Absurder Alltag

Heute um 10.05 ertönte in ganz Israel die Alarmsirene, wie sie normalerweise bei Raketenangriffen ausgelöst wird. Es handelte sich um eine landesweite Übung der Heimatfront-Abteilung zur Überprüfung ihrer Funktionsweise für den Notfall.

Ich hörte die Sirene bei mir aus dem Karavan, von den Bergen und Hügeln aufsteigen, sich mitten in einem herrlichen, sonnigen Morgen  ausbreitend, unüberhörbar, sich präsent machend, warnend – trotz keiner Gefahr im Verzug ließ sie ein Gefühl von Unruhe aufkommen.

Und ich dachte mir – das ist doch ein Wahnsinn. Ein Absurd. Wo gibt es noch auf dieser Welt ein Land, ein winziges Land, das bis auf die Zähne bewaffnet sein muss, um seinen Platz auf seinem Fleck Erde zu verteidigen; welches an einem sonnigen Morgen eine Sirene proben muss, weil zu seinem Alltag des Öfteren Raketen gehören, die auf es abgeschossen werden. Ein Land, dessen Bewohner unter Raketen und inmitten von Kriegen leben, und anstatt zu flüchten, sich Wege ausdenken, um sich zu schützen und dennoch weiter zu leben, und das Leben zu genießen. Trotz Raketen, trotz Bomben. Man schießt auf uns, und wir machen die Sirene an, ducken uns, und dann, wenn es vorbei ist, kommen wir heraus und leben einfach weiter.

Es ist surreal, es ist unnatürlich, es ist kaum nachvollziehbar. Und bei uns gibt es Comedyshows, und die sind voller Themen über Raketen, Bomben und Kriegsbedrohungen, und die Menschen lachen sich schief und krumm über sich selbst – und am Morgen geht es weiter.
Gerade in meinem Karavan, und angesichts dieser Surrealität, begreife ich wie noch nie zuvor, wie zeitbegrenzt und unsicher doch unser Dasein ist. Wie schnell etwas vergehen kann, wie unfest das ist, was wir uns aufbauen. Außer uns selbst, unserer Seele und unseres Verstandes haben wir nichts, worauf man sich verlassen könnte – und auch diese sind nicht immer so verlässlich.

Ein beliebtes Lied der Band „Hatikva 6“, welches schon die dritte Woche auf Platz 1 der Radiocharts steht, verdeutlicht in meinen Augen am Besten die Art und Weise, mit welcher Israel seine Existenz webt, ohne Rücksicht auf den Absurd zu nehmen, welches diese umgibt. Es lautet so:

Es ist schwierig mit den Nachrichten hier
Darum nehm‘ ich mir ab und zu das Auto
Und fahre aus der Stadt in den Norden herauf
Bevor mal wieder ein Krieg beginnt
Und die Knie zittern mir ein wenig
Es fällt schwer, zu verdauen, was ich so höre
Noch von damals, von dem einen Refrain
Israel, Syrien, Libanon

Ich muss mich abschalten,
Der Talk im Fernseh’n war spannend
Alles hört sich an wie ’ne Sirene
Muss die Geräusche abschalten
Und die Bedrücktheit verjagen

Mach mir einen Arik [Einstein] an, so zur Entspannung
Lass mich den Kopf kurz anlehnen
Mach mir einen Zohar [Argov] an, so für kurze Zeit
Ein bisschen was Nettes für die Seele…

https://youtu.be/izTMmZ9WYlE

(Lyrics: Omri Glickman)

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8 Kommentare zu “Absurder Alltag”

  1. Hallo Chaya,

    Die Absurdität Eures Konfliktes bzw. Krieges mit den Palästinensern ist ein weites Feld.

    Mein Eindruck ist, ein Großteil der israelischen Juden versteht sich nicht als Teil einer kriegführenden Nation. Ausnahmen gibt es: Im kahanistischen Flügel der Siedlerbewegung begreifen sich einige als Kriegspartei und treten für den totalen Krieg ein. IDF und Schabak andererseits wissen, dass ihre Gewaltherrschaft über die Palästinenser Gewalt verursacht und glauben nicht den Konflikt allein mit militärischen Mitteln gewinnen zu können.

    Für den Rest der Nation scheint diese Perspektive nicht zu existieren. Die Einen denken wie eine verfolgte Minderheit in der Diaspora, die ihre Zukunft nicht gestalten kann, weil die Umwelt nun mal antisemitisch ist, auch die Staatenwelt. Die Anderen glauben, wenn Israel nur entschieden genug handelt, einig, lautstark und voller Gottvertrauen, wird es alles erreichen, was es will. Beides finde ich wirklichkeitsfern.

    Diese Dissonanzen zwischen verschiedenen nationalen Selbstbildern, den entsprechend israelischen Vorstellungen von der Zukunft und den realpolitischen Möglichkeiten eines Nationalstaates scheinen mir eine Quelle für Israels Surrealität.

    ———

    Ganz persönlich betrachtet, denke ich bei Probealarmen an die Zeit des Kalten Krieges, als auch hierzulande die Sirenen regelmäßig getestet wurden. Im Ernstfall hätte ihr Heulen wohl das Ende der Welt angekündigt, in einem atomaren Feuerball. Aber wir hatten Glück damals.

    Auch Dir wünsche ich Glück. Das wird ein schwieriges Jahr, bitte pass auf Dich auf.

    Viele Grüße

    Ludwig

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    1. Lieber Ludwig, es ist zwar länger her, ich las dies aber erst heute.
      Sie sprechen in typisch europäischen Friedens-Engel-Denken.
      Europa hat es geschafft, 70 Jahre in Frieden zu leben, mit Ausnahmen – wenn wir an Jugoslawien, Kosovo usw. denken!

      „Gewalt ruft Gegengewalt“ hervor, also „reden“ wir doch mal lieber. Reden wir jahrelang, oder so lange, bis es zu spät ist. Wir nennen es dann: Diskussionen oder politische Gespräche.
      Dieses „Friedensgeplänkel“ kennt man, wegen der ISIS, die nun allgemein IS genannt wird (was eine ARt Anerkennung für sie ist, sie als „islamsichen Staat“ betitelt) – da wurde jahrelang geredet – das Ende dieser unsäglichen Diskussionen (Syrien-Gespräche genannt) ist nun, dass der IS unheimlich mächtig ist und seine „Soldaten“ bereits in Europa jetabliert hat.
      Und bei islamistischen Anschlägen mitten in Europa, ob Frankreich oder Deutschland zur Zeit, da „reden“ wir ja auch erst einmal, da haben wir Mitleid mit einem erschossenen Islamisten – da lehnen WIR die „Gegengewalt“ ab, die eigentlich eine „Verteidigung“ ist. Nichts anderes macht Israel: sie verteidigen sich.

      Welche „Gewaltherrschaft“ über die sogenannten „Palästinenser“ meinen sie eigentlich, besser gefragt: wo?
      Aus Gaza hat sich Israel vollkommen zurück gezogen, was als „Belohnung“ dauernden Raketenbeschuß sowie Entführungen nach sich zog. In der Westbank leben die „Palästinenser“ in autonomen Gebieten, in denen sie selbst „herrschen“. Aus diesen Gebieten kommen diese feigen Messermörder, bei denen doch noch die Europäer mitleid haben, wenn diese aus „Gefahr im Verzug“ erschossen werden!

      Es waren und sind die Araber und die sogenannten „Palästinenser“, die keinen Frieden wollen. Die Charta der Hamas und Fatah sprechen da eine deutliche Sprache – allerdings scheinen Europäer gar keine Ahnung davon zu haben, bzw. nehmen dies anscheinend nicht ernst. Und ja, ich bin auch Europäerin, lebe in Deutschland – und trotzdem sind mir diese umstände sehr bewußt und bekannt.

      Es stimmt schon, was Golda Meir mal sagte: „Die Moslems können kämpfen und verlieren, und dann wiederkommen und erneut kämpfen. Aber Israel kann nur einmal verlieren.“

      Aber, all das ist einem Europäer meist egal, der regt sich erst auf, wenn in der Grabeskirche etwas passiert oder JUDEN, die „Frechheit“ haben, über das Plateau Tempelberg zu gehen.

      Und Europäer wissen auch nicht, dass die weltweit ausgerufene Fatwa, dass jeder Jude weltweit zu töten ist – sowie der Befehl der Hamas (der ähnlich von der Fatah herausgegeben wurde) – dass jeder Jude und Israeli ein Soldat sei, auch Zivilisten sowie Kinder, Säuglinge, dementsprechend zu töten ist, noch existiert und nie widerrufen wurde?

      Natürlich will Israel Frieden, aber seine Nachbarn wollen es nicht.

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      1. Hallo Imma,

        Das passt schon mit der Zeitverzögerung, Diskussionen zwischen Deiner und meiner Sichtweise sind ohnehin episch, deshalb auch habe ich mir Zeit mit der Antwort gelassen und gehe dafür mehr in die Tiefe.

        Mir scheint, Du verstehst Krieg nur als binären Kampf zwischen Gut und Böse, sonst wüstest Du, dass Friedensengel und Kriegsteufel oft die gleichen Wesen sind, nur in verschiedene Worte gekleidet. Klar gibt es Europäer, die nicht verstehen, wie Krieg funktioniert. Diese Unwissenheit ist ein Luxus, den wir uns leisten können, weil unsere Nachbarn unsere Grenzen anerkennen und weil wir Atomwaffen haben.

        Dein Post gibt die Weltsicht des jüdischen Mainstreams zwischen israelischer Mitte und Rechten wider. Nur scheint mir, dass viele Israelis nicht in der gleichen politisch-militärischen Wirklichkeit leben, die sich mir darstellt. Zum Abgleich mit meiner Realität hätte ich dazu vier gute Nachrichten und eine schlechte Nachricht.

        Die schlechte Nachricht zuerst. Die bekannten Golda-Meir-Zitate sind politische Märchen. Israel hat seit 1973 viele Kriege verloren und keinen Krieg gewonnen.

        Jedenfalls nicht, wenn man „Sieg“ versteht als eine nachhaltige Ausweitung der politischen Handlungsspielräume des Staates Israel durch den Einsatz militärischer Gewalt. Natürlich hat die IDF in ihren Kriegen deutlich mehr kinetische Energie freigesetzt als Israels Feinde. Wer mag, kann das dann „Sieg“ nennen. Aber selbst wenn man als militärisches Kriterium für „Sieg“ ansetzt, dass Israel durch einen Krieg mehr Abschreckungspotential aufbauen konnte als der jeweilige Gegner, finden sich etliche Niederlagen.

        Besonders deutlich ist das in den Kriegen zwischen Israel und den Palästinensern in Gaza. Jeder Krieg seit 2007 hat die palästinensische Abschreckung gestärkt. Konnte die Hamas zunächst nur die unmittelbare Nachbarschaft Gazas angreifen, so erreichen ihre Raketen mittlerweile Haifa, sie konnten 2014 den Flughafen von Tel Aviv lahmlegen und werden das vermutlich auch in den nächsten Kriegen wieder tun.

        Währenddessen hat Israel dreimal gezeigt, dass es in der Lage ist Palästinenser zu töten und Teile von Gaza zu zerstören. Das hat niemanden wirklich überrascht. Trotzdem musste die israelische Regierung 2014 lernen, dass sie die Hamas-Regierung nicht besiegen konnte, weil ihr dazu die politischen Spielräume fehlten.

        Seither führen die Hamas und die israelische Regierung Friedensverhandlungen, die kürzlich im Rahmen der Aussöhnung zwischen Israel und der Türkei zu einem vorläufigen Ergebnis gekommen sind. Dabei hat man sich auf Spielregeln und vertrauensbildende Maßnahmen geeinigt. Beispielsweise machte es Israel im Juli möglich, dass Qatar die Gehälter der Hamas-Angestellten nach Gaza transferieren konnte, was vor dem Krieg unvorstellbar war:

        http://www.timesofisrael.com/as-qatar-solves-gazas-wages-crisis-could-it-be-that-hamas-has-liberman-to-thank/

        Demnach ist eine Art Friedensprozess in Gang gekommen zwischen Israel und den islamistischen Nationalisten von der Hamas. Die beiden Kriegsparteien haben sich gegenseitig anerkannt, de facto und hinter den Kulissen jedenfalls. Dadurch haben sie mehr Optionen politische Kompromisse zu finden als vor dem Krieg 2014, was hoffentlich die Zeit bis zum nächsten Krieg verlängert.

        Darin sehe ich die erste gute Nachricht.

        Die zweite noch bessere Nachricht ist, dass Israel seit 1973 keine existentiellen Kriege mehr führt.

        Seit 1973 betreiben Israel und seine jeweiligen Feinde bewaffnete Politik und nennen das dann mal „Krieg“ mal „Terror“. Dabei versuchen sie einander mit Gewalt ihren Willen aufzuzwingen. Das funktioniert manchmal und manchmal nicht, Dinge explodieren, Menschen sterben, etwas weniger Terror hier, etwas mehr Abschreckung dort, oder umgekehrt. So mäandert der Konflikt zwischen Juden und Palästinensern seit über 40 Jahren vor sich hin, von Schrecken zu Schrecken. Das ist schlimm und wie Chaya oben sag: „Absurder Alltag“, aber keine existentielle militärische Bedrohung für den Staat Israel.

        Unterdessen hat sich der Arabisch-Israelische Konflikt vom Militärischen ins Politische verlagert. Einerseits hat Israels Atomwaffenprogramm seit den 70ern die arabischen Staaten von weiteren Angriffen mit regulären Armeen abgeschreckt. Andererseits hat die israelische Regierung kürzlich informelle Verhandlungen mit verschiedenen arabischen Staaten über die Saudischen Friedensinitiative begonnen. Schade, dass Israel erst auf die bedrohlichen Umwälzungen seit 2011 warten und drei Kriege mit Gaza führen musste, bis es reif genug war, um ein Verhandlungsangebot aus dem Jahre 2002 aufzugreifen.

        Trotzdem, eine dritte gute Nachricht, die anscheinend vielen entgangen ist.

        Die vierte gute Nachricht, 2016 ist in der Westbank kein großer Krieg zwischen Juden und Palästinensern ausgebrochen. Zwar führen palästinensische Jugendliche seit Oktober 2015 einen selbstmörderischen Terrorkrieg gegen Israel, vor allem in Jerusalem, Hebron und in Area C. Doch der blieb beschränkt und hat sich nicht zu einer nationalen Intifada ausgeweitet, wie ich befürchtet hatte, als ich im Februar den Post oben geschrieben habe.

        Diese – relative – Ruhe ist kein Zufall, sondern beruht auf Entscheidungen, die ganz unterschiedliche Akteure getroffen haben. Wer eine dritte Intifada auf welche Weise verhindert, da habe ich so meine eigenen Vermutungen:

        Die IDF in der Westbank, der Generalstab und die militärischen Eliten Israels haben – so deutlich wie möglich – bekräftigt, dass ein palästinensisches Staatswesen gut für Israel ist, und diese Aussage durch greifbare wirtschaftliche Schritte untermauert. Im Gegenzug arbeiten die Sicherheitskräfte der PA, also die Armee Palästinas, koordiniert und effektiv mit IDF und Schabak in der Aufstandsbekämpfung.

        Ich glaube die PA-Regierung und die Führung der Fatah haben abgewogen, ob sich eine Ausweitung des Krieges für Palästina lohnt und sich dagegen entschieden. Ein Grund dafür waren die Verhandlungen der PLO mit der Internationalen Gemeinschaft über die Stärkung der palästinensischen Staatlichkeit. Da stehen einige Versprechen für die Zeit nach den US-Wahlen im Raum, beispielsweise Resolutionen im Weltsicherheitsrat, eine Neuauflage der Clinton-Parameter durch die Obama Regierung oder die Anerkennung Palästinas durch europäische Staaten. Optionen jedenfalls, die aussichtsreicher und weniger kostspielig sind als ein Krieg mit Israel.

        Wenn ich mir anschaue, was die Regierungskoalition und die politische Öffentlichkeit Israels sagen, scheint mir die israelische Debatte weitgehend irrelevant für diese Abwägungen zwischen Krieg und Frieden. Auch dieses Jahr ist die jüdische Nation wieder mal im Kreis gelaufen. Ein Teil der Rechten träumt von Souveränität über das Herzland und spielt sich weiter vor, dieses Ziel sei ohne Krieg erreichbar. Andere, mehr im Zentrum der Regierungsfraktionen, halten Abwarten und Aussitzen für die sicherste Zukunftsstrategie, wie immer. Die Spitzen der Oppositionsparteien versuchen sich in Außenpolitik, auch schön. Nur die Entscheidung, ob das jüdische Volk 2015 mit der palästinensischen Nation Krieg führen soll, blieb anderen überlassen.

        Ich glaube das liegt daran, dass zu viele israelische Juden ungefähr so denken wie Du Imma. Mit dem von Dir und weiter oben ähnlich von Chaya skizzierten Weltbild kann man zwar halsstarrig und verbissen kämpfen. Aber die jüdische Nation kann mit dieser existentielle Kriegsvorstellung nicht entscheiden, ob sie Kriege führen will, weil sie die politische Dimension des Krieges zwischen Nationen nicht begreift. So bleiben Krieg und Frieden eine Frage von Glück oder Pech. Für den Zionismus ist das ein Dilemma, weil so auf Dauer verlorene Kriege wahrscheinlicher sind und Israel damit unsicherer wird.

        Ich sehe zwei ideologische Ursachen dafür, warum Israel seine Zukunft dem Zufall überlässt, indem es dysfunktional denkt:

        Zum einen ist da der lange Schatten der jüdischen Diaspora, durch den die Palästinenser nicht unterscheidbar sind von Kossaken oder SS-Einsatzgruppen. So gesehen ist Israel keine Villa im Dschungel und kein Nationalstaat, sondern immer noch ein Shtetl oder Ghetto in den Ländern wo Golda Meir und andere Gründer des Staates geboren wurden. Nur größer, stärker und stolzer als seine Vorbilder aus dem Osteuropa des 19. Jahrhunderts.

        Andererseits hat sich der Zionismus noch nicht entschieden, ob er eine nationale Befreiungsideologie bleiben möchte oder der Nationalismus eines jüdischen Nationalstaates sein will. Die zionistische Befreiungsbewegung will um jeden Preis das Land Israel befreien, unter anderem vom palästinensischem Nationalismus. Der jüdische Nationalismus hingegen will das Volk und den Staat schützen. Das bringt Zielkonflikte mit sich, weil der Kampf für das Land und gegen die Palästinenser wiederum das Leben von Juden gefährdet und die jüdische Identität Israels zerstören kann.

        Diese beiden Aspekte – Belagerungsmentalität und territoriale Befreiungsideologie – sind kaum trennbar miteinander verwoben. Sie sind, wie gesagt, dysfunktional, weil Israel in der politisch-militärischen Wirklichkeit ein Nationalstaat ist, keine Befreiungsbewegung die einen Staat hat, und auch kein Shtetl in der osteuropäischen Steppe, sondern eine Mittelmacht in einem geopolitischen Brennpunkt.

        Aus meiner Sicht ist das kein abstraktes Problem, sondern Hintergrund der aktuellen Lähmung des Zionismus. Denn in seiner politisch-militärischen Wirklichkeit stellt sich für den Nationalstaat Israel beständig die Frage, ob ein Krieg gegen die Palästinenser oder ein Bürgerkrieg mit der zionistischen Befreiungsbewegung nötig werden.

        Kurz gesagt Imma, gleichgültig was wir uns wünschen, leben wir in einer Welt, die auch durch Abschreckung zusammen gehalten und von Kriegen vorangetrieben wird. Deshalb bin ich nicht gegen Kriege, sondern nur gegen dümmliche und selbstzerstörerische Kriege die blindlings und angesichts besserer Alternativen geführt und dann verloren werden.

        Was meine „Friedenshetze“ betrifft, konnte ich so vielleicht einiges klarstellen. Ein israelisches Sprichwort lautet: „Was man von hier sieht, sieht man nicht von dort.“ Das stimmt zweifellos, offen bleibt nur, mit welcher Sichtweise man handlungsfähiger ist.

        Viele Grüße

        Ludwig

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      2. Hallo Ludwig, ein Grund, weshalb deine Kommentare so wertvoll sind für den Blog, ist, dass sie so ausführlich und nachhaltig von dir verfasst werden. Leider bringt es eine negative Konsequenz mit sich – dass ich sie erst spät durchzuarbeiten schaffe.
        Nichtsdestotrotz, ich habe es durchgearbeitet. Danke für den Kommentar; ich bin mit manchem sehr und mit anderem weniger einverstanden, kann aber nichts in diesem Sinne belegen, weil es auch viel zu tief hineingehen würde in die Materie; aber deine Analyse ist in jedem Fall beeindruckend, danke nochmals.

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      3. Hallo Ludwig,
        danke für die ausführliche Mitteilung/Antwort. Ich habe sie nur quergelesen und werde sie ausfürhlich morgen bei nem Mokka mir zu Gemüte führen. Beim Querlesen dachte ich teilweise: oh, er hat eine satirische Ader, der Ludwig.
        Bis später also
        LG an dich und alle Anwesenden

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  2. @Paul: Eigentlich genau deswegen. Juden wehren sich kaum, drum haut die Welt auf Israel drauf wie besessen. Andere wehren sich, drum ist Kritik an denen sogar quasi „verboten“. Zähne zeigen wäre ein ziemlich gutes Heilmittel. Diese meine Haltung ist kontrovers und wird erfahrungsgemäß auch von den „eigenen Leuten“ zerrissen, aber sie entspricht wirklich meiner Erfahrung.
    @Chaya: Ich schließe mich an, das ist ein reichlich absurder Zustand — diese Unsicherheit, dieses Gefühl des Alleinseins, diese Defensivhaltung angesichts der Bedrohung und das trotzige Weitermachen am nächsten Tag. Israel hat alles mögliche für den Frieden getan. Die westliche Welt wird trotzdem weitermobben. Wäre doch nur endlich Frieden.

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  3. Liebe Chaya,
    Deine Worte haben mein Herz berührt.
    Ja, es ist schon absurd was in der Welt so passiert. Warum passiert das Euch, den Juden, die bereit sind mit Ihren Nachbarn in Frieden zu leben? Die schon oft und oft ihre Hand in friedlicher Absicht ausgestreckt haben. Zu Kompromissen bereit waren um des lieben Friedens willen. Immer wieder wurde die Friedensgeste als Zeichen der Schwachheit interpretiert und hat die Angriffe beflügelt.

    Wann wird das mal ein Ende haben?

    Der HERR segne Israel und alle seine Bewohner und er möge sie beschützen.

    Herzlich, Paul

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