Die Tage von Ssanur: Tagebuch Teil 2

Trotz der schon einige Wochen hinter uns liegenden Episode von Ssanur , der Rückkehr der Bewohner und der Räumung, möchte ich euch  dennoch die weiteren Teile des „Tagebuchs“ vor Ort vorstellen. Die Geschichte von Ssanur, einer Siedlung im Norden Samarias, die im Rahmen des Gaza-Abzugs von 2005 vom damaligen Premierminister Ariel Sharon abgerissen und ihre Bewohner ausgewiesen wurden, passt in die Reihe der „Thementage“ zum 10.Jahrestag der Räumung des Gaza-Streifens und Nordsamarias durch Israel. Im Tagebuch berichte ich über die Ereignisse während der dreitägigen Rückkehr von ehemaligen Bewohnern der Siedlung und ihren Unterstützern in die alte Festung auf dem Hügel von Ssanur, aus Protest gegen die Weigerung der israelischen Regierung, die Siedlung wieder aufzubauen. „Vorwarnung“  – die Einträge sind subjektiv und teilweise einseitig, aber dafür so authentisch wie möglich gehalten.

Ssanur auf der Karte
Ssanur auf der Karte

Teil 1

Als wir uns auf den Weg machen, ist es schon spät. Keine leichte Reise wird es jetzt, zur späten Stunde, von einem Landesende bis zum anderen. Aber meine Freundin und ich spüren, dass wir einfach nicht untätig daheim herumsitzen können. Schon am Morgen, als ich die Nachrichten geöffnet habe und überfallen wurde mit Neuigkeiten von den Ausschreitungen in Bet El und dem Aufstieg in die Ruine von Ssanur, wusste ich, dass ich dabei sein muss. Journalistische Pflicht, und historische Notwendigkeit, nennen wir es so. Also organisieren wir uns und ziehen los. Meine Kontakte müssen ausreichen, um ein aktuelles Bild der Lage zu bekommen…. Weiterlesen


Teil 2

 

Männer beten in den Ruinen
Männer beten in den Ruinen

Am Morgen gibt es Frühstück. Die jüngeren Mädchen und einige der Mütter kümmern sich um das Essen, schneiden Salat. Die Männer beten. Die Luft wird langsam heiß. Man veranstaltet eine große Versammlung mit allen, es gibt Begrüßungsworte. Ich setze mich dazu, noch haben nicht alle verstanden, was ich genau an diesem Ort mache, einige Teenager wollen mich wegschicken, sie meinen, ich sei von der Presse. Presse mag man hier nicht, sie ist voreingenommen und unverschämt. Es braucht eine Weile, bis sie verstehen, dass ich hier vielmehr privat unterwegs bin. Mein Aussehen trägt zum Missverständnis bei – ich trage keinen langen Rock und ein langes Ärmelshirt wie die meisten der Frauen, sondern Schlabberhose und kurzes Hemd, denn bei uns in Gush Etzion ist so etwas meist kein Problem. In Kleidungsfragen und religiöser Strenge gibt es eindeutig Unterschiede zwischen Judäa und Samaria…

Der Rabbiner Gadi, einer der führenden Köpfe hier in 20150729_094625Ssanur un Vorsteher eines Mädcheninternats, spricht und erklärt, was uns an diesem Tag erwarten kann, welche Aufgaben es zu verteilen gibt, wie es um eine Räumung steht. Diese ist Grundauffassung. Niemand glaubt, hier auf längere Zeit verweilen zu können, obwohl schon 2 Tage vergangen sind. Das Ziel ist es, Aufmerksamkeit zu schaffen und im öffentlichen Interesse zu bleiben. Für viele – Präsenz zu zeigen, Treue zu zeigen zu diesem Ort und zu ihrer Mission hier. Nach dem Frühstück gibt es Beschäftigung – es gilt, Zimmer von Schutt freizuräumen. Eine Gruppe junger Frauen macht sich daran. Jüngere Mädchen beschäftigen die zahlreichen Kinder, zeichnen mit ihnen, hängen am Ende eine ganze Bildergalerie in einem der leeren Räume auf – ganz als würde man dem Nachlass des „Künstlerdorfes“ von Ssanur treu

Kinderzeichnungen überkleben arabische Graffiti
Kinderzeichnungen überkleben arabische Graffiti

bleiben. Ja, die Gemeinde, die sich hier versammelt hat, ist etwas „chauvinistisch“ nach westlichem Verständnis. Mädchen kochen Essen, spielen mit Kindern und Jungs schleppen schwere Dinge. Am Ende kriegt die Frauen-Restaurationstruppe ein Zimmer vom Schutt frei. Fast ohne Arbeitswerkzeuge. Mit meiner Freundin machen wir uns danach auf, die Graffiti auf Hebräisch und Arabisch aus der Eingangshalle zu entfernen – wir streichen unter der Anleitung eines alten russischen Juden die Halle weiß und haben viel Spaß dabei. Scheinbar sollen wir noch heute von hier weggebracht werden, aber niemand lässt die Hände sinken. Tatsächlich füllt diese physische Arbeit, darauf gerichtet, Ordnung zu schaffen, den Tag, beschäftigt die Gedanken und schafft ein produktives Gefühl von Nützlichkeit an diesem abgeschotteten Ort.20150729_121820

Während eines Erkundungsganges um das Gelände herum entdecke ich eine Mikve, ein jüdisches rituelles Tauchbad von vor 10 Jahren in einem der Gebäude. Unter einem großen Sandhügel, so bekomme ich erzählt, befindet sich die ehemalige Synagoge des Ortes Ssanur, die die Einwohner bevorzogen, in Sand einzugraben, als sie den Sicherheitskräften damals in 2005 zur Zerstörung zu überlassen. Es ist kein Märchen – ich finde tatsächlich Wände der Synagoge, die aus dem Hügel herausstechen .

Überhaupt lassen sich im Schutt viele Überreste von damals finden – Betonblöcke, Gehwege, Fundamente von schon zerstörten Häusern, Inschriften innerhalb der Festung. Dennoch, sich vorzustellen, dass hier mal bis zu 60 Familien in Häusern gelebt haben, mit einem Kindergarten, einer Galerie, einem kleinen Markt, grenzt an Surrealismus.

Irgendwann am Nachmittag sammeln sich alle, um weiteresVorgehen zu besprechen. 20150729_16085620150729_160852

 

 

Trotz der großen Anspannung  brechen erst einmal die Männer in Gesang und Tanz aus: unter den Jüngeren befinden sich zwei frischgebackene Verlobte. Sie werden auf die Schultern gehoben und tanzen auf den Schultern im Kreis zu ohrenbetäubendem Gesang. Man könnte meinen, bei der Verlobung selbst anwesend zu sein. Nach dieser kurzen Episode gibt es auch wie am Morgen einige Ansagen. Das Verhalten während einer Räumung. Die Vorbereitungen für Widerstand gegenüber den Sicherheitskräften – es muss besprochen werden, welche Strategie es zu verfolgen gibt. Eine friedliche? Passive? Aktive Verweigerung oder gar frontaler Angriff? Beni Gal, der Organisator des gesamten Vorhabens, Pressesprecher und Kontaktmann zur Außenwelt, ebenso wie  Rabbiner Gadi, stellen sich vehement gegen Aggressivität oder wehrhaften Widerstand außerhalb des Gewohnten – passive Verweigerung der Zusammenarbeit. Die anwesende Gruppe ist

Schutt ausräumen.
Schutt ausräumen.

auch keinesfalls homogen, sodass ein einheitliches Verhalten gegenüber den Sicherheitskräften gar nicht angemessen ist. Familien und Kinder sowie junge Mädchen sollen nicht am passiven Widerstand teilnehmen, sondern freiwillig die Festung verlassen, sobald dies gefordert wird. Die zweite Gruppe sind die Jugendliche und junge Männer. Mit ihnen, um Missverständnisse zu vermeiden und möglichst die festgelegten Grundsätze zu wahren, spricht Rabbiner Gadi getrennt. Alle stehen noch immer unter dem Eindruck der gewalttätigen Proteste, die parallel in Bet El stattgefunden haben und bei welchen bis zu diesem Zeitpunkt die Polizei die Oberhand genommen hat, bei welchen Steine auf die Sicherheitskräfte geworfen, Flüche geschrien wurden, gar ein Feld angezündet worden war. „Sie kommen wahrscheinlich aus Bet El, und ihr wisst, was dort abgelaufen ist, und ich kann nur sagen, sie wollen ihre Arbeit so schnell wie möglich hinter sich bringen“, fasst Rabbiner Gadi zusammen. Und das bedeutet, keine Zärtlichkeiten. Für die „Neuen“ unter den Versammelten stellt  er ganz nüchtern die Situation dar – was passieren wird, wenn Leute auf Bäume klettern, Sitzproteste machen, sich verstecken oder aufs Dach klettern. Wer sich nach seiner Erklärung trotzdem auf solche Art von Protest einigen möchte – dem stehe es frei, aber die Folgen habe derjenige zu tragen. „Ich will keine Flüche hören, keine Steine sehen.“ Protest sei legitim, Eskalation nur schädlich. Rabbiner Gadi hat Autorität bei den Anwesenden, und ist nicht das erste Mal bei solchen Aktionen dabei. Die Jugendlichen stellen Fragen, diskutieren, das Gesagte sickert hinein und dämpft die Abenteuerlust, und der Ernst des Unterfangens beginnt tatsächlich Gestalt anzunehmen. Ich habe in meinem Leben noch kein Vorbereitungsgespräch über Polizeigewalt geführt, ich muss das Gesagte zunächst verdauen.

