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Fragen des Ausgangspunktes II / Die Duma-Affäre

In diesem Teil moechte ich nun eine eigene Diskussion zum Thema ausarbeiten. Im ersten Teil haben wir uns Fakten und verschiedene Stellungnahmen angesehen. Hier habe ich nicht vor, nur nach Antworten zu suchen, sondern ich will Fragen aufwerfen. Denn es geht im Endeffekt nicht nur um eine bestimmte Tat von bestimmten Menschen, sondern um den Charakter und die Zukunft einer Gesellschaft.


In der Ausgabe des religioes-zionistisch ausgerichteten Wochenmagazins „Makor Rishon“ vom 25.12.15 (Vol.959) betitelte der  bekannte Rabbiner und Journalist Chaim Navon seinen Artikel zum Thema: „Eine Frage des Ausgangspunktes„. Einige Zitate aus diesem haben mich zu Gedanken angeregt, daher habe ich sie fuer euch uebersetzt:

Rabbiner Chaim Navon. Quelle: Wikipedia
Rabbiner Chaim Navon. Quelle: Wikipedia

„Ich bin staatstreu, aber ich denke nicht, dass der Staat heilig ist. Ich bin mir auch nicht sicher, ob der Staat der Beginn unserer Erloesung ist. Ich bin minimalistisch staatstreu: Ich glaube, dass der Staat sich so wenig wie moeglich in unser Leben einmischen soll, dass so viele oeffentliche Aemter privatisiert werden sollen wie moeglich (…). Ich mag keine oeffentlichen Einrichtungen, die sich aufzwingen und konzentrierte Gewalt ausueben. Aber was ich noch weniger mag, sind Babies, die zu Tode verbrannt werden.“

Weiter im Text erklaerte Navon, vor dem Attentat in Duma habe er geglaubt, dass die Jugendbanden der „Huegeljugend“, die den „Price-Tag“-Vandalismus gegen die Armee und palaestinensischen Besitz auszufuehren pflegten, sich aus gelangweilten Jugendlichen mit grosser Klappe zusammensetzten, die im Schutze der Armee ein Raeuber und Gendarmen-Spiel gegen dieselbe Armee betrieben und laecherliche Graffiti spruehen wuerden. Nach dem Attentat merkte er, so Navon, dass er sich geirrt habe.

„Ohne einen agressiven Ermittlungsvorgang gegen diese Gruppe, so sagte mir ein Minister, wird es Duma 2 und auch Duma 3 geben.“

Und hier kam Chaim Navon auf die eigentliche Frage zu sprechen.

„Wir muessen uns fragen, was unseren Augangspunkt betrifft. Glauben wir dem Shin Bet oder bevorzugen wir den Argwohn? (…) Noch vor einer Woche waren wir sehr stolz auf den Kippa-tragenden Leiter des Shin Bet und seinen Stellvertreter, den Siedler, der zum neuen Polizeichef gekuert wurde. Man kann nicht nach einer Woche mit vollem Ernst behaupten, dass diese Organisation die Religioesen zum Fruehstueck verspeist. Es ist dieselbe Organisation, die uns erfolgreich vor den arabischen Terroristen beschuetzt und in welcher unsere Verwandte und Nachbarn voller Aufopferung dienen. Man kann ihre Aussagen nicht einfach von sich weisen.“

Weiter argumentierte Chaim Navon auf aehnliche Weise: Soll man den Rechtsanwaelten der Inhaftierten glauben, nur weil sie ueber die Folterungen erzaehlen? Folterungen seien kein legales Mittel, doch gute Rechtsanwaelte muessten auch ihre Faehigkeit unter Beweis stellen. Seit jeher, so Navon, wuerde jeder Rechtsanwalt behaupten, sein Mandant haette Folterungen waehrend der Verhoere beim Shin Bet erlitten. Sollte man nun die heutigen Aussagen als die ultimative Wahrheit annehmen, nur weil es sich um „unsere Leute“ handeln wuerde? Dasselbe wuerde auch fuer den Protest gegen Folterungen an sich gelten, denn wenn es um andere Faelle mit aehnlichen Vorwuerfen ging, so Navon, so wuerde man nicht viel aus dem religioes-zionistischen Lager hoeren. Man wuerde die Inhaftierten als gewoehnliche Verbrecher sehen, im Gegensatz zu den arabischen Terroristen, den „Feinden“. Es handle sich aber in diesem Fall nicht um gewoehnliche Verbrecher, sondern um eine anarchistische und organisierte Vereinigung, die nun mit einem Mordfall in Verbindung steht.

