Shuki Gilboa und seine Frau Shulamit. Quelle: Kikar Hashabat
Dieser Mann, Shuki (Yehoshu’a) Gilbo’a, hat am Donnerstag, dem 30.06., um die neun Uhr vormittags sein rechtes Augenlicht verloren. Als er nach einigen Notoperationen aus dem Operationssaal gefahren wurde und ihn seine Frau empfing, erzählte sie ihm, dass er auf rechtem Auge für immer blind sein würde.
„Er sagte nur zwei Worte – ‚Alles ist zum Guten'“, erzählte sie.
Shukis Frau Shulamit war dabei, als dieser einen Notfallruf über das örtliche Funkgerät bekam und mit Weste und Gewehr aus dem Haus stürmte. Es bestand ein Verdacht auf ein fremdes Eindringen in die Ortschaft Kiryat Arba. Nur wenige Minuten später, als Shuki gemeinsam mit einem weiteren Kollegen-Schutzmann ins betroffene Haus der Familie Ariel am Rande von Kiryat Arbastürmte, in welchem sich der Terrorist verschanzt haben sollte, hatte er bereits die Messerklinge des Terroristen abbekommen. Der 17-Jährige arabische Jugendliche aus der Ortschaft Bani Na’im hatte sich im Kinderzimmer der 13-jährigen Hallel verschanzt, nachdem er diese im Schlaf abgestochen hatte, und sprang auf Shuki, als dieser zur Tür vordrang. (Bericht ueber Hallel hier)
Shuki wurde schwer verletzt. Sein Kollege erschoss den Attentäter. Shulamit erhielt die Nachricht von zwei Verletzten, und so, wie sie es der Nachrichtenplattform Ynet berichtet, hatte sie den starken Verdacht, dass es sich bei dem einen um ihren Mann handelte.
Selbst eine Krankenschwester und Freiwillige bei dem Roten Davidsstern, lief sie zur Kreuzung bei der Ausfahrt aus der Ortschaft, bei welcher auch der Notfallwagen vorbeigefahren kam, hielt ihn an, sprang hinzu und leistete selbst ihrem Mann die erste Hilfe. Von da an blieb sie bei ihm, ohne ihn zu verlassen – bis jetzt. Sie erzählte Shuki vom verlorenen Auge. Sie erzählte auch der Presse von den Schmerzen ihres Mannes, aber auch davon, dass sie an seine Inneren Kräfte glaube und dass die Unterstützung von Familie, Freunden und der gesamten israelischen Gemeinschaft überaus hoch sei, aus vielen Orten riefen sie Menschen an und ermutigten sie – nicht nur aus Judaea und Samaria:
„Wir werden von Liebe überhäuft“.
Der Heilungsprozess ist erst am Anfang, und es wird viel Zeit der Erholung brauchen, auch viel Zeit der Eingewoehnung. Aber die innere Einstellung ist seit jeher ein grosser Faktor bei der Heilung. Zusammen mit Shulamit glaube ich fest daran, dass dieser grosse Mann – ein einfacher Einwohner von Kiryat Arba – den Schmerz und den Verlust ueberwinden wird. Er ist fuer uns alle ein grosses Beispiel, und wir werden ihn tatkraeftig und im Geiste immer unterstuetzen.
(Aktualisiert) Und wieder trifft der Terror die Berge Hevrons. Diesmal kein Einbruch in eine Ortschaft wie bei Dafna Me’ir und Hallel Yaffa Ariel.
Der Terrorort und die Gegend auf der Karte
Diesmal ein Schussattentat, eines von vielen des letzten Dreivierteljahres, eines von vielen aus der Zeit, seit welcher wieder Juden in diesen Bergen leben. So wie die Familie Litman, die 13.11.15 von einem Schussattentat auf der Autobahnstrecke nahe Otni’el am Freitagabend, kurz vor Schabattbeginn, auseinander gerissen wurde, so auch diesmal, eine Familie: Michael Mark, 48, und seine Frau Chava, 40, sowie zwei ihrer Kinder, Pediya (15) und Tehila (13).
Michael Mark sel.A. Quelle: Israel Hayom
Michael Mark, 48 Jahre, Vater von zehn Kindern, war der Direktor der Religionsschule für Jungen (Yeshiva) in Otniel. Einer meiner guten Freunde lernte dort bis zu seiner Armeezeit. Mark war bekannt als ein offener, sehr hilfsbereiter Mann, ein Rollenbeispiele fuer die Schueler der Yeshiva, in der gesamten Ortschaft beliebt und respektiert. Die Tochter Tehila lernt gemeinsam mit den Töchtern meiner guten Freunde aus dem Dorf Bet Haggai bei Hevron.
Die Familie war auf der Autobahn unterwegs; bei der Kreuzung Adoraim wurden sie offenbar von hinten von einem Wagen mit arabischen Insassen überholt. Als diese vorne waren, eröffneten sie aus dem Inneren des Wagens Feuer. Über 19 Schüsse wurden auf das Fahrzeug der Familie Mark abgefeuert. Das Auto verlor die Kontrolle, überschlug sich, landete auf dem Dach. Im Wagen war der sehr schwer verletzte Michael Mark
Das Auto der Familie Mark. Quelle: Walla!co.il
eingeklemmt, offenbar mit den Kindern. Seine Frau wurde aus dem Wagen geschleudert und lag vor dem Fahrzeug. Auch sie war schwerverletzt, ebenso die Tochter Tehila – mehrere Bauchschüsse hatten sie getroffen. Der Sohn, Pediya, war der einzige, der sich einigermaßen bewegen konnte.
Rettungskräfte erreichten die Unfallstelle und begannen die Wiederbelebungsversuche an Michael, doch mussten bald aufgeben, dieser gab kein Lebenszeichen mehr von sich. Michael Mark starb an seinen Verletzungen am Unfallort. Die mehrfach im Oberkörper getroffene Chava wurde ins Hadassa-Hospital evakuiert, ebenso die mittelschwer bis schwer verletzte Tehila. Pediya wurde noch am Unfallort behandelt und danach ebenso ins Krankenhaus gefahren.
Familie Mark vor dem Attentat. Tochter Orit im Vordergrund. Quelle: INN
Wieder eine Familie auseinandergerissen, wieder mehr Waisen und Witwen, die unverschuldet die Narben der Verluste in ihren Seelen bis zum Lebensende tragen werden, und womöglich werden physische Narben
Michael und seine Frau Chava. Quelle: INN
hinzukommen. „Gestern haben meine Tochter und ihre Freundinnen um eine ermordete Klassenkameradin geweint, heute weinen sie um eine weitere verletzte Freundin“, schrieb Me’ir Dana Picard, mein guter Freund aus der Ortschaft Bet Haggai südlich Hevrons, welcher schon einige seiner Freunde bei Terrorattacken in den Südhevronbergen verloren hatte.
Wieder war es eine Attacke auf Zivilisten, von Arabern auf Juden, von Muslimen auf Juden, von denjenigen, die dem Leben den Tod vorziehen und andere dafür in den Tod zwingen wollen.
UPDATE:
Das Video der Waisen von Michael Mark. Quelle: INN
Am zweiten Tag nach dem Attentat veroeffentlichten die Waisen der Familie Mark ein kurzes Video, in welchem sie um das zahlreiche Kommen zum Begraebnis ihres Vaters baten: „Papa war nicht nur unser Vater, sondern ein Vater von ganz, ganz vielen Menschen“, sagte Orit. Und eine weitere Tochter, Shira, fuegte hinzu:
„Nehmt etwas Gutes von Papa mit, werdet bessere Menschen, werdet liebender.“
Tehila Mark. Quelle: NRG
Auf der Beerdigung, welche am Sonntag, dem 04.07. erschien auch der gegenwaertige Mossad-Direktor Yossi Cohen, welcher ein Cousin des ermordeten Mark ist. Die Tochter Tehila, die bei
Mossad-Direktor Yossi Cohen, ein Cousin des Ermordeten, mit Neffe Pediya. Quelle: NRG
dem Anschlag schwer verletzt worden war, wurde im Krankenbett zum Beerdigung gefahren.
Die Tochter Orit, in ihrer Grabrede, wandte sich an den Vater selbst, erzaehlte von seiner Liebe zu den Kindern, der Unterstuetzung, die speziell sie von ihm erfahren hatte und bat zum Schluss:
„Papa, du hast immer eine Loesung fuer alles gefunden. Du warst so begabt und so gut, es ist nicht fassbar, dass du nicht mehr hier sein wirst. Geliebter Papa, bete fuer unsere Mutter, die du so geliebt hast, fuer Tulik (Tehila), unsere Heldin, dass ihr Bauch in Ordnung sein wird, dass sie an diesem Trauma nicht zerbricht. Auch fuer unseren Pediya. Er hat alles gesehen, er erinnert sich an alles, es brennt in seinem kleinen Herzen. Papa, schau von oben herab, schau, wie stark wir sind.“
(Quellen: Kol Israel Radio, Ynet, Channel 2, INN)
Die Regierung hat angekündigt, auf das Verlangen von Erziehungsminister und Vorsitzendem der Partei „Jüdisches Heim“ Naftali Bennett hin eine Kabinettssitzung am heutigen Abend statt morgen abzuhalten: „Terroristen halten keinen Schabbat ein“, meinte Naftali Bennett. Laut den Medienberichten fordert Bennett die Sperrung der Autobahn 60, auf welcher sich die zahlreichen Attentate ereigneten, für palästinensischen Verkehr.
Ganz ehrlich, ich kann nicht glauben, dass das der Gesamtsituation irgendwie helfen wird.
Heute (30.06.16) um etwa 9 Uhr morgens drang ein 17-jähriger Terrorist in das Haus der Familie Ariel im Vorort der Großsiedlung Kiryat Arba bei Hevron ein. Der Attentäter kletterte über den Sicherheitszaun, der die Ortschaft umgibt, und gelangte in das nächstgelegene Haus. Er verschloss hinter sich die Tuer und begab sich in das Kinderzimmer der Familie, dort schlief eins der Kinder von Rina und Amichai Ariel, die 13-jährige Hallel Jaffa.
Von da an begann ein Alptraum.
Hallel Yaffa Ariel. Quelle: Internet
Der Terrorist fing an, auf das schlafende Mädchen einzustechen. Hallel war am vorherigen Abend von einer Tanzaufführung, bei welcher sie mitgemacht hatte, spät zurueckgekommen, die Ferien hatten am Sonntag begonnen, und Hallel schlief aus. Der Attentäter, selbst noch keine 18 Jahre, überraschte sie im Schlaf und stach auf sie mit insgesamt acht Stichen ein. Hallel verlor das Bewusstsein, ihr Blut verschmierte den Boden.
