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Happy in Efrat – immer wieder gut

Das Video existiert zwar schon seit fast zweieinhalb Jahren auf YouTube, aber seine Botschaft bleibt unverändert, und gut gemacht ist es auch. Außerdem gibt es den Außenstehenden einen netten, freundlichen Einblick darin, wie die Bewohner der ‚Großsiedlung‘ Efrat im Gush Etzion ausschauen und was sie so treiben.

Viel Vergnügen beim Angucken und ein schönes Wochenende!

(Originallied: „Happy“ von Pharrell Williams)

Vieles liegt in der Luft

Es ist der Vorabend des Feiertags Yom Kippur, dem „Tag der Vergebung und der Rückkehr“, dem höchsten jüdischen Feiertag. Draußen wird es immer früher dunkel, die Luft wird abends erheblich kühler und auch die Sonne ist nicht mehr so heiß tagsüber. Die Wäsche braucht länger zum Trocknen, der Tau nachts wird immer eindringlicher; schon bald werden starke Winde über die Hügel fegen und auch der erste Regenfall ist nicht weit – das Laubhüttenfest wird schon in der nächsten Woche gefeiert und dann fallen auch üblicherweise die ersten Tropfen. Wieso auch nicht, es ist schließlich schon Anfang Oktober, und die Bergregionen von Judäa und Samaria zeichnen sich aus durch einer Bergregion übliches Wetter. Hier wird man vergeblich nach stickig-feuchter Luft oder Windstille suchen. Wer Winter erleben möchte, fährt in den Norden  oder nach Judäa und Samaria.

In den letzten Wochen liegen aber nicht nur die kühlen Vorboten des Winters in der Luft, sondern auch verschiedene Neuigkeiten und Veränderungen in unserer Realität, in Judäa und Samaria, und darüber hinaus. Leider bin ich nicht dazu gekommen, über diese ausführlich zu berichten, aber zumindest kann ich einige von ihnen jetzt erwähnen.

Was haben wir also Interessantes zu vermelden? Die Themen habe ich nach Sozial-Regionales, Politisches und Mediales aus Deutschland gegliedert. Einfach zum gewünschten Thema herunterscrollen.


Sozial-Regionales: 

  • Einweihung des neuen Einkaufszentrums, mit Knessetsprecher Yuli Edelstein und Abgeordnete Shuli Mu'alem-Refaeli (2. und 1.v.r). Foto: Regionalverwaltung
    Einweihung des neuen Einkaufszentrums, mit Knessetsprecher Yuli Edelstein und Abgeordnete Shuli Mu’alem-Refaeli (2. und 1.v.r). Foto: Regionalverwaltung

    Ein neues Einkaufszentrum ist seit diesem August/September für die Einwohner von Gush Etzion offen. Ein zweistöckiges Glasgebäude, nach moderner Art konstruiert. Es beherbergt bis jetzt das populäre israelische Café „Greg“, den Supermarkt

    Das Einkaufszentrum. Foto: Gush Etzion Tourism
    Das Einkaufszentrum. Foto: Gush Etzion Tourism

    Shufersal und einige Süßwaren- und Kleiderläden, ebenso eine Filiale der Hausrat- und Designkette FOX.Im Laufe der Zeit werden weitere Filialen ihren Platz im Einkaufszentrum finden. Das Zentrum grenzt direkt an den großen „Rami Levy“-Supermarkt, über den ich schon viel berichtet habe.

  • Die Regionalverwaltung von Gush Etzion arbeitet daran, die Lebensqualität der Einwohner von Gush Etzion West und Ost zu verbessern, die in manchen Dingen dringenden Verbesserungsbedarf hat. So wurde erst vor einiger Zeit der Bau
    Antenne wird in Ost-Gush Etzion aufgestellt. Foto: Regionalverwaltung
    Antenne wird in Ost-Gush Etzion aufgestellt. Foto: Regionalverwaltung

    von zwei Ampeln auf der Autobahn 60 bei der Einfahrt nach Neve Daniel und Elazar genehmigt. An beiden Einfahrtsstraßen fanden regelmäßig leichte und schwere Unfälle statt, einer davon geschah im letzten Jahr, bei welchem ein Ehepaar umgekommen war. Seitdem wird auf der Autobahn nachtsüber gearbeitet. Bei Elazar steht die Ampel schon, bei Neve Daniel wird noch an der Straße gebaut. Auch andere Verbesserungen wie das Aufstellen einer Cellcom-Antenne für besseren Mobilfunkempfang im Osten von Gush Etzion, nahe der Judäischen Wüste, wurden vorgenommen. Ansonsten werden kleinere Ortschaften wie Ma’ale Amos, Meytzad (über die ich noch nichts berichtet habe, so fernab liegen sie selbst von meinem Bewusstsein!) ausgebaut, was Kindergartenplätze und Infrastruktur angeht. Im letzten Jahr konnte man viel Entwicklung in diesen Ortschaften vernehmen.

  • Das jüdische Neujahr – Rosh Hashana – wurde schon gefeiert (03/04.10.16). Es führte zehntausende von religiösen Jüdinnen und Juden in Judäa und Samaria in die kleinen und großen Synagogen in den verschiedenen Gemeinden. Ein Großaufgebot von festlich gekleideten Bewohnern konnte man auch bei mir in Alon Shevut in den insgesamt 5 größeren Synagogen finden. Zwei Tage dauerte das Fest, welches aus rituellen Mahlzeiten, festlichem Gebet (meist inklusive Gesang) und Familientreffen verbracht wird.  Den Monat vor Neujahr hindurch fanden in den sefardischen Gemeinden die sogenannten Mitternachts-Bußgebete statt (Selichot), an welchen Bitten um Vergebung  und Unterstützung von Gott vorgebetet wurden, mit traditionellen Melodien, welche wie jedes Jahr auch nichtorientalische Gläubige anzogen. Eine Woche vor Neujahr begannen auch die europäisch-ashkenasischen Gemeinden mit den Bußgebeten. Diese fanden kurz nach Mitternacht statt und dauerten etwa eine
    Der neue Synagogenkomplex in Alon Shevut. Foto: Jonas Opperskalski/laif
    Der neue Synagogenkomplex in Alon Shevut. Foto: Jonas Opperskalski/laif

    Stunde. Die nächtlichen Aktivitäten in den Synagogen haben ihren besonderen Charme zu dieser Jahreszeit; Heißwasserkocher, Kaffee und Gebäck, das für die Anwesenden liebevoll bereitgestellt wird; Männer und Frauen, Mädchen und Jungen in Pullovern und Schals, die sich leise um die Teebecher scharen und sich in den Gebetsräumen verteilen; die dutzenden von Autos, die auch auf Besucher von außerhalb zeigen, welche um etwa halb zwei nachts sich plötzlich in Bewegung setzen, weil die Gebete geendet haben; und der meist wolkenlose Himmel, mit Sternen übersät.  – Die Bußgebete werden noch heute abend gelesen und nach dem Fastentag der Vergebung (Yom Kippur) nicht mehr. Dann kehren die Bräuche erst im nächsten Jahr wieder.

  • Am 15.September fand eine Konferenz zum Thema „Menschenrechte in Gush Etzion“ statt, veranstaltet von der %d7%96%d7%9b%d7%95%d7%99%d7%95%d7%aa-%d7%90%d7%93%d7%9d-%d7%9b%d7%97%d7%95%d7%9c%d7%91%d7%9fOrganisation „Blue and White Human Rights“ und der Feldschule Kfar Etzion. (Ich bekenne mich schuldig, ich habe darüber nicht berichtet, da ich kaum mitgeschrieben habe und die Aufnahmen erst vor einigen Tagen auf Youtube veröffentlicht worden sind). Diese Konferenz wurde vom Direktor der Feldschule, Jaron Rozenthal, initiiert und mit Teilnehmern und Rednern wie Hadassa Fruman, der Witwe und Fortführerin des Friedensaktivisten und Rabbiners Menachem Fruman aus Teko’a, dem Direktor der NGO „Peace Now“ Yariv Oppenheimer, Aktivisten von „Blue and White Human Rights“ und anderen gefüllt. Die Konferenz sollte die Situation zwischen der lokalen jüdischen und arabischen Bevölkerung ansprechen und vor allem die Nöte der arabischen Bevölkerung aufzeichnen, auf welche es seitens der Israelis in Gush Etzion einzugehen sei. Es wurde über den Protest von „Siedlern“ gegen die Sicherheits- bzw.Trennmauer bei Efrat und dem arabischen Dorf Battir gesprochen, dem sich vor allem Rozenthal selbst sehr widersetzt hatte  – gemeinsam mit den arabischen Bewohnern der Region. Herangehensweisen an die Verbesserung von Menschenrechten wurden besprochen, welche Rolle dabei Israel spielen und welche Verantwortung übernehmen sollte  – auch im Bezug darauf, dass die Siedlerbewegung eine Zweistaatenlösung als solche ablehnt.
  • Die Organisation für Verständigung zwischen lokalen jüdischen Bewohnern und palästinensischen Arabern, roots2„Roots/Shorashim/Judur“ („Wurzeln“), welche von Aktivisten wie dem aus Alon Shvut stammenden Rabbiner Hanan Schlesinger und Ali Abu Awwad aus Bet ‚Ummar geführt wird, hatte ebenso Aktivitäten zu vermelden – zahlreiche Touristengruppen besuchten die kleine Anlage am Rande von Alon Shevut, die eigentlich ein Landstück der Abu Awwad-Familie ist, aber auch gleichzeitig als Begegnungszentrum gilt. Treffen mit lokalen Rabbinern fanden statt und auch Informationsvorträge – so über die Bedeutung von Jerusalem im Islam und über verschiedene Strömungen im Judentum – beide jeweils auf Hebräisch und Arabisch.
  • Über denVorsitzenden der Regionalverwaltung von Gush Etzion, Davidi Perl, wurde berichtet, er sei in eine unangenehme Angelegenheit zwischen ihm und einer Unbekannten (zumindest weiß ich nicht genau, wer es ist) verwickelt, und es soll der Verdacht auf sexuelle Belästigung aufgekommen sein. Ebenso wurde in einigen regionalen Zeitungen veröffentlicht, dass Perl der betreffenden Person ein Schweigegeld gezahlt habe, damit diese die Information nicht nach außen trage. Einige Regionalblätter berichteten darüber, Perl selbst äußerte sich in einem kurzen Erklärungsbrief knapp zu der Affäre, wies die Anschuldigungen von sich und bat darum, ihm die Chance zu gewähren, seine Unschuld zu beweisen, und pochte gleichzeitig auch auf sein Recht auf Schweigen. Eine für diese Angelegenheit zusammengerufene Kommission aus den Regionalbeauftragten in Gush Etzion nahm sich des Themas an, kontaktierte (so INN) ebenso den Justizberater der Regierung mit der Nachfrage, wie in diesem Fall vorzugehen sei, beschloss aber nach eigenen Untersuchungen, dass es sich im Fall von Perl bei Aussage gegen Aussage handle und sonst keine Beweise bereitliegen. Demnach dürfte Davidi Perl bis auf Weiteres als Vorsitzender fungieren, bis neue Ergebnisse bekannt sein würden.