Nach diesem Treffen wird Essen vorbereitet – auf riesigen Wasserkesseln und einem enormen Gaskocher. Ein Mädchen rührt die Spagetti im Kessel mit einem Stock an. Die Portionen werden an die Menschen verteilt.

Ich stehe in diesen Tagen in engem Kontakt mit einer der zentralen Figuren von Ssanur. Sie ist um die vierzig und heißt Limor Son-Harmelech, „nicht etwa, weil ich Feministin bin und gerne Doppelnamen trage“, sondern aus ganz anderem Grund: „Mein Mann wurde in einem Attentat ermordet.“ Ende August 2003 wurde Shuli Harmelech von Terroristen auf einer Schnellstraße auf der

Rechts auf dem Berghang stand einmal die Siedlung Chomesh
Rechts auf dem Berghang stand einmal die Siedlung Chomesh

Heimfahrt erschossen. Limor selbst, im 7.Monat schwanger, saß neben ihm im Auto und wurde schwer verletzt. Tatsächlich erkenne ich auch die Narben auf ihren Armen. Seine Tochter hat Shuli nie kennenlernen können. Limor, die gemeinsam mit Shuli in der Siedlung Chomesh (Nordsamaria) gelebt hatte, heiratete erneut. 2005 wurde Chomesh als Teil des Abzugsplans von Ariel Sharon geräumt. Limor träumt von einer Rückkehr. Der Aufstieg nach Ssanur ist für sie sehr emotional, sie hat im Leben viele ähnliche Versuche miterlebt, viele Räumungen, Widerstand, Polizeigewalt.

Ich frage sie nach ihrem Wissen über das Vorgehen von der Polizei. Sie schaudert, und erzählt mir von Gewalt und sexueller Belästigung gegenüber Mädchen, von Schlagstöcken auf Köpfen von Jugendlichen, Dinge, die ich mir in meiner Naivität beim besten Willen nicht vorgestellt hätte. Ich bin ein Grünschnabel auf diesem Gebiet, und so gehe ich auch an die Angelegenheit heran, das muss ich zugeben. Um mich herum sind Menschen, die genau wissen, wovon sie reden, und worum sie kämpfen, und welchen Preis sie bereit sind zu zahlen, um dieses Land, das sie mehr als sich selbst zu lieben scheinen, nicht zu verlassen, sondern mit Zähnen und Krallen daran festzuhalten.  Limor wirkt ausgewogen, berechnend, ihren Ansichten treu, aber gleichzeitig voller Mitleid für die junge Generation, die wieder eine Realität von Räumung, von Widerstand, von Gewalt erleben muss. Sie selbst fürchtet sich innerlich vor dem Moment der Räumung. „Du kennst es nicht, deshalb kannst du so ruhig bleiben“, sagt sie. Aber dennoch bevorzugt sie es, immer wieder Widerstand zu zeigen, immer wieder Zeichen zu setzen, von welchen sie hofft, dass sie auch der Rest der israelischen Gesellschaft wahrnimmt und sich nicht mit einem Schulterzucken abwendet.

Es ist Abend, und während ich auf der Ruine eines Minaretts sitze, weil dort der einzige Ort mit Handyempfang ist, sehe ich Lagerfeuer brennen. In der Eingangshalle, die wir tagsüber weiß gestrichen haben, zeichnete eine Frau mit Kohle das Abbild des 2.Tempels nach.

Fortsetzung folgt…


 

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2 Kommentare zu “Die Tage von Ssanur: Tagebuch Teil 2”

  1. Chaya,

    Ich fand Deine Berichte über die Tage von Ssanur sehr interessant und warte gespannt auf den dritten Teil. Letztlich hat mich dieser Satz am stärksten berührt:

    „Um mich herum sind Menschen, die genau wissen, wovon sie reden, und worum sie kämpfen, und welchen Preis sie bereit sind zu zahlen, um dieses Land, das sie mehr als sich selbst zu lieben scheinen, nicht zu verlassen, sondern mit Zähnen und Krallen daran festzuhalten.“

    Aus meiner Sicht enthält dieser Satz die wichtigsten Schlüsselfragen:

    Wisst „Ihr“ als nationalreligiöse Siedlerbewegung welchen Preis „Ihr“ bereit seid zu zahlen?

    Welchen Preis Israel für die Weiterführung des Siedlungsprojektes in Judäa und Samaria zahlen kann und sollte?

    Und welchen nicht?

    Gefällt mir

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