Als der Terrorist (ich erwähne generell keine Namen von Attentätern) noch über den Zaun gekommen war, alarmierte dies das Sicherheitszentrum von Kiryat Arba, da der Zaun mit einer Signalanlage versehen ist. Auf den Kameras wurde der Eindringling erkenntlich. Die Mitarbeiterinnen des Zentrums (ich habe einige Zeit in einem solchen im Gush Etzion gearbeitet) benachrichtigten die
Das Haus von Hallel und ihrer Familie. Quelle: Maariv
innere Sicherheitseinheit, welche aus freiwillig in ihr dienenden Einwohnern besteht, und ebenso die Armee. Die ersten, die sich am Schnellsten zum Eindringungsort aufmachen konnten, waren die Schutzmänner der Sicherheitseinheit. Sie eilten zum Zaun und begannen, aus verschiedenen Richtungen das Haus einzukesseln, da es nicht klar gewesen war, wo sich der Täter in diesen Momenten befand. Anschließend, so berichtete einer von ihnen im Nachhinein den israelischen Medien, näherten sie sich dem Haus, bis drei von ihnen schließlich ins Innere des Hauses vordrangen – Yehoshua (Shuki), Chanoch und Amichai – der Vater des Mädchens, welcher ebenso in der Einheit diente. Dank diesem konnte wohl auch die Tür geöffnet werden, die zuvor vom Attentäter verschlossen worden war.
Kiyat Arba – Tatort, Bani Na’im – Wohnort des Terroristen
Als die drei hineingelangten, gingen sie in Richtung des Kinderzimmers. Direkt am Eingang sprang der Terrorist auf einen von ihnen, Yehoshua, und begann, auch auf ihn einzustechen. Chanoch erschoss den Angreifer. Auf dem Bett erblickten die drei die blutende Hallel. Sie wurde von den angekommenen Notfallärzten herausgebracht, ebenso der schwerverletzte
Hallels Zimmer. Die ersten Rettungseinsatzkräfte haben das Zimmer schon gereinigt.
Yehoshua. Nach den ersten Wiederbelebungsversuchen wurde sie in den Notfallwagen gebracht und ins Hadassah-Krankenhaus gefahren, ebenso der verletzte Yehoshua. Die Frau von Yehoshua, die ebenso als Freiwillige des „Roten Davidssterns“ und als Krankenschwester arbeitete, sah den Ambulanzwagen fahren, als sie auf dem Nachhauseweg auf der Straße in der Siedlung war und stieg zu; der Patient offenbarte sich ihr als ihr Mann.
Hallel mit ihren Eltern Amichai und Rina und mit juengeren Geschwistern bei einem Besuch auf dem Tempelberg. Quelle: Nana
Im Krankenhaus fand das Drama sein bitteres Ende, zumindest, was Hallel anbetraf. Der Leiter des Traumazentrums des Hadassah-Krankenhauses berichtete den Nachrichtendiensten, Hallel sei durch die Messerstiche zu schwer verletzt worden und die Wiederbelebungsversuche hatten nicht geglückt. Hallel verstarb an ihren Wunden. Yehoshua befindet sich noch immer in der Notaufnahmestation und wird operiert.
Hallel beim Auftritt. Quelle: INN
Das Drama war vorbei, der Alptraum hatte erst begonnen. Für die Familie, Freunde und Nachbarn von Hallel; den Vater, einen Pädagogen und Weinbauern, für ihre Mutter Rina. Für die Schülerinnen der ehemaligen achten Klasse der Mittelschule in Kiryat Arba, welche Hallel vor einigen Tagen erfolgreich abgeschlossen hatte. Für ihre Tanzgruppe, mit welcher die 13-Jährige erst vor einem Tag eine erfolgreiche Aufführung gehabt hatte. Hallel liebte es zu tanzen, so erzählen ihre Eltern und Nachbarn.
„Sie hatte einen guten Charakter, ein gutes Mädchen, immer beliebt und von Freundinnen umgeben. Sie liebte diesen Ort, das schöne Haus, das Grün, sie fühlte sich sehr wohl“, so berichtete der Nachbar, der als Sicherheitsoffizier in der Siedlung fungiert, dem INN.
Der jüdischen Tradition entsprechend soll ein Toter so schnell wie
Das Trauersitzen (Shiva) von Familie Ariel. Auch Premierminister Netanyahu kam zu Besuch. Quelle: Nana
möglich begraben werden. Daher wurde die Beerdigung auf 18 Uhr Ortszeit gesetzt. Hallel wurde auf dem alten jüdischen Friedhof von Hevron, in der Hevroner Altstadt, in welcher sich die jüdische Gemeinde Hevrons befindet, beerdigt. Hunderte von Menschen erschienen auf der Beerdigung und begleiteten Hallel auf dem letzten Weg.
Was die offiziellen Reaktionen auf den Mord von Hallel und die Attacke auf Yehoshua angeht, so äußerte sich Premierminister Netanyahu zu dem Attentat und erklärte, die Arbeitsvisa für die Verwandten des 17-jährigen Terroristen zu streichen. Armeeeinheiten haben mittlerweile die Stadt Bani Na’im bei Hevron eingekesselt, in welcher der junge Attentäter gelebt hatte, die Familienmitglieder verhört und ebenso die Einfahrt nach Bani Na’im mit Betonblöcken versperrt Der Vater wurde aufs Armeerevier
mitgenommen. Die Mutter, so veröffentlichte es Ynet, beteuerte, nicht geglaubt zu haben, dass ihr Sohn die Attacke vollführt haben soll: „Er meinte immer, er wolle ‚etwas tun‘, aber wir dachten, er würde nur Spaß machen“.
Auch innerhalb des Gebietes von Judäa bis nach Ramallah im Norden Jerusalems wurden Straßensperren von der Armee errichtet.
(Quellen: Channel 2, Jerusalem Post, INN, Ynet, Walla)
Bani Na’im, ebenso wie die gesamte Umgebung von Hevron, ist durchsetzt von Terrorzellen der Hamas und anderer islamistischer Terrororganisationen, und ihre Einwohner sind sehr anfällig für Radikalisierung. Zahlreiche Attentäter, welche Attacken auf
Terroregion Großraum Hevron – Karte
Zivilisten und Soldaten in und außerhalb der „Grünen Linie“ verübt hatten, auch in dem letzten halben Jahr, stammten aus dieser Region: Dura – Yatta – Bani Na’im – Hevron- Sse’ir (alShuyuch) – Halhul. So die drei Attentäter, welche in diesem Monat (Juni) die Terrorattacke im Sarona-Zentrum in Tel Aviv zu verantworten hatten; der Attentäter, der vor etwa einem halben Jahr Jakov Don und Ezra Schwarz in einem Stau bei Alon Shevut erschoss; der Mörder von Dalia Lemkos im Oktober 2014, und schließlich auch die Entführer der drei Jugendlichen, Eyal, Gil-ad und Naftali, welche genau vor einem Jahr, am 30.06.14 , ermordet und eingebuddelt auf einem Feld beim Hevroner Vorort Halhul gefunden wurden.
Seitens der deutschen Berichterstattung dürften diejenigen, die die heutigen Nachrichten größeren Medienkonzerne verfolgt hatten, eine kleine Überraschung erlebt haben:
So berichtete der SPIEGEL in einer uncharakteristisch informativen und sachlichen Art und Weise über den Terroranschlag und erwähnte ebenso die Terrorwelle und die israelischen Opfer der Attacken des letzten Dreivierteljahres. Die Meldung stammte aus der Nachrichtenagentur dpa.
Bei der „Tagesschau“ musste man Vorarbeit leisten: Der Studentin Noemi Becher aus Frankfurt fiel in der Nachrichtenausgabe der „Tagesschau“ auf, dass der Mord mit keinem Wort erwähnt wurde. Daraufhin schrieb sie einen Brief an die Onlineredaktion. Wenig später veröffentlichte die Webseite einen kurzen Bericht zum Attentat. Noemi postete auf ihrem Facebook-Profil:
Eigeninitiative hilft. Nachdem ich bei der Tagesschau nichts zum Attentat in Kiryat Arba gefunden habe, habe ich mich per Mail an die Redaktion gewendet und sie darauf aufmerksam gemacht, dass der Terror nicht in Tel Aviv anfing und dort auch nicht aufgehört hat. Ich habe auch ausdrücklich gefordert, dass der Attentäter nicht als das Opfer dargestellt wird. Kurz darauf erschien der Artikel auf ihrer Webseite. Zusammen mit den anderen, die eventuell auch eine Mail geschickt haben, haben wir etwas bewirkt.
Auch andere Medien meldeten sich im Laufe des Tages – so beispielsweise die BILD, RTL Online, Hamburger Morgenpost. Offenbar ließ sich der Mord an einer unschuldigen 13-Jährigen nicht einfach übergehen.
Der Bericht von ZDF heuteplus.
Am Ende des Tages kam auch das ZDF heuteplus mit einem gar außergewöhnlichen Bericht auf, welches sowohl einfühlsam und respektvoll über den Mord von Hallel berichtete, als auch mehr als deutlich auf den Hass hinwies, welcher in der palästinensischen Gesellschaft geschürt wird und dem vor allem Jugendliche ausgesetzt werden.
Leider schrieb keins der erwähnten Medien darüber, welche Überzeugungen der Attentäter selbst vor seiner Tat hegte. So verherrlichte er auf seinem Facebookprofil die jugendliche Terroristin, ebenso aus Bani Na’im, die vor einigen Monat Soldaten in Hevron angegriffen hatte und dabei erschossen worden war. So schrieb der 17-Jähriger, dessen Cousin laut Ynet bei einer versuchten Autorammattacke im März dieses Jahres von Soldaten erschossen worden war, am vorherigen Samstag auf Facebook:
„Ich will sterben. Das Sterben ist ein Privileg.“
Mein Bekannter Me’ir aus der Ortschaft Bet Haggai im Norden Hevrons berichtete einige Stunden nach dem
Attentat, vor der Einfahrt nach Hevron (von seinem Haus aus zu sehen) würde eine lange Autoschlange stehen, die Autos wären mit Flaggen geschmückt und es würde gehupt werden: Sie hupen sicherlich deshalb, weil sie gute Zeugnisse heimgebracht haben“, schrieb Me’ir sarkastisch.
Ein anderer Bekannter, Moshe Rahmanov, veröffentlichte das folgende Bild und betitelte es „Bunkerbetten – bald im Angebot“:
Es wäre lustig, wenn es nicht so realitätsnah wäre.
Ich muss leider Frust loswerden, auch wenn es manchen nicht gefallen oder wenig verständlich sein wird. Ich möchte aber dennoch diesen Standpunkt darstellen, weil er authentisch die Gefühle vieler Menschen in Judäa und Samaria ausdrückt, ihren Frust, ihr Dilemma, ihre Enttäuschung. Gegenüber den eigenen Landsleuten, nicht gegenüber der Welt.
Es ist schon Mittag des nächsten Tages nach dem Tel Aviv-Attentat, und noch immer sind die Schlagzeilen der zentralen Medien (Channel 2, Ynet) alle komplett besetzt mit den Berichten. Es steht nicht in Aussicht, dass sich das im Laufe des Tages ändern wird, im Gegenteil.
Das Attentat geschah am hellichten Tag in einer beliebten Erholunhsmeile in der Metropole Tel Aviv. Tel Aviv ist Israels Entertainment-Hauptstadt. Wenn etwas in Tel Aviv geschieht, schauen alle hin.
