Archiv der Kategorie: Innenleben

Absurder Alltag

Heute um 10.05 ertönte in ganz Israel die Alarmsirene, wie sie normalerweise bei Raketenangriffen ausgelöst wird. Es handelte sich um eine landesweite Übung der Heimatfront-Abteilung zur Überprüfung ihrer Funktionsweise für den Notfall.

Ich hörte die Sirene bei mir aus dem Karavan, von den Bergen und Hügeln aufsteigen, sich mitten in einem herrlichen, sonnigen Morgen  ausbreitend, unüberhörbar, sich präsent machend, warnend – trotz keiner Gefahr im Verzug ließ sie ein Gefühl von Unruhe aufkommen.

Und ich dachte mir – das ist doch ein Wahnsinn. Ein Absurd. Wo gibt es noch auf dieser Welt ein Land, ein winziges Land, das bis auf die Zähne bewaffnet sein muss, um seinen Platz auf seinem Fleck Erde zu verteidigen; welches an einem sonnigen Morgen eine Sirene proben muss, weil zu seinem Alltag des Öfteren Raketen gehören, die auf es abgeschossen werden. Ein Land, dessen Bewohner unter Raketen und inmitten von Kriegen leben, und anstatt zu flüchten, sich Wege ausdenken, um sich zu schützen und dennoch weiter zu leben, und das Leben zu genießen. Trotz Raketen, trotz Bomben. Man schießt auf uns, und wir machen die Sirene an, ducken uns, und dann, wenn es vorbei ist, kommen wir heraus und leben einfach weiter.

Es ist surreal, es ist unnatürlich, es ist kaum nachvollziehbar. Und bei uns gibt es Comedyshows, und die sind voller Themen über Raketen, Bomben und Kriegsbedrohungen, und die Menschen lachen sich schief und krumm über sich selbst – und am Morgen geht es weiter.
Gerade in meinem Karavan, und angesichts dieser Surrealität, begreife ich wie noch nie zuvor, wie zeitbegrenzt und unsicher doch unser Dasein ist. Wie schnell etwas vergehen kann, wie unfest das ist, was wir uns aufbauen. Außer uns selbst, unserer Seele und unseres Verstandes haben wir nichts, worauf man sich verlassen könnte – und auch diese sind nicht immer so verlässlich.

Ein beliebtes Lied der Band „Hatikva 6“, welches schon die dritte Woche auf Platz 1 der Radiocharts steht, verdeutlicht in meinen Augen am Besten die Art und Weise, mit welcher Israel seine Existenz webt, ohne Rücksicht auf den Absurd zu nehmen, welches diese umgibt. Es lautet so:

Es ist schwierig mit den Nachrichten hier
Darum nehm‘ ich mir ab und zu das Auto
Und fahre aus der Stadt in den Norden herauf
Bevor mal wieder ein Krieg beginnt
Und die Knie zittern mir ein wenig
Es fällt schwer, zu verdauen, was ich so höre
Noch von damals, von dem einen Refrain
Israel, Syrien, Libanon

Ich muss mich abschalten,
Der Talk im Fernseh’n war spannend
Alles hört sich an wie ’ne Sirene
Muss die Geräusche abschalten
Und die Bedrücktheit verjagen

Mach mir einen Arik [Einstein] an, so zur Entspannung
Lass mich den Kopf kurz anlehnen
Mach mir einen Zohar [Argov] an, so für kurze Zeit
Ein bisschen was Nettes für die Seele…

https://youtu.be/izTMmZ9WYlE

(Lyrics: Omri Glickman)

Fragen des Ausgangspunktes II / Die Duma-Affäre

In diesem Teil moechte ich nun eine eigene Diskussion zum Thema ausarbeiten. Im ersten Teil haben wir uns Fakten und verschiedene Stellungnahmen angesehen. Hier habe ich nicht vor, nur nach Antworten zu suchen, sondern ich will Fragen aufwerfen. Denn es geht im Endeffekt nicht nur um eine bestimmte Tat von bestimmten Menschen, sondern um den Charakter und die Zukunft einer Gesellschaft.


In der Ausgabe des religioes-zionistisch ausgerichteten Wochenmagazins „Makor Rishon“ vom 25.12.15 (Vol.959) betitelte der  bekannte Rabbiner und Journalist Chaim Navon seinen Artikel zum Thema: „Eine Frage des Ausgangspunktes„. Einige Zitate aus diesem haben mich zu Gedanken angeregt, daher habe ich sie fuer euch uebersetzt:

Rabbiner Chaim Navon. Quelle: Wikipedia
Rabbiner Chaim Navon. Quelle: Wikipedia

„Ich bin staatstreu, aber ich denke nicht, dass der Staat heilig ist. Ich bin mir auch nicht sicher, ob der Staat der Beginn unserer Erloesung ist. Ich bin minimalistisch staatstreu: Ich glaube, dass der Staat sich so wenig wie moeglich in unser Leben einmischen soll, dass so viele oeffentliche Aemter privatisiert werden sollen wie moeglich (…). Ich mag keine oeffentlichen Einrichtungen, die sich aufzwingen und konzentrierte Gewalt ausueben. Aber was ich noch weniger mag, sind Babies, die zu Tode verbrannt werden.“

Weiter im Text erklaerte Navon, vor dem Attentat in Duma habe er geglaubt, dass die Jugendbanden der „Huegeljugend“, die den „Price-Tag“-Vandalismus gegen die Armee und palaestinensischen Besitz auszufuehren pflegten, sich aus gelangweilten Jugendlichen mit grosser Klappe zusammensetzten, die im Schutze der Armee ein Raeuber und Gendarmen-Spiel gegen dieselbe Armee betrieben und laecherliche Graffiti spruehen wuerden. Nach dem Attentat merkte er, so Navon, dass er sich geirrt habe.

„Ohne einen agressiven Ermittlungsvorgang gegen diese Gruppe, so sagte mir ein Minister, wird es Duma 2 und auch Duma 3 geben.“

Und hier kam Chaim Navon auf die eigentliche Frage zu sprechen.

„Wir muessen uns fragen, was unseren Augangspunkt betrifft. Glauben wir dem Shin Bet oder bevorzugen wir den Argwohn? (…) Noch vor einer Woche waren wir sehr stolz auf den Kippa-tragenden Leiter des Shin Bet und seinen Stellvertreter, den Siedler, der zum neuen Polizeichef gekuert wurde. Man kann nicht nach einer Woche mit vollem Ernst behaupten, dass diese Organisation die Religioesen zum Fruehstueck verspeist. Es ist dieselbe Organisation, die uns erfolgreich vor den arabischen Terroristen beschuetzt und in welcher unsere Verwandte und Nachbarn voller Aufopferung dienen. Man kann ihre Aussagen nicht einfach von sich weisen.“

Weiter argumentierte Chaim Navon auf aehnliche Weise: Soll man den Rechtsanwaelten der Inhaftierten glauben, nur weil sie ueber die Folterungen erzaehlen? Folterungen seien kein legales Mittel, doch gute Rechtsanwaelte muessten auch ihre Faehigkeit unter Beweis stellen. Seit jeher, so Navon, wuerde jeder Rechtsanwalt behaupten, sein Mandant haette Folterungen waehrend der Verhoere beim Shin Bet erlitten. Sollte man nun die heutigen Aussagen als die ultimative Wahrheit annehmen, nur weil es sich um „unsere Leute“ handeln wuerde? Dasselbe wuerde auch fuer den Protest gegen Folterungen an sich gelten, denn wenn es um andere Faelle mit aehnlichen Vorwuerfen ging, so Navon, so wuerde man nicht viel aus dem religioes-zionistischen Lager hoeren. Man wuerde die Inhaftierten als gewoehnliche Verbrecher sehen, im Gegensatz zu den arabischen Terroristen, den „Feinden“. Es handle sich aber in diesem Fall nicht um gewoehnliche Verbrecher, sondern um eine anarchistische und organisierte Vereinigung, die nun mit einem Mordfall in Verbindung steht.

„Wuerden wir genauso reagieren, wenn es sich um eine linksextreme Gruppe handeln wuerde? Die Sprecher des religioesen Zionismus wuerden in einem solchen Fall den Shin Bet von hier bis nach Guantanamo unterstuetzen. Aber hier zieht sich das Herz zusammen, weil es sich um ‚die Unseren‘ handelt“,

schrieb Chaim Navon im Artikel und liess diesem nachfolgen:

„Man muss zugeben, das Herz zieht sich tatsaechlich zusammen. Man muss auch die Vorwuerfe mit vollem Ernst pruefen und ihnen nachgehen. (…) Auch der Shin Bet ist nicht heilig und nicht immun gegen Fehler. Aber was ist unser tatsaechlicher Ausgangspunkt? (…) Sind wir nicht eigentlich nur eine geschlossene Gesellschaft, die sich nur um sich und die Eigenen kuemmert? Viele von uns reden davon, das Land regieren zu wollen. Aber dafuer muss man eine der gesamten Gesellschaft dienende Elite darstellen, und keinen kleinen Sektor, der nur den eigenen Interessen nachgeht.“

„Die Rechte des Individuums, so haben wir immer gesagt, sind nicht das Allerheiligste. Das Recht auf Leben und Sicherheit geht vor. (…) In Extremfaellen, so haben wir immer gesagt, darf man und muss man die Rechte des Individdums einschraenken. Ich denke an das lebendig verbrannte Baby in Duma und es faellt mir schwer, an einen extremeren Fall als diesen zu denken.“

In diesem Text hatte Rabbiner Navon versucht, etwas hinter die Kulisse der mannigfaltigen Vorwuerfe gegen die oeffentlichen Stellen  innerhalb der religioes-zionistischen Gesellschaft zu schauen. Die Vorwuerfe betrafen sowohl den Folterverdacht als auch einen generellen, tief sitzenden Zweifel an der juedischen Identitaet der eigentlichen Taeter von Duma. Seit dem Attentat Ende Juli 2015 und bis heute, ein halbes Jahr danach, gibt es viele in meiner Umgebung und auch in der Presse und in den Netzwerken, die es noch immer vorziehen, nicht von juedischen Taetern zu sprechen. Juristisch gesehen stellt das an und fuer sich kein Problem dar. Wir kennen das Gesetz, „im Zweifel fuer den Angeklagten“, und ausser des wirklichen Taeters und vielleicht auch seiner Ermittler  oder anderer „Eingeweihten“ koennen alle Anderen nur Zweifel haben und auf Basis dessen sich der einen oder anderen Meinung anschliessen. Die Presse hatte noch bevor irgendeine tatsaechliche Spur ausgemacht werden konnte, lauthals von „juedischem Terror“ gesprochen. Ein solcher Begriff sitzt insbesondere Menschen, die jahrzehntelang tagtaeglich unter arabischen Terroraktivitaeten leiden muessen, sehr schwer im Hals. Eine Anklage gegen die Sprosse aus der eigenen Mitte zu erheben, moegen sie noch so viel Randale, Vandalismus und radikale Ansichten pflegen, verletzte fuer viele in dieser Gemeinschaft rote Linien.

Aber die Anklage blieb, und der Shin Bet tat seine Arbeit, und Verdaechtige wurden inhaftiert, und auch wenn einige von ihnen ohne Anklage entlassen wurden (und darueber hatten die Massenmedien wohlbemerkt nur knapp am Rande berichtet, von den internationalen Medien ganz zu schweigen) und der Verdacht auf ungehoerige Verhoermethoden aufkam – der Fleck war da und war nicht mehr so leicht wegzuwischen. Ob man es wollte oder nicht – die religioes-zionistische Gesellschaft, aus welcher die Verdaechtigen zu kommen schienen, stand am Pranger und von ihr wurde und wird eine Antwort erwartet.

Welche Antwort kann sie geben?

Und hier setzt die Frage nach dem Ausgangspunkt an.  Von was gehen wir aus, wenn wir uns gegen den Mord  oder für die Verdächtigen aussprechen ? Was ist unsere moralische Basis, und wie wahren wir sie angesichts dieser Tat? Welchen Blickwinkel sollen wir einnehmen – den der zu Tode gekommenen Opfer, an dessen Tod offenbar jemand die Schuld traegt, der sich unserer Vorstellungen und Ideale unrechtmaessig bemaechtigt hat und sie zu dieser Tat ausgenutzt hat?  Oder den der vielleicht zu Unrecht Verdaechtigten im Rahmen einer moeglichen Delegitimierungskampagne eines Staatsapparats, der unsere Gemeinschaft  – die der religioesen Zionisten – noch in den Tagen der

Caroline Glick. Quelle: Wikipedia
Caroline Glick. Quelle: Wikipedia

Ermordung Y.Rabins zu verteufeln suchte (wie Caroline Glick im Artikel „Israels hausgemachte Feinde“ so treffend beschreibt)?  Oder ist das, was hier benoetigt wird, eine breite  Perspektivsicht  auf die israelische Gesellschaft im  Ganzen und die Rolle, welche die religioes-zionistische Ideologie in ihr jetzt und in Zukunft einnehmen will?

Jedes solche gesellschaftliche Dilemma wird selbstverstaendlich durch die Medien aufgegriffen. Die Medien gelten als Sprachrohre der Gesellschaft und ihrer Emotionen und Bedenken. Allzuoft merken wir aber, dass die besagten Sprachrohre eher als Verstaerker denn als vertrauensvolle Wiedergabeinstrumente agieren. Auch in diesem Fall folgten auf jede neue Offenbarung immer groessere und gruseligere Schlagzeilen. Neben dem allgemeinbekannten medialen Populismus suggerierten sie aber unterschwellig noch etwas – Gefahr. Ist hier, aufgrund dieser Taten, die ganze Gesellschaft in Gefahr, moralisch zu verkommen? Von vielen oeffentlichen Figuren, Abgeordneten, Menschenrechtlern und anderen, kam das laute Verlangen auf, dass ein jeder aus dem religioes-zionistischen Milieu mit auch nur der kleinsten Position im oeffentlichen Leben die Tat  laut verurteilen und sich davon distanzieren soll. Mit einem Mal hatte man ein  wenig das Gefuehl, jeder stuende unter Generalverdacht, den Mord zu unterstuetzen.

Aber inwiefern ist der „Verurteilungszwang“ legitimiert? Was heisst ein solches Verurteilen und wie ehrlich wuerde es ausfallen, sollte man es erzwingen wollen – beispielsweise aus politischen und gar nicht aus menschlichen Beweggruenden? Und welches Recht haben andere politische  Lager, vom unserem die „moralische Perfektion“ zu verlangen, ohne auch auf andere Aspekte einzugehen, wo sie selbst  „Dreck am Stecken“ haben? Haben wir es mit einer Situation zu tun wie der Zeit nach dem Mord von Yitzhak Rabin, von der Zeitzeugen berichten, dass glaeubige Juden ihre Kopfbedeckung verstecken mussten, wenn sie am Tatort in Tel Aviv vorbegingen  und als jemand auch nur bei der leisesten Kritik an Rabin eine Vorladung vom Shin Bet riskierte? Oder ist heute die Bewegung des religiösen Zionismus anerkannter und stärker verwurzelt als zuvor?


 

Minister Naftali Bennett. Quelle: Ynetnews
Minister Naftali Bennett. Quelle: Ynetnews

Naftali Bennett ist Erziehungsminister und Vorsitzender der Partei „Juedisches Heim“, welche auch haeufig als „Siedlerpartei“ betitelt wird, weil sie sich offen fuer die juedische Besiedelung von Judaea und Samaria ausspricht . Am 26.12.15 veroeffentlichte er einen Facebook-Post , der sich auf eine Ausserung des Verteidigungsministers Moshe Ya’alon im Gespraech mit Channel 2 bezog, welcher behauptete, „ohne die gesamte Siedlerbewegung und das religioes-zionistische Lager beflecken zu wollen, muss sich dort allerdings jemand einer Selbstpruefung unterziehen.“: (Link zum englischen Text)

„Das nationale Lager ist breitgefaechert, stark, mutig und moralisch genug, um sich selbst einer inneren Selbstpruefung zu unterziehen bezueglich der Phaenomene, welche zur Entstehung von Duma beigetragen haben. Wer versuchen wird, den Fall Duma fuer politische Zwecke auszunutzen, wird mich ihm gegenueberstehend finden. (…) Allen meinen Freunden im nationalen und religioes-zionistischen Lager sage ich – wir werden den Kopf nicht senken. Denn ich bin stolz, rechts zu sein.“

Naftali Bennett erwaehnte die Notwendigkeit und auch die Faehigkeit des religios-zionistischen Lagers zur Selbstpruefung. Niemand kann jedoch behaupten, dass alle Angehoerigen dieses Lagers mit dieser Notwendigkeit im selben Masse einverstanden sind, und wenn ja, welche genauen Parameter diese „Selbstpruefung“ haben wuerde. Denn wie jede andere Gemeinschaft, so besteht auch diese aus Menschen mit verschiedenen Ansichten und Weltanschauungen, mit jeweils verschiedenem Hintergrund und Motivation. Nicht unbedingt wird ein solches Fazit fuer jeden Aussenstehenden oder selbst jemanden mit aehnlichen Ansichten passabel lauten.

Hügeljugend. Illustration. Quelle: Omer Messinger/FLASH90
Hügeljugend. Illustration. Quelle: Omer Messinger/FLASH90

So meinte beispielsweise Me’ir Dana-Picard, ein guter Freund und politischer Aktivist noch aus den Tagen des Abrisses juedischer Siedlungen in Gaza in 2005, bezueglich der Duma-Affaere: Bei einer solchen Tat wuerden rote Linien verwischt werden. „Dabei interessiert mich, da bin ich ehrlich, weniger das arabische Opfer als vielmehr die allgemeingesellschaftliche Tendenz zur Gewalt.“ Behandelt werden muesste diese Tendenz, die Gefahr laufen koennte, ausser Kontrolle zu geraten , allerdings zunaechst einmal durch Erziehung.


Eine andere Frage, die in mir aufkommt, wenn ich die Reaktionen in der Gesellschaft betrachte, ist diese:

Weiss die religioes-zionistische Gemeinschaft, welche Ideologien in ihren Reihen propagiert werden und in welchem Masse, und wenn ja, woran liegt es, dass die extremen und aufruehrischen unter ihnen, die anschliessend zu unumkehrbaren Taten fuehren koennen, nicht ernst genug genommen werden? Oder stillschweigend geduldet werden? Liegt es an einem „blinden Fleck“ innerhalb einer sonst mit moralischen Werten wie Naechstenliebe, Dienst zum Wohl der Gemeinschaft, Bescheidenheit, Fleiss und geringen Gewalt- und Mordraten glaenzenden Gemeinschaft?  Liegt es an den Ideologien selbst? Ist es aufgrund des Vertrauensbruches, der Enttaeuschung von den Staatsfuehrern, der Presse, der linksausgerichteten Elite und ihrer jahrzehntelangen Verachtung gegenueber dem religioes-zionistischen Lager? Den negativen Erfahrungen waehrend der 90er Jahre infolge der Politik und der Ermordung Yitzhak Rabins durch den Extremisten Yigal Amir, welcher mit diesem Lager identifiziert wurde, und der anschliessenden von oeffentlichen Stellen gefuehrten“Jagd“ auf diese Gemeinschaft?

In der israelischen Oeffentlichkeit kam in den letzten Wochen das Verlangen auf, die extremen Tendenzen der „Huegeljugend“ und ihrer Unterstuetzer in Zukunft mehr als zuvor ernstzunehmen. Auch das gefilmte Hochzeitsvideo (siehe Beitrag) trug dazu bei.

Auch im rechten und konservativen Sektor wurde dieses Verlangen geaeussert, aber das auch aus einer zusaetzlichen Perspektive.  Denn die serioese Auseinandersetzung mit dem Phaenomen des rechten juedischen Extremismus sollte sich nicht nur auf eine Schadensbegrenzung in der Zukunft belaufen. Die Schadensbegrenzung ist dabei nur eine praktische Konsequenz, aber viel wichtiger ist  das Verständnis, woher dieses Phaenomen rührt, und was diejenigen damit mitteilen wollen.

Gegenfrage: Sollte man das bei allen machen, das heisst, auch bei arabischen Terroristen? Eindeutig, ja. Auch bei arabischem Terror sollte man schauen und sich bemuehen, zu verstehen, woher dieser kommt, worauf er sich fusst und was diejenigen zu sagen haben, die ihn ausfuehren.  Aber ich sehe hier einen zentralen Unterschied zwischen den „hausgemachten Terroristen“ (C.Glick) und den „anderen“. Es gilt nicht, meiner Meinung nach, nur „Terror ist Terror ist Terror“ zu schreien, ohne in die Tiefe zu schauen. Terror ist Terror auf praktischer Ebene, aber die Eltern der Kinder, die diesen Terror hierzulande fabrizieren, leben mitten unter uns und sind oftmals ein zentraler Teil unserer Gesellschaft (Beispiel: Bei den Eltern des hauptverdaechtigen Minderjaehrigen handelt es sich um den Rabbiner einer Siedlung und seine im Erziehungswesen taetige Frau, welche beide als von den Nachbarn als „normativ“ und „beispielhaft“ bezeichnet worden sind, YNET).

Es sind keine Fremden und keine Feinde von aussen, und um unserer Gemeinschaft willen müssen wir verstehen und hören, woher das kommt, um das Ganze zu neutralisieren und in positive  Richtungen zu leiten.  „Feinde von innen“ haben grundsaetzlich eine andere Bedeutung als „Feinde von außen“. Das betrifft jedes politische Spektrum, von rechts sowie von links.


Ich moechte kurz zum besseren Verstaendnis eine Theorie vorbringen, welche auf meiner Kenntnis der innerjuedischen Perspektive, Geschichte und Lehre beruht und aus meinen Beobachtungen sowohl in Israel als auch in den juedischen Gemeinden im Ausland entstanden ist.

Die juedische Gemeinschaft ist so strukturiert, dass es einen starken gemeinsamen Bezug gibt, trotz eines starken Verlangens nach Exklusivitaet. In diesem Sinne unterscheidet sich das innere Bewusstsein dieser Gemeinschaft von den im Westen ueblichen Normen, insbesondere in der heutigen Zeit. Dies stellt meine Theorie dafuer dar, weshalb es einerseits so schwer faellt, bestimmte Menschen oder Gruppen aus der Gemeinschaft auszustossen oder sich deren zu entsagen. Der Drang zum Zusammenhalt ist (noch immer? schon immer?) gross gewesen, noch zur Zeit des Exils. Und der Zusammenhalt wird auch versinnbildlicht durch das Prinzip der „einen Familie“, wie es auf Hebraeisch heisst: „Volk Israel“. „Kinder Israels“. Die juedische Gemeinschaft sieht sich nicht als eine auf freier Wahl basierende Ansammlung unabhaengiger Individuen und auch nicht als „Schicksalsgemeinschaft“, sondern als Nachkommen und Erben einer an ihre Vorfahren als generationenlange Aufgabe ueberlieferten Idee, an welcher jeder seinen Pflichtanteil hat. Damit verbinden sich Rechte und Pflichten, und eine Zusammengehoerigkeit wird geschaffen, der man nur sehr schwer bis ueberhaupt nicht mehr entrinnen kann. Das Prinzip der Rueckkehr, der Busse und des Vergebens ist ein zentrales Prinzip im Judentum. Aus der Gemeinschaft ausgestossen zu werden signalisiert demnach nicht nur das komplette Scheitern des Individuums, sondern auch das Scheitern der gesamten Gemeinschaft. Wo auch immer eine Rettung moeglich ist, durch Rueckkehr, durch Strafabbuessung oder sonstiges, als praktisch „letztes Rettungsseil“, wird die Gelegenheit genutzt. Niemand darf zurueckgelassen werden, so das Prinzip.

