Die Machpela-Höhle in der Darstellung des jüdischen Künstlers Nachshon, 1993.
Und Saras Leben dauerte 127 Jahre – dies waren die Lebensjahre Saras. Und Sara starb in Kiryat Arba, das ist Hevron, im Land Kena’an. Und Avraham kam, sie zu betrauern und zu beweinen. Und Avraham erhob sich von der Trauer und sprach zu den Nachkommen Hets wie folgt: Ein Fremder und ein Einheimischer bin ich unter euch; gebt mir bei euch eine Grabstelle und ich werde meine Tote begraben. (1.Buch Moses, Kap. 23, 1-4
So beginnt einer der zentralen Abschnitte der Tora über die Lebensgeschichte der Vorväter des jüdischen Volkes. Der Bericht über den Tod Saras, ihr Begräbnis und die damit zusammenhängende Suche nach dem passenden Grabareal offenbart uns mithilfe von 20 Versen einen der wichtigsten historischen Beweise für den jüdischen Anspruch auf das Land Israel und seine heiligen Stätten, insbesondere die sogenannte „Höhle der Patriarchen“. Hevron (Hebron) ist ein wichtiger Streitpunkt im modernen arabisch-israelischen Konflikt, von immenser nationaler und religiöser Bedeutung für Juden und Muslime und neuerdings auch ein Vorwand fuer makabre Geschichtsumschreibung seitens internationaler Organisationen. Hevron ist bekannt für blutige Auseinandersetzungen zwischen den jüdischen und muslimischen Bevölkerungsgruppen, ist aber auch ein Symbol für das Aufleben jüdischen Lebens seit 1967, und einmal im Jahr wird es zum Massenpilgerort fuer Zehntausende von Juden. Hier möchte ich dies etwas ausführlicher darlegen und mehr Verständnis für die Konfliktzone Hevron ermöglichen.
Jüdischer Kontext
Am dieswöchigen Shabbat (Samstag) wird in den Synagogen der Abschnitt unter dem Namen „Das Leben Saras“ aus dem 1.Buch Moses vorgelesen – wobei es in diesem Abschnitt mehr um die Folgen von Saras Tod geht denn um ihr Leben. Es wird dort Detail für Detail ein Kaufvertrag beschrieben, welchen Avraham, der einige Kapitel zuvor aus dem Gebiet von Mesopotamien in das Land Kena’an am Mittelmeer einwandert und dort großes Ansehen als geistiger Führer erhält, mit dem lokalen Herrscher in der Stadt Kiryat Arba-Hevron nach dem Tod seiner Frau schließt.
Wie läuft es ab? Schauen wir hin:
Und die Nachkommen Hets antworteten Avraham und sagten ihm, Höre uns, unser Herr, du bist für uns ein Prinz Gottes, begrabe deine Tote in einem unserer Gräber. Niemand von uns wird dir sein Grab verweigern, um deine Tote zu begraben. Und Avraham erhob sich und verneigte sich vor dem Volk, den Söhnen Hets, und sagte ihnen: Wenn es euch genehm ist, dass ich meine Tote begrabe, sprecht für mich mit Efron, Sohn Zochars, und er soll mir die Machpela-Höhle am Rande seines Feldes für eine ganze Summe als Grabareal geben. Und Efron sass inmitten der Söhne Hets. Und Efron der Hettiter antwortete Avraham im Beisein der Söhne Hets und aller Anwesenden am Stadttor, wie folgt: Nein, mein Herr, höre mich an, ich gebe dir das Feld und die Höhle, die dort ist. Vor den Augen meines ganzen Volkes gebe ich sie dir, begrabe deine Tote. Und Avraham verneigte sich vor dem Volk und sprach vor allen zu Efron: So höre mich an, ich gebe dir Geld für das Feld, nimm es von mir an und ich werde meine Tote dort begraben. Und Efron antwortete Avraham wie folgt: Höre mich an, mein Herr, das Land kostet 400 Silbershekel, und zwischen mir und dir, was ist das schon? Und begrabe deine Tote. Und Avraham vernahm Efron und wog das Geld, welches sie vor dem Volk abgemacht hatten, ab, 400 Silbershekel nach der gängigen Währung. Und so ging das Feld von Efron, das bei der Höhle Machpela bei Mamre liegt, das Feld und die Höhle und jeder Baum auf dem Feld und an seinen Grenzen an Avraham als Erwerb über, vor den Augen aller Anwesenden der Söhne Hets. Und daraufhin begrub Avraham Sara, seine Frau, in der Machpela-Höhle bei Mamre, das ist Hevron, im Lande Kena’an. (ibid., Kap.23, 5-19)
Dieser Kaufvertrag, welchen Avraham im Zuge das Abschnitts mit einer Nachdrücklichkeit, die einen staunen lässt, ausarbeitet, wird von diesem Punkt an und weiter als Beleg für die Legitimität der Nachkommen Avrahams, Yitzhaks (Isaaks) und Yakovs an diesen Ort sein. Nach Sara, Avrahams Frau, werden ebenso Yitzhak, seine Frau Rivka (Rebekka) und deren Sohn Yakov mit Ehefrau Leah in diesem Familiengrab bestattet (Yakovs zweite Frau, die Vormutter Rachel, wird bei der Stadt Betlehem-Efrata begraben). Sie sind mitunter die wichtigsten Identifikationsfiguren der jüdischen Religionsgemeinschaft; die Gründer und Verbreiter des jüdischen Glaubens und seiner Werte. Ebenso stellen sie die familiäre Brücke zwischen dem Land, welches in den Schriften wiederholt diesen Individuen für ihre Nachkommen versprochen wird, und den Nachkommen selbst dar, welche nach einer langen Exilzeit in Ägypten das jüdische Gesetzbuch erhalten und als selbstständiges Volk in das Land ziehen.
In diesem Kontext sollte es auch verständlich werden, weshalb Avraham in diesem Dialog mit den Hettitern einen großen Wert auf einen korrekten Geschäftsablauf legt – und weshalb die Tora dies detailliert festhält. Saras Tod in diesem Land, welches nicht ihr Heimatland darstellt und welches sie mit Avraham abseits jeglichen sozialer Konzensus erreichen und besiedeln, schafft Fakten und deutet für Avraham selbst die Richtung an, die er von nun an gehen muss. Nicht länger sind sie Wanderer an diesem Ort, sondern werden sesshaft und erhalten ihren ersten Anteil am Land.
Die Tora ist kein Ereignisprotokoll und ebenso kein Geschichtsbuch, sondern eine Orientierungshilfe und Anweisung für diejenigen, die für ihre Ausführung verantwortlich gemacht wurden – die Juden, Nachkommen, Avrahams, Yitzhaks und Yakovs. Sie setzt Akzente dort, wo etwas von Relevanz für zukünftige Generationen ist. Wenn das Geschäft, welches Avraham im betreffenden Abschnitt mit dem Lokalherrscher schließt, in der Tora so ausführlich beschrieben wird, dann dafür, um die Nachfahren über dies zu informieren und Schlüsse daraus zu ziehen.
Der Kaufvertrag von Avraham – es ist ein klassisches Zeugnis von jüdischem Landerwerb, welches mit absoluter Legitimität geschlossen wurde. Und wieso „jüdisch“? Weil Avraham in sämtlichen jüdischen und auch christlichen Schriften unbestreitbar als Wegbereiter für Yitzhak und Yakov, seinem Sohn und Enkel, festgelegt wurde, aus welchen sich später die Träger des göttlichen Gesetzes, der Tora, entwickelten – das Volk der Juden.
Hevron – kurzer Geschichtsrückblick
Hevron auf der Karte
Hevron ist eine der zentralen Städte der biblischen Geschichte. 39 Mal tauchen Hevron und ihre Beistadt Kiryat Arba in den jüdischen heiligen Schriften auf. Neben den Grabstätten der Vorväter und -mütter war Hevron Teil des Stammeserbes von Juda, dem Sohn Yakovs (daher der Name des Gebiets – Judäa). 7 Jahre lang war Hevron die Regierungsstadt König Davids, noch vor der Eroberung Jerusalems von den Jevusitern und gilt aufgrund des Patriarchengrabs als eine der vier heiligen Städte des Judentums – neben Jerusalem, dem Standort der beiden jüdischen Tempel auf dem Tempelberg. Entsprechend den Versionen einiger Historiker war es Herodes, unter dessen Leitung das eindrucksvolle Steingebäude über der Höhle errichtet wurde.