Aber auch Rabbiner Lavieh wurde vor aller Augen ermordet, in der Altstadt von Jerusalem, und mit ihm ein weiterer Vater kleiner Kinder, und niemand half. Auch Shlomit Krigermann und Hadar Buchris wurden am hellichten Tag ermordet, zwei junge Mädchen, mit Messer und Schusswaffen. Und wer kennt noch die Namen von Eliav Gelman, der mit seinem Einsatz das Leben von Zivilisten an einer Bushaltestelle retten wollte und dabei ins Kreuzfeuer geriet; und Avraham Hasno, der an seinem Auto brutal von einem Lastwagenfahrer überfahren wurde und dieser noch mehrere Male über ihn gerollt war, um den Tod sicherzustellen? Der Täter wurde anfangs nur wegen „fahrlässiger Tötung“ belangt.
Und Jakov Don und Ezra Schwarz? Sie standen im Stau. Der Täter schoss auf alle, tötete „nur drei“, darunter einen eigenen Landsmann.
Warum nenne ich diese Namen und rufe die längst vergessenen Personen in Erinnerung?
Sie waren Opfer desselben Terrors wie die Opfer von Tel Aviv.
Aber sie kamen nicht aus Tel Aviv. Sie waren Siedler, oder aus Jerusalem. Sie wurden in Judäa und Samaria getötet. Nicht in einer Erholungsmeile einer Non-Stop-Metropole. Dort, hinter der „Grünen Linie“, knappe 80 Kilometer von Tel Aviv entfernt, dort erwartet man die Toten. Dort ist rechtsfreier Raum, dort töten die Terroristen die Juden aus ganz anderen Gründen als in Tel Aviv. Dort muss ein Massaker geschehen, wie des Vogel-Ehepaares und ihrer Kinder, dass sich jemand entsetzt. Die Terroropfer und Verletzten in Judäa und Samaria sind mehr „Kollateralschaeden“, „Opfer des Friedens“, wie der verstorbene Yitzhak Rabin einst die Terroranschläge nach den Oslo-Verträgen nannte.
Aber wer so denkt, irrt sich.
Der Terror kommt überall hin, der Terror beginnt in Judäa und Samaria, aber er hält dort nicht an. Diejenigen, die die Terroristen erreichen wollen, sie fragen sie nicht nach ihren Überzeugungen, ihren Berufen und sie interessiert auch nicht ihr Aussehen und ihre sexuelle Orientierung. Sie interessiert einzig und allein ihre Zugehörigkeit – zu Israel, zum jüdischen Volk.
„From the river to the sea, Palestine will be free“, skandieren die radikalisierten muslimischen Massen und ihre Unterstützer im selbsternannten Palästina, auf den Straßen von Europa und den USA. Zwischen dem Jordanfluss und dem Meer, dort liegen Alon Shevut und Hevron, Givat Ze’ev und Jerusalem. Und auch Tel Aviv. Und solange sie dort sind, solange wird der Terror anhalten. Bis diesem jemand ein Ende setzt, so oder anders. Aber das scheint noch immer nicht in Sicht zu sein.
Sollen die Ermordeten in Frieden ruhen, sie alle, , Gott ihr Blut sühnen und ihr Gedenken zum Segen werden lassen.
זכרונם לברכה, ה‘ יקום דמם.
Wie ihr sicherlich schon wisst, fahren wir ‚Siedler‘ per Anhalter und wer ein Auto hat, bietet anderen Wartenden eine Autofahrt an.
Am Morgen des 23.Novembers fuhr ich in die Universitaet, die ca. 80 km von mir entfernt liegt, mit einem Mann namens Avi, mittleren Alters, aus der Siedlung Ateret in Suedsamaria (ueber diese Gegend habe ich hier berichtet). Sein Auto, ein alter Citroen, der wohl schon vieles im Leben gesehen hatte, war mit allerlei Werkzeugen und Kartons gefuellt. Er schlug mir vor, mich zur Ausfahrt aus Jerusalem zu bringen, um von dort einen Bus zu nehmen, bot mir ausserdem Kuchen an und da ich mich als eine eine Einwohnerin von Gush Etzion outete, begann er mich zum Terroranschlag aus der Kreuzung auszufragen, der sich einen Tag zuvor, am 22.11.15 ereignet hatte: „Wo ist die Suesse denn ermordet worden?“ (Das Maedchen, Hadar Buchris, kam aus der Stadt Zfat, war 21 und war auf der Suche nach einer WG in der Siedlung Bat Ayin).
Wir sprachen ueber Gush Etzion. Es hatte heute einen grossen Stau an der Kreuzung gegeben, denn neue Kontrollmethoden waren eingefuehrt und alte verstaerkt worden – das alles nach dem Terroranstieg. „Es ist eine sehr gefaehrliche Gegend hier, die meisten Angreifer, soll deren Name ausgeloescht sein, kamen von hier“, sagte Avi. „Aber man sagt doch immer, Samaria waere eine viel gefaehrlichere Gegend!“, entgegnete ich. Tatsaechlich, wenn man Einwohner in Judaea fragt, was sie denn vom Leben in Samaria halte, wuerden die meisten sagen, dort sei das Leben viel risikoreicher. Avi aber lachte bitter auf: „Wie es so schoen heisst, ‚jedem seine Araber‘. Diese sind bescheuert und jene sind noch bescheuerter.“
Avi fragte mich, was ich studierte. Ich erzaehlte ihm von meinem Studium der Nahostwissenschaften: „Ich studiere auch Arabisch.“ „Ich kann Arabisch, ich bin immer von der Sprache umgeben gewesen“, erzaehlte mir Avi. „Ich bin auch Jemenite [sprich, Jude jemenitischer Herkunft] und hatte immer mit der Sprache und den Leuten zu tun. Ich war in der Armee bei der Fallschirmspringereinheit, da musste man Festnahmen in Libanon durchfuehren, da hat mich mein Kommandeur immer hingeschickt, um sich mit den Leuten zu verstaendigen.“
Autobahn 443 Richtung Landeszentrum. Quelle: mcity.co.il / Menachem Bentov
Avi, so stellte sich heraus, dient noch immer im Reservedienst und ist auch im Notrufkommando seiner Siedlung taetig, in der er schon 22 Jahre wohnt (euch interessiert, was es mit dem Notrufkommando auf sich hat? Hier gibt’s mehr). Von Beruf ist Avi Vertriebsagent einer Verpackungsfirma. Auch waehrend er sich er mit mir unterhielt, antwortete er auf Arbeitsanrufe.
‚Der Wehrdienst macht mir Spass“, sagte er, „was soll man machen, Gott wird uns helfen“. Neben dem Beifahrersitz hatte er ein grosses Gewehr liegen, das jeder, der in einem Notrufkommando dient ist, bei sich tragen muss.
Er fragte mich ueber das Studium aus und ueber Arabisch im Besonderen. „Ich mag die arabische Sprache“, sagte er. „Die geschriebene ist aber schoener als die gesprochene“, erwiderte ich. „Kannst du es schon ein bisschen sprechen?“ Ich verneinte lachend, soweit war ich noch nicht.
Ateret, Modiin, und auch Jerusalem und Ramallah – alles auf einer Karte
Avi fuhr schnell. Die Atmosphaere im Auto war angenehm, Avi plauderte gern und war ein netter Mensch. Den Kuchen, den er mir angeboten hatte, hatte ich schon aufgegessen.
Wir fuhren weiter als Jerusalem, ueber den Streckenabschnitt 443 durch Suedsamaria/Binyamin nach Modiin, einer Stadt westlich von Jerusalem, dort wuerde ich einen schnelleren Bus nehmen. „Kommt dir gelegen, dass ich dir angehalten habe“, schmunzelte Avi. Bei der rasanten Abfahrt auf der Autobahn 443 Richtung Tal belegte es mir die Ohren. Die Berge von Binyamin sind hoch, wir stiegen von 800m auf 200m herab.
Bevor Avi mich absetzte, fuhren wir noch zur Tankstelle. Avi war gut gelaunt und locker und freute sich, mir geholfen zu haben. Auf ein solches Gemuet treffe ich haeufig bei Leuten aus den Siedlungen.
Beim Abschied wuenschte mir Avi, ich solle viel Arabisch ueben.
In den letzten Tagen habe ich relativ geschwiegen und nichts veröffentlicht; das liegt daran, dass ich in den letzten Wochen sehr von meiner Arbeit und dem Studium beansprucht wurde (zur Erinnerung, ich arbeite als Reiseführerin in Teilzeit in der Knesset und studiere Nahostwissenschaften für das BA an der Bar-Ilan-Universität). In solchen Fällen kommt es leider vor, dass ich keine Beiträge schreiben kann.
Das Leben steht aber trotz meines überfüllten Alltags nicht still und es finden sich Aspekte, die es wert sind, erwähnt zu werden. Natürlich rede ich dabei von den aktuellen Ereignissen in Judäa und Samaria, auch wenn es in ganz Israel momentan alles andere als ruhig ist.
Zur aktuellen Sicherheitslage: Die Terrorversuche und Attentate flauen leider nicht ab. In Städten im Zentrum des Landes tauchen Terroristen auf und greifen Bürger an, und was Judäa und Samaria angeht, so sind Steinewürfe, versuchte (oder ausgeführte) Messer- und Schussattacken auf Kontrollposten seitens palästinensischer Araber insofern Teil der Routine, als dass selbst ich mittlerweile müde werde, sie zu erwähnen. Unsere Kreuzung, in Gush Etzion, ähnelt schon einige Monate einem Sicherheitstrakt, und wenn ich morgens durch die Felder von meiner Karavanensiedlung aus hinunter zur Hauptstraße komme, laufen mir immer wieder Soldaten entgegen und wollen wissen, wer ich sei. Sie wechseln sich ständig ab und haben sich noch immer nicht an mich gewöhnt. Einmal pro Woche hören wir in den lokalen Nachrichten von einem versuchten Attentat entweder bei uns, oder auf einer anderen Kreuzung. Die Soldaten vor Ort sind sehr angespannt, das merkt man ihnen an. Denn die Einwohner lassen sich von den Terroristen nicht daran hindern, weiterhin an den Bushaltestellen zu warten und zu fahren.
Am 14. 03 ereigneten sich eine Schuss- und Autoattacke auf der Bushaltestelle bei der Einfahrt in die Stadt Kiryat Arba-Hevron (Judäa), bei der zwei Terroristen die sich dort aufhaltenden Wartenden und Soldaten angriffen. Drei Soldaten, darunter ein Offizier, wurden verletzt und evakuiert, die Attentäter wurden getötet. Am 17.03 (heute) wurde eine Soldatin an der Ariel-Kreuzung (Samaria) von zwei Arabern angefallen, die auf sie einstachen. Die Täter wurden getötet, die Soldatin medizinisch versorgt und evakuiert. (Quelle: IDF)
Die israelische Instant-Nachrichtenseite 0404 berichtet, dass Donnerstag früh drei arabische Lastwagen mit Baumaterial von der israelischen Zivilverwaltung (für die zivilen Angelegenheiten der jüdischen und arabischen Bewohner Judäas und Samarias sowie für Landangelegenheiten verantwortlich; ein Organ der israelischen Militärverwaltung) konfisziert worden sind. Ihre Besitzer hatten sich unrechtmäßig aufgemacht, ein Landgebiet um die Siedlung Karmey Tzur (Judäa) herum zu bebauen. Das betroffene Gebiet besitzt Untersuchungsstatus (was bedeutet, dass sein Besitzer juristisch gesehen noch nicht ermittelt worden ist) und darf offiziell nicht von israelischen oder palästinensischen Einwohnern bebaut werden. Die spontane und illegale Landaneignung seitens palästinensischer Araber im C-Gebiet findet regelmäßig statt; bei manchen der Fälle hat in der Vergangenheit auch die EU ihre Unterstützung geliefert. Die israelische NGO „Regavim“ befasst sich mit illegalem arabischen Bau in C-Gebieten ebenso wie im Süden und Norden Israels.
