Wie ihr sicherlich schon wisst, fahren wir ‚Siedler‘ per Anhalter und wer ein Auto hat, bietet anderen Wartenden eine Autofahrt an.
Am Morgen des 23.Novembers fuhr ich in die Universitaet, die ca. 80 km von mir entfernt liegt, mit einem Mann namens Avi, mittleren Alters, aus der Siedlung Ateret in Suedsamaria (ueber diese Gegend habe ich hier berichtet). Sein Auto, ein alter Citroen, der wohl schon vieles im Leben gesehen hatte, war mit allerlei Werkzeugen und Kartons gefuellt. Er schlug mir vor, mich zur Ausfahrt aus Jerusalem zu bringen, um von dort einen Bus zu nehmen, bot mir ausserdem Kuchen an und da ich mich als eine eine Einwohnerin von Gush Etzion outete, begann er mich zum Terroranschlag aus der Kreuzung auszufragen, der sich einen Tag zuvor, am 22.11.15 ereignet hatte: „Wo ist die Suesse denn ermordet worden?“ (Das Maedchen, Hadar Buchris, kam aus der Stadt Zfat, war 21 und war auf der Suche nach einer WG in der Siedlung Bat Ayin).
Wir sprachen ueber Gush Etzion. Es hatte heute einen grossen Stau an der Kreuzung gegeben, denn neue Kontrollmethoden waren eingefuehrt und alte verstaerkt worden – das alles nach dem Terroranstieg. „Es ist eine sehr gefaehrliche Gegend hier, die meisten Angreifer, soll deren Name ausgeloescht sein, kamen von hier“, sagte Avi. „Aber man sagt doch immer, Samaria waere eine viel gefaehrlichere Gegend!“, entgegnete ich. Tatsaechlich, wenn man Einwohner in Judaea fragt, was sie denn vom Leben in Samaria halte, wuerden die meisten sagen, dort sei das Leben viel risikoreicher. Avi aber lachte bitter auf: „Wie es so schoen heisst, ‚jedem seine Araber‘. Diese sind bescheuert und jene sind noch bescheuerter.“
Avi fragte mich, was ich studierte. Ich erzaehlte ihm von meinem Studium der Nahostwissenschaften: „Ich studiere auch Arabisch.“ „Ich kann Arabisch, ich bin immer von der Sprache umgeben gewesen“, erzaehlte mir Avi. „Ich bin auch Jemenite [sprich, Jude jemenitischer Herkunft] und hatte immer mit der Sprache und den Leuten zu tun. Ich war in der Armee bei der Fallschirmspringereinheit, da musste man Festnahmen in Libanon durchfuehren, da hat mich mein Kommandeur immer hingeschickt, um sich mit den Leuten zu verstaendigen.“
Autobahn 443 Richtung Landeszentrum. Quelle: mcity.co.il / Menachem Bentov
Avi, so stellte sich heraus, dient noch immer im Reservedienst und ist auch im Notrufkommando seiner Siedlung taetig, in der er schon 22 Jahre wohnt (euch interessiert, was es mit dem Notrufkommando auf sich hat? Hier gibt’s mehr). Von Beruf ist Avi Vertriebsagent einer Verpackungsfirma. Auch waehrend er sich er mit mir unterhielt, antwortete er auf Arbeitsanrufe.
‚Der Wehrdienst macht mir Spass“, sagte er, „was soll man machen, Gott wird uns helfen“. Neben dem Beifahrersitz hatte er ein grosses Gewehr liegen, das jeder, der in einem Notrufkommando dient ist, bei sich tragen muss.
Er fragte mich ueber das Studium aus und ueber Arabisch im Besonderen. „Ich mag die arabische Sprache“, sagte er. „Die geschriebene ist aber schoener als die gesprochene“, erwiderte ich. „Kannst du es schon ein bisschen sprechen?“ Ich verneinte lachend, soweit war ich noch nicht.
Ateret, Modiin, und auch Jerusalem und Ramallah – alles auf einer Karte
Avi fuhr schnell. Die Atmosphaere im Auto war angenehm, Avi plauderte gern und war ein netter Mensch. Den Kuchen, den er mir angeboten hatte, hatte ich schon aufgegessen.
Wir fuhren weiter als Jerusalem, ueber den Streckenabschnitt 443 durch Suedsamaria/Binyamin nach Modiin, einer Stadt westlich von Jerusalem, dort wuerde ich einen schnelleren Bus nehmen. „Kommt dir gelegen, dass ich dir angehalten habe“, schmunzelte Avi. Bei der rasanten Abfahrt auf der Autobahn 443 Richtung Tal belegte es mir die Ohren. Die Berge von Binyamin sind hoch, wir stiegen von 800m auf 200m herab.
Bevor Avi mich absetzte, fuhren wir noch zur Tankstelle. Avi war gut gelaunt und locker und freute sich, mir geholfen zu haben. Auf ein solches Gemuet treffe ich haeufig bei Leuten aus den Siedlungen.
Beim Abschied wuenschte mir Avi, ich solle viel Arabisch ueben.
In diesem Teil moechte ich nun eine eigene Diskussion zum Thema ausarbeiten. Im ersten Teil haben wir uns Fakten und verschiedene Stellungnahmen angesehen. Hier habe ich nicht vor, nur nach Antworten zu suchen, sondern ich will Fragen aufwerfen. Denn es geht im Endeffekt nicht nur um eine bestimmte Tat von bestimmten Menschen, sondern um den Charakter und die Zukunft einer Gesellschaft.
In der Ausgabe des religioes-zionistisch ausgerichteten Wochenmagazins „Makor Rishon“vom 25.12.15 (Vol.959) betitelte der bekannte Rabbiner und Journalist Chaim Navon seinen Artikel zum Thema: „Eine Frage des Ausgangspunktes„. Einige Zitate aus diesem haben mich zu Gedanken angeregt, daher habe ich sie fuer euch uebersetzt:
Rabbiner Chaim Navon. Quelle: Wikipedia
„Ich bin staatstreu, aber ich denke nicht, dass der Staat heilig ist. Ich bin mir auch nicht sicher, ob der Staat der Beginn unserer Erloesung ist. Ich bin minimalistisch staatstreu: Ich glaube, dass der Staat sich so wenig wie moeglich in unser Leben einmischen soll, dass so viele oeffentliche Aemter privatisiert werden sollen wie moeglich (…). Ich mag keine oeffentlichen Einrichtungen, die sich aufzwingen und konzentrierte Gewalt ausueben. Aber was ich noch weniger mag, sind Babies, die zu Tode verbrannt werden.“
Weiter im Text erklaerte Navon, vor dem Attentat in Duma habe er geglaubt, dass die Jugendbanden der „Huegeljugend“, die den „Price-Tag“-Vandalismus gegen die Armee und palaestinensischen Besitz auszufuehren pflegten, sich aus gelangweilten Jugendlichen mit grosser Klappe zusammensetzten, die im Schutze der Armee ein Raeuber und Gendarmen-Spiel gegen dieselbe Armee betrieben und laecherliche Graffiti spruehen wuerden. Nach dem Attentat merkte er, so Navon, dass er sich geirrt habe.
„Ohne einen agressiven Ermittlungsvorgang gegen diese Gruppe, so sagte mir ein Minister, wird es Duma 2 und auch Duma 3 geben.“
Und hier kam Chaim Navon auf die eigentliche Frage zu sprechen.
„Wir muessen uns fragen, was unseren Augangspunkt betrifft. Glauben wir dem Shin Bet oder bevorzugen wir den Argwohn? (…) Noch vor einer Woche waren wir sehr stolz auf den Kippa-tragenden Leiter des Shin Bet und seinen Stellvertreter, den Siedler, der zum neuen Polizeichef gekuert wurde. Man kann nicht nach einer Woche mit vollem Ernst behaupten, dass diese Organisation die Religioesen zum Fruehstueck verspeist. Es ist dieselbe Organisation, die uns erfolgreich vor den arabischen Terroristen beschuetzt und in welcher unsere Verwandte und Nachbarn voller Aufopferung dienen. Man kann ihre Aussagen nicht einfach von sich weisen.“
Weiter argumentierte Chaim Navon auf aehnliche Weise: Soll man den Rechtsanwaelten der Inhaftierten glauben, nur weil sie ueber die Folterungen erzaehlen? Folterungen seien kein legales Mittel, doch gute Rechtsanwaelte muessten auch ihre Faehigkeit unter Beweis stellen. Seit jeher, so Navon, wuerde jeder Rechtsanwalt behaupten, sein Mandant haette Folterungen waehrend der Verhoere beim Shin Bet erlitten. Sollte man nun die heutigen Aussagen als die ultimative Wahrheit annehmen, nur weil es sich um „unsere Leute“ handeln wuerde? Dasselbe wuerde auch fuer den Protest gegen Folterungen an sich gelten, denn wenn es um andere Faelle mit aehnlichen Vorwuerfen ging, so Navon, so wuerde man nicht viel aus dem religioes-zionistischen Lager hoeren. Man wuerde die Inhaftierten als gewoehnliche Verbrecher sehen, im Gegensatz zu den arabischen Terroristen, den „Feinden“. Es handle sich aber in diesem Fall nicht um gewoehnliche Verbrecher, sondern um eine anarchistische und organisierte Vereinigung, die nun mit einem Mordfall in Verbindung steht.
„Wuerden wir genauso reagieren, wenn es sich um eine linksextreme Gruppe handeln wuerde? Die Sprecher des religioesen Zionismus wuerden in einem solchen Fall den Shin Bet von hier bis nach Guantanamo unterstuetzen. Aber hier zieht sich das Herz zusammen, weil es sich um ‚die Unseren‘ handelt“,
schrieb Chaim Navon im Artikel und liess diesem nachfolgen:
„Man muss zugeben, das Herz zieht sich tatsaechlich zusammen. Man muss auch die Vorwuerfe mit vollem Ernst pruefen und ihnen nachgehen. (…) Auch der Shin Bet ist nicht heilig und nicht immun gegen Fehler. Aber was ist unser tatsaechlicher Ausgangspunkt? (…) Sind wir nicht eigentlich nur eine geschlossene Gesellschaft, die sich nur um sich und die Eigenen kuemmert? Viele von uns reden davon, das Land regieren zu wollen. Aber dafuer muss man eine der gesamten Gesellschaft dienende Elite darstellen, und keinen kleinen Sektor, der nur den eigenen Interessen nachgeht.“
„Die Rechte des Individuums, so haben wir immer gesagt, sind nicht das Allerheiligste. Das Recht auf Leben und Sicherheit geht vor. (…) In Extremfaellen, so haben wir immer gesagt, darf man und muss man die Rechte des Individdums einschraenken. Ich denke an das lebendig verbrannte Baby in Duma und es faellt mir schwer, an einen extremeren Fall als diesen zu denken.“
In diesem Text hatte Rabbiner Navon versucht, etwas hinter die Kulisse der mannigfaltigen Vorwuerfe gegen die oeffentlichen Stellen innerhalb der religioes-zionistischen Gesellschaft zu schauen. Die Vorwuerfe betrafen sowohl den Folterverdacht als auch einen generellen, tief sitzenden Zweifel an der juedischen Identitaet der eigentlichen Taeter von Duma. Seit dem Attentat Ende Juli 2015 und bis heute, ein halbes Jahr danach, gibt es viele in meiner Umgebung und auch in der Presse und in den Netzwerken, die es noch immer vorziehen, nicht von juedischen Taetern zu sprechen. Juristisch gesehen stellt das an und fuer sich kein Problem dar. Wir kennen das Gesetz, „im Zweifel fuer den Angeklagten“, und ausser des wirklichen Taeters und vielleicht auch seiner Ermittler oder anderer „Eingeweihten“ koennen alle Anderen nur Zweifel haben und auf Basis dessen sich der einen oder anderen Meinung anschliessen. Die Presse hatte noch bevor irgendeine tatsaechliche Spur ausgemacht werden konnte, lauthals von „juedischem Terror“ gesprochen. Ein solcher Begriff sitzt insbesondere Menschen, die jahrzehntelang tagtaeglich unter arabischen Terroraktivitaeten leiden muessen, sehr schwer im Hals. Eine Anklage gegen die Sprosse aus der eigenen Mitte zu erheben, moegen sie noch so viel Randale, Vandalismus und radikale Ansichten pflegen, verletzte fuer viele in dieser Gemeinschaft rote Linien.
