besucher. Ich schaue um mich. Auch die Älteren halten an, verweilen still. Die einen starren in die Luft, die anderen senken den Kopf. Alles steht.
Die Sirene zerschneidet die Stille, sie ist schrill, hoch, sie schallt unangenehm in den Ohren, sie bringt den Platz und die Menschen in ihren Bann. Ich blicke auf die Sonne, bin mir nicht sicher, ob ich um mich schauen oder den Blick senken soll. Die alte Frau neben mir schaut etwas verwirrt, ihr Mann versucht, sich den Anstecker am Anzug anzubringen.

Ich frage mich – woran denken diese Menschen? Was geht in ihren Koepfen vor sich? Wir, die Jungen, stehen hier und denken an die Ermordeten, aber sie, vielleicht lebten sie damals und hatten Dinge gesehen; wir kennen die Geschichte und sie die Realitaet.

Eine Ueberlebende der Shoah entzuendet die Kerze waehrend der offiziellen Gedenkzeremonie, Knesset, 05.05.16
Eine Ueberlebende der Shoah entzuendet die Kerze waehrend der offiziellen Gedenkzeremonie, Knesset, 05.05.16

Ich denke an die, die ich kenne, welche den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben. Ich kenne nicht viele, und die meisten von ihnen leben noch immer im Ausland. Auf einmal steigen vor meinen Augen die Gesichter meiner Familienangehoerigen auf. Niemand von ihnen ist in der Shoah selbst ums Leben gekommen, aber sie haben den Zweiten Weltkrieg erlebt. Sie lebten zu dieser Zeit, und auch sie haben gelitten.

Die Sirene heult weiter, immerzu fort. Nicht nur hier, auf dem Vorplatz. Sie schneidet die Luft und durchdringt das Trommelfell nicht nur uns, sondern jedem Menschen im Staat Israel, allen. Sie heult im ganzen Land. Mir schmerzen die Ohren, und ich denke, wann hoert es auf, wann hoert es auf?

Und dann hoert es auf. Die Sirene klingt ab, alle beginnen, sich wieder zu bewegen, laecheln, erneut empfaengt man alle am Eingang, die Luft ist sauber und erfrischend, die Welt dreht sich weiter. Der Moment ist verschwunden und vorbei.

Auch die Zeit damals war irgendwann an ihrem Ende angelangt.
Fuer viele endete sie zu spaet.

Lily, eine Ueberlebende, 1951 in Israel. Quelle: popchassid.com
Lily, eine Ueberlebende, 1951 in Israel. Quelle: popchassid.com

Frühling ist da, Pessach ist da*

Nach anstrengenden, erschoepfenden, aber ergiebigen Wochen ist das Weltreinigen zum Ende gekommen. Der Feiertag Pessach, der die nationale Geburt des juedischen Volkes, den Auszug aus der (selbstverschuldeten?) Unmuendigkeit hinaus in die Freiheit, ins eigene Land und mit eigenem Schicksal symbolisiert, steht vor der Tuer. Den Namen des Festtages sowie die Tradition des „Fruehlingsputzes“ haben andere Religionen und Gesellschaften uebernommen; doch die einzigartige Freiheitsbotschaft und „Geburt“ einer neuen Realitaet in dieser Welt – der der Gottesnaehe, der direkten Leitung von Schoepfer zu Menschheit durch die Gesetze und Anweisungen fuer das „hauseigene“ Volk, besitzt keine von ihnen. Denn nebst allen Assoziationen von Erneuerung, Befreiung und Hoffnung hat das juedische Pessach-Fest eine direkte Botschaft an den Juden, der dies zu begehen und zu feiern angewiesen ist:

„Jeder Mensch soll sich sehen, als sei er persoenlich aus Aegypten gezogen“ (Talmud)

Das bedeutet, dass fuer Juden und Juedinnen auf der ganzen Welt, zur selben Zeit, dieser Tag einen Neubeginn des Zyklus bedeutet, welcher ihr Sein ausmacht – ihre Religion, Zugehoerigkeit, Aufgabe in dieser Welt. Hier ist der Anfang. Hier der Ursprung. Von hier haben wir angefangen, alle gemeinsam zu gehen, und wir halten noch immer an denselben Haenden, sind die Glieder einer immer laenger werdenden Kette. Und wir glauben noch immer an dieselben Ideale, sie haben uns herausgebracht in die Freiheit, uns den Weg gefuehrt bis heute – wir bleiben ihnen treu.
Auch die Gebote fuer dieses Fest angeht, welches seinen Beginn in einem eiligen Mahl mitten in der Nacht, unter der staendigen Furcht vor der Reaktion der Aegypter, im Angesicht der Schrecken, die deren Land fuellten, und in der Aussicht auf eine Befreiung aus der unertraeglichen Sklaverei hinaus in ein Unbekanntes –  mit einer brennenden Hoffnung auf endlich einem Lichtstrahl in der jahrhunderte waehrenden Dunkelnheit -, gesehen hat, deuten auf das oben Genannte. Pessach ist ein Familienfest. Rund um den Globus, religioes oder ganz in einer anderen Welt, versammeln sich diejenigen, die sich als Teil des juedischen Volkes sehen, zusammen mit der Familie und erzaehlen von „damals“ – von Sklaverei, Befreiung, Gott, Neuanfang. Es bindet alle zusammen. Das hastige Mahl, „mit den Guerteln um die Hueften gebunden und dem Wanderstab in der Hand“, wie es in der Tora heisst, mit einem unfertigen Brot, woraus spaeter das alljaehrige Mazze- Brot wurde (wer kann sich angesichts der heutigen stylischen Kraecker daran erinnern?), wurde fuer Generationen verewigt – als Auftrag, nicht als Erinnerung. „Jeder Mensch soll sich sehen, als sei er aus Aegypten gezogen“. Auszug aus Aegypten ist kein einmaliges historisches Ereignis und damit hat es sich; Auszug aus Aegypten ist eine Berufung. Denn wir sind verpflichtet, die Lektionen daraus tagtaeglich aufzugreifen und zu verwirklichen. Freiheit zu bekommen, heisst Verantwortung zu uebernehmen. Verantwortung ist lebenslange Verpflichtung. Und genau das feiern wir. Den Preis der Freiheit, der unserem Leben als Juden, als Menschen einen Sinn gibt.