Protestmarsch-Flyer
Am 15.03., Dienstag, fand ein Protestmarsch bei uns in Judäa statt – besser gesagt, auf der Autobahn 60 zwischen der Siedlung Karmey Tzur und dem zentralen Knotenpunkt – der Gush-Kreuzung. Der Autruf wurde von den Vorsitzenden der Regionalverwaltungen getätigt – von Gush Etzion, der Stadt Kirzat Arba, Südhevron, Binyamin-Samaria, und richtete sich an die Einwohner mit dem Aufruf, gegen die freie Fahrt palästinensischer Fahrzeug durch den Hauptknotenpunkt Gush Etzion zu demonstrieren. Unter dem Motto „Hauptstraßen versperren – Abschreckung wiederherstellen“ gingen mehrere Dutzend Menschen (den Aufnahmen zufolge,
Foto: Natan Epstein
müssten es knapp Hundert gewesen sein) mit Israelflaggen und in Begleitung der Armee auf die Straße, sperrten für 2 Stunden den lokalen Verkehr ab und demonstrierten für sichere Straßen für israelische Fahrzeuge – durch das Verhindern palästinensischen Verkehrs. Der Aufruf richtete sich selbstverständlich an den Premierminister und das Regierungskabinett. Die Idee dahinter: Die unaufhörlichen Terrorakte gegen die jüdische Bevölkerung basieren auf Hetze und
Foto: Natan Epstein
werden von der unmittelbaren Umgebung der Täter befürwortet und unterstützt. Auf die Terrorakte folgt keine Reaktion der offiziellen Stellen und es gibt kein Abschreckungspotential gegenüber zukünftigen Tätern und ihren Unterstützern. Die Beeinträchtigung der Lebensqualität dieser „unterstützenden“ Umgebung würde zu einem Abschwellen des Terrors führen.
Ich weiß nicht, inwiefern dieser Marsch tatsächlich etwas erreichen wird oder gar einen Sinn hat in seinen Absichten. Aber ich respektiere das Recht auf freie Meinung und Ausdruck. Es ist wichtig, dass Menschen nicht gleichgültig ihrem Schicksal gegenüberstehen.
Heute (18.03.16) findet vor der Tür sozusagen, in den Feldern bei Alon Shevut, eine „Friedenszusammenkunft“ der besonderen Art statt.
Frieden? Hier? Judäa? Westjordanland? Was? – höre ich die Stimmen.
„Wir machen Frieden im Land“ Eventflyer
Allerdings. Gerade bei uns, gerade in Judäa. Es geht um eine Initiative, die vor etwas anderthalb Jahren gestartet wurde, und die der Idee des im Jahre 2013 verstorbenen Rabbiners Menachem Fruman aus Teko’a nachhängt. Wer den Namen schon einmal gehört hat – gut so, so wird sich einiges aufklären. Wer nicht – Menachem Fruman, über den und seine Familie ich im Laufe der Zeit berichten möchte – war der „Wunderrabbi“ der gemischten Siedlung Teko’a in Ost-Judäa und ein national und international bekannter Friedensaktivist. Als Rabbiner, nationalreligiös und Siedler, nahm er sich vor, den Kontakt zwischen Juden und muslimischen Arabern ausgerechnet in Judäa und Samaria aufzunehmen und zu fördern. Frieden, so Fruman, muss von unten wachsen, und niemand würde dafür besser geeignet sein als die beiden Bevölkerungsschichen, die sich diesem meisten verbunden fühlen würden – die arabische Dorfbevölkerung und die jüdischen Bewohner von Judäa und Samaria.
Zu diesem Zweck führte Rabbi Fruman jahrzehntelang Gespräche mit lokalen muslimischen Geistlichen, palästinensischen Politikern, einfachen Einwohnern – und natürlich den „Mitsiedlern“. Traf sich mit ihnen, organisierte gemeinsame Gebete, besprach Auswirkungen von Terroranschlägen und ihre Prävention. Er traf sich auch mit den Anführern der Palästinensischen Autonomiebehörde und den führenden Politikern der palästinensischen Widerstands- und Terrorbewegungen! Als er 2013 an einer Krankheit verstarb, führten seine Frau Hadassah, nicht weniger bekannte Aktivistin, und seine Kinder sein Lebenswerk mit Überzeugung weiter.
Das „Roots“ Logo
Die Initiative, über die ich momentan einige Worte verlieren möchte, wird sowohl vom „Fruman’schen“-Zentrum organisiert, als auch von den „Roots“ (Shorashim/Judur auf Hebräisch und Arabisch). Und „Roots“ ist eine NGO in Anlehnung an die Ideologie von Rabbiner Fruman und ist etwa 1,5 Jahre lang aktiv. Die treibende Kraft und der „Partner zum Dialog“ dahinter ist Ali Abu Awwad, ehemaliger Fatah-Aktivist und heute in einer innerarabischen Bewegung für Gewaltlosigkeit und Kooperation tätig, die er ins Leben gerufen hat. Er, gemeinsam mit dem amerikanischstämmigen Rabbiner Hanan Schlesinger aus Alon Shevut und einigen dutzend weiteren motivierten Israelis (und darunter einigen wenigen
Von links: Ali Abu Awwad, R.Hanan Schlesinger, Shaul Judelman (weiterer Aktivist). Quelle: Friends of Roots Webseite
pal.Arabern) betreiben die Organisation als eine lokale Initiative für Kennenlernen, Verständigung und Normalisation zwischen den zwei
verfeindeten Bevölkerungsgruppen – den Arabern und den Juden Judäas und Samarias. „Roots“ veranstaltet Gesprächsrunden, Aktivitäten für Kindern, Vorträge in Amerika und der Schweiz; Rabbi Schlesinger und Abu Awwad treffen sich mit Interessierten. Es hört sich bombastisch an – aber die Organisation ist noch immer starr, beschränkt sich momentan nur auf Gespräche und Vorträge mit einer überwiegend israelischen Teilnehmerzahl (überwiegend – das heißt, in den meisten Fällen 50 zu 1).
Was aber ist das Treffen am Freitagvormittag, dem 18.03? Die „Friedenszusammenkunft“ soll zum Gespräch und Kennenlernen animieren und genutzt werden. Über die Ideologie des lokalen Friedens wird gesprochen werden. Zu den Gästen zählen auch unter anderem linke Friedensorganisationen, welche offenbar ein Interesse an ihrem „Siedleräquivalent“ bekommen haben, wohl aber bisher einen Kontakt zu den jüdischen Siedlern verneint haben. Es soll auch arabische Redner geben…
Das alles hat mir übrgens jemand beim neulichen Autostoppen erzählt. Wer war der/diejenige?
Die Tochter von Hadassah und Rabbi Fruman höchstpersönlich, Re’ut!
Ich traf auf sie beim Autostoppen nach Hause. Erst aus einem Telefongespräche verstand ich, dass es sich um die Tochter Rabbi Frumans handelte. Ihr Gespräch drehte sich natürlich um das Event am nächsten Tag. Ich sprach sie darauf an und wollte mehr darüber wissen, und vor allem über ihre Meinung darüber. Auch brennende Fragen hatte ich – und habe immer noch: Was erreicht die Organisation tatsächlich? Wie viele Menschen interessieren sich dafür? Wieso kommen so viele lokale jüdische Interessierte, treffen aber immer auf dieselben zwei bis drei arabische Aktivisten (und meistens nur auf Ali Abu Awwad)? Was soll die Initiative bei der arabischen Bevölkerung erreichen, erreicht sie etwas?
Re’ut hörte sich nach jemandem an, der ganz in die Idee ihres Vaters vertraut und mit ganzer Seele dabei ist, obwohl sie bekundete, ihr Vater habe ihr noch als Jugendliche die Wahl freigestellt, ob sie sein Lebenswerk unterstützen oder diesem fernbleiben wollte. Was die lokalen Veranstaltungen und Projekte ihrer Mutter Hadassah angeht, so meinte sie, dort gäbe es viel mehr Rückmeldung und auch Menschen, „Roots“ sei so etwas wie eine Tochter und auch davon bekämen Menschen zu hören. Sie war sichtlich voller Vorfreude auf das kommende Event. Auf die Frage, wieso die arabische Seite der Organisation nach außen hin kaum bis gar keine Beteiligung zeige, wusste sie mir Beispiele anzuführen und vor allem hatte sie ein Argument: Es ist gefährlich. „Viele, die uns im Herzen unterstützen, können sich das nicht erlauben, zu kommen. Diejenigen, die kommen, begeben sich in Lebensgefahr. Wenn sie kommen, sind sie sich das bewusst und nehmen es in Kauf. Andere, verstehst du, viele können dies nicht machen.“ Sie brachte mir ein Beispiel eines muslimischen Scheichs, der mit ihrem Vater einst viel Kontakt hatte und auch zu ihm kam. Dieser Scheich meinte, er würde keiner Bedrohung ausgesetzt sein – er sei eine religiöse Figur. – Zwei Wochen danach erfuhr sie, dass derselbe Scheich sich ins Ausland abgesetzt hatte, da gegen ihn seitens der Hamas ein Todesurteil ausgesprochen wurde.
Was Ali angeht, so Re’ut, so hat er einen großen Clan hinter sich, der zu ihm steht. Andere, die keinen großen und einflussreichen Clan hinter sich haben, haben es viel schwerer. Ob ihre Mutter Hadassah Fruman auch mit der Palästinensischen Autonomiebehörde Gespräche führe? Ja, das tue sie, so Re’ut. Wieso sollten sie ein Interesse daran haben, an einer Normalisierung, an einem guten Verhältnis? Es sei immer einfach, sich dagegen zu stellen, so Re’ut, aber auch sie hätten Interesse daran, dass es eine Realität vor Ort mit Rechten und normalisierten Zuständen gäbe.
Mehr konnte ich Re’ut leider nicht fragen und auch nicht weiter nachhaken – ich musste aussteigen. Ich hoffe, sie bei der Veranstaltung noch einmal zu sehen und auch dort selbst einige Antworten zu bekommen – zumindest in der Variante der „Roots“-Aktivisten, um zu sehen, inwiefern das Ganze einen Realitätsbezug besitzt. „Friedensaktivisten“ gibt es viele, aber nur wenige von ihnen nehmen die Wirklichkeit um sie herum in der richtigen Proportion in Kauf….