„Wuerden wir genauso reagieren, wenn es sich um eine linksextreme Gruppe handeln wuerde? Die Sprecher des religioesen Zionismus wuerden in einem solchen Fall den Shin Bet von hier bis nach Guantanamo unterstuetzen. Aber hier zieht sich das Herz zusammen, weil es sich um ‚die Unseren‘ handelt“,

schrieb Chaim Navon im Artikel und liess diesem nachfolgen:

„Man muss zugeben, das Herz zieht sich tatsaechlich zusammen. Man muss auch die Vorwuerfe mit vollem Ernst pruefen und ihnen nachgehen. (…) Auch der Shin Bet ist nicht heilig und nicht immun gegen Fehler. Aber was ist unser tatsaechlicher Ausgangspunkt? (…) Sind wir nicht eigentlich nur eine geschlossene Gesellschaft, die sich nur um sich und die Eigenen kuemmert? Viele von uns reden davon, das Land regieren zu wollen. Aber dafuer muss man eine der gesamten Gesellschaft dienende Elite darstellen, und keinen kleinen Sektor, der nur den eigenen Interessen nachgeht.“

„Die Rechte des Individuums, so haben wir immer gesagt, sind nicht das Allerheiligste. Das Recht auf Leben und Sicherheit geht vor. (…) In Extremfaellen, so haben wir immer gesagt, darf man und muss man die Rechte des Individdums einschraenken. Ich denke an das lebendig verbrannte Baby in Duma und es faellt mir schwer, an einen extremeren Fall als diesen zu denken.“

In diesem Text hatte Rabbiner Navon versucht, etwas hinter die Kulisse der mannigfaltigen Vorwuerfe gegen die oeffentlichen Stellen  innerhalb der religioes-zionistischen Gesellschaft zu schauen. Die Vorwuerfe betrafen sowohl den Folterverdacht als auch einen generellen, tief sitzenden Zweifel an der juedischen Identitaet der eigentlichen Taeter von Duma. Seit dem Attentat Ende Juli 2015 und bis heute, ein halbes Jahr danach, gibt es viele in meiner Umgebung und auch in der Presse und in den Netzwerken, die es noch immer vorziehen, nicht von juedischen Taetern zu sprechen. Juristisch gesehen stellt das an und fuer sich kein Problem dar. Wir kennen das Gesetz, „im Zweifel fuer den Angeklagten“, und ausser des wirklichen Taeters und vielleicht auch seiner Ermittler  oder anderer „Eingeweihten“ koennen alle Anderen nur Zweifel haben und auf Basis dessen sich der einen oder anderen Meinung anschliessen. Die Presse hatte noch bevor irgendeine tatsaechliche Spur ausgemacht werden konnte, lauthals von „juedischem Terror“ gesprochen. Ein solcher Begriff sitzt insbesondere Menschen, die jahrzehntelang tagtaeglich unter arabischen Terroraktivitaeten leiden muessen, sehr schwer im Hals. Eine Anklage gegen die Sprosse aus der eigenen Mitte zu erheben, moegen sie noch so viel Randale, Vandalismus und radikale Ansichten pflegen, verletzte fuer viele in dieser Gemeinschaft rote Linien.

Aber die Anklage blieb, und der Shin Bet tat seine Arbeit, und Verdaechtige wurden inhaftiert, und auch wenn einige von ihnen ohne Anklage entlassen wurden (und darueber hatten die Massenmedien wohlbemerkt nur knapp am Rande berichtet, von den internationalen Medien ganz zu schweigen) und der Verdacht auf ungehoerige Verhoermethoden aufkam – der Fleck war da und war nicht mehr so leicht wegzuwischen. Ob man es wollte oder nicht – die religioes-zionistische Gesellschaft, aus welcher die Verdaechtigen zu kommen schienen, stand am Pranger und von ihr wurde und wird eine Antwort erwartet.

Welche Antwort kann sie geben?