Selbstverstaendlich gibt es dazu Auslegungen, die tiefer gehen als das banale Niveau, auf welchem ich es zu erklaeren versuche. Und dennoch; hat man dieses Wissen vor Augen, so ist es vielleicht einfacher nachzuvollziehen, was in den Herzen und Koepfen derjenigen der juedischen Gemeinschaft vor sich geht, welche sich als Teil dieser sehen und sich mit ihr und ihren Idealen identifizieren – angesichts dieser Tat und angesichts ihres Kontexts.

Fuer mich, wenn ich das oben Gesagte in Betracht ziehe, insbesondere, wenn es sich durch meine alltaeglichen Erfahrungen vervollstaendigt, wird es daher gar nicht mehr so unverstaendlich, wenn ich auf Proteste gegen die „Folteranklage“ treffe, auf welchen „Es gibt keinen juedischen Terror“, „Juden foltern keine Juden“ und „Wir sind alle Brueder“ geschrieben steht. Wenn ich Menschen aus unserer „Szene“ zuhoere, die allen Ernstes abstreiten, selbst nach den neuesten Entwicklungen, dass es moeglich ist, dass juedische Taeter den Anschlag in Duma begangen haben; die verdaechtigen Jugendlichen bemitleiden, die ihnen eine Chance geben wollen, „auf den rechten Weg“ zurueckzukommen, weil es sich doch um Jugendliche „wie unsere eigenen Kinder“ handelt;  und die sich vehement dagegen stellen, sie genauso wie die arabischen Terroristen, die „eigentlichen Staatsfeinde“, zu behandeln. Es geschieht nicht nur aus einem von nationalistischem Stolz gepraegten Gehabe heraus. Fuer sie ist es nicht nachvollziehbar, dass ein Jude eines anderen Juden, „seines Bruders“ in diesem Fall, Feind sein kann, und dass ein Ausstossen der Verdaechtigen bzw.der Taeter aus der eigenen Gemeinschaft sein gutes Ziel erreicht.

Aus diesem Grund fiel es mir persoenlich schwer, einer Demonstration gegen die angeblichen Folterungen durch den Shin Bet  in Jerusalem, am Abend des 27.12., zuzuschauen (hier der Bericht). Ich hatte dort bei dieser Gelegenheit mit einigen Jugendlichen gesprochen, um ihre Meinung zu hoeren. Es tat mir weh, diesen Teil der Gesellschaft, mit welcher auch ich mich generell identifiziere, zu sehen, und zu fuehlen, wie ich mich wider Willen von ihnen zu entfremden scheine, weil mit einem Mal eine verstoerende Kluft zwischen meinen und ihren Prinzipien entsteht. Es war kein leichtes Gefuehl.

Je weiter man allerdings die Kreise zieht und sich von der am Engsten involvierten Gruppe wegbewegt, findet man immer mehr Zeichen von Entfremdung. Je weniger jemand sich und auch den anderen als Teil desselben Ganzen sieht und sich mit diesem von Anfang an identifiziert, desto einfach wird es, diesen von sich abzuschuetteln. Das hat ethisch gesehen nicht zwingend mit hoeheren moralischen Prinzipien zu tun, sondern hierbei wirkt der psychologische Effekt der Distanz, und des Mitlaufens  im Mainstream der etablierten Ansichten.


 

Mein Fazit? Wie zu Beginn erwaehnt, ist meine Absicht nicht gewesen, Antworten zu geben, sondern Fragen aufzuwerfen und eine Moeglichkeit zum Nachdenken ausserhalb des gewoehnlichen Rahmens zu geben.  Der Diskurs ist nicht neu und wird immer wieder neu aufgerollt und das auch zum Guten, damit er nicht stagnieren, sondern am Leben bleiben kann. Diskussion heisst Entwicklung, heisst Leben. Man kann fast schon sagen, ein „guter Grund“, um etwas mehr Tiefe in den Diskurs zu bringen und etwas von der Territorialdiskussion ueber die Besetzung-Nichtbesetzung von Judaea und Samaria wegzukommen, die nur die Oberfläche aufgreift, aber die Identität der modernen israelisch-jüdischen Gesellschaft unbeachtet lässt.

Meiner Ansicht nach liegt der groesste Schwachpunkt des religioesen Zionismus und seiner Anhaenger in dem Bestreben, alles und alle unter sich zu vereinen und mit einzuschiessen. Die Gefahren davon sind immens, insbesondere dann, wenn man nicht gut genug durchsiebt und sich mit den „guten Fruechten“ auch die verdorbenen Reste einhandelt. Allerdings liegt in diesem Bestreben auch ein enormes Potenzial zum Guten. Und wie man bekanntlich weiss – was nicht umbringt, macht staerker.

Realitäten und Reaktionen

…Es ist schon gruselig, muss ich zugeben.

Vier Jahre bin ich in Israel, und erst ein Jahr lang erlebe ich die Realität der „besetzen Gebiete“ hautnah, und habe einen solch radikalen Wandel meines Lebensalltags mitmachen müssen – einen solchen hätte ich mir nicht erträumen lassen. Für die meisten Israelis ist „Intifada“ kein neuer Begriff, und auch Terrorattacken sind Teil ihrer Geschichte. Das Land und seine Leute haben in den letzten 67 Jahren außergewöhnlich viele Extremsituationen und reale Gefahren durchgehen müssen. Ich allerdings komme aus einer Welt mit einem relativ „heilen“ Selbstverständnis, aus einem Deutschland und Europa, welches die Bedrohung des islamisch motivierten Terrors noch nicht gekannt hatte. Zum Beispiel hätte ich mir niemals ausmalen können, in einem Land zu leben, in welchem die Polizei oder der Notfalldienst per Internet die Einwohner über Abwehrmethoden von Messerattacken informieren. Über Raketenangriffe. Über Brandbombenattentate. In einem Land, in dem ein  Bürgermeister die Mitbürger auffordert, Waffen bei sich zu tragen. Wo Menschen Steinblöcke auf vorbeifahrende Autos werfen. Und wo eine Wellblechhütte auf einem Hügel einen internationalen Skandal hervorruft, jedoch der Ruf nach totaler Vernichtung eines Volkes als der Schrei von Unterdrückten übersetzt wird.

Und nun, da ich hier lebe, bleibt mir nichts anderes übrig, als das oben Aufgezählte und noch weitere „irre“ Elemente des Alltags in meinem Leben zu akzeptieren, ohne sich zu wundern, übermäßig zu beschweren oder Alarm zu schlagen. Ich dachte, Raketenbeschuss auf Städte sei etwas Unfassbares? Es gibt Terrortunnel. Tunnel seien inakzeptabel? Es kann auch Krieg geben. Krieg ist ein Notstand? Und was sagt man zu Messerstechereien auf der Straße? Entsetzlich? Es gibt auch Schüsse aus vorbeifahrenden Autos. Sprachlos? Man kann jemanden auch an der Halterstelle über den Haufen fahren und dazu Videoanleitungen zum besseren Gelingen im Internet verbreiten.

Ich habe in all den vier Jahren noch kein einziges Mal den Gedanken gehabt, aufgrund der zahlreichen Bedrohungen meine Koffer zu packen und zurück nach Deutschland zu kehren. Stattdessen lerne ich, mich in die Lebenswirklichkeit der Menschen hier einzufügen nd beobachte  die Art und Weise, wie meine Mitbürger und meine Umgebung mit den Situationen umgehen.

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Mädchen mit Torarolle bei der Demo in Jerusalem. Foto: Efrat Kislev
Mädchen mit Torarolle bei der Demo in Jerusalem. Foto: Efrat Kislev

Trotz oder gerade wegen der großen Enttäuschung, welche die nationalreligiös geprägte Gesellschaft gegenüber der von ihr gewählten Regierung fühlt, gibt es politischen Aktivismus. Nicht nur seitens der offiziellen Vertreter der jeweiligen Interessen, sondern bei den regulären Bürgern. So erschienen zu einer in der israelischen Presse als „rechte“ Demonstration katalogisierten Veranstaltung am 05.10.15 vor der Residenz des Premierministers in Jerusalem (Paris Square) mehrere Tausend Israelis, um gegen die Terrorwelle und die Bedrohungen zu protestieren. Die Demo fiel auf den Abschluss des „Tora-Freudenfestes“. Aus allen Ecken der „Siedlerwelt“, von Tal Menashe im Norden Samarias bis Yatir an der „Grünen Linie“ im Süden, organisierte man Busse mit Teilnehmerwilligen. Es kamen meist junge Teilnehmer, Familien, Kinder aus Jugendbewegungen, Schulabgänger und auch ältere Menschen. Sie hörten Rednern aus der politischen Sphäre zu (darunter auch zwei Ministern aus der Regierungspartei des Likud), hörten den Aufruf zur Tatkraft von Terroropfer Adva Bitton, protestierten, tanzten, sangen. Trotz des großen Aufgebots, der zentralen Lage und des Timings berichteten führende deutsche Medien über die Demonstration nicht.

Protest auf der Autobahn 398 Richtung Teko'a. Foto: Ulrich J.Becker
Protest auf der Autobahn 398 Richtung Teko’a. Foto: Ulrich J.Becker

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Spontane Zusammenkünfte, wie der Protest gegen Steinwürfe auf die Autobahn bei Teko’a am 07.10.15, nachdem eine jüdische Fahrerin von Arabern am selben Tag beinahe gelyncht worden ist (siehe Facebook-Meldung), fanden und finden weiterhin überall in den Gebieten statt. Vor allem kursieren Flyer, Aufrufe zu Protestevents, Bitten um Gebete für die Verletzten der täglichen Attentate über Whatsapp. Whatsapp muss das beliebteste Kommunikationsmedium in Israel sein. Interessant wäre zu wissen, wie stark seine Popularität infolge der momentanen Situation zugenommen hat – und wie viele Chats von den Shin Bet-Agenten tatsächlich abgefangen werden, um „unliebsame“ Zusammenkünfte zu vereiteln  und Aktivisten auszuspionieren.