In unserer Karavanensiedlung haben wir eine gemeinsame Whatsapp-Gruppe für alle Einwohner. Diese ist auch recht lebendig, und auch öfters mal nützlich, wenn man sich untereinander austauschen kann.
Ortschaftenkarte Gush Etzion.
Als gestern, 24.02.16, die Nachricht von Jochanan, meinem Nachbarn, mit der Bitte um ein Gebet für Genesung verschickt wurde, wusste ich schon zuvor, dass es ein Attentat gegeben hatte, wieder einmal bei uns an der Gush Etzion-Kreuzung, um die Mittagszeit. Es war immer dasselbe Prinzip – Araber mit Messer hatte versucht, an der Bushaltestelle wartende Menschen anzugreifen.
Dieses Mal war etwas „schief gelaufen“ – den Nachrichtenmitteilungen entsprechend rannte der Attentäter auf die Gruppe Wartender zu mit einem Messer in der Hand, doch wurde schnell von den Sicherheitskräften, die jede Haltestelle auf der Kreuzung säumen, entdeckt. Auch einer der Wartenden
Gush Etzion Kreuzung. Quelle: Regionalverwaltung
entdeckte den Terroristen, Eliav Gelman, 30 Jahre, aus der benachbarten Siedlung Karmey Tzur. Eliav, Vater zweier kleiner Kinder und Reserveoffizier in einer Einheit der israelischen Luftwaffe, war gerade unterwegs nach Hause von einer Reserveübung und trug eine Waffe bei sich. Er zückte die Waffe, als er den Angreifer auf sich zulaufen sah, und schoss. Dasselbe taten auch die Soldaten.
Quelle: MDA
Der Terrorist wurde niedergeschossen, mittelschwer verletzt. Doch ebenso wurde Eliav. Er geriet in die Schusslinie der Soldaten, zwei Kugeln trafen ihn am Oberkörper und verletzten ihn lebensgefährlich.
Nach der moralischen Leitlinie der israelischen Armee und der medizinischen Versorgungsdienste wird bei Verletzten kein Unterschied gemacht, ob es sich dabei um Opfer oder Täter handelt, um Angreifer oder um Verteidiger. Beide werden gleichermaßen entsprechend ihrer Verletzungen versorgt und ins Krankenhaus gebracht. Der Terrorist wurde evakuiert. So auch Eliav.
Eliav Gelman.
Kurze Zeit später gaben die Nachrichten bekannt: Der Terrorist, ein 26-jähriger Mann, von Beruf Lehrer, aus den Südhevronbergen, wurde behandelt und hatte überlebt. Eliav verstarb an den Schusswunden.
Diese Art von Tragik hatte es schon zwei Mal während der letzten „Messerintifada“ gegeben; einmal war es ein offenbar geistig verwirrter Mann in einem Jerusalemer Bus, der etwas von „Isis“ schrie und mit einem Werkzeug fuchtelte und in diesem Kontext erschossen wurde – die Untersuchungsergebnisse hatten dies ergeben. Ein ander Mal wurde ein eriträischer Flüchtling nach einem Attentat auf dem Zentralbusbahnhof in Beer Shewa, der versehentlich für den Attentäter gehalten und erschossen wurde.
Und jetzt, Eliav, ein Opfer der Situation, gestorben an den Kugeln der eigenen Kameraden, während er dabei war, ein Attentat auf Unschuldige abzuwehren.
In meiner Whatsapp-Gruppe fand ich heraus, dass es sich bei Eliav um den Ehemann der Schwester meiner Nachbarin Chenit handelte, hier aus der Karavanensiedlung. Diese Nachricht reichte mir, um trotz des späten Arbeitsschlusses in Jerusalem zur Beerdigung zu reisen, welche am selben Abend auf dem lokalen Friedhof des Kibbutz Kfar Etzion stattfinden sollte.
Eliav. Ich kannte ihn nicht, aber trotz der üblichen Trauer um ein weiteres Terroropfer wollte ich Anteil am Schicksal meiner Nachbarin zeigen, deren Schwester es getroffen hatte. Alle sie sind jung, was sind schon 30 Jahre und zwei kleine Kinder? Das Leben sollte vor ihnen stehen und nicht unter ihren Füßen begraben werden…
Ich wartete auf einen Anhalter an der Autobahnkreuzung 60 im Stadtteil Gilo, Jerusalem, Richtung Gush Etzion. Kaum eine Minute war vergangen, da hielt ein Fahrzeug an. „Kfar Etzion“, sagte einer der jungen Männer mit Kippa im Wagen. Der Kibbutz, wo die Beerdigung stattfinden sollte. Ich stieg ein, es dauerte noch, bis er die Windschutzscheibe gereinigt bekam. Unterdessen fragte ich seinen Beifahrer und noch eine Zugestiegene, ob sie zur Beerdigung von Eliav fahren würden. Sie bejahten.
Wir fuhren los. Die beiden unterhalten sich vorne, plötzlich sagt der Fahrer: „Erst heute mittag habe ich ihn zur Gush-Kreuzung gefahren. Von hier aus, von Gilo. Ich habe ihn dort abgesetzt und bin heimgefahren. Ich kenne ihn aus dem Reservedienst. Am vorigen Abend haben wir noch miteinander gechattet. Ich kenne ihn nicht wirklich gut genug, aber wir waren zusammen in der Reserve.“
Und er erzählt mir, die ich sprachlos bin von so einer unerwarteten Information, wie er kurz nach dem Absetzen von Eliav aus den Nachrichten von dem Anschlag erfuhr, und dann gab man auch den Namen des Opfers frei. Er war geschockt.
Ich bin es auch. Es ist mehr als nur eine „kleine Welt“, die hier zum Vorschein kommt. Mehr als nur Nachbarschaft. Alle sind wir irgendwo, irgendwie miteinander verbunden. Der Reservekamerad. Der Verwandte der Nachbarin. Der Bekannte der Freunde aus einer Stadt. Der Kollege, der Kollege des Kollegen, der Sohn der Bekannten. Wenn man hier lebt, muss man sich unwillkürlich fragen, wen es als nächstes trifft, unwillkürlich zittern bei jeder Anschlagsmeldung, „wird mir der Name des Opfers bekannt sein?“
Und selbst wenn dieser es nicht ist, dennoch trifft es ins Herz. Andere. Mich. Als würde wieder und wieder ein Gliedmaß abgehackt werden, mitten im Blühen, mitten im Leben.
Die andere Mitfahrerin kannte Eliav nicht, wohl aber seine Eltern, mit welchen er in der Stadt Kiryat Arba bei Hevron aufgewachsen war.
Der Fahrer und sein Freund unterhalten sich leise über den Ermordeten, das, was sie über ihn wissen; er sei bescheiden gewesen, zurückhaltend, professionell, familientreu, ein Mensch mit einem guten Ruf. Im Radio spielt melancholische Musik, draußen ist es dunkel, die Klimaanlage heizt die Luft im Fahrzeug und wir fahren, dicht aneinander gedrängt, ab und zu ein paar Worte wechselnd, fixiert auf unser Ziel – den Friedhof.
Dann kommt der Stau. Die Landstraße, welche zum Kibbutz führt, ist von Autos verstopft. Alle scheinen zur Beerdigung fahren zu wollen. Ob sie alle ihn gekannt haben? Ich wage zu bezweifeln. Wenn es nicht etwas mit meinen Nachbarn zu tun gehabt hätte, glaube ich kaum, dass ich selbst gekommen wäre. Ich gehe nicht oft zu Beerdigungen, ich mag sie nicht, es verstört mich zu sehr, es belastet, es geht mir nahe. Ich bevorzuge es, zu schreiben, anstatt am Grab zu weilen und das Weinen der Hinterbliebenen zu hören. Aber hier sind die Menschen nicht wie ich. In Israel, und vor allem in Judäa und Samaria, sind die Menschen anders. Sie begleiten einen – den Lebenden, von Geburt an, in der Kindheit, bis zur Bar/Bat Mitzwa, bis zum Einzug in die Armee und bis unter den Heiratsbaldachin; sie begleiten einen zu den wichtigsten Stufen und Ereignissen des Lebens, bis ins Alter und bis zum Tod. Sie lassen niemanden fallen. Sie umarmen – die Familie, den Verstorbenen und die Erinnerung an ihn.
Die Straße, die zum Friedhofstor führt, ist übersät von parkenden Autos. Es ist dunkel, nur der Vollmond leuchtet über den Hügeln und dem Tal, welches sich rechts von uns erstreckt und die Sicht auf die leichtenden Punkte der Dörfer und Städte talabwärts und bis zur Mittelmeerküste bietet.
Es strömen mehr und mehr Menschen aufs Gelände. Wir müssten insgesamt einige Hundert sein.Trotz der Menschenmenge herrscht eine, ganz dem Wort nach, Totenstille. Dann scheint sich etwas zu bewegen. Von oben her steigen Soldaten herab, einige Reihen von feierlich angezogenen Soldaten, sie tragen eine Bare mit dem Leichnam von Eliav. Eine Bare, und keinen Sarg. Wir haben keine Särge im Judentum. Der Mensch wird, in den weißen Gebetsmantel und manchmal auch, wie bei Soldaten, in eine Flagge eingewickelt, einfach so in die Erde gelegt. „Von Staub gekommen, zu Staub geworden“. Nichts soll diesem im Wege stehen.
Und dann, als die Soldaten heruntersteigen, hört man das Weinen. Vor allem von Frauen. Weinende, rufende Stimmen, von Eliavs Frau, Schwestern, Eltern. Der Kreis der Weinenden breitet sich aus; Schluchzen kommen aus weiteren Reihen – von Freunden, Bekannten, fremden Anteilnehmenden wie mir?
Und Er ist erbarmungsvoll, vergibt Sünde und vernichtet nicht, zügelt Seinen Zorn und zeigt nicht Seine ganze Wut“
(Psalm 78)
Das Grab wird mit Erde bedeckt. Ich sehe Jochanan, meinen Nachbarn, wie auch er zum Spaten greift. Das Weinen wird lauter. Meine Seele schmerzt bei dem Gedanken daran, wie sich die junge Ehefrau – Witwe – fühlen muss, wenn sie der Erde zuschaut, die nach und nach den Körper ihrer vor einigen Stunden noch lebendigen Mannes, dem Vater ihrer Kinder, bedeckt. Einem Mann, der sich an die Frontlinie wagte, um Terror abzuwehren und diesem erlag.
