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ARD: Anführungszeichen sind nicht niedlich

Janna Jihad Ayyad Tamimi. Niedlich, die Kleine, oder? Quelle: Palestina Libre
Janna Jihad Ayyad Tamimi. Niedlich, die Kleine, oder? Quelle: Palestina Libre

Eigentlich ist mit dem Artikel von Alex Feuerherdt, „Ein Propagandacoup namens Jihad“ vom 12.10.16 alles gesagt, was man über das dunkelblond gelockte, zehnjährige palästinensische Mädchen namens Janna Jihad Ayyad Tamimi aus dem Dorf Nabi Saleh in Samaria wissen muss:

Über den politischen Werdegang eines kleinen Mädchens, die schon ab dem dritten Lebensjahr von ihrer Großfamilie, der die Terroristin Ahlam Tamimi ( die 15 Israelis, darunter 7 Kinder auf dem Gewissen hat) angehört, zu einem „Widerstand gegen die Besatzung“ getrimmt wird. Die ab dem dritten Lebensjahr auf gewalttätige

Nationalbewusst, kriegerisch, genau, wie man palästinensische Kinder offenbar sehen sollte. Janna Jihad Ayyad Tamimi. Quelle: Periodico ABC
Nationalbewusst, kriegerisch, genau, wie man palästinensische Kinder haben möchte. Janna Jihad Ayyad Tamimi. Quelle: Periodico ABC

Demonstrationen geschickt wird, mit fünf Jahren Soldaten in Uniform anbrüllen soll. Die ihre „Karriere“ als Mediastar mit offiziell mit dem siebten Lebensjahr beginnt, als sie in Leggins und T-Shirt und wahlweise Keffiya und Palästinaflagge vor der Kamera posiert und Slogans gegen Israel aufsagt.

Über Klein Jannas „eigenständige“ Produktion von Videos und Bildern, welche sie in sozialen Netzwerken ausstellt, mit freundlicher Unterstützung der Großfamilie Tamimi aus dem besagten Dorf Nabi Saleh, welche eine eigene Propagandaagentur namens „Tamimi Press“ betreibt.

Über die begeisterten Berichte  der internationalen Medien über die „jüngste Journalistin Palästinas“ (VICE, Spiegel), „10-jährige palästinensische Journalistin“ (New York Times), „Kinder-Reporterin“ (Das Er

Janna posiert in traditioneller Tracht. Quelle: Ketnet
Ländliche Romantik – das schöne Palästina. Janna posiert in traditioneller Tracht. Quelle: Ketnet

ste), „Janna im Jihad“ (ZDF ) und so weiter und so fort.

Die Berichte über die niedliche Janna haben sich im letzten halben Jahr gehäuft und so auch die Responsen auf das „Phänomen“ der kriegerischen blonden Zehnjährigen, einer Cousine von ihrem mittlerweile bald 17-jährigen Counterpart Ahed Tamimi, ebenso blondgelockt,  niedlich und ein Fernsehstar: mehr zu ihr steht z.B. bei CAMERA und Times of Israel . Auch ich habe in meinem Bericht von der Wanderung in Binyamin – Wadi el-Hakim – über Nabi Saleh und die Familie Tamimi berichtet;  aber leider wurde all das nicht in  Medien mit größerer Reichweite aufgegriffen.

Susanne Glass, ARD Blog Tel Aviv. Quelle: Twitter
Susanne Glass, ARD Studio Tel Aviv. Quelle: Twitter

Und so konnte die deutsche Reporterin für das ARD-Studio in Tel Aviv – Susanne Glass – es sich einfach machen, sämtliche Details aus den schon vorausgegangenen Berichten als Vorlage nehmen, ein wenig  nachfilmen und am 2.Oktober 2016 einen fast 7 Minuten langen Bericht über Klein Janna präsentieren. Denn was sollte die Zuschauer der ARD mehr interessieren, als das längst durchgekaute Thema einer niedlichen „Widerstandskämpferin“.