Und hier setzt die Frage nach dem Ausgangspunkt an.  Von was gehen wir aus, wenn wir uns gegen den Mord  oder für die Verdächtigen aussprechen ? Was ist unsere moralische Basis, und wie wahren wir sie angesichts dieser Tat? Welchen Blickwinkel sollen wir einnehmen – den der zu Tode gekommenen Opfer, an dessen Tod offenbar jemand die Schuld traegt, der sich unserer Vorstellungen und Ideale unrechtmaessig bemaechtigt hat und sie zu dieser Tat ausgenutzt hat?  Oder den der vielleicht zu Unrecht Verdaechtigten im Rahmen einer moeglichen Delegitimierungskampagne eines Staatsapparats, der unsere Gemeinschaft  – die der religioesen Zionisten – noch in den Tagen der

Caroline Glick. Quelle: Wikipedia
Caroline Glick. Quelle: Wikipedia

Ermordung Y.Rabins zu verteufeln suchte (wie Caroline Glick im Artikel „Israels hausgemachte Feinde“ so treffend beschreibt)?  Oder ist das, was hier benoetigt wird, eine breite  Perspektivsicht  auf die israelische Gesellschaft im  Ganzen und die Rolle, welche die religioes-zionistische Ideologie in ihr jetzt und in Zukunft einnehmen will?

Jedes solche gesellschaftliche Dilemma wird selbstverstaendlich durch die Medien aufgegriffen. Die Medien gelten als Sprachrohre der Gesellschaft und ihrer Emotionen und Bedenken. Allzuoft merken wir aber, dass die besagten Sprachrohre eher als Verstaerker denn als vertrauensvolle Wiedergabeinstrumente agieren. Auch in diesem Fall folgten auf jede neue Offenbarung immer groessere und gruseligere Schlagzeilen. Neben dem allgemeinbekannten medialen Populismus suggerierten sie aber unterschwellig noch etwas – Gefahr. Ist hier, aufgrund dieser Taten, die ganze Gesellschaft in Gefahr, moralisch zu verkommen? Von vielen oeffentlichen Figuren, Abgeordneten, Menschenrechtlern und anderen, kam das laute Verlangen auf, dass ein jeder aus dem religioes-zionistischen Milieu mit auch nur der kleinsten Position im oeffentlichen Leben die Tat  laut verurteilen und sich davon distanzieren soll. Mit einem Mal hatte man ein  wenig das Gefuehl, jeder stuende unter Generalverdacht, den Mord zu unterstuetzen.

Aber inwiefern ist der „Verurteilungszwang“ legitimiert? Was heisst ein solches Verurteilen und wie ehrlich wuerde es ausfallen, sollte man es erzwingen wollen – beispielsweise aus politischen und gar nicht aus menschlichen Beweggruenden? Und welches Recht haben andere politische  Lager, vom unserem die „moralische Perfektion“ zu verlangen, ohne auch auf andere Aspekte einzugehen, wo sie selbst  „Dreck am Stecken“ haben? Haben wir es mit einer Situation zu tun wie der Zeit nach dem Mord von Yitzhak Rabin, von der Zeitzeugen berichten, dass glaeubige Juden ihre Kopfbedeckung verstecken mussten, wenn sie am Tatort in Tel Aviv vorbegingen  und als jemand auch nur bei der leisesten Kritik an Rabin eine Vorladung vom Shin Bet riskierte? Oder ist heute die Bewegung des religiösen Zionismus anerkannter und stärker verwurzelt als zuvor?


 

Minister Naftali Bennett. Quelle: Ynetnews
Minister Naftali Bennett. Quelle: Ynetnews

Naftali Bennett ist Erziehungsminister und Vorsitzender der Partei „Juedisches Heim“, welche auch haeufig als „Siedlerpartei“ betitelt wird, weil sie sich offen fuer die juedische Besiedelung von Judaea und Samaria ausspricht . Am 26.12.15 veroeffentlichte er einen Facebook-Post , der sich auf eine Ausserung des Verteidigungsministers Moshe Ya’alon im Gespraech mit Channel 2 bezog, welcher behauptete, „ohne die gesamte Siedlerbewegung und das religioes-zionistische Lager beflecken zu wollen, muss sich dort allerdings jemand einer Selbstpruefung unterziehen.“: (Link zum englischen Text)

„Das nationale Lager ist breitgefaechert, stark, mutig und moralisch genug, um sich selbst einer inneren Selbstpruefung zu unterziehen bezueglich der Phaenomene, welche zur Entstehung von Duma beigetragen haben. Wer versuchen wird, den Fall Duma fuer politische Zwecke auszunutzen, wird mich ihm gegenueberstehend finden. (…) Allen meinen Freunden im nationalen und religioes-zionistischen Lager sage ich – wir werden den Kopf nicht senken. Denn ich bin stolz, rechts zu sein.“

Naftali Bennett erwaehnte die Notwendigkeit und auch die Faehigkeit des religios-zionistischen Lagers zur Selbstpruefung. Niemand kann jedoch behaupten, dass alle Angehoerigen dieses Lagers mit dieser Notwendigkeit im selben Masse einverstanden sind, und wenn ja, welche genauen Parameter diese „Selbstpruefung“ haben wuerde. Denn wie jede andere Gemeinschaft, so besteht auch diese aus Menschen mit verschiedenen Ansichten und Weltanschauungen, mit jeweils verschiedenem Hintergrund und Motivation. Nicht unbedingt wird ein solches Fazit fuer jeden Aussenstehenden oder selbst jemanden mit aehnlichen Ansichten passabel lauten.

Hügeljugend. Illustration. Quelle: Omer Messinger/FLASH90
Hügeljugend. Illustration. Quelle: Omer Messinger/FLASH90

So meinte beispielsweise Me’ir Dana-Picard, ein guter Freund und politischer Aktivist noch aus den Tagen des Abrisses juedischer Siedlungen in Gaza in 2005, bezueglich der Duma-Affaere: Bei einer solchen Tat wuerden rote Linien verwischt werden. „Dabei interessiert mich, da bin ich ehrlich, weniger das arabische Opfer als vielmehr die allgemeingesellschaftliche Tendenz zur Gewalt.“ Behandelt werden muesste diese Tendenz, die Gefahr laufen koennte, ausser Kontrolle zu geraten , allerdings zunaechst einmal durch Erziehung.


Eine andere Frage, die in mir aufkommt, wenn ich die Reaktionen in der Gesellschaft betrachte, ist diese:

Weiss die religioes-zionistische Gemeinschaft, welche Ideologien in ihren Reihen propagiert werden und in welchem Masse, und wenn ja, woran liegt es, dass die extremen und aufruehrischen unter ihnen, die anschliessend zu unumkehrbaren Taten fuehren koennen, nicht ernst genug genommen werden? Oder stillschweigend geduldet werden? Liegt es an einem „blinden Fleck“ innerhalb einer sonst mit moralischen Werten wie Naechstenliebe, Dienst zum Wohl der Gemeinschaft, Bescheidenheit, Fleiss und geringen Gewalt- und Mordraten glaenzenden Gemeinschaft?  Liegt es an den Ideologien selbst? Ist es aufgrund des Vertrauensbruches, der Enttaeuschung von den Staatsfuehrern, der Presse, der linksausgerichteten Elite und ihrer jahrzehntelangen Verachtung gegenueber dem religioes-zionistischen Lager? Den negativen Erfahrungen waehrend der 90er Jahre infolge der Politik und der Ermordung Yitzhak Rabins durch den Extremisten Yigal Amir, welcher mit diesem Lager identifiziert wurde, und der anschliessenden von oeffentlichen Stellen gefuehrten“Jagd“ auf diese Gemeinschaft?

In der israelischen Oeffentlichkeit kam in den letzten Wochen das Verlangen auf, die extremen Tendenzen der „Huegeljugend“ und ihrer Unterstuetzer in Zukunft mehr als zuvor ernstzunehmen. Auch das gefilmte Hochzeitsvideo (siehe Beitrag) trug dazu bei.

Auch im rechten und konservativen Sektor wurde dieses Verlangen geaeussert, aber das auch aus einer zusaetzlichen Perspektive.  Denn die serioese Auseinandersetzung mit dem Phaenomen des rechten juedischen Extremismus sollte sich nicht nur auf eine Schadensbegrenzung in der Zukunft belaufen. Die Schadensbegrenzung ist dabei nur eine praktische Konsequenz, aber viel wichtiger ist  das Verständnis, woher dieses Phaenomen rührt, und was diejenigen damit mitteilen wollen.