Alles geschieht sehr schnell hier. Das Leben, der Terror, der Tod, und auch das Begräbnis. Man lässt die Toten nicht über Nacht weilen. Am Mittag noch quicklebendig, am Abend schon in der Erde. Der Armeerabbiner, der die Zeremonie leitet, kommt zu den nahen Angehörigen – Eltern, Ehefrau – und erklärt ihnen, wie sie ihre Kleidung anzureißen haben und welchen Segensspruch sie über Eliavs Tod sprechen sollen. Beides ist das jüdische Gesetz und es wird ausgeführt, auch wenn es schmerzt. Der Kleidersaum am Hals reißt, auch die Herzen reißen. „Gesegnet ist der Herr, der wahre Richter.“ Das sagen wir hier in Israel, wenn wir von einer Todesnachricht erfahren. Wie muss es aber sein, wenn man dies über das eigene Familienmitglied sagen und die Entscheidung akzeptieren muss?…
Gott, schweige nicht, werde nicht taub und ruhe nicht
Denn siehe, wie Deine Feinde aufheulen, und Deine Hasser ihren Kopf heben
Gegen Dein Volk plotten sie sich zusammen, gegen diejenigen, die Du liebst
Sie sagten – gehen wir hin und löschen sie aus
Und an den Namen Israel soll nichts mehr erinnern!“ (Psalm 83)
Der Rabbiner liest die Psalmen vor, und dann kommen Grabesreden. Der erste, der spricht, ist der Integrationsminister und Minister für Jerusalem-Angelegenheiten Ze’ev Elkin; auch er wohnt hier, in Gush Etzion:
„Die Kreuzung der drei Kinder, die Kreuzung des Blutes! Welchen Preis haben wir für diese Kreuzung bezahlt, und für unser Festhalten an diesem Land. Diese Kreuzung ist ein Symbol dafür. Migdal Eder [1927 von arabischen Dörflern verwüstet, Anm.], das alte Kfar Etzion [von 1943, 1948 von arabischen Legionen verwüstet, Anm.] und bis heute. Wir leben hier, weil wir Jerusalem verteidigen. Diese wilden Tiere, die uns angreifen, wissen es, und deshalb greifen sie uns hier an, um uns von hier verschwinden zu lassen. Aber wir werden nicht von hier weggehen, es wird ihnen nicht gelingen. Bestimmt habt ihr schon gehört, dass der Terrorist ein Lehrer gewesen ist! Ein Lehrer! Das ist ihre Erziehung. Sie erziehen ihre Kinder dazu, zu töten. Wo sind sie und wo ist unsere Erziehung dagegen! Wir bringen unseren Kindern bei, zu leben.
Hört uns, Nachbarn, es reicht, es wird euch nicht gelingen, hört es auf! Ob mit Messern oder mit Gewehren, mit denen ihr auf uns losgeht, wir gehen nicht von hier, genug!“
Offiziere verschiedenen Ranges, Befehlshaber und Kameraden, treten ans Mikrofon und beschreiben einen jungen, furchtlosen Mann, kampferprobt und professionell in der Erfüllung seiner Aufgaben, und dennoch bescheiden, zurückhaltend, familienbewusst, lernfreudig. „Die israelische Nation weiß nicht, wieviel an ihrer Sicherheit sie diesem Mann verdankt“, sagt einer. „Möge Gott unseren Anführern den Mut geben, sich nicht vor den Europäern und nicht vor den Amerikanern zu fürchten. Man darf den Kopf nicht vor einem Nichtjuden neigen, auch wenn er der Präsident von Amerika ist. Ein Jude muss das tun, was für das jüdische Volk richtig ist“, sagt ein bärtiger Redner mit zitternder Stimme, mir unklar, in welcher Funktion.
„Deine Bibliothek daheim zeugte davon, was für ein Mensch du warst“, so beginnt der Ortsrabbiner von Karmey Tzur seine Rede, „so viel Gutes hat von dir gestrahlt, so viel Bescheidenheit und Zärtlichkeit, ja, Zärtlichkeit, konnte man in deiner Stimme hören, wenn du gesprochen hast.“ Er wendet sich auch an die Angehörigen: „Den Schmerz einer Mutter kennt nur die Mutter (…), den Schmerz der Ehefrau nur sie allein. Nichts und niemand kann euch das nehmen. Ihr werden Schmerz fühlen, ihn durchleben und wieder aufstehen; das hätte Eliav von euch gewollt.“
Auch die Geschwister von Eliav sagen einige Worte, welche mehrmals von Schluchzern unterbrochen wurden. Die Anwesenden erfahren, dass Eliavs Schwester Tzofia, Studentin, eine Kippa für den älteren Bruder stricken wollte und diese nicht fertiggestrickt hatte; sein jüngerer Bruder hätte , wann immer er einen Fehler gemacht habe, daran gedacht, ‚Was hätte Eliav in meinem Fall gemacht?‘, und ein anderer Bruder sagt voller Bitterkeit:
„Wer wird Ya’ir [den älteren Sohn, Anm.] in die Synagoge begleiten, wer wird Yoav [den jüngeren, Anm.] die Kleider wechseln, und wer wird Rinat [der Ehefrau, Anm.] bei der Geburt beistehen? In einundhalb Monaten wird sie ein Kind gebähren mit einer Seele und einem Körper, Fleisch von deinem Fleisch; es wird etwas von deiner Seele haben, aber niemals die Umarmung deines Körpers fühlen können!“
Eliavs Vater sagt im Voraus mit gebrochener Stimme, er wisse nicht, wie man eine Rede hielte, er hätte aus dem Herzen geschrieben:
„Als meine Eltern gestorben sind, hatten sie nicht viele um sich herum, die für sie das Totengebet sprechen konnten. Wir unsererseits haben für uns einen ganzen ‚Chor‘ heranwachsen lassen. Wer hätte aber gedacht, dass ich heute ausgerechnet einen Teil deines ‚Chores‘ ausmachen würde? (…) Avraham, unser Vorvater, war bereit, für die Heiligung des göttlichen Namens seinen Sohn als Opfer darzubringen; der Hohepriester Aharon hat seine zwei Söhne im Gottesdienst verloren und so haben Juden generationenlang ihre Seele für diese Heiligung hingegeben. Mit großem Schmerz nehmen auch wir heute die Tatsache hin, dass du für die Heiligung Seines Namens geopfert wurdest.“
Das Totengebet, das Kaddish, wird gesprochen, die Zeremonie ist vorbei. Die Anwesenden ziehen langsam an den Trauernden vorbei und umarmen sie. So auch ich, umarme Chenit und ihre Schwester Rinat, welche weinend auf der Bank neben dem frischen Grab sitzen, und ziehe dann von dannen, mir einen Anhalter zurück nach Hause zu suchen.
In meinem Kopf wechselen sich die Bilder des Erlebten ab, eine Schwere im Magen und im Herzen, und ausgerechnet an die Worte von Davidi Perl, des Vorsitzenden des Regionalrates von Gush Etzion, erinnere ich mich, der bei seiner Grabesrede David Ben Gurion zitiert hatte. Das Zitat schien aus einem ganz anderen Kontext zu stammen, aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges von 1948-1949, als Gush Etzion und seine vier Kibbutzim den Schutzwall Jerusalems vor den Anmärschen der feindlichen arabischen Legionen bildeten. Einen Tag vor der Ausrufung des Staates Israel am 14.Mai 1948 fiel Gush Etzion und seine letzten Bastionen in die Hände der arabischen Kämpfer, mehrere hundert Einwohner wurden massakriert, der Rest in Gefangenschaft genommen oder geflohen. In den Jahren danach wurde dieser Tag zum nationalen Gedenktag der Gefallenen des Staates Israel erklärt. Davidi Perl zitierte David Ben Gurion, Israels ersten Premierminister, der sich ein Jahr nach der Staatsgründung zu dem Fall von Gush Etzion äußerte:
„Die Beschützer von Gush Etzion retteten Jerusalem. Vier Besiedlungspunkte mitten im Feindesland hielten die Feinde davon ab, zu den Toren Jerusalems vorzudringen. Viele, zu viele von uns fielen dort im Kampf. Aber wenn das hebräische Jerusalem heute steht, wenn der jüdischen Besiedlung der Todesstoß, den die Feinde geplant hatten, nicht gegeben worden war – dann gilt der Dank der israelischen Geschichte und der Geschichte des jüdischen Volkes zuallererst den Kämpfern von Gush Etzion…“
„Und du bist einer von ihnen“, hatte Davidi Perl den Satz ergänzt.
Erst vor einigen Tagen hatte ich mich mit der Journalistin Jennifer Bligh vom Jugendmagazin des Spiegels, bento, darüber unterhalten, wie wir unter ständiger Anschlagsgefahr unseren Alltag bestreiten. Ich hatte ihr von unserem Supermarkt des Magnaten Rami Levy erzählt, der in ganz Israel, so auch in Judäa und Samaria Zweigstellen seines Riesendiscounts stehen hat und seine Leitlinie dabei ist, diesen für alle Bevölkerungsgruppen offen zu halten und auch dort arbeiten zu lassen. Daher haben auch die arabischen Einwohner von Judäa und Samaria keinerlei Probleme, in diesen Supermärkten zusammen mit der jüdischen Bevölkerung einzukaufen und auch zu arbeiten. So ist das hier in Gush Etzion, so ist das auch in Südsamaria, unweit Jerusalem, im Industriegebiet Sha’ar Binyamin.
Ich habe ihr auch von einem Terroranschlag erzählt, der vor einigen Monaten, noch zu Beginn dieser „Messerintifada“, wie man sie heute nennt, sich ereignet hatte; auf dem Parkplatz vor dem ‚Rami Levy‘-Supermarkt hier in Gush Etzion. Am 28.10.15 hatte dort ein Terrorist eine Frau angefallen und in den Rücken gestochen. Die Frau wurde nicht schwer verletzt. Auch im anderen großen und wohlbesuchten ‚Rami Levy‘, dem in Südsamaria-Binyamin, ereignete sich einige Wochen danach ein Anschlag – wieder stach ein Terrorist auf einen jüdischen Anwesenden vor dem Geschäft ein, verletzte ihn mittelschwer und flüchtete. Das war am 06.11.15. Was für Sicherheitsvorkehrungen dort danach getroffen wurden, weiss ich nicht. Bei uns hat sich die Mitarbeiterlandschaft im Geschäft etwas verändert, offenbar wurden einige arabische Mitarbeiter durch andere ersetzt, nach welchen Abwägungen auch immer. Geschäftsinhaber Rami Levy selbst soll seitdem Messer aus den Verkaufsregalen entfernt haben; was den Zutritt für arabische Einwohner betrifft, so wurde dieser meines Wissens nicht beschränkt, arabische Kunden aus den Dörfern kommen weiterhin zum Einkaufen. Eine Zeit lang hatten die jüdischen Einwohner bei uns Bedenken, wieder zum Geschäft zu gehen; die Lage hatte sich aber wieder entspannt, Zeit verging und die Normalität kehrte in die Gemüter ein.
Das war der Vorspann, und jetzt die eigentliche Geschichte:
Gestern, 19.02.16 drangen drei 14-jährige arabische Jungs aus dem Dorf Baitunya bei Ramallah in den ‚Rami Levy‘-Supermarkt im Industriegebiet Sha’ar Binyamin (Südsamaria) ein. Dem Sicherheitsbeamten, welcher vor jedem größeren Supermarkt in Israel, so auch vor diesem steht, kam einer der Jungen suspekt vor, er folgte ihm (so die Berichte der israelischen Medien und die Aufzeichnungen der Sicherheitskameras im Geschäft) hinein und hielt ihn schließlich an,
Ortskarte
führte hinaus und überprüfte, ob er eine Waffe bei sich trug. Der Junge war unbewaffnet. Während der Beamte ihn prüfte, wanderten die anderen zwei von Regal zu Regal und fingen schließlich an, zu schreien, riefen einen großen Tumult hervor und in diesem stachen sie auf zwei Menschen ein – einen 32-jährigen Kunden und einen weiteren, einen 21-jährigen Soldaten, der sich mit seiner Frau und der viermonatigen Tochter im Geschäft befand. Der
Yanai Tuvia Weissmann, 21, Sergeant. (Ynet)
Soldat, Yannai Tuvia Weissmann, war gerade auf Urlaub und unbewaffnet, rannte jedoch zum Tatort, als er Schreie zwischen den Regalen hörte.