Nun bin ich bei Weitem nicht so niedlich wie Janna und werde es im Laufe der Jahre immer weniger werden, daher bin ich auch wenig rentabel für die Medien; aber auch mein Blog „Ich, die Siedlerin“ hat es mit über 153.000 Besuchern zu einer einer bestimmten Popularität geschafft,  hat das Tabuthema von Juden in Judäa und Samaria/Westjordanland der  deutschen Leserschaft nähergebracht und so den Diskurs darüber geöffnet.

Daher sehe ich mich auch verpflichtet, das Folgende zu erwähnen; es geht mir weniger um Janna Jihad, von der ich auch recht müde bin  – wie oft kann man sich ein blondgezopftes Mädel vor wackeliger Kamera anschauen, das jede ihrer Amateuraufnahmen mit dem Ton einer Nachrichtenmoderatorin „Janna Jihad, besetztes Palästina“  abschließt?…

Es geht mir um Susanne Glass.

Und Susanne Glass macht es offenbar nichts aus, ihre politische Gesinnung im Netz mit entsprechenden visuellen Zeichen offenzulegen.

Denn liest man sich den geschriebenen Text ihrer Videoreportage über die Soldaten stoppende Kinder-Reporterin durch, so findet man es schnell heraus, wer geübten Auges hinschaut:

Die Anführungszeichen. 

Nein, es ist nicht das Zitat „Wir haben nichts gegen Juden, wir haben jüdische Freunde“ von Janna, einer Schülerin einer arabischen Mädchenschule in Ramallah, die sicherlich kein einziges jüdisches Kind im Leben getroffen oder gesprochen hat, insbesondere kein Kind ihrer jüdischen Nachbarortschaft. Es ist nicht die Aussage der Mutter Nawal, ihr Vater habe 1968 „wegen Widerstand“ im Gefängnis gesessen – wobei man sich gut vorstellen kann, was das für eine Art Widerstand gewesen sein muss.

Es ist der Name der Ortschaft – Siedlung – Halamish.

Denn obschon seit 1977 existent – geraume Zeit also -, obschon es keinerlei Belangen oder öffentliche Abrissbefehle gegen diese Ortschaft gibt und obschon Susanne Glass im Konflikt zwischen dem Dorf Nabi Saleh und der Gemeinde von Halamish weder das Recht besitzt, bestimmte Positionen einzunehmen, noch notwendiges Hintergrundwissen aufweist – erlaubt sie es sich dennoch.

Und setzt „Halamish“ in Anführungszeichen.

Nabi Saleh, Halamish, Dir Nizzam
Nabi Saleh, Halamish, Dir Nizzam. Google Maps.

Denn was kann es anderes sein, als ein nur in Anführungszeichen existierender Ort, de facto gar nicht existent, da für illegal erklärt, wie jeder Schritt und Tritt eines Juden in Judäa oder Samaria. Die Menschen von Halamish (oder auch Neve Tzuf genannt) leben über 30 Jahre an diesem Ort, mehrere Generationen sind dort aufgewachsen. Halamish ist auf Straßenschildern und auf Google Maps verzeichnet.

Aber Susanne Glass vom ARD-Blog in Tel Aviv macht es nichts aus, diese Menschen in Anführungszeichen zu setzen und ihre Existenz bewusst in Frage zu stellen – gegenüber dem ganz regulär erwähnten Ort Nabi Saleh. Wen interessiert es auch, seit wann Nabi Saleh dort steht, wo es steht; wem das Land gehört, worauf es steht; wer dort gewohnt hat und wer dort wohnen wird. Nabi Saleh als Siedlung zu bezeichnen (eigentlich ein ganz normaler Begriff für einen Wohnort) würde Blasphemie gleichkommen! Genau so, wenn man Halamish als das bezeichnen würde, was es ist – ein Dorf, ein Kleinort.

Aber Halamish ist eben nicht Nabi Saleh. Und die ARD ist eben kein sich um ausgewogene Berichterstattung bemühtes Fernsehen, sondern ist sich mit seiner Agenda ganz im Klaren und fragt dann auch nicht zweimal nach.