Politisches:

  • Es gab im Laufe des letzten Monats mehrere versuchte und gelungene gewalttätige Attacken auf Soldaten und Polizisten in ganz Judäa und Samaria – von jungen arabischen Männern und auch Frauen, ebenso versuchte Attentate auf Zivilisten, die allerdings im Nichts verlaufen sind – bzw.für die Täter tödlich endeten – so wie am 16.September, als ein Attentäterpaar, beide relativ jung, ein Auto in eine Gruppe wartender Jugendlicher an der Haltestelle bei der Ausfahrt nach Kiryat Arba lenkten. Die Jugendlichen wurden nicht verletzt, die Soldaten vor Ort erschossen die beiden. Im Internet kamen Gerüchte auf, es handle sich dabei um ein Liebespaar, das offenbar nicht zusammen sein durfte und deshalb beschloss, zusammen ein Attentat zu verüben. Ich kann die Gerüchte nicht bestätigen; es soll allerdings nicht das erste Mal sein, dass ein Beziehungsdrama den Hintergrund für ein Attentat bietet. Im hebräischsprachigen Netz wurde das mit dem üblichen schwarzen Humor aufgenommen und der Begriff „Attentat mit romantischem Hintergrund“ wurde recht populär.
  • Die nächstgrößte Gefahr für das Siedlungsprojekt und die Bewohner von Judäa und Samaria ist die bevorstehende Räumung und Zerstörung der etwa 40 Familien starken Siedlung Amona in Binyamin, nahe der Gemeinde Ofra. Amona wurde auf negative Weise berühmt, als im Winter 2005-2006 ein Teil der Häuser zerstört werden sollte im Zuge der Massenräumungen von Ariel Sharon im Gazastreifen und Samaria. Der sich dort aufgebaute Widerstand gegen die Räumung schlug fehl, brachte aber zahlreiche Opfer mit sich – dutzende Verletzte, offene Polizeitgewalt und traumatisierte Jugendliche waren das Ergebnis dieser Aktion und hallten noch
    Amona in 2006. Quelle: Natan Dvir
    Amona in 2006. Quelle: Natan Dvir

    lange in der Presse und im Bewusstsein der Betroffenen nach. Nun soll Amona, das seitdem ausgeweitet worden war, diesmal ganz von dem Land, worauf es sitzt verschwinden, und zwar durch die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs, welcher den Forderungen der offensichtlichen ehemaligen Landbesitzer, einer palästinensisch-arabischen Familie, vonstatten gegeben hat. Die Regierung, darunter zahlreiche Minister und Abgeordnete aus der Likud-Partei und anderen, forderten eine Aufgabe des Räumungsplanes und eine juristische Abwicklung, die der Vertreibung der Einwohner entgegenwirken und die Landbesitzer kompensieren soll. Einwohner von Amona behaupten, die Regierung ließe sie im Stich,  nachdem sie sich selbst für die Förderung und den Ausbau der Siedlung gesorgt hatte und sie nun dem Gerichtshof „zum

    Amona. Quelle: INN
    Amona. Quelle: INN

    Fraß“ vorwerfe. Andere Vorschläge, wie die Übersiedelung der Amona-Einwohner in neue Häuser nahe der Siedlungen Shiloh und Shevut Rachel (s.unten) lehnen diese ab. Die Landbesitzer (bei denen ebenso die Frage besteht, weshalb sie sich erst jetzt um ihr Land anfingen, Sorgen zu machen, und welche treibende Kraft dahinterstecke) weigern sich, Kompensation anzunehmen. In der Siedlerbewegung fürchtet man, die Zerstörung von Amona würde zu einer Welle solcher Räumungen von anderen, nicht vom Staat authorisierten Bauten in ganz Judäa und Samaria führen, so beispielsweise in der Ortschaft Ofra. Über Ofra und ihre Problematik habe ich hier berichtet. Es ist ein schmerzhaftes Thema und es ist bei Weitem nicht klar, wieviel Unterstützung von der Obrigkeit Amona erhalten wird, sollten die Bagger und die Grenzschutzpolizisten im Dezember dieses Jahres tatsächlich vor den Häusern der Bewohner auftauchen – die Räumung ist auf Dezember 2016 angesetzt. Ich werde noch asuführlicher darüber berichten.

  • Aus den USA hört man trotz der letzten Atemzüge von Barak Obama als US-Präsident immer wieder Verurteilungen und Entrüstungen zu diesen oder anderen Siedlungsplänen. Die neuesten Proteste des Weißen Hauses und des Außenministeriums richten sich gegen die Befürwortung der
    Amona, Ofra, Shiloh, Netiv Avot auf der Karte
    Amona, Ofra, Shiloh, Netiv Avot auf der Karte

    Initative von Premier Netanyahu durch den Obersten Gerichtshof, mit dem Bau von bis zu 98 neuen Wohneinheiten nahe  der Ortschaft Shiloh in Binyamin-Samaria (am Fuße der alten Tempelstadt Shiloh) zu beginnen, als Teil eines großangelegten Projekts von insgesamt 300 Einheiten. Die neuen Wohneinheiten garantieren sowohl eine Erweiterung der daneben gelegenen Siedlung Shevut Rachel (liegt bei Shiloh), sondern auch Ersatzwohnmöglichkeiten für die Einwohner von Amona (s.oben), sollten keine politischen und juristischen Mittel helfen, um den Abriss der Siedlung zu verhindern. Die Einwohner von Amona weigern sich, diesen Plan anzunehmen, der Bau ist jedoch schon genehmigt worden. Die Sprecher der Weißen Hauses und der Außenministeriums lieferten beide längere entrüstete Reden ab, in welchen sie von einem Treuebruch sprachen, sich auf die militärische und finanzielle Unterstützung von Israel bezogen, der gegenüber Israel „undankbarerweise“ sich einem Baustopp nicht beuge und holten sogar den verstorbenen Shimon Peres aus dem Grab auf die Bühne mit der Behauptung, Israel würde den „Nachlass“ von Shimon Peres nicht achten und durch den Siedlungsbau eine friedliche Lösung mit den Palästinensern verhindern. Nichts neues also, aber immer wieder wichtig zu hören, wie sehr die Zweistaatenlösung trotz ihres absoluten Fehlschlags auf beiden Seiten noch immer in den Köpfen der internationalen Gemeinschaft festhängt. Nach Aussage des Vorsitzenden des Judäa und Samaria-Konzils Avi Roeh liegt das Wohnprojekt schon länger auf dem Tisch der Zivilverwaltung und wurde lange vor Amona ins Leben gerufen, jedoch erst in den letzten Monaten von der Regierung angegangen – wegen des Drucks der bevorstehenden Räumung. (Links: Jerusalem Post, Forward)

  • Auch an Elazar ist die Jagd auf illegale Gebäude nicht vorangegangen. Das vom Staat nicht authorisierte Viertel „Netiv Avot“, welches sich direkt am Wanderweg „Patriarchenweg“ befindet, der Alon Shvut, Elazar und Neve Daniel im Gush Etzion verbindet, hat nun mit der Anklage zu kämpfen, 17 der sich dort befindenden Häuser seien auf Privatland errichtet worden und sollen bis März 2018 zerstört werden. Der Oberste Gerichtshof hat diesen Fall dank der Arbeit der Linksaußen-NGO „Peace Now“ aufgerollt, und es gibt auch schon einen vermutlichen Besitzer dieses Landes, auf welchem die Gebäude stehen sollen. Ich konnte dem Fall noch nicht genau angehen; Bekannte von mir
    Straße in Netiv Avot. Quelle: Ynet
    Straße in Netiv Avot. Quelle: Ynet

    aus der Organisation „Roots“ (s.oben) kennen den angeblichen Besitzer und bestätigen seine Ausführungen, die Regionalverwaltung und andere Aktivisten dagegen widersprechen dieser Behauptung und versuchen, „die neblige Wolke, welche über dem Schicksal der Gebäude in Netiv Avot“ hängt (Wortlaut eines Newsletters der Regionalverwaltung) abzuwenden. Das soll über juristische Mittel gehen, und die Regierung hätte dies dem Obersten Gerichtshof als Empfehlung gegeben, doch dieser hätte sie „aus politischen Motiven“ abgelehnt. Nicht zum ersten Mal übrigens, dass aus dem Verhalten des Obersten Gerichtshofs eine deutliche politische Agenda heraussticht. Wie dem auch sei, um genau den Fall zu untersuchen und mehr darüber zu berichten, werde ich mir beide Seiten anhören und mehr darüber recherchieren – und euch natürlich auf dem Laufenden halten.  (Link: Ynet)


Mediales aus Deutschland:

  • Die schon vor zwei Wochen auf ARTE und anschließend auf ARD gesendete Doku „Die Siedler der Westbank“ von Shimon Dotan ist mittlerweile im Internet besprochen worden – von Micha Wuliger (Jüdische Allgemeine), von Roger Letsch auf Achse des Guten und Unbesorgt und Christian Mallas (Tapfer im Nirgendwo). Ich habe mich aus Zeitgründen dieser Doku noch immer nicht angenommen, aber was sich aus den vorliegenden
    Bildquelle: Tagesschau
    Bildquelle: Tagesschau

    Rezensionen und den Kommentaren unter meiner Annonce dazu herauslesen lässt, so erwartet mich nichts Gutes dabei. Ich werde es mir dennoch anschauen und den Film auseinandernehmen, so gut ich kann. Auch wenn es schon im Verzug ist, die Aspekte, die dort erwähnt werden und auf die ich eingehen muss, sind „zeitlos“ und wichtig für das Verständnis der Lage.

Mehr als das konnte ich im Bezug auf die übliche „Siedlerproblematik“ in den deutschen Medien nicht ausmachen, und was die früheren Themen angeht, so habe ich sie schon in älteren Beiträgen erwähnt.


Soviel zu den Neuigkeiten. Weiter ausführlicher wird es in den nächsten Beiträgen weitergehen, mit neuen Themen und Ausführungen, Neuigkeiten aus jedem Spektrum unseres Lebens.