Das Herodes-Gebäude über der Höhle mit den zwei angebauten Minaretten.
Nach dem Zusammenfall der jüdischen Souveränitaet im Land Israel und der Vertreibung der jüdischen Bevölkerung durch die Römer verblieb Hevron eine Stadt in der Hand der lokalen Idumäer. Später folgte die byzantinische Eroberung der Gegend, und die Patriarchenhöhle wurde mit einer byzantinischen Kirche versehen, welche im Laufe verschiedener Eroberungen zerstört und wieder aufgebaut wurde. Hevron verblieb eine wirtschaftlich und religiös wichtige Stadt, in welcher sich weiterhin Juden ansiedelten und das Recht freier Religionsausübung an ihrer heiligen Stätte genossen.
Mit dem Aufkommen des Islams Anfang des 7.Jahrhunderts, welcher die zentralen Persönlichkeiten sowohl aus dem Judentum als auch aus dem Christentum in seine Glaubenslehre übernahm, besannen sich auch muslimische Geistliche auf die bis dato nur als jüdisch und christlich bekannte heilige Stätte. Im Sprachgebrauch entwickelte sich der Begriff „Al Khalil“, der arabische Name fuer die
Das Grabmal von LeahIm Inneren des Baus – islamische Dekorationen der Grabstätte
Stadt Hevron – „(Die Stadt) des Freundes„, bezogen auf Avraham. Über der Grabstätte wurde die Ibrahim-Moschee errichtet, allerdings hatten Juden sowie Christen immer noch freien Zugang zum Heiligtum. In der relativ kurzen Zeit der christlichen Herrschaft der Kreuzfahrer über das Land wurde erneut eine Kirche am Grabmal errichtet. Während der mamelukischen (türkisch-muslimischen) Herrschaft über das Land Israel, damals ein Teil von Gross-Syrien (13.-16.Jhdt), wurden Repressalien gegen Juden und Christen in Hevron eingeführt, die nach und nach ihre Religionsausübung und den Zugang zur Höhle einschränkten, bis schließlich der Zugang
Rechts im Bild sieht man den Treppenaufgang, wo sich die7.Stufe befand, bis zu welcher die Juden steigen durften.
gänzlich verboten wurde. Juden wurde es unter Androhung von Strafe untersagt, höher als bis zur siebten Stufe der Steintreppe, welche in die Moschee führte, zu steigen. Das erniedrigende Verbot hielt sich bis zum Ende der osmanischen Herrschaft und dem Beginn des britischen Mandats über Palästina in 1920.
1929 schließlich wurde nach dem muslimischen Massaker an der jüischen Bevölkerung im August 1929 die etwa 1500 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde von den britischen Verwaltern aus Hevron evakuiert. Ab den 30er Jahren des 20.Jhdts und bis zum Ende des Sechs-Tage-Krieges und der Eroberung Hevrons durch die israelischen Streitkräfte von den Jordaniern durfte kein Jude mehr in Hevron wohnen.
Alle Jahre wieder
Mein erster Besuch in Hevron ereignete sich genau vor vier Jahren. Damals lernte ich noch im Institut „Machon Ora“ für jüdisches Denkwesen in Jerusalem, und unsere Klasse wurde zum Wochenende nach Kiryat Arba-Hevron gefahren. Wir wurden in der Turnhalle einer Schule untergebracht, für die Shabbat-Mahlzeiten auf Familien innerhalb der Siedlung verteilt, und zu den Gebeten gingen wir zu Fuß durch die Gassen Hevrons auf der israelisch verwalteten Seite der Stadt zum Grabmal.
An diesen zwei Tagen im Jahr, wenn in der Tora die Geschichte von Saras Begräbnis gelesen wird, geschieht etwas Besonderes in Hevron. Die Stadt füllt sich mit Massen von farbig gekleideten Menschen, Männern, Frauen und Kindern. Sie wandern durch die Straßen, sie wandern auf den Hügeln, füllen das einzige Restaurant des jüdischen Viertels und die Betstuben, besuchen das Grab der Vorväter und die Grabstätte von Ruth, der Urgroßmutter König Davids. Die Besucher sind jüdisch, sie kommen aus ganz Israel und dem Ausland und sie haben das ganze Jahr über gewartet, um an diesem Tag, dem Tag des Erwerbs dieser Höhle und ihrer Wandlung zum nationalen Kulturgut, hier an diesem historischen Ort zusammen zu treffen und zu feiern.
Drei Mal im Jahr können und dürfen jüdische Besucher frei im israelisch verwalteten Teil Hevrons umherlaufen, unter Bewachung zahlreicher Sicherheitskräfte. Einer davon ist dieses Wochenende. Dann können sie auch den Yitzhak-Saal im Grabmal besuchen, welcher an regulären Tagen nur für Muslime geöffnet ist. Mehrere Tausend Besucher pflegen an diesem Wochenende nach Hevron zu kommen, manchmal werden es sogar über zwanzig- und dreißigtausend. Die Atmosphäre ist wie die eines Festes.
– Vor vier Jahren war mir dieses Ereignis gänzlich unbekannt; es regnete in Strömen, das Wasser im Wasserhahn des Schulgebäudes war eiskalt; mein Hebräisch war noch nicht ganz das Beste und über alle politischen und religiösen Nuancen wusste ich erst recht nicht Bescheid. Überall auf jeder Ecke standen Soldaten mit Gewehren und in warmen Jacken, und trotz des schlechten Wetters waren überall Besucher zu sehen. Entlang der Route von der Siedlung Kiryat Arba Richtung Grabmal hatten sich Soldaten auf den Dächern verschanzt, um mögliche Scharfschützen zu entlarven und den Weg zu sichern. Ich wusste nicht ganz, wie ich auf die Soldaten reagieren sollte und beschloss spontan, jedem von ihm einen guten Shabbat zu wünschen und zu lächeln – immerhin waren sie hier in der Kälte auch für mich da. Einige fragte ich nach der Situation in Hevron aus. Ich hatte viel zu viele Fragen. Ein junger
20112011
Soldat, etwa 20, war auf einem Hügel stationiert, und es war schon Abend und bitterkalt. Bis heute erinnere ich mich daran, wie ich ihm aus unserer Schule über Steine stolpernd heiße Teebecher brachte. Mehr hatte ich ihm nichts zu geben, und auch sonst meinte er, sein Vorgesetzter würde ihn „umbringen“, wenn er ihn im Dienst essen und trinken sähe.
Bei diesem Besuch lernte ich auch ein nettes älteres Paar aus Kiryat Arba namens Ilana und Amram Yifrach kennen. Wir waren mit meinen Klassenkameradinnen bei ihnen zu Besuch. Wer hätte gedacht, dass ich sie später als die Großeltern des im Juli 2014 entführten und ermordeten Eyal Yifrach identifizieren würde…
UNESCO und ihr Beitrag zur Islamisierung
Die UNESCO gilt als eine der bedeutendsten weltumspannenden Organisationen für Schutz und Erhaltung religiös und historisch wichtiger Stätten. Ebenso heißt es in der Selbstbeschreibung der Organisation, „UNESCO encourages international peace and universal respect for human rights by promoting collaboration among nations“ – „die UNESCO unterstützt internationalen Frieden und universellen Respekt für Menschenrechte durch die Förderung von Zusammenarbeit zwischen Nationen.“
Nun wurde am 21.Oktober diesen Jahres eine Resolution von der UNESCO veröffentlicht, deren Inhalt zufolge das Grabmal der „Höhle der Patriarchen“ und das Grab von Yakovs Frau Rachel als „islamische heilige Stätten“ anzuerkennen seien. Ägypten, Tunesien, Marokko, Algerien, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate reichten den Entwurf zur Resolution im Namen der Palästinensischen Autonomiebehörde ein, in welchem diese zwei Stätten sowie die Klagemauer in Jerusalem zu islamischen Stätten erklärt und entsprechend in muslimische Namen umbenannt werden sollten. So, als hätte es all das, was im obigen Text nur knapp zusammengefasst worden ist, einfach nicht gegeben.