Gegenfrage: Sollte man das bei allen machen, das heisst, auch bei arabischen Terroristen? Eindeutig, ja. Auch bei arabischem Terror sollte man schauen und sich bemuehen, zu verstehen, woher dieser kommt, worauf er sich fusst und was diejenigen zu sagen haben, die ihn ausfuehren.  Aber ich sehe hier einen zentralen Unterschied zwischen den „hausgemachten Terroristen“ (C.Glick) und den „anderen“. Es gilt nicht, meiner Meinung nach, nur „Terror ist Terror ist Terror“ zu schreien, ohne in die Tiefe zu schauen. Terror ist Terror auf praktischer Ebene, aber die Eltern der Kinder, die diesen Terror hierzulande fabrizieren, leben mitten unter uns und sind oftmals ein zentraler Teil unserer Gesellschaft (Beispiel: Bei den Eltern des hauptverdaechtigen Minderjaehrigen handelt es sich um den Rabbiner einer Siedlung und seine im Erziehungswesen taetige Frau, welche beide als von den Nachbarn als „normativ“ und „beispielhaft“ bezeichnet worden sind, YNET).

Es sind keine Fremden und keine Feinde von aussen, und um unserer Gemeinschaft willen müssen wir verstehen und hören, woher das kommt, um das Ganze zu neutralisieren und in positive  Richtungen zu leiten.  „Feinde von innen“ haben grundsaetzlich eine andere Bedeutung als „Feinde von außen“. Das betrifft jedes politische Spektrum, von rechts sowie von links.


Ich moechte kurz zum besseren Verstaendnis eine Theorie vorbringen, welche auf meiner Kenntnis der innerjuedischen Perspektive, Geschichte und Lehre beruht und aus meinen Beobachtungen sowohl in Israel als auch in den juedischen Gemeinden im Ausland entstanden ist.

Die juedische Gemeinschaft ist so strukturiert, dass es einen starken gemeinsamen Bezug gibt, trotz eines starken Verlangens nach Exklusivitaet. In diesem Sinne unterscheidet sich das innere Bewusstsein dieser Gemeinschaft von den im Westen ueblichen Normen, insbesondere in der heutigen Zeit. Dies stellt meine Theorie dafuer dar, weshalb es einerseits so schwer faellt, bestimmte Menschen oder Gruppen aus der Gemeinschaft auszustossen oder sich deren zu entsagen. Der Drang zum Zusammenhalt ist (noch immer? schon immer?) gross gewesen, noch zur Zeit des Exils. Und der Zusammenhalt wird auch versinnbildlicht durch das Prinzip der „einen Familie“, wie es auf Hebraeisch heisst: „Volk Israel“. „Kinder Israels“. Die juedische Gemeinschaft sieht sich nicht als eine auf freier Wahl basierende Ansammlung unabhaengiger Individuen und auch nicht als „Schicksalsgemeinschaft“, sondern als Nachkommen und Erben einer an ihre Vorfahren als generationenlange Aufgabe ueberlieferten Idee, an welcher jeder seinen Pflichtanteil hat. Damit verbinden sich Rechte und Pflichten, und eine Zusammengehoerigkeit wird geschaffen, der man nur sehr schwer bis ueberhaupt nicht mehr entrinnen kann. Das Prinzip der Rueckkehr, der Busse und des Vergebens ist ein zentrales Prinzip im Judentum. Aus der Gemeinschaft ausgestossen zu werden signalisiert demnach nicht nur das komplette Scheitern des Individuums, sondern auch das Scheitern der gesamten Gemeinschaft. Wo auch immer eine Rettung moeglich ist, durch Rueckkehr, durch Strafabbuessung oder sonstiges, als praktisch „letztes Rettungsseil“, wird die Gelegenheit genutzt. Niemand darf zurueckgelassen werden, so das Prinzip.

Selbstverstaendlich gibt es dazu Auslegungen, die tiefer gehen als das banale Niveau, auf welchem ich es zu erklaeren versuche. Und dennoch; hat man dieses Wissen vor Augen, so ist es vielleicht einfacher nachzuvollziehen, was in den Herzen und Koepfen derjenigen der juedischen Gemeinschaft vor sich geht, welche sich als Teil dieser sehen und sich mit ihr und ihren Idealen identifizieren – angesichts dieser Tat und angesichts ihres Kontexts.

Fuer mich, wenn ich das oben Gesagte in Betracht ziehe, insbesondere, wenn es sich durch meine alltaeglichen Erfahrungen vervollstaendigt, wird es daher gar nicht mehr so unverstaendlich, wenn ich auf Proteste gegen die „Folteranklage“ treffe, auf welchen „Es gibt keinen juedischen Terror“, „Juden foltern keine Juden“ und „Wir sind alle Brueder“ geschrieben steht. Wenn ich Menschen aus unserer „Szene“ zuhoere, die allen Ernstes abstreiten, selbst nach den neuesten Entwicklungen, dass es moeglich ist, dass juedische Taeter den Anschlag in Duma begangen haben; die verdaechtigen Jugendlichen bemitleiden, die ihnen eine Chance geben wollen, „auf den rechten Weg“ zurueckzukommen, weil es sich doch um Jugendliche „wie unsere eigenen Kinder“ handelt;  und die sich vehement dagegen stellen, sie genauso wie die arabischen Terroristen, die „eigentlichen Staatsfeinde“, zu behandeln. Es geschieht nicht nur aus einem von nationalistischem Stolz gepraegten Gehabe heraus. Fuer sie ist es nicht nachvollziehbar, dass ein Jude eines anderen Juden, „seines Bruders“ in diesem Fall, Feind sein kann, und dass ein Ausstossen der Verdaechtigen bzw.der Taeter aus der eigenen Gemeinschaft sein gutes Ziel erreicht.

Aus diesem Grund fiel es mir persoenlich schwer, einer Demonstration gegen die angeblichen Folterungen durch den Shin Bet  in Jerusalem, am Abend des 27.12., zuzuschauen (hier der Bericht). Ich hatte dort bei dieser Gelegenheit mit einigen Jugendlichen gesprochen, um ihre Meinung zu hoeren. Es tat mir weh, diesen Teil der Gesellschaft, mit welcher auch ich mich generell identifiziere, zu sehen, und zu fuehlen, wie ich mich wider Willen von ihnen zu entfremden scheine, weil mit einem Mal eine verstoerende Kluft zwischen meinen und ihren Prinzipien entsteht. Es war kein leichtes Gefuehl.

Je weiter man allerdings die Kreise zieht und sich von der am Engsten involvierten Gruppe wegbewegt, findet man immer mehr Zeichen von Entfremdung. Je weniger jemand sich und auch den anderen als Teil desselben Ganzen sieht und sich mit diesem von Anfang an identifiziert, desto einfach wird es, diesen von sich abzuschuetteln. Das hat ethisch gesehen nicht zwingend mit hoeheren moralischen Prinzipien zu tun, sondern hierbei wirkt der psychologische Effekt der Distanz, und des Mitlaufens  im Mainstream der etablierten Ansichten.


 

Mein Fazit? Wie zu Beginn erwaehnt, ist meine Absicht nicht gewesen, Antworten zu geben, sondern Fragen aufzuwerfen und eine Moeglichkeit zum Nachdenken ausserhalb des gewoehnlichen Rahmens zu geben.  Der Diskurs ist nicht neu und wird immer wieder neu aufgerollt und das auch zum Guten, damit er nicht stagnieren, sondern am Leben bleiben kann. Diskussion heisst Entwicklung, heisst Leben. Man kann fast schon sagen, ein „guter Grund“, um etwas mehr Tiefe in den Diskurs zu bringen und etwas von der Territorialdiskussion ueber die Besetzung-Nichtbesetzung von Judaea und Samaria wegzukommen, die nur die Oberfläche aufgreift, aber die Identität der modernen israelisch-jüdischen Gesellschaft unbeachtet lässt.

Meiner Ansicht nach liegt der groesste Schwachpunkt des religioesen Zionismus und seiner Anhaenger in dem Bestreben, alles und alle unter sich zu vereinen und mit einzuschiessen. Die Gefahren davon sind immens, insbesondere dann, wenn man nicht gut genug durchsiebt und sich mit den „guten Fruechten“ auch die verdorbenen Reste einhandelt. Allerdings liegt in diesem Bestreben auch ein enormes Potenzial zum Guten. Und wie man bekanntlich weiss – was nicht umbringt, macht staerker.

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