NEWS: Zivilverwaltung zerstört Bäume

Die Feldschule des Kibbutz Kfar Etzion schlägt Alarm:

Die israelische Zivilverwaltung holzt unkontrolliert zehntausende von Bäumen im Bereich Gush Etzion ab!

Foto: Yaron Rosental
Foto: Yaron Rosental

 

Yaron Rosental ist der Direktor der lokalen Feldschule im Kibbutz

Yaron Rosental. Quelle: Facebook
Yaron Rosental. Quelle: Facebook

Kfar Etzion, im Herzen der Gush Etzion-Region von Judäa. Die Feldschule unter seiner Leitung fördert Natur- und Geschichtsbewusstsein, veranstaltet unzählige Wandertage, Informationsabende, Geschichtsforschung, leitet archäologische und ökologische Projekte, bietet Aktivitäten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene; sie steht

Symbol der Feldschule von Kfar Etzion
Symbol der Feldschule von Kfar Etzion. Zum Link in Englisch aufs Bild klicken

auch für die Förderung der nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen den lokalen jüdischen und arabischen Einwohnern ein.

Yaron Rosental veröffentlichte diese Meldung bei sich im Facebook-Profil vor etwa drei Tagen und schickte sie ebenso weiter an die Mailverteiler der lokalen Ortschaften und und benachrichtigte darüber auch die Bezirksverwaltung und andere.

Was ist eigentlich passiert?

Rosental erklärt:

„Wir (von der Feldschule Kfar Etzion) haben rausgefunden, dass in der letzten Woche die Zivilverwaltung mehrere zehntausend Bäume in  Gush Etzion gefällt hat; in manchen Gegenden sind bis zu 80% der Bäume abgeholzt worden. Diese Bäume sind von den Pionieren von Gush Etzion vor etwa 50 Jahren gepflanzt worden, und wir spielten und picknickten zwischen diesen Bäumen als Kinder und Jugendliche.

Als wir bei der Zivilverwaltung nachfragten, warum diese Bäume abgeholzt werden würden, so wurde uns geantwortet, dass es Brandstiftungen vermeiden würde, denn wenn es keine Bäume gebe, würde es schwierig sein, einen Waldbrand zu legen.“

Foto: Yaron Rosental
Foto: Yaron Rosental

Weiterhin beschreibt er die Gebiete, in welchen ein umfassender Anteil des Waldes schon nicht existent geworden war – so rund um die Siedlung Geva’ot und den Vergnügungspark „Gazellenland“ (Eretz Ha’ayalim). Die nächsten Abholzungspläne würden die Bäume im Sadjme-Wadi und sogar das Wäldchen um den Park Oz veGa’on betreffen (dort, wo ich vier Monate lang im Zelt geschlafen und welchen ich miterrichtet habe).

Was ist die Zivilverwaltung?

Die Zivilverwaltung ist eins der offiziellen administrativen Organe, welche sich mit der Verwaltung der Bevölkerungsangelegenheiten und allem, was nicht direkt der Militärverwaltung in Judäa und Samaria unterliegt, befasst. Sie wurde 1981 eingerichtet und ist dem Verteidigungsministerium untergeordnet. Die Zivilverwaltung ist Teil eines größeren Verwaltungsorgans, des „Koordinators von Regierungsaufgaben in den Gebieten (COGAT)“. Wenn man das Wort „Zivilverwaltung“ in der Anwesenheit von israelischen Siedlern oder Arabern in Judäa und Samaria erwähnt, wird es bei beiden größtenteils unangenehme Assoziationen wecken: Ob es nun die Zerstörung illegaler oder als illegal deklarierter Baustrukturen, die Reglementierung von Feldarbeiten, die Ausstellung von Arbeitsvisa, die Kontrolle über politischen Aktivismus, unendliche bürokratische Hürden und unbegründete Wartezeiten bei diesen oder jenen Anträgen beider Seiten angeht – für all das ist die Zivilverwaltung zuständig und auf all diesen Gebieten hat sie „Sünden“ zu verzeichnen.

***

Über Waldbrände und Waldzündeleien habe ich schon im vorherigen Sommer geschrieben, vor allem auf meiner Facebook-Seite im Rahmen von Aktualisierungen. Das geschah noch während meiner Arbeit im Sicherheitscenter von Efrat. Damals gab es mehrmals pro Woche Benachrichtigungen über Waldbrände, vor allem im besagten Gebiet von Geva’ot (West-Gush Etzion) und bei

Kahlstellen nach Abholzung im lokalen Waldgebiet.  Foto: Yaron Rosental
Kahlstellen nach Abholzung im lokalen Waldgebiet.
Foto: Yaron Rosental

den meisten handelte es sich im Nachhinein um Brandstiftung. Die Spuren der Brandstifter, so äußerten sich damals beduinische Soldaten, die für die Aufspürung der Täter verantwortlich waren, führten zumeist in die umliegenden arabischen Dörfer – Geba‘, Nahalin und andere.

Es ist offenbar üblich, dass bei hoher Gefahr von Waldbränden eine bestimmte Anzahl von Bäumen gefällt werden muss, um die Anzahl von Bäumen und Lauf zu vermindern und auch den Feuereinsatzkräften eine schnelle Anfahrt zu ermöglichen. Allerdings übersteigt die gefällte und noch zu fällende Anzahl von Bäumen um ein Vielfaches die notwendige Menge, so Yaron Rosental. Ebenso kommentiert er:

„Wir sind zwar keine Experten für Waldbrandschutz, aber es scheint uns, dass man Waldbrände durch die Auffindung und Verhaftung von Brandstiftern und die Schaffung von Anfahrtsstraßen und nicht durch ein wahlloses Fällen von Bäumen erreichen sollte.“

Im Anschlus an den Aufruf bittet die Feldschule, eine angehängte Petition zu unterschreiben und den Post zu teilen; ansonsten möge sich jeder, der sich aktiv am Protest beteiligen möchte, bei Yaron Rosental persönlich melden.

In einer Mail zu diesem Thema schrieb eine Einwohnerin von Alon Shevut, dass nicht nur eine überflüssige Anzahl von Bäumen abgeholzt werden würde, sondern die dafür zuständigen Arbeiter die größeren Baumstämme später zum Weiterverkauf nutzen würden und daher speziell große und starke Bäume der Abholzung zum Opfer fielen. Dies wurde von Yaron Rosental noch nicht bestätigt, wäre aber theoretisch durchaus möglich.

Galerie: Resultat der Abholzung durch die Zivilverwaltung. Fotos: Yaron Rosental

Die fatale Kreuzung. Etwas besser klargestellt

Die Situation an der Gush-Etzion-Kreuzung, meiner taeglichen Arbeitsroute, ist eine der schwierigsten der letzten Jahre.  Im Folgenden ein Gespraech mit einem Offizier vor Ort, von heute morgen.


Seit der erschuetternden Entfuehrung der drei Jugendlichen von der Bushaltestelle bei Alon Shevut im Sommer 2014, welche einige wenige Kilometer von der Kreuzung selbst liegt; nach den toedlichen Rammattacken, u.a. auf Dalia Lemkos aus Teko’a und Hadar Buchris aus Zfat, nach dem Schussattentat auf Ezra Schwarz aus den USA und Yaakov Don aus Alon Shevut, dem Tod im Kreuzfeuer vom IDF-Offizier Eliav Gelman aus Karmey Tzur, mehrere versuchten und durchgefuehrten, aber nicht zum Tod gefuehrten Messerattacken auf Wartende und Soldaten an der Kreuzung – seit all diesen Ereignissen, speziell ab Oktober 2015 – wird diese Kreuzung, die als eine der Orte mit groesstmoeglichem Gefahrenpotenzial fuer Terrorismus gilt, durch Offiziere, Spezialeinheiten und regulaere Soldaten bewacht.

Im Laufe der Ereignisse wurden dieser Kreuzung, dem Bushaltestellen und dem Einkaufslaeden-Areal um sie herum, immer mehr sicherheitstechnische Schutzbarrieren hinzugefuegt, bis die Kreuzung angefangen hat, wie eine Militaerbasis auszusehen. Zwei Soldaten bewachen von morgens bis abends jede der 4 Haltestellen nach Norden, Osten, Westen und Sueden. Mittlerweile stehen bei uns zwei Aussichtstuerme, die jeweils nach Norden und Sueden blicken und nach verdaechtigen Personen Ausschau halten. Die Freiflaechenareale um die Haltestellen wurden mit einem provisorischen Zaun umgeben, damit dieser im Falle eines sich herannaehernden Terroristen diesen zu einem Umweg zwingen und den Soldaten genuegend Reaktionszeit verschaffen koenne. Betonkloetze wurden fuer die in praller Sonne stundenlang mit schussbereiten Waffen stehende Soldaten mit Ueberdachungen versehen. Auf der Einfahrt zum Rami Levy stehen Soldaten, die die Autofahrer ueberpruefen – nach einem Messerattentateines Hevroner Terroristen auf eine Frau am 28.10.15.


Es ist eine Atmosphaere der Militarisierung. Leider scheint sie nicht

Soldat an der Gush Etzion-Kreuzung.
Soldat an der Gush Etzion-Kreuzung.

im Begriff zu sein, sich zu lockern. Auf meinem Arbeitsweg durch die arabischen Felder von meiner Containersiedlung aus werde ich fast taeglich von Soldaten angesprochen, die mich aus der Ferne ueber den Aussichtsturm und die Kameras erkennen. Heute morgen wurde ich zwar nicht abgefangen, aber an der Bushaltestelle angekommen, befragte mich ein streng und sehr „motiviert“ wirkender Offizier, woher ich eben heruntergekommen sei und teilte mir mit, dass jede aus den Feldern kommende und auf der Strasse zur Kreuzung gehende  Person als verdaechtig eingestuft wird. Ich wollte daraufhin wissen, wie es um die Situation der arabischen Bewohner der umgebenden Doerfer oder ueberhaupt der palaestinensischen Araber hier bestellt sei. Wie sieht die Reaktion aus, wenn ein arabischer Fahrgast an der Kreuzung aussteigen muss oder sonstwie an die Kreuzung gelangen will?

„Sie muessen an der Kreuzung selbst herausgelassen werden. Das gilt dann automatisch als verdaechtig. Fuer sie gilt die Prozedur fuer die Ueberpruefung verdaechtiger Personen. Jeder gilt automatisch als verdaechtig. Wenn jemand zu Fuss kommt, ueberpruefen wir diesen auf Dokumente, Waffen, sagen ihm, er soll umdrehen (bez.weitergehen, ich habe die Antwort nicht genau verstanden, bitte nicht beim Wort nehmen!), nicht hier anhalten. Wenn jemand herueber muss, begleiten wir ihn persoenlich ueber die Kreuzung.“

Ich selbst war schon mehrmals Zeuge einer solcher Sicherheitsueberpruefungen gewesen. Arabische Fussgaenger, die zur Kreuzung kamen, wurden angehalten, befragt. Ein junger Mann wurde an einen Lampenpfahl gestellt und nach Waffen durchsucht. Ein anderer, den ich vor Kurzem beobachten konnte, diskutierte mit Papieren in der Hand mehrere Minuten lang aufgeregt mit den Soldaten, die ihn abgefangen hatten. Ich konnte leider nicht verstehen, worum es dabei ging, aber die Gesten verrieten es natuerlich – die Passiereinschraenkungen. Am Schluss wurde der Mann von zwei Soldaten auf die andere Strassenseite eskortiert.

Was sei mit den hier in den Geschaeften Arbeitenden, wie kaemen sie zur Arbeit? fragte ich.

„Sie haben besondere Erlaubnispapiere. Wir haben eine Liste der hier angestellten Arbeiter. „

Einige Meter weiter von der Stelle, wo der oben beschriebene Mann angehalten worden war, hinter dem provisorischen Zaun, befindet sich ein Kiosk mit einigen Gluecksspiel- und Wettautomaten und ist besonders zu Abendzeiten gut besucht – von lokalen arabischen Einwohnern. Der Kioskbetreiber ist ebenso Araber. Ich tauche dort immer auf, wenn ich schnell mein Telefon aufladen muss, sie kennen mich dort schon. Ich habe sie nicht gefragt, woher sie dorthin kaemen. Offenbar mit Autos, die auch davor geparkt werden.  Fahrzeuge duerfen auf dieser Strasse fahren, werden nicht angehalten. Es koennten auch alles lokale Arbeiter sein, aber ich bezweifle, dass sie das alleinige Publikum ausmachen. Ich muesste tatsaechlich einmal nachfragen.

Die Situation ist seltsam – auf der Kreuzung werden Araber angehalten und ueberprueft, einige Meter weiter sitzen sie gemuetlich im Kiosk an Gluecksautomaten, rauchen, wetten und spielen Lotto…
Noch eine Frage habe ich an den Offizier: Wie kommen palaestinensische Bewohner zum Rami Levy-Supermarkt?

„Auch beim Supermarkt stehen Soldaten, die die Ankommenden ueberpruefen.“

Ich persoenlich weiss, dass zum Supermarkt generell nicht zu Fuss gegangen wird; die palaestinensisch-arabischen Kaeufer gelangen dorthin mit Fahrzeugen. Auch fuer die Restaurants im Einkaufsareal gibt es keine Einschraenkungen fuer arabische Interessierte – nicht fuer das Fleischrestaurant „ROZA“, nicht fuer das Cafe „English Cake“, nicht fuer den Pizzaladen hinter  „Rami Levy“. Habe nachgefragt.

Nicht zu vergessen, auch die Landstrasse, die zu den westlichen Ortschaften  – Alon Shevut, Kfar Etzion, Bat Ayin, Rosh Tzurim, Gevaot fuehrt – ist mit einem Soldatenposten versehen. Nach den letzten Angaben, die ich erfragt habe, duerfen nur palaestinensische Wagen hinein, von denen die Besitzer dort in der Gegend wohnen bzw. arbeiten. Eine Lektion aus dem Schussattentat auf den Stau neben Alon Shevut, bei dem zwei Israelis getoeten worden waren und ein offenbar nicht absichtlich getoeteter  palaestinensischer Araber, „Kollateralschaden“ des Attentats sozusagen (ein schwerer Begriff, ich weiss. Ich frage mich, ob die Familie des Attentaeters sich bei den Verwandten des Ermordeten entschudigt hat oder ob dieser auch in die Statistik der „Maertyrer von Palaestina“ eingegangen ist). 

Seit wann seien diese erschwerten Sicherheitsmassnahmen eingefuehrt worden, seit der letzten Terrorwelle?

„Ja“, bestaetigt der Offizier.

Mir wird es bitter zumute. So vieles ist im letzten Dreivierteljahr kaputtgegangen, so vieles erschwert worden. Die Araber leiden unter der Einschraenkung ihrer Bewegungsfreiheit. Die Juden fuerchten um ihr Leben. Der Lebensalltag ist absurd und durch und durch kontrolliert. Nicht viele koennen sich den Mut leisten, auf die Einschraenkungen zu pfeifen. Viele versuchen, ueber diese hinwegzusehen, so gut es geht, um dennoch die Vernunft und die Ruhe zu behalten. Manchen gelingt es, manchen nicht.

Mir kommt der Satz in den Sinn, der zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland sehr populaer gewesen ist: „Die Juden sind selbst schuld an ihrem Unglueck.“

Ja, die israelischen Regierungen haben sehr viele Fehler gemacht. Zu viele gravierende Missstaende geschaffen. Die bedeutendsten  Fehler waren die Nicht-Annektierung von Judaea und Samaria nach dem Sechstagekrieg 1967 und die Schaffung der Palaestinensischen Autonomiebehoerde und ihre Inkraftsetzung durch die Osloer Vertraege in 1994.

Aber wenn der beruechtigte Satz im Bezug auf die Juden auch nur irgendwo ein Fuenkchen Wahrheit in sich traegt, dann stimmt er, im Hinblick auf die letzten 100 Jahre, fuer die palaestinensischen Araber im vollen Umfang.

 

Meinungen zur Zweistaatenlösung und Die Siedlerin

Oliver Vrankovic. Quelle: Facebook
Oliver Vrankovic. Quelle: Facebook

Oliver Vrankovic, seines Zeichens deutschsprachiger Blogger aus Ramat Amidar nahe Tel Aviv, berichtet über spannende und wissenswerte Dinge aus der Geschichte und Kultur Israels. Oft sind auch politische Anmerkungen dabei. In der zweiteiligen Beitraggserie „Zwei-Staaten-Lösung“ stellt er verschiedene Meinungen von Israelis aus den unterschiedlichsten Milieus zu dem Thema dar. Dabei kommen zahlreiche Personen „vom Fach“ zur Sprache – Politiker, soziale Aktivisten von früher und heute und Zeitzeugen.

Im Rahmen der Serie interviewte Oliver auch mich –  natürlich zum Thema Siedlungen, Gush Etzion, israelische Souveränität in Judäa und Samaria und meine persönliche Geschichte. Auch mit einem kichererbsenchayaAktivisten der „Roots“-Friedensbewegung spricht Oliver, Myron Joshua aus Kfar Etzion, und dieser weiß auch mir und sicherlich euch Neues hinzuzufügen und zu berichten – beispielsweise aus dem Alltag der arabischen Bevölkerung von Gush Etzion. Beide Beiträge (Teil 1 und 2) sind sehr zu empfehlen. Nachfolgend der Link zum Bericht über mich:

→ Die Siedler von Gush Etzion- der Kichererbsenblog

Bibel- und geschichtsfest erklärt sie, dass Jerusalem und Hebron über Jahrhunderte hinweg die zwei wichtigsten kulturellen Zentren des Judentums gewesen seien (…). In all ihrem Wissen wurzelt ihre Anschauung.

(…) Für Chaya ist die Agenda einer Zwei Staaten Lösung ein Hirngespinst. Sie verweist auf Ben Dror Yemini, der die Realisierung eines palästinensischen Staates unter den Bedingungen des Nahen Ostens heute für unmöglich erachtet. (…) Sie diene einzig der Diskreditierung der Siedler als Friedenshindernis. Wer in Israel predige, sich für den Frieden von den Palästinensern abzukoppeln, ignoriere die Lehren des Rückzugs aus Gaza und die Veränderungen in der arabischen Welt. Ein friedfertiger palästinensischer Staat sei eine Illusion. (…)

So wie sie selbst voll hinter der jüdischen Präsenz im biblischen Kernland der Juden steht, anerkennt sie die arabische Präsenz. Sie ist gegen Landraub, gegen die Forderungen von extremistischen Siedlern, die Palästinenser zu deportieren.
Gleichzeitig spricht sie sich gegen die Fortsetzung der Militärbesatzung aus. Die Zivilverwaltung durch die Militärbesatzung in den C-Gebieten, so sagt sie, schade mit ihren Restriktionen den Juden und den Palästinensern.

 

Arabisch-Kurs im Siedlungsblock

Das Projekt „Shorashim/Judur/Roots“, welches zum Kennenlernen und Verständnisaufbau zwischen jüdischen Siedlern und ihren arabischen Nachbarn aufruft und dazu Aktivitäten und Gespräche

Das "Roots" Logo
Das „Roots“ Logo

veranstaltet, habe ich schon einige Male vorgestellt und angesprochen, siehe beispielsweise hier unter „Friedenszusammenkunft“. Eine relativ neue Initiative, von einigen Aktivisten aus den Siedlungen Teko’a und Alon Shevut sowie Bet Ummar geführt, die sich standhaft versucht, in der jüdisch-arabischen, nicht gerade befreundeten Landschaft von Judäa zu behaupten. Ich habe ihren Newsletter abboniert, um sich über neue Entwicklungen auf dem Stand zu halten, und kenne die meisten der dort aktiven Menschen persönlich.

Der Flyer zum Kurs von "Roots"
Der Flyer zum Kurs von „Roots“

In diesen Pessach-Ferien (bis zum kommenden Samstag, 30.04) hat „Roots“ angekündigt, einen Arabisch-Sprachkurs für Jugendliche der 9.-10.Klassen durchzuführen – nämlich auf der Farm des arabischen Aktivisten Ali Abu Awwad unweit von Alon Shevut, unter dem Motto „Willst du deine Nachbarn verstehen?“. Auch ein Kurs für Erwachsene ist angekündigt.

Was die Nachfrage für Angebote angeht, so weiß ich das noch nicht, werde aber hoffentlich hier aktualisieren, sobald ich es weiß. Ich wäre übrigens an dem Erwachsenenkurs durchaus interessiert – erstens, es ist nah zu meinem Zuhause, zweitens lerne ich zwar Hocharabisch, ein Gespräch mit den lokalen Arabern ermöglicht es mir leider nicht – nur das Lesen der Straßenschilder (was auch nicht so kompiziert ist – statt Tel Aviv steht dort dann Tel Abib..).

Aktuelles / Protestmarsch / Friedenszusammenkunft

Shalom an alle.