Die Resolution, die schließlich vom Stapel ging, wurde aufgrund starkem internationalem – mehrheitlich jüdischem Druck auf die Vorsitzende der UNESCO Irina Bokova – revidiert. Die Klagemauer, eines der wenigen Überreste des alten jüdischen Tempelkomplexes, wurde nicht als „islamische Stätte“ mit eingerechnet und auch nicht in den „Al-Buraq-Platz“ nach dem Pferd von Prophet Muhammad umbenannt. Der Protest gegen die muslimische Vereinnahmung der Klagemauer fiel stark aus, und die arabischen Staaten mussten zurückweichen. Nicht so bei den anderen beiden Stätten, dem Grab Rachels inmitten von Betlehem – und dem Grab der Vorväter. Diese wurden am besagten 21.Oktober „islamisch“ – eine Entscheidung, die in ihrer Groteske an das Resultat der mamelukischen Eroberung von Hevron im 13.Jhdt erinnern könnte. Aus einer heiligen Stätte für alle drei abrahamitischen Religionen, aus dem Grabmal der Vorväter des jüdischen Volkes wurde ein ausschließlich islamischer Heiligenort, angestrengt durch juden- und christenfeindliche muslimische Staaten und mit der überzeugten Unterstützung der Weltgemeinschaft. Was kann man dazu sagen? So sieht in der Praxis offenbar die „Förderung von Zusammenarbeit zwischen Nationen“ und die „Unterstützung internationalen Friedens“ aus.
Was die Juden Hevrons anging, so waren sie von der UNESCO-Resolution nicht sonderlich bewegt, überhaupt schien diese Entscheidung an ihnen vorbeigegangen zu sein. Im Status Quo, den Gefahren auf den Straßen von Hevron und der Sehnsucht nach der Rückkehr in die „Stadt der Väter“ hat sich nichts geändert.
Und auch im diesen Jahr, trotz der Unruhen und des erneut regnerischen, kalten Wetters, erwartet man in Hevron Besucher – ferne Kinder der tief in Hevroner Erde begrabenen Väter und Mütter, die sie Jahr für Jahr besuchen kommen…
Ein bisschen Alltagsbilder:
So sieht mein morgendlicher Fahrtweg von Gush Etzion Richtung Jerusalem aus, auf der Autobahn 60. Und das während der grünen Ampel..!
Häufig werde ich gefragt – und das meist mit einem vorauseilenden anklagenden Unterton -, ob Araber/-innen in jüdischen Siedlungen wohnen dürfen. Dieses kurze Essay dürfte als eine Erklärung zu dieser nicht unwesentlichen Frage dienen.
Ansicht auf Efrat. Im Vordergrund: Weinstöcke arabischer Weinbauern
…Efrat ist eine Ortschaft in Gush Etzion mit fast 10.000 Einwohnern. Es befindet sich mitten in Ausbau und Erweiterung. Lang ausstehende Bauprojekte wurden genemigt und von verschiedenen Auftragnehmern übernommen. Die Baustellen sind täglich in Betrieb. Auch sonst bedarf die Infrastruktur von Efrat einer umfassenden Pflege – wie die einer jeden Ortschaft. Efrat ist eine „Großsiedlung“, wenn man will, und wurde für 25.000 Einwohner geplant. Sobald Efrat sich in ihrer Einwohnerzahl der 15.000-Grenze nähern wird, soll ein Antrag auf Stadternennung durchgeführt werden, welches ihr den Status der ersten jüdischen Stadt der Judäa-Region einbringen würde, und der fünftgrößten Stadt in den Siedlungsgebieten (nach Modi’in Illit, Beitar Illit, Ma’ale Adumim und Ariel).
Hier liegt Efrat
In dieser Großsiedlung, welche 1983 gegründet worden ist, gibt es kein Pflichtkommittee zur Einwohneraufnahme, so wie viele kleinere Gemeinschaften es für üblich halten. Das bedeutet, um Einwohner von Efrat zu werden, reicht es, eine Wohnung dort zu mieten. Um legal eine Wohnung mieten zu können, muss man in Israel Inhaber eines Einwohnerausweises sein mit Ausweisnummer (Te’udat Zehut). Somit können in Efrat alle möglichen israelischen Einwohner und Staatsbürger leben, unabhängig von ihrer Religion und etwaiger anderer Nationalität. – Also auch Araber mit israelischem Pass.
Ariel, 2013 (Quelle: Wikipedia)
Einen ähnlichen Status hat die Stadt Ariel (gegründet 1978), welche sich in Samaria befindet.
Ariel auf der Karte
Ariel ist eine Universitätsstadt mit mehr als 18.000 Einwohnern, Industrie und einem gut aufgebauten Netzwerk an Verkehr, Wirtschaft, Bildung etc. Es liegt nur 45 Kilometer vom Flughafen (30 Minuten Fahrt) und 47 Kilometer von Tel Aviv entfernt (40 Minuten Fahrt).
Auch Kiryat Arba, das 1971 errichtete jüdische Äquivalent zum größtenteils arabischen Hevron, ist heute eine Bezirksortschaft aus etwas mehr als 6000 Einwohnern und hat das Aufnahmekommittee abgeschafft, somit können dort theoretisch alle israelischen Bürger und Menschen mit Einwohnerstatus einziehen.
Die Frage danach, ob Araber in jüdischen Siedlungen wohnen dürfen, taucht häufig auf, wenn sich Menschen ohne Vorkenntnisse über das Leben in Siedlungen dafür interessieren. Die Frage ist als solche durchaus legitim, nur weist sie darauf hin, dass der Fragesteller eher wenig Ahnung vom Aufbau und Funktionsweise der israelischen Gesellschaft besitzt. In Israel, wie auch insgesamt im ganzen nahöstlichen Milieu, leben die verschiedenen ethnischen und Religionsgemeinschaften zumeist unter sich. Das liegt an den ähnlichen traditionellen Auffassungen der jeweiligen Gemeinschaften, das hat praktische Gründe aufgrund der verschiedenen Gesetze, welche diese haben, Gewöhnungsgründe und andere mehr. Es gibt trotz vieler unterschiedlicher Kulturen in Israel keine Tradition des „Multikulti“ innerhalb der Gemeinschaften, obschon es durchaus die Kenntnis von der Kultur des jeweils Anderen gibt. So können Anhänger verschiedener Religionen – bsp. Juden und Drusen – zusammen arbeiten, gemeinsam in der Armee dienen, einander zu Hochzeiten einladen. Man wird allerdings selten Städte oder Dörfer finden, in welchen beide zusammen wohnen. Mit Rassismus hat es gänzlich nichts zu tun – sondern es liegt an der gängigen Praxis in diesem Erdteil. Jeder bevorzugt es mehrheitlich, unter sich zu leben, damit die verschiedenen Lebensweisen statt Bereicherung nicht in einem Zusammenstoß enden.
Israelisch-arabische Muslimin wählt. Quelle: i24
So gibt es relativ wenige „gemischte Städte“ in Israel – wie Ramle, Nazeret, Jaffo, Akko und Haifa, in welchen Muslime, Christen und Juden auf engem Platz miteinander wohnen. Selbst in solchen Städten konzentrieren sich die jüdischen, muslimischen und christlichen Bewohner meist auf bestimmte Viertel. Es gibt Städte mit Minderheiten innerhalb von Mehrheiten – so Tel Aviv, Ashdod, Netanya mit einer kleinen Anzahl an muslimischen und christlichen Einwohnern. Jerusalem hat eine große muslimisch-christliche Minderheit, die sich ebenso in bestimmten Vierteln wiederfindet. In den Städten Umm al-Fahm, der Stadt Fureydis, Baq’a al-Gharbiya, Taibe leben keine Juden, und meines Wissens keine bis nur wenige arabische Christen.
Genauso verhält sich das mit den jüdischen Siedlungen in Judäa und Samaria. Diese, wie übrigens auch reguläre Kibbutzim und Dörfer „innerhalb der Grünen Linie“, richten sich nach der Zusammensetzung ihrer Einwohner, nach ihrer gesellschaftlichen und religiösen Ausrichtung, nach den Vorlieben in ihrer Lebensweise. Kleinere Ortschaften haben Aufnahmekommittees, welche entscheiden, je nach Charakter der Ortschaft, wer in die Gemeinschaft aufgenommen wird. Diese Aufnahmekommittees haben jahrelang existiert und auch viel Kritik von den eigenen Leuten und von Außenstehenden geerntet, sind allerdings noch immer gang und gäbe. In großen Orten – wie oben erwähnt – so Efrat und Ariel – sind diese abgeschafft worden. Allerdings unterliegt die Zusammensetzung dieser Orte noch immer den ungeschriebenen Gewöhnungsgesetzen.
