Die Sirene – Momentaufnahme vom Shoah-Gedenktag

Es folgt ein persoenlicher Beitrag zum heutigen Gedenktag der Shoah – des juedischen Holocausts – in Israel. 


In der Knesset soll die Zeremonie zum Shoah – (Holocaust) Gedenktag stattfinden. Viele Besucher kommen hierher, die einen sehr alt, andere jung. Man empfaengt sie laechelnd, zeigt ihnen den Weg; die Sonne scheint und sendet ihre warmen Strahlen auf uns nieder, erhellt den Vorplatz und die Gesichter. Fuer den Staatspraesidenten ist der rote Teppich ausgerollt, die Flaggen sehen feierlich aus – obwohl nur auf Halbmast wehend. Es ist ein sommerlicher, angenehmer Tag und eine ehrenvolle Zeremonie.

Knesset-Vorplatz waehrend der Sirene. 05.05.16
Knesset-Vorplatz waehrend der Sirene. 05.05.16

Und dann ist es 10.00 Uhr. Die Sirene. Sie erkling von den Lautsprechern auf dem Vorplatz, und alles um mich herum erstarrt. Wir, die jungen Mitarbeiter, die Besucher. Ich schaue um mich. Auch die Älteren halten an, verweilen still. Die einen starren in die Luft, die anderen senken den Kopf. Alles steht.
Die Sirene zerschneidet die Stille, sie ist schrill, hoch, sie schallt unangenehm in den Ohren, sie bringt den Platz und die Menschen in ihren Bann. Ich blicke auf die Sonne, bin mir nicht sicher, ob ich um mich schauen oder den Blick senken soll. Die alte Frau neben mir schaut etwas verwirrt, ihr Mann versucht, sich den Anstecker am Anzug anzubringen.

Ich frage mich – woran denken diese Menschen? Was geht in ihren Koepfen vor sich? Wir, die Jungen, stehen hier und denken an die Ermordeten, aber sie, vielleicht lebten sie damals und hatten Dinge gesehen; wir kennen die Geschichte und sie die Realitaet.

Eine Ueberlebende der Shoah entzuendet die Kerze waehrend der offiziellen Gedenkzeremonie, Knesset, 05.05.16
Eine Ueberlebende der Shoah entzuendet die Kerze waehrend der offiziellen Gedenkzeremonie, Knesset, 05.05.16

Ich denke an die, die ich kenne, welche den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben. Ich kenne nicht viele, und die meisten von ihnen leben noch immer im Ausland. Auf einmal steigen vor meinen Augen die Gesichter meiner Familienangehoerigen auf. Niemand von ihnen ist in der Shoah selbst ums Leben gekommen, aber sie haben den Zweiten Weltkrieg erlebt. Sie lebten zu dieser Zeit, und auch sie haben gelitten.

Die Sirene heult weiter, immerzu fort. Nicht nur hier, auf dem Vorplatz. Sie schneidet die Luft und durchdringt das Trommelfell nicht nur uns, sondern jedem Menschen im Staat Israel, allen. Sie heult im ganzen Land. Mir schmerzen die Ohren, und ich denke, wann hoert es auf, wann hoert es auf?

Und dann hoert es auf. Die Sirene klingt ab, alle beginnen, sich wieder zu bewegen, laecheln, erneut empfaengt man alle am Eingang, die Luft ist sauber und erfrischend, die Welt dreht sich weiter. Der Moment ist verschwunden und vorbei.

Auch die Zeit damals war irgendwann an ihrem Ende angelangt.
Fuer viele endete sie zu spaet.

Lily, eine Ueberlebende, 1951 in Israel. Quelle: popchassid.com
Lily, eine Ueberlebende, 1951 in Israel. Quelle: popchassid.com
Advertisements

8 Kommentare zu “Die Sirene – Momentaufnahme vom Shoah-Gedenktag”

  1. Das proklamierte „Nie wieder!“ wäre berechtigt, wenn die Menschheit sich moralisch fortschreitend zum Guten hin entwickeln würde. Ich kann in unserer Zeit davon nichts erkennen. Aus der Mathematik weiß ich, dass ein Beweis für die Richtigkeit einer Gleichung zugleich die Richtigkeit von (1 + 1) mal dieselbe beinhaltet. Darum gibt es ja eben in der jüdischen Religion die Möglichkeit, ja die Notwendigkeit eines göttlichen Eingriffs in die ansonsten hoffnungslose Misere der Menschheit.

    In Genesis 1 wird vom Sündenfall der Menschheit berichtet, welcher durch den listigen Biss der Schlange symbolisiert wird. Das Judentum erwartet einen endgültigen Sieg über die Tod bringende Schlange: „Es ist eine Heilung vom Fersenbiss der Schlange vorhanden am Ende der Tage, in den Tagen des Messias.“ (palästinisches Targum zu Genesis 3,15)

    Gefällt 1 Person

    1. Das „Nie wieder“, das Hermann hier meint bezieht sich auf die Shoa (Blogeintrag), den industriellen Massenmord an einer Volks-/Religionsgemeinschaft. Diese Art des Mordens ist (und war hoffentlich) einmalig in der Menschheitsgeschichte.
      Vielen Dank Chaya für deine Momentaufnahme, besonders die letzten beiden Absätze.
      S. H.

      Gefällt mir

    1. „Nie rufen“, genügt nicht. Das ist bloß die Selbstvergewisserung, „auf der Seite der Guten“ zu stehen. Nicht reden, nicht schreiben, sondern handeln!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

      Vielleicht tue ich Ihnen Unrecht an.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s