In den letzten Tagen habe ich relativ geschwiegen und nichts veröffentlicht; das liegt daran, dass ich in den letzten Wochen sehr von meiner Arbeit und dem Studium beansprucht wurde (zur Erinnerung, ich arbeite als Reiseführerin in Teilzeit in der Knesset und studiere Nahostwissenschaften für das BA an der Bar-Ilan-Universität). In solchen Fällen kommt es leider vor, dass ich keine Beiträge schreiben kann.

Das Leben steht aber trotz meines überfüllten Alltags nicht still und es finden sich Aspekte, die es wert sind, erwähnt zu werden. Natürlich rede ich dabei von den aktuellen Ereignissen in Judäa und Samaria, auch wenn es in ganz Israel momentan alles andere als ruhig ist.


Zur aktuellen Sicherheitslage: Die Terrorversuche und Attentate flauen leider nicht ab. In Städten im Zentrum des Landes tauchen Terroristen auf und greifen Bürger an, und was Judäa und Samaria angeht, so sind Steinewürfe, versuchte (oder ausgeführte) Messer- und Schussattacken auf Kontrollposten seitens palästinensischer Araber insofern Teil der Routine, als dass selbst ich mittlerweile müde werde, sie zu erwähnen. Unsere Kreuzung, in Gush Etzion, ähnelt schon einige Monate einem Sicherheitstrakt, und wenn ich morgens durch die Felder von meiner Karavanensiedlung aus hinunter zur Hauptstraße komme, laufen mir immer wieder Soldaten entgegen und wollen wissen, wer ich sei. Sie wechseln sich ständig ab und haben sich noch immer nicht an mich gewöhnt. Einmal pro Woche hören wir in den lokalen Nachrichten von einem versuchten Attentat entweder bei uns, oder auf einer anderen Kreuzung. Die Soldaten vor Ort sind sehr angespannt, das merkt man ihnen an. Denn die Einwohner lassen sich von den Terroristen nicht daran hindern, weiterhin an den Bushaltestellen zu warten und zu fahren.

Am 14. 03 ereigneten sich eine Schuss- und Autoattacke auf der Bushaltestelle bei der Einfahrt in die Stadt Kiryat Arba-Hevron (Judäa), bei der zwei Terroristen die sich dort aufhaltenden Wartenden und Soldaten angriffen. Drei Soldaten, darunter ein Offizier, wurden verletzt und evakuiert, die Attentäter wurden getötet. Am 17.03 (heute) wurde eine Soldatin an der Ariel-Kreuzung (Samaria) von zwei Arabern angefallen, die auf sie einstachen. Die Täter wurden getötet, die Soldatin medizinisch versorgt und evakuiert. (Quelle: IDF)


Die israelische Instant-Nachrichtenseite 0404 berichtet, dass Donnerstag früh drei arabische Lastwagen mit Baumaterial von der israelischen Zivilverwaltung (für die zivilen Angelegenheiten der jüdischen und arabischen Bewohner Judäas und Samarias sowie für Landangelegenheiten verantwortlich; ein Organ der israelischen Militärverwaltung) konfisziert worden sind. Ihre Besitzer hatten sich unrechtmäßig aufgemacht, ein Landgebiet um die Siedlung Karmey Tzur (Judäa) herum zu bebauen. Das betroffene Gebiet besitzt Untersuchungsstatus (was bedeutet, dass sein Besitzer juristisch gesehen noch nicht ermittelt worden ist) und darf offiziell nicht von israelischen oder palästinensischen Einwohnern bebaut werden.  Die spontane und illegale Landaneignung seitens palästinensischer Araber im C-Gebiet findet regelmäßig statt; bei manchen der Fälle hat in der Vergangenheit auch die EU ihre Unterstützung geliefert. Die israelische NGO „Regavim“  befasst sich mit illegalem arabischen Bau in C-Gebieten ebenso wie im Süden und Norden Israels.


 

Protestmarsch-Flyer
Protestmarsch-Flyer

Am 15.03., Dienstag, fand ein Protestmarsch bei uns in Judäa statt  – besser gesagt, auf der Autobahn 60 zwischen der Siedlung Karmey Tzur und dem zentralen Knotenpunkt – der Gush-Kreuzung. Der Autruf wurde von den Vorsitzenden der Regionalverwaltungen getätigt – von Gush Etzion, der Stadt Kirzat Arba, Südhevron, Binyamin-Samaria, und richtete sich an die Einwohner mit dem Aufruf, gegen die freie Fahrt palästinensischer Fahrzeug durch den Hauptknotenpunkt Gush Etzion zu demonstrieren. Unter dem Motto „Hauptstraßen versperren – Abschreckung wiederherstellen“ gingen mehrere Dutzend Menschen (den Aufnahmen zufolge,

Foto: Natan Epstein
Foto: Natan Epstein

müssten es knapp Hundert gewesen sein) mit Israelflaggen und in Begleitung der Armee auf die Straße, sperrten für 2 Stunden den lokalen Verkehr ab und demonstrierten für sichere Straßen für israelische Fahrzeuge – durch das Verhindern palästinensischen Verkehrs. Der Aufruf richtete sich selbstverständlich an den Premierminister und das Regierungskabinett. Die Idee dahinter: Die unaufhörlichen Terrorakte gegen die jüdische Bevölkerung basieren auf Hetze und

Foto: Natan Epstein
Foto: Natan Epstein

werden von der unmittelbaren Umgebung der Täter befürwortet und unterstützt. Auf die Terrorakte folgt keine Reaktion der offiziellen Stellen und es gibt kein Abschreckungspotential gegenüber zukünftigen Tätern und ihren Unterstützern. Die Beeinträchtigung der Lebensqualität dieser „unterstützenden“ Umgebung würde zu einem Abschwellen des Terrors führen.

Ich weiß nicht, inwiefern dieser Marsch tatsächlich etwas erreichen wird oder gar einen Sinn hat in seinen Absichten. Aber ich respektiere das Recht auf freie Meinung und Ausdruck. Es ist wichtig, dass Menschen nicht gleichgültig ihrem Schicksal gegenüberstehen.

Zum Video (Englisch)


Heute (18.03.16) findet vor der Tür sozusagen, in den Feldern bei Alon Shevut, eine „Friedenszusammenkunft“ der besonderen Art statt.

Frieden? Hier? Judäa? Westjordanland? Was? – höre ich die Stimmen.

"Wir machen Frieden im Land" Eventflyer
„Wir machen Frieden im Land“ Eventflyer

Allerdings. Gerade bei uns, gerade in Judäa. Es geht um eine Initiative, die vor etwas anderthalb Jahren gestartet wurde, und die der Idee des im Jahre 2013 verstorbenen Rabbiners Menachem Fruman aus Teko’a nachhängt. Wer den Namen schon einmal gehört hat – gut so, so wird sich einiges aufklären. Wer nicht – Menachem Fruman, über den und seine Familie ich im Laufe der Zeit berichten  möchte – war der „Wunderrabbi“ der gemischten Siedlung Teko’a in Ost-Judäa und ein national und international bekannter Friedensaktivist. Als Rabbiner, nationalreligiös und Siedler, nahm er sich vor, den Kontakt zwischen Juden und muslimischen Arabern ausgerechnet  in Judäa und Samaria aufzunehmen und zu fördern. Frieden, so Fruman, muss von unten wachsen, und niemand würde dafür besser geeignet sein als die beiden Bevölkerungsschichen, die sich diesem meisten verbunden fühlen würden – die arabische Dorfbevölkerung und die jüdischen Bewohner von Judäa und Samaria.

Zu diesem Zweck führte Rabbi Fruman jahrzehntelang Gespräche mit lokalen muslimischen Geistlichen, palästinensischen Politikern, einfachen Einwohnern – und natürlich den „Mitsiedlern“. Traf sich mit ihnen, organisierte gemeinsame Gebete, besprach Auswirkungen von Terroranschlägen und ihre Prävention. Er traf sich auch mit den Anführern der Palästinensischen Autonomiebehörde und den führenden Politikern der palästinensischen Widerstands- und  Terrorbewegungen! Als er 2013 an einer Krankheit verstarb, führten seine Frau Hadassah, nicht weniger bekannte Aktivistin, und seine Kinder sein Lebenswerk mit Überzeugung weiter.

Das "Roots" Logo
Das „Roots“ Logo

Die Initiative, über die ich momentan einige Worte verlieren möchte, wird sowohl vom „Fruman’schen“-Zentrum organisiert, als auch von den „Roots“ (Shorashim/Judur auf Hebräisch und Arabisch). Und „Roots“ ist eine NGO in Anlehnung an die Ideologie von Rabbiner Fruman  und ist etwa 1,5 Jahre lang aktiv. Die treibende Kraft und der „Partner zum Dialog“ dahinter ist Ali Abu Awwad, ehemaliger Fatah-Aktivist und heute in einer innerarabischen Bewegung für Gewaltlosigkeit und Kooperation tätig, die er ins Leben gerufen hat. Er, gemeinsam mit dem amerikanischstämmigen Rabbiner Hanan Schlesinger aus Alon Shevut und einigen dutzend weiteren motivierten Israelis (und darunter einigen wenigen

Von links: Ali Abu Awwad, R.Hanan Schlesinger, Shaul Judelman (weiterer Aktivist). Quelle: Friends of Roots Webseite
Von links: Ali Abu Awwad, R.Hanan Schlesinger, Shaul Judelman (weiterer Aktivist). Quelle: Friends of Roots Webseite

pal.Arabern) betreiben die Organisation als eine lokale Initiative für Kennenlernen, Verständigung und Normalisation zwischen den zwei

verfeindeten Bevölkerungsgruppen – den Arabern und den Juden Judäas und Samarias.  „Roots“ veranstaltet Gesprächsrunden, Aktivitäten für Kindern, Vorträge in Amerika und der Schweiz; Rabbi Schlesinger und Abu Awwad treffen sich mit Interessierten. Es hört sich bombastisch an – aber die Organisation ist noch immer starr, beschränkt sich momentan nur auf Gespräche und Vorträge mit einer überwiegend israelischen Teilnehmerzahl (überwiegend – das heißt, in den meisten Fällen 50 zu 1).

Was aber ist das Treffen am Freitagvormittag, dem 18.03? Die „Friedenszusammenkunft“ soll zum Gespräch und Kennenlernen animieren und genutzt werden. Über die Ideologie des lokalen Friedens wird gesprochen werden. Zu den Gästen zählen auch unter anderem linke Friedensorganisationen, welche offenbar ein Interesse an ihrem „Siedleräquivalent“ bekommen haben, wohl aber bisher einen Kontakt zu den jüdischen Siedlern verneint haben.  Es soll auch arabische Redner geben…

Das alles hat mir übrgens jemand beim neulichen Autostoppen erzählt. Wer war der/diejenige?