Und wer dies kennt und versteht, der weiß auch die Frage zu beantworten, ob in jüdischen Siedlungen Araber leben. Nein, es leben zu 99,9% keine Araber in Siedlungen von Judäa und Samaria. Kein einziger muslimischer Araber lebt dort; in Ariel gibt es einen minimalen Prozentanteil an arabischen (oder wie viele sich selbst nennen, aramäischen) Christen. Es gibt in größeren Orten auch einen kleinen Prozentanteil an nichtjüdischen Menschen (so aus der ehem. Sowjetunion). Ansonsten sind alle Einwohner der Siedlungen in Judäa und Samaria jüdisch. Araber gelangen in jüdische Siedlungen als Arbeiter, Handwerker, Geschäftsleute (bsp. im Baumilieu) u.ä. Dabei sind dies in den meisten Fällen Araber mit palästinensischem und nicht israelischem Pass. Araber mit israelischem Pass mögen in bestimmte Ortschaften gehen, um einzukaufen, würden sich allerdings keine Wohnung mieten oder ein Haus kaufen – selbst wenn es rechtlich gesehen keine Widerstände dagegen geben würde.
Dieser hervorstechende nationale und religiöse Gemeinschaftsbezug innerhalb Israels erscheint euch befremdlich? Nun, das ist eine der Charakteristiken des Nahen Ostens, welche es viel lohnenswerter und einfacher ist, als solche hinzunehmen und zu akzeptieren, anstatt zu versuchen, sie anzuprangern oder zu verändern. Wenn jemand behauptete, getrenntes Leben führt zur Entfremdung, so führt ein gezwungenermaßen ineinander verwobenes Zusammenleben zu Zusammenstößen und unliebsamen Vorfällen, die davon herrühren, dass die Verschiedenheit der jeweiligen Gemeinschaften nicht respektiert wird. Auch spielt der Sicherheitsaspekt eine große Rolle in dieser Trennung. Gerade in den letzten Wochen wird es deutlich, wie sehr die Nähe zwischen zwei einander nicht freundlich gesinnten Gesellschaftsgruppen zu Gewalt führen kann. Kann eine komplette Trennung von Juden und (muslimischen) Arabern die Lösung für den Konflikt im Nahen Osten sein? Ich glaube nicht daran, wenn ich auch selbst dabei bemerken muss, dass eine Separierung momentan keinen größeren Schaden anrichten würde, als schon angerichtet worden ist.
Generell gilt für mich speziell – ich muss nicht mit jemandem zusammenleben, um diesen zu respektieren oder ihm Wohl zu wünschen. Dass Menschen sich als Mitbewohner lieber diejenigen auswählen, denen sie sich nah fühlen, ist nichts Befremdliches oder gar Rassistisches – es ist etwas sehr Menschliches. Daher wundert sich in Israel auch kaum jemand über die Abwesenheit arabischer Einwohner in Kiryat Arba oder Efrat oder die Abwesenheit jüdischer Einwohner in Jassar a-Zarka oder Umm al-Fahm. Viel verstörender ist es dagegen, wenn jüdische Israelis sich aus Angst vor Übergriffen auch für Gelegenheitsbesuche nicht in arabisch-israelischen Ortschaften zeigen können, wobei auf der Gegenseite dies bei Weitem nicht der Fall ist….
Ich weiß, es scheint schon zu langweilen. Bei uns steht das Übliche auf dem Tagesplan. Noch immer und immer weiter Terror, in den „besetzten Gebieten“ und auch im gar nicht mehr so sicheren Rest von Israel. Und weil es nichts Neues mehr ist, findet es daher wohl auch keine Erwähnung mehr auf der Welt außer in einigen jüdischen Journallien.
Gestern (21.10) war ein Tag durchsiebt von Attentaten seitens arabisch-muslimischer Terroristen auf jüdische Israelis – Soldaten wie Zivilisten – in Judäa und Samaria.
Jugendliche Terroristin, mit Messer bewaffnet, versuchte am frühen Morgen, in die Siedlung Yitzhar in Samaria einzudringen, wurde angeschossen und von der Armee zur medizinischen Behandlung überwiesen.
Ein Polizist wurde nahe der Siedlung Ofra in Süsamaria angefahren und leicht verletzt.
Zwei Terroristen attackierten junge Soldatinnen auf dem Adam-Kreisverkehr in Südsamaria (Binyamin-Region) – eine von ihnen wurde mit einem Messer schwer verletzt, die andere, ihre Freundin, erschoss einen der Angreifer.
Dikla, 19, Soldatin der Heimatfront-Brigade, wurde schwer verletzt (Bild: YNET)
Eine Brandbombe wurde auf einen Bus in der Gush Etzion-Region (Judäa) geworfen.
In einem arabischen Auto nahe der Jerusalemer Vorstadt Ma’ale Adumim wurden Sprengsätze gefunden.
Am Abend wurde ein Autoattentat auf Soldaten bei der Stadt Bet Ummar (Judäa) verübt, nachdem diese zuvor mit Steinen beworfen wurden. Vier Soldaten wurden überfahren, zwei davon wurden schwer verletzt.
Am 20.10, vorgestern, forderte ein Attentat auf einen jüdischen Autofahrer südlich von Hevron den Tod des Fahrers, Avraham Asher Hasno, und das unter unklaren Bedingungen: Hasno wurde zunächst mit Steinen beworfen, und als er am Straßenrand anhielt, erfasste ihn ein palästinenisch-arabischer LKW und tötete ihn. Der Fahrer stellte sich kurze Zeit später der palästinensischen Polizei und behauptete, es handele sich um einen Unfall. Ergebnisse einer Unersuchung wurden bisher noch nicht veröffentlicht.
Am frühen Abend desselben Tages schließlich versuchte ein Attentäter aus dem Dorf Bet Awwa auf der Gush Etzion-Kreuzung (ca.400 m Luftlinie von meinem Haus entfernt), an der Bushaltestelle stehende Soldaten und Zivilisten zu überfahren und zu erstechen. Es gelang ihm, einige der Schutz-Betonklötze am Straßenrand niederzureißen und einen Zivilisten und einen Soldaten leicht zu verletzen, bevor er von Sicherheitskräften erschossen wurde.
Die Gush Etzion-Kreuzung Richtung Jerusalem in friedlicheren Tagen. Heute stehen dort noch mehr Betonklötze.Gush Etzion-Kreuzung Richtung Hevron.
Das Ganze erlebte ich persönlich als äußerst surreal, da ich trotz meiner relativen Nähe zum Tatort nichts davon mitbekommen hatte und selig meine Zimmer streichte, bis ich endlich den Blick vom Farbeimer ins Handy richtete – und siehe da, von zwei Attentaten erfuhr, eins davon unmittelbar auf meinem Arbeitsweg…
Trotz der vorhandenen Bedrohungen und der allgemeinen Anspannung fahren die Menschen weiterhin zur Arbeit, warten auf den Bushaltestellen (auch wenn die Betonklötze vor den Haltestellen sich erneut vermehrt haben). Auch in den Siedlungen selbst wurden wieder arabische Arbeiter gesichtet.
In fast ausnahmslos jeder Stadt in Israel werden Araber mit palästinensischem Pass und/oder israelischer Einwohnerkarte beschäftigt. Sei es als Bauarbeiter, Handwerker, Bauunternehmer, Angestellte, Gärtner, Klempner, Müllmänner. Es gibt Arbeiten in vielen Sektoren, die große Abnahme bei den palästinensischen Arabern und auch Arabern mit israelischem Pass finden. Dazu muss man sagen, dass viele dieser Berufe und Beschäftigungen als unbeliebt in der jüdisch-israelischen Bevölkerung gelten. Palästinensisch-arabische Dienstleister – Firmeninhaber, Verkäufer – welche Geschäfte mit Juden aus Israel betreiben, verlangen deutlich geringeres Geld als ihre israelischen Counterparts. Arabische Arbeiter sind schnell, geübt, verlangen wenig, sind ausdauerfähig. Für viele dieser Menschen ist die Arbeit auf israelischem Territorium (incl.Zone C in Judäa und Samaria) die einzige Einkommensquelle für die Familie. Nicht alle der Arbeiter stammen jedoch aus Orten, die der jüdischen Bevölkerung wohlgesinnt sind, sondern können in allen möglichen arabischen Dörfern und Städten wohnen, die israelische Juden aufgrund von der ihnen dort drohenden Lebensgefahr nicht betreten dürfen – beispielsweise Hevron, Bet Fajjar, Shchem (Nablus), Bet Ummar, Zurif, Jenin.