 

PS: Susanne Glass wird seit gestern (13..10.16) in guter Gesellschaft sein, denn auch die UNESCO hat in der letzten Resolutionsabstimmung beschlossen, von Anführungszeichen Gebrauch zu machen, und hat gleich den Platz vor der West-/Klagemauer in Jerusalem in solche gesetzt: „Western Wall Plaza“. Der eigentliche Name laut UNESCO 2016 ist also „Al-Buraq Plaza“. Und so wie Susanne Glass den Namen des arabischen Dorfes Nabi Saleh النبي صالح  im Video mehr schlecht als recht aussprechen kann, wird sie sich wohl in Zukunft auch mit Al-Buraq schwer tun.

Dann lieber schon mal üben,  Frau Glass. Anführungszeichen haben es eben in sich.

 

Deutsche Medienwortwahl der letzten Tage

„Siedlerpaar“ „Zwei Siedler“ “ ‚palästinensischer Terrorismus‘ “  „mutmaßliche Mörder“  vs. „palästinensischer Junge/Teenager“.

Das sind die Überschriften und Titel, mit welchen die deutsche Presse in den letzten Tagen den Mord an Rabbi Eytam und Na’ama Henkin und die Ereignisse um diesen herum bedachte. Kamen in den Artikeln selbst ausführlichere Erklärungen zum ominösen „Siedlerpaar“ vor, so war der abstoßende Effekt dieses durch die Abwesenheit jeglicher journalistischen Ethik gekennzeichneten Begriffs schon durch den ersten Blick auf die Schlagzeile erreicht. Selbst Soldaten, die direkten „Handlanger“ der israelischen „Besatzungsmacht“, bekamen in den deutschen Medien eine ihrem Dienst entsprechende Bezeichnung. Nicht aber Na’ama und Eytam, das „Siedlerpaar“.

Schlagzeile der Tagesschau zur Gefangennahme der Mörder von Na'ama und Eytam Henkin. 05.10.15
Schlagzeile der Tagesschau zur Gefangennahme der Mörder von Na’ama und Eytam Henkin. 05.10.15

Insbesondere die Tagesschau und die Süddeutsche Zeitung, aber auch die Rheinische Post, der Deutschlandfunk, die Deutsche Welle und andere bedienten sich der degradierenden Wortwahl. Eine Parteinahme oder eine direkte Deutung auf die politische Linie der jeweiligen Redaktionen zu verschleiern war schon gar nicht mehr vonnöten. Der Präfix „Siedler-“ (-auto, -kinder, -häuser, -paar et al.) ist bei den deutschen Medien eine willkommene Abwechslung zum immer wiederkehrenden Mantra „Juden-„. Denn wenn Juden heutzutage aufgrund ihres Jüdischseins erneut als Opfer herhalten müssen, kann man diese nach „Siedlern“ und „Nichtsiedlern“ selektieren. Das Siedler-Präfix ist eine bequeme Entfremdung vom eigentlichen Mensch- und Jüdischsein, es deutet auf eine Teilnahme und Mitschuld im Konflikt hin und dient auch als ein erfogreiches Alibi, um den palästinensisch-arabischen Terrorismus im selben Artikel in Anführungszeichen zu setzen, die Mörder als mutmaßlich zu bezeichnen, und so die Handlungen im Sinne einer palästinenserfreundlichen Politkorrektheit zu relativieren.

Was aber keinesfalls relativiert oder mit besonderen Titel bedacht wurde, waren der Tod eines 18- und eines 13-jährigen Aufständischen, welche jeweils bei gewalttätigen Ausschreitungen gegen israelische Sicherheitskräfte erschossen wurden. Der Minderjährige, welcher im Zuge der Zusammenstöße mit den Sicherheitskräften  erschossen wurde (noch ist unklar, unter welchen genauen Zusammenhängen), wurde „palästinensischer Junge bzw.Teenager“ genannt. Beide erhielten in den Nachrichtenmeldungen mindestens so viel Berichtplatz wie der Mord an den Eltern Na’ama und Eytam vor den Augen ihrer Kinder, und doppelt so viel Platz wie die jüdischen Opfer Rabbi Nehemia Lavi und Aharon Bennett, welche am Samstagabend (04.10) von einem arabischen Terroristen in der Jerusalemer Altstadt ermordet wurden. Deren Namen oer Details zu deren Ermordung waren den Journalisten keine Erwähnung wert. Nur in einem WELT-Beitrag vom 03.10 wurde das Attentat in Jerusalem ausführlich besprochen, auch die Details zur verletzten Frau eines Getöteten wurden wiedergegeben. Das hinderte die WELT leider nicht daran, in den Beiträgen der Tage danach die Wortwahl „Siedler/-paar“ zu benutzen.