Die Tochter von Hadassah und Rabbi Fruman höchstpersönlich, Re’ut!

Ich traf auf sie beim Autostoppen nach Hause. Erst aus einem Telefongespräche verstand ich, dass es sich um die Tochter Rabbi Frumans handelte. Ihr Gespräch drehte sich natürlich um das Event am nächsten Tag. Ich sprach sie darauf an und wollte mehr darüber wissen, und vor allem über ihre Meinung darüber. Auch brennende Fragen hatte ich – und habe immer noch: Was erreicht die Organisation tatsächlich? Wie viele Menschen interessieren sich dafür? Wieso kommen so viele lokale jüdische Interessierte, treffen aber immer auf dieselben zwei bis drei arabische Aktivisten (und meistens nur auf Ali Abu Awwad)? Was soll die Initiative bei der arabischen Bevölkerung erreichen, erreicht sie etwas?

Re’ut hörte sich nach jemandem an, der ganz in die Idee ihres Vaters vertraut und mit ganzer Seele dabei ist, obwohl sie bekundete, ihr Vater habe ihr noch als Jugendliche die Wahl freigestellt, ob sie sein Lebenswerk unterstützen oder diesem fernbleiben wollte. Was die lokalen Veranstaltungen und Projekte ihrer Mutter Hadassah angeht, so meinte sie, dort gäbe es viel mehr Rückmeldung und auch Menschen, „Roots“ sei so etwas wie eine Tochter und auch davon bekämen Menschen zu hören. Sie war sichtlich voller Vorfreude auf das kommende Event. Auf die Frage, wieso die arabische Seite der Organisation nach außen hin kaum bis gar keine Beteiligung zeige, wusste sie mir Beispiele anzuführen und vor allem hatte sie ein Argument: Es ist gefährlich. „Viele, die uns im Herzen unterstützen, können sich das nicht erlauben, zu kommen. Diejenigen, die kommen, begeben sich in Lebensgefahr. Wenn sie kommen, sind sie sich das bewusst und nehmen es in Kauf. Andere, verstehst du, viele können dies nicht machen.“ Sie brachte mir ein Beispiel eines muslimischen Scheichs, der mit ihrem Vater einst viel Kontakt hatte und auch zu ihm kam. Dieser Scheich meinte, er würde keiner Bedrohung ausgesetzt sein – er sei eine religiöse Figur.  – Zwei Wochen danach erfuhr sie, dass derselbe Scheich sich ins Ausland abgesetzt hatte, da gegen ihn seitens der Hamas ein Todesurteil ausgesprochen wurde.

Was Ali angeht, so Re’ut, so hat er einen großen Clan hinter sich, der zu ihm steht. Andere, die keinen großen und einflussreichen Clan hinter sich haben, haben es viel schwerer. Ob ihre Mutter Hadassah Fruman auch mit der Palästinensischen Autonomiebehörde Gespräche führe? Ja, das tue sie, so Re’ut. Wieso sollten sie ein Interesse daran haben, an einer Normalisierung, an einem guten Verhältnis? Es sei immer einfach, sich dagegen zu stellen, so Re’ut, aber auch sie hätten Interesse daran, dass es eine Realität vor Ort mit Rechten und normalisierten Zuständen gäbe.

Mehr konnte ich Re’ut leider nicht fragen und auch nicht weiter nachhaken – ich musste aussteigen. Ich hoffe, sie bei der Veranstaltung noch einmal zu sehen und auch dort selbst einige Antworten zu bekommen – zumindest in der Variante der „Roots“-Aktivisten, um zu sehen, inwiefern das Ganze einen Realitätsbezug besitzt. „Friedensaktivisten“ gibt es viele, aber nur wenige von ihnen nehmen die Wirklichkeit um sie herum in der richtigen Proportion in Kauf….

NEWS: Tödlicher Schusswechsel

In unserer Karavanensiedlung haben wir eine gemeinsame Whatsapp-Gruppe für alle Einwohner. Diese ist auch recht lebendig, und auch öfters mal nützlich, wenn man sich untereinander austauschen kann.

Ortschaftenkarte Gush Etzion.
Ortschaftenkarte Gush Etzion.

Als gestern, 24.02.16, die Nachricht von Jochanan, meinem Nachbarn, mit der Bitte um ein Gebet für Genesung verschickt wurde, wusste ich schon zuvor, dass es ein Attentat gegeben hatte, wieder einmal bei uns an der Gush Etzion-Kreuzung, um die Mittagszeit. Es war immer dasselbe Prinzip – Araber mit Messer hatte versucht, an der Bushaltestelle wartende Menschen anzugreifen.

Dieses Mal war etwas „schief gelaufen“ – den Nachrichtenmitteilungen entsprechend rannte der Attentäter auf die Gruppe Wartender zu mit einem Messer in der Hand, doch wurde schnell von den Sicherheitskräften, die jede Haltestelle auf der Kreuzung säumen, entdeckt. Auch einer der Wartenden

Gush Etzion Kreuzung. Quelle: Regionalverwaltung
Gush Etzion Kreuzung. Quelle: Regionalverwaltung

entdeckte den Terroristen, Eliav Gelman, 30 Jahre, aus der benachbarten Siedlung Karmey Tzur. Eliav, Vater zweier kleiner Kinder und Reserveoffizier in einer Einheit der israelischen Luftwaffe, war gerade unterwegs nach Hause von einer Reserveübung und trug eine Waffe bei sich. Er zückte die Waffe, als er den Angreifer auf sich zulaufen sah, und schoss. Dasselbe taten auch die Soldaten.

Quelle: MDA
Quelle: MDA

Der Terrorist wurde niedergeschossen, mittelschwer verletzt. Doch ebenso wurde Eliav. Er geriet in die Schusslinie der Soldaten, zwei Kugeln trafen ihn am Oberkörper und verletzten ihn lebensgefährlich.

Nach der moralischen Leitlinie der israelischen Armee und der medizinischen Versorgungsdienste wird bei Verletzten kein Unterschied gemacht, ob es sich dabei um Opfer oder Täter handelt, um Angreifer oder um Verteidiger. Beide werden gleichermaßen entsprechend ihrer Verletzungen versorgt und ins Krankenhaus gebracht. Der Terrorist wurde evakuiert. So auch Eliav.

Eliav Gelman.
Eliav Gelman.

Kurze Zeit später gaben die Nachrichten bekannt: Der Terrorist, ein 26-jähriger Mann, von Beruf Lehrer, aus den Südhevronbergen, wurde behandelt und hatte überlebt. Eliav verstarb an den Schusswunden.

Diese Art von Tragik hatte es schon zwei Mal während der letzten „Messerintifada“ gegeben; einmal war es ein offenbar geistig verwirrter Mann in einem Jerusalemer Bus, der etwas von „Isis“ schrie und mit einem Werkzeug fuchtelte und in diesem Kontext erschossen wurde – die Untersuchungsergebnisse hatten dies ergeben. Ein ander Mal wurde ein eriträischer Flüchtling nach einem Attentat auf dem Zentralbusbahnhof in Beer Shewa, der versehentlich für den Attentäter gehalten und erschossen wurde.

Und jetzt, Eliav, ein Opfer der Situation, gestorben an den Kugeln der eigenen Kameraden, während er dabei war,  ein Attentat auf Unschuldige abzuwehren.

In meiner Whatsapp-Gruppe fand ich heraus, dass es sich bei Eliav um den Ehemann der Schwester meiner Nachbarin Chenit handelte, hier aus der Karavanensiedlung. Diese Nachricht reichte mir, um trotz des späten Arbeitsschlusses in Jerusalem zur Beerdigung zu reisen, welche am selben Abend auf dem lokalen Friedhof des Kibbutz Kfar Etzion stattfinden sollte.


Eliav. Ich kannte ihn nicht, aber trotz der üblichen Trauer um ein weiteres Terroropfer wollte ich Anteil am Schicksal meiner Nachbarin zeigen, deren Schwester es getroffen hatte. Alle sie sind jung, was sind schon 30 Jahre und zwei kleine Kinder? Das Leben sollte vor ihnen stehen und nicht unter ihren Füßen begraben werden…

Ich wartete auf einen Anhalter an der Autobahnkreuzung 60 im Stadtteil Gilo, Jerusalem, Richtung Gush Etzion. Kaum eine Minute war vergangen, da hielt ein Fahrzeug an. „Kfar Etzion“, sagte einer der jungen Männer mit Kippa im Wagen. Der Kibbutz, wo die Beerdigung stattfinden sollte. Ich stieg ein, es dauerte noch, bis er die Windschutzscheibe gereinigt bekam. Unterdessen fragte ich seinen Beifahrer und noch eine Zugestiegene, ob sie zur Beerdigung von Eliav fahren würden. Sie bejahten.

Wir fuhren los. Die beiden unterhalten sich vorne, plötzlich sagt der Fahrer: „Erst heute mittag habe ich ihn zur Gush-Kreuzung gefahren. Von hier aus, von Gilo. Ich habe ihn dort abgesetzt und bin heimgefahren. Ich kenne ihn aus dem Reservedienst. Am vorigen Abend haben wir noch miteinander gechattet. Ich kenne ihn nicht wirklich gut genug, aber wir waren zusammen in der Reserve.“

Und er erzählt mir, die ich sprachlos bin von so einer unerwarteten Information, wie er kurz nach dem Absetzen von Eliav aus den Nachrichten von dem Anschlag erfuhr, und dann gab man auch den Namen des Opfers frei. Er war geschockt.

Ich bin es auch. Es ist mehr als nur eine „kleine Welt“, die hier zum Vorschein kommt. Mehr als nur Nachbarschaft. Alle sind wir irgendwo, irgendwie miteinander verbunden. Der Reservekamerad. Der Verwandte der Nachbarin. Der Bekannte der Freunde aus einer Stadt. Der Kollege, der Kollege des Kollegen, der Sohn der Bekannten. Wenn man hier lebt, muss man sich unwillkürlich fragen, wen es als nächstes trifft, unwillkürlich zittern bei jeder Anschlagsmeldung, „wird mir der Name des Opfers bekannt sein?“

Und selbst wenn dieser es nicht ist, dennoch trifft es ins Herz. Andere. Mich. Als würde wieder und wieder ein Gliedmaß abgehackt werden, mitten im Blühen, mitten im Leben.

Die andere Mitfahrerin kannte Eliav nicht, wohl aber seine Eltern, mit welchen er in der Stadt Kiryat Arba bei Hevron aufgewachsen war.