Aus denselben Orten stammen auch die zahlreichen Funktionäre der verschiedenen Terrorkampfgruppen wie der Hamas, den Al-Quds-Brigaden, der Fatah etc., und ebenso aktive Terroristen und ihre Lehrlinge, welche entweder Stein- und Brandbombenwürfe auf israelische Autos verüben, Soldaten und Polizisten attackieren, Zivilisten in Großstädten niederstechen, niederschießen oder sich selbst in die Luft sprengen. Alle sie leben auf engstem Raum nebeneinander, sind Teil derselben Gesellschaft, und allzu häufig kreuzen sich ihre Wege – und aus einem simplen Bauarbeiter oder Techniker wird ein mordlustiger Terrorist, wie das neueste Attentat in Jerusalem (13.10.15) anschaulich darlegt.
Nun dient diese Einleitung dazu, um die Reibung zwischen den beiden – einander von nicht besonders bis auf den Tod nicht wohlgesinnten – Bevölkerungsgruppen in Israel im regulären Alltag aufzuzeigen. Das Aufeinandertreffen sowie die das Niveau der Feindseligkeiten zwischen der jüdischen und der arabischen Bevölkerung sind in Judäa und Samaria noch erheblich größer als im offiziellen Staatsgebiet Israels. Die auf den Erfahrungen vor allem der letzten 30 Jahre basierenden Befürchtungen der Juden vor den unvorhersehbaren Terrorattacken lokaler Araber, welche bei Juden arbeiten, führen dazu, dass viele gegen eine Beschäftigung von Arabern in jüdischer Umgebung protestieren. Was nur in wenigen Fällen anschlägt, da das gesamte Bauunternehmen, die Gastronomie und die Instandhaltung der Infrastruktur der Siedlungen auf den arabischen Arbeitern basiert. Auch glauben viele daran, dass das Aufrechterhalten der wirtschaftlichen Beziehungen und einer ökonomischen Balance stabile nachbarschaftliche Beziehungen fördern kann, was auch sich auch an einigen Beispielen erkenntlich zeigt, so die Kooperation zwischen den Bewohnern der Stadt Beitar Illit und der Stadt Hussan, welche direkt gegenüber liegt, und ebenso zwischen der Siedlung Efrat und den umliegenden arabischen Dörfern.
Hier liegt Efrat
Jetzt sind aber Krisenzeiten angekommen. Tagtäglich finden in Jerusalem Attentate statt, und auch im Rest des Landes, durchgeführt von israelischen oder palästinensischen Arabern. Die Straßen innerhalb Judäas und Samarias werden durch Steine und Brandbomben und in einigen Fällen auch Schießereien und Entführungsversuche unsicher gemacht. Aufgrund der aufgeheizten Situation und der Besorgnis um die Sicherheit der Bevölkerung entschlossen sich Bezirksvorsitzende in Judäa und Samaria –
Hier liegt Beitar Illit
namentlich in Gush Etzion, in der Region der Südhevronberge und in einigen Regionen von Samaria, für arabische Arbeiter vorübergehend keinen Zutritt zu gewähren. Das Verbot gilt seit etwa zwei Tagen. Auch die ultraorthodoxen Städte Beitar und Modi’in Illit haben beschlossen, zurzeit keine arabischen Arbeiter mehr hineinzulassen, obwohl sich diese Städte nicht als Teile der Siedlerbewegung zählen. Nach einigen Attentaten auf ultraorthodoxe Juden jedoch wurde diese Entscheidung dennoch getroffen.
Den Arbeitern, welche am Morgen des Verbots zur Arbeit gekommen waren, wurde ein Flyer in Hebräisch und Arabisch ausgehändigt, auf dem u.a. geschrieben stand:
Sehr geehrter Arbeiter/Unternehmer,
wir sind bestürzt über den vorübergehenden Schaden, der eurem Einkommen zugefügt wird. Wir danken euch für Ihre treue Arbeit in unserer Siedlung. In der letzten Zeit werden wir, eure jüdischen Nachbarn…, welche mit euch auf denselben Straßen fahren, von Terroristen, die aus Ihren Dörfern stammen, angegriffen. Sie bewerfen uns mit Steinen und Brandbomben. Als Nachbarn, welche hier schon 40 Jahre leben und so Gott will noch viele Jahre leben werden, ist uns klar, dass dies nicht eure Art und Weise ist. Als Menschen, die ihr Einkommen von uns beziehen und uns kennen, wissen wir, dass ihr dies verurteilt. WIr fordern daher von euch, dass ihr von den Vorstehern eurer Dörfer verlangt, dieses ernstzunehmende Phänomen zu beenden, denn so können wir nicht weiterleben.“
(Quelle des Textes: 0404.co.il, Flyer der Gemeinschaften der Südhevronberge)
Heute, so berichtete mir der Bezirksvorsitzende von Gush Etzion, Davidi Perl, soll eine Sitzung stattfinden, in welcher die Sicherheitslage ermittelt und entschieden werden soll, das Verbot zu belassen oder aufzuheben.
Was noch einen unmittelbaren Treffpunkt zwischen Juden und Arabern betrifft – die Großsupermarktkette Rami Levy, in welcher sowohl die einen als auch die einen angestellt sind – , so ließ der Besitzer Rami Levy in einem Interview neulich verlauten, er würde als Sicherheitsmaßnahme die Bewachung an den Eingängen verdoppeln und Messer aus dem Sortiment entfernen. Allerdings weigerte er sich, die arabischen Angestellten zu vermindern und durch jüdische zu ersetzen – auch nicht an Reibungsorten wie Gush Etzion.
Dieser Text wurde von Na’ama Henkin, der ermordeten jungen Frau und Mutter aus Neria, vor etwa drei Jahren auf der israelischen Blogplattform „Point of View“ veröffentlicht. Na’ama Henkin bloggte dort zusammen mit anderen jungen Frauen aus Judäa und Samaria auf Englisch über verschiedene Aspekte ihres Lebens. In diesem Text versucht sie, anhand eigener Erfahrung als erfolgreiche religiöse Grafikerin aus einer Siedlung die Diskrepanz der gegenseitigen Wahrnehmungen innerhalb der israelischen Gesellschaft, zwischen „Religiösen“, „Siedlern“, „Tel Avivern“ und „Sekulären“ darzustellen. Vor drei Jahren habe ich diesen Text nicht gekannt, und heute gelangt er an die Oberfläche durch den grausamen Mord an Na’ama und ihrem Mann Eytam, und zeigt auf einige schmerzvolle Aspekte der Selbstwahrnehmunng der israelischen Gesellschaft. Übersetzt von mir.
Na’ama Henkin hy“d
Das irrelevante Kopftuch*
Hier bin ich wieder, bereite mich für ein Meeting in Tel Aviv vor, öffne zum hundertsten Mal meinen Schrank, um mir herauszusuchen, was ich anziehen soll. Was wird bescheiden, aber modisch aussehen, elegant, aber nicht zu sehr? Trotz meiner Bestrebungen weiß ich, dass wenn ich im Herzen Tel Avivs aus dem Auto steigen werde, ich anders aussehen und mich anders fühlen werde. Ich werde „eine von denen“ sein. Mein Designer-Kopftuch, das mir viele Komplimente von meinen Freundinnen in meiner Gemeinschaft einbringen wird, dasselbe Kopftuch ist so üblich und relevant in Tel Aviv wie ein Hijab – nämlich absolut irrelevant.