Aber die Anklage blieb, und der Shin Bet tat seine Arbeit, und Verdaechtige wurden inhaftiert, und auch wenn einige von ihnen ohne Anklage entlassen wurden (und darueber hatten die Massenmedien wohlbemerkt nur knapp am Rande berichtet, von den internationalen Medien ganz zu schweigen) und der Verdacht auf ungehoerige Verhoermethoden aufkam – der Fleck war da und war nicht mehr so leicht wegzuwischen. Ob man es wollte oder nicht – die religioes-zionistische Gesellschaft, aus welcher die Verdaechtigen zu kommen schienen, stand am Pranger und von ihr wurde und wird eine Antwort erwartet.
Welche Antwort kann sie geben?
Und hier setzt die Frage nach dem Ausgangspunkt an. Von was gehen wir aus, wenn wir uns gegen den Mord oder für die Verdächtigen aussprechen ? Was ist unsere moralische Basis, und wie wahren wir sie angesichts dieser Tat? Welchen Blickwinkel sollen wir einnehmen – den der zu Tode gekommenen Opfer, an dessen Tod offenbar jemand die Schuld traegt, der sich unserer Vorstellungen und Ideale unrechtmaessig bemaechtigt hat und sie zu dieser Tat ausgenutzt hat? Oder den der vielleicht zu Unrecht Verdaechtigten im Rahmen einer moeglichen Delegitimierungskampagne eines Staatsapparats, der unsere Gemeinschaft – die der religioesen Zionisten – noch in den Tagen der
Caroline Glick. Quelle: Wikipedia
Ermordung Y.Rabins zu verteufeln suchte (wie Caroline Glick im Artikel „Israels hausgemachte Feinde“ so treffend beschreibt)? Oder ist das, was hier benoetigt wird, eine breite Perspektivsicht auf die israelische Gesellschaft im Ganzen und die Rolle, welche die religioes-zionistische Ideologie in ihr jetzt und in Zukunft einnehmen will?
Jedes solche gesellschaftliche Dilemma wird selbstverstaendlich durch die Medien aufgegriffen. Die Medien gelten als Sprachrohre der Gesellschaft und ihrer Emotionen und Bedenken. Allzuoft merken wir aber, dass die besagten Sprachrohre eher als Verstaerker denn als vertrauensvolle Wiedergabeinstrumente agieren. Auch in diesem Fall folgten auf jede neue Offenbarung immer groessere und gruseligere Schlagzeilen. Neben dem allgemeinbekannten medialen Populismus suggerierten sie aber unterschwellig noch etwas – Gefahr. Ist hier, aufgrund dieser Taten, die ganze Gesellschaft in Gefahr, moralisch zu verkommen? Von vielen oeffentlichen Figuren, Abgeordneten, Menschenrechtlern und anderen, kam das laute Verlangen auf, dass ein jeder aus dem religioes-zionistischen Milieu mit auch nur der kleinsten Position im oeffentlichen Leben die Tat laut verurteilen und sich davon distanzieren soll. Mit einem Mal hatte man ein wenig das Gefuehl, jeder stuende unter Generalverdacht, den Mord zu unterstuetzen.
Aber inwiefern ist der „Verurteilungszwang“ legitimiert? Was heisst ein solches Verurteilen und wie ehrlich wuerde es ausfallen, sollte man es erzwingen wollen – beispielsweise aus politischen und gar nicht aus menschlichen Beweggruenden? Und welches Recht haben andere politische Lager, vom unserem die „moralische Perfektion“ zu verlangen, ohne auch auf andere Aspekte einzugehen, wo sie selbst „Dreck am Stecken“ haben? Haben wir es mit einer Situation zu tun wie der Zeit nach dem Mord von Yitzhak Rabin, von der Zeitzeugen berichten, dass glaeubige Juden ihre Kopfbedeckung verstecken mussten, wenn sie am Tatort in Tel Aviv vorbegingen und als jemand auch nur bei der leisesten Kritik an Rabin eine Vorladung vom Shin Bet riskierte? Oder ist heute die Bewegung des religiösen Zionismus anerkannter und stärker verwurzelt als zuvor?
Minister Naftali Bennett. Quelle: Ynetnews
Naftali Bennett ist Erziehungsminister und Vorsitzender der Partei „Juedisches Heim“, welche auch haeufig als „Siedlerpartei“ betitelt wird, weil sie sich offen fuer die juedische Besiedelung von Judaea und Samaria ausspricht . Am 26.12.15 veroeffentlichte er einen Facebook-Post , der sich auf eine Ausserung des Verteidigungsministers Moshe Ya’alon im Gespraech mit Channel 2 bezog, welcher behauptete, „ohne die gesamte Siedlerbewegung und das religioes-zionistische Lager beflecken zu wollen, muss sich dort allerdings jemand einer Selbstpruefung unterziehen.“: (Link zum englischen Text)
„Das nationale Lager ist breitgefaechert, stark, mutig und moralisch genug, um sich selbst einer inneren Selbstpruefung zu unterziehen bezueglich der Phaenomene, welche zur Entstehung von Duma beigetragen haben. Wer versuchen wird, den Fall Duma fuer politische Zwecke auszunutzen, wird mich ihm gegenueberstehend finden. (…) Allen meinen Freunden im nationalen und religioes-zionistischen Lager sage ich – wir werden den Kopf nicht senken. Denn ich bin stolz, rechts zu sein.“
Naftali Bennett erwaehnte die Notwendigkeit und auch die Faehigkeit des religios-zionistischen Lagers zur Selbstpruefung. Niemand kann jedoch behaupten, dass alle Angehoerigen dieses Lagers mit dieser Notwendigkeit im selben Masse einverstanden sind, und wenn ja, welche genauen Parameter diese „Selbstpruefung“ haben wuerde. Denn wie jede andere Gemeinschaft, so besteht auch diese aus Menschen mit verschiedenen Ansichten und Weltanschauungen, mit jeweils verschiedenem Hintergrund und Motivation. Nicht unbedingt wird ein solches Fazit fuer jeden Aussenstehenden oder selbst jemanden mit aehnlichen Ansichten passabel lauten.
So meinte beispielsweise Me’ir Dana-Picard, ein guter Freund und politischer Aktivist noch aus den Tagen des Abrisses juedischer Siedlungen in Gaza in 2005, bezueglich der Duma-Affaere: Bei einer solchen Tat wuerden rote Linien verwischt werden. „Dabei interessiert mich, da bin ich ehrlich, weniger das arabische Opfer als vielmehr die allgemeingesellschaftliche Tendenz zur Gewalt.“ Behandelt werden muesste diese Tendenz, die Gefahr laufen koennte, ausser Kontrolle zu geraten , allerdings zunaechst einmal durch Erziehung.
Eine andere Frage, die in mir aufkommt, wenn ich die Reaktionen in der Gesellschaft betrachte, ist diese:
Weiss die religioes-zionistische Gemeinschaft, welche Ideologien in ihren Reihen propagiert werden und in welchem Masse, und wenn ja, woran liegt es, dass die extremen und aufruehrischen unter ihnen, die anschliessend zu unumkehrbaren Taten fuehren koennen, nicht ernst genug genommen werden? Oder stillschweigend geduldet werden? Liegt es an einem „blinden Fleck“ innerhalb einer sonst mit moralischen Werten wie Naechstenliebe, Dienst zum Wohl der Gemeinschaft, Bescheidenheit, Fleiss und geringen Gewalt- und Mordraten glaenzenden Gemeinschaft? Liegt es an den Ideologien selbst? Ist es aufgrund des Vertrauensbruches, der Enttaeuschung von den Staatsfuehrern, der Presse, der linksausgerichteten Elite und ihrer jahrzehntelangen Verachtung gegenueber dem religioes-zionistischen Lager? Den negativen Erfahrungen waehrend der 90er Jahre infolge der Politik und der Ermordung Yitzhak Rabins durch den Extremisten Yigal Amir, welcher mit diesem Lager identifiziert wurde, und der anschliessenden von oeffentlichen Stellen gefuehrten“Jagd“ auf diese Gemeinschaft?
In der israelischen Oeffentlichkeit kam in den letzten Wochen das Verlangen auf, die extremen Tendenzen der „Huegeljugend“ und ihrer Unterstuetzer in Zukunft mehr als zuvor ernstzunehmen. Auch das gefilmte Hochzeitsvideo (siehe Beitrag) trug dazu bei.
Auch im rechten und konservativen Sektor wurde dieses Verlangen geaeussert, aber das auch aus einer zusaetzlichen Perspektive. Denn die serioese Auseinandersetzung mit dem Phaenomen des rechten juedischen Extremismus sollte sich nicht nur auf eine Schadensbegrenzung in der Zukunft belaufen. Die Schadensbegrenzung ist dabei nur eine praktische Konsequenz, aber viel wichtiger ist das Verständnis, woher dieses Phaenomen rührt, und was diejenigen damit mitteilen wollen.
Gegenfrage: Sollte man das bei allen machen, das heisst, auch bei arabischen Terroristen? Eindeutig, ja. Auch bei arabischem Terror sollte man schauen und sich bemuehen, zu verstehen, woher dieser kommt, worauf er sich fusst und was diejenigen zu sagen haben, die ihn ausfuehren. Aber ich sehe hier einen zentralen Unterschied zwischen den „hausgemachten Terroristen“ (C.Glick) und den „anderen“. Es gilt nicht, meiner Meinung nach, nur „Terror ist Terror ist Terror“ zu schreien, ohne in die Tiefe zu schauen. Terror ist Terror auf praktischer Ebene, aber die Eltern der Kinder, die diesen Terror hierzulande fabrizieren, leben mitten unter uns und sind oftmals ein zentraler Teil unserer Gesellschaft (Beispiel: Bei den Eltern des hauptverdaechtigen Minderjaehrigen handelt es sich um den Rabbiner einer Siedlung und seine im Erziehungswesen taetige Frau, welche beide als von den Nachbarn als „normativ“ und „beispielhaft“ bezeichnet worden sind, YNET).
Es sind keine Fremden und keine Feinde von aussen, und um unserer Gemeinschaft willen müssen wir verstehen und hören, woher das kommt, um das Ganze zu neutralisieren und in positive Richtungen zu leiten. „Feinde von innen“ haben grundsaetzlich eine andere Bedeutung als „Feinde von außen“. Das betrifft jedes politische Spektrum, von rechts sowie von links.
Ich moechte kurz zum besseren Verstaendnis eine Theorie vorbringen, welche auf meiner Kenntnis der innerjuedischen Perspektive, Geschichte und Lehre beruht und aus meinen Beobachtungen sowohl in Israel als auch in den juedischen Gemeinden im Ausland entstanden ist.
Die juedische Gemeinschaft ist so strukturiert, dass es einen starken gemeinsamen Bezug gibt, trotz eines starken Verlangens nach Exklusivitaet. In diesem Sinne unterscheidet sich das innere Bewusstsein dieser Gemeinschaft von den im Westen ueblichen Normen, insbesondere in der heutigen Zeit. Dies stellt meine Theorie dafuer dar, weshalb es einerseits so schwer faellt, bestimmte Menschen oder Gruppen aus der Gemeinschaft auszustossen oder sich deren zu entsagen. Der Drang zum Zusammenhalt ist (noch immer? schon immer?) gross gewesen, noch zur Zeit des Exils. Und der Zusammenhalt wird auch versinnbildlicht durch das Prinzip der „einen Familie“, wie es auf Hebraeisch heisst: „Volk Israel“. „Kinder Israels“. Die juedische Gemeinschaft sieht sich nicht als eine auf freier Wahl basierende Ansammlung unabhaengiger Individuen und auch nicht als „Schicksalsgemeinschaft“, sondern als Nachkommen und Erben einer an ihre Vorfahren als generationenlange Aufgabe ueberlieferten Idee, an welcher jeder seinen Pflichtanteil hat. Damit verbinden sich Rechte und Pflichten, und eine Zusammengehoerigkeit wird geschaffen, der man nur sehr schwer bis ueberhaupt nicht mehr entrinnen kann. Das Prinzip der Rueckkehr, der Busse und des Vergebens ist ein zentrales Prinzip im Judentum. Aus der Gemeinschaft ausgestossen zu werden signalisiert demnach nicht nur das komplette Scheitern des Individuums, sondern auch das Scheitern der gesamten Gemeinschaft. Wo auch immer eine Rettung moeglich ist, durch Rueckkehr, durch Strafabbuessung oder sonstiges, als praktisch „letztes Rettungsseil“, wird die Gelegenheit genutzt. Niemand darf zurueckgelassen werden, so das Prinzip.
Selbstverstaendlich gibt es dazu Auslegungen, die tiefer gehen als das banale Niveau, auf welchem ich es zu erklaeren versuche. Und dennoch; hat man dieses Wissen vor Augen, so ist es vielleicht einfacher nachzuvollziehen, was in den Herzen und Koepfen derjenigen der juedischen Gemeinschaft vor sich geht, welche sich als Teil dieser sehen und sich mit ihr und ihren Idealen identifizieren – angesichts dieser Tat und angesichts ihres Kontexts.
Fuer mich, wenn ich das oben Gesagte in Betracht ziehe, insbesondere, wenn es sich durch meine alltaeglichen Erfahrungen vervollstaendigt, wird es daher gar nicht mehr so unverstaendlich, wenn ich auf Proteste gegen die „Folteranklage“ treffe, auf welchen „Es gibt keinen juedischen Terror“, „Juden foltern keine Juden“ und „Wir sind alle Brueder“ geschrieben steht. Wenn ich Menschen aus unserer „Szene“ zuhoere, die allen Ernstes abstreiten, selbst nach den neuesten Entwicklungen, dass es moeglich ist, dass juedische Taeter den Anschlag in Duma begangen haben; die verdaechtigen Jugendlichen bemitleiden, die ihnen eine Chance geben wollen, „auf den rechten Weg“ zurueckzukommen, weil es sich doch um Jugendliche „wie unsere eigenen Kinder“ handelt; und die sich vehement dagegen stellen, sie genauso wie die arabischen Terroristen, die „eigentlichen Staatsfeinde“, zu behandeln. Es geschieht nicht nur aus einem von nationalistischem Stolz gepraegten Gehabe heraus. Fuer sie ist es nicht nachvollziehbar, dass ein Jude eines anderen Juden, „seines Bruders“ in diesem Fall, Feind sein kann, und dass ein Ausstossen der Verdaechtigen bzw.der Taeter aus der eigenen Gemeinschaft sein gutes Ziel erreicht.
Aus diesem Grund fiel es mir persoenlich schwer, einer Demonstration gegen die angeblichen Folterungen durch den Shin Bet in Jerusalem, am Abend des 27.12., zuzuschauen (hier der Bericht). Ich hatte dort bei dieser Gelegenheit mit einigen Jugendlichen gesprochen, um ihre Meinung zu hoeren. Es tat mir weh, diesen Teil der Gesellschaft, mit welcher auch ich mich generell identifiziere, zu sehen, und zu fuehlen, wie ich mich wider Willen von ihnen zu entfremden scheine, weil mit einem Mal eine verstoerende Kluft zwischen meinen und ihren Prinzipien entsteht. Es war kein leichtes Gefuehl.
Je weiter man allerdings die Kreise zieht und sich von der am Engsten involvierten Gruppe wegbewegt, findet man immer mehr Zeichen von Entfremdung. Je weniger jemand sich und auch den anderen als Teil desselben Ganzen sieht und sich mit diesem von Anfang an identifiziert, desto einfach wird es, diesen von sich abzuschuetteln. Das hat ethisch gesehen nicht zwingend mit hoeheren moralischen Prinzipien zu tun, sondern hierbei wirkt der psychologische Effekt der Distanz, und des Mitlaufens im Mainstream der etablierten Ansichten.
Mein Fazit? Wie zu Beginn erwaehnt, ist meine Absicht nicht gewesen, Antworten zu geben, sondern Fragen aufzuwerfen und eine Moeglichkeit zum Nachdenken ausserhalb des gewoehnlichen Rahmens zu geben. Der Diskurs ist nicht neu und wird immer wieder neu aufgerollt und das auch zum Guten, damit er nicht stagnieren, sondern am Leben bleiben kann. Diskussion heisst Entwicklung, heisst Leben. Man kann fast schon sagen, ein „guter Grund“, um etwas mehr Tiefe in den Diskurs zu bringen und etwas von der Territorialdiskussion ueber die Besetzung-Nichtbesetzung von Judaea und Samaria wegzukommen, die nur die Oberfläche aufgreift, aber die Identität der modernen israelisch-jüdischen Gesellschaft unbeachtet lässt.
Meiner Ansicht nach liegt der groesste Schwachpunkt des religioesen Zionismus und seiner Anhaenger in dem Bestreben, alles und alle unter sich zu vereinen und mit einzuschiessen. Die Gefahren davon sind immens, insbesondere dann, wenn man nicht gut genug durchsiebt und sich mit den „guten Fruechten“ auch die verdorbenen Reste einhandelt. Allerdings liegt in diesem Bestreben auch ein enormes Potenzial zum Guten. Und wie man bekanntlich weiss – was nicht umbringt, macht staerker.
in den letzten Tagen und Wochen kommt die israelische Öffentlichkeit angesichts der Nachrichten nicht zur Ruhe, die rund um den Anschlag auf das Dorf Duma und die Affäre um den jüdischen Terror kreisen. Immer neue Meldungen, Beanstandungen, Gerüchte und Diskussionen füllen die Zeitungen und die sozialen Netzwerke, und die sowieso schon recht diskussionsfreudige israelische Gesellschaft kocht.
Den ersten ausführlichen Beitrag zum Thema habe ich vor einigen Tagen veröffentlicht, darin habe ich mich auf das Gerücht bezogen, dass die jüdischen minderjährigen Terorverdächtigen seitens des Inlandsgeheimdienstes Shin Bet gequält werden würden. Ich habe einige Positionen dargestellt und Quellen erbracht, damit sich jeder Leser anhand der angeführten Informationen eine eigene Meinung bilden konnte.
Der nächste Beitrag, inklusive der neuesten Updates zum Thema, zusammengefasst und sortiert, wird schon vorbereitet und mein Ziel wird es darin sein, Fragen aufzuwerfen.
Zunächst einmal ist dieses Thema für die Israelis und insbesondere auch für die Anhänger der Siedlerbewegung sowohl brenzlig als auch komplex und kompliziert. Die Diskussion darum und insbesondere, was die Konsequenzen aus der Affäre anbelangt, ist eine interne Angelegenheit der israelischen Gesellschaft innerhalb jeden politischen Spektrums, und darüber hinaus auch eine interne Diskussion innerhalb der nationalreligiösen Kreise.
Dennoch, gerade in meiner Rolle als „Türöffnerin“ (nicht Türsteherin!) in die Welt der Siedlerbewegung und der nationalreligiösen Gemeinschaft, finde ich es wichtig, auch euch am Teil dieses Diskurses teilhaben zu lassen.
Ich sehe ein, dass das eine große Herausforderung vor mich stellt. Ich selbst bin erst relativ seit Kurzem mit der Thematik in Berührung gekommen und habe tiefere Einblicke gewinnen können.
Das vorneweg, muss ich ein überaus heikles Thema, welches aus vielen Schichten besteht und nicht erst seit heute relevant ist, aber leider auf eine böse Weise relevant geworden ist, an ein Publikum bringen, dem es zumeist an wichtigem Hintergrundwissen mangelt, um den Kontext der letzten Ereignisse zu verstehen und die Entwicklungen, die dazu führten, einzuschätzen; ein Publikum, welches nicht am Diskurs teilhaben kann aufgrund der Sprachenunkenntnis; welches nicht die gesamte und auch nicht die halbe Meinungspalette kennt, die in dieser Diskussion (über den jüdischen Terror; über die Motivation, den Einfluss oder auch die Vor- und Nachteile der Aktivitäten der Siedlerbewegung) zum Vorschein treten.
Ein Publikum also, dem die Basisgrundlagen fehlen, das Thema gebührend einzuschätzen, welches aber wohl informiert werden möchte – und welches ich selbst informieren will, zwecks meiner selbstauferlegten Aufgabe als Bloggerin und Journalistin.
Ich persönlich lege keinen Wert darauf, meine eigene Meinung breitzulegen, weil von ihr niemand etwas haben wird; und auch keine Statements abzugeben, die es nicht weiter bringen, als das allgemein Gültige und Bekannte zu konstatieren. Stattdessen halte ich viel vom Fragenaufwerfen, von Darstellungen einer Meinungspalette aus dem „Inneren“ unserer Gesellschaft heraus, von dem Aufbringen verschiedener Narrative und deren Erklärung. Selbstverständlich ist und wird alles durch meine Sicht gefärbt sein, da ich bin, die es innerlich verarbeitet und aufs Papier bringt. Dennoch werde ich immer wieder versuchen, dieses Mal und auch in Zukunft, so unmittelbar wie es nur geht euch an Quellen und Ansichten teilhaben zu lassen – nach meinem besten Wissen und Gewissen.
Es ist zu erwarten, dass im Laufe der Woche neue Erkenntnisse zu speziell dieser Affäre – der „Duma-Affäre“ – ans Licht kommen werden, und bestimmte Aussagen nicht mehr aktuell sein werden. So ist es in diesem Milieu der Berichterstattung – manchmal kann man mit dem Rhythmus nicht standhalten. Aber die Diskussionen, welche entstehen, haben eine längere Lebensdauer und eine größere Wichtigkeit als die Fakten an sich. Sie sind es, welche im Endeffekt die Natur einer Gesellschaft prägen.
Ich wünsche uns allen in diesem Sinne Geduld, und möglichst viel innere Offenheit und Verständniswillen, und eine rege Diskussion, wie sie schon zum Glück bei einigen meiner letzten Beiträge stattfindet (worüber ich persönlich sehr erfreut bin).
Mir liegt dieses Thema, sowie die gesamte „Welt der Siedler“, deren Teil ich momentan darstelle, sehr am Herzen, und deshalb gehe ich hierbei mehr in die Tiefe als in die Breite.
Wem es ebenso am Herzen liegt oder auch nur interessiert – seid dabei und bleibt dran.
Den Wert mancher Menschen lernt man erst dann kennen, wenn es schon zu spät ist. Das muss ich mir immer wieder sagen in den letzten Monaten, in welchen eine Terrorattacke die andere jagt, und immer wieder Menschen getötet werden, von deren Liebe, Güte und Bedeutung für ihre Umgebung man erst nach dem Mord an ihnen erfährt.
Yakov Don hy’d.
Yakov Don war einer von diesen Menschen für mich, aber im Gegenteil zu mir haben ihn in Gush Etzion und Alon Shvut, wo die Familie Don wohnt, sehr, sehr viele gekannt. Der 49-jährige war Erzieher und Lehrer, der auch als Erziehungsberater in Efrat fungierte, Englisch und Religionsstudien unterrichtete und bei seinen zahlreichen Schülern und Schülerinnen sehr beliebt gewesen war. Yakov war verheiratet mit Sarah, gemeinsam haben sie vier Kinder in die Welt gesetzt – drei Jungen und ein Mädchen – Rachel, erst 13 Jahre alt. Familie Don war eine der alteingesessenen Familien von Alon Shvut. Über 20 Jahre arbeitete Yakov als Erzieher und Lehrer. Mehrere Generationen von Schülern wuchsen mit seinem Lächeln und unter seiner Anleitung auf. In den letzten Jahren schrieb er an seinem Doktorat und hätte es in den kommenden Tagen fertiggestellt.
Das Auto von Yakov Don. Foto: INN
Am Donnerstag, 19.11.15, in den Nachmittagsstunden, stand Don in seinem Auto im üblichen Stau, welcher schon lange Zeit die Anwohner von Gush Etzion und insbesondere von Alon Shvut plagt. Dabei ist die wenige hundert Meter lange Strecke zwischen dem Einfahrtstor zur Siedlung in Richtung der zentralen Kreuzung mit dutzenden Autos verstopft und die Wartezeit kann manchmal bis zu einer Stunde betragen. Auch an diesem Tag standen in diesem Stau die Autos von jüdischen und arabischen Fahrern, als ein arabischer Fahrer in entgegengesetze Richtung an der Warteschleife vorbeifuhr,
So sieht es auf der Karte aus.
zurückdrehte und begann, die Wartenden aus nächster Nähe mit einem Gewehr zu beschießen. Dabei wurden mehrere verwundet, doch drei erlagen den Verletzungen – Yakov Don, 49, aus Alon Shevut, der Jeschive-Schüler Ezra Schwarz, 18, aus den USA, und auch ein arabischer Fahrer aus Hevron fand sich unter den Toten. Der Terrorist wurde von einem Anwohner überwältigt und verhaftet. Seine Opfer konnte dies nicht mehr retten.
Yakov war unterwegs zu seinem Unterricht, als er erschossen wurde. Der 18-jährige amerikanische Schüler Ezra befand sich neben den Autos, da er zusammen mit Freunden Essen und Süßigkeiten an die Soldaten verteilte, welche sich auf der Strecken befanden, um die Fahrer zu bewachen. Weshalb die Soldaten den bewaffneten Terroristen im Auto nicht bemerkten und seinen Amoklauf nicht verhindern konnten, ist nicht bekannt. Der Terrorist soll wie schon zahlreiche zuvor aus der Gegend von Hevron, einer Hamas-Hochburg, stammen.
Als die Gemeinschaft von Gush Etzion vom Tod des beliebten Erziehers erfuhr, machten sich Trauer und Schock breit. Freunde und Schüler veröffentlichten Nachrichten mit Erinnerungen an Don. Die Einwohner von Alon Shvut erhielten eine SMS des lokalen Notfallteams der Siedlung, in welcher vom Tod von Yakov Don informiert wurde. Ein Bekannter von mir schrieb auf Facebook:
„Ich bin absolut schokiert…schokiert! Mein Englischlehrer für 4 Jahre an der Hemshech-Schule…ein beliebter Lehrer, ein Mensch mit Witz und Pfiff, man konnte mit ihm auf Augenhöhe reden…ein Mann mit der Haltung eines hohen Offiziers…und noch mehr als das – ein geliebter Erzieher! So viele Schüler sind durch seine Hände gegangen. Er erzog sie zu jüdischen Werten…nichts Schlechtes würde man über ihn hören…er liebte alle Geschöpfe…
Rabbiner Yakov Don, soll Gott seinen Tod rächen, denn nur Er kann das…niemand sonst in unserer schwächlichen Regierung!“
Am darauffolgenden Freitag, 20.11., wurde Yakov zur letzten Ruhe auf dem Friedhof im naheliegenden Kibbutz Kfar Etzion getragen. Tausende Menschen wohnten der Beerdigung bei, darunter auch der Minister Avi Gabai und der Knessetsprecher Yuli Yoel Edelstein.
„Du fandest Gefallen in den Augen von Gott und den Menschen“,
sagte Edelstein. Einer von Yakovs Söhnen, Ma’or, sagte in seiner Abschiedsrede:
„Die Welt kann mit einem Mal dunkel werden, das war der Moment, als man mir sagte, dass mein Vater ermordet wurde. Jetzt verbleibe ich im Dunkeln. (…) Mein Vater wusste selbst nicht, wie besonders er war. Ein Mensch der Berührung, des Lächelns. Ich fühle seine Liebe in meinen Venen fließen.“
Schon am Freitag selbst, vor und nach der Beerdigung, füllten sich die Email-Verteiler mit Nachrufen verschiedener Personen zum Tod von Yakov Don. Darunter waren der Rabbiner von Gush Etzion, der Bürgermeister von Efrat, aber auch reguläre Bekannte und Freunde, Außerdem wurde eine Liste herumgeschickt, auf welcher sich Bereitwillige eintragen würden, um der Familie Essen zu spenden. Nach jüdischem Gesetz dürfen Trauernde, welche sieben Tage um ihren nahen Verwandten in Trauer sitzen (Shiva), sich selbst nichts zubereiten und für nichts sorgen, sondern sich voll und ganz der Trauer und dem Gedenken widmen. Die Gemeinschaft sorgt für sie.
Am Fall von Yakov Don würde ich gerne exemplarisch zeigen, wie unsere Gemeinschaft sozial gesehen funktioniert.
Alle sorgen sich um alle. Jeder weiß, was passiert, und Hilfe wird schnellstmöglich organisiert. Das lokale Notfallteam, welches aus Einwohnern besteht, gibt Anweisungen in Falle von Notsituationen wie einem Attentat weiter und informiert über die Vorgehen. Sobald bekannt wird, dass das Opfer aus der eigenen Siedlung stammt (oder auch aus der Umgebung), werden Fahrten zur Beerdigung organisiert. Beileidswünsche füllen die Emailverteiler. Essensspenden werden lokal von den Anwohnern organisiert, und zwar so, dass die Essensmenge für 3 Mahlzeiten reicht – und im Falle der Familie Don für ganze 12 Menschen. Gebetszeiten werden organisiert und publik gemacht, zu Ehren des Verstorbenen werden bestimmte Traktate gemeinsam gelesen. Die Anteilnahme ist groß und aufrichtig, ebenso wie das Interesse am Wohlbefinden der Betroffenen.
Das Haus der Familie, in welchem das Trauersitzen stattfindet, und welches auch ich an heutigem Abend, gleich nach Shabbat-Ausgang, besuchte, war mit Besuchern gefüllt, welche die Familie in Not zu stärken gekommen waren. Dutzende gingen ein und aus. Die Kinder
Das Trauersitzen im Hause Don., heute (21.11)
und die Witwe Sarah saßen auf niedrigen Stühlen, wie es die Tradition besagt, um sie herum saßen Bekannte, Freunde, ganze Schulklassen. Die Tochter Rachel empfing ihre Freundinnen in einem der Zimmer. Alle wirkten gefasst, tauschten Erinnerungen aus, tranken Tee, manchmal sah man Sarah sogar lachen, wenn der eine oder andere Besucher eine schöne Erinnerung oder ein Foto von Yakov teilte; ihr ausgelaugtes Gesicht verriet jedoch den Schmerz hinter der Maske der Stärke. „In den letzten Tagen hatte Yakov so vieles geschafft in so kurzer Zeit, ich hatte mich gewundert, wieso alle Pläne, die lange aufgeschoben wurden, mit einem Mal alle durchgeführt werden mussten„, erzählte sie, „auch hatte es Yakov geschafft, mit jedem der Kinder in dieser Woche einzeln zu sitzen und zu reden. Als hätte alles erledigt werden müssen, bevor…Vielleicht hätten wir die Pläne doch aufschieben sollen, wer weiß…“
An der Kreuzung. Quelle: INNAn der Kreuzung. Quelle: INN
Auch andere Reaktionen innerhalb der Bevölkerung folgten auf das Attentat. Kinder und Jugendliche, welche an diesem Wochendende sich im Rahmen der Jugendbewegung „Bney Akiva“ treffen und feiern sollten, gingen zusammen in einem Gedenkmarsch vom Zentrum von Alon Shevut aus bis zur Kreuzung, vorbei an der besagten Attentatsstelle, bewacht von Polizei- und Armeekräften, sangen, in einem Halbkreis stehend, gemeinsam und wehten israelische Fahnen. Zuvor trafen sich Gruppen von Jugendlichen zusammen mit Erziehern, um über das Attentat zu reden und den Tod des Lehrers gemeinsam verarbeiten zu können.
Auch die Bezirksverwaltung von Gush Etzion traf sich mit führenden Armeekräften, so auch dem Oberbefehlshaber der Armee. Die gefährliche Verkehrslage an der Gush Etzion-Kreuzung, die Staus, die fehlenden Ampeln und der überfordernde Verkehr gerieten nun in dem tragischen Kontext des neuesten Anschlags ins Gespräch – obschon die Problematiken jahrelang unentwegt seitens der Bezirksverwaltung angesprochen wurden. Auch eine Einschränkung von arabischem Autoverkehr um die Kreuzung herum – so auf der Landstraße 367, welche an vier großen jüdischen Ortschaften und zwei kleineren arabischen Orten vorbeiführt, wurde angesprochen, denn diese Einschränkung wird schon länger im Zuge von blutigen Attentaten auf die lokalen jüdischen Einwohner gerade auf dieser Landstraße gefordert, Bisweilen beschloss der Verwaltungsrat von Alon Shevut, am kommenden Sonntag keinen Einlaß für arabische Arbeiter in die Siedlung zu gewähren. Schon seit einigen Tagen wurden zusätzliche Metallzäune um die Bürgersteige der Kreuzung herum angebracht – deren tatsächliche Relevanz ist jedoch fraglich. Noch vor Beginn der Unruhen in diesem Herbst wurde die Gush Etzion-Kreuzung von Soldaten bewacht und während der letzten Monate wurde die Bewachung von Zivilisten verstärkt.
Welche weiteren Maßnahmen vorgenommen werden, ist bisher unbekannt.
Mein simples menschliches Mitgefühl kämpft in diesem Stunden mit dem „Man hat euch gewarnt“-Zyniker in mir, seit dem Moment, als ein Freund mir nach einem technik-losen Shabbat von dem Massaker in Paris mitteilte. Und im Hintergrund dieses inneren Kampfes senkt sich ein dumpfes Gefühl in die Magengegend, das sich irgendwo zwischen Ernsthaftigkeit, Bereitschaft und
Opfer des Pariser Attentats im Bataclan-Theater, 13.11.15. Quelle: Web
Ausweglosigkeit bewegt und sich nicht festlegen will. Schwere Tage erwarten die Menschen in Frankreich, und ich kann es niemandem verdenken, der emotional betroffen sein Facebook-Avatar in Frankreichs Nationalfarben umändert, um den persönlichen Gefühlen von Trauer und Verwirrung einen Ausdruck zu verleihen,
Opfer des Pariser Attentats im Bataclan-Theater, 13.11.15. Quelle: Web
oder Bilderchen mit Solidaritätssäzen verbreitet – noch hat sich keiner adäquate Online-Reaktionen zu vergleichbaren Ereignissen ausgedacht. Das Attentat hat so viele wie aus heiterem Himmel getroffen. Schock, Trauma, und ein Unwissen darum, was zu tun. Vor allem für diejenigen vor Ort, oder auch die auf demselben Kontinent, Europa.
Opfer des Pariser Attentats im Bataclan-Theater, 13.11.15. Quelle: Web
Hier, in Israel, hat dieses Attentat viele nicht überrascht. Aus einer Position heraus, in der wir als Bevölkerung und als Staat tagtäglich mit Dingen konfrontiert werden, die in Europa eher ein angstvolles Zittern hervorrufen – Terroristen, Waffen, Bomben, Polizei und Armee – ist die Auffassungsfähigkeit und die gedankliche Einordnung einer solchen Tat eine ganz andere. Durch die physische und politische Distanz, und bei einem wachen Bewusstsein für die Verhältnisse im Nahen Osten, haben wir mit einer großen Besorgnis und einem Unglauben die europäische Politik – auch die Frankreichs – gegenüber der steigenden Terrorbedrohung verfolgt. Die wahllose Aufnahme von muslimischen Einwanderern, die fehlende Abschreckung vor Terror im eigenen Land, die religiös und national motivierte Gewalt in den Problemvierteln von Paris und anderen Städten, die steigenden Angriffe auf die jüdische Gemeinschaft in Frankreich und ganz Europa, und die immer wiederkehrenden Warnungen der Terroristen selbst – „wir kommen zu euch, um euch zu kriegen“ : All das wurde auf gesellschaftlicher und politischer Ebene hartnäckig ignoriert – und offensichtlich nicht nur die Öffentlichkeitsmeinung repräsentierenden Organe haben im Angesicht vom Terror auf den Pariser Straßen und im Bataclan-Theater am 13.11. versagt, sondern auch die für die Sicherheit zuständigen.
Pakistaner protestieren gegen Charlie Hebdo in Peshawar, Pakistan. Januar 2015 Quelle: A.Majeed/AFP/Getty Images)
Demnach handelt es sich nicht um ein alleinstehendes Versagen, für welches jetzt teuer bezahlt wurde. Es ist ein allgemeines und in den psychologischen und sozialen Verständnisebenen wurzelndes Versäumnis, eine fatale Fehleinschätzung der Realität des islamisch motivierten Terrors, mit welcher die westliche Gesellschaft bitter konfrontiert wird – immer und immer
Demonstration nach den Charlie Hebdo Attentat in Paris, Januar 2015. Quelle: AP Photo/Peter Dejong
wieder. „Charlie Hebdo“ ist weniger als ein Jahr her. Die Schießereien in Toulouse und Mauntaban nur drei Jahre. Die Aufstände in den „Banlieues“ von Paris – zehn Jahre. Der 11.September, die „Kriegserklärung an Amerika“, liegt nur 14 Jahre zurück. Bei allen war immer derselbe Ausgangssatz präsent und wurde gerne ignoriert: „Allahu Akbar“.
Und anstatt ein Umdenken anzugehen, sich den unweigerlich an die Oberfläche tretenden kulturellen Zusammenstoß zwischen der europäisch-christlich-sekulären und der arabisch-islamischen
Deutsche begrüßen Flüchtlinge, 2015. Quelle: Web
Zivilisation genauer unter die Lupe zu nehmen, mehrten sich vom genauen Gegenteil getränkte Reaktionen: Menschen, die sich an der eigenen Freiheits-, Gleichheits- und Brüderlichkeitsliebe, trunken vom farbigen Cocktail des gedankenlosen Multikulturalismus, ergötzten und im Namen dieser Ideale jede Nüchternheit verloren – Politiker, Presse, Populisten und „das gemeine Volk“ gleichermaßen.
Schlagzeile der WELT nach dem Charlie Hebdo-Attentat, Januar 2015
„Mein Herz blutet für meine geliebte Stadt Paris, die es den Gedankenlosen erlaubt hat, über sie zu herrschen, und sie an den Rand des Selbstmords zu bringen“, schrieb gestern der Journalist und Autor Eldad Beck zum Attentat. Auch ich finde leider kein besseres Wort als „Selbstmord“ für die Unverantwortlichkeit, welche die
Muslimischer Flüchtling mit Angela Merkel-Portrait. Quelle: Web
europäische Zivilisation im Angesicht des islamischen Aufbegehrens aufbringt, und das Unverständnis von der Misslichkeit der eigenen Lage. Mit welch einer Leichtigkeit bringen Menschen das Wort „Rassismus“ in den Mund gegenüber jedem , der die schnelle und gelingende Integration von hunderttausenden Flüchtlingen in eine ihnen gänzlich fremde Kultur anzuzweifeln wagt. Mit welch einer blendenden Naivität stellen sie sich diese Integration vor! Wie frivol ignorieren sie und ihre Repräsentanten auf der Weltbühne Warnungen und Hinweise und spielen mit dem Leben von Tausenden. Und an was für einer Stufe von geistiger Stumpfheit muss man angelangt sein, um mit ganzem Herzen zu glauben, dass eine zwanghafte
Demonstration für die Trennung von Religion und Staat in Frankreich. Quelle: Web
Trennung von Glauben und Alltagsleben tatsächlich eine solche bewirken wird bei Menschen, deren Alltag und Leben sich nur von diesem Glauben nähren? Dass eine Überstülpung der eigenen selbstgefälligen Glasglocke über ganze Völker und Zivilisationen, so wie die europäische Gesellschaft es seit Jahrhunderten zu tun wusste, sie vor diesen schützen wird, wenn sie kommen, um ihre Ehre und ihre Macht einzufordern? Oder denkt man im Westen, dass alle bereit sein werden, ihre Ideale für ein Ticket zu einem Rockkonzert zu verkaufen?
Angela Merkel zum Islam in Deutschland, Schlagzeile aus dem SPIEGEL. Januar 2015
Ob IS oder Al-Qaida, ob lokale oder syrische Terroristen. Sie kamen und kommen nach Europa mit einer Ideologie, und diese Ideologie erkennt nur sich selbst an. Auch der westliche Liberalismus, der das Vakuum nach der Vertreibung der Religion aus dem europäischen Hoheitsgebiet zu füllen wusste, ist eine Ideologie, und auch er erkennt als solche nichts außer sich selbst und den eigenen Prinzipien an. Er weiß nicht, was „Dar al-Islam“ und „Dar al-Harb“ bedeuten – „Das Gebiet des Islams“ und „Das Gebiet des Krieges„. Dass Islamismus kein Phänomen eines fernen Planeten ist, dass Terror nicht nur im Osten zuhause ist, und dass es nirgendwo sicher sein kann außer dort, wo man sich darum bemüht. Und wenn „der Liberalismus“ es erfährt, will er es nicht wissen. Das erschüttert seine Grundfesten. Das ist ein Kulturschock, ein Schuss mitten ins Allerheiligste eines jeden Liberalisten und Humanisten. Der Beweis für das Versagen seiner Weltsicht, welche auf ihrem Weg zum globalen „Frieden-Freude-Eierkuchen“ einen Großteil des Globus einfach übersehen hat. Und dieser meldet sich nun, und die Menschen, die ihn besiedeln und die von dort auch nach Europa kommen und ansässig werden, glauben nicht an die Billigwaren des westlichen Liberalismus, welche ihnen angeboten werden. Sie
„Der Schleier ist meine Wahl, meine Freiheit, mein Recht“ – Demo für den Frauenschleier in Frankreich. Quelle: Web
glauben an Allah, und Allah ist akbar. Der Größte. Größer als das World Trade Center, der Eiffelturm und das Fußballstadion. Größer als die Idee des Multikulturalismus und des „Liberté, Égalité, Fraternité“. Für diesen Allah sind sie bereit, zu leben und noch eher zu sterben, und sie reißen diejenigen mit sich, die nicht bereit sind, für die eigenen Ideale zu kämpfen, weil sie nicht groß genug sind. So wie Allah.
Nein, ich glaube nicht, dass die europäische Öffentlichkeit so schnell umdenken wird, auch nicht nach 127+ Toten in Paris. Ich glaube nicht, dass sie das Prinzip von „Dar al-Islam“ und „Dar al-Harb“ verstehen und verinnerlichen wird. Ich glaube, dass der Wunsch nach Überleben bei vielen vom Drang nach Selbstaufgabe erstickt werden wird. Der Auszug aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit ist schwer, und er wird noch so manche Opfer fordern. Und bis dahin färben Facebook-User ihre Profilbilder bunt, und Menschen in Europa fragen sich, ob Europa im „Kampf gegen den Terror“, ohne zu wissen, wie ein solcher aussehen soll, trotz allem „seinen Grundsätzen treu bleiben wird“?
Häufig werde ich gefragt – und das meist mit einem vorauseilenden anklagenden Unterton -, ob Araber/-innen in jüdischen Siedlungen wohnen dürfen. Dieses kurze Essay dürfte als eine Erklärung zu dieser nicht unwesentlichen Frage dienen.
Ansicht auf Efrat. Im Vordergrund: Weinstöcke arabischer Weinbauern
…Efrat ist eine Ortschaft in Gush Etzion mit fast 10.000 Einwohnern. Es befindet sich mitten in Ausbau und Erweiterung. Lang ausstehende Bauprojekte wurden genemigt und von verschiedenen Auftragnehmern übernommen. Die Baustellen sind täglich in Betrieb. Auch sonst bedarf die Infrastruktur von Efrat einer umfassenden Pflege – wie die einer jeden Ortschaft. Efrat ist eine „Großsiedlung“, wenn man will, und wurde für 25.000 Einwohner geplant. Sobald Efrat sich in ihrer Einwohnerzahl der 15.000-Grenze nähern wird, soll ein Antrag auf Stadternennung durchgeführt werden, welches ihr den Status der ersten jüdischen Stadt der Judäa-Region einbringen würde, und der fünftgrößten Stadt in den Siedlungsgebieten (nach Modi’in Illit, Beitar Illit, Ma’ale Adumim und Ariel).
Hier liegt Efrat
In dieser Großsiedlung, welche 1983 gegründet worden ist, gibt es kein Pflichtkommittee zur Einwohneraufnahme, so wie viele kleinere Gemeinschaften es für üblich halten. Das bedeutet, um Einwohner von Efrat zu werden, reicht es, eine Wohnung dort zu mieten. Um legal eine Wohnung mieten zu können, muss man in Israel Inhaber eines Einwohnerausweises sein mit Ausweisnummer (Te’udat Zehut). Somit können in Efrat alle möglichen israelischen Einwohner und Staatsbürger leben, unabhängig von ihrer Religion und etwaiger anderer Nationalität. – Also auch Araber mit israelischem Pass.
Ariel, 2013 (Quelle: Wikipedia)
Einen ähnlichen Status hat die Stadt Ariel (gegründet 1978), welche sich in Samaria befindet.
Ariel auf der Karte
Ariel ist eine Universitätsstadt mit mehr als 18.000 Einwohnern, Industrie und einem gut aufgebauten Netzwerk an Verkehr, Wirtschaft, Bildung etc. Es liegt nur 45 Kilometer vom Flughafen (30 Minuten Fahrt) und 47 Kilometer von Tel Aviv entfernt (40 Minuten Fahrt).