Der Fahrer und sein Freund unterhalten sich leise über den Ermordeten, das, was sie über ihn wissen; er sei bescheiden gewesen, zurückhaltend, professionell, familientreu, ein Mensch mit einem guten Ruf. Im Radio spielt melancholische Musik, draußen ist es dunkel, die Klimaanlage heizt die Luft im Fahrzeug und wir fahren, dicht aneinander gedrängt, ab und zu ein paar Worte wechselnd, fixiert auf unser Ziel – den Friedhof.

20160224_212707Dann kommt der Stau. Die Landstraße, welche zum Kibbutz führt, ist von Autos verstopft. Alle scheinen zur Beerdigung fahren zu wollen. Ob sie alle ihn gekannt haben? Ich wage zu bezweifeln. Wenn es nicht etwas mit meinen Nachbarn zu tun gehabt hätte, glaube ich kaum, dass ich selbst gekommen wäre. Ich gehe nicht oft zu Beerdigungen, ich mag sie nicht, es verstört mich zu sehr, es belastet, es geht mir nahe. Ich bevorzuge es, zu schreiben, anstatt am Grab zu weilen und das Weinen der Hinterbliebenen zu hören. Aber hier sind die Menschen nicht wie ich. In Israel, und vor allem in Judäa und Samaria, sind die Menschen anders. Sie begleiten einen – den Lebenden, von Geburt an, in der Kindheit, bis zur Bar/Bat Mitzwa, bis zum Einzug in die Armee und bis unter den Heiratsbaldachin; sie begleiten einen zu den wichtigsten Stufen und Ereignissen des Lebens, bis ins Alter und bis zum Tod. Sie lassen niemanden fallen. Sie umarmen – die Familie, den Verstorbenen und die Erinnerung an ihn.

Die Straße, die zum Friedhofstor führt, ist übersät von parkenden Autos. Es ist dunkel, nur der Vollmond leuchtet über den Hügeln und dem Tal, welches sich rechts von uns erstreckt und die Sicht auf die leichtenden Punkte der Dörfer und Städte talabwärts und bis zur Mittelmeerküste bietet.

20160224_214526Es strömen mehr und mehr Menschen aufs Gelände. Wir müssten insgesamt einige Hundert sein.Trotz der Menschenmenge herrscht eine, ganz dem Wort nach, Totenstille. Dann scheint sich etwas zu bewegen. Von oben her steigen Soldaten herab, einige Reihen von feierlich angezogenen Soldaten, sie tragen eine Bare mit dem Leichnam von Eliav. Eine Bare, und keinen Sarg. Wir haben keine 20160224_215113Särge im Judentum. Der Mensch wird, in den weißen Gebetsmantel und manchmal auch, wie bei Soldaten, in eine Flagge eingewickelt, einfach so in die Erde gelegt. „Von Staub gekommen, zu Staub geworden“. Nichts soll diesem im Wege stehen.

Und dann, als die Soldaten heruntersteigen, hört man das Weinen. Vor allem von Frauen. Weinende, rufende Stimmen, von Eliavs Frau, Schwestern, Eltern. Der Kreis der Weinenden breitet sich aus; Schluchzen kommen aus weiteren Reihen – von Freunden, Bekannten, fremden Anteilnehmenden wie mir?

Und Er ist erbarmungsvoll, vergibt Sünde und vernichtet nicht, zügelt Seinen Zorn und zeigt nicht Seine ganze Wut“

(Psalm 78)

Das Grab wird mit Erde bedeckt. Ich sehe Jochanan, meinen Nachbarn, wie auch er zum Spaten greift. Das Weinen wird lauter. Meine Seele schmerzt bei dem Gedanken daran, wie sich die junge Ehefrau – Witwe – fühlen muss, wenn sie der Erde zuschaut, die nach und nach den Körper ihrer vor einigen Stunden noch lebendigen Mannes, dem Vater ihrer Kinder, bedeckt. Einem Mann, der sich an die Frontlinie wagte, um Terror abzuwehren und diesem erlag.

Alles geschieht sehr schnell hier. Das Leben, der Terror, der Tod, und auch das Begräbnis. Man lässt die Toten nicht über Nacht weilen. Am Mittag noch quicklebendig, am Abend schon in der Erde. Der Armeerabbiner, der die Zeremonie leitet, kommt zu den nahen Angehörigen – Eltern, Ehefrau – und erklärt ihnen, wie sie ihre Kleidung anzureißen haben und welchen Segensspruch sie über Eliavs Tod sprechen sollen. Beides ist das jüdische Gesetz und es wird ausgeführt, auch wenn es schmerzt. Der Kleidersaum am Hals reißt, auch die Herzen reißen. „Gesegnet ist der Herr, der wahre Richter.“ Das sagen wir hier in Israel, wenn wir von einer Todesnachricht erfahren. Wie muss es aber sein, wenn man dies über das eigene Familienmitglied sagen und die Entscheidung akzeptieren muss?…

Gott, schweige nicht, werde nicht taub und ruhe nicht

Denn siehe, wie Deine Feinde aufheulen, und Deine Hasser ihren Kopf heben

Gegen Dein Volk plotten sie sich zusammen, gegen diejenigen, die Du liebst

Sie sagten – gehen wir hin und löschen sie aus

Und an den Namen Israel soll nichts mehr erinnern!“ (Psalm 83)

Der Rabbiner liest die Psalmen vor, und dann kommen Grabesreden. Der erste, der spricht, ist der Integrationsminister und Minister für Jerusalem-Angelegenheiten Ze’ev Elkin; auch er wohnt hier, in Gush Etzion:

„Die Kreuzung der drei Kinder, die Kreuzung des Blutes! Welchen Preis haben wir für diese Kreuzung bezahlt, und für unser Festhalten an diesem Land. Diese Kreuzung ist ein Symbol dafür. Migdal Eder [1927 von arabischen Dörflern verwüstet, Anm.], das alte Kfar Etzion [von 1943, 1948 von arabischen Legionen verwüstet, Anm.] und bis heute. Wir leben hier, weil wir Jerusalem verteidigen. Diese wilden Tiere, die uns angreifen, wissen es, und deshalb greifen sie uns hier an, um uns von hier verschwinden zu lassen. Aber wir werden nicht von hier weggehen, es wird ihnen nicht gelingen. Bestimmt habt ihr schon gehört, dass der Terrorist ein Lehrer gewesen ist! Ein Lehrer! Das ist ihre Erziehung. Sie erziehen ihre Kinder dazu, zu töten. Wo sind sie und wo ist unsere Erziehung dagegen! Wir bringen unseren Kindern bei, zu leben. 

Hört uns, Nachbarn, es reicht, es wird euch nicht gelingen, hört es auf! Ob mit Messern oder mit Gewehren, mit denen ihr auf uns losgeht, wir gehen nicht von hier, genug!“

Offiziere verschiedenen Ranges, Befehlshaber und Kameraden, treten ans Mikrofon und beschreiben einen jungen, furchtlosen Mann, kampferprobt und professionell in der Erfüllung seiner 20160224_215117Aufgaben, und dennoch bescheiden, zurückhaltend, familienbewusst, lernfreudig. „Die israelische Nation weiß nicht, wieviel an ihrer Sicherheit sie diesem Mann verdankt“, sagt einer. „Möge Gott unseren Anführern den Mut geben, sich nicht vor den Europäern und nicht vor den Amerikanern zu fürchten. Man darf den Kopf nicht vor einem Nichtjuden neigen, auch wenn er der Präsident von Amerika ist. Ein Jude muss das tun, was für das jüdische Volk richtig ist“, sagt ein bärtiger Redner mit zitternder Stimme, mir unklar, in welcher Funktion.

„Deine Bibliothek daheim zeugte davon, was für ein Mensch du warst“, so beginnt der Ortsrabbiner von Karmey Tzur seine Rede, „so viel Gutes hat von dir gestrahlt, so viel Bescheidenheit und Zärtlichkeit, ja, Zärtlichkeit, konnte man in deiner Stimme hören, wenn du gesprochen hast.“ Er wendet sich auch an die Angehörigen: „Den Schmerz einer Mutter kennt nur die Mutter (…), den Schmerz der Ehefrau nur sie allein. Nichts und niemand kann euch das nehmen. Ihr werden Schmerz fühlen, ihn durchleben und wieder aufstehen; das hätte Eliav von euch gewollt.“

Auch die Geschwister von Eliav sagen einige Worte, welche mehrmals von Schluchzern unterbrochen wurden. Die Anwesenden erfahren, dass Eliavs Schwester Tzofia, Studentin, eine Kippa für den älteren Bruder stricken wollte und diese nicht fertiggestrickt hatte; sein jüngerer Bruder hätte , wann immer er einen Fehler gemacht habe, daran gedacht, ‚Was hätte Eliav in meinem Fall gemacht?‘, und ein anderer Bruder sagt voller Bitterkeit:

„Wer wird Ya’ir [den älteren Sohn, Anm.] in die Synagoge begleiten, wer wird Yoav [den jüngeren, Anm.] die Kleider wechseln, und wer wird Rinat [der Ehefrau, Anm.] bei der Geburt beistehen? In einundhalb Monaten wird sie ein Kind gebähren mit einer Seele und einem Körper, Fleisch von deinem Fleisch; es wird etwas von deiner Seele haben, aber niemals die Umarmung deines Körpers fühlen können!“

Eliavs Vater sagt im Voraus mit gebrochener Stimme, er wisse nicht, wie man eine Rede hielte, er hätte aus dem Herzen geschrieben:

„Als meine Eltern gestorben sind, hatten sie nicht viele um sich herum, die für sie das Totengebet sprechen konnten. Wir unsererseits haben für uns einen ganzen ‚Chor‘ heranwachsen lassen. Wer hätte aber gedacht, dass ich heute ausgerechnet einen Teil deines ‚Chores‘ ausmachen würde? (…) Avraham, unser Vorvater, war bereit, für die Heiligung des göttlichen Namens seinen Sohn als Opfer darzubringen; der Hohepriester Aharon hat seine zwei Söhne im Gottesdienst verloren und so haben Juden generationenlang ihre Seele für diese Heiligung hingegeben. Mit großem Schmerz nehmen auch wir heute die Tatsache hin, dass du für die Heiligung Seines Namens geopfert wurdest.“

Das Totengebet, das Kaddish, wird gesprochen, die Zeremonie ist vorbei. Die Anwesenden ziehen langsam an den Trauernden vorbei und umarmen sie. So auch ich, umarme Chenit und ihre Schwester Rinat, welche weinend auf der Bank neben dem frischen Grab sitzen, und ziehe dann von dannen, mir einen Anhalter zurück nach Hause zu suchen.