Nachdem ich es geschafft habe, meinen Minderwertigkeitskomplex zu überwinden, betrete ich das das Gebäude, in dem mein Meeting stattfindet (natürlich bin ich 10 Minuten zu spät, denn der Tel Aviver Verkehr scheint mich immer wieder von Neuem zu überraschen). Ein kurzer Stopp auf der Toilette gibt mir noch mal die Chance, mein Aussehen neu zu ordnen, mein Make-up zu korrigieren und mein Kopftuch neu festzubinden. Wen versuche ich hier eigentlich zum Narren zu halten?, denke ich mir, ein religiöses Mädel wird immer ein solches bleiben.
Während ich mir meinen Weg zum Treffen bahne, überlege ich vor mich hin: werden sie überrascht sein, zu sehen, dass ich gläubig bin? Wird die Person, die meine Arbeit bestellt hat, zu meiner professionellen Beschreibung hinzufügen: ‚Wir werden mit Na’ama zusammenarbeiten, sie macht Interface-Design. Ja, die eine Religiöse mit dem Kopftuch, aber sie ist eigentlich ganz cool“… Ich war niemals dabei, wenn ein solcher Satz gesagt wurde, aber ich fühle ihn immer, wenn ich in den Raum hineinkomme. Auch wenn ich mit einem Lächeln begrüßt werde, versuchen die Männer immer, diesen peinlichen Moment, die Hände zum Händeschütteln auszustrecken in der Erwartung, meine Hand zu schütteln, zu vermeiden. Und die Sekretärin bestätigt mir lächelnd, der Kaffee sei koscher.
Dann kommt der Smalltalk. Jemand wird fragen: „So, woher sagten Sie, dass Sie kommen? Jerusalem?“ Und ich werde rot anlaufen und sagen, „nein, ich komme aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Modi’in.“ „Oh“, werden sie sagen und mit den Köpfen nicken, „wir haben von dieser Stadt gehört. Ein netter Ort. Wir sollten wirklich einmal dorthin mit unseren Kindern fahren, dort müsste ein schöner Park sein.“
Hier liegt Neria
Eines Tages – so verspreche ich dem verstörten Verlangen nach Gerechtigkeit in meinem Inneren – , vielleicht, wenn ich erwachsen sein werde, werde ich den Mut haben, die Wahrheit zu sagen. Ich lebe in Neria, einer Gemeinschaft in der Binyamin-Region. Ja, es liegt auf der anderen Seite der Grünen Linie. Die Medien mögen es eine „Siedlung“ nennen, aber für uns ist es einfach „Zuhause“. Kommt vorbei, wenn ihr die Gelegenheit dazu findet, es ist wirklich wunderschön dort.
*Anmerkung: Das Haar zu bedecken, ist religionsgesetzliche Pflicht für verheiratete jüdische Frauen. Dabei gibt es verschiedene Bräuche, wie man das Haar zu bedecken hat – in welchem Maße, oder auch womit. Heute entscheiden sich sehr viele religiöse jüdische Frauen für Kopftücher. Andere wählen dafür eine Echthaar-Perücke.
Hier kommt die ersehnte Videoaufnahme der Podiumsdiskussion „Unter dem Feigenbaum“ zum Thema Israel, an welcher am 06.09.15 der Korrespondent Ulrich Sahm, Vorsitzender des Ausländerbeirates Weimar Ayman Qasarwa und ich teilgenommen haben. Die Diskussion wurde in Erfurt im Rahmen der ACHAVA-Festspiele gehalten. Dauer: 1 Stunde 35 Minuten.
Hier kann sich, wer will, einige Berichte zur Diskussion durchlesen, sowie zu der jüngsten Vergangenheit meines Opponenten Ayman Qasarwa als Vorsitzender des Ausländerbeirates in Weimar – und Facebookhetzer gegen Israel und Juden:
Bald soll eine schriftliche Zusammenfassung der wichtigsten Punkte der Diskussion folgen. Ich werde sie hier und auf der Unterseite Projekte & Events hochladen und einstellen.
Vier Jahre bin ich in Israel, und erst ein Jahr lang erlebe ich die Realität der „besetzen Gebiete“ hautnah, und habe einen solch radikalen Wandel meines Lebensalltags mitmachen müssen – einen solchen hätte ich mir nicht erträumen lassen. Für die meisten Israelis ist „Intifada“ kein neuer Begriff, und auch Terrorattacken sind Teil ihrer Geschichte. Das Land und seine Leute haben in den letzten 67 Jahren außergewöhnlich viele Extremsituationen und reale Gefahren durchgehen müssen. Ich allerdings komme aus einer Welt mit einem relativ „heilen“ Selbstverständnis, aus einem Deutschland und Europa, welches die Bedrohung des islamisch motivierten Terrors noch nicht gekannt hatte. Zum Beispiel hätte ich mir niemals ausmalen können, in einem Land zu leben, in welchem die Polizei oder der Notfalldienst per Internet die Einwohner über Abwehrmethoden von Messerattacken informieren. Über Raketenangriffe. Über Brandbombenattentate. In einem Land, in dem ein Bürgermeister die Mitbürger auffordert, Waffen bei sich zu tragen. Wo Menschen Steinblöcke auf vorbeifahrende Autos werfen. Und wo eine Wellblechhütte auf einem Hügel einen internationalen Skandal hervorruft, jedoch der Ruf nach totaler Vernichtung eines Volkes als der Schrei von Unterdrückten übersetzt wird.
Und nun, da ich hier lebe, bleibt mir nichts anderes übrig, als das oben Aufgezählte und noch weitere „irre“ Elemente des Alltags in meinem Leben zu akzeptieren, ohne sich zu wundern, übermäßig zu beschweren oder Alarm zu schlagen. Ich dachte, Raketenbeschuss auf Städte sei etwas Unfassbares? Es gibt Terrortunnel. Tunnel seien inakzeptabel? Es kann auch Krieg geben. Krieg ist ein Notstand? Und was sagt man zu Messerstechereien auf der Straße? Entsetzlich? Es gibt auch Schüsse aus vorbeifahrenden Autos. Sprachlos? Man kann jemanden auch an der Halterstelle über den Haufen fahren und dazu Videoanleitungen zum besseren Gelingen im Internet verbreiten.
Ich habe in all den vier Jahren noch kein einziges Mal den Gedanken gehabt, aufgrund der zahlreichen Bedrohungen meine Koffer zu packen und zurück nach Deutschland zu kehren. Stattdessen lerne ich, mich in die Lebenswirklichkeit der Menschen hier einzufügen nd beobachte die Art und Weise, wie meine Mitbürger und meine Umgebung mit den Situationen umgehen.
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Mädchen mit Torarolle bei der Demo in Jerusalem. Foto: Efrat Kislev
Trotz oder gerade wegen der großen Enttäuschung, welche die nationalreligiös geprägte Gesellschaft gegenüber der von ihr gewählten Regierung fühlt, gibt es politischen Aktivismus. Nicht nur seitens der offiziellen Vertreter der jeweiligen Interessen, sondern bei den regulären Bürgern. So erschienen zu einer in der israelischen Presse als „rechte“ Demonstration katalogisierten Veranstaltung am 05.10.15vor der Residenz des Premierministers in Jerusalem (Paris Square) mehrere Tausend Israelis, um gegen die Terrorwelle und die Bedrohungen zu protestieren. Die Demo fiel auf den Abschluss des „Tora-Freudenfestes“. Aus allen Ecken der „Siedlerwelt“, von Tal Menashe im Norden Samarias bis Yatir an der „Grünen Linie“ im Süden, organisierte man Busse mit Teilnehmerwilligen. Es kamen meist junge Teilnehmer, Familien, Kinder aus Jugendbewegungen, Schulabgänger und auch ältere Menschen. Sie hörten Rednern aus der politischen Sphäre zu (darunter auch zwei Ministern aus der Regierungspartei des Likud), hörten den Aufruf zur Tatkraft von Terroropfer Adva Bitton, protestierten, tanzten, sangen. Trotz des großen Aufgebots, der zentralen Lage und des Timings berichteten führende deutsche Medien über die Demonstration nicht.