Auch Kiryat Arba, das 1971 errichtete jüdische Äquivalent zum größtenteils arabischen Hevron, ist heute eine Bezirksortschaft aus etwas mehr als 6000 Einwohnern und hat das Aufnahmekommittee abgeschafft, somit können dort theoretisch alle israelischen Bürger und Menschen mit Einwohnerstatus einziehen.
Die Frage danach, ob Araber in jüdischen Siedlungen wohnen dürfen, taucht häufig auf, wenn sich Menschen ohne Vorkenntnisse über das Leben in Siedlungen dafür interessieren. Die Frage ist als solche durchaus legitim, nur weist sie darauf hin, dass der Fragesteller eher wenig Ahnung vom Aufbau und Funktionsweise der israelischen Gesellschaft besitzt. In Israel, wie auch insgesamt im ganzen nahöstlichen Milieu, leben die verschiedenen ethnischen und Religionsgemeinschaften zumeist unter sich. Das liegt an den ähnlichen traditionellen Auffassungen der jeweiligen Gemeinschaften, das hat praktische Gründe aufgrund der verschiedenen Gesetze, welche diese haben, Gewöhnungsgründe und andere mehr. Es gibt trotz vieler unterschiedlicher Kulturen in Israel keine Tradition des „Multikulti“ innerhalb der Gemeinschaften, obschon es durchaus die Kenntnis von der Kultur des jeweils Anderen gibt. So können Anhänger verschiedener Religionen – bsp. Juden und Drusen – zusammen arbeiten, gemeinsam in der Armee dienen, einander zu Hochzeiten einladen. Man wird allerdings selten Städte oder Dörfer finden, in welchen beide zusammen wohnen. Mit Rassismus hat es gänzlich nichts zu tun – sondern es liegt an der gängigen Praxis in diesem Erdteil. Jeder bevorzugt es mehrheitlich, unter sich zu leben, damit die verschiedenen Lebensweisen statt Bereicherung nicht in einem Zusammenstoß enden.
Israelisch-arabische Muslimin wählt. Quelle: i24
So gibt es relativ wenige „gemischte Städte“ in Israel – wie Ramle, Nazeret, Jaffo, Akko und Haifa, in welchen Muslime, Christen und Juden auf engem Platz miteinander wohnen. Selbst in solchen Städten konzentrieren sich die jüdischen, muslimischen und christlichen Bewohner meist auf bestimmte Viertel. Es gibt Städte mit Minderheiten innerhalb von Mehrheiten – so Tel Aviv, Ashdod, Netanya mit einer kleinen Anzahl an muslimischen und christlichen Einwohnern. Jerusalem hat eine große muslimisch-christliche Minderheit, die sich ebenso in bestimmten Vierteln wiederfindet. In den Städten Umm al-Fahm, der Stadt Fureydis, Baq’a al-Gharbiya, Taibe leben keine Juden, und meines Wissens keine bis nur wenige arabische Christen.
Genauso verhält sich das mit den jüdischen Siedlungen in Judäa und Samaria. Diese, wie übrigens auch reguläre Kibbutzim und Dörfer „innerhalb der Grünen Linie“, richten sich nach der Zusammensetzung ihrer Einwohner, nach ihrer gesellschaftlichen und religiösen Ausrichtung, nach den Vorlieben in ihrer Lebensweise. Kleinere Ortschaften haben Aufnahmekommittees, welche entscheiden, je nach Charakter der Ortschaft, wer in die Gemeinschaft aufgenommen wird. Diese Aufnahmekommittees haben jahrelang existiert und auch viel Kritik von den eigenen Leuten und von Außenstehenden geerntet, sind allerdings noch immer gang und gäbe. In großen Orten – wie oben erwähnt – so Efrat und Ariel – sind diese abgeschafft worden. Allerdings unterliegt die Zusammensetzung dieser Orte noch immer den ungeschriebenen Gewöhnungsgesetzen.
Und wer dies kennt und versteht, der weiß auch die Frage zu beantworten, ob in jüdischen Siedlungen Araber leben. Nein, es leben zu 99,9% keine Araber in Siedlungen von Judäa und Samaria. Kein einziger muslimischer Araber lebt dort; in Ariel gibt es einen minimalen Prozentanteil an arabischen (oder wie viele sich selbst nennen, aramäischen) Christen. Es gibt in größeren Orten auch einen kleinen Prozentanteil an nichtjüdischen Menschen (so aus der ehem. Sowjetunion). Ansonsten sind alle Einwohner der Siedlungen in Judäa und Samaria jüdisch. Araber gelangen in jüdische Siedlungen als Arbeiter, Handwerker, Geschäftsleute (bsp. im Baumilieu) u.ä. Dabei sind dies in den meisten Fällen Araber mit palästinensischem und nicht israelischem Pass. Araber mit israelischem Pass mögen in bestimmte Ortschaften gehen, um einzukaufen, würden sich allerdings keine Wohnung mieten oder ein Haus kaufen – selbst wenn es rechtlich gesehen keine Widerstände dagegen geben würde.
Dieser hervorstechende nationale und religiöse Gemeinschaftsbezug innerhalb Israels erscheint euch befremdlich? Nun, das ist eine der Charakteristiken des Nahen Ostens, welche es viel lohnenswerter und einfacher ist, als solche hinzunehmen und zu akzeptieren, anstatt zu versuchen, sie anzuprangern oder zu verändern. Wenn jemand behauptete, getrenntes Leben führt zur Entfremdung, so führt ein gezwungenermaßen ineinander verwobenes Zusammenleben zu Zusammenstößen und unliebsamen Vorfällen, die davon herrühren, dass die Verschiedenheit der jeweiligen Gemeinschaften nicht respektiert wird. Auch spielt der Sicherheitsaspekt eine große Rolle in dieser Trennung. Gerade in den letzten Wochen wird es deutlich, wie sehr die Nähe zwischen zwei einander nicht freundlich gesinnten Gesellschaftsgruppen zu Gewalt führen kann. Kann eine komplette Trennung von Juden und (muslimischen) Arabern die Lösung für den Konflikt im Nahen Osten sein? Ich glaube nicht daran, wenn ich auch selbst dabei bemerken muss, dass eine Separierung momentan keinen größeren Schaden anrichten würde, als schon angerichtet worden ist.
Generell gilt für mich speziell – ich muss nicht mit jemandem zusammenleben, um diesen zu respektieren oder ihm Wohl zu wünschen. Dass Menschen sich als Mitbewohner lieber diejenigen auswählen, denen sie sich nah fühlen, ist nichts Befremdliches oder gar Rassistisches – es ist etwas sehr Menschliches. Daher wundert sich in Israel auch kaum jemand über die Abwesenheit arabischer Einwohner in Kiryat Arba oder Efrat oder die Abwesenheit jüdischer Einwohner in Jassar a-Zarka oder Umm al-Fahm. Viel verstörender ist es dagegen, wenn jüdische Israelis sich aus Angst vor Übergriffen auch für Gelegenheitsbesuche nicht in arabisch-israelischen Ortschaften zeigen können, wobei auf der Gegenseite dies bei Weitem nicht der Fall ist….
Dieser Text wurde von Na’ama Henkin, der ermordeten jungen Frau und Mutter aus Neria, vor etwa drei Jahren auf der israelischen Blogplattform „Point of View“ veröffentlicht. Na’ama Henkin bloggte dort zusammen mit anderen jungen Frauen aus Judäa und Samaria auf Englisch über verschiedene Aspekte ihres Lebens. In diesem Text versucht sie, anhand eigener Erfahrung als erfolgreiche religiöse Grafikerin aus einer Siedlung die Diskrepanz der gegenseitigen Wahrnehmungen innerhalb der israelischen Gesellschaft, zwischen „Religiösen“, „Siedlern“, „Tel Avivern“ und „Sekulären“ darzustellen. Vor drei Jahren habe ich diesen Text nicht gekannt, und heute gelangt er an die Oberfläche durch den grausamen Mord an Na’ama und ihrem Mann Eytam, und zeigt auf einige schmerzvolle Aspekte der Selbstwahrnehmunng der israelischen Gesellschaft. Übersetzt von mir.
Na’ama Henkin hy“d
Das irrelevante Kopftuch*
Hier bin ich wieder, bereite mich für ein Meeting in Tel Aviv vor, öffne zum hundertsten Mal meinen Schrank, um mir herauszusuchen, was ich anziehen soll. Was wird bescheiden, aber modisch aussehen, elegant, aber nicht zu sehr? Trotz meiner Bestrebungen weiß ich, dass wenn ich im Herzen Tel Avivs aus dem Auto steigen werde, ich anders aussehen und mich anders fühlen werde. Ich werde „eine von denen“ sein. Mein Designer-Kopftuch, das mir viele Komplimente von meinen Freundinnen in meiner Gemeinschaft einbringen wird, dasselbe Kopftuch ist so üblich und relevant in Tel Aviv wie ein Hijab – nämlich absolut irrelevant.
Nachdem ich es geschafft habe, meinen Minderwertigkeitskomplex zu überwinden, betrete ich das das Gebäude, in dem mein Meeting stattfindet (natürlich bin ich 10 Minuten zu spät, denn der Tel Aviver Verkehr scheint mich immer wieder von Neuem zu überraschen). Ein kurzer Stopp auf der Toilette gibt mir noch mal die Chance, mein Aussehen neu zu ordnen, mein Make-up zu korrigieren und mein Kopftuch neu festzubinden. Wen versuche ich hier eigentlich zum Narren zu halten?, denke ich mir, ein religiöses Mädel wird immer ein solches bleiben.
Während ich mir meinen Weg zum Treffen bahne, überlege ich vor mich hin: werden sie überrascht sein, zu sehen, dass ich gläubig bin? Wird die Person, die meine Arbeit bestellt hat, zu meiner professionellen Beschreibung hinzufügen: ‚Wir werden mit Na’ama zusammenarbeiten, sie macht Interface-Design. Ja, die eine Religiöse mit dem Kopftuch, aber sie ist eigentlich ganz cool“… Ich war niemals dabei, wenn ein solcher Satz gesagt wurde, aber ich fühle ihn immer, wenn ich in den Raum hineinkomme. Auch wenn ich mit einem Lächeln begrüßt werde, versuchen die Männer immer, diesen peinlichen Moment, die Hände zum Händeschütteln auszustrecken in der Erwartung, meine Hand zu schütteln, zu vermeiden. Und die Sekretärin bestätigt mir lächelnd, der Kaffee sei koscher.
Dann kommt der Smalltalk. Jemand wird fragen: „So, woher sagten Sie, dass Sie kommen? Jerusalem?“ Und ich werde rot anlaufen und sagen, „nein, ich komme aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Modi’in.“ „Oh“, werden sie sagen und mit den Köpfen nicken, „wir haben von dieser Stadt gehört. Ein netter Ort. Wir sollten wirklich einmal dorthin mit unseren Kindern fahren, dort müsste ein schöner Park sein.“
Hier liegt Neria
Eines Tages – so verspreche ich dem verstörten Verlangen nach Gerechtigkeit in meinem Inneren – , vielleicht, wenn ich erwachsen sein werde, werde ich den Mut haben, die Wahrheit zu sagen. Ich lebe in Neria, einer Gemeinschaft in der Binyamin-Region. Ja, es liegt auf der anderen Seite der Grünen Linie. Die Medien mögen es eine „Siedlung“ nennen, aber für uns ist es einfach „Zuhause“. Kommt vorbei, wenn ihr die Gelegenheit dazu findet, es ist wirklich wunderschön dort.