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Schon seit Wochen sitzt Yossi Dagan im Zelt vor der Residenz des Premierministers Netanyahu im Zentrum Jerusalems und protestiert durch seine Anwesenheit gegen den wachsenden Terror und die seines  Erachtens mangelhafte Reaktion darauf innerhalb der Region, welche er verwaltet. Yossi ist der stellvertretende Vorsitzende des Judäa- und Samaria-Rates (YESHA), und er ist bekannt als einer, dem die Angelegenheiten seiner Mitbürger am Herzen liegen. Zusammen mit Yossi haben sich dorthin auch mehrere andere Bezirksvorsitzende begeben, so unser Vorsitzender Davidi Perl aus Gush Etzion, der sein Büro „vorübergehend“ vor das

Yossi Dagan auf der Demo am 05.10.15
Yossi Dagan auf der Demo am 05.10.15

Haus des Premierministers verlegt hat. Seine Kollegen und er haben eine lange Liste von Forderungen an den Premierminister. Hin und wieder berichten sie von Treffen mit diesem, er scheint bereit sein, sie anzuhören, aber von Einigungen hört man nicht. Die Forderungen betreffen verschiedene Sicherheitsaspekte – vor allem die notwendigen finanziellen Mittel für Maßnahmen, die die Einwohnersicherheit in Judäa und Samaria stärken sollen. Andere wirken globaler – ein Verlangen nach hartem Durchgreifen gegenüber Terroristen und ihrer sozialen Umgebung. Und dann noch die lauteste Forderung von allen, die auch die letzte Demo angeführt hat – „Bauen gegen Terror“. „Die gebührende zionistische Antwort gegenüber den Morden ist das Bauen und Niederlassen im Land Israel“ ist seit längerer Zeit ein Standart-Leitsatz der Siedlerbewegung. Die einen sagen, eine effektive Sicherung und Vergrößerung der jüdischen Präsenz vor Ort, gerade im Hinblick auf die Übergriffe vor Ort, würde an die Attentäter und ihre Anstifter ein Signal von Stärke senden – ohne sich dabei im Nahkampf oder durch militärische Maßnahmen die „Finger schmutzig zu machen“.  Andere aus derselben Bewegung sehen dies als politischen Missbrauch an, sehen die Notwendigkeit der Sicherheit nicht mit dem Bau von Häusern erfüllt, und weigern sich, den Aufrufen der Bezirksräte zu folgen.

Wo liegt die Autobahn 398?
Wo liegt die Autobahn 398?

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So wie Natan (Name geändert) aus Teko’a. Ein Mann mit Kontakten, Draht zu den Einwohnern und dem Interesse daran, die Autobahn 398 zwischen Jerusalem und Teko’a für Juden sicher zu machen. Nachdem neulich erneut eine Fahrerin von einem Mob auf der Straße angegriffen und beinahe entführt worden worden war, erstellte er eine Liste aus Freiwilligen mit Waffenschein, die von nun an zusätzlich zur Armee und Polizei auf der Straße patroullieren würden, um im richtigen Moment zur Stelle zu sein, sollte die Armee vor Ort nicht genügend Präsenz zeigen.

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Man macht auch Witze. Bildüberschrift: "Ich gehe grad' mal den Müll runterbringen", Quelle: Facebook
Man macht auch Witze. Bildüberschrift: „Ich gehe grad‘ mal den Müll runterbringen“, Quelle: Facebook

Derweilen versendet unsere Regionalverwaltung im Namen von Davidi Perl erneut warnende Emails, diesmal mit direkten Anweisungen, wie man sich im Falle eines Angriffs verhalten sollte. Aufgelistet werden Tipps je nach Art des Angriffs.  Schwierig für mich, nachzuvollziehen oder zu akzeptieren, was solche Anweisungen tatsächlich bedeuten – dass wir uns in einer Kampfzone befinden, dass kriegsähnliche Zustände herrschen, und das im ganzen Land und nicht etwa an den Grenzen allein. Und das nennt sich heute Alltag. Das soll man vereinen mit einem Gang in den Supermarkt, einem Ausflug in die Natur, der Fahrt zur Arbeit oder zur Uni. Wie schwer muss es erst für einen Außenstehenden sein, nachzuvollziehen, was hier geschieht?…

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Sportverein "Israeli Combat Experience" in Gush Etzion
Sportverein „Israeli Combat Experience“ in Gush Etzion

Ein Bekannter von mir bietet seit Neuestem kostenlose Selbstverteidigungskurse an. Das Angebot werde ich mir anschauen, Und auch das mit dem Waffenschein sollte man sich vielleicht überlegen. Denn in den letzten Tagen ist die israelische Presse voll von Berichten von Zivilisten, welche durch eine Waffe, die sie bei sich trugen, das Leben von anderen retten konnten. Bevor Sicherheitskräfte sich einmischen konnten.

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Dem gegenüber stehen auch wütende Israelis aus den Siedlungen und auch aus anderen Städten, die ihre Wut über das Geschehen in Taten verwandeln; heute (09.10) bewarfen Siedler laut YNET die Autobahn nach Shchem (Nablus) in Samaria mit Steinblöcken. Dabei wurden arabische Fahrer verletzt und Autoscheiben zerschmettert. Ebenso wurde die Einfahrt nach Shchem blockiert. In Netanya wurden drei Araber von Einwohnern angegriffen und einer davon verprügelt; laut YNET soll einer von ihnen „Allahu Akbar“ gerufen haben (der übliche Ruf vor Terrorangriffen), der Kontext ist allerdings unklar. In Dimona, einer Stadt, in welcher neben Juden auch Beduinen mit israelischem Pass leben, verletzte ein jüdischer Mann mit einem Messer vier Beduinen, zwei davon offenbar schwer. Die Familie des einen weigerte sich, die Tat ausführlich zu kommentieren, um die Atmosphäre „nicht aufzuheizen“(Zitat).


Was kann ich sagen? Das Fazit ist noch lange nicht gesprochen, für Bilanzen ist es noch zu früh. Welche Forderungen der „Siedlerbewegung“ werden erfüllt werden, welche davon haben keinen Anteil an der Entscheidung der Regierung zu ihrer Verhaltensweise gegenüber dem Terror? Ich weiß es nicht und kann leider keine Prognosen anstellen. Heutzutage kann ich nicht einmal sagen, dass das „Bau-Credo“ der Siedlerbewegung für Judäa und Samaria einen Fortschritt für diese einbringt, wenn es keine offizielle Verstaatlichung von ganz Judäa und Samaria mit sich führt.  Eine Verstaatlichung – Annexion – Eingliederung dieser Regionen würde zumindest schon einmal die Hoffnung der Gegenseite und ihrer Wortführer ersticken, die jüdische Bevölkerung von diesem Fleck Land vertreiben und das Land unter sich aufteilen zu können. Eine Hoffnung, die jeder mit sich führt, der israelische Juden angreift und terrorisiert. Diese Hoffnung wird genährt von der Propaganda der eigenen arabischen Führungskräfte, welche sie seit 1921 und bis heute führen. Sie wird aber auch genährt von der israelischen Gesellschaft, welches nicht eindeutig bereit ist, zu sagen, was sie als ihr Land erachtet und was nicht. Das Ergebnis dieses Mangels an Entschlossenheit, Unklarheit über die eigenen Ziele und Wünsche ist der fast 50-jährige Status Quo der Militärherrschaft in Judäa und Samaria – und alles, was daraus folgt – , unter anderem jeder der bisherigen Gewaltaufstände der Araber in Israel. Vieles hat sich die israelische Politik und Gesellschaft selbst zuzuschreiben – allerdings in anderer Weise, als es heute in der Medienwelt dargestellt wird.

Die Frage ist, gerade in solchen brenzligen Tagen – werden wir die Gelegenheiten, die sich ergeben werden, nutzen, und wenn ja – wie?

Die Tage von Ssanur: Tagebuch letzter Teil 3

Ssanur auf der Karte
Ssanur auf der Karte

Während mein Kurzurlaub in Deutschland seinen Lauf nimmt, möchte ich mit euch, liebe Leser/-innen, den letzten Teil meines Ssanur-Berichtes teilen, und zwar aus verschiedenen Gründen. Zum Einen möchte ich euch aus erster Quelle den Ablauf einer solchen Aktion wie dem Protestaufstieg der Juden aus Samaria zur 2005 im Zuge der Gaza-Räumung zerstörten Ortschaft aufzeigen, weil sie ein Beispiel für solche bürgerlichen Proteste gegen die Vorgehen der israelischen Regierung darstellt. Denn die israelische Gesellschaft ist nicht so kohärent, wie sie manchen erscheint, und auch innerhalb dieser Gesellschaft gibt es ganz verschiedene Herangehensweisen an die sprunghafte und oft schwer nachvollziehbare politische Handlungsweise der 20150729_074340Regierung. Zum Anderen ist es mir wichtig, euch die Gedanken und Prozesse innerhalb der sogenannten „Siedlerbewegung“ darzustellen, die Menschen dahinter erkennen zu lassen und sie nicht durch den Medieneinfluss zu politischen Gebilden und Losungen verkommen zu lassen. Meine Darstellung ist, wie könnte sie auch anders sein, subjektiv, aber versucht, so allumfassend wie möglich zu sein, d.h. auf möglichst viele Aspekte der Situation einzugehen.  

Ich wünsche ein gedankenvolles Lesevergnügen. 


Zum 1. Teil des Tagebuchs     ◊◊◊     Zum 2.Teil des Tagebuchs


Teil 3

Es ist der dritte Abend, die dritte Nacht, und von dem Wort „Räumung“ kann man schon keinen Abstand mehr nehmen. Jeder nimmt es in den Mund, es ist Teil der Vorbereitungen. Im Dunkeln erreicht eine Jeep-Kolonne Ssanur, Verstärkung kommt im Gesicht von neuen Jugendlichen und Essen. Familien, die schon zu Beginn anwesend waren, fahren ab. Man ist nervös. Die Neuankömmlinge, teilweise aus der „Kampfzone“ von Bet El, haben nicht die letzten Tage im Camp mitbekommen, sie kennen nicht die Anweisungen von Rav Gadi, sie kommen, um das Grundstück zu verteidigen und sich mit den Polizeikräften anzulegen. Das sollte dem ganzen Vorhaben schaden, und den Jungen und jungen Männern unnötige physische Auseinandersetzungen bringen. Man erwartet keine Kompromisse seitens der Sicherheitskräfte, sie kommen hierher nach Bet El, und sie kommen nachts, was allein das schon eine ernst zu nehmende Provokation ist. Menschen könnten verloren gehen, verletzt werden in der Dunkelheit, und wenn keine Kamera die Polizeikräfte filmt, können diese frei heraus handeln, wie es ihnen beliebt, ohne dass irgendjemand eine Kontrolle darüber hat oder es auch nur bezeugen kann. In der israelischen Gesellschaft – oder eher noch, in der Presse, halte man nicht viel von Beschwerden gegen Sicherheitskräfte, die von Siedlern kommen, erklärt mir Limor Son-Harmelech. Sie seien Kanonenfutter  – junge Männer und Jugendliche, die in den ersten Reihen stünden, um die Proteste wie in  Ssanur oder in Bet El zu führen, und als erste auch die Schläge abbekommen würden.

Quelle: INN
Quelle: INN

Sorgen der Nacht. Viel Verpflegung ist mit den Jeeps gekommen. Mit dem Proviant könnte man wochenlang durchhalten. Aus welchem Grund auch immer gehören auch Sixpacks Coca Cola dazu, und Ketchup. Einige der Neuankömmlinge gehen schlafen. Die Familien schlafen auch, aber noch immer sind viele wach. Die Organisationsleiter diskutieren hitzig über die Vorgehensweisen, über das, was man verhindern kann, und was nicht. Auch die Jugendlichen unter sich diskutieren. Viele von ihnen sind nicht mit der Richtlinie des Organisationsteams einverstanden, aber sie haben auch ihre Anführer, und mit diesen muss das Verhalten im Falle einer Räumung geklärt werden, wenn die Leute von Ssanur Erfolg haben wollen.

Auch ein Abzug in Ehren ist ein Erfolg, so sehen Beni Gal die anderen vor Ort das. Ein Abzug ohne Gewalt, ohne Auseinandersetzungen und mit entsprechend viel Coverage seitens der Presse beeinflusst die öffentliche Meinung zugunsten der Sache, ebenso wie das Gegenteil durch exzessiven Widerstand und hässliche Bilder von Journalisten vermittelt wird. Und auf diese ist leider kein Verlass.