Protest auf der Autobahn 398 Richtung Teko’a. Foto: Ulrich J.Becker
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Spontane Zusammenkünfte, wie der Protest gegen Steinwürfe auf die Autobahn bei Teko’a am 07.10.15, nachdem eine jüdische Fahrerin von Arabern am selben Tag beinahe gelyncht worden ist (siehe Facebook-Meldung), fanden und finden weiterhin überall in den Gebieten statt. Vor allem kursieren Flyer, Aufrufe zu Protestevents, Bitten um Gebete für die Verletzten der täglichen Attentate über Whatsapp. Whatsapp muss das beliebteste Kommunikationsmedium in Israel sein. Interessant wäre zu wissen, wie stark seine Popularität infolge der momentanen Situation zugenommen hat – und wie viele Chats von den Shin Bet-Agenten tatsächlich abgefangen werden, um „unliebsame“ Zusammenkünfte zu vereiteln und Aktivisten auszuspionieren.
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Schon seit Wochen sitzt Yossi Dagan im Zelt vor der Residenz des Premierministers Netanyahu im Zentrum Jerusalems und protestiert durch seine Anwesenheit gegen den wachsenden Terror und die seines Erachtens mangelhafte Reaktion darauf innerhalb der Region, welche er verwaltet. Yossi ist der stellvertretende Vorsitzende des Judäa- und Samaria-Rates (YESHA), und er ist bekannt als einer, dem die Angelegenheiten seiner Mitbürger am Herzen liegen. Zusammen mit Yossi haben sich dorthin auch mehrere andere Bezirksvorsitzende begeben, so unser Vorsitzender Davidi Perl aus Gush Etzion, der sein Büro „vorübergehend“ vor das
Yossi Dagan auf der Demo am 05.10.15
Haus des Premierministers verlegt hat. Seine Kollegen und er haben eine lange Liste von Forderungen an den Premierminister. Hin und wieder berichten sie von Treffen mit diesem, er scheint bereit sein, sie anzuhören, aber von Einigungen hört man nicht. Die Forderungen betreffen verschiedene Sicherheitsaspekte – vor allem die notwendigen finanziellen Mittel für Maßnahmen, die die Einwohnersicherheit in Judäa und Samaria stärken sollen. Andere wirken globaler – ein Verlangen nach hartem Durchgreifen gegenüber Terroristen und ihrer sozialen Umgebung. Und dann noch die lauteste Forderung von allen, die auch die letzte Demo angeführt hat – „Bauen gegen Terror“. „Die gebührende zionistische Antwort gegenüber den Morden ist das Bauen und Niederlassen im Land Israel“ ist seit längerer Zeit ein Standart-Leitsatz der Siedlerbewegung. Die einen sagen, eine effektive Sicherung und Vergrößerung der jüdischen Präsenz vor Ort, gerade im Hinblick auf die Übergriffe vor Ort, würde an die Attentäter und ihre Anstifter ein Signal von Stärke senden – ohne sich dabei im Nahkampf oder durch militärische Maßnahmen die „Finger schmutzig zu machen“. Andere aus derselben Bewegung sehen dies als politischen Missbrauch an, sehen die Notwendigkeit der Sicherheit nicht mit dem Bau von Häusern erfüllt, und weigern sich, den Aufrufen der Bezirksräte zu folgen.
Wo liegt die Autobahn 398?
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So wie Natan (Name geändert) aus Teko’a. Ein Mann mit Kontakten, Draht zu den Einwohnern und dem Interesse daran, die Autobahn 398 zwischen Jerusalem und Teko’a für Juden sicher zu machen. Nachdem neulich erneut eine Fahrerin von einem Mob auf der Straße angegriffen und beinahe entführt worden worden war, erstellte er eine Liste aus Freiwilligen mit Waffenschein, die von nun an zusätzlich zur Armee und Polizei auf der Straße patroullieren würden, um im richtigen Moment zur Stelle zu sein, sollte die Armee vor Ort nicht genügend Präsenz zeigen.
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Man macht auch Witze. Bildüberschrift: „Ich gehe grad‘ mal den Müll runterbringen“, Quelle: Facebook
Derweilen versendet unsere Regionalverwaltung im Namen von Davidi Perl erneut warnende Emails, diesmal mit direkten Anweisungen, wie man sich im Falle eines Angriffs verhalten sollte. Aufgelistet werden Tipps je nach Art des Angriffs. Schwierig für mich, nachzuvollziehen oder zu akzeptieren, was solche Anweisungen tatsächlich bedeuten – dass wir uns in einer Kampfzone befinden, dass kriegsähnliche Zustände herrschen, und das im ganzen Land und nicht etwa an den Grenzen allein. Und das nennt sich heute Alltag. Das soll man vereinen mit einem Gang in den Supermarkt, einem Ausflug in die Natur, der Fahrt zur Arbeit oder zur Uni. Wie schwer muss es erst für einen Außenstehenden sein, nachzuvollziehen, was hier geschieht?…
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Sportverein „Israeli Combat Experience“ in Gush Etzion
Ein Bekannter von mir bietet seit Neuestem kostenlose Selbstverteidigungskurse an. Das Angebot werde ich mir anschauen, Und auch das mit dem Waffenschein sollte man sich vielleicht überlegen. Denn in den letzten Tagen ist die israelische Presse voll von Berichten von Zivilisten, welche durch eine Waffe, die sie bei sich trugen, das Leben von anderen retten konnten. Bevor Sicherheitskräfte sich einmischen konnten.
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Dem gegenüber stehen auch wütende Israelis aus den Siedlungen und auch aus anderen Städten, die ihre Wut über das Geschehen in Taten verwandeln; heute (09.10) bewarfen Siedler laut YNET die Autobahn nach Shchem (Nablus) in Samaria mit Steinblöcken. Dabei wurden arabische Fahrer verletzt und Autoscheiben zerschmettert. Ebenso wurde die Einfahrt nach Shchem blockiert. In Netanya wurden drei Araber von Einwohnern angegriffen und einer davon verprügelt; laut YNET soll einer von ihnen „Allahu Akbar“ gerufen haben (der übliche Ruf vor Terrorangriffen), der Kontext ist allerdings unklar. In Dimona, einer Stadt, in welcher neben Juden auch Beduinen mit israelischem Pass leben, verletzte ein jüdischer Mann mit einem Messer vier Beduinen, zwei davon offenbar schwer. Die Familie des einen weigerte sich, die Tat ausführlich zu kommentieren, um die Atmosphäre „nicht aufzuheizen“(Zitat).
Was kann ich sagen? Das Fazit ist noch lange nicht gesprochen, für Bilanzen ist es noch zu früh. Welche Forderungen der „Siedlerbewegung“ werden erfüllt werden, welche davon haben keinen Anteil an der Entscheidung der Regierung zu ihrer Verhaltensweise gegenüber dem Terror? Ich weiß es nicht und kann leider keine Prognosen anstellen. Heutzutage kann ich nicht einmal sagen, dass das „Bau-Credo“ der Siedlerbewegung für Judäa und Samaria einen Fortschritt für diese einbringt, wenn es keine offizielle Verstaatlichung von ganz Judäa und Samaria mit sich führt. Eine Verstaatlichung – Annexion – Eingliederung dieser Regionen würde zumindest schon einmal die Hoffnung der Gegenseite und ihrer Wortführer ersticken, die jüdische Bevölkerung von diesem Fleck Land vertreiben und das Land unter sich aufteilen zu können. Eine Hoffnung, die jeder mit sich führt, der israelische Juden angreift und terrorisiert. Diese Hoffnung wird genährt von der Propaganda der eigenen arabischen Führungskräfte, welche sie seit 1921 und bis heute führen. Sie wird aber auch genährt von der israelischen Gesellschaft, welches nicht eindeutig bereit ist, zu sagen, was sie als ihr Land erachtet und was nicht. Das Ergebnis dieses Mangels an Entschlossenheit, Unklarheit über die eigenen Ziele und Wünsche ist der fast 50-jährige Status Quo der Militärherrschaft in Judäa und Samaria – und alles, was daraus folgt – , unter anderem jeder der bisherigen Gewaltaufstände der Araber in Israel. Vieles hat sich die israelische Politik und Gesellschaft selbst zuzuschreiben – allerdings in anderer Weise, als es heute in der Medienwelt dargestellt wird.
Die Frage ist, gerade in solchen brenzligen Tagen – werden wir die Gelegenheiten, die sich ergeben werden, nutzen, und wenn ja – wie?
Leider keine „News“ mehr, sondern eine sich in alle Richtungen ausbreitende Entwicklung.