In meinem Kopf wechselen sich die Bilder des Erlebten ab, eine Schwere im Magen und im Herzen, und ausgerechnet an die Worte von Davidi Perl, des Vorsitzenden des Regionalrates von Gush Etzion, erinnere ich mich, der bei seiner Grabesrede David Ben Gurion zitiert hatte. Das Zitat schien aus einem ganz anderen Kontext zu stammen,  aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges von 1948-1949, als Gush Etzion und seine vier Kibbutzim den Schutzwall Jerusalems vor den Anmärschen der feindlichen arabischen Legionen bildeten. Einen Tag vor der Ausrufung des Staates Israel am 14.Mai 1948 fiel Gush Etzion und seine letzten Bastionen in die Hände der arabischen Kämpfer, mehrere hundert Einwohner wurden massakriert, der Rest in Gefangenschaft genommen oder geflohen. In den Jahren danach wurde dieser Tag zum nationalen Gedenktag der Gefallenen des Staates Israel erklärt. Davidi Perl zitierte David Ben Gurion, Israels ersten Premierminister, der sich ein Jahr nach der Staatsgründung  zu dem Fall von Gush Etzion äußerte:

„Die Beschützer von Gush Etzion retteten Jerusalem. Vier Besiedlungspunkte mitten im Feindesland hielten die Feinde davon ab, zu den Toren Jerusalems vorzudringen. Viele, zu viele von uns fielen dort im Kampf. Aber wenn das hebräische Jerusalem heute steht, wenn der jüdischen Besiedlung der Todesstoß, den die Feinde geplant hatten, nicht gegeben worden war – dann gilt der Dank der israelischen Geschichte und der Geschichte des jüdischen Volkes zuallererst den Kämpfern von Gush Etzion…“ 

„Und du bist einer von ihnen“, hatte Davidi Perl den Satz ergänzt.

 

NEWS: Terroranschläge in Otniel und Teko’a

Zwei schwere Terroranschläge  erschütterten die Gemeinschaften von Judäa und Samaria gestern und heute. 

Gestern, 17.01: 

Ein arabischer Terrorist gelangte in den späten Nachmittagsstunden unerkannt in die Siedlung Otniel, welche sich südlich der Stadt

Dafna Me'ir hy"d
Dafna Me’ir hy“d

Hevron befindet. Dort traf er vor einem Haus nahe des Ortszauns auf eine 38-jährige Frau namens Dafna Me’ir. Dafna Me’ir war Krankenschwester, Therapeutin, Mitglied des Verwaltungsrates von Otniel und vor allem – Mutter von sechs Kindern – Renana (17), Akiva (15), Noa (11), Ahava (10), Yair (6) und Yaniv (4). Der Terrorist war mit einem Messer bewaffnet, Dafna Me’ir stand neben ihrer Tochter Renana am Hauseingang und war nicht darauf vorbereitet, dass dieser Mann, der da auf sie zukam, auf sie einzustechen begann. Dafna begann zu schreien und während der Terrorist auf sie einstach, versuchte die Mutter mit aller Kraft, ihn von der Haustür wegzudrücken – denn Renana und zwei weitere Kinder waren im Haus und würden, würde sie ihn nicht aufhalten können, die nächsten Opfer des Terroristen sein. Auch Tochter Renana begann zu schreien. Der Terrorist liess schließlich von der Frau, die ohnmächtig und schwerverletzt zu Boden sank, ab und flüchtete, während die entsetzte Renana am Telefon der Notfallhilfe berichtete, „helft mir, man hat meine Mutter erstochen!“

Als die ersten Notfallhelfer auftauchten und Dafna wiederzubeleben versuchten, sahen dies auch die zwei aufgeschreckten anderen Kinder. Die Wiederbelebungsversuche scheiterten, Dafna war zu schwer verletzt. Sie starb am selben Hauseingang, wo sie noch einige Minuten zuvor mit ihrer Tochter gestanden hatte.

Hier liegt Otniel
Hier liegt Otniel

–  Diese Details erfuhren heute die Leser der Zeitung „Yediot Acharonot“ und noch weiterer Nachrichtenausgaben. Dafna Me’ir, die Krankenschwester aus Otniel, wurde wider Willen aller zur Titelgeschichte des heutigen Tages. Der Terrorist, welcher sie am Sonntagnachmittag vor ihren Kindern niederstach, flüchtete aus der Ortschaft in Richtung arabischer Siedlungen. Nachdem das Ereignis an die Armee weitergeleitet worden war, begann diese ihre Fahndung nach dem flüchtigen Mörder. Die ganze Nacht über hörte

Yediot Acharonot, Ausgabe 18.01.16 Schlagzeile: "Helft mir, man hat meine Mutter erstochen"
Yediot Acharonot, Ausgabe 18.01.16
Schlagzeile: „Helft mir, man hat meine Mutter erstochen“

man Hubschrauber durch die Luft fliegen, und hoch im Himmel über Hevron zerrissen immer wieder Leuchtbomben die Dunkelheit. Die Fahndung verlief bis jetzt (19.01) noch immer ohne Erfolg; einige Verdächtigen wurden verhaftet, der Täter befindet sich jedoch noch immer außer Reichweite. Die Einwohner von Otniel wurden von der Armee angewiesen, sich in ihren Häusern zu verschließen, bevor man Entwarnung für die Ortschaft geben konnte.

Heute morgen fand das Begräbnis von Dafna statt. Sie, die im Soroka-Krankenhaus in Beer Sheva arbeitete, daheim als Therapeutin für Frauen mit Fruchtbarkeitsproblemen wirkte, gelegentlich in den örtlichen Zeitungen schrieb und auch Ratsmitglied der lokalen Ratsversammlung gewesen war, hinterließ Ehemann Natan und ihre sechs Kinder in tiefer Trauer. Zwei der Kinder hatten sie und ihr Partner vor einiger Zeit adoptiert, zusätzlich zu den leiblichen vier.

Beerdigung von Dafna Me'ir. Quelle:INN
Beerdigung von Dafna Me’ir. Quelle:INN

Der Beerdigungszug zog sich von Otniel in den Südhevronbergen über die Autobahn 60 bis nach Jerusalem. An jeder Kreuzung auf der Autobahn fanden spontane Solidaritätsbekundungen mit Flaggen statt. Beerdigt werden sollte Dafna Me’ir auf dem Har Hamenuchot-Friedhof in Jerusalem. Zu der Beerdigung erschienen hunderte Freunde, Familienmitglieder, Kollegen, trauernde Mitbürger. Der Vater und der älteste Sohn, Akiva, sprachen gemeinsam das Totengebet „Kaddish“. Unter den Trauernden waren auch die Kulturministerin Miri Regev und der Erziehungsminister Naftali Bennett. Beide sprachen einen Nachruf auf die Ermordete. Auch die Staatsoberhäupter – PM Netanyahu, Präsident Rivlin – sandten ihr Beileid an die Familie.

Die Familie wird von heute an sieben Tage in Trauer sitzen, wie es das jüdische Gesetz vorschreibt. Die Armee fahndet in den umliegenden Ortschaften nach dem Täter.  Der Vorstand der Bezirksverwaltung Südhevron äußerte sich zum Attentat wie folgt:

Ich habe die israelische Regierung, die uns, die Bewohner von Judäa und Samaria der letzten 40 Jahre hierher geschickt hat, dazu aufgerufen, ihre Mission zu erfüllen und zionistisch zu handeln, was die Besiedlung, die Landwirtschaft, den Tourismus und die Erziehung betrifft (…). Die israelische Regierung ist verpflichtet, die sehr klare Entscheidung zu treffen, die israelische Souveränität auf die Siedlungen auf Judäa und Samaria auszuweiten. (…) Es bietet sich an. Es ist erforderlich. Man soll uns nicht unter der Besatzung, unter der Militärherrschaft leben lassen.(…) Der nächste Schritt wäre die Ausweitung der Souveränität, das wäre die praktische Variante der symbolischen Umarmung, welche die Siedlergemeinschaft an diesem schweren Tag bekommt. 


 

Heute, 18.01:

Hier liegt Teko'a.
Hier liegt Teko’a.

Ein arabischer Terrorist gelangte in die jüdische Siedlung Teko’a, im Osten Gush Etzions, und entdeckte dort in einem Geschäft eine Frau, die 30-jährige Michal Fruman. Michal Fruman war schwanger und befand sich mit anderen Frauen im Laden, als der noch jugendliche Terrorist (15) hineinkam. Die anderen Kundinnen begannen auf ihn einzuschreien und zu fordern, er solle hinausgehen.

Michal Fruman wird eingeliefert. Quelle: YNET
Michal Fruman wird eingeliefert. Quelle: YNET

Michal dagegen kam zu ihm hin und fragte, ob er Hilfe brauche. In diesem Moment, als sich ihre Blicke kreuzten, begann der Terrorist, auf Michal einzustechen. Er verletzte sie an der Schulter und an den Lungen. Herbeieilende Sicherheitskräfte erschossen den Terroristen auf der Stelle, die schwangere Michal wurde vor Ort versorgt und nach Jerusalem ins Krankenhaus eingeliefert. Wie die Ärzte feststellen konnten, hatte die Verletzung das Ungeborene nicht gefährdet und es war gesund. Michal selbst erlitt einen Schock und litt unter Schmerzen durch die Messerstiche, war ansonsten aber in stabilem Zustand.

Über diese Einzelheiten berichtete die Schwiegermutter von Michal, Hadassah Fruman, dem Galatz-Radio. Hadassah Fruman ist die Witwe des berühmten Rabbiners und Friedensaktivisten Menachem Fruman, der national und international für sein Engagement zur Förderung von Koexistenz zwischen jüdischen Siedlern und palästinensischen Arabern bekannt gewesen war. Das Ehepaar Fruman pflegte regen Kontakt zu der lokalen arabischen Bevölkerung und investierte Zeit und Kraft darin, Kontakte zwischen jüdischen Siedlern und lokalen Arabern zu knüpfen, Einfluss auf die örtlichen Gemeindeführer zu nehmen und so den „Friedensprozess“ an Ort und Stelle voranzutreiben, und das zwischen den hauptsächlich davon betroffenen Bevölkerungsgruppen – den Juden und Arabern in Judäa und Samaria. Nach dem Tod von Rabbiner Fruman übernahm Hadassah diese Aufgabe und unterhielt weiterhin Kontakte und Projekte.

Hadassah, deren Sohn Elyashiv der Mann von Michal ist, berichtete dem Radio über den Gesundheitszustand der Schwiegertochter, erzählte die Details vom Vorfall und wurde auch zu der „Fruman’schen Herangehensweise“ an den israelisch-arabischen Konflikt gefragt.