Es ist Vollmond. Die Luft ist feucht, es ist kühl und dunkel.  Wilde Hunde und Schakale bellen aus allen Richtungen. In den Zimmern selbst ist es stickig, ich kann nicht schlafen, ich will nicht im Schlaf von der Polizei überrascht werden. Sterne leuchten am Himmel. Es könnte auch ein einfacher Campingausflug sein, der hier veranstaltet wird, wenn es nicht wieder einer der zahlreichen Aufbegehren wäre gegen das Unrecht, das Juden in Samaria und Judäa widerfährt. Gegen das System, dem jede Logik abhanden gekommen ist, gegen eine Führung, der die Richtung nicht mehr klar ist, und gegen eine Gesellschaft, deren Apathie ihre eigenen Leute an die Barrikaden zerrt und dabei die Erde unter ihren Füßen wegreißt.

Meine Freundin ist vor einiger Zeit mit der geheimen Jeep-Kolonne den Berg hinunter gefahren, sie hatte Angst, dass die Belagerung der Festung weiter anhalten würde und sie am Morgen nicht zur Arbeit käme.

Limor Son-Harmelech. Quelle: Walla
Limor Son-Harmelech. Quelle: Walla

In der Eingangshalle der Festung, die wir am Tag zuvor noch gestrichen haben, finde ich Limor. Sie sieht sehr angespannt aus, ihr Blick wandert nervös über die Menschen in die Dunkelheit am Eingang, sie kann nicht bei ihrer Familie stillsitzen, nicht einfach abwarten. „Meinst du, sie werden tatsächlich kommen?“, frage ich. „Ja, sie kommen, es steht schon fest“, sagt sie, und fragt dann mit einem leicht verstörten Seitenblick auf mich, „wie schaffst du es nur, so ruhig zu bleiben.“ Ich lächele selbstsicher und antworte, ich habe von Beni Gal selbst verstanden, dass die Polizisten wohl unbewaffnet kommen würden. Es stimmt, auch Limor nickt. Vor kurzem habe ich eine Unterhaltung von Beni Gal mit jemand  anderem hören können, und das sei seine Abmachung als Anführer der Gruppe mit den Sicherheitskräften gewesen. Kein Waffengebrauch, keine Schlagstöcke, es erwarte sie im  Gegenzug kein gewalttätiger Aufstand.

Für Limor ist es aber noch immer kein Grund zur Beruhigung. „Du bist so ruhig, weil du eine Ausweisung noch nie erlebt hast“, sagt sie leicht bitter und traurig zugleich. Ob gewalttätig oder nicht – es sei immer hart, es sei etwas, was die Kinder nicht sehen sollten. Dieses Gefühl der Ohnmacht Daher würden die Familien auch widerstandslos gehen. „Weiß Gott, ich habe schon endlos viele Ausweisungen erlebt, und es ist immer noch schwer.“

Als Beni Gal die „Stunde X“ verkündet, als er schon weiß, dass die Sicherheitskräfte in wenigen Minuten ankommen, versammeln sich die Familien und die Schülerinnen oben in der Halle. Es kommen immer mehr und mehr Soldaten bei der Festung an. Sie kommen nicht, um auszuweisen, sondern um die Aktion von außen gegen arabisches Eindringen abzusichern. Da es sich bei den Aktivisten um israelische Staatsbürger handelt, fallen sie in den Wirkungsbereich der Polizei- bzw. des Grenzschutzes.

Mit Limor haben wir zuvor abgesprochen, dass ich mich während der Durchführung selbstständig mache, und mich am Besten an das Filmen der Räumung wage, so gut es eben gehen wird im Tumult, der zumindest bei den Jugendlichen entstehen wird, damit die Polizisten von ggf. einer Randale und unrechtmäßigem Vorgehen gegen die Jugendlichen abgehalten werden können. Kameras scheinen mehr auf sie zu wirken als Einsatzregeln. Ich verabschiede mich von Limor und gehe zu den Jugendlichen, die sich aufgeteilt haben in Gruppen auf dem Dach der Festung, und andere innerhalb der Räume,

 

11954677_10153726610306842_1866344443586175491_nDie Jungen, die sogenannte „Hügeljugend“ und auch andere,  haben sich auf dem Dach zusammengeschlossen. Eine größere Gruppe sitzt im Kreis und bespricht untereinander, was sie machen wollen, wenn die Polizisten kommen. Werfen Ideen in die Runde. Diskutieren. Was ist effektiver – Knallfrösche platzen zu lassen? Bewegungsloses Sitzen, also Sit-in-Protest? In der Mitte des Daches oder am Rand? Werfen die Polizisten einen dann vom Dach herunter oder tragen weg? Viele sind sich einig, dass sie wenig zimperlich sein werden, und ein paar sind sich ganz sicher, dass sie so oder so vom Dach fliegen werden. Haben die Polizisten nun versprochen, Schlagstöcke 11907172_10153726610281842_2710751702429055933_nwegzulassen oder werden sie welche haben? Soll man organisiert zusammensitzen oder jeder das machen, was er will? Soll man beten oder lieber ruhig bleiben? Die Familien mit Kindern sitzen noch immer im großen Saal im obersten Stock. Auf dem Minarett, wo der beste Funkempfang herrscht, scheint keiner sich verstecken zu wollen. Die Jungen bereiten sich auf keine weiche  Behandlung vor. Den Gesprächen nach zu urteilen, scheinen sie schon reichlich Erfahrung in solchen Aktionen zu haben, trotz ihres teilweise „zarten“ Alters – einer der Jungen scheint der Jüngste zu sein, wird wohl knapp über 13 sein, die älteren sind zwischen 16 und 19. Sie haben sich auf Konfrontation eingestellt. Mit allem Unmut und dem Widerstreben gegenüber Anweisungen und Gehorsam, eins muss man ihnen lassen – sie bedenken auch die Forderungen des Organisationsteams, sich gemäßigt zu verhalten.
Die Diskussionen halten an. In der Ferne hört man Funkgeräte krächzen. Mein Kopf schmerzt vor Anstrengung, der schlaflosen Nacht, und der reichlich unbequemen Beobachterposition hinter einigen trockenen Ästen, die ich auf dem Dach eingenommen habe, um einen ungestörten Überblick zu haben. Die Aufregung wird es wohl auch sein, wenn man so will.

Ich lausche den Unterhaltungen. Von den Jugendlichen hier kann man sehr viel über Protestaktionen, die Funktionsweise der Sicherheitskräfte, effektvoller Konfrontation und Selbstorganisation lernen.

Zeit vergeht. Unten lachen und machen ein paar Jungs Lärm, auf dem Dach singen sie im Kreis Lieder mit Zitaten aus der Bibel, einer hat offenbar eine Flöte mitgebracht und spielt darauf, so als sei er auf einer Wiese beim Klassenausflug und kein „Illegaler“ kurz vor einer gewaltsamen Ausweisung durch die Polizei. Eine surrealistische Situation ist das. Ein symbolischer Protest mit symbolischen Mitteln; und alle Beteiligten wissen, dass das Ganze ein Spiel ist, dennoch planen sie es vor und machen es mit.

Es ist kalt. Der Muazzin heult von den umgebenden Dörfern. Es wird langsam nervtötend. Wann kommen die Polizisten endlich und bringen die Sache zu Ende?

Quelle: INN
Quelle: INN

Der Strom geht aus. Man hört Busse abfahren.   Die Familien scheinen abzuziehen oder schon abgezogen zu sein.
Die Jungen singen weiter. Manche haben Hunger. Noch immer sind wir hier allein. Ich döse langsam ein und wache vielleicht eine oder zwei Stunden später auf, es wird schon hell. Die Polizisten sehen es wohl als zu riskant an, die Evakuierung in der Nacht vorzunehmen, Ein Pluspunkt für sie. Die Jungen werden auch 11903855_10153726610221842_1291136510876914210_nlangsam nervös, manche springen herum, setzen sich zusammen, bilden eine Menschenkette quer durchs Dach. Der Sonnenaufgang bedeutet auch Gebetszeit, einer der Älteren scheint die Aufsicht darüber zu führen, und ermahnt die anderen, die Hände zu waschen und die ersten Segenssprüche des Morgens zu sprechen. Anarchisten oder nicht, aber was Gebote angeht, so folgen die Jugendlichen dem, was sie wissen und gelernt haben, strikt.

…Und dann geht alles ganz schnell. Es ertönen Rufe „Sie kommen!“ und Sicherheitskräfte in grauen und blauen Uniformen  – Polizei und Grenzschutz – tauchen auf dem Hof auf, formieren sich, klettern in Gruppen aufs Dach. Die Jugendlichen sitzen dicht gedrängt und Arme ineinander verkettet, rufen Dinge wie „schämt euch“ oder „haltet euch zurück, es ist noch nicht zu spät, umzukehren“ und „Juden tun so etwas nicht“ und „Schande über euch“, da werden die ersten schon voneinander gerissen und abgeschleppt. Die Polizisten haben keine Schlagstöcke an sich, wohl aber Dosen mit Pfefferspray. 20150730_054548Auch wird niemand vom Dach geworfen. Rabbiner  Gadi folgt den Polizisten, wird aber von der Gruppe weggedrückt. „Wir wollen nicht, dass du hier dabei bist“, sagt ihm einer, und drängt ihn zu Seite. Die Jugendlichen schreien, wehren sich aber nicht aktiv. Einige werden einfach abgeschleppt, andere bekommen allerdings Pfefferspray ins Gesicht – als Warnung, Abschreckung, oder wofür auch immer. Jeder wird einzeln zu großen Bussen in Form von Lastwagen gebracht. Bei dem Ausgang aus der Festung, aus welcher man die „Aufständischen“ zu den Bussen schleppt, stehen Journalisten parat, filmen und knipsen. In einem Bus befinden sich auch ein paar Mädchen, die zurückgeblieben waren. Unter den Sicherheitskräften sind ebenso junge Frauen anwesend. Die Luft füllt sich mit dem Reizgas, jeder mit Pfefferspray Angegriffene bringt es in den Bus hinein und die Luft wird schwer zum Atmen. Einige der Jungs hat das Spray schwer erwischt, sie können kaum atmen, geschweige denn sehen oder 20150730_055611gehen, liegen auf dem Boden oder strecken die Köpfe aus den Fenstern aus, mit geröteten Gesichtern. Auch der Stellvertretende der Judäa und Samaria-Verwaltung, Yossi Dagan, taucht an Ort und Stelle auf, tröstet die Verletzten und herrscht die Polizisten an. Seine Präsenz soll Unterstützung zeigen und die Polizeigewalt mäßigen. Diese ist allerdings außer des Pfefferspray-Einsatzes sehr gemäßigt. Als die 20150730_055817Busse voll werden, kriegen sie den Befehl zur Abfahrt. Der kühle Wind von den Bergen um diese frühe Zeit erfrischt das Gesicht, die Augen und die Nase und durchweht den Bus, befreit ihn nach und nach von den Resten des Pfeffersprays. Als er einmal anhält, springen einige der Jungs raus und laufen aus dem Bus zurück Richtung Festung. Sie müssten schnell wieder gefasst worden sein.

Unser Bus, in dem auch ich sitze, fährt. Wohin, weiß niemand, man vermutet aber, dass er wohl in die nahgelegene Siedlung Kedumim fahren wird. Die jungen Mädchen, die neben mir am Fenster stehen und mit einem grimmigen Ausdruck, so gar nicht zu ihrem jungen Alter von vielleicht 14 oder 15 passend, blicken auf die vorbeiziehende Landschaft. Irgendwo unten, unterhalb der arabischen Dörfer, durch welche wir fahren, sieht man auf einem Hügel die Festung von Ssanur, umgeben von Feldern, Bäumen, und ehemaligen Landwegen, die einmal einem jüdischen Ort mit fast 60 Familien gedient haben, bevor die Regierung seiner Einwohner eines Tages beschlossen hatte, diesen Ort und alle darin von der Landkarte verschwinden zu lassen. Seitdem kommen sie jedes Jahr her, und jedes Jahr werden sie mit leeren Händen wieder abgeführt. Und dann sammeln sie sich und kommen wieder. Und wieder.

Der Bus hält in Kedumim, an einem Gemeindezentrum. Uns empfängt eine Frau, lädt alle hinein, im Raum stehen Sessel, Kaffee und Kuchen und Wasser stehen für die Ankömmlinge bereit. Einer der Jungs aus dem Bus muss medizinische Hilfe in Anspruch nehmen; das Pfefferspray hat ihn schwerer erwischt, als man gedacht hatte. Anschließend warten alle, müde, erschöpft und irgendwie resigniert, auf einen Bus nach Jerusalem, der für sie organisiert worden ist, denn viele leben in der Hauptstadt. Auch die Mädchen, die mit mir gewesen sind, fahren mit. Sie setzen sich erschöpft auf die Rückbank des Busen. Eine lässt ein Lied spielen.  Ich kenne es nicht, die Mädchen klären mich, leicht ungläubig über mein fehlendes Wissen, auf. Ich finde es schnell in meinem Telefon, und die Gedanken und Gefühle auf der Fahrt heim werden von nun an untermalt von den Worten des Liedes von Bini Landau:

„Einen Tempel baue ich dir in meinem Herzen

Damit du von deiner Wanderung

Dich ausruhen kannst

Damit du deine Kräfte sammeln kannst

Ich spüre dein Leiden

Doch auch über mich haben die Sturmwinde geweht

Um was du gebeten hast,

Darum bat auch ich, mit all meiner Kraft

Meinen Ort zu finden – und gibt es ihn doch nirgendwo.

Warte doch, verlange danach

Verliere nicht die Hoffnung

Erhebe deine Stimme und bitte auch für meine Seele

Doch ich flehe dich an,

Verliere nicht die Hoffnung.

All die verschlossenen Wege

Werden sich noch vor uns öffnen

Und die eisernen Vorhänge werden fallen,

Die, die unser Herz verhüllen

Auch dieses große Meer kann sich spalten

Wenn wir nur daran glauben.“

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Die Tage von Ssanur: Tagebuch Teil 2

Trotz der schon einige Wochen hinter uns liegenden Episode von Ssanur , der Rückkehr der Bewohner und der Räumung, möchte ich euch  dennoch die weiteren Teile des „Tagebuchs“ vor Ort vorstellen. Die Geschichte von Ssanur, einer Siedlung im Norden Samarias, die im Rahmen des Gaza-Abzugs von 2005 vom damaligen Premierminister Ariel Sharon abgerissen und ihre Bewohner ausgewiesen wurden, passt in die Reihe der „Thementage“ zum 10.Jahrestag der Räumung des Gaza-Streifens und Nordsamarias durch Israel. Im Tagebuch berichte ich über die Ereignisse während der dreitägigen Rückkehr von ehemaligen Bewohnern der Siedlung und ihren Unterstützern in die alte Festung auf dem Hügel von Ssanur, aus Protest gegen die Weigerung der israelischen Regierung, die Siedlung wieder aufzubauen. „Vorwarnung“  – die Einträge sind subjektiv und teilweise einseitig, aber dafür so authentisch wie möglich gehalten.

Ssanur auf der Karte
Ssanur auf der Karte

Teil 1

Als wir uns auf den Weg machen, ist es schon spät. Keine leichte Reise wird es jetzt, zur späten Stunde, von einem Landesende bis zum anderen. Aber meine Freundin und ich spüren, dass wir einfach nicht untätig daheim herumsitzen können. Schon am Morgen, als ich die Nachrichten geöffnet habe und überfallen wurde mit Neuigkeiten von den Ausschreitungen in Bet El und dem Aufstieg in die Ruine von Ssanur, wusste ich, dass ich dabei sein muss. Journalistische Pflicht, und historische Notwendigkeit, nennen wir es so. Also organisieren wir uns und ziehen los. Meine Kontakte müssen ausreichen, um ein aktuelles Bild der Lage zu bekommen…. Weiterlesen

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Die Tage von Ssanur: Tagebuch Teil 1

Die Ruine von Ssanur.
Die Ruine von Ssanur.

Erlebnisbericht vor Ort aus  Ssanur. Von der Ankunft bis zur Räumung. Ereignisse und Gedanken. Zur Hintergrundgeschichte : Bitte hier klicken , Zu den News über Bet El und Ssanur: Bitte hier klicken


Teil 1

Als wir uns auf den Weg machen, ist es schon spät. Keine leichte Reise wird es jetzt, zur späten Stunde, von einem Landesende bis zum anderen. Aber meine Freundin und ich spüren, dass wir einfach nicht untätig daheim herumsitzen können. Schon am Morgen, als ich die Nachrichten geöffnet habe und überfallen wurde mit Neuigkeiten von den Ausschreitungen in Bet El und dem Aufstieg in die Ruine von Ssanur, wusste ich, dass ich dabei sein muss. Journalistische Pflicht, und historische Notwendigkeit, nennen wir es so.

Also organisieren wir uns und ziehen los. Meine Kontakte müssen ausreichen, um ein aktuelles Bild der Lage zu bekommen. Unser erstes Ziel ist Bet El, obschon die Aussicht nicht vielversprechend ist: Die Armee scheint alle Zugänge zum Baugelände, auf welchem die Streitobjekte, die zwei abrissgefärdeten „Dreinoff“-Gebäude, stehen, abgesperrt zu haben. Sie weiß, dass Menschen kommen werden. Die Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Protestierenden sollen neue Ausmaße erreicht haben, so vermeldet die Presse. Nach einigem Hin und Her entscheiden wir uns schließlich, zum zweiten Punkt zu fahren, welcher weiter auf derselben Strecke liegt –  der Autobahn 60 quer durch Judäa und Samaria: Ssanur. Es wird ein zweiter nächtlicher Aufstieg organisiert, nachdem der erste am Montagabend durchgeführt wurde.

Der Weg nach Ssanur im hohen Norden Samarias führt über Autostops. Noch ein Mädchen bindet sich an uns an, und wir maneuvrieren durch die dunklen Landstraßen mal mit einem, mal mit einem anderen Fahrer – alles jüdische Bewohner der Gegend, bis wir endlich zum Sammelpunkt kommen. Draußen ist es stockdunkel. Die meisten arabischen Dörfer nutzen sehr wenig Straßenbeleuchtung. Die schwarzen Berge und der dunkle Himmel verschmilzt, nur die israelischen Schnellstraßen geben eine Orientierung und die meisten der Autofahrer fahren auf diesen in einem wilden Tempo. Im Radio spielt Musik, die mangels anderer Geräusche gänzlich die Dunkelheit um uns herum ausfüllt, während wir fahren. Nur der Fahrtwind unterbricht die Musik.

Der nächtliche Aufstieg
Der nächtliche Aufstieg

Es dauert mehrere Stunden, bis wir ankommen, auf andere treffen, und den Aufstieg beginnen. Alles ist koordiniert, um möglichst wenig Aufsehen zu erregen. Erst wenn man am Zielort angekommen ist, können Verhandlungen mit der Regierung geführt werden, kann überhaupt etwas getan werden. Die Hürde ist zunächst der Weg. Es bedarf viel Selbstaufopferung und Ausdauer von den Fahrern, die Fahrten hoch und runter zu organisieren. Nach Mitternacht ist die Operation beendet, wir sind oben.


Ich sitze auf einem Scherbenhaufen vor einem der Eingänge der Festung. Vor mir liegen die schwarzen  Berge, übersät mit Lichtern der arabischen Dörfer, in Stille, wenn man von Hundegebell absieht. Fast Vollmond ist es, was sehr die Erkenntlichkeit der Umgebung erleichtert. Mehrere Kilometer einer schweigsamen, holprigen Fahrt sind hinter uns, die Müdigkeit steht allen ins Gesicht geschrieben.

Mit noch einer Familie gelangen wir in die Festung, erleuchtet, erleichtert. Die Anspannung während der Fahrt inmitten arabischer Dörfer und Felder weicht der Anspannung vor den Neuigkeiten, der Erwartung einer Räumung oder ähnlichem. Die nächste Phase. Die Zimmer sind verteilt und mit Plakaten an den Eingängen machen sie den Eindruck eines riesigen Asylantenheims.

Interview mit YNET: "Apathie ist die schlimmste Krankheit der Gesellschaft. Wir kehren hierher zurück - damit zeigen wir, dass es uns nicht gleichgültig ist."
Interview mit YNET: „Apathie ist die schlimmste Krankheit der Gesellschaft. Wir kehren hierher zurück – damit zeigen wir, dass es uns nicht gleichgültig ist.“

Als wir uns mit meiner Freundin einen Schlafplatz in einem relativ gut erhaltenen Zimmer suchen, treibt mich die Presse auf – „YNET“, und befragt mich nach den Gründen des Aufstiegs nach Ssanur. Wir breiten unsere Schlafsäcke aus, es ist angenehm, ein Teil des Raumes führt ins Freie. Tagsüber muss dort eine atemberaubende Aussicht herrschen. Wir legen uns müde schlafen, ich versuche, die Athmosphäre schriftlich festzuhalten, aber die Müdigkeit übermannt. Wenn die Räumung nicht kommt, dürfen wir am Morgen aufwachen und uns zu orientieren anfangen.

Fortsetzung folgt….

 

Die Tage von Ssanur: Damals und heute

Zum „Tagebuch einer Siedlerin“ – Erlebnisbericht aus Ssanur – hier geht’s lang!


 

Alles Entscheidende geschieht mitten in der Nacht. Der Auszug aus Ägypten, manche würden sagen – die Geburt von Jesus. Und auch die Schaffung neuer Realität auf der Karte.

Geschichte von Ssanur

ssanurmapWas Google Maps angeht, so ist der Ort Ssanur dort verzeichnet, allerdings mit dem Vermerk „ruined“ (zerstört). Es liegt irgendwo in den Bergen Nordsamarias, südlich von Jenin und östlich von Netanya. Das arabische Dorf, nach welchem es genannt wird, heißt Sanur und liegt ein paar Kilometer weiter. Aber Ssanurs Geschichte beginnt nicht erst diese Nacht, sondern in 1977: Damals beginnen die ersten, auf die strategisch gut platzierte Anhöhe inmitten eines Tals, mit einer Festung aus osmanisch-britischen Zeiten zu ziehen. Verschiedene Gruppen beißen sich an der schroffen Gegend trotz pastoralischer Aussicht, frischer Luft und einer relativen Nähe zu Netanya aus. Als letzte von insgesamt 3 Gruppen tauchen Anfang der 80er einige wenige jüdisch-russische Künstler auf, die vor Kurzem aus der Sowjetunion ausgewandert sind. Sie verlieben sich in die Berge, die Stille und auch den Hauch von Abenteuer – und bleiben. Ssanur wird zu einem Künstlerdorf. Ihre Künstler – akkreditierte russische Bildhauer, Zeichner, Maler aus der Sowjetunion. 1987 wird Ssanur offiziell als Siedlung ausgerufen. Ihre Bewohner veranstalten Galerien und Ausstellungen im alten britisch-türkischen Fort.