*Anmerkung: Das Haar zu bedecken, ist religionsgesetzliche Pflicht für verheiratete jüdische Frauen. Dabei gibt es verschiedene Bräuche, wie man das Haar zu bedecken hat – in welchem Maße, oder auch womit. Heute entscheiden sich sehr viele religiöse jüdische Frauen für Kopftücher. Andere wählen dafür eine Echthaar-Perücke.
Und wieder ist Feierlaune in Gush Etzion. Momentan haben die Sukkot-(Laubhüttenfest)Ferien begonnen, Familien mit Kindern und Jugendliche wandern im ganzen Land umher, vergnügen sich, erleben Land und Leute, tanzen, singen und vieles mehr.
Das Wasserschöpffest mit vielen Attraktionen für Kinder, Musik, Tanz und Essen wird im Gedenken an dasselbe Fest zur Zeit des Tempels gefeiert, während der Sukkotfeiertage, weil an diesen laut der jüdischen Religion die Menge des Wassers gerichtet wird, die über die Welt und über das Ladn Israel niedergehen wird. Es war in den alten Zeiten ein Fest voller unglaublicher Freude, wo alle Bewohner Jerusalems und auch landesweit sich versammelten, um gemeinsam Kunststücke und Musiker zu sehen und den Tempel zu bestaunen. Mehr dazu kann man hier lesen.
Yehoshu’a und ich am Verkaufsstand
Heute wird das Fest in den jüdischen Gemeinden auch ohne Tempel begangen, in seinen Ausmaßen sicherlich nicht mit den Tagen von damals zu vergleichen – und dennoch ist es ein Grund zum Feiern und Tanzen für Juden. Dazu muss man gar nicht gläubig sein, bei der Musik schwingen alle Beine mit.
Hier einige exklusive Einblicke von Musik und Tanz vom traditionellen „Wasserschöpffest“ im Naturpark Oz veGaon, im Herzen Gush Etzions, Judäa, organisiert von dem Verein „Frauen in Grün“.
Mehrere hundert Besucher kamen in Oz veGaon vorbei, ebenso der Minister für Jerusalem und Tradition, Ze’ev Elkin, der Vorsitzende der Bezirksverwaltung Davidi Perl und die Eltern eines der entführten Jungen, Eyal Yifrach, die ebenso von der Veranstaltung begeistert waren.
In diesen Tagen, zwischen den zwei heiligsten jüdischen Feiertagen, dem Neujahrestag und dem Versöhnungstag (Yom Kippur), stehen zehn besondere Tage, die sogenannten „Tage der Rückkehr“. In diesen Tagen, so heißt es, ist Gott denjenigen, die Ihm nah sein wollen, und eine Verbindung mit Ihm suchen , nachdem sie diese über das Jahr hinweg erneut verloren oder ihre Wahrnehmung für diese abgestumpft haben, besonders nahe. „Rückkehr“ (Teshuva) ist ein bekanntes und zentrales Konzept im Judentum und impliziert, dass der Mensch – genauer genommen der Jude/die Jüdin – zu ihrem geistigen Selbst und der ursprünglichen Reinheit ihrer Seele zurückkehren, nachdem das Leben und all seine Belange sie in verschiedene Richtungen treiben konnten, die weit entfernt sind von dem, was Gott oder sie selbst eigentlich von sich wollen. Kein einfaches Konzept, und impliziert eine Menge Glauben und Gottvertrauen – etwas, was in der westlichen Welt heutzutage sehr schwer aufzufinden ist, da die Weltansicht des Atheismus und der geistigen Gleichgültigkeit aus Mangel an gebührenden Alternativen grassiert und alles unter sich begräbt.
Wie dem auch sei, überall im Land finden auf Geist und Seele bezogene Veranstaltungen statt – vor allem Vorträge über jüdische Weltsicht und musikalische Events. Auch in Judäa und Samaria, welches mehrheitlich von Juden bevölkert wird, die es mit ihrer Religion und Tradition ernst meinen, finden diese statt.
Tanzende Frauen beim Konzert
Ein solches Konzert, im Naturpart „Oz veGaon„, bei dessen Aufbau ich vor einem Jahr aktiv dabei gewesen bin, habe ich für euch ein wenig aufgenommen. Hier kann es angehört werden:
Die Texte, welche die Musiker, David Litke, Nehemya Litke und Steve Rodan hier singen, stammen aus der jüdischen Liturgie.
"Ich werde sie zu Meinem heiligen Berg bringen, und ihnen Freude bereiten in Meinem Gebetshaus. Ihre Gebetsopfer werden auf meinem Altar zu meinem Wohlwollen sein, denn Mein Haus wird ein Haus des Gebetes heißen für alle Völker." (aus Jesaja/Jeshajahu, 56, 7)
"Er erinnert sich an die Güte der Vorväter und erlöst ihre Kindeskinder um Seines Namen willen mit Liebe", (aus dem Achzehngebet)
Nadia Matar (links) und Yehudit Katzover
Organisiert wurde die Veranstaltung durch die Leiterinnen des Naturparks „Oz veGaon“ und die Vostände der Organisation „Frauen in Grün“/“Women in Green“, Yehudit Katzover und Nadia Matar. Über sie werde ich einmal getrennt berichten.
Während mein Kurzurlaub in Deutschland seinen Lauf nimmt, möchte ich mit euch, liebe Leser/-innen, den letzten Teil meines Ssanur-Berichtes teilen, und zwar aus verschiedenen Gründen. Zum Einen möchte ich euch aus erster Quelle den Ablauf einer solchen Aktion wie dem Protestaufstieg der Juden aus Samaria zur 2005 im Zuge der Gaza-Räumung zerstörten Ortschaft aufzeigen, weil sie ein Beispiel für solche bürgerlichen Proteste gegen die Vorgehen der israelischen Regierung darstellt. Denn die israelische Gesellschaft ist nicht so kohärent, wie sie manchen erscheint, und auch innerhalb dieser Gesellschaft gibt es ganz verschiedene Herangehensweisen an die sprunghafte und oft schwer nachvollziehbare politische Handlungsweise der Regierung. Zum Anderen ist es mir wichtig, euch die Gedanken und Prozesse innerhalb der sogenannten „Siedlerbewegung“ darzustellen, die Menschen dahinter erkennen zu lassen und sie nicht durch den Medieneinfluss zu politischen Gebilden und Losungen verkommen zu lassen. Meine Darstellung ist, wie könnte sie auch anders sein, subjektiv, aber versucht, so allumfassend wie möglich zu sein, d.h. auf möglichst viele Aspekte der Situation einzugehen.
Es ist der dritte Abend, die dritte Nacht, und von dem Wort „Räumung“ kann man schon keinen Abstand mehr nehmen. Jeder nimmt es in den Mund, es ist Teil der Vorbereitungen. Im Dunkeln erreicht eine Jeep-Kolonne Ssanur, Verstärkung kommt im Gesicht von neuen Jugendlichen und Essen. Familien, die schon zu Beginn anwesend waren, fahren ab. Man ist nervös. Die Neuankömmlinge, teilweise aus der „Kampfzone“ von Bet El, haben nicht die letzten Tage im Camp mitbekommen, sie kennen nicht die Anweisungen von Rav Gadi, sie kommen, um das Grundstück zu verteidigen und sich mit den Polizeikräften anzulegen. Das sollte dem ganzen Vorhaben schaden, und den Jungen und jungen Männern unnötige physische Auseinandersetzungen bringen. Man erwartet keine Kompromisse seitens der Sicherheitskräfte, sie kommen hierher nach Bet El, und sie kommen nachts, was allein das schon eine ernst zu nehmende Provokation ist. Menschen könnten verloren gehen, verletzt werden in der Dunkelheit, und wenn keine Kamera die Polizeikräfte filmt, können diese frei heraus handeln, wie es ihnen beliebt, ohne dass irgendjemand eine Kontrolle darüber hat oder es auch nur bezeugen kann. In der israelischen Gesellschaft – oder eher noch, in der Presse, halte man nicht viel von Beschwerden gegen Sicherheitskräfte, die von Siedlern kommen, erklärt mir Limor Son-Harmelech. Sie seien Kanonenfutter – junge Männer und Jugendliche, die in den ersten Reihen stünden, um die Proteste wie in Ssanur oder in Bet El zu führen, und als erste auch die Schläge abbekommen würden.
Quelle: INN
Sorgen der Nacht. Viel Verpflegung ist mit den Jeeps gekommen. Mit dem Proviant könnte man wochenlang durchhalten. Aus welchem Grund auch immer gehören auch Sixpacks Coca Cola dazu, und Ketchup. Einige der Neuankömmlinge gehen schlafen. Die Familien schlafen auch, aber noch immer sind viele wach. Die Organisationsleiter diskutieren hitzig über die Vorgehensweisen, über das, was man verhindern kann, und was nicht. Auch die Jugendlichen unter sich diskutieren. Viele von ihnen sind nicht mit der Richtlinie des Organisationsteams einverstanden, aber sie haben auch ihre Anführer, und mit diesen muss das Verhalten im Falle einer Räumung geklärt werden, wenn die Leute von Ssanur Erfolg haben wollen.
Auch ein Abzug in Ehren ist ein Erfolg, so sehen Beni Gal die anderen vor Ort das. Ein Abzug ohne Gewalt, ohne Auseinandersetzungen und mit entsprechend viel Coverage seitens der Presse beeinflusst die öffentliche Meinung zugunsten der Sache, ebenso wie das Gegenteil durch exzessiven Widerstand und hässliche Bilder von Journalisten vermittelt wird. Und auf diese ist leider kein Verlass.
Es ist Vollmond. Die Luft ist feucht, es ist kühl und dunkel. Wilde Hunde und Schakale bellen aus allen Richtungen. In den Zimmern selbst ist es stickig, ich kann nicht schlafen, ich will nicht im Schlaf von der Polizei überrascht werden. Sterne leuchten am Himmel. Es könnte auch ein einfacher Campingausflug sein, der hier veranstaltet wird, wenn es nicht wieder einer der zahlreichen Aufbegehren wäre gegen das Unrecht, das Juden in Samaria und Judäa widerfährt. Gegen das System, dem jede Logik abhanden gekommen ist, gegen eine Führung, der die Richtung nicht mehr klar ist, und gegen eine Gesellschaft, deren Apathie ihre eigenen Leute an die Barrikaden zerrt und dabei die Erde unter ihren Füßen wegreißt.
Meine Freundin ist vor einiger Zeit mit der geheimen Jeep-Kolonne den Berg hinunter gefahren, sie hatte Angst, dass die Belagerung der Festung weiter anhalten würde und sie am Morgen nicht zur Arbeit käme.
Limor Son-Harmelech. Quelle: Walla
In der Eingangshalle der Festung, die wir am Tag zuvor noch gestrichen haben, finde ich Limor. Sie sieht sehr angespannt aus, ihr Blick wandert nervös über die Menschen in die Dunkelheit am Eingang, sie kann nicht bei ihrer Familie stillsitzen, nicht einfach abwarten. „Meinst du, sie werden tatsächlich kommen?“, frage ich. „Ja, sie kommen, es steht schon fest“, sagt sie, und fragt dann mit einem leicht verstörten Seitenblick auf mich, „wie schaffst du es nur, so ruhig zu bleiben.“ Ich lächele selbstsicher und antworte, ich habe von Beni Gal selbst verstanden, dass die Polizisten wohl unbewaffnet kommen würden. Es stimmt, auch Limor nickt. Vor kurzem habe ich eine Unterhaltung von Beni Gal mit jemand anderem hören können, und das sei seine Abmachung als Anführer der Gruppe mit den Sicherheitskräften gewesen. Kein Waffengebrauch, keine Schlagstöcke, es erwarte sie im Gegenzug kein gewalttätiger Aufstand.