Die jungen Terroristen versuchten zu flüchten, wurden aber von anderen Kunden aufgehalten, unter anderem von einem, der eine Waffe bei sich trug und auf einen der Täter schoss. Sicherheitsbeamte und Soldaten eilten herbei und schossen auch den anderen an. Einer starb an Ort und Stelle, der andere wurde evakiert.
Yannai Tuvia, der 21-jährige Sergeant und Vater aus der Siedlung Ma’ale Michmasch in Südsamaria, wurde lebensgefährlich verletzt und zusammen mit dem anderen Verletzten evakuiert – doch die medizinischen Bemühungen, ihn zu retten, fruchteten nicht. Er verstarb kurze Zeit später an seinen Verletzungen.
Yanai Tuvia Weissmann, Frau Ya’el und Baby Netta (NRG, Familienarchiv)
Yannai, erst 21 Jahre bei seinem Tod, wuchs in derselben Siedlung wie seine junge Frau Ya’el auf – Ma’ale Michmasch, in den Hügeln von Südsamaria, im Umkreis von Jerusalem und Ramallah. Freunde und Bekannte berichteten bei seiner Beisetzung auf dem Armeefriedhof auf dem Herzl-Berg in Jerusalem (heute, 19.02), er sei herzlich, hilfsbereit, freundschaftlich und mutig gewesen, habe großen Wert auf Aufrichtigkeit und Wahrheit gelegt, wollte seinem Dienst in der Armee in der Nahal-Brigade gerecht werden. Erst vor etwa zwei Jahren – da war er noch 19 – heirateten sie mit Ya’el. Vier Monate vor dem Attentat wurde den beiden das erste Kind geboren – ein Mädchen, Netta. Am Tag des Attentates befand sich Yannai im Kurzurlaub vom Dienst. Da er in einer Kampfeinheit diente, sah er die junge Frau und das Baby meistens nur am Wochenende. Das erzählte Ya’el bei der Beisetzung, heute morgen in Jerusalem, als sie sagte:
„Mein Geliebter, wer hätte gedacht, dass ich dir schreiben würde, und du würdest nicht mehr mit mir sein. In der wenigen Zeit, die wir zusammen an den Wochenende hatten, hattest du dafür gesorgt, alles wieder aufzuholen. Du hattest gehört, dass ertwas passiert sei, und ranntest hin und ich hatte auf dich gewartet. Du warst immer bereit, zu geben, unaufhörlich. Wärst du nicht hingelaufen, wärst du nicht der Yannai gewesen, den ich kenne und in den ich mich verliebt habe. (…) Ich danke dir für unsere Netta.“ (NRG)
Einige hundert Menschen versammelten sich bei der Beisetzung. Die Nachrichten widmeten gestern die Schlagzeilen dem Anschlag. Laut den ersten Polizeiermittlungen wurde von einer Nachlässigkeit in der Sicherheitsüberprüfung am Eingang gesprochen; die Polizei, so hieß es in den Berichten, drohte gar, die Zweigstelle vorerst zu schließen, bis die Sicherheitsfragen gelöst und die Überwachung verstärkt werden würde. Der Geschäftsinhaber Rami Levy wurde am kommenden Sonntag zu einer Anhörung bei der Polizei vorgeladen.
Und das Nachrichtenportal NRG veröffentlichte währenddessen ein Video, das Tränen aufkommen ließ – das Hochzeitsvideo von Yannai und Ya’el. Das Lied „Am Anfang der Welt“ von Shlomi Shabbat spielte im Hintergrund, die Worte des Refrains begleiteten die Aufnahmen der emotionalen Momente, als der Bräutigam an die Braut herantrat, ihr den Brautschleier über das Gesicht zu legen, sie beide unter dem Traubaldachin, der Huppa, die Trauungszeremonie durchgingen; das bescheidene Lächeln und den ernsten Blick von Ya’el, die Tränen von Yannai.
Nein, das ist kein Zufall
Gott webt und verbindet
mit goldenen Nähten zwischen uns.
Das, das ist die Art des Schöpfers,
die Gegenwart zu heiligen
Mit dem Sternenbaldachin über uns.
Meine gute Freundin Michal, welche heute unweit von mir in der Siedlung Karmey Tzur bei Gush Etzion lebt, veröffentlichte heute morgen auf Facebook einen Beitrag, der mich, trotz aller alltäglichen Verpflichtungen, innehalten und nachdenken ließ. Sie fasste mit ihrem Text zusammen, was vielen in diesen Monaten durch den Kopf geht. Ich meine, sie schaffte es auch, mit diesem kurzen Text die Tragik der Attentate und ihrer Opfer, täglich, wöchentlich neu dazukommend, zu erfassen. Hier ihr Text, von mir übersetzt:
Es gibt Gesichter, die in uns wie eingraviert sind, sie sind ein Teil von den Gesichtern von uns allen. Ich schaue auf die Bilder von Tuvia Yannai Weissmann (soll Gott seinen Tod rächen) und stelle mir vor, was für ein erfülltes Leben er gehabt hat und was für ein junger Mann und Mensch er gewesen ist… gewesen ist…
Und gleichzeitig steigen in mir andere Bilder auf, die von Hadar Cohen und von Dafna und von Na’ama und Eytam und von Avraham und Ezra und Ya’akov und Netanel und von noch einem Ya’akov und noch einer Hadar und von Dalia und von Shalom und von Naftali, Gil-ad und Eyal und von noch mehr und noch mehr; und ich nehme an, dass es durchaus sein kann, dass ich sie einmal irgendwo gesehen und sie flüchtig getroffen habe, irgendwo draußen, unterwegs, und wenn nicht, dann hätte es passieren können, dass ich an ihnen vorbeigegangen war, ohne es zu bemerken – und es war auch nicht nötig, sie zu bemerken, denn wir alle gehen aneinander vorbei, jeder seinen Aufgaben nach.
Und jeder Einzelne von uns hat seine Aufgaben, sein Leben, und ihre Gesichter sind mein Gesicht, unser Gesicht. Und ihr Leben ist mein, unser Leben. Und es gibt Tage, da kann ich einfach nicht aufhören, das zu lesen, was man über die Ermordeten, die „Opfer, schreibt und erzählt, um zu verstehen und ein wenig ein Gefühl dafür zu bekommen, wer sie gewesen sind – denn mit einem Messerstoß und einem Drücken auf den Abzug sind sie nicht mehr, und auch wir sind nicht mehr das, was wir waren, als sie noch waren.
Gott, gib deinem Volk Stärke und segne uns mit Frieden, Vollkommenheit, auf dass wir vollständig seien und uns an nichts mehr fehlen möge.
Sie war 23 Jahre alt, hatte ihren Zivildienst absolviert, studierte an der Universität Ariel Grafik und hatte sich gerade Pläne für einen Arbeitsneuanfang gemacht. Weil ihr Heimatort, dort, wo ihre Familie und die anderen fünf Geschwister aufgewachsen waren,
Quelle: Facebook
weit weg vom Zentrum des Landes lag, nämlich im Jordantal an der jordanischen Grenze, wohnte sie die letzte Zeit bei ihren Großeltern. In der Siedlung Shadmot Mechola, woher sie kam, war sie bekannt und beliebt – ein herzliches und tiefsinniges Mädchen voller Zuwendung. Auch in
Karte zur AnsichtShadmot Mechola, Jordantal. Quelle: Wikimedia
Bet Horon, dem Wohnort ihrer Großeltern, nur einige Meter von der Schnellstraße 443 entfernt, welche Jerusalem und Modi’in verbindet und durch die Benjamin-Samaria-Region führt, kannte man sie gut. Dort hatte sie einen Teil des Zivildienstes im lokalen Jugendverband geleistet.
Bet Horon. Quelle: Wikimedia
An diesem Montag (25.01.), da waren es noch zehn Tage bis zu ihrem Geburtstag, den sie sicherlich mit der Familie und den Freunden feiern würde, ging Shlomit Krigman in den Supermarkt, um einige Besorgungen für ihre Großeltern, bei denen sie wohnte, zu erledigen. Schnee war nicht gefallen in Bet Horon, obwohl die Siedlung in den Bergen liegt, aber es war recht kalt. Unterwegs vom Haus zum Laden überlegte sie sich, was sie kaufen würde.
Hätte sie gewusst, dass in diesen Minuten zwei arabische Männer, einer davon noch ein Jugendlicher, 17 Jahre alt, mit Messern bewaffnet, versuchten, in denselben Supermarkt einzudringen, um dort den ersten, der ihnen über den Weg laufen würde, zu erstechen, dann würde sie sicherlich nicht in die Nähe des Ladens kommen. Aber wenn ein Ort wie Bet Horon von einem Sicherheitszaun umgeben ist, dann fühlt man sich schon relativ sicher.
Die beiden Terroristen hatten aber ein Loch in den Zaun geschnitten. Und bevor jemand es gemerkt hatte, erreichten sie den Supermarkt. Am Eingang bemerkte sie ein Kunde, und ohne lange zu überlegen, drängte er die beiden mit dem Einkaufswagen von der Tür weg. Da hatten sie schon viel zu viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen und der Überfall war misslungen. Die Messer in der Hand, rannten die Terroristen vom Laden weg.
Aber da war Shlomit, die schon beinahe in den Supermarkt hereingekommen war, und sie kam ihnen gelegen. Voller Wucht begannen die Männer, auf sie einzustechen. Shlomit lag am Boden, blutete. Die Attacke war schnell vorüber, die Terroristen flüchteten weiter, und kurz vor der Ausfahrt aus der Siedlung hatten sie ihr zweites Opfer entdeckt, eine etwa 50-jährige Frau, auf die sie ebenfalls einstachen. Nur mit dem Sicherheitsmann am Tor hatten sie nicht gerechnet. Dieser setzte mit einigen Schüssen ihrem Leben ein Ende.
Shlomit wusste nichts davon. Sie war lebensgefährlich am Oberkörper verletzt worden; die Evakuierung ins nächstgelegene Krankenhaus in Jerusalem fand schnell statt. An den Terror der letzten Monate gewöhnt, begannen die Ärzte, um das Leben von Shlomit zu kämpfen. Es wurde Abend, Nacht und Morgen. Die ganze Nacht über kämpften die Ärzte und kämpfte Shlomit um ihr Leben. Eine furchtbare Nacht. Hinter den knappen Zeilen der Montagsnachrichten über den doppelten Terroranschlag in Bet Horon lag eine ganze schmerzerfüllte Welt und dutzende Verwandte und Freunde, die um Shlomits Leben bangten.