Und dann im Dezember 2003 die Botschaft: Nordsamaria und Gaza werden geräumt. Weshalb Ariel Sharon es genau auf diese vier Siedlungen im Norden abgesehen hat, wird nicht ganz deutlich. Das Land selbst ist Staatsland, Agrarwirtschaft wird nicht betrieben und kein Land dafür beansprucht. Das Gebiet von Ssanur soll wohl bei einem zukünftigen Abkommen mit der PA entsprechend den israelischen Vorstellungen in jedem Fall nicht mehr zu Israel gehören. In den letzten Jahren ziehen Familien und Unterstützer nach Ssanur, um mit den Bewohnern Solidarität zu zeigen. Die arabischen umliegenden Dörfer sind feindlich und gefährlich, manche der Künstler kommen nur noch selten hierher. Frühere Passierwege werden nach der Zweiten Intifada nicht mehr benutzt – Lebensgefahr.

Im September 2005 werden die Zerstörung und der Abzug aus Nordsamaria vollendet. Von dem lebendigen und extravaganten Künstlerdorf bleiben nur noch Schutt und Wege. Die britische Festung gehört nicht dazu und bleibt bestehen, wird aber nicht aufrechtgehalten. Innen sammelt sich Müll und Schmutz, arabische Graffiti „zieren“ die Wände, Türen, Fenster, Kachelboden werden zerschmettert und über die Jahre sammelt sich der Schutt auf dem Boden.

Einige Male versuchen aktive jüdische Einwohner der Gegend, Ssanur wieder zu erklimmen. Kein Versuch währt lange. Die Regierung hat keinerlei Interesse daran, irgendeinen „Fehler“ „wiedergutzumachen“, wie die Aktivisten das nennen, und wieder diesen Landesteil zu besiedeln.

Der Aufstieg

Die Ruine von Ssanur.
Die Ruine von Ssanur.

10 Jahre später, am Abend nach dem großen jüdischen Fastentag  Tisha beAv nehmen die Leute das Ruder selbst in die Hände. In einer Nachtoperation gelangen fast 200 Menschen – Männer, Frauen und Kinder – auf die Anhöhe mit der britischen Festung. Die Festung wird als Wohnhaus eingerichtet. Jede Familie, die erscheint, erhält einen Raum von den zahlreichen Räumen dieses verwüsteten, aber bautechnisch völlig intakten Gebäudes. In manchen Räumen kann man noch ihre ehemalige Funktion erkennen – Zeichnungen an den Wänden, Rohre, Kachelböden. Der altbekannte Alltag von Vorpostenbau hat für die Aktivisten Routine. Sie sind keine Campingtouristen. Daher sind sie bestens versorgt – mit Stromgeneratoren, Jeeps, Essen, Wasser und Verbindungen nach außen.

In der ersten Nacht gelangen ca.180 Leute auf den Hügel, erst kurz vor dem Morgen schlägt die Armee Alarm, und dann erfährt es auch die Presse. Sie tauchen vor den „Eindringlingen“ auf, welche sich schon geschafft haben, festzusetzen, Räume zu säubern und sie für die anwesenden Familien fertigzurichten. Unter den Anwesenden: Ehemalige vertriebene Familien aus den zerstörten 4 Siedlungen in Nordsamaria, Nachbarn und lokale Aktivisten, Jugendliche, Kinder. Die Taktik ist gut durchgeplant, aber auch simpel: Man bleibt oben, solange man kann. Versorgt sich selbst, organisiert weitere Unterstützung, und sendet Pressebotschaften nach außen. In diesem Fall: „Die Rückkehr“. Vertriebene kehren nach 10 Jahren an die Ruinen zurück und fordern von der Regierung, sich mit ihrem Anliegen auseinanderzusetzen. Passend dazu sind auch die Unruhen in Bet El – nicht parallel abgestimmt, aber durchaus für den Zweck zu nutzen. Wenn an zwei Stellen Forderungen gestellt werden, gelangt die Regierung unter Druck. Protestaktionen wie diese haben auch die Natur, sich von selbst weiter zu entwickeln, sobald man den Rahmen vorgibt. Hier in Ssanur will man mehr Unterstützung organisieren, die Aktion bekanntmachen – aber auch am Ort verbleiben. Diesmal ist es keine Gedenkaktion, sondern ein festes Vorhaben – „wir sind hier und wir bleiben“. Zumindest bis man uns herunterholt – oder bis die Forderungen irgendwie vorankommen.

Die Presse klebt sich an die Fersen der enthusiastischen Gruppe, filmt alles und jeden, versucht, Antworten und Statements von den Anwesenden zu ergattern, die man für eine reißerische Schlagzeile verwenden kann. Denn von Gewalt kann hier, im Gegenteil zu Bet El und seinen Bauten, keine Rede sein. Der Aktionsleiter, Beni Gal, bekannt aus früheren Aktionen dieser Art im naheliegenden
Chomesh, bringt nicht umsonst Familien her. Er will keine Gewalt, keine blutigen Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften und keinen Kampf. Die Athmosphäre von Ruhe, Besonnenheit und friedlichem Protest soll im Land herüberkommen – vertriebene Bewohner, die das Unrecht, das ihnen vor zehn Jahren angetan worden ist, nicht mehr hinnehmen wollen. Menschen sitzen zusammen, kochen, planen Restaurierungsarbeiten in der Festung, Kinder spielen, die Presse huscht zwischen allen hin und her. Die wichtigsten Planungen bekommt diese allerdings erst am Ende mit.

In der zweiten Nacht wird ein weiterer Aufstieg organisiert, denn tagsüber sind da die Soldaten überall, und auch die Araber, die kein Interesse an Zuwachs in Ssanur haben. Also werden die Aufstiegswilligen per Jeep in der Dunkelheit transportiert und irgendwann nach einer holprigen Reise auf Pfaden, die sie nicht veröffentlicht haben wollen, in der Festung empfangen. Immer wieder werden währenddessen andere Deadlines für die eigentliche Räumung festgesetzt. Mal heißt es, es gäbe ein Ultimatum bis zum Morgen, dann bis zum Mittag. Dann sollen Soldaten in der zweiten Nacht kommen – stattdessen geben Beni Gal und sein Organisationsteam bekannt, dass die Armee noch eine weitere Verlängerung bekommen haben, also weiterhin die Siedler in der Festung bewachen werden. Denn bevor diese geräumt werden (wenn sie es denn werden), müssen sie vor den arabischen Nachbarn beschützt werden. Eine seltsame Situation entsteht – die Ssanur-Rückkehrer befinden sich in einem halb-Belagerungszustand, wobei niemand herausfährt, und auch nach der Vorstellung der Armee niemand hineinkommt (es sei denn, man weiß, wie.)

Morgenversammlung in Ssanur.
Morgenversammlung in Ssanur.

Auch der zweite Tag vergeht ruhig. Es gibt einige Versammlungen, in welchen die Neuigkeiten von der Außenwelt besprochen werden. Denn in Ssanur gibt es keinen Handyempfang. Die Journalisten leiden darunter, die Siedler sind entspannt, und manche finden auch kleine Empfangsinseln auf dem Areal, so wie beispielsweise hoch oben auf der Spitze eines alten Minaretts, das neben der Festung steht.

Säuberungsarbeiten in Ssanur.
Säuberungsarbeiten in Ssanur.

Trotz der ständigen Aussicht, ausgewiesen zu werden, widmen sich die meisten Restaurationsarbeiten und Verschönerung des Areals: Säubern, Schutt freiräumen, Wände streichen, kochen, putzen. Die Kinder müssen beschäftigt werden, die Räume gefegt werden, Mittagessen muss zubereitet werden. Beni Gal, der Organisationsleiter, ist kaum

Säuberungsarbeiten in Ssanur.
Säuberungsarbeiten in Ssanur.

zu finden. Er ist der Verantwortliche für die Presse und für die Logistik, für die Kontakte zur Armee und die Organisation der Familien. Limor, eine ehemalige Bewohnerin der zerstörten Siedlung Chomesh, die man von Ssanur aus auf dem Berghang erkennen kann, übernimmt den Teil der Presse und führt Journalisten herum.

Am Nachmittag erscheinen die ersten Polizisten, aber sie ziehen sich bald wieder zurück, nur die Armee bleibt. In der Luft hängt der Gedanke der Räumung, man bereitet sich mental darauf vor und macht Abendessen. Am Abend schließlich, als der lokale Stromgenerator seine Energie für einige Lampen im Gebäude und eine Ladestation für die Mobilgeräte spendet, sitzen die meisten beim Lagerfeuer und die Kinder gehen schlafen.

In der israelischen Presse wird unterdessen ein unter der Leitung von Beni Gal verfasster Brief der Familien von Ssanur veröffentlicht, er wendet sich an den Premierminister. Die Gemeinde der Ssanur-Rückkehrer verlangt eine unabhängige Untersuchung der Regierungsstellen, welche Gründe einen Wiederaufbau von Ssanur und der anderen vier geräumten Siedlungen in 2005 verhindern, und wann ein solcher Aufbau wieder ermöglicht werden kann. Sie bitten auch darum, den Kindern und Jugendlichen eine gewaltsame Räumung zu ersparen und die 10 Jahre nach der Räumung von Gush Katif zu berücksichtigen. Solange würden die Leute von Ssanur am Ort verweilen.

Eine neue Nacht beginnt und mit ihr folgen neue Entwicklungen…..

In eigener Sache: Umfrage zu Gastartikeln

Liebe Leser/-innen,

bei der folgenden Frage bin ich auf eure Meinung angewiesen bzw. möchte sie gerne kennenlernen!

Es geht um Gastartikel, um übersetzte Texte aus dem Hebräischen ins Deutsche, welche meines Erachtens den Horizont zum Siedlungsthema erheblich erweitern können, frische Aspekte und Ansichten „vom Feld“ vermitteln können  – und vor allem auch aktuell und relevant für die heutige israelische Gesellschaft sind. Es sind Artikel, die sonst nur hebräischsprachigen Lesern vorbehalten sind, und meist auch zahlungspflichtig sind.  Der Durchschnittsleser kommt an sie also nicht heran. Dabei stellen diese Texte ein direktes Spiegelbild der israelischen Gesellschaft dar und bringen zum Fragen und zum Nachdenken. Das Konzept wäre einfach: Ich würde, je nach Relevanz, einen bestimmten Artikel entweder gänzlich übersetzen oder zusammenfassen und hier für euch publizieren. Das würde keinesfalls, wie bei bestimmten Blogs, die persönlichen Einträge ablösen, wohl aber kompetente Stimmen in den Diskurs bringen.

Hier also meine Umfrage, ich freue mich auf Antworten, um etwas Überblick zu euren Wünschen zu bekommen:

Das andere Israel

„Nebel umhüllt die Berge. Mein Bus schlängelt sich die Straße hinauf. Ich wundere mich, wieso die Scheiben nicht gesichert sind. Es ist ein einfacher Linienbus auf seinem Weg durch Dörfer, Felder und Berge, übersät mit Steinen und Büschen, soweit das Auge reicht.  Er schaukelt auf und ab. Hier und da fährt er entlang einer grauen Mauer, aber sie wechselt schnell zu einen Drahtzaun. Die Straße wirkt einsam, aber gut befestigt. Bereit für den täglichen Verkehr. Die Straßenschilder sind dreisprachig, die Namen ähnlich und sind manchmal  bekannt. Oft hört man sie im Fernsehen oder kennt sie aus dem Geschichtsbuch: Jerusalem, Ramallah, Bet El, Itamar.