Heute wieder Terrorattacken „innerhalb“ und „außerhalb“ der Grünen Linie. Die Terroristen machen keinen Hehl daraus, dass die sog.“Grüne Linie“ eine Farce ist, denn ihre Zielobjekte sitzen auf beiden Seiten dieser Linie und nennen sich Juden. Und auf diese haben es muslimisch-arabische Terroristen mit „Palästinenser“-Etikett abgesehen.
So gab es heute und gestern Anschläge in Tel Aviv, Petach Tikva, Kiryat Gat. Steine auf reguläre Verbindungsstrecken nach Norden und Süden. Jetzt (Stand 19:27 Uhr) erreicht uns auf YNET eine Meldung über ein mögliches Messerattentat in der Nordstadt Afula. Alles Orte, die nichts mit „Siedlern“ zu tun haben – im internationalen Sinne. Aber alles jüdische Orte, welche legitime Ziele darstellen für Ideologen und ihre Anhänger, deren Idee darin besteht, Juden zu töten.
Und natürlich waren auch Jerusalem, die Straßen und Orte in Judäa und Samaria wieder Ziele für mordlustige muslimische Araber.
Me’ir Pavlovsky
Heute wurde ein junger Mann namens Me’ir Pavlovsky in der Stadt Kiryat Arba bei Hevron niedergestochen. Me’ir ist ein entfernter Bekannter von mir und ist Teil derselben Lernbewegung für Russischsprachige in Israel und Ukraine wie ich, „Midrasha Zionit“ (das zionistische Lernhaus). Er wurde schwer verletzt und in das Shaarey Tzedek Hospital in Jerusalem eingeliefert. Wir beten für seine Gesundheit.
Heute flogen Steine auf israelische Autos auf der Autobahn 60 in Gush Etzion, bei Hevron, es gab Zusammenstöße in Samaria zwischen gewalttätigen arabischen jungen Männern und der Polizei bzw. der Armee.
In Jerusalem wurde ein 25-jähriger Jeschiwa-Student auf der Straßenbahnhaltestelle „French Hill“ niedergestochen und ebenso schwer verletzt. Der Täter – ein arabischer Israeli aus Shu“afat, Jerusalem. Gestern wurden in der Altstadt, dort, wo zuvor Rabbi Nehemia Lavi und Aharon Bennett getötet wurden, von einer arabischen Terroristin zwei Passanten angegriffen. Einer von ihnen schaffte es, auf die Angreiferin zu schießen und schwer zu verletzen.
In Tel Aviv wurde eine Soldatin niedergestochen, ein Offizier eilte ihr zur Hilfe und rannte dem Terroristen hinterher. In Petach Tikva stach ein Araber aus Hevron (wie kam er nach Petach Tikva?!) einen jungen Passanten nieder. In manchen Fällen werden die Terroristen getötet, in anderen verletzt und verhaftet.
Wer noch immer meint, eine „Intifada“ würde erst dann ausbrechen, wenn ein ranghoher Politiker sie als solche benennt, irrt. Eine „Intifada“ ist dann ausgebrochen, wenn sich ein jüdischer Mensch in Israel nicht mehr sicher sein kann, wenn er weiß, dass um ihn herum potenzielle Mörder herumlaufen, die sich der Idee verpflichtet haben, Juden zu töten.
Eigentlich nennt man das auch gar nicht „Intifada“. Vielmehr passt der Begriff „Bürgerkrieg“. Nur dass die andere Seite zumeist keine Staatsbürger sind, sondern eine fremde feindliche Bevölkerung darstellen. Dann kann man das „Bürger“ getrost weglassen, und bei „Krieg“ verbleiben. Würden die israelischen Führungskräfte das einsehen, würden sie vielleicht entsprechend reagieren. Aber darauf kann man, wie die Geschichte beweist, lange warten.
Das sind die Überschriften und Titel, mit welchen die deutsche Presse in den letzten Tagen den Mord an Rabbi Eytam und Na’ama Henkin und die Ereignisse um diesen herum bedachte. Kamen in den Artikeln selbst ausführlichere Erklärungen zum ominösen „Siedlerpaar“ vor, so war der abstoßende Effekt dieses durch die Abwesenheit jeglicher journalistischen Ethik gekennzeichneten Begriffs schon durch den ersten Blick auf die Schlagzeile erreicht. Selbst Soldaten, die direkten „Handlanger“ der israelischen „Besatzungsmacht“, bekamen in den deutschen Medien eine ihrem Dienst entsprechende Bezeichnung. Nicht aber Na’ama und Eytam, das „Siedlerpaar“.
Schlagzeile der Tagesschau zur Gefangennahme der Mörder von Na’ama und Eytam Henkin. 05.10.15
Insbesondere die Tagesschau und die Süddeutsche Zeitung, aber auch die Rheinische Post, der Deutschlandfunk, die Deutsche Welle und andere bedienten sich der degradierenden Wortwahl. Eine Parteinahme oder eine direkte Deutung auf die politische Linie der jeweiligen Redaktionen zu verschleiern war schon gar nicht mehr vonnöten. Der Präfix „Siedler-“ (-auto, -kinder, -häuser, -paar et al.) ist bei den deutschen Medien eine willkommene Abwechslung zum immer wiederkehrenden Mantra „Juden-„. Denn wenn Juden heutzutage aufgrund ihres Jüdischseins erneut als Opfer herhalten müssen, kann man diese nach „Siedlern“ und „Nichtsiedlern“ selektieren. Das Siedler-Präfix ist eine bequeme Entfremdung vom eigentlichen Mensch- und Jüdischsein, es deutet auf eine Teilnahme und Mitschuld im Konflikt hin und dient auch als ein erfogreiches Alibi, um den palästinensisch-arabischen Terrorismus im selben Artikel in Anführungszeichen zu setzen, die Mörder als mutmaßlich zu bezeichnen, und so die Handlungen im Sinne einer palästinenserfreundlichen Politkorrektheit zu relativieren.
Was aber keinesfalls relativiert oder mit besonderen Titel bedacht wurde, waren der Tod eines 18- und eines 13-jährigen Aufständischen, welche jeweils bei gewalttätigen Ausschreitungen gegen israelische Sicherheitskräfte erschossen wurden. Der Minderjährige, welcher im Zuge der Zusammenstöße mit den Sicherheitskräften erschossen wurde (noch ist unklar, unter welchen genauen Zusammenhängen), wurde „palästinensischer Junge bzw.Teenager“ genannt. Beide erhielten in den Nachrichtenmeldungen mindestens so viel Berichtplatz wie der Mord an den Eltern Na’ama und Eytam vor den Augen ihrer Kinder, und doppelt so viel Platz wie die jüdischen Opfer Rabbi Nehemia Lavi und Aharon Bennett, welche am Samstagabend (04.10) von einem arabischen Terroristen in der Jerusalemer Altstadt ermordet wurden. Deren Namen oer Details zu deren Ermordung waren den Journalisten keine Erwähnung wert. Nur in einem WELT-Beitrag vom 03.10 wurde das Attentat in Jerusalem ausführlich besprochen, auch die Details zur verletzten Frau eines Getöteten wurden wiedergegeben. Das hinderte die WELT leider nicht daran, in den Beiträgen der Tage danach die Wortwahl „Siedler/-paar“ zu benutzen.
All diese Beispiele werden jemandem, der die Israel-Berichterstattung nicht erst seit gestern verfolgt, nichts Neues über die Art und Weise der deutschen Medieneinstellung zu Israel und seinen Juden verraten. Sie dienen allerdings explizit als Nachweise dafür, dass in einer Zeit, wo die Medien nebst den Politikern den größten Aufwand darauf legen, ihre Kundschaft politisch zu beeinflussen und ihr interessenbezogene Falschinformation zu unterbreiten, es umso wichtig ist, Dinge beim Namen zu nennen, und nicht die Berichterstattung ohne Nachfrage hinzunehmen. Die Medienwelt ist nicht minder ein Kriegsschauplatz geworden als die Straßen der Jerusalemer Altstadt oder von Gush Etzion. Daher werde auch ich die Entblößung von Falschinformationen und gängig gebrauchten Worthülsen weiterhin betreiben, insbesondere im Bezug auf die Juden in Judäa und Samaria.
→ Ein weiterer, sehr gut recherchierter und qualitativer Beitrag zum Thema Deutschsprachige Medien und die aktuelle Nahostberichterstattung, von Lizas Welt.