Quelle: Facebook
Am Morgen war es vorbei. Die Ärzte vermeldeten, sie hätten getan, was sie konnten. Shlomit war nicht mehr da. Die Verletzungen waren zu schwer. Noch am selben Morgen sollte sie begraben werden, denn Tote werden nicht länger als einen Tag unbestattet gelassen. So ist es im Judentum, und so geschieht es in ganz Israel. Warum auch zögern? Ihr Körper war noch da, aber Shlomit selbst war nicht mehr.
(Der Zustand der zweiten Verletzten hatte sich zum Glück verbessert.)
Am Jerusalemer Har Hamenuchot-Friedhof hatten sich mehrere hundert Menschen versammelt, darunter auch der Oberrabbiner David Lau. Er sprach vor den Versammelten über die Aufopferung und die Zuwendung von Shlomit zu ihrer Umgebung. Ihr ehemaliger Professor an der Universität Ariel erzählte von ihrer Neugier und Vielfältigkeit. Die Nachrichten hatten nicht lange und nicht viel über den Tod der jungen Frau berichtet. Terror war keine große Nachricht mehr. Die Schagzeilen wechselten schnell zu Themen wie Schnee und Politik.
Shlomit Krigman wurde am Mittag des 26.01. bestattet. Neben ihr lag Dafna Me’ir. Dafna wurde vor einer Woche ermordet, am anderen Ende von Judäa und Samaria, in Otniel, an ihrem Hauseingang. Sie war Mutter von sechs Kindern. Shlomit hatte keine Kinder, sie hatte vielleicht nur einen Freund und wollte Kinder haben. Sie war eines von sechs Geschwistern. Sicherlich war sie entsetzt und traurig gewesen, als sie vor einer Woche vom Mord an Dafna erfuhr, und hatte wie viele andere auch im Land die Berichte und Erzählungen über Dafna gehört. Vielleicht hatte sie auch bei dieser Gelegenheit an die Gefahren gedacht, die um Bet Horon herum lagen, und an die Sicherheit im Ort selbst. Aber an eines hatte sie sicherlich nicht gedacht: Dass sie nur eine Woche später neben Dafna liegen würde. Leblos. Ihre Träume hinweggefegt, ihr Leben angehalten für ewig. Zehn Tage vor ihrem Geburtstag.
Shlomit, ihr Name bedeutete die Friedliche.
Lange wohnte ich nebst denen, die den Frieden hassen.
Ich suchte Frieden,
Doch wenn ich sprach, wandten sie sich zum Krieg. (Psalm 120)
Dafna und Shlomit sel.A. Quelle: NRG
(Quellen für Bericht: INN, Kikar Hashabat, Ynet, Facebook)
Zwei schwere Terroranschläge erschütterten die Gemeinschaften von Judäa und Samaria gestern und heute.
Gestern, 17.01:
Ein arabischer Terrorist gelangte in den späten Nachmittagsstunden unerkannt in die Siedlung Otniel, welche sich südlich der Stadt
Dafna Me’ir hy“d
Hevron befindet. Dort traf er vor einem Haus nahe des Ortszauns auf eine 38-jährige Frau namens Dafna Me’ir. Dafna Me’ir war Krankenschwester, Therapeutin, Mitglied des Verwaltungsrates von Otniel und vor allem – Mutter von sechs Kindern – Renana (17), Akiva (15), Noa (11), Ahava (10), Yair (6) und Yaniv (4). Der Terrorist war mit einem Messer bewaffnet, Dafna Me’ir stand neben ihrer Tochter Renana am Hauseingang und war nicht darauf vorbereitet, dass dieser Mann, der da auf sie zukam, auf sie einzustechen begann. Dafna begann zu schreien und während der Terrorist auf sie einstach, versuchte die Mutter mit aller Kraft, ihn von der Haustür wegzudrücken – denn Renana und zwei weitere Kinder waren im Haus und würden, würde sie ihn nicht aufhalten können, die nächsten Opfer des Terroristen sein. Auch Tochter Renana begann zu schreien. Der Terrorist liess schließlich von der Frau, die ohnmächtig und schwerverletzt zu Boden sank, ab und flüchtete, während die entsetzte Renana am Telefon der Notfallhilfe berichtete, „helft mir, man hat meine Mutter erstochen!“
Als die ersten Notfallhelfer auftauchten und Dafna wiederzubeleben versuchten, sahen dies auch die zwei aufgeschreckten anderen Kinder. Die Wiederbelebungsversuche scheiterten, Dafna war zu schwer verletzt. Sie starb am selben Hauseingang, wo sie noch einige Minuten zuvor mit ihrer Tochter gestanden hatte.
Hier liegt Otniel
– Diese Details erfuhren heute die Leser der Zeitung „Yediot Acharonot“ und noch weiterer Nachrichtenausgaben. Dafna Me’ir, die Krankenschwester aus Otniel, wurde wider Willen aller zur Titelgeschichte des heutigen Tages. Der Terrorist, welcher sie am Sonntagnachmittag vor ihren Kindern niederstach, flüchtete aus der Ortschaft in Richtung arabischer Siedlungen. Nachdem das Ereignis an die Armee weitergeleitet worden war, begann diese ihre Fahndung nach dem flüchtigen Mörder. Die ganze Nacht über hörte
Yediot Acharonot, Ausgabe 18.01.16 Schlagzeile: „Helft mir, man hat meine Mutter erstochen“
man Hubschrauber durch die Luft fliegen, und hoch im Himmel über Hevron zerrissen immer wieder Leuchtbomben die Dunkelheit. Die Fahndung verlief bis jetzt (19.01) noch immer ohne Erfolg; einige Verdächtigen wurden verhaftet, der Täter befindet sich jedoch noch immer außer Reichweite. Die Einwohner von Otniel wurden von der Armee angewiesen, sich in ihren Häusern zu verschließen, bevor man Entwarnung für die Ortschaft geben konnte.
Heute morgen fand das Begräbnis von Dafna statt. Sie, die im Soroka-Krankenhaus in Beer Sheva arbeitete, daheim als Therapeutin für Frauen mit Fruchtbarkeitsproblemen wirkte, gelegentlich in den örtlichen Zeitungen schrieb und auch Ratsmitglied der lokalen Ratsversammlung gewesen war, hinterließ Ehemann Natan und ihre sechs Kinder in tiefer Trauer. Zwei der Kinder hatten sie und ihr Partner vor einiger Zeit adoptiert, zusätzlich zu den leiblichen vier.
Beerdigung von Dafna Me’ir. Quelle:INN
Der Beerdigungszug zog sich von Otniel in den Südhevronbergen über die Autobahn 60 bis nach Jerusalem. An jeder Kreuzung auf der Autobahn fanden spontane Solidaritätsbekundungen mit Flaggen statt. Beerdigt werden sollte Dafna Me’ir auf dem Har Hamenuchot-Friedhof in Jerusalem. Zu der Beerdigung erschienen hunderte Freunde, Familienmitglieder, Kollegen, trauernde Mitbürger. Der Vater und der älteste Sohn, Akiva, sprachen gemeinsam das Totengebet „Kaddish“. Unter den Trauernden waren auch die Kulturministerin Miri Regev und der Erziehungsminister Naftali Bennett. Beide sprachen einen Nachruf auf die Ermordete. Auch die Staatsoberhäupter – PM Netanyahu, Präsident Rivlin – sandten ihr Beileid an die Familie.
Die Familie wird von heute an sieben Tage in Trauer sitzen, wie es das jüdische Gesetz vorschreibt. Die Armee fahndet in den umliegenden Ortschaften nach dem Täter. Der Vorstand der Bezirksverwaltung Südhevron äußerte sich zum Attentat wie folgt:
Ich habe die israelische Regierung, die uns, die Bewohner von Judäa und Samaria der letzten 40 Jahre hierher geschickt hat, dazu aufgerufen, ihre Mission zu erfüllen und zionistisch zu handeln, was die Besiedlung, die Landwirtschaft, den Tourismus und die Erziehung betrifft (…). Die israelische Regierung ist verpflichtet, die sehr klare Entscheidung zu treffen, die israelische Souveränität auf die Siedlungen auf Judäa und Samaria auszuweiten. (…) Es bietet sich an. Es ist erforderlich. Man soll uns nicht unter der Besatzung, unter der Militärherrschaft leben lassen.(…) Der nächste Schritt wäre die Ausweitung der Souveränität, das wäre die praktische Variante der symbolischen Umarmung, welche die Siedlergemeinschaft an diesem schweren Tag bekommt.
Heute, 18.01:
Hier liegt Teko’a.
Ein arabischer Terrorist gelangte in die jüdische Siedlung Teko’a, im Osten Gush Etzions, und entdeckte dort in einem Geschäft eine Frau, die 30-jährige Michal Fruman. Michal Fruman war schwanger und befand sich mit anderen Frauen im Laden, als der noch jugendliche Terrorist (15) hineinkam. Die anderen Kundinnen begannen auf ihn einzuschreien und zu fordern, er solle hinausgehen.
Michal Fruman wird eingeliefert. Quelle: YNET
Michal dagegen kam zu ihm hin und fragte, ob er Hilfe brauche. In diesem Moment, als sich ihre Blicke kreuzten, begann der Terrorist, auf Michal einzustechen. Er verletzte sie an der Schulter und an den Lungen. Herbeieilende Sicherheitskräfte erschossen den Terroristen auf der Stelle, die schwangere Michal wurde vor Ort versorgt und nach Jerusalem ins Krankenhaus eingeliefert. Wie die Ärzte feststellen konnten, hatte die Verletzung das Ungeborene nicht gefährdet und es war gesund. Michal selbst erlitt einen Schock und litt unter Schmerzen durch die Messerstiche, war ansonsten aber in stabilem Zustand.
Über diese Einzelheiten berichtete die Schwiegermutter von Michal, Hadassah Fruman, dem Galatz-Radio. Hadassah Fruman ist die Witwe des berühmten Rabbiners und Friedensaktivisten Menachem Fruman, der national und international für sein Engagement zur Förderung von Koexistenz zwischen jüdischen Siedlern und palästinensischen Arabern bekannt gewesen war. Das Ehepaar Fruman pflegte regen Kontakt zu der lokalen arabischen Bevölkerung und investierte Zeit und Kraft darin, Kontakte zwischen jüdischen Siedlern und lokalen Arabern zu knüpfen, Einfluss auf die örtlichen Gemeindeführer zu nehmen und so den „Friedensprozess“ an Ort und Stelle voranzutreiben, und das zwischen den hauptsächlich davon betroffenen Bevölkerungsgruppen – den Juden und Arabern in Judäa und Samaria. Nach dem Tod von Rabbiner Fruman übernahm Hadassah diese Aufgabe und unterhielt weiterhin Kontakte und Projekte.
Hadassah, deren Sohn Elyashiv der Mann von Michal ist, berichtete dem Radio über den Gesundheitszustand der Schwiegertochter, erzählte die Details vom Vorfall und wurde auch zu der „Fruman’schen Herangehensweise“ an den israelisch-arabischen Konflikt gefragt.