All diese Beispiele werden jemandem, der die Israel-Berichterstattung nicht erst seit gestern verfolgt, nichts Neues über die Art und Weise der deutschen Medieneinstellung zu Israel und seinen Juden verraten. Sie dienen allerdings explizit als Nachweise dafür, dass in einer Zeit, wo die Medien nebst den Politikern den größten Aufwand darauf legen, ihre Kundschaft politisch zu beeinflussen und ihr interessenbezogene Falschinformation zu unterbreiten, es umso wichtig ist, Dinge beim Namen zu nennen, und nicht die Berichterstattung ohne Nachfrage hinzunehmen. Die Medienwelt ist nicht minder ein Kriegsschauplatz geworden als die Straßen der Jerusalemer Altstadt oder von Gush Etzion. Daher werde auch ich die Entblößung von Falschinformationen und gängig gebrauchten Worthülsen weiterhin betreiben, insbesondere im Bezug auf die Juden in Judäa und Samaria.


 

→ Ein weiterer, sehr gut recherchierter und qualitativer Beitrag zum Thema Deutschsprachige Medien und die aktuelle Nahostberichterstattung, von Lizas Welt.

 

Marke: Siedlerauto

Eigentlich, ich gebe zu, hatte ich vor, ein größeres Feature über die Gegend von Neve Daniel und die antike Hauptverkehrsstraße zur biblischen und römischen Zeit, bekannt als „The Patriarchs‘ Way“ oder „Weg der Vorväter“ zu machen, was schönes touristisch-kulturelles.

Aber da kamen mir doch tatsächlich „Die Zeit“ und die dort veröffentlichte Meldung der Nachrichtenagentur AFP dazwischen:

zeitdesiedler

Es handelte sich um eine Meldung bezüglich der Brandbombenattacke auf die 11-jährige Ayala und ihren Vater (siehe Beitrag von heute morgen).
Aber mich faszinierte die eher nebenher erwähnte Information.
Demnach gibt es also eine neue Automarke in Israel, die es wert ist, als solche von AFP und „Die Zeit“  beim Namen genannt zu werden: Das Siedlerauto!

Ich habe mich direkt auf die Suche nach der besagten Marke begeben. Taucht die etwa auch bei uns im Gusch Etzion auf?

Hier die Funde:

siedlerauto2
Siedlerauto massiv. Alon Shvut
siedlerauto3
siedlerauto3 Siedlerauto bei der Ausfahrt aus einer Siedlung
siedlerauto4
Siedlerauto in dunkel – Tarnfarben?
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Siedlerauto mit erkennbarem Besitzer, der dem Namen erst den richtigen Geschmack gibt!
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siedlerbus Oh, ein Siedlerbus!?
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Siedlerauto… Das gelbe Kennzeichen verrät es….

 

Frage:
Welches von den abgebildeten Fahrzeugen ist ein ‚Siedlerauto‚?

Antwort:
Das, welches Siedler als Insassen hat.
Das ‚Siedlerauto‘ ist nämlich das einzige Auto der Welt, dessen Marke von den Wohngewohnheiten seiner Insassen bestimmt wird.

Frage: Wer ist ein Siedler?
Habt ihr eine Antwort?
Ich schlage die Folgende vor:
Eine/r, dem/der eine der gewohnten Bezeichnungen „Anschlagsopfer/Fahrer/Fahrzeuginsasse/Israeli/Jude/Buerger/Vater/Mutter/Tochter/Sohn/Mensch“ nicht zugestanden werden möchte.
Der wird zu einem Siedler.
Und diese fahren bekanntlich in…
Siedlerautos.

Dass deutsche Medien einem wieder einmal so schön den Appetit verderben können…