Vom Aussehen sind die meisten gleich – es gibt Siedlungen mit roten Dächern, weißen Fassaden, vielen Blumen und Bäumen. Andere haben flache, weiße Dächer, kaum Pflanzen, stattdessen aber Plantagen. Die Bauten sind klein. Es gibt keine großen Kreuzungen in dieser Gegend, keine Hochhäuser, keine Parkplätze, keine Neonreklame. Über den Häusern schwebt weißer Nebel und auf der Straße ist viel Staub. Manchmal tauchen Tiere auf oder vereinzelte Menschen im einem Garten oder Café.  Am Himmel – Stille. Es gibt wenig Verkehr, daher auch wenige Tankstellen. Sucht man nach etwas Typischem in dieser Gegend, so sind es Fahnen und Banner. Auch diese sind mehrfarbig und mehrsprachig. Die Fahnen gehören nicht ausländischen Botschaften, sondern den Völkern, die diese Gegend Haus an Haus und Hügel an Hügel bewohnen. Es sind nur zwei, und dennoch kommen sie nicht miteinander aus.

Wir sind im bergigen Hochland in Samaria, in Shomron, heute bekannt als die Westbank. Eine ferne Welt. Sie ist so anders als das, was man über sie hört und zu wissen meint. Es ist Freitag und in den jüdischen Siedlungen, auf den Hügeln verstreut, bereitet man sich auf Shabbat vor. Durch den Nebel ruft aus benachbarten Orten der Muezzin. Nach der Busfahrt steige ich an einem Armeestützpunkt in ein  Auto um. Nach kurzer Zeit, fährt es an einen Schlagbaum heran. Der Fahrer hebt die Hand. Wird durchgelassen. Die kleine Ansiedlung ist dürftig geschützt, im kleinen Häuschen sitzt ein junger Mann. Er winkt. Meine Freundin holt mich von der Einfahrt ab. „Menachem“, ruft sie dem Wächter zu, „komm zu uns am Abend.“ Die Straßen sind asphaltiert, aber am Rande wird gerade ein neuer Häuserblock errichtet und überall liegt weißer Staub: Schöne Häuser, aus weißem Marmorersatz. Neu. Solche, wie das Haus meiner Freunde, bestehen zum Teil noch aus Holz.

Wir gehen ins Haus. Eine bescheidene, sehr heimische Welt umfängt mich. Ich merke schnell – hier leben keine „Städter“. Die engen Zimmer, das zerrissene Sofa, die Holzschränke und der Gemüsegarten, sie lassen mich verschämt meinen Koffer in die Ecke drücken. Ich fühle mich, als hätte ich hoffnungslos Übergewicht bei mir, als wäre ich die Einzige, die an sinnloser Last hängt. Was hier zählt, ist Natur und Familie. Nein, sie leben nicht weltfern. Aber ihr Alltag ist viel einfacher und es macht ihnen nichts aus. Ich halte Ausschau nach typischer „Siedlerkleidung“- bunte Schals, Hosen und Kleider, Flickenmode und langes Haar. Diese Familie ist wohl kein typisches Beispiel, denke ich. Später am Abend erfahre ich, dass die Eltern unter den Ersten gewesen sind, die den Ort vor 20 Jahren gegründet haben. Sie kennen die Einwohnerzahlen, die Nachbarn, ihre Kinder und die Orte, an denen man gefahrlos spazieren kann. Sie arbeiten in der lokalen Yeshiva und in einer Schule einer benachbarten Siedlung. Viele im Ort sind Lehrer, Erzieher, Psychologen, Sozialarbeiter. Die Kinder ergreifen oft dieselben Berufe: religiöse Mädchen lernen Kinderbetreuung, Jungen werden manchmal Ärzte, manchmal Anwälte oder Lehrer. Die neue Generation entdeckt nach und nach neue Bereiche, wie Technik und

Siedlung Har Bracha auf dem Berg Garizim im Zentrum Samarias.  (Foto: Shomron Municipality)
Siedlung Har Bracha auf dem Berg Garizim im Zentrum Samarias.
(Foto: Shomron Municipality)

Gestaltung. Die Siedler, sie sind anders, sie haben keinen großen Gefallen am großen Geld und globalen Austausch: Es würde ihnen nicht helfen, die Kinder großzuziehen oder ihre Häuser gegen die Araber oder die Regierung zu verteidigen. Die Eltern sind Idealisten aus Lebenserfahrung. Die Kinder… wenn überhaupt Idealisten, dann aus Überzeugung oder Erziehung.  Schwer zu sagen, bei dieser neuen Generation. Meine Freundin gehört ihr auch an. Und auch ich. Und wir suchen uns noch, ob im Dorf oder in der Großstadt.

Shabbat hat begonnen. Diese Siedlung ist religiös, wie die meisten im Shomron. Nicht „charedisch“ – nationalreligiös. Wir beten, wir essen. Draußen ist es nicht kalt, nur sehr dunkel. Es werden buntgemischte Lieder gesungen: sefardische, ashkenasische und jemenitische. Auch die Siedlung ist nicht einseitig. Es gibt hier vielleicht nicht mehr als zweihundert Familien mit unterschiedlichen

"Juden vertreiben keine Juden." Aufkleber aus der zeit des Gaza-Rückzugs 2005
„Juden vertreiben keine Juden.“ Aufkleber aus der Zeit des Gaza-Rückzugs 2005

Traditionen, aber sie alle glauben an dasselbe Ideal – „Eretz Israel ist unser Land“. Nichts Neues, und dennoch  ist es schwer. Aufkleber, Plakate und Poster erinnern von Zeit zu Zeit an die Realität der Einwohner: „Juden vertreiben keine Juden“, „Keine Araber – keine Attentate“, „Sie wollen die Häuser abreißen – wehrt euch!“, aber es ist kein Gesprächsthema am Tisch. Menachem ist vorbeigekommen. Wer bewacht jetzt wohl die Einfahrt? Außer Armeefahrzeugen fährt hier kein Auto mehr herauf.

"Keine Araber - keine Attentate"
„Keine Araber – keine Attentate“

Die Siedlung  ist mit Laternen beleuchtet. Das Haus verstummt. Man liest ein Buch oder geht schlafen. Die Dörfer sind wie kleine Lichtinseln, für jeden deutlich zu sehen, in der Schwärze, in der die Berge Shomrons versinken.

Der Morgen bricht an. Warum erwarte ich heimlich, dass etwas geschieht? Ich verspäte mich zum Morgengebet. Noch immer ist es neblig, vielleicht ist es hier immer so. Das Gras ist nass vom Tau. Viele Kinderstimmen klingen in den Straßen. Die Synagogen sind voll. Daheim warten das Essen und die Lieder. Die Ruhe schläfert mich ein. Als die Nachbarn und Freunde vorbeikommen, verschwinde ich im Zimmer und lege mich schlafen. Neben mir schläft ein Baby, das die Attraktion des Tages gewesen ist. Seine Mutter, eine sehr junge Frau, sagte, sie könne es nicht erwarten, das Kind wachsen zu sehen. Der Vater wirkte noch jünger und trug schlabbrige Jeans. Sie ekelten sich noch immer vor dem Windelwechseln.

Sicht auf Shchem (Nablus), Nordteil.
Sicht auf Shchem (Nablus), Nordteil.

Ich reiße mich aus dem Schlaf. Zeit für einen Spaziergang. Bisher habe ich nur ein paar Straßen und die Aussicht vom Berg gesehen. Am Berghang stehen die Häuser von Nablus – Shchem, der berühmt-berüchtigten Stadt, verstreut in der Gegend. Sie wirken unbedeutend. Beim Spaziergang verstehe ich, wie klein die Siedlung wirklich ist. Auf einem Nachbarhügel stehen ein paar

Sicht auf Shchem (Nablus), zentraler Teil.
Sicht auf Shchem (Nablus), zentraler Teil.

Wohncontainer. „Man darf dort nicht bauen“, erklärt meine Freundin. Ich weiß nicht, wo man tatsächlich bauen darf. Fast jeder  jüdische Ort hier hat eine schwere Geburt hinter sich. Was mit einer Gruppe mutiger  und kompromissloser Israelis anfängt, die auf einem Hügel notdürftige Holzbauten oder Wohnwagen hinstellen, kann mit einem Überfall aus den umliegenden arabischen Dörfern oder den Baggern der Regierung enden, die dem Projekt ein Ende bereiten. Siedlungen kommen und gehen. Was im Fernsehen oft aussieht wie eine Ordnungswidrigkeit und politische Auseinandersetzung, ist an Ort und Stelle ein Kampf ums Überleben.

Der Abend kommt schnell und Shabbat ist nun vorbei. Es wird für mich Zeit, zu gehen. Ich muss ins Landeszentrum, zu Freunden, zur Arbeit, ich habe nichts mehr zu tun in Shomron. Ich würde es gern bereisen, bewandern, aber allein ist das wohl zu riskant. Die Idee kam mir spontan am Nachmittag. Ich helfe meinen Freunden bei einem technischen Problem. Sie können leider kein Englisch. Ich muss mit meinem Koffer weg und es gibt keinen Bus. Sie finden für mich eine Mitfahrgelegenheit. So fahren die Meisten hier in der Gegend. Ob das gefährlich ist? Ich frage nicht nach. Wieder ist es Nacht und ich umarme meine Freundin und danke allen. „Ich war still und habe kaum geredet, aber kommt nur daher, dass ich so viel zu lernen hatte. Ich habe wirklich viel gelernt. Es war schön. Todá.“

Im Auto zerquetscht mir mein Koffer die Beine. Die Mitfahrer sind südamerikanische Juden. Das Auto zerschneidet rasant die Dunkelheit. Wie die israelische Verwaltung doch gut vorgesorgt hat: Der Asphalt ist beleuchtet, die Straßen gut gebaut. Der Druck in den Ohren nimmt ab – wir fahren die Berge hinab. Eine Barriere nähert sich, ein „Checkpoint“. „Woher kommst du?“, fragt unser Fahrer eine hübsche Soldatin. Er will ihr einen Kaffee bestellen. Sie lässt uns lachend durch. Wir fahren weiter. Es dauert eine halbe Stunde, eine ganze Welt hinter sich zu lassen. Ich starre noch aus dem Fenster, da fragt mich der Fahrer: „Gleich musst du aussteigen, nicht wahr?“ Die Einfahrt nach Rosh Ha’ayin im Zentrum von Israel. Die Reise ist vorbei. Ich steige aus und sehe das altbekannte Flachland vor mir: Hochhäuser. Tankstellen. Busse. Verkehr. Bäume. Israel, wie man es kennt. Wie wir Neuen es kennen. So und nicht anders. Das andere Israel bleibt Augen und Köpfen verborgen. So verborgen und unerreichbar, dass sogar die Journalisten nicht wissen, worüber sie schreiben. Die jüdischen Siedler, – sie sind keine Erfindung von heute. Die ersten kamen in 1882*. Die anderen kämpften um  1948. Und die heutigen sind in den Bergen, die unsereiner nicht kennt, – und sie halten nichts von Israels Grenzen auf den Landkarten. Ich muss mich fragen: Wo lägen unsere heutigen Grenzen wohl ohne sie? … “


 

Der obige Text wurde von mir geschrieben und erschien in der Novemberausgabe 2011 Nr.69 der Jüdischen Zeitung, und ebenso in der Studentenzeitschrift „LEV“ 2011. 

Gemeint sind die ersten organisierten Einwanderungswellen nach Eretz Israel unter osmanischer Herrschaft. Nennenswerte jüdische Siedlungsversuche und auch Errungenschaften gab es durchgängig vermehrt im Zuge des  gesamten 19.Jahrhunderts.