Schneesturm – 100 Meter ums Haus

"Ja können denn des Südens Kinder
Dort, wo der Rosen froher Schein
Selbst im Dezember noch hervortritt
Wo es kein Wort für Sturm zu geben scheint
Ja, können sie auch nur in etwa
Für einen kurzen Augenblick
Auch nur erraten, wie die Sehnsucht
Nach Frühling schier das Herz zerdrückt?
Von sturem Eis und eisig' Trotz umgeben
Vor Schneegestürm ganz steif und blind
Sah'n wir, das, was schon kaum zu sehen - 
Den fernen, grünen Frühlingsblick."
(Nach einem Lied von Ilya Erenburg, übersetzt aus dem Russischen: Chaya Tal)

Drei Uhr morgens. Ich sitze unter meiner warmen Decke, daneben die Katze zusammengerollt. Draußen, so den Geräuschen nach zu urteilen, spielt sich das Szenario von „leise rieselt der Schnee“ ab. Der kräftige Sturm von heute abend ist nicht abgeflaut, und die Wege und Vorgärten der Wohncontainer wurden, dem letzten Stand nach, von einer kleinen, aber feinen Schneeschicht bedeckt. Der Schnee häufte sich immer weiter auf, bis der Nachbar schließlich beschloss, von seinem kleinen Plastiklagerhaus das Dach von der Schneeschicht freizuräumen.

Das war heute Abend. Und wie ist die Lage jetzt?

Ich klettere aus dem Bett, schließe die Tür auf und will sie vorschieben – sie gibt nicht nach. Kann es denn sein? So viel Schnee? Ich blicke verblüfft auf die Außentreppe zu meiner Eingangstür. Tatsächlich. Der Schnee, trotz seinen vielleicht 30 cm, versperrt mir die Tür! Mit einem Drücken schiebe ich die Schneemasse zur Seite. Der Gehweg ist nicht mehr zu erkennen, und ein riesiges Schneekissen häuft sich auf meinem Gartenstuhl. Hier ist sie, die versprochene „weiße Welt“ der Wetterprognosen für Ende Februar. Morgen soll die Pracht schmelzen, wer wird sie dann noch zu sehen bekommen?

Auf dem kleinen Lagerhaus ist eine beachtliche Schneeschicht. Auch mein Dach wird diesem wohl in nichts nachstehen. Freiräumen ist angesagt – schon vergessen, wir leben in Leichtbauten aus Paniermehl- und Gipsplatten! Wenn mir das Dach durchbricht, was mache ich dann mit meinem schönen Heim?

Mit Besen bewaffnet und mit Jacke, Mütze, Handschuhen, Schal und gigantischen Gummistiefeln ausgerüstet, trete ich den Sprung in den Schnee an. Weiße Wildnis, erhellt von den Signallampen an den Karavans, empfängt mich. Der Wind hat nicht aufgehört. Kalter, harter Schnee trifft mich ins Gesicht, wie tausend Nadelspitzen fühlt er sich auf meiner Haut an. Die Luft ist erfüllt vom Brausen des Windes. Ich mache erst den Hauseingang frei; meine Treppe wird zu einer Schneerutsche. Dann klettere ich 20150220_04140620150220_041607auf einen Stuhl, um besser das Dach des Nachbarlagerhauses abräumen zu können. Auch wenn der Nachbar, um diese Zeit hoffentlich genüsslich schlafend, gar nichts von meiner Aktion ahnt. Bis zum eigentlichen Containerdach komme ich leider nicht hoch. Mir bleibt nichts weiter übrig, als auf amerikanische Bauqualität zu vertrauen.

Aber ich bin noch nicht fertig. Der Schnee reicht mir bis zur Schienbeinmitte, die Stiefel versinken im unberührten, weichen Schnee (klar, unberührt, um diese Uhrzeit!). Der Wind schlägt den Schnee unbarmherzig ins Gesicht, aber wofür sind Brille und Schal da? Notdürftig das Gesicht verdeckt, mache ich mich auf zum Hauptweg, bei der Synagoge. Ich will den Schnee nicht verpassen. Nur 100 Meter um 20150220_041754das Haus herumgehen, viel wird es ja nicht sein…

Den Besenstock fest umschlungen, stampfe ich den Weg hoch. Unter mir eine feste Schneeschicht. Die Brille wird unaufhörlich beschlagen, ich sehe kaum noch etwas. Der Wind wird stärker. Sich umdrehen ist kaum noch möglich, so hart fliegt der nasse Schnee gegen das Gesicht. Auf dem Hauptweg sind Fahrspuren, aber wohl schon vor längerer Zeit.

Der Wind pfeift wild um mich herum.

Ein Blitz. Noch einer, der die Umgebung, im starken Nebel versunken, nur dürftig erhellt.

20150220_041850Ein Donnern. Ich halte krampfhaft den Besenstiel umklammert und drücke mich nun gegen den Wind voran, sehe die Welt um mich herum nun gar nicht mehr, nehme die Brille ab – so ist alles verschwommen, aber zumindest erkennbar. Der Kreisverkehr existiert nicht mehr – alles zugeweht. Irgendwo weiter vor mir soll die Weinplantage sein, irgendwo links von mir die Anhöhe – aber zu erkennen ist nichts, außer der Straßenlaternen. Die Strecke zurück zum Haus – die schwierigste im Moment, denn der Schnee peitscht genau ins Gesicht. Wo war die Einfahrt? Ich finde zum Pfad zurück. Alle Vorgärten sind zugeschneit. Alles schläft. Wo sind die Katzen bei solch einem Wetter, wo verstecken sie sich, wie viele werden den Sturm, mag er auch kurz sein, nicht überleben?…

Ein Wahnsinn, wie binnen eniger Stunden eine Landschaft und ihr Klima sich verändern können. Israel – das Land extremer Gegensätze. Nein, weder die Temperatur noch der Schneefall können mit einem Schneesturm in Russland verglichen. Aber dennoch  – Schnee ist Schnee und Sturm ist Sturm. Ich fühle in mir einen großen Respekt der Natur gegenüber aufsteigen, die uns immer wieder zu überraschen schafft.

Mittlerweile komme ich an meinem Zaun vorbei  – Moment, ist er hier? Die Brille hoffnungslos beschlagen. Ja, ich bin angekommen. Die Türklinke mit Eis bedeckt. Ein von mir unvorsichtig draußen aufgehängter Rucksack ist stocksteif vor Schnee und Eis geworden. Ich stampfe durch die Tür, die letzten Windböhen – ich bin daheim. Meine Katze flüchtet vor meiner tropfenden, weißen, dampfenden Gestalt. Ich bin zufrieden – ich habe gestern früh noch so sehr über den Scheinschnee lachen können, aber das Wetter hat mich eines Besseren belehrt, und ich bin froh darüber. Ja, wir haben Winter in Israel.

Und mir auf der Zunge liegt ein Lied aus einer fernen Welt, und einer Zeit, die nicht viel mit der Welt hier und jetzt zu tun hat, außer meiner Gedanken und Erinnerungen.

Der Schnee fällt, es donnert aus der Ferne und ich höre mich in die Klänge der Kindheit hinein:

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