Für Limor ist es aber noch immer kein Grund zur Beruhigung. „Du bist so ruhig, weil du eine Ausweisung noch nie erlebt hast“, sagt sie leicht bitter und traurig zugleich. Ob gewalttätig oder nicht – es sei immer hart, es sei etwas, was die Kinder nicht sehen sollten. Dieses Gefühl der Ohnmacht Daher würden die Familien auch widerstandslos gehen. „Weiß Gott, ich habe schon endlos viele Ausweisungen erlebt, und es ist immer noch schwer.“
Als Beni Gal die „Stunde X“ verkündet, als er schon weiß, dass die Sicherheitskräfte in wenigen Minuten ankommen, versammeln sich die Familien und die Schülerinnen oben in der Halle. Es kommen immer mehr und mehr Soldaten bei der Festung an. Sie kommen nicht, um auszuweisen, sondern um die Aktion von außen gegen arabisches Eindringen abzusichern. Da es sich bei den Aktivisten um israelische Staatsbürger handelt, fallen sie in den Wirkungsbereich der Polizei- bzw. des Grenzschutzes.
Mit Limor haben wir zuvor abgesprochen, dass ich mich während der Durchführung selbstständig mache, und mich am Besten an das Filmen der Räumung wage, so gut es eben gehen wird im Tumult, der zumindest bei den Jugendlichen entstehen wird, damit die Polizisten von ggf. einer Randale und unrechtmäßigem Vorgehen gegen die Jugendlichen abgehalten werden können. Kameras scheinen mehr auf sie zu wirken als Einsatzregeln. Ich verabschiede mich von Limor und gehe zu den Jugendlichen, die sich aufgeteilt haben in Gruppen auf dem Dach der Festung, und andere innerhalb der Räume,
Die Jungen, die sogenannte „Hügeljugend“ und auch andere, haben sich auf dem Dach zusammengeschlossen. Eine größere Gruppe sitzt im Kreis und bespricht untereinander, was sie machen wollen, wenn die Polizisten kommen. Werfen Ideen in die Runde. Diskutieren. Was ist effektiver – Knallfrösche platzen zu lassen? Bewegungsloses Sitzen, also Sit-in-Protest? In der Mitte des Daches oder am Rand? Werfen die Polizisten einen dann vom Dach herunter oder tragen weg? Viele sind sich einig, dass sie wenig zimperlich sein werden, und ein paar sind sich ganz sicher, dass sie so oder so vom Dach fliegen werden. Haben die Polizisten nun versprochen, Schlagstöcke wegzulassen oder werden sie welche haben? Soll man organisiert zusammensitzen oder jeder das machen, was er will? Soll man beten oder lieber ruhig bleiben? Die Familien mit Kindern sitzen noch immer im großen Saal im obersten Stock. Auf dem Minarett, wo der beste Funkempfang herrscht, scheint keiner sich verstecken zu wollen. Die Jungen bereiten sich auf keine weiche Behandlung vor. Den Gesprächen nach zu urteilen, scheinen sie schon reichlich Erfahrung in solchen Aktionen zu haben, trotz ihres teilweise „zarten“ Alters – einer der Jungen scheint der Jüngste zu sein, wird wohl knapp über 13 sein, die älteren sind zwischen 16 und 19. Sie haben sich auf Konfrontation eingestellt. Mit allem Unmut und dem Widerstreben gegenüber Anweisungen und Gehorsam, eins muss man ihnen lassen – sie bedenken auch die Forderungen des Organisationsteams, sich gemäßigt zu verhalten.
Die Diskussionen halten an. In der Ferne hört man Funkgeräte krächzen. Mein Kopf schmerzt vor Anstrengung, der schlaflosen Nacht, und der reichlich unbequemen Beobachterposition hinter einigen trockenen Ästen, die ich auf dem Dach eingenommen habe, um einen ungestörten Überblick zu haben. Die Aufregung wird es wohl auch sein, wenn man so will.
Ich lausche den Unterhaltungen. Von den Jugendlichen hier kann man sehr viel über Protestaktionen, die Funktionsweise der Sicherheitskräfte, effektvoller Konfrontation und Selbstorganisation lernen.
Zeit vergeht. Unten lachen und machen ein paar Jungs Lärm, auf dem Dach singen sie im Kreis Lieder mit Zitaten aus der Bibel, einer hat offenbar eine Flöte mitgebracht und spielt darauf, so als sei er auf einer Wiese beim Klassenausflug und kein „Illegaler“ kurz vor einer gewaltsamen Ausweisung durch die Polizei. Eine surrealistische Situation ist das. Ein symbolischer Protest mit symbolischen Mitteln; und alle Beteiligten wissen, dass das Ganze ein Spiel ist, dennoch planen sie es vor und machen es mit.
Es ist kalt. Der Muazzin heult von den umgebenden Dörfern. Es wird langsam nervtötend. Wann kommen die Polizisten endlich und bringen die Sache zu Ende?
Quelle: INN
Der Strom geht aus. Man hört Busse abfahren. Die Familien scheinen abzuziehen oder schon abgezogen zu sein.
Die Jungen singen weiter. Manche haben Hunger. Noch immer sind wir hier allein. Ich döse langsam ein und wache vielleicht eine oder zwei Stunden später auf, es wird schon hell. Die Polizisten sehen es wohl als zu riskant an, die Evakuierung in der Nacht vorzunehmen, Ein Pluspunkt für sie. Die Jungen werden auch langsam nervös, manche springen herum, setzen sich zusammen, bilden eine Menschenkette quer durchs Dach. Der Sonnenaufgang bedeutet auch Gebetszeit, einer der Älteren scheint die Aufsicht darüber zu führen, und ermahnt die anderen, die Hände zu waschen und die ersten Segenssprüche des Morgens zu sprechen. Anarchisten oder nicht, aber was Gebote angeht, so folgen die Jugendlichen dem, was sie wissen und gelernt haben, strikt.
…Und dann geht alles ganz schnell. Es ertönen Rufe „Sie kommen!“ und Sicherheitskräfte in grauen und blauen Uniformen – Polizei und Grenzschutz – tauchen auf dem Hof auf, formieren sich, klettern in Gruppen aufs Dach. Die Jugendlichen sitzen dicht gedrängt und Arme ineinander verkettet, rufen Dinge wie „schämt euch“ oder „haltet euch zurück, es ist noch nicht zu spät, umzukehren“ und „Juden tun so etwas nicht“ und „Schande über euch“, da werden die ersten schon voneinander gerissen und abgeschleppt. Die Polizisten haben keine Schlagstöcke an sich, wohl aber Dosen mit Pfefferspray. Auch wird niemand vom Dach geworfen. Rabbiner Gadi folgt den Polizisten, wird aber von der Gruppe weggedrückt. „Wir wollen nicht, dass du hier dabei bist“, sagt ihm einer, und drängt ihn zu Seite. Die Jugendlichen schreien, wehren sich aber nicht aktiv. Einige werden einfach abgeschleppt, andere bekommen allerdings Pfefferspray ins Gesicht – als Warnung, Abschreckung, oder wofür auch immer. Jeder wird einzeln zu großen Bussen in Form von Lastwagen gebracht. Bei dem Ausgang aus der Festung, aus welcher man die „Aufständischen“ zu den Bussen schleppt, stehen Journalisten parat, filmen und knipsen. In einem Bus befinden sich auch ein paar Mädchen, die zurückgeblieben waren. Unter den Sicherheitskräften sind ebenso junge Frauen anwesend. Die Luft füllt sich mit dem Reizgas, jeder mit Pfefferspray Angegriffene bringt es in den Bus hinein und die Luft wird schwer zum Atmen. Einige der Jungs hat das Spray schwer erwischt, sie können kaum atmen, geschweige denn sehen oder gehen, liegen auf dem Boden oder strecken die Köpfe aus den Fenstern aus, mit geröteten Gesichtern. Auch der Stellvertretende der Judäa und Samaria-Verwaltung, Yossi Dagan, taucht an Ort und Stelle auf, tröstet die Verletzten und herrscht die Polizisten an. Seine Präsenz soll Unterstützung zeigen und die Polizeigewalt mäßigen. Diese ist allerdings außer des Pfefferspray-Einsatzes sehr gemäßigt. Als die Busse voll werden, kriegen sie den Befehl zur Abfahrt. Der kühle Wind von den Bergen um diese frühe Zeit erfrischt das Gesicht, die Augen und die Nase und durchweht den Bus, befreit ihn nach und nach von den Resten des Pfeffersprays. Als er einmal anhält, springen einige der Jungs raus und laufen aus dem Bus zurück Richtung Festung. Sie müssten schnell wieder gefasst worden sein.
Unser Bus, in dem auch ich sitze, fährt. Wohin, weiß niemand, man vermutet aber, dass er wohl in die nahgelegene Siedlung Kedumim fahren wird. Die jungen Mädchen, die neben mir am Fenster stehen und mit einem grimmigen Ausdruck, so gar nicht zu ihrem jungen Alter von vielleicht 14 oder 15 passend, blicken auf die vorbeiziehende Landschaft. Irgendwo unten, unterhalb der arabischen Dörfer, durch welche wir fahren, sieht man auf einem Hügel die Festung von Ssanur, umgeben von Feldern, Bäumen, und ehemaligen Landwegen, die einmal einem jüdischen Ort mit fast 60 Familien gedient haben, bevor die Regierung seiner Einwohner eines Tages beschlossen hatte, diesen Ort und alle darin von der Landkarte verschwinden zu lassen. Seitdem kommen sie jedes Jahr her, und jedes Jahr werden sie mit leeren Händen wieder abgeführt. Und dann sammeln sie sich und kommen wieder. Und wieder.
Der Bus hält in Kedumim, an einem Gemeindezentrum. Uns empfängt eine Frau, lädt alle hinein, im Raum stehen Sessel, Kaffee und Kuchen und Wasser stehen für die Ankömmlinge bereit. Einer der Jungs aus dem Bus muss medizinische Hilfe in Anspruch nehmen; das Pfefferspray hat ihn schwerer erwischt, als man gedacht hatte. Anschließend warten alle, müde, erschöpft und irgendwie resigniert, auf einen Bus nach Jerusalem, der für sie organisiert worden ist, denn viele leben in der Hauptstadt. Auch die Mädchen, die mit mir gewesen sind, fahren mit. Sie setzen sich erschöpft auf die Rückbank des Busen. Eine lässt ein Lied spielen. Ich kenne es nicht, die Mädchen klären mich, leicht ungläubig über mein fehlendes Wissen, auf. Ich finde es schnell in meinem Telefon, und die Gedanken und Gefühle auf der Fahrt heim werden von nun an untermalt von den Worten des Liedes von Bini Landau:
„Einen Tempel baue ich dir in meinem Herzen
Damit du von deiner Wanderung
Dich ausruhen kannst
Damit du deine Kräfte sammeln kannst
Ich spüre dein Leiden
Doch auch über mich haben die Sturmwinde geweht
Um was du gebeten hast,
Darum bat auch ich, mit all meiner Kraft
Meinen Ort zu finden – und gibt es ihn doch nirgendwo.
Warte doch, verlange danach
Verliere nicht die Hoffnung
Erhebe deine Stimme und bitte auch für meine Seele