Nach diesen wenigen Worten zum Feiertag moechte ich euch kurz zeigen, wie die letzten Vorbereitungen bei uns in der Siedlung ausgesehen haben. Ausser dem Pessach-Putz, bei dem alles ungefaehr auf den Kopf gestellt wird, um es nicht nur von gesaeuerten Kruemeln, sondern ueberhaupt von jedem organischen Material zu befreien, gibt es noch einige religionsbedingte Aufgaben, die man erfuellen muss. Das macht man bei uns, weil wir ja eine kleine Gemeinschaft bilden, alle zusammen, auf dem Hauptplatz im Ort.

Das Eintauchen des Geschirrs, Alon Shevut, 2016
Das Eintauchen des Geschirrs, Alon Shevut, 2016

20160421_182820Das Metall- und Glasgeschirr (Toepfe, Besteck, Tassen, Teller etc) muss vor Pessach nach gruendlicher Saeuberung in kochendes Wasser eingetaucht werden, damit es jeden Geschmack des Gesaeuerten herausbekommen kann. Gasherd-Platten und Ofengitter werden mit einem Bunsenbrenner durch den Hardcore-Prozess gefuehrt. Bei uns haben es drei grosse, rüstige junge Maenner uebernommen, die an einem grossen Tisch neben grossen Wasserkesseln mit Eisenstangen standen und jedes Geschirr entgegennahmen. Eingetaucht haben sie es in einem hitzefesten Plastikkorb.

Alon Shevut
Alon Shevut

Auf demselben Platz wurde auch eine „Gesaeuertes-Messe“ durchgefuehrt – allerhand Brot, Chips, Falafel, Getreidewaren wurden von Kindern zum Billigpreis verkauft; Kinder und Eltern fuellten den Platz und wohin man sah, jeder kaute irgendwas. Kinder-DJs spielten froehliche Musik.20160421_183349 20160421_183440

Am Tag danach, ab einer bestimmten Uhrzeit, ist es von der Tora verboten, Gesaeuertes zu essen oder ueberhaupt im Haus zu haben. Die Ueberreste werden verkauft (an Nichtjuden, und dann zurueckgekauft, kompliziert, erklaere ich nicht 🙂 ) oder weggeschmissen/verbrannt. Verkaufen oder weggeben ist 20160422_114753natuerlich die bessere Option, obwohl das Gesaeuerte schon jahrhundertelang dieses Schicksal ereilt, und daher braucht man sich nicht darueber aufzuregen. Ich habe beschlossen, die meisten meiner „nichtkoscheren“ Produkte an benachbarte arabische Familien abzugeben; diese Initiative wurde von den Aktivisten des lokalen „Shorashim/Roots“-Friedensprojekts (hier wird darüber erzählt) vorgeschlagen, und einige haben sich dieser Option angeschlossen (andere reagierten darauf ablehnend).

Und nach dem Ganzen – den Reinigungen, den Geboten – macht mam sich fertig zum Fest, raeumt alles wieder ins nagelneue Haus ein und wartet auf die „Sedernacht“ (woertlich – Nacht mit einer bestimmten Ordnung).

Ganz entsprechend der Tradition und den eigentlichen Umstaenden bin ich den ganzen Tag und insbesondere diesen Abend „in Eile“, weil ich erneut zuspaet gewesen (wer mich kennt…). Statt ruhigen Feiertags- und Shabbatbeginns musste ich hin und her fahren und rennen, um ueberhaupt zu irgendjemandem an diesem Tag zum Abendessen anwesend zu sein. Zum Glueck gibt es Taxis. Urspruenglich war zwar Samaria bei mir geplant…..aber man weiss nie, wo man ankommt, wenn man einmal aus Aegypten zieht…am Ende bin ich doch noch daheim.

Hag Sameach ve Kasher!!

*Die Überschrift stammt aus einem bekannten Kinderlied, kann man hier nachhören: