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„Das irrelevante Kopftuch“ Na’ama Henkin sel.A.

10421622_401196053387094_3221754775169969373_nDieser Text wurde von Na’ama Henkin, der ermordeten jungen Frau und Mutter aus Neria, vor etwa drei Jahren auf der israelischen Blogplattform „Point of View“ veröffentlicht. Na’ama Henkin bloggte dort zusammen mit anderen jungen Frauen aus Judäa und Samaria auf Englisch über verschiedene Aspekte ihres Lebens. In diesem Text versucht sie, anhand eigener Erfahrung als erfolgreiche religiöse Grafikerin aus einer Siedlung die Diskrepanz der  gegenseitigen Wahrnehmungen innerhalb der israelischen Gesellschaft, zwischen „Religiösen“, „Siedlern“, „Tel Avivern“ und „Sekulären“ darzustellen. Vor drei Jahren habe ich diesen Text nicht gekannt, und heute gelangt er an die Oberfläche durch den grausamen Mord an Na’ama und ihrem Mann Eytam, und zeigt auf einige schmerzvolle Aspekte der Selbstwahrnehmunng der israelischen Gesellschaft. Übersetzt von mir.


Na'ama Henkin hy"d

Na’ama Henkin hy“d

Das irrelevante Kopftuch*

Hier bin ich wieder, bereite mich für ein Meeting in Tel Aviv vor, öffne zum hundertsten Mal meinen Schrank, um mir herauszusuchen, was ich anziehen soll.  Was wird bescheiden, aber modisch aussehen, elegant, aber nicht zu sehr? Trotz meiner Bestrebungen weiß ich, dass wenn ich im Herzen Tel Avivs aus dem Auto steigen werde, ich anders aussehen und mich anders fühlen werde. Ich werde „eine von denen“ sein. Mein Designer-Kopftuch, das mir viele Komplimente von meinen Freundinnen in meiner Gemeinschaft einbringen wird, dasselbe Kopftuch ist so üblich und relevant in Tel Aviv wie ein Hijab – nämlich absolut irrelevant.

Nachdem ich es geschafft habe, meinen Minderwertigkeitskomplex zu überwinden, betrete ich das das Gebäude, in dem mein Meeting stattfindet (natürlich bin ich 10 Minuten zu spät, denn der Tel Aviver Verkehr scheint mich immer wieder von Neuem zu überraschen). Ein kurzer Stopp auf der Toilette gibt mir noch mal die Chance, mein Aussehen neu zu ordnen, mein Make-up zu korrigieren und mein Kopftuch neu festzubinden. Wen versuche ich hier eigentlich zum Narren zu halten?, denke ich mir, ein religiöses Mädel wird immer ein solches bleiben.

Während ich mir meinen Weg zum Treffen bahne, überlege ich vor mich hin: werden sie überrascht sein, zu sehen, dass ich gläubig bin? Wird die Person, die meine Arbeit bestellt hat, zu meiner professionellen Beschreibung hinzufügen: ‚Wir werden mit Na’ama zusammenarbeiten, sie macht Interface-Design. Ja, die eine Religiöse mit dem Kopftuch, aber sie ist eigentlich ganz cool“… Ich war niemals dabei, wenn ein solcher Satz gesagt wurde, aber ich fühle ihn immer, wenn ich in den Raum hineinkomme. Auch wenn ich mit einem Lächeln begrüßt werde, versuchen die Männer immer, diesen peinlichen Moment, die Hände zum Händeschütteln auszustrecken in der Erwartung, meine Hand zu schütteln, zu vermeiden. Und die Sekretärin bestätigt mir lächelnd, der Kaffee sei koscher.

Dann kommt der Smalltalk. Jemand wird fragen: „So, woher sagten Sie, dass Sie kommen? Jerusalem?“ Und ich werde rot anlaufen und sagen, „nein, ich komme aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Modi’in.“ „Oh“, werden sie sagen und mit den Köpfen nicken, „wir haben von dieser Stadt gehört. Ein netter Ort. Wir sollten wirklich einmal dorthin mit unseren Kindern fahren, dort müsste ein schöner Park sein.“

Hier liegt Neria
Hier liegt Neria

 Eines Tages  – so verspreche ich dem verstörten Verlangen nach Gerechtigkeit in meinem Inneren – , vielleicht, wenn ich erwachsen sein werde, werde ich den Mut haben, die Wahrheit zu sagen. Ich lebe in Neria, einer Gemeinschaft in der Binyamin-Region. Ja, es liegt auf der anderen Seite der Grünen Linie. Die Medien mögen es eine „Siedlung“ nennen, aber für uns ist es einfach „Zuhause“. Kommt vorbei, wenn ihr die Gelegenheit dazu findet, es ist wirklich wunderschön dort. 


*Anmerkung: Das Haar zu bedecken, ist religionsgesetzliche Pflicht für verheiratete jüdische Frauen. Dabei gibt es verschiedene Bräuche, wie man das Haar zu bedecken hat – in welchem Maße, oder auch womit. Heute entscheiden sich sehr viele religiöse jüdische Frauen für Kopftücher. Andere wählen dafür eine Echthaar-Perücke. 

 

Realitäten und Reaktionen

…Es ist schon gruselig, muss ich zugeben.

Vier Jahre bin ich in Israel, und erst ein Jahr lang erlebe ich die Realität der „besetzen Gebiete“ hautnah, und habe einen solch radikalen Wandel meines Lebensalltags mitmachen müssen – einen solchen hätte ich mir nicht erträumen lassen. Für die meisten Israelis ist „Intifada“ kein neuer Begriff, und auch Terrorattacken sind Teil ihrer Geschichte. Das Land und seine Leute haben in den letzten 67 Jahren außergewöhnlich viele Extremsituationen und reale Gefahren durchgehen müssen. Ich allerdings komme aus einer Welt mit einem relativ „heilen“ Selbstverständnis, aus einem Deutschland und Europa, welches die Bedrohung des islamisch motivierten Terrors noch nicht gekannt hatte. Zum Beispiel hätte ich mir niemals ausmalen können, in einem Land zu leben, in welchem die Polizei oder der Notfalldienst per Internet die Einwohner über Abwehrmethoden von Messerattacken informieren. Über Raketenangriffe. Über Brandbombenattentate. In einem Land, in dem ein  Bürgermeister die Mitbürger auffordert, Waffen bei sich zu tragen. Wo Menschen Steinblöcke auf vorbeifahrende Autos werfen. Und wo eine Wellblechhütte auf einem Hügel einen internationalen Skandal hervorruft, jedoch der Ruf nach totaler Vernichtung eines Volkes als der Schrei von Unterdrückten übersetzt wird.

Und nun, da ich hier lebe, bleibt mir nichts anderes übrig, als das oben Aufgezählte und noch weitere „irre“ Elemente des Alltags in meinem Leben zu akzeptieren, ohne sich zu wundern, übermäßig zu beschweren oder Alarm zu schlagen. Ich dachte, Raketenbeschuss auf Städte sei etwas Unfassbares? Es gibt Terrortunnel. Tunnel seien inakzeptabel? Es kann auch Krieg geben. Krieg ist ein Notstand? Und was sagt man zu Messerstechereien auf der Straße? Entsetzlich? Es gibt auch Schüsse aus vorbeifahrenden Autos. Sprachlos? Man kann jemanden auch an der Halterstelle über den Haufen fahren und dazu Videoanleitungen zum besseren Gelingen im Internet verbreiten.

Ich habe in all den vier Jahren noch kein einziges Mal den Gedanken gehabt, aufgrund der zahlreichen Bedrohungen meine Koffer zu packen und zurück nach Deutschland zu kehren. Stattdessen lerne ich, mich in die Lebenswirklichkeit der Menschen hier einzufügen nd beobachte  die Art und Weise, wie meine Mitbürger und meine Umgebung mit den Situationen umgehen.

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Mädchen mit Torarolle bei der Demo in Jerusalem. Foto: Efrat Kislev
Mädchen mit Torarolle bei der Demo in Jerusalem. Foto: Efrat Kislev

Trotz oder gerade wegen der großen Enttäuschung, welche die nationalreligiös geprägte Gesellschaft gegenüber der von ihr gewählten Regierung fühlt, gibt es politischen Aktivismus. Nicht nur seitens der offiziellen Vertreter der jeweiligen Interessen, sondern bei den regulären Bürgern. So erschienen zu einer in der israelischen Presse als „rechte“ Demonstration katalogisierten Veranstaltung am 05.10.15 vor der Residenz des Premierministers in Jerusalem (Paris Square) mehrere Tausend Israelis, um gegen die Terrorwelle und die Bedrohungen zu protestieren. Die Demo fiel auf den Abschluss des „Tora-Freudenfestes“. Aus allen Ecken der „Siedlerwelt“, von Tal Menashe im Norden Samarias bis Yatir an der „Grünen Linie“ im Süden, organisierte man Busse mit Teilnehmerwilligen. Es kamen meist junge Teilnehmer, Familien, Kinder aus Jugendbewegungen, Schulabgänger und auch ältere Menschen. Sie hörten Rednern aus der politischen Sphäre zu (darunter auch zwei Ministern aus der Regierungspartei des Likud), hörten den Aufruf zur Tatkraft von Terroropfer Adva Bitton, protestierten, tanzten, sangen. Trotz des großen Aufgebots, der zentralen Lage und des Timings berichteten führende deutsche Medien über die Demonstration nicht.

Protest auf der Autobahn 398 Richtung Teko'a. Foto: Ulrich J.Becker
Protest auf der Autobahn 398 Richtung Teko’a. Foto: Ulrich J.Becker

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Spontane Zusammenkünfte, wie der Protest gegen Steinwürfe auf die Autobahn bei Teko’a am 07.10.15, nachdem eine jüdische Fahrerin von Arabern am selben Tag beinahe gelyncht worden ist (siehe Facebook-Meldung), fanden und finden weiterhin überall in den Gebieten statt. Vor allem kursieren Flyer, Aufrufe zu Protestevents, Bitten um Gebete für die Verletzten der täglichen Attentate über Whatsapp. Whatsapp muss das beliebteste Kommunikationsmedium in Israel sein. Interessant wäre zu wissen, wie stark seine Popularität infolge der momentanen Situation zugenommen hat – und wie viele Chats von den Shin Bet-Agenten tatsächlich abgefangen werden, um „unliebsame“ Zusammenkünfte zu vereiteln  und Aktivisten auszuspionieren.

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Schon seit Wochen sitzt Yossi Dagan im Zelt vor der Residenz des Premierministers Netanyahu im Zentrum Jerusalems und protestiert durch seine Anwesenheit gegen den wachsenden Terror und die seines  Erachtens mangelhafte Reaktion darauf innerhalb der Region, welche er verwaltet. Yossi ist der stellvertretende Vorsitzende des Judäa- und Samaria-Rates (YESHA), und er ist bekannt als einer, dem die Angelegenheiten seiner Mitbürger am Herzen liegen. Zusammen mit Yossi haben sich dorthin auch mehrere andere Bezirksvorsitzende begeben, so unser Vorsitzender Davidi Perl aus Gush Etzion, der sein Büro „vorübergehend“ vor das

Yossi Dagan auf der Demo am 05.10.15
Yossi Dagan auf der Demo am 05.10.15

Haus des Premierministers verlegt hat. Seine Kollegen und er haben eine lange Liste von Forderungen an den Premierminister. Hin und wieder berichten sie von Treffen mit diesem, er scheint bereit sein, sie anzuhören, aber von Einigungen hört man nicht. Die Forderungen betreffen verschiedene Sicherheitsaspekte – vor allem die notwendigen finanziellen Mittel für Maßnahmen, die die Einwohnersicherheit in Judäa und Samaria stärken sollen. Andere wirken globaler – ein Verlangen nach hartem Durchgreifen gegenüber Terroristen und ihrer sozialen Umgebung. Und dann noch die lauteste Forderung von allen, die auch die letzte Demo angeführt hat – „Bauen gegen Terror“. „Die gebührende zionistische Antwort gegenüber den Morden ist das Bauen und Niederlassen im Land Israel“ ist seit längerer Zeit ein Standart-Leitsatz der Siedlerbewegung. Die einen sagen, eine effektive Sicherung und Vergrößerung der jüdischen Präsenz vor Ort, gerade im Hinblick auf die Übergriffe vor Ort, würde an die Attentäter und ihre Anstifter ein Signal von Stärke senden – ohne sich dabei im Nahkampf oder durch militärische Maßnahmen die „Finger schmutzig zu machen“.  Andere aus derselben Bewegung sehen dies als politischen Missbrauch an, sehen die Notwendigkeit der Sicherheit nicht mit dem Bau von Häusern erfüllt, und weigern sich, den Aufrufen der Bezirksräte zu folgen.

Wo liegt die Autobahn 398?
Wo liegt die Autobahn 398?

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So wie Natan (Name geändert) aus Teko’a. Ein Mann mit Kontakten, Draht zu den Einwohnern und dem Interesse daran, die Autobahn 398 zwischen Jerusalem und Teko’a für Juden sicher zu machen. Nachdem neulich erneut eine Fahrerin von einem Mob auf der Straße angegriffen und beinahe entführt worden worden war, erstellte er eine Liste aus Freiwilligen mit Waffenschein, die von nun an zusätzlich zur Armee und Polizei auf der Straße patroullieren würden, um im richtigen Moment zur Stelle zu sein, sollte die Armee vor Ort nicht genügend Präsenz zeigen.

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Man macht auch Witze. Bildüberschrift: "Ich gehe grad' mal den Müll runterbringen", Quelle: Facebook
Man macht auch Witze. Bildüberschrift: „Ich gehe grad‘ mal den Müll runterbringen“, Quelle: Facebook

Derweilen versendet unsere Regionalverwaltung im Namen von Davidi Perl erneut warnende Emails, diesmal mit direkten Anweisungen, wie man sich im Falle eines Angriffs verhalten sollte. Aufgelistet werden Tipps je nach Art des Angriffs.  Schwierig für mich, nachzuvollziehen oder zu akzeptieren, was solche Anweisungen tatsächlich bedeuten – dass wir uns in einer Kampfzone befinden, dass kriegsähnliche Zustände herrschen, und das im ganzen Land und nicht etwa an den Grenzen allein. Und das nennt sich heute Alltag. Das soll man vereinen mit einem Gang in den Supermarkt, einem Ausflug in die Natur, der Fahrt zur Arbeit oder zur Uni. Wie schwer muss es erst für einen Außenstehenden sein, nachzuvollziehen, was hier geschieht?…

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Sportverein "Israeli Combat Experience" in Gush Etzion
Sportverein „Israeli Combat Experience“ in Gush Etzion

Ein Bekannter von mir bietet seit Neuestem kostenlose Selbstverteidigungskurse an. Das Angebot werde ich mir anschauen, Und auch das mit dem Waffenschein sollte man sich vielleicht überlegen. Denn in den letzten Tagen ist die israelische Presse voll von Berichten von Zivilisten, welche durch eine Waffe, die sie bei sich trugen, das Leben von anderen retten konnten. Bevor Sicherheitskräfte sich einmischen konnten.

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Dem gegenüber stehen auch wütende Israelis aus den Siedlungen und auch aus anderen Städten, die ihre Wut über das Geschehen in Taten verwandeln; heute (09.10) bewarfen Siedler laut YNET die Autobahn nach Shchem (Nablus) in Samaria mit Steinblöcken. Dabei wurden arabische Fahrer verletzt und Autoscheiben zerschmettert. Ebenso wurde die Einfahrt nach Shchem blockiert. In Netanya wurden drei Araber von Einwohnern angegriffen und einer davon verprügelt; laut YNET soll einer von ihnen „Allahu Akbar“ gerufen haben (der übliche Ruf vor Terrorangriffen), der Kontext ist allerdings unklar. In Dimona, einer Stadt, in welcher neben Juden auch Beduinen mit israelischem Pass leben, verletzte ein jüdischer Mann mit einem Messer vier Beduinen, zwei davon offenbar schwer. Die Familie des einen weigerte sich, die Tat ausführlich zu kommentieren, um die Atmosphäre „nicht aufzuheizen“(Zitat).


Was kann ich sagen? Das Fazit ist noch lange nicht gesprochen, für Bilanzen ist es noch zu früh. Welche Forderungen der „Siedlerbewegung“ werden erfüllt werden, welche davon haben keinen Anteil an der Entscheidung der Regierung zu ihrer Verhaltensweise gegenüber dem Terror? Ich weiß es nicht und kann leider keine Prognosen anstellen. Heutzutage kann ich nicht einmal sagen, dass das „Bau-Credo“ der Siedlerbewegung für Judäa und Samaria einen Fortschritt für diese einbringt, wenn es keine offizielle Verstaatlichung von ganz Judäa und Samaria mit sich führt.  Eine Verstaatlichung – Annexion – Eingliederung dieser Regionen würde zumindest schon einmal die Hoffnung der Gegenseite und ihrer Wortführer ersticken, die jüdische Bevölkerung von diesem Fleck Land vertreiben und das Land unter sich aufteilen zu können. Eine Hoffnung, die jeder mit sich führt, der israelische Juden angreift und terrorisiert. Diese Hoffnung wird genährt von der Propaganda der eigenen arabischen Führungskräfte, welche sie seit 1921 und bis heute führen. Sie wird aber auch genährt von der israelischen Gesellschaft, welches nicht eindeutig bereit ist, zu sagen, was sie als ihr Land erachtet und was nicht. Das Ergebnis dieses Mangels an Entschlossenheit, Unklarheit über die eigenen Ziele und Wünsche ist der fast 50-jährige Status Quo der Militärherrschaft in Judäa und Samaria – und alles, was daraus folgt – , unter anderem jeder der bisherigen Gewaltaufstände der Araber in Israel. Vieles hat sich die israelische Politik und Gesellschaft selbst zuzuschreiben – allerdings in anderer Weise, als es heute in der Medienwelt dargestellt wird.

Die Frage ist, gerade in solchen brenzligen Tagen – werden wir die Gelegenheiten, die sich ergeben werden, nutzen, und wenn ja – wie?

„Mein Baby schrie“ – Bericht

Unsere Nachrichten sind in den letzten Tagen erstaunlicherweise voll. Voll von Meldungen ueber Gewaltakte in Judäa und Samaria. Von Steinwürfen, Brandbomben, Schüssen hier und dort, auch in Jerusalem und auch in Lod – einer Stadt mit gemischter arabsich-jüdischer Bevölkerung, weit weg von jeder gruenen oder sonstigen Linie.
Mit einem Mal sind Berichte über arabischen Terror gegenüber Juden „populär“ geworden. Dafür hat es vier grausige Morde innerhalb der letzten 2 Tage gebraucht. Was sonst regelmäßig übergangen und interessenlos zur Behandlung an die Sicherheitskräfte übergeben wird, bekommt auf einmal Namen. Wohlbemerkt, in der israelischen Presse, nicht in der internationalen.

Ich möchte mit euch einen Bericht von Erica Chernovsky teilen.  Sie wurde vor einigen Tagen von Steinewerfern in Gush Etzion angegriffen, und hat das Erlebnis niedergeschrieben. Auf Englisch.

http://blogs.timesofisrael.com/suddenly-i-heard-my-children-scream/

Ruf zur Selbstverantwortung

Ich habe den Eintrag zum Mord an Na’ama und Eytam Henkin unter dem Stichwort „Siedleralltag“ hochgeladen, und nicht etwa aus Zynik. Das Geschehene ist der Alltag unserer Bevölkerung hier. Ein täglicher Anteil an unserem Bewusstsein, an unseren Gefühlen, Träumen, Zukunftsvorstellungen.

Vor Kurzem hat die Tagesschau unter Beiwirkung von Journalist Markus Rosch einen Beitrag zum „traurigen Alltag in den Palästinensergebieten“ gegeben. Unser jüdischer Alltag  in denselben „Palästinensergebieten“ – und das noch lange vor der Ermordung von Na’ama und Eytam! –  hat dort keinen Platz gefunden, wieder einmal – wie schon immer. Eine Realität, in welcher normative

Mein Beitrag an Markus Rosch auf Facebook. 02.10.15
Mein Beitrag an Markus Rosch auf Facebook. 02.10.15

Bürger, wertvolle Träger der Gesellschaft – ach was, zum Kuckuck! Unschuldige Frauen, Männer und Kinder neben Menschen und Gruppierungen leben, deren moralische Werte ihnen vorgeben, tagtäglich nach deren Tod zu trachten!  Welche sie mit Lebensgefahr fast in jedem Aspekt ihres Lebens konfrontieren und dies mit Unterstützung der Weltgemeinschaft tun –  wie das Geld, das in die Hände arabischer Vereinigungen, Terrorgruppen und Verwaltungen fließt, und die Flagge dieser Menschen am UN-Hauptquartier beweisen – diese Realität ist nicht von Wert und nicht von Interesse für diejenigen, die sich für „Berichterstattung im Nahen Osten“ aussprechen. Der widerliche doppelte Standart, den deutsche Medien an den Tag legen, wenn es heißt, Lebensrecht der Einen gegen das Lebensrecht der Anderen zwischen Juden und Arabern in unserem Gebiet aufzuwiegen, wird nicht nur nicht mehr verschleiert – er wird offen und gültig an den Tag gelegt. Denn das ist die Leitlinie, welche in der westlichen Öffentlichkeit gegenüber uns gilt: Juden haben keinen Anspruch auf ein gleichwertiges Lebensrecht in ihrem historischen Heimatland. Juden haben keinen Anspruch auf Mitspracherecht im Diskurs um ihr eigenes Heimatland, und im Diskurs über Standarts von Moral und Menschlichkeit. Juden haben keinen journalistischen Wert in der Berichterstattung.

Und genau deshalb sollten Juden sich das nicht gefallen lassen. Die Zeiten sollten vorbei sein, in welchen wir auf das Gewissen der Weltöffentlichkeit gewartet haben, dass wir auf die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit gewartet haben, dass wir auf die Legitimation durch die Weltöffentlichkeit gewartet haben. Nicht zuletzt haben wir dies bei der Gründung des Staates Israel selbst bewiesen –  das Warten kostete uns 6 Millionen. Das Handeln brachte uns unser Land zurück, und der Weg zur kompletten Rückkehr ist noch nicht bis zum Ende gegangen. Immer mehr Menschen in Israel verstehen, „dank“ der oben angeführten Dinge und des Bewusstseins dafür, dass sich die Aufmerksamkeit und die Handlungsweise der die Weltöffentlichkeit repräsentierenden Handlungsträger sich nicht nach ethischen Werten richtet und sich niemals danach richten wird. Der Traum von Brüderlichkeit und globaler Solidarität ist kein Vertrag und keine Zielabsicht, sondern eine Gemütslaune und ein philosophisches Konstrukt, und wie ein jedes solches suggeriert es etwas, wofür es nicht verbindlich einstehen kann.

Jeder Mensch und jede Gemeinschaft ist für ihr eigenes Überleben selbst verantwortlich.

Nicht, dass wir Juden, wir Israelis und wir „Siedler“ es nicht schon aus den Jahrhunderten zuvor gewusst haben. Aber entgegen dem allseits umspannenden Drang zur Selbstauflösung im scheinbaren universalen Humanismus ist jede Entlarvung diesen als Lüge ein Weckruf, der den süßen Nebel der Verliebtheit in diese erfundenen Ideale mit einer Dreistheit vertreibt, und uns zuruft – öffnet die Augen, werdet nüchtern, nimmt euer Gesetz und euren Gott und geht voran, verjagt den giftigen Nebel aus euren Augen und Gemütern. Nur so garantiert ihr, dass das Chaos, das hinter euch ausbricht, euch nicht in seinen Abgrund ziehen wird.

 

 

Das Wasserschöpffest

Und wieder ist Feierlaune in Gush Etzion. Momentan haben die Sukkot-(Laubhüttenfest)Ferien begonnen, Familien mit Kindern und Jugendliche wandern im ganzen Land umher, vergnügen sich, erleben Land und Leute, tanzen, singen und vieles mehr.

Das Wasserschöpffest mit vielen Attraktionen für Kinder, Musik, Tanz und Essen wird im Gedenken an dasselbe Fest zur Zeit des Tempels gefeiert, während der Sukkotfeiertage, weil an diesen laut der jüdischen Religion die Menge des Wassers gerichtet wird, die über die Welt und über das Ladn Israel niedergehen wird. Es war in den alten Zeiten ein Fest voller unglaublicher Freude, wo alle Bewohner Jerusalems und auch landesweit sich versammelten, um gemeinsam Kunststücke und Musiker zu sehen und den Tempel zu bestaunen. Mehr dazu kann man hier lesen.

Yehoshu'a und ich am Verkaufsstand
Yehoshu’a und ich am Verkaufsstand

Heute wird das Fest in den jüdischen Gemeinden auch ohne Tempel begangen, in seinen Ausmaßen sicherlich nicht mit den Tagen von damals zu vergleichen – und dennoch ist es ein Grund zum Feiern und Tanzen für Juden. Dazu muss man gar nicht gläubig sein, bei der Musik schwingen alle Beine mit.

Hier einige exklusive Einblicke von Musik und Tanz vom traditionellen „Wasserschöpffest“ im Naturpark Oz veGaon, im Herzen Gush Etzions, Judäa, organisiert von dem Verein „Frauen in Grün“.

20150929_102836Mehrere hundert Besucher kamen in Oz veGaon vorbei, ebenso der Minister für Jerusalem und Tradition, Ze’ev Elkin, der Vorsitzende der Bezirksverwaltung Davidi Perl und die Eltern eines der entführten Jungen, Eyal Yifrach, die ebenso von der Veranstaltung begeistert waren.

„Tage der Rückkehr“

In diesen Tagen, zwischen den zwei heiligsten jüdischen Feiertagen, dem Neujahrestag und dem Versöhnungstag (Yom Kippur), stehen zehn besondere Tage, die sogenannten „Tage der Rückkehr“. In diesen Tagen, so heißt es, ist Gott denjenigen, die Ihm nah sein wollen, und eine Verbindung mit Ihm suchen , nachdem sie diese über das Jahr hinweg erneut verloren oder ihre Wahrnehmung für diese abgestumpft haben, besonders nahe. „Rückkehr“ (Teshuva) ist ein bekanntes und zentrales Konzept im Judentum und impliziert, dass der Mensch – genauer genommen der Jude/die Jüdin – zu ihrem geistigen Selbst und der ursprünglichen Reinheit ihrer Seele zurückkehren, nachdem das Leben und all seine Belange sie in verschiedene Richtungen treiben konnten, die weit entfernt sind von dem, was Gott oder sie selbst eigentlich von sich wollen. Kein einfaches Konzept, und impliziert eine Menge Glauben und Gottvertrauen – etwas, was in der westlichen Welt heutzutage sehr schwer aufzufinden ist, da die Weltansicht des Atheismus und der geistigen Gleichgültigkeit aus Mangel an gebührenden Alternativen grassiert und alles unter sich begräbt.

20150917_204443Wie dem auch sei, überall im Land finden auf Geist und Seele bezogene Veranstaltungen statt – vor allem Vorträge über jüdische Weltsicht und musikalische Events. Auch in Judäa und Samaria, welches mehrheitlich von Juden bevölkert wird, die es mit ihrer Religion und Tradition ernst meinen, finden diese statt.

Tanzende Frauen beim Konzert
Tanzende Frauen beim Konzert

Ein solches Konzert, im Naturpart „Oz veGaon„, bei dessen Aufbau ich vor einem Jahr aktiv dabei gewesen bin, habe ich für euch ein wenig aufgenommen. Hier kann es angehört werden:

 

Die Texte, welche die Musiker, David Litke, Nehemya Litke und Steve Rodan hier singen, stammen aus der jüdischen Liturgie.

וַהֲבִיאוֹתִים אֶל הַר קָדְשִׁי וְשִׂמַּחְתִּים בְּבֵית תְּפִלָּתִי עוֹלֹתֵיהֶם וְזִבְחֵיהֶם לְרָצוֹן עַל מִזְבְּחִי כִּי בֵיתִי בֵּית תְּפִלָּה יִקָּרֵא לְכָל הָעַמִּים.

"Ich werde sie zu Meinem heiligen Berg bringen, und ihnen Freude bereiten in Meinem Gebetshaus. Ihre Gebetsopfer werden auf meinem Altar zu meinem Wohlwollen sein, denn Mein Haus wird ein Haus des Gebetes heißen für alle Völker." (aus Jesaja/Jeshajahu, 56, 7)

זוֹכר חסדי אבוֹת ומביא גוֹאל לְבְני בְניהֶם לְמען שמוֹ בְּאהַבה.

"Er erinnert sich an die Güte der Vorväter und erlöst ihre Kindeskinder um Seines Namen willen mit Liebe", (aus dem Achzehngebet)
Nadia Matar (links) und Yehudit Katzover
Nadia Matar (links) und Yehudit Katzover

Organisiert wurde die Veranstaltung durch die Leiterinnen des Naturparks „Oz veGaon“ und die Vostände der Organisation „Frauen in Grün“/“Women in Green“, Yehudit Katzover und Nadia Matar. Über sie werde ich einmal getrennt berichten.

Enjoy!

Holocaust-Überlebende ziehen nach Efrat

Foto: Efrat Municipality
Foto: Efrat Municipality

Schöne Neuigkeiten. Auf den israelischen Nachrichtenseiten Srugim und Cursorinfo wurde berichtet, dass in den letzten Wochen eine Gruppe von Neueinwanderern aus den Vereinigten Staaten nach Israel gekommen ist und sich in die Stadt Efrat in Gush Etzion, Judäa aufgemacht hat, um dort ein neues Leben in der neuen Heimat zu beginnen. An und für sich eine erfreulich, jedoch keine außergewöhnliche Nachricht für das von amerikanischen Einwanderern reich besiedelte Efrat, wäre da nicht das Ehepaar Bandos: Felix und Feiga Bandos aus Wisconsin, beide 94 und 90 Jahre alt. Felix und Feiga hatten sich im Zweiten Weltkrieg in einem der schrecklichsten Plätze für die Juden von damals kennengelernt – im Konzentrationslager Bergen-Belsen auf deutschem Boden. Nach der deutschen Kapitulation und der Auflösung der Konzentrationslager zogen die beiden zunächst nach Schweden und anschließen in die USA, wo sie bis zuletzt gelebt hatten. Ihre Tochter Marylin lebte schon über 25 Jahre in Efrat, als sie von dem Wunsch ihrer Eltern erfuhr, nach Israel umzuziehen. Felix und Feiga erfüllten sich nicht einfach einen Wunsch, sondern den Traum ihres Lebens und zogen im Alter vpn über 90 Jahren nach Judäa.

(Dabei sei erwähnt, dass sich speziell Efrat zurzeit in einem Bauboom in zwei neuen Vierteln befindet, in welchen an die 1000 Wohneinheiten zur Verfügung stehen werden.

Quellen: CursorinfoSrugim

 

Die Tage von Ssanur: Tagebuch letzter Teil 3

Ssanur auf der Karte
Ssanur auf der Karte

Während mein Kurzurlaub in Deutschland seinen Lauf nimmt, möchte ich mit euch, liebe Leser/-innen, den letzten Teil meines Ssanur-Berichtes teilen, und zwar aus verschiedenen Gründen. Zum Einen möchte ich euch aus erster Quelle den Ablauf einer solchen Aktion wie dem Protestaufstieg der Juden aus Samaria zur 2005 im Zuge der Gaza-Räumung zerstörten Ortschaft aufzeigen, weil sie ein Beispiel für solche bürgerlichen Proteste gegen die Vorgehen der israelischen Regierung darstellt. Denn die israelische Gesellschaft ist nicht so kohärent, wie sie manchen erscheint, und auch innerhalb dieser Gesellschaft gibt es ganz verschiedene Herangehensweisen an die sprunghafte und oft schwer nachvollziehbare politische Handlungsweise der 20150729_074340Regierung. Zum Anderen ist es mir wichtig, euch die Gedanken und Prozesse innerhalb der sogenannten „Siedlerbewegung“ darzustellen, die Menschen dahinter erkennen zu lassen und sie nicht durch den Medieneinfluss zu politischen Gebilden und Losungen verkommen zu lassen. Meine Darstellung ist, wie könnte sie auch anders sein, subjektiv, aber versucht, so allumfassend wie möglich zu sein, d.h. auf möglichst viele Aspekte der Situation einzugehen.  

Ich wünsche ein gedankenvolles Lesevergnügen. 


Zum 1. Teil des Tagebuchs     ◊◊◊     Zum 2.Teil des Tagebuchs


Teil 3

Es ist der dritte Abend, die dritte Nacht, und von dem Wort „Räumung“ kann man schon keinen Abstand mehr nehmen. Jeder nimmt es in den Mund, es ist Teil der Vorbereitungen. Im Dunkeln erreicht eine Jeep-Kolonne Ssanur, Verstärkung kommt im Gesicht von neuen Jugendlichen und Essen. Familien, die schon zu Beginn anwesend waren, fahren ab. Man ist nervös. Die Neuankömmlinge, teilweise aus der „Kampfzone“ von Bet El, haben nicht die letzten Tage im Camp mitbekommen, sie kennen nicht die Anweisungen von Rav Gadi, sie kommen, um das Grundstück zu verteidigen und sich mit den Polizeikräften anzulegen. Das sollte dem ganzen Vorhaben schaden, und den Jungen und jungen Männern unnötige physische Auseinandersetzungen bringen. Man erwartet keine Kompromisse seitens der Sicherheitskräfte, sie kommen hierher nach Bet El, und sie kommen nachts, was allein das schon eine ernst zu nehmende Provokation ist. Menschen könnten verloren gehen, verletzt werden in der Dunkelheit, und wenn keine Kamera die Polizeikräfte filmt, können diese frei heraus handeln, wie es ihnen beliebt, ohne dass irgendjemand eine Kontrolle darüber hat oder es auch nur bezeugen kann. In der israelischen Gesellschaft – oder eher noch, in der Presse, halte man nicht viel von Beschwerden gegen Sicherheitskräfte, die von Siedlern kommen, erklärt mir Limor Son-Harmelech. Sie seien Kanonenfutter  – junge Männer und Jugendliche, die in den ersten Reihen stünden, um die Proteste wie in  Ssanur oder in Bet El zu führen, und als erste auch die Schläge abbekommen würden.

Quelle: INN
Quelle: INN

Sorgen der Nacht. Viel Verpflegung ist mit den Jeeps gekommen. Mit dem Proviant könnte man wochenlang durchhalten. Aus welchem Grund auch immer gehören auch Sixpacks Coca Cola dazu, und Ketchup. Einige der Neuankömmlinge gehen schlafen. Die Familien schlafen auch, aber noch immer sind viele wach. Die Organisationsleiter diskutieren hitzig über die Vorgehensweisen, über das, was man verhindern kann, und was nicht. Auch die Jugendlichen unter sich diskutieren. Viele von ihnen sind nicht mit der Richtlinie des Organisationsteams einverstanden, aber sie haben auch ihre Anführer, und mit diesen muss das Verhalten im Falle einer Räumung geklärt werden, wenn die Leute von Ssanur Erfolg haben wollen.

Auch ein Abzug in Ehren ist ein Erfolg, so sehen Beni Gal die anderen vor Ort das. Ein Abzug ohne Gewalt, ohne Auseinandersetzungen und mit entsprechend viel Coverage seitens der Presse beeinflusst die öffentliche Meinung zugunsten der Sache, ebenso wie das Gegenteil durch exzessiven Widerstand und hässliche Bilder von Journalisten vermittelt wird. Und auf diese ist leider kein Verlass.

Es ist Vollmond. Die Luft ist feucht, es ist kühl und dunkel.  Wilde Hunde und Schakale bellen aus allen Richtungen. In den Zimmern selbst ist es stickig, ich kann nicht schlafen, ich will nicht im Schlaf von der Polizei überrascht werden. Sterne leuchten am Himmel. Es könnte auch ein einfacher Campingausflug sein, der hier veranstaltet wird, wenn es nicht wieder einer der zahlreichen Aufbegehren wäre gegen das Unrecht, das Juden in Samaria und Judäa widerfährt. Gegen das System, dem jede Logik abhanden gekommen ist, gegen eine Führung, der die Richtung nicht mehr klar ist, und gegen eine Gesellschaft, deren Apathie ihre eigenen Leute an die Barrikaden zerrt und dabei die Erde unter ihren Füßen wegreißt.

Meine Freundin ist vor einiger Zeit mit der geheimen Jeep-Kolonne den Berg hinunter gefahren, sie hatte Angst, dass die Belagerung der Festung weiter anhalten würde und sie am Morgen nicht zur Arbeit käme.

Limor Son-Harmelech. Quelle: Walla
Limor Son-Harmelech. Quelle: Walla

In der Eingangshalle der Festung, die wir am Tag zuvor noch gestrichen haben, finde ich Limor. Sie sieht sehr angespannt aus, ihr Blick wandert nervös über die Menschen in die Dunkelheit am Eingang, sie kann nicht bei ihrer Familie stillsitzen, nicht einfach abwarten. „Meinst du, sie werden tatsächlich kommen?“, frage ich. „Ja, sie kommen, es steht schon fest“, sagt sie, und fragt dann mit einem leicht verstörten Seitenblick auf mich, „wie schaffst du es nur, so ruhig zu bleiben.“ Ich lächele selbstsicher und antworte, ich habe von Beni Gal selbst verstanden, dass die Polizisten wohl unbewaffnet kommen würden. Es stimmt, auch Limor nickt. Vor kurzem habe ich eine Unterhaltung von Beni Gal mit jemand  anderem hören können, und das sei seine Abmachung als Anführer der Gruppe mit den Sicherheitskräften gewesen. Kein Waffengebrauch, keine Schlagstöcke, es erwarte sie im  Gegenzug kein gewalttätiger Aufstand.

Für Limor ist es aber noch immer kein Grund zur Beruhigung. „Du bist so ruhig, weil du eine Ausweisung noch nie erlebt hast“, sagt sie leicht bitter und traurig zugleich. Ob gewalttätig oder nicht – es sei immer hart, es sei etwas, was die Kinder nicht sehen sollten. Dieses Gefühl der Ohnmacht Daher würden die Familien auch widerstandslos gehen. „Weiß Gott, ich habe schon endlos viele Ausweisungen erlebt, und es ist immer noch schwer.“

Als Beni Gal die „Stunde X“ verkündet, als er schon weiß, dass die Sicherheitskräfte in wenigen Minuten ankommen, versammeln sich die Familien und die Schülerinnen oben in der Halle. Es kommen immer mehr und mehr Soldaten bei der Festung an. Sie kommen nicht, um auszuweisen, sondern um die Aktion von außen gegen arabisches Eindringen abzusichern. Da es sich bei den Aktivisten um israelische Staatsbürger handelt, fallen sie in den Wirkungsbereich der Polizei- bzw. des Grenzschutzes.

Mit Limor haben wir zuvor abgesprochen, dass ich mich während der Durchführung selbstständig mache, und mich am Besten an das Filmen der Räumung wage, so gut es eben gehen wird im Tumult, der zumindest bei den Jugendlichen entstehen wird, damit die Polizisten von ggf. einer Randale und unrechtmäßigem Vorgehen gegen die Jugendlichen abgehalten werden können. Kameras scheinen mehr auf sie zu wirken als Einsatzregeln. Ich verabschiede mich von Limor und gehe zu den Jugendlichen, die sich aufgeteilt haben in Gruppen auf dem Dach der Festung, und andere innerhalb der Räume,

 

11954677_10153726610306842_1866344443586175491_nDie Jungen, die sogenannte „Hügeljugend“ und auch andere,  haben sich auf dem Dach zusammengeschlossen. Eine größere Gruppe sitzt im Kreis und bespricht untereinander, was sie machen wollen, wenn die Polizisten kommen. Werfen Ideen in die Runde. Diskutieren. Was ist effektiver – Knallfrösche platzen zu lassen? Bewegungsloses Sitzen, also Sit-in-Protest? In der Mitte des Daches oder am Rand? Werfen die Polizisten einen dann vom Dach herunter oder tragen weg? Viele sind sich einig, dass sie wenig zimperlich sein werden, und ein paar sind sich ganz sicher, dass sie so oder so vom Dach fliegen werden. Haben die Polizisten nun versprochen, Schlagstöcke 11907172_10153726610281842_2710751702429055933_nwegzulassen oder werden sie welche haben? Soll man organisiert zusammensitzen oder jeder das machen, was er will? Soll man beten oder lieber ruhig bleiben? Die Familien mit Kindern sitzen noch immer im großen Saal im obersten Stock. Auf dem Minarett, wo der beste Funkempfang herrscht, scheint keiner sich verstecken zu wollen. Die Jungen bereiten sich auf keine weiche  Behandlung vor. Den Gesprächen nach zu urteilen, scheinen sie schon reichlich Erfahrung in solchen Aktionen zu haben, trotz ihres teilweise „zarten“ Alters – einer der Jungen scheint der Jüngste zu sein, wird wohl knapp über 13 sein, die älteren sind zwischen 16 und 19. Sie haben sich auf Konfrontation eingestellt. Mit allem Unmut und dem Widerstreben gegenüber Anweisungen und Gehorsam, eins muss man ihnen lassen – sie bedenken auch die Forderungen des Organisationsteams, sich gemäßigt zu verhalten.
Die Diskussionen halten an. In der Ferne hört man Funkgeräte krächzen. Mein Kopf schmerzt vor Anstrengung, der schlaflosen Nacht, und der reichlich unbequemen Beobachterposition hinter einigen trockenen Ästen, die ich auf dem Dach eingenommen habe, um einen ungestörten Überblick zu haben. Die Aufregung wird es wohl auch sein, wenn man so will.

Ich lausche den Unterhaltungen. Von den Jugendlichen hier kann man sehr viel über Protestaktionen, die Funktionsweise der Sicherheitskräfte, effektvoller Konfrontation und Selbstorganisation lernen.

Zeit vergeht. Unten lachen und machen ein paar Jungs Lärm, auf dem Dach singen sie im Kreis Lieder mit Zitaten aus der Bibel, einer hat offenbar eine Flöte mitgebracht und spielt darauf, so als sei er auf einer Wiese beim Klassenausflug und kein „Illegaler“ kurz vor einer gewaltsamen Ausweisung durch die Polizei. Eine surrealistische Situation ist das. Ein symbolischer Protest mit symbolischen Mitteln; und alle Beteiligten wissen, dass das Ganze ein Spiel ist, dennoch planen sie es vor und machen es mit.

Es ist kalt. Der Muazzin heult von den umgebenden Dörfern. Es wird langsam nervtötend. Wann kommen die Polizisten endlich und bringen die Sache zu Ende?

Quelle: INN
Quelle: INN

Der Strom geht aus. Man hört Busse abfahren.   Die Familien scheinen abzuziehen oder schon abgezogen zu sein.
Die Jungen singen weiter. Manche haben Hunger. Noch immer sind wir hier allein. Ich döse langsam ein und wache vielleicht eine oder zwei Stunden später auf, es wird schon hell. Die Polizisten sehen es wohl als zu riskant an, die Evakuierung in der Nacht vorzunehmen, Ein Pluspunkt für sie. Die Jungen werden auch 11903855_10153726610221842_1291136510876914210_nlangsam nervös, manche springen herum, setzen sich zusammen, bilden eine Menschenkette quer durchs Dach. Der Sonnenaufgang bedeutet auch Gebetszeit, einer der Älteren scheint die Aufsicht darüber zu führen, und ermahnt die anderen, die Hände zu waschen und die ersten Segenssprüche des Morgens zu sprechen. Anarchisten oder nicht, aber was Gebote angeht, so folgen die Jugendlichen dem, was sie wissen und gelernt haben, strikt.

…Und dann geht alles ganz schnell. Es ertönen Rufe „Sie kommen!“ und Sicherheitskräfte in grauen und blauen Uniformen  – Polizei und Grenzschutz – tauchen auf dem Hof auf, formieren sich, klettern in Gruppen aufs Dach. Die Jugendlichen sitzen dicht gedrängt und Arme ineinander verkettet, rufen Dinge wie „schämt euch“ oder „haltet euch zurück, es ist noch nicht zu spät, umzukehren“ und „Juden tun so etwas nicht“ und „Schande über euch“, da werden die ersten schon voneinander gerissen und abgeschleppt. Die Polizisten haben keine Schlagstöcke an sich, wohl aber Dosen mit Pfefferspray. 20150730_054548Auch wird niemand vom Dach geworfen. Rabbiner  Gadi folgt den Polizisten, wird aber von der Gruppe weggedrückt. „Wir wollen nicht, dass du hier dabei bist“, sagt ihm einer, und drängt ihn zu Seite. Die Jugendlichen schreien, wehren sich aber nicht aktiv. Einige werden einfach abgeschleppt, andere bekommen allerdings Pfefferspray ins Gesicht – als Warnung, Abschreckung, oder wofür auch immer. Jeder wird einzeln zu großen Bussen in Form von Lastwagen gebracht. Bei dem Ausgang aus der Festung, aus welcher man die „Aufständischen“ zu den Bussen schleppt, stehen Journalisten parat, filmen und knipsen. In einem Bus befinden sich auch ein paar Mädchen, die zurückgeblieben waren. Unter den Sicherheitskräften sind ebenso junge Frauen anwesend. Die Luft füllt sich mit dem Reizgas, jeder mit Pfefferspray Angegriffene bringt es in den Bus hinein und die Luft wird schwer zum Atmen. Einige der Jungs hat das Spray schwer erwischt, sie können kaum atmen, geschweige denn sehen oder 20150730_055611gehen, liegen auf dem Boden oder strecken die Köpfe aus den Fenstern aus, mit geröteten Gesichtern. Auch der Stellvertretende der Judäa und Samaria-Verwaltung, Yossi Dagan, taucht an Ort und Stelle auf, tröstet die Verletzten und herrscht die Polizisten an. Seine Präsenz soll Unterstützung zeigen und die Polizeigewalt mäßigen. Diese ist allerdings außer des Pfefferspray-Einsatzes sehr gemäßigt. Als die 20150730_055817Busse voll werden, kriegen sie den Befehl zur Abfahrt. Der kühle Wind von den Bergen um diese frühe Zeit erfrischt das Gesicht, die Augen und die Nase und durchweht den Bus, befreit ihn nach und nach von den Resten des Pfeffersprays. Als er einmal anhält, springen einige der Jungs raus und laufen aus dem Bus zurück Richtung Festung. Sie müssten schnell wieder gefasst worden sein.

Unser Bus, in dem auch ich sitze, fährt. Wohin, weiß niemand, man vermutet aber, dass er wohl in die nahgelegene Siedlung Kedumim fahren wird. Die jungen Mädchen, die neben mir am Fenster stehen und mit einem grimmigen Ausdruck, so gar nicht zu ihrem jungen Alter von vielleicht 14 oder 15 passend, blicken auf die vorbeiziehende Landschaft. Irgendwo unten, unterhalb der arabischen Dörfer, durch welche wir fahren, sieht man auf einem Hügel die Festung von Ssanur, umgeben von Feldern, Bäumen, und ehemaligen Landwegen, die einmal einem jüdischen Ort mit fast 60 Familien gedient haben, bevor die Regierung seiner Einwohner eines Tages beschlossen hatte, diesen Ort und alle darin von der Landkarte verschwinden zu lassen. Seitdem kommen sie jedes Jahr her, und jedes Jahr werden sie mit leeren Händen wieder abgeführt. Und dann sammeln sie sich und kommen wieder. Und wieder.

Der Bus hält in Kedumim, an einem Gemeindezentrum. Uns empfängt eine Frau, lädt alle hinein, im Raum stehen Sessel, Kaffee und Kuchen und Wasser stehen für die Ankömmlinge bereit. Einer der Jungs aus dem Bus muss medizinische Hilfe in Anspruch nehmen; das Pfefferspray hat ihn schwerer erwischt, als man gedacht hatte. Anschließend warten alle, müde, erschöpft und irgendwie resigniert, auf einen Bus nach Jerusalem, der für sie organisiert worden ist, denn viele leben in der Hauptstadt. Auch die Mädchen, die mit mir gewesen sind, fahren mit. Sie setzen sich erschöpft auf die Rückbank des Busen. Eine lässt ein Lied spielen.  Ich kenne es nicht, die Mädchen klären mich, leicht ungläubig über mein fehlendes Wissen, auf. Ich finde es schnell in meinem Telefon, und die Gedanken und Gefühle auf der Fahrt heim werden von nun an untermalt von den Worten des Liedes von Bini Landau:

„Einen Tempel baue ich dir in meinem Herzen

Damit du von deiner Wanderung

Dich ausruhen kannst

Damit du deine Kräfte sammeln kannst

Ich spüre dein Leiden

Doch auch über mich haben die Sturmwinde geweht

Um was du gebeten hast,

Darum bat auch ich, mit all meiner Kraft

Meinen Ort zu finden – und gibt es ihn doch nirgendwo.

Warte doch, verlange danach

Verliere nicht die Hoffnung

Erhebe deine Stimme und bitte auch für meine Seele

Doch ich flehe dich an,

Verliere nicht die Hoffnung.

All die verschlossenen Wege

Werden sich noch vor uns öffnen

Und die eisernen Vorhänge werden fallen,

Die, die unser Herz verhüllen

Auch dieses große Meer kann sich spalten

Wenn wir nur daran glauben.“

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Die Tage von Ssanur: Tagebuch Teil 2

Trotz der schon einige Wochen hinter uns liegenden Episode von Ssanur , der Rückkehr der Bewohner und der Räumung, möchte ich euch  dennoch die weiteren Teile des „Tagebuchs“ vor Ort vorstellen. Die Geschichte von Ssanur, einer Siedlung im Norden Samarias, die im Rahmen des Gaza-Abzugs von 2005 vom damaligen Premierminister Ariel Sharon abgerissen und ihre Bewohner ausgewiesen wurden, passt in die Reihe der „Thementage“ zum 10.Jahrestag der Räumung des Gaza-Streifens und Nordsamarias durch Israel. Im Tagebuch berichte ich über die Ereignisse während der dreitägigen Rückkehr von ehemaligen Bewohnern der Siedlung und ihren Unterstützern in die alte Festung auf dem Hügel von Ssanur, aus Protest gegen die Weigerung der israelischen Regierung, die Siedlung wieder aufzubauen. „Vorwarnung“  – die Einträge sind subjektiv und teilweise einseitig, aber dafür so authentisch wie möglich gehalten.

Ssanur auf der Karte
Ssanur auf der Karte

Teil 1

Als wir uns auf den Weg machen, ist es schon spät. Keine leichte Reise wird es jetzt, zur späten Stunde, von einem Landesende bis zum anderen. Aber meine Freundin und ich spüren, dass wir einfach nicht untätig daheim herumsitzen können. Schon am Morgen, als ich die Nachrichten geöffnet habe und überfallen wurde mit Neuigkeiten von den Ausschreitungen in Bet El und dem Aufstieg in die Ruine von Ssanur, wusste ich, dass ich dabei sein muss. Journalistische Pflicht, und historische Notwendigkeit, nennen wir es so. Also organisieren wir uns und ziehen los. Meine Kontakte müssen ausreichen, um ein aktuelles Bild der Lage zu bekommen…. Weiterlesen

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Aufruf zum Gebet in Gush Etzion

Sonntag früh (02.08.15)  erreichte die Posteingänge der meisten Bewohner des Gush Etzion-Blocks eine Mail mit dem Aufruf zu einer Solidaritätskundgebung. Die Kundgebung sollte schon am Abend des selben Tages stattfinden. Der Text an die Bewohner besagte Folgendes:

„Aufruf zum Gebet und Aufschrei

Alle Einwohner von Gush Etzion und der Hevron-Gegend sind eingeladen zur Kundgebung des Gebetes und des Aufschreis.

Wir sind erschüttert und voller Schmerz über den gemeinen Mord, der im Namen unseres Volkes am letzten Freitagmorgen begangen worden ist. Aus dem Gefühl der Verpflichtung heraus, unseren Protest gegen diesen verbrecherischen Mord  im Dorf Duma herauszuschreien, und im Angesicht der gewaltigen Schändung des Gottesnamens, drängen wir dazu, gemeinsam aufzustehen und mit lauter Stimme zu rufen, „Entferne das reine Blut aus Deiner Mitte“ (5.Buch Moses, 21, 9). Wir werden gemeinsam für die Genesung der Verletzten der Familie Dawabshe beten.“

Als Versammlungsort war die zentrale Gush-Kreuzung angegeben, Uhrzeit 18:00 Ortszeit, und es wurde gebeten, Psalmenbücher mitzunehmen.

Wer waren die Organisatoren dieser Kundgebung? 

roots2Es handelt sich um die Mitglieder und Aktivisten des Vereines „Shorashim-Roots-Judur“ (zu Deutsch: Wurzeln), eines Verbandes aus israelischen und palästinensischen Freiwilligen, aber nicht etwa eine der vielen Organisationen im Namen des Friedensstiftens im Nahen Osten, deren Namen man im In- und Ausland nur zu gut kennt. Dies ist ein Verband/eine Bewegung, welche sich speziell an jüdische Siedler und ihre arabischen Nachbarn in Judäa und Samaria richtet. Die Initiative ist vor etwas mehr als einem Jahr auf der Basis der Ideen des Rabbiners Menachem Froman (hier zum Nachruf auf Rabbi Froman von Ulrich Sahm) aus der Siedlung Teko’a entstanden. „Shorashim/Judur“ gründet auf dem Verständnis, dass die Juden und die Araber/Palästinenser gerade in Judäa und Samaria viele Gemeinsamkeiten teilen, und durch gegenseitige Annäherung und Vertrauensaufbau eine Basis für einen authentischen Frieden bilden können – im Gegenteil zu den misslungenen Friedensbemühungen auf politischer Ebene. Jüdische Siedler und ihre arabischen Nachbarn haben, so das Leitmotiv der Organisation, eine tatsächliche und praktische Chance, durch Zusammenarbeit positive und dauerhafte nachbarschaftliche Beziehungen aufzubauen, Verurteile dagegen abzubauen und ein friedvolles Nebeneinander zu entwickeln.

Von links nach rechts: Ali Abu Awwad, Rav Hanan Schlesinger, Shaul Judelman. Quelle: friendsofroots.net
Von links nach rechts:
Ali Abu Awwad, Rav Hanan Schlesinger, Shaul Judelman.
Quelle: friendsofroots.net

Der Verein wird zur Zeit von Rabbi Hanan Schlesinger, einem amerikanisch-israelischen Rabbiner aus Alon Shevut, dem Friedensaktivisten (und ehemaligen Fatah-Mitglied) Ali Abu Awwad  und dem Aktivisten Shaul Judelman aus dem benachbarten Efrat geleitet. Zu den weiteren zählen sich Geistliche wie Rabbiner aus den lokalen Lernschulen der Siedlungen, der Sheich Ibrahim Abu al-Hawa und Bewohner einiger arabischer Städte und jüdischer Siedlungen.

Die Organisation, die sich als Bewegung verstanden haben will, hat ihren Sitz in Gush Etzion und organisiert Gespräche und Treffen auf lokaler Ebene, ebenso kleinere Aktivitäten für jüdische und arabische Kinder. Die letzte Aktivität war ein gemeinsames Fastenbrechen von Juden und Arabern, welches schon das zweite Mal  in diesem Rahmen durchgeführt wird – während des jüdischen Fastentages 17.Tammuz und des Ramadan-Monats der Muslime.

Die Idee einer zentralen Kundgebung – das erste größere öffentliche Event dieser Art seitens „Shorashim/Judur“ – kam schon am Freitagnachmittag nach dem Attentat auf die Familie Dawabshe auf und wurde in der Mailingliste und auf Facebook exzessiv diskutiert. Die Schwierigkeit lag bei der Verfassung eines Aufrufs, welcher das Kollektiv von Gush Etzion ansprechen und zu einer Teilnahme bewegen könnte, ohne die üblichen Klischees, Ausdrucksweisen und politische Einstellungen zu bedienen, welche in den Massenkundgebungen in Tel Aviv und Jerusalem  in den letzten Tagen vorherrschten. Bei der Kundgebung sollten sowohl Araber als auch Juden anwesend sein, Rabbiner und Journalisten, Personen öffentlichen Lebens. Die Kurzfristigkeit der Aktion ließ keine große Bekanntmachung zu. Die Information wurde über Mailinglisten und private Nachrichten verbreitet, die Kundgebung bei Polizei und Armee angemeldet.

wpid-20150802_180624.jpgAn Ort und Stelle erschienen im Verlauf des Abends mehr als 200 Personen (Times of Israel sprach sogar von 300), davon eine beträchtliche Anzahl an Journalisten: Reuters, CNN, AFP, Walla News, Jerusalem Post, i24 waren präsent, um nur einige zu nennen. Unter den Anwesenden befanden sich zahlreiche junge Leute, die meisten von ihnen religiös. Einen Teil davon machen Aktivisten der „Shorashim/Judur“-Initiative aus, ebenso interessierte Passanten und solche, die sich zeitig über die Veranstaltung informiert hatten.

Begonnen wurde die Kundgebung mit emotionalen Ansprachen. „Wir sind für einen Aufschrei hierhergekommen. Wir sind aber auch gläubige Menschen. Wir beten. Und wir sind auch Optimisten, wir lassen uns durch Verzweiflung und Zorn unseren Glauben nicht zerstören“, begann der Veranstaltungsleiter Rabbiner Sarel Rosenblatt. „Im Angesicht der Zerstörung und der Bosheit wollen wir der Welt Gerechtigkeit und Liebe hinzufügen.“

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Links nach rechts: Rav Yaakov Katz, Rav Dov Singer, Rav Yaakov Nagen, Rav Yaakov Madan, Yair Lapid

„Der Frieden wird nicht von den Politikern herrühren, sondern er kommt von unten, von den Menschen vor Ort, die tagtäglich Schulter an Schulter zusammenarbeiten. Hier vor Ort gibt es Coexistenz“, Rabbiner Ya’akov Madan, Leiter des Yeshiva-Gymnasiums in Alon Shvut und nationalreligiöser Lehrer und wpid-20150802_182136.jpgGeistlicher, ergriff das Wort. „Unser Festhalten an diesem Land hat drei Ursprünge, auf welche es sich beruht. Der erste – ist Gott und seine Vorsehung. Ich kann nicht glauben, dass Gott eine Legitimierung für den Mord am Kleinkind geben könnte. Der zweite – der gute Wille des jüdischen Volkes und der israelischen Regierung, welche hier verbleiben möchten.  – Diese Tat entwurzelt das Volk von hier. Und der dritte Ursprung – unsere Standhaftigkeit hier. Eine Standhaftigkeit, die auf den Werten der Reinheit, der Stärke, des Gewissens, der Wahrheit beruht.“

Während seiner Rede erschien in der Menge der Scheich Ibrahim Abu al-Hawa, bekannt für seine Aktivitäten im interreligiösen Dialog in der Gegend. Die Presse stürzte sich auf den alten Mann, der einige der Initiatoren der Kundgebung herzlich umarmte.wpid-20150802_182636.jpgwpid-20150802_182651.jpg„Jeder von uns kennt jemanden, der jemanden kennt, dem jemand bekannt ist, der vielleicht mit dieser Tat etwas zu tun haben könnte. Auf uns liegt die Pflicht, solche Sachen an die Sicherheitskräfte weiterzuleiten! Und wenn wir davon wissen, dass eine ähnliche Tat bevorsteht, und wenn es keinen anderen Weg gibt, diese zu verhindern, so müssen wir auch das melden!“, rief Rabbiner Madan mit lauter Stimme und fügte anschließend hinzu: „Man muss den Unterschied kennen. Bei uns sind es die Randgruppen der Randgruppen, die so etwas tun können, und welche wir verurteilen. Bei der anderen Seite werden die Terrorakte im Namen des ganzen Volkes verübt, und bei ihnen werden die Terroristen zu Helden. Wir werden niemals auf dieser Ebene stehen.“

„Als Siedler, der an unser Recht auf dieses Land glaubt, als Israeli, der die strategische Wichtigkeit dieser Gegend für die Sicherheit des Staates sieht, sage ich – der Mord an einem Baby wird unserem Volk keine Erlösung bringen. ‚Zion wird mit Gesetz erlöst und Jerusalem mit Gerechtigkeit‘ (Jesaja 1, 27). Ein jeder, der uns nichts zuleide tun wollte, verdient unseren Schutz.“ So wandte sich der Rabbiner und Vorsteher der Religionsschule in Otni’el, südlich von Hevron, Rabbiner Benny Kalmanson, an das Publikum. „Wir haben wunderbare nachbarschaftliche Verhältnisse. Wir könnten zusammen den Gush Etzion  zu einem Beispielort für alle machen.“

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Rebbetzin Hadassah Froman am Mikrofon

Zugegen war auch der ehemalige Finanzminister Yair Lapid, der ausnahmsweise mit einer Kippa auf dem Kopf aus der Tora zu zitieren beschloss, um sein religiöses Publikum besser anzusprechen. Hadassah Froman, die Witwe des „Friedensrabbis“ aus Teko’a, wurde mehrfach von der Presse interviewt. Vor den Versammelten erinnerte sie mit schmerzerfüllter Stimme daran, dass das letzte Mal ein solches Zusammenfinden im Sommer 2014 stattgefunden hatte, zur Zeit der Entführung der 3 Jugendlichen durch Terroristen. Dieser folgte die Verbrennung des arabischen Teenagers aus Jerusalem. „Wie kommt es dazu, dass erneut ein Kind verbrannt wird?!“

Wie es bei interreligiösen Treffen üblich ist, wurden als Teil des gemeinsames Gebetes Psalmen aufgesagt – so der Psalm 130, 127 und 133, und es wurde ein gemeinsames Gebet für die Gesundheit der Verwundeten gebetet – die Familie Dawabshe, aber auch die letzten Opfer eines Autoanschlags an der Kreuzung von Alon Shevut vor einigen Monaten. Die Anwesenden wiederholten die Psalmen gemeinsam mit den Vorbetern.

Hier kann man sich einen kurzen Eindruck von der Kundgebung machen: Gemeinsames Psalmenlesen und Beten für Genesung;

Die Anwesenden warteten gespannt, wann würde ein arabischer Teilnehmer sich äußern? Tatsächlich waren unter den Versammelten kaum Palästinenser zu erkennen – außer selbstverständlich des 73-jährigen Scheichs, welcher vor dem

Scheich Ibrahim abu al Hawa
Scheich Ibrahim abu al Hawa

Publikum eine flammende Rede in Arabisch hielt (mein Arabisch war leider nicht gut genug, um alles zu verstehen). „In diesem Land sollte man 4 Sprachen sprechen – Hebräisch, Arabisch, Russisch und Englisch“, witzelte der Scheich und fasste seine Rede dann in gebrochenem Englisch zusammen: „Ich bin kein Bürger von keinem Staat. Ich bin Palästinenser, ich gehöre hierher. Aber dieses Land gehört nicht den Juden und niemand anderem. Dieses Land gehört Gott“ und „Wir sind alle Gäste in diesem Land. Wir müssen zusammenleben. Mein Haus ist immer offen für alle“, und sagte auch, „ich möchte meine Gefühle mit den Müttern teilen, die als Einzige wirklich verstehen, was Babies bedeuten.“ Der Scheich erhielt den lautesten Applaus von allen Rednern.

Zum Abschluss gab Rabbiner Schlesinger bekannt, dass ein Fonds zur Unterstützung der geschädigten Familie Dawabshe eröffnet wurde. „Diese Versammlung von ‚Shorashim‘ ist das Mindeste, das wir tun können“, stellte er fest. Er las aus einem Brief seines arabischen Partners vor, Ali Abu Awwad, der nicht zur Veranstaltung kommen konnte: „Diese Kundgebung gibt uns Palästinensern Hoffnung und wird ein Beispiel für jeden darstellen, der ein Friedenspartner sein will. (…) Vor allem ist die moralische und die religiöse Aussage hinter der Kundgebung wichtig.“ Ein weiterer Redner wurde konkreter: „Wenn keine Taten folgen, ist es schade um das ganze Gerede. Wir wissen, dass es Rabbiner und wpid-20150802_184139.jpgAnführer gibt, die diese radikalen Ideologien unterstützen. Solange sie nicht dagegen sprechen, müssen wir sie aus unserer Mitte verbannen!“

Der letzte schließlich war ein arabischer Aktivist, Ziad Sabateen, der sich lange Zeit nicht traute, vorzutreten. Offenbar war er kein Fan großer Reden.  „Diese Kundgebung hätte in Duma stattfinden sollen“, sagte er, „ich selbst wurde zu einer anderen Kundgebung eingeladen, aber meine Nachbarn waren mir wichtig, also bin ich hier. Die Mütter sind diejenigen, die den Kindern als erste Essen geben, und sie auch erziehen. Wir müssen unsere Mütter schützen.“ Er wünschte sich auch eine ebenso strenge Behandlung der israelischen Täter wie die gegenüber den palästinensischen.

Nach der Kundgebung löste sich die Versammlung schnell auf, Menschen unterhielten sich noch, andere gingen im Supermarkt „Rami Levy“ nebenan einkaufen – ein bekanntes „Symbol der Koexistenz“ für sich.

Was meine allgemeine Skepsis für öffentliche Kundgebungen dieser Art angeht, so muss ich zugeben, dass diese Veranstaltung eindeutig einen weitaus mehr authentischen und respektvolleren Charakter besaß als alle ihr vorangegangenen seit dem letzten Freitag. Bleibt nur zu hoffen, dass alle Redner auch ehrlich und aufrichtig in dem gewesen sind, was sie den Anwesenden mitzuteilen hatten.



 

Mehr zu Shorashim-Judur-Roots: hier geht’s zur Homepage

In Zukunft werde ich mehr über diese Organisation berichten. Bleibt dran!