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Unwetter shalom!

Ein wenig zum Alltäglichen.

Es ist mal wieder Zeit für ein Unwetter gekommen. Wir haben schließlich Winter, und nun lässt er sich so richtig blicken. Ein Sturm fegt übers Land und erreicht jeden Winkel; in den Bergen angekommen, bringt er eine unglaubliche Masse an Niederschlägen mit sich, darunter auch nassen Schnee (der bisher noch nicht liegen geblieben ist), starken Wind und Kälte. In den Hermon-Bergen an der syrischen Grenze ist schon seit Längerem der Schnee gefallen, und nun kommen die Schneewarnungen näher, an die Berge von Samaria, Jerusalem und Judäa. Viele warten hier auf den Schnee aus verschiedenen Gründen; die einen wollen nicht zur Arbeit, die anderen die weiße Pracht genießen; manche (darunter meine Wenigkeit 😉 ) wollen die anstehende Prüfung schwänzen oder gar lange ausschlafen. Denn sobald die Schneewarnung Wirklichkeit wird und die Straßen zugeschneit werden – selbst wenn es nach europäischem Maßstab lächerlich vorkommen wird – werden die Busse nicht mehr fahren und die Straßen gesperrt sein.

Wer sich das anhand des letzten Winters ansehen möchte, darf gerne bei der Galerie vorbeischauen. Winter 2015 war wirklicher Winter, mit schneebedeckten Bäumen und Hügeln, gefrorenen Pfützen und im Schnee versinkenden Weinreben.

Momentan ist alles nass, am Morgen und am Abend bedeckt ein tiefer Nebel die Hügel und verdeckt die Aussicht, die Luft drinnen und draußen ist feucht und unglaublich frisch, der braune, saftige Matsch klebt an den Sohlen, und wer hier keine festen Regenstiefel hat, ist arm dran. Die Katzen jaulen und bitten darum, ins Haus hineingelassen zu werden, und im Haus selbst („Haus“ wäre zuviel gesagt, Wohncontainer natürlich) sitzend höre ich den Wind um die Ecken pfeifen, als würde er den Container mitreißen wollen.

Was meine Behausung angeht, so hält diese das Wetter tapfer aus. Wobei ich, ungleich dem letzten Winter, heute nach der Arbeit leider feststellen musste, dass die undichten Stellen bei der Tür Wasser in den Eingangsbereich hineingelassen haben. Unser lokaler „Hausmeister“, der für die Reparaturen in der Siedlung zuständig ist, hat sich leider schon seit Längerem nicht um diese Dinge gekümmert und so war mein Karavan auf die Wassermassen nicht vorbereitet. „Selbst ist die Siedlerin“, musste es dann wohl oder übel heißen und ich griff als Allererstes zur Silikonpistole, um die Ritzen zu stopfen und schaffte es auch, die Tür einigermaßen nah heranzuziehen und zu fixieren, sodass die undichten Stellen zumindest verkleinert werden konnten. Ob das mit dem Silikon helfen wird, trotz des nassen Holzes, werde ich noch sehen. Momentan heizt die portable Heizung, was das Zeug hält (Klimaanlage besitze ich nicht), und der Strom sollte auch nicht ausfallen. Die Bezirksverwaltung hat, wie im letzten Jahr auch schon, Mails mit Tipps für den Schneefall verschickt, und die habe ich brav befolgt – Notfalllampe, Kerzen, Feuer, Essen für einige Tage, warme Kleidung sind vorrätig. Sollte der Schnee über uns herfallen (hinter dem Fenster kann man die nassen Schneeflocken an die Scheibe klatschen hören), werde ich nicht verloren gehen, denke ich. Als Notfallwärmeheizung habe ich ja immer noch die Katzen. 😉

Die Bezirksverwaltung spart nicht an Mails und berichtet unter Anderem, dass in einigen Teilen im Osten Gush Etzions es geringe Überschwemmungen und offenbar Schaden durch Wasser gegeben haben soll, welche nun behoben werden müssten. Der Osten Gush Etzions liegt auf derselben Berghöhe (bis zu 980 m über dem Meeresspiegel) und Schnee scheint sich dort auch noch nicht blicken zu lassen.

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Die "Menora der Sieben Arten", Kunstwerk von Eliezer Weisshof, ausgestellt in der Knesset (Quelle: Knesset)
Die „Menora der Sieben Arten“, Kunstwerk von Eliezer Weisshof, ausgestellt in der Knesset (Quelle: Knesset)

Ansonsten haben wir heute Abend den Feiertag „Tu BiShwat“das Neujahresfest der Bäume, und der Regen ist symbolisch wunderbar passend. Am Neujahresfest der Bäume sitzen viele Juden zusammen , sprechen Segenssprüche und essen von den sogenannten „sieben Arten“, für welche das Land Israel schon in der Tora ausgezeichnet wurde: Trauben, Datteln, Weizen, Gerste, Granatäpfel, Oliven und Feigen – sowie von anderen Früchten des Landes.

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Sollte der Schnee tatsächlich fallen, wäre das gar nicht so schlecht, überlege ich mir. Denn dann hätte ich endlich Zeit, die Blogbeiträge für euch zu schreiben, welche ich seit Langem schreiben möchte, aber nicht dazu komme!

Schönen Gruß aus den nassen Hügeln!

Chaya

 

Schneesturm – 100 Meter ums Haus

"Ja können denn des Südens Kinder
Dort, wo der Rosen froher Schein
Selbst im Dezember noch hervortritt
Wo es kein Wort für Sturm zu geben scheint
Ja, können sie auch nur in etwa
Für einen kurzen Augenblick
Auch nur erraten, wie die Sehnsucht
Nach Frühling schier das Herz zerdrückt?
Von sturem Eis und eisig' Trotz umgeben
Vor Schneegestürm ganz steif und blind
Sah'n wir, das, was schon kaum zu sehen - 
Den fernen, grünen Frühlingsblick."
(Nach einem Lied von Ilya Erenburg, übersetzt aus dem Russischen: Chaya Tal)

Drei Uhr morgens. Ich sitze unter meiner warmen Decke, daneben die Katze zusammengerollt. Draußen, so den Geräuschen nach zu urteilen, spielt sich das Szenario von „leise rieselt der Schnee“ ab. Der kräftige Sturm von heute abend ist nicht abgeflaut, und die Wege und Vorgärten der Wohncontainer wurden, dem letzten Stand nach, von einer kleinen, aber feinen Schneeschicht bedeckt. Der Schnee häufte sich immer weiter auf, bis der Nachbar schließlich beschloss, von seinem kleinen Plastiklagerhaus das Dach von der Schneeschicht freizuräumen.

Das war heute Abend. Und wie ist die Lage jetzt?

Ich klettere aus dem Bett, schließe die Tür auf und will sie vorschieben – sie gibt nicht nach. Kann es denn sein? So viel Schnee? Ich blicke verblüfft auf die Außentreppe zu meiner Eingangstür. Tatsächlich. Der Schnee, trotz seinen vielleicht 30 cm, versperrt mir die Tür! Mit einem Drücken schiebe ich die Schneemasse zur Seite. Der Gehweg ist nicht mehr zu erkennen, und ein riesiges Schneekissen häuft sich auf meinem Gartenstuhl. Hier ist sie, die versprochene „weiße Welt“ der Wetterprognosen für Ende Februar. Morgen soll die Pracht schmelzen, wer wird sie dann noch zu sehen bekommen?

Auf dem kleinen Lagerhaus ist eine beachtliche Schneeschicht. Auch mein Dach wird diesem wohl in nichts nachstehen. Freiräumen ist angesagt – schon vergessen, wir leben in Leichtbauten aus Paniermehl- und Gipsplatten! Wenn mir das Dach durchbricht, was mache ich dann mit meinem schönen Heim?

Mit Besen bewaffnet und mit Jacke, Mütze, Handschuhen, Schal und gigantischen Gummistiefeln ausgerüstet, trete ich den Sprung in den Schnee an. Weiße Wildnis, erhellt von den Signallampen an den Karavans, empfängt mich. Der Wind hat nicht aufgehört. Kalter, harter Schnee trifft mich ins Gesicht, wie tausend Nadelspitzen fühlt er sich auf meiner Haut an. Die Luft ist erfüllt vom Brausen des Windes. Ich mache erst den Hauseingang frei; meine Treppe wird zu einer Schneerutsche. Dann klettere ich 20150220_04140620150220_041607auf einen Stuhl, um besser das Dach des Nachbarlagerhauses abräumen zu können. Auch wenn der Nachbar, um diese Zeit hoffentlich genüsslich schlafend, gar nichts von meiner Aktion ahnt. Bis zum eigentlichen Containerdach komme ich leider nicht hoch. Mir bleibt nichts weiter übrig, als auf amerikanische Bauqualität zu vertrauen.

Aber ich bin noch nicht fertig. Der Schnee reicht mir bis zur Schienbeinmitte, die Stiefel versinken im unberührten, weichen Schnee (klar, unberührt, um diese Uhrzeit!). Der Wind schlägt den Schnee unbarmherzig ins Gesicht, aber wofür sind Brille und Schal da? Notdürftig das Gesicht verdeckt, mache ich mich auf zum Hauptweg, bei der Synagoge. Ich will den Schnee nicht verpassen. Nur 100 Meter um 20150220_041754das Haus herumgehen, viel wird es ja nicht sein…

Den Besenstock fest umschlungen, stampfe ich den Weg hoch. Unter mir eine feste Schneeschicht. Die Brille wird unaufhörlich beschlagen, ich sehe kaum noch etwas. Der Wind wird stärker. Sich umdrehen ist kaum noch möglich, so hart fliegt der nasse Schnee gegen das Gesicht. Auf dem Hauptweg sind Fahrspuren, aber wohl schon vor längerer Zeit.

Der Wind pfeift wild um mich herum.

Ein Blitz. Noch einer, der die Umgebung, im starken Nebel versunken, nur dürftig erhellt.

20150220_041850Ein Donnern. Ich halte krampfhaft den Besenstiel umklammert und drücke mich nun gegen den Wind voran, sehe die Welt um mich herum nun gar nicht mehr, nehme die Brille ab – so ist alles verschwommen, aber zumindest erkennbar. Der Kreisverkehr existiert nicht mehr – alles zugeweht. Irgendwo weiter vor mir soll die Weinplantage sein, irgendwo links von mir die Anhöhe – aber zu erkennen ist nichts, außer der Straßenlaternen. Die Strecke zurück zum Haus – die schwierigste im Moment, denn der Schnee peitscht genau ins Gesicht. Wo war die Einfahrt? Ich finde zum Pfad zurück. Alle Vorgärten sind zugeschneit. Alles schläft. Wo sind die Katzen bei solch einem Wetter, wo verstecken sie sich, wie viele werden den Sturm, mag er auch kurz sein, nicht überleben?…

Ein Wahnsinn, wie binnen eniger Stunden eine Landschaft und ihr Klima sich verändern können. Israel – das Land extremer Gegensätze. Nein, weder die Temperatur noch der Schneefall können mit einem Schneesturm in Russland verglichen. Aber dennoch  – Schnee ist Schnee und Sturm ist Sturm. Ich fühle in mir einen großen Respekt der Natur gegenüber aufsteigen, die uns immer wieder zu überraschen schafft.

Mittlerweile komme ich an meinem Zaun vorbei  – Moment, ist er hier? Die Brille hoffnungslos beschlagen. Ja, ich bin angekommen. Die Türklinke mit Eis bedeckt. Ein von mir unvorsichtig draußen aufgehängter Rucksack ist stocksteif vor Schnee und Eis geworden. Ich stampfe durch die Tür, die letzten Windböhen – ich bin daheim. Meine Katze flüchtet vor meiner tropfenden, weißen, dampfenden Gestalt. Ich bin zufrieden – ich habe gestern früh noch so sehr über den Scheinschnee lachen können, aber das Wetter hat mich eines Besseren belehrt, und ich bin froh darüber. Ja, wir haben Winter in Israel.

Und mir auf der Zunge liegt ein Lied aus einer fernen Welt, und einer Zeit, die nicht viel mit der Welt hier und jetzt zu tun hat, außer meiner Gedanken und Erinnerungen.

Der Schnee fällt, es donnert aus der Ferne und ich höre mich in die Klänge der Kindheit hinein: