Archiv der Kategorie: Alltag

Für die Freizeit – gegen Terror

Vorgeschichte: Vor einigen Tagen, am 09.Februar, ereignete sich ein

Der Patriarchenweg. Illustration
Der Patriarchenweg. Illustration

Attentat auf einen Mann aus dem Kibbutz Rosh Tzurim, an einem Nachmittag, als dieser auf dem beliebten Wanderweg „Der Patriarchenweg“ hinter der Siedlung Neve Daniel joggte. Der Täter stieg aus dem Tal auf den Berg herauf, rannte hinter dem Jogger her

20141229_160518 und griff ihn mit einem Messer an. Der Jogger konnte sich wehren, der Täter flüchtete,  nicht aber, ohne sein Opfer zuvor zu verletzen. Der Verletzte erreichte die Einfahrt von Neve Daniel und meldete die Tat den Sicherheitskräften. Medizinische Versorgung bekam er anschließend im Krankenhaus und müsste nun in besserer Verfassung sein.

◊◊◊

Die Antwort der lokalen jüdischen Einwohner liess nicht lange auf sich warten. Der Patriarchenweg, übersät mit antiken römischen und jüdischen Archäologiefunden, mit einer atemberaubenden Aussicht auf Berge, Tal und Dörfer, ist seit jeher ein beliebtes Ausflugsziel gewesen, und das, so beschloss man, würde sich niemand von Terroristen nehmen lassen.

Dabei übernahm die lokale Wanderschule vom Kibbutz Kfar Etzion, welche nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 gegründet wurde, um die Rückkehrer und die neuen Einwanderer nach Gush Etzion zu unterstützen und zu bilden, die Initiative. Die Schule, welche im Gush Etzion als Tourismuszentrum und Bildungsstätte für die Natur und Geschichte

Yaron Rozental, Direktor der Wanderschule (Quelle: NRG)
Yaron Rozental, Direktor der Wanderschule (Quelle: NRG)

der Region fungiert, beschloss, für diesen Freitag (12.02) alle Ausflüge durch professionelle Guides, die normalerweise einen erheblichen Preis kosten, den Interessierten kostenlos anzubieten. Mehr noch: Die Ausflüge würden sich, von den hauseigenen Reiseführern geleitet, rund um das Thema Patriarchenweg drehen, mit Wanderzielen wie Wasserquellen, archäologische Ausgrabungen und die Geschichte vor der Entstehung des Staates, als gerade in der Region von Gush Etzion der Unabhängigkeitskrieg wütete und schwere Kämpfe zwischen den jüdischen Einwohnern und den arabischen Armeen stattfanden.

Auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichte die Kfar-Etzion-Wanderschule diesen überraschenden Aufruf, an den Wanderungen teilzunehmen und bat um reges Weiterleiten und Kommen. Der Direktor der Schule, Yaron Rozental, erklärte in einem Interview im Radio „Moreshet“ (Kol Israel):

„Das Wichtige ist, nicht mit Slogans um sich zu werfen, wenn so etwas geschieht [Terrorattacken, Anm.], sondern  tatsächlich etwas zu tun.“

Es bleibt, den Wanderen der Kfar-Etzion-Schule und Herrn Rozental viel Glück bei den Ausflügen zu wünschen, und dass in Zukunft die Besucher auch zu ruhigen Zeiten nicht wegbleiben werden!

Unwetter shalom!

Ein wenig zum Alltäglichen.

Es ist mal wieder Zeit für ein Unwetter gekommen. Wir haben schließlich Winter, und nun lässt er sich so richtig blicken. Ein Sturm fegt übers Land und erreicht jeden Winkel; in den Bergen angekommen, bringt er eine unglaubliche Masse an Niederschlägen mit sich, darunter auch nassen Schnee (der bisher noch nicht liegen geblieben ist), starken Wind und Kälte. In den Hermon-Bergen an der syrischen Grenze ist schon seit Längerem der Schnee gefallen, und nun kommen die Schneewarnungen näher, an die Berge von Samaria, Jerusalem und Judäa. Viele warten hier auf den Schnee aus verschiedenen Gründen; die einen wollen nicht zur Arbeit, die anderen die weiße Pracht genießen; manche (darunter meine Wenigkeit 😉 ) wollen die anstehende Prüfung schwänzen oder gar lange ausschlafen. Denn sobald die Schneewarnung Wirklichkeit wird und die Straßen zugeschneit werden – selbst wenn es nach europäischem Maßstab lächerlich vorkommen wird – werden die Busse nicht mehr fahren und die Straßen gesperrt sein.

Wer sich das anhand des letzten Winters ansehen möchte, darf gerne bei der Galerie vorbeischauen. Winter 2015 war wirklicher Winter, mit schneebedeckten Bäumen und Hügeln, gefrorenen Pfützen und im Schnee versinkenden Weinreben.

Momentan ist alles nass, am Morgen und am Abend bedeckt ein tiefer Nebel die Hügel und verdeckt die Aussicht, die Luft drinnen und draußen ist feucht und unglaublich frisch, der braune, saftige Matsch klebt an den Sohlen, und wer hier keine festen Regenstiefel hat, ist arm dran. Die Katzen jaulen und bitten darum, ins Haus hineingelassen zu werden, und im Haus selbst („Haus“ wäre zuviel gesagt, Wohncontainer natürlich) sitzend höre ich den Wind um die Ecken pfeifen, als würde er den Container mitreißen wollen.

Was meine Behausung angeht, so hält diese das Wetter tapfer aus. Wobei ich, ungleich dem letzten Winter, heute nach der Arbeit leider feststellen musste, dass die undichten Stellen bei der Tür Wasser in den Eingangsbereich hineingelassen haben. Unser lokaler „Hausmeister“, der für die Reparaturen in der Siedlung zuständig ist, hat sich leider schon seit Längerem nicht um diese Dinge gekümmert und so war mein Karavan auf die Wassermassen nicht vorbereitet. „Selbst ist die Siedlerin“, musste es dann wohl oder übel heißen und ich griff als Allererstes zur Silikonpistole, um die Ritzen zu stopfen und schaffte es auch, die Tür einigermaßen nah heranzuziehen und zu fixieren, sodass die undichten Stellen zumindest verkleinert werden konnten. Ob das mit dem Silikon helfen wird, trotz des nassen Holzes, werde ich noch sehen. Momentan heizt die portable Heizung, was das Zeug hält (Klimaanlage besitze ich nicht), und der Strom sollte auch nicht ausfallen. Die Bezirksverwaltung hat, wie im letzten Jahr auch schon, Mails mit Tipps für den Schneefall verschickt, und die habe ich brav befolgt – Notfalllampe, Kerzen, Feuer, Essen für einige Tage, warme Kleidung sind vorrätig. Sollte der Schnee über uns herfallen (hinter dem Fenster kann man die nassen Schneeflocken an die Scheibe klatschen hören), werde ich nicht verloren gehen, denke ich. Als Notfallwärmeheizung habe ich ja immer noch die Katzen. 😉

Die Bezirksverwaltung spart nicht an Mails und berichtet unter Anderem, dass in einigen Teilen im Osten Gush Etzions es geringe Überschwemmungen und offenbar Schaden durch Wasser gegeben haben soll, welche nun behoben werden müssten. Der Osten Gush Etzions liegt auf derselben Berghöhe (bis zu 980 m über dem Meeresspiegel) und Schnee scheint sich dort auch noch nicht blicken zu lassen.

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Die "Menora der Sieben Arten", Kunstwerk von Eliezer Weisshof, ausgestellt in der Knesset (Quelle: Knesset)
Die „Menora der Sieben Arten“, Kunstwerk von Eliezer Weisshof, ausgestellt in der Knesset (Quelle: Knesset)

Ansonsten haben wir heute Abend den Feiertag „Tu BiShwat“das Neujahresfest der Bäume, und der Regen ist symbolisch wunderbar passend. Am Neujahresfest der Bäume sitzen viele Juden zusammen , sprechen Segenssprüche und essen von den sogenannten „sieben Arten“, für welche das Land Israel schon in der Tora ausgezeichnet wurde: Trauben, Datteln, Weizen, Gerste, Granatäpfel, Oliven und Feigen – sowie von anderen Früchten des Landes.

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Sollte der Schnee tatsächlich fallen, wäre das gar nicht so schlecht, überlege ich mir. Denn dann hätte ich endlich Zeit, die Blogbeiträge für euch zu schreiben, welche ich seit Langem schreiben möchte, aber nicht dazu komme!

Schönen Gruß aus den nassen Hügeln!

Chaya

 

Randbemerkung. Zensur in Deutschland.

In diesen Tagen bin ich unwillkürlich Mitwisser eines Zensurfalls geworden, der mich etwas aufgewühlt hat. Es hat nicht wirklich etwas mit Siedlern zu tun, aber der Betroffene ist ein guter Freund von mir. Es hat auch nichts mit Israel zu tun, aber im Fall dreht es sich um Juden. Ohne Namen zu nennen, Linkverweise zu geben, auf bestimmte Medien hinzuweisen, möchte ich nur sagen, dass ich nun ein weiteres Mal aus meinem nahen Umfeld die Bestätigung bekommen habe, dass deutsche Medien zensieren. Nein, nicht die Redakteure, die einen Artikel von seinen wesentlichen Inhalten befreien, oder durch ihre Schlagzeilen den Inhalt verdrehen, das ist alles hinreichend bekannt und gar nicht mehr Aufsehen erregend. Es geht um tatsächlich schwerwiegenden Eingriff in die Meinungsfreiheit und das Recht der Öffentlichkeit auf Wissen.

Die letzten mir persönlich gut bekannten Fälle waren Tuvia Tenenbom, dessen ZEIT-Redakteur ihn mehrfach versucht hatte, vor dem Druck seiner Kolumnen oftmals den Inhalt zu verbieten. Auch kennt jeder, der ein wenig Berührung mit dem Buch „Allein unter Deutschen“ gehabt hatte, die Geschichte, dass der erste Verlag, Rowohlt, das Buch ehemals gar nicht drucken wollte, ohne zuvor Zensur an den Aussagen einiger Interviewpartner von Tenenbom vorzunehmen. Tenenbom pfiff darauf, und ließ es woanders abdrucken. Das Buch wurde Bestseller, der störrische Verlag wurde blamiert, und die ZEIT-Kolumnen wurden beinahe alle im Originalformat abgedruckt. Erfolgsgeschichte von einem Mann mit  Mut zu Nachdruck.

Der andere Fall war der des Ulrich Sahm, an die 40 Jahre lang Korrespondent bei sämtlichen deutschen Medien zum Thema Nahost, zuletzt bei n-tv. Wohnhaft in Israel. Spätestens seit der Eröffnung der Facebook-Gruppe „Ulrich Sahm zurück ins deutsche Fernsehen“ müsste die Öffentlichkeit wissen, dass Ulrich Sahm nicht mehr in den nationalen deutschen Medien zu finden ist. Er wurde von dort verbannt, und das nachhaltig bei sämtlichen Presseorganen, und das wegen seiner pro-israelischen Haltung. Die Details zu seiner Entlassung kann Ulrich bei Gelegenheit selbst bestätigen. Das erschwert heutzutage für den auch nicht mehr so jungen, aber noch immer auf außergewöhnlich hohem Niveau stehenden Experten die Veröffentlichung seiner Recherchen, und offenbart die ideologische Korruption seiner ehemaligen Arbeitgeber. Aber auch er hat seine Nische gefunden. Es gibt private Netzwerke wie Audiatur Online, und zum Glück hat Ulrich Sahm einen guten Namen bei dem gemeinen Volk und unternimmt regelmäßig Vortragsreisen in Deutschland, und es gibt Leute, die ihn hören wollen. ich würde mich nicht wundern, wenn es in der nächsten Zeit noch mehr davon geben wird – vorausgesetzt, Ulrich wird nicht davon absehen, weiterhin unerschrocken seine Recherchen und Kritik öffentlich zu machen. Solche, die die nationalen Medien nicht bei sich in den Publikationen sehen wollen.

Nun ist mein anonymer Freund, den ich zu Beginn erwähnt habe, weder Tuvia Tenenbom noch Ulrich Sahm, sondern nur ein Mensch mit einer bestimmten Funktion, und auch noch Jude.  Und als Jude mit Funktion, sozusagen „Funktionsjude“ (liebe nichtjüdischen Nichtzyniker, verzeiht den jüdischen Zynismus), kam er neulich mit den deutschen Medien in Kontakt, und wurde sogar von einem solchen Medium zu seinen Ansichten gefragt. Nach den neuesten Ereignissen wurde es auch in Deutschland von Interesse, was Juden in ihren Gemeinden von ihrem Leben halten. In Frankreich sagen die Juden das offen – wir fühlen keine Sicherheit, wir wandern aus, und die ersten Gruppen nach der Attacke am 13.11 kamen schon angereist (Ynet berichtete). So wurde mein Freund befragt, aber das, was er zu antworten gedachte, gefiel dem Journalisten nicht. Er wurde gebeten, seine Antworten zu revidieren. Revidieren? Ja, denn die Antwort, die er gegeben habe, würde den Terror mit dem Islam in Zusammenhang bringen. Mit dem Islam? Islamistischer Terror mit dem…? Ja. Und so musste mein Freund die Antwort umändern, und als er das tat und aus der ehemals deutlich formulierten Antwort ein geschmacks- und geruchlose Suppe geworden war, da war der Journalist sichtlich zufrieden, und brachte das einvernehmliche Endergebnis ans Volk.

Als ich das Ergebnis sah, wusste ich, dass irgendetwas faul war. Aus Privatschutzgründen kann ich es leider nicht mit euch teilen. Denn mein Freund wollte zwar noch nie ein „Funktionsjude“ sein, und noch weniger ein „Hofjude“, wie viele (und leider auch ich) so manche  jüdische Funktionäre in Deutschland und andernorts schimpfen, wenn diese das sagen, was die Politkorrektheit hören möchte. Aber er entsagte sich auch nicht des Interviews und bestand darauf, dass die Affäre nicht publik gemacht werden sollte. Und so wie hier, wissen wir nicht, sofern uns das nicht zufällig über den Weg läuft wie mir, wie viele andere öffentlich zitierte Menschen dazu gebracht wurden, ihre Meinungen zensiert und umgeschrieben zu bekommen. Und damit einverstanden gewesen waren, aus Angst, ihren Namen, ihre Stelle, ihren Einfluss? zu verlieren. Denn dann werden sie auch das bisschen Gutes, das sie im kleinen Umfeld vielleicht noch bewirken können, nicht mehr tun können.

Und für uns von außen, die wir nicht immer hinter den Kulissen sein können, erscheint alles freundlich und harmonievoll, und aufeinander abgestimmt. Manchmal sagen wir auch, abwinkend, „die wurden dafür bezahlt“. Mein Freund wurde für das Schwanzeinziehen, vor das er gestellt wurde, nicht bezahlt.Und so sehr ich mich für sein Schwanzeinziehen schäme, so tut es mir auch weh, zu wissen, wie sehr Zensur Teil unseres Alltags darstellt. Und dass viele gute Menschen, die etwas mehr zu verlieren haben als Blogger wie ich, vor ihrer Diktatur einknicken.

Es ist keine allzu große Leistung, als Privatperson einen Blog aufzumachen (in meinem Fall sogar in einem fernen Land) und dort all das frei heraus zu posaunen, was die öffentlichen Medien bei sich nicht haben wollen. Mein Blog hat nun beinahe 70.000 Besucher, fast 1000 Kommentare, ich bekomme wöchentlich und manchmal mehrmals in der Woche private Mails mit Lob und Unterstützung, werde interviewt und führe Gespräche mit deutschsprachigen Gruppen im Namen einer Bundesinititative (BpB, siehe hier). Und als Bloggerin und Privatperson sage ich dort das, was ich mit meinem Gewissen vereinbaren kann, und niemand schreibt mir vor, was ich zu sagen habe. Es mag mutig klingen – aber eigentlich ist es das nicht. Denn ich brauche keine Konsequenzen zu fürchten – nicht von der Zielgruppe, für die ich schreibe und vor welcher ich auftrete.

In Deutschland sitzen Menschen mit klugen Gedanken und guten Herzen, und auch sie würden gerne das sagen, was ihnen auf den Lippen liegt und in der Seele schmerzt. Aber Deutschland scheint kein Land zu sein, das Diskussion stärkt, das Nonkonformismus akzeptiert, in welchem ein Konzensus einfach übergangen werden kann. Ein wenig haben die sozialen Netzwerke den staubigen Vorhang, der die deutsche Meinungsfreiheit umhüllt, angehoben. Aber der Lichtstrahl, der unter dem Vorhang hervorbricht, ist noch zu klein, und die Luft noch immer nicht erstickend genug, als dass Menschen effektiv nach Frischluft suchen würden.

Zensur hin oder her. Jeder ist im Endeffekt verantwortlich für das, was er sagt, schreibt, oder zu sagen und zu schreiben unterlässt. Jeder hat nur die Kräfte, die ihm zur Verfügung stehen, um etwas zu bewirken, und die nur eigene freie Wahl. Ein jüdisches Sprichwort besagt, „wenn Zusya in den Himmel kommt, wird Gott ihn nicht fragen, ‚wieso bist du nicht wie der Prophet Moses gewesen?‘, Er wird ihn fragen, ‚wieso bist du nicht Zusya gewesen?'“

Ich habe mit euch in dieser Randbemerkung diese Episode aus meinem Alltag geteilt, weil es mich persönlich berührt und getroffen hat, und ich würde wollen, dass wir, vor allem auch ich, etwas aus dieser Geschichte mitnehmen.

Was, das kann jeder für sich selbst entscheiden. Die Gedanken sind schließlich frei.

 

Atmosphäre der Militarisierung

Diejenigen, die Israel-basierte Nachrichtenseiten und auch meinen Blog und die Updates bei Facebook verfolgen, müssten sicherlich wissen, dass wir in unserem Land in den letzten Monaten einen rapiden Anstieg an terroristischen Attentaten erleben, welche trotz gelegentlicher zahlenmäßiger Abnahme noch immer unseren Alltag prägen. Das betrifft sowohl die Gebiete von Judäa und Samaria als auch den Rest Israels. Die Terroristen können überall zuschlagen, und sie gelangen auch in jede Stadt – wie das Beispiel des neuesten Terrorattentats in der  sonst als „neutral“ betrachteten Zone, in der Stadt Rishon leZion, am 02.11.15 zeigt. Bei der Messerattacke wurden 3 Menschen verletzt, darunter 2 schwer. Dabei ist  Rishon leZion weit entfernt davon, als „illegale Siedlung“ betrachtet zu werden.

Hevron im Verhältnis zu anderen Städten
Hevron im Verhältnis zu anderen Städten

Der Terrorist, ein 19-jähriger muslimischer Araber, kam aus der Stadt Hevron (mehr zu Hevron – hier), wie schon zahlreiche andere Angreifer. Hevron ist bekannt für seinen stark traditionellen, ideologisch-religiösen Charakter im Vergleich zum eher säkular ausgerichteten Ramallah, die verstärkt feindselige  Stimmung innerhalb der Bevölkerung gegenüber Juden und Israelis, ebenso wie eine breite Unterstützung der Terrororganisation Hamas, welche in Hevron einen zentralen Stützpunkt innerhalb Judäa und Samaria sieht. Aus Hevron stammten u.a. auch die beiden Entführer der Jugendlichen Eyal, Gil-ad und Naftali, welche im Juni 2014 entführt und ermordet worden sind, an der Bushaltestelle neben meiner Siedlung Alon Shevut. Im Rahmen der darauffolgenden Militär- und Suchoperation „Hüter meines Bruders“ in Judäa und Samaria, welche daraufhin in die Operation „Fels in der Brandung“ im Gazastreifen überging, wurden über 300 terroristisch aktive Palästinenser, darunter über 250 Hamas-Aktivisten in Hevron und Umgebung sowie in Samaria von Israel festgenommen (Quelle: IDF, Haaretz).  – Wie nun der 19-jährige Terrorist nach Rishon leZion gekommen ist – als illegaler Eindringling, als Angestellter eines israelischen Arbeitgebers oder auf andere Art und Weise, habe ich nicht geschafft, herauszufinden. Darüber wurde nicht ausführlich berichtet. Eines ist allerdings einleuchtend – wenn dieser es in die Landesmitte geschafft hat, wie hoch stehen dann die Chancen für Attentate in der eigenen Nachbarschaft der Täter!

Auch Attacken auf Sicherheitskräfte – Polizisten und Soldaten – mehren sich, das vor allem an den sog. „Checkpoints“ (Kontrollpunkten) auf der „Grünen Linie“, auf Kreuzungen und an Bushaltestellen, auf welchen diese stationiert werden, um Zivilisten vor Autoattentaten und anderen Übergriffen zu schützen. Dutzende versuchte und ausgeführte Angriffe auf Soldaten und Grenzsschutzpolizisten am Übergang zwischen Jenin und der israelischen Stadt Afula im Norden Israels, an der Kreuzung zu Bet Enun nahe Hevron, in der Altstadt von Hevron, auf der Gush Etzion-Kreuzung, am A-Zaim-Übergang zwischen Jerusalem und der Autobahn Richtung Totes Meer führten dazu, dass die militärische Präsenz an diesen Knotenpunkten zusätzlich verstärkt werden musste. In vielen Fällen schützen Soldaten mit ihrem Körper die beistehenden Zivilisten während einer Attacke, in anderen kommen sie erst nach der Tat zur Hilfe, so wie im Fall meines Bekannten Me’ir Pavlovsky aus Hevron, welcher Anfang Oktober von einem Messerstecher lebensgefährlich verletzt wurde und nur durch ein Wunder gerettet werden konnte.

Erst gestern wurde ein 20-jähriger Grenzschutzpolizist lebensgefährlich verletzt, als ein arabischer Angreifer diesen auf der Autobahn 60 überfuhr. Der Terrorist wurde erschossen, der junge Mann wurde mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert.


Die eindeutige Gefahr, welche wir momentan mit der Luft einatmen, hat dazu geführt, dass, um das allgemeine Sicherheitsgefühl der Bewohner von Judäa, Samaria und ganz Israel zu verstärken, die Präsenz von Sicherheitskräften erheblich erhöht wurde. Wer jemals als Tourist in ruhigeren Zeiten in Israel zu Besuch gewesen ist und sich neben Soldaten mit Gewehr im Bus mulmig gefühlt hatte – wisst, dass es noch gar nichts gewesen ist im Vergleich zu der drückenden Anwesenheit von bewaffnetem Schutzpersonal in Städten und auf

Soldat an der Gush Etzion-Kreuzung.
Soldat an der Gush Etzion-Kreuzung.

den Straßen im letzten Monat. Sie stehen auf den Straßen Jerusalems, in den Banken, auf den Bushaltestellen, patroullieren in Gassen. In Judäa und Samaria hat sich die Überwachung um ein Deutliches erhöht  – die Autoattentate haben zu weiteren Betonwällen vor Bushaltestellen geführt; hinter den Betonklötzen in jede Fahrtrichtung stehen Soldaten in Bereitschaftsposition und in Helmen – auch diese Aufmachung ist neu. Seit dem 28.10, an welchem ein Hevroner Attentäter eine Frau neben unserem Supermarkt Rami Levy niedergestochen hatte, wurden Betonaden auch an der Einfahrt zum Supermarkt stationiert, auch

Einfahrt zum Supermarkt. Links und rechts sind Soldaten stationiert.
Einfahrt zum Supermarkt

dort Soldaten. Die Verkehrsinsel zwischen den Haltestellen an der Gush-Kreuzung wurde für Fußgänger abgesperrt – denn auch von diesen Übergängen gelangten Terroristen schneller zu Wartenden auf Haltestellen und griffen diese an. Anhaltefahrer, auch solche, die sich immer stur geweigert hatten, hinter den Betonaden zu stehen, stellen sich widerstandslos hinter diese, und um sie herum stehen Soldaten mit Finger auf dem Abzug und Helmen.

Anhaltefahrer in Gush Etzion
Anhaltefahrer in Gush Etzion

Es herrscht, so muss ich leider sagen, eine Atmosphäre der Militarisierung, die einerseits das Gefühl gibt, geschützt oder zumindest nicht allein gelassen zu sein inmitten einer feindlichen Bevölkerung – aber es ist eine Tendenz, die kaum jemandem innerhalb der jüdischen Bevölkerung gefällt. Entgegen der verbreiteten Annahme, die auch ich öfter als Vorwurf mitbekommen habe, freuen sich die „Siedler“ in Judäa und Samaria nicht über zusätzliche Grenzen, über Militärpräsenz oder Überwachung. Die hier aus ideologischer Überzeugung lebenden Juden sehen dieses Land als Teil ihres Erbes und ihres Landes, und sehen nicht ein, weshalb sie sich als Namensgeber dieser Gegend (immerhin, Judäa!) und als Rückkehrer hinter Zäunen, Soldaten und Kameras verstecken müssen, während die benachbarte arabische Bevölkerung keine Selbstschutzmaßnahmen aufwenden muss (wohl aber Kontrollmaßnahmen seitens der Armee). Schon allzu oft habe ich innerhalb der Siedlergesellschaft die Meinung gehört, die

Polizeipräsenz in Gush Etzion.
Polizeipräsenz in Gush Etzion.

Sicherheitsmauer, welche 2002 initiiert wurde, gehöre abgeschafft, und würde nur zu Beschämung der jüdischen Gemeinschaft und zu einer fälschlichen Schaffung von Fakten beitragen. Trotz ihrer praktischen Vorteile  – das Fernhalten von Attentätern vom israelischen Staatsgebiet – ist sie keine willkommene Maßnahme in den Augen der Siedler. In Judäa und Samaria gibt es Ortschaften, deren Bewohner sich immer und immer wieder weigern, ihren Ort einzuzäunen, und dadurch  in Auseinandersetzungen mit der Armee geraten, welche auf verstärkte Sicherheitsmaßnahmen gilt, um u.a. die eigene Bürde der Überwachung zu lockern. Und es gibt auch Beispiele, wo sich jüdische und arabische Einwohner zusammengetan haben, um gegen den Bau der Trennmauer zwischen den jeweiligen Ortschaften zu protestieren  – so in Efrat und den arabischen Dörfern drumherum.

Anhalterplatz, Gush Etzion Kreuzung, Polizeiabsperrung
Anhalterplatz, Gush Etzion Kreuzung, Polizeiabsperrung

Wir wissen wohl, dass gerade in dieser erneut angespannten Zeit, deren Abklang momentan nicht absehbar ist, der Schutz notwendig ist. Auch an Soldaten und Absperrungen haben wir uns gewöhnt, die dennoch das tagtägliche Zusammentreffen beider Bevölkerungsgruppen – der jüdischen und der arabischen – nicht verhindern, sondern nur bedingt sicherer machen. Aber die Militarisierung als Antwort auf Terror, welche viele aus der Perspektive der Palästinenser beklagen, hinterlässt auch bei uns Spuren, und nicht wenige.

Die israelische Realität hat niemals aufgehört, komplex zu sein.

Vorübergehend kein Zutritt

In fast ausnahmslos jeder Stadt in Israel werden Araber mit palästinensischem Pass und/oder israelischer Einwohnerkarte beschäftigt. Sei es als Bauarbeiter, Handwerker, Bauunternehmer, Angestellte, Gärtner, Klempner, Müllmänner. Es gibt Arbeiten in vielen Sektoren, die große Abnahme bei den palästinensischen Arabern und auch Arabern mit israelischem Pass finden. Dazu muss man sagen, dass viele dieser Berufe und Beschäftigungen als unbeliebt in der jüdisch-israelischen Bevölkerung gelten. Palästinensisch-arabische Dienstleister – Firmeninhaber, Verkäufer – welche Geschäfte mit Juden aus Israel betreiben, verlangen deutlich geringeres Geld  als ihre israelischen Counterparts. Arabische Arbeiter sind schnell, geübt, verlangen wenig, sind ausdauerfähig. Für viele dieser Menschen ist die Arbeit auf israelischem Territorium (incl.Zone C in Judäa und Samaria) die einzige Einkommensquelle für die Familie. Nicht alle der Arbeiter stammen jedoch aus Orten, die der jüdischen Bevölkerung wohlgesinnt sind, sondern können in allen möglichen arabischen Dörfern und Städten wohnen, die israelische Juden aufgrund von der ihnen dort drohenden Lebensgefahr nicht betreten dürfen – beispielsweise Hevron, Bet Fajjar, Shchem (Nablus), Bet Ummar, Zurif, Jenin.

Aus denselben Orten stammen auch die zahlreichen Funktionäre der verschiedenen Terrorkampfgruppen wie der Hamas, den Al-Quds-Brigaden, der Fatah etc., und ebenso aktive Terroristen und ihre Lehrlinge, welche entweder Stein- und Brandbombenwürfe auf israelische Autos verüben, Soldaten und Polizisten attackieren, Zivilisten in Großstädten niederstechen, niederschießen oder sich selbst in die Luft sprengen.  Alle sie leben auf engstem Raum nebeneinander, sind Teil derselben Gesellschaft, und allzu häufig kreuzen sich ihre Wege – und aus einem simplen Bauarbeiter oder Techniker wird ein mordlustiger Terrorist, wie das neueste Attentat in Jerusalem (13.10.15) anschaulich darlegt.

Nun dient diese Einleitung dazu, um die Reibung zwischen den beiden – einander von nicht besonders bis auf den Tod nicht wohlgesinnten – Bevölkerungsgruppen in Israel im regulären Alltag aufzuzeigen. Das Aufeinandertreffen sowie die das Niveau der Feindseligkeiten zwischen der jüdischen und der arabischen Bevölkerung sind in Judäa und Samaria noch erheblich größer als im offiziellen Staatsgebiet Israels. Die auf den Erfahrungen vor allem der letzten 30 Jahre basierenden Befürchtungen der Juden  vor den unvorhersehbaren Terrorattacken lokaler Araber, welche bei Juden arbeiten, führen dazu, dass viele gegen eine Beschäftigung von Arabern in jüdischer Umgebung protestieren. Was nur in wenigen Fällen anschlägt, da das gesamte Bauunternehmen, die Gastronomie und die Instandhaltung der Infrastruktur der Siedlungen auf den arabischen Arbeitern basiert. Auch glauben viele daran, dass das Aufrechterhalten der wirtschaftlichen Beziehungen und einer ökonomischen Balance stabile nachbarschaftliche Beziehungen fördern kann, was auch sich auch an einigen Beispielen erkenntlich zeigt, so die Kooperation zwischen den Bewohnern der Stadt Beitar Illit und der Stadt Hussan, welche direkt gegenüber liegt, und ebenso zwischen der Siedlung Efrat und den umliegenden arabischen Dörfern.

Hier liegt Efrat
Hier liegt Efrat

Jetzt sind aber Krisenzeiten angekommen. Tagtäglich finden in Jerusalem Attentate statt, und auch im Rest des Landes, durchgeführt von israelischen oder palästinensischen Arabern. Die Straßen innerhalb Judäas und Samarias werden durch Steine und Brandbomben und in einigen Fällen auch Schießereien und Entführungsversuche unsicher gemacht. Aufgrund der aufgeheizten Situation und der Besorgnis um die Sicherheit der Bevölkerung entschlossen sich Bezirksvorsitzende in Judäa und Samaria –

Hier liegt Beitar Illit
Hier liegt Beitar Illit

namentlich in Gush Etzion, in der Region der Südhevronberge und in einigen Regionen von Samaria, für arabische Arbeiter vorübergehend keinen Zutritt zu gewähren. Das Verbot gilt seit etwa zwei Tagen. Auch die ultraorthodoxen Städte  Beitar und Modi’in Illit haben beschlossen, zurzeit keine arabischen Arbeiter mehr hineinzulassen, obwohl sich diese Städte nicht als Teile der Siedlerbewegung zählen. Nach einigen Attentaten auf ultraorthodoxe Juden jedoch wurde diese Entscheidung dennoch getroffen.

Den Arbeitern, welche am Morgen des Verbots zur Arbeit gekommen waren, wurde ein Flyer in Hebräisch und Arabisch ausgehändigt, auf dem u.a. geschrieben stand:

Sehr geehrter Arbeiter/Unternehmer,

wir sind bestürzt über den vorübergehenden Schaden, der eurem  Einkommen zugefügt wird. Wir danken euch für Ihre treue Arbeit in unserer Siedlung. In der letzten Zeit werden wir, eure jüdischen Nachbarn…, welche mit euch auf denselben Straßen fahren, von Terroristen, die aus Ihren Dörfern stammen, angegriffen. Sie bewerfen uns mit Steinen und Brandbomben. Als Nachbarn, welche hier schon 40 Jahre leben und so Gott will noch viele Jahre leben werden, ist uns klar, dass dies nicht eure Art und Weise ist. Als Menschen, die ihr Einkommen von uns beziehen und uns kennen, wissen wir, dass ihr dies verurteilt. WIr fordern daher von euch, dass ihr von den Vorstehern eurer Dörfer verlangt, dieses ernstzunehmende Phänomen zu beenden, denn so können wir nicht weiterleben.“

(Quelle des Textes: 0404.co.il, Flyer der Gemeinschaften der Südhevronberge)

Heute, so berichtete mir der Bezirksvorsitzende von Gush Etzion, Davidi Perl, soll eine Sitzung stattfinden, in welcher die Sicherheitslage ermittelt und entschieden werden soll, das Verbot zu belassen oder aufzuheben.

Was noch einen unmittelbaren Treffpunkt zwischen Juden und Arabern betrifft – die Großsupermarktkette Rami Levy, in welcher sowohl die einen als auch die einen angestellt sind – , so ließ der Besitzer Rami Levy in einem Interview neulich verlauten, er würde als Sicherheitsmaßnahme die Bewachung an den Eingängen verdoppeln und Messer aus dem Sortiment entfernen. Allerdings weigerte er sich, die arabischen Angestellten zu vermindern und durch jüdische zu ersetzen – auch nicht an Reibungsorten wie Gush Etzion.

 

„Das irrelevante Kopftuch“ Na’ama Henkin sel.A.

10421622_401196053387094_3221754775169969373_nDieser Text wurde von Na’ama Henkin, der ermordeten jungen Frau und Mutter aus Neria, vor etwa drei Jahren auf der israelischen Blogplattform „Point of View“ veröffentlicht. Na’ama Henkin bloggte dort zusammen mit anderen jungen Frauen aus Judäa und Samaria auf Englisch über verschiedene Aspekte ihres Lebens. In diesem Text versucht sie, anhand eigener Erfahrung als erfolgreiche religiöse Grafikerin aus einer Siedlung die Diskrepanz der  gegenseitigen Wahrnehmungen innerhalb der israelischen Gesellschaft, zwischen „Religiösen“, „Siedlern“, „Tel Avivern“ und „Sekulären“ darzustellen. Vor drei Jahren habe ich diesen Text nicht gekannt, und heute gelangt er an die Oberfläche durch den grausamen Mord an Na’ama und ihrem Mann Eytam, und zeigt auf einige schmerzvolle Aspekte der Selbstwahrnehmunng der israelischen Gesellschaft. Übersetzt von mir.


Na'ama Henkin hy"d

Na’ama Henkin hy“d

Das irrelevante Kopftuch*

Hier bin ich wieder, bereite mich für ein Meeting in Tel Aviv vor, öffne zum hundertsten Mal meinen Schrank, um mir herauszusuchen, was ich anziehen soll.  Was wird bescheiden, aber modisch aussehen, elegant, aber nicht zu sehr? Trotz meiner Bestrebungen weiß ich, dass wenn ich im Herzen Tel Avivs aus dem Auto steigen werde, ich anders aussehen und mich anders fühlen werde. Ich werde „eine von denen“ sein. Mein Designer-Kopftuch, das mir viele Komplimente von meinen Freundinnen in meiner Gemeinschaft einbringen wird, dasselbe Kopftuch ist so üblich und relevant in Tel Aviv wie ein Hijab – nämlich absolut irrelevant.

Nachdem ich es geschafft habe, meinen Minderwertigkeitskomplex zu überwinden, betrete ich das das Gebäude, in dem mein Meeting stattfindet (natürlich bin ich 10 Minuten zu spät, denn der Tel Aviver Verkehr scheint mich immer wieder von Neuem zu überraschen). Ein kurzer Stopp auf der Toilette gibt mir noch mal die Chance, mein Aussehen neu zu ordnen, mein Make-up zu korrigieren und mein Kopftuch neu festzubinden. Wen versuche ich hier eigentlich zum Narren zu halten?, denke ich mir, ein religiöses Mädel wird immer ein solches bleiben.

Während ich mir meinen Weg zum Treffen bahne, überlege ich vor mich hin: werden sie überrascht sein, zu sehen, dass ich gläubig bin? Wird die Person, die meine Arbeit bestellt hat, zu meiner professionellen Beschreibung hinzufügen: ‚Wir werden mit Na’ama zusammenarbeiten, sie macht Interface-Design. Ja, die eine Religiöse mit dem Kopftuch, aber sie ist eigentlich ganz cool“… Ich war niemals dabei, wenn ein solcher Satz gesagt wurde, aber ich fühle ihn immer, wenn ich in den Raum hineinkomme. Auch wenn ich mit einem Lächeln begrüßt werde, versuchen die Männer immer, diesen peinlichen Moment, die Hände zum Händeschütteln auszustrecken in der Erwartung, meine Hand zu schütteln, zu vermeiden. Und die Sekretärin bestätigt mir lächelnd, der Kaffee sei koscher.

Dann kommt der Smalltalk. Jemand wird fragen: „So, woher sagten Sie, dass Sie kommen? Jerusalem?“ Und ich werde rot anlaufen und sagen, „nein, ich komme aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Modi’in.“ „Oh“, werden sie sagen und mit den Köpfen nicken, „wir haben von dieser Stadt gehört. Ein netter Ort. Wir sollten wirklich einmal dorthin mit unseren Kindern fahren, dort müsste ein schöner Park sein.“

Hier liegt Neria
Hier liegt Neria

 Eines Tages  – so verspreche ich dem verstörten Verlangen nach Gerechtigkeit in meinem Inneren – , vielleicht, wenn ich erwachsen sein werde, werde ich den Mut haben, die Wahrheit zu sagen. Ich lebe in Neria, einer Gemeinschaft in der Binyamin-Region. Ja, es liegt auf der anderen Seite der Grünen Linie. Die Medien mögen es eine „Siedlung“ nennen, aber für uns ist es einfach „Zuhause“. Kommt vorbei, wenn ihr die Gelegenheit dazu findet, es ist wirklich wunderschön dort. 


*Anmerkung: Das Haar zu bedecken, ist religionsgesetzliche Pflicht für verheiratete jüdische Frauen. Dabei gibt es verschiedene Bräuche, wie man das Haar zu bedecken hat – in welchem Maße, oder auch womit. Heute entscheiden sich sehr viele religiöse jüdische Frauen für Kopftücher. Andere wählen dafür eine Echthaar-Perücke. 

 

Realitäten und Reaktionen

…Es ist schon gruselig, muss ich zugeben.

Vier Jahre bin ich in Israel, und erst ein Jahr lang erlebe ich die Realität der „besetzen Gebiete“ hautnah, und habe einen solch radikalen Wandel meines Lebensalltags mitmachen müssen – einen solchen hätte ich mir nicht erträumen lassen. Für die meisten Israelis ist „Intifada“ kein neuer Begriff, und auch Terrorattacken sind Teil ihrer Geschichte. Das Land und seine Leute haben in den letzten 67 Jahren außergewöhnlich viele Extremsituationen und reale Gefahren durchgehen müssen. Ich allerdings komme aus einer Welt mit einem relativ „heilen“ Selbstverständnis, aus einem Deutschland und Europa, welches die Bedrohung des islamisch motivierten Terrors noch nicht gekannt hatte. Zum Beispiel hätte ich mir niemals ausmalen können, in einem Land zu leben, in welchem die Polizei oder der Notfalldienst per Internet die Einwohner über Abwehrmethoden von Messerattacken informieren. Über Raketenangriffe. Über Brandbombenattentate. In einem Land, in dem ein  Bürgermeister die Mitbürger auffordert, Waffen bei sich zu tragen. Wo Menschen Steinblöcke auf vorbeifahrende Autos werfen. Und wo eine Wellblechhütte auf einem Hügel einen internationalen Skandal hervorruft, jedoch der Ruf nach totaler Vernichtung eines Volkes als der Schrei von Unterdrückten übersetzt wird.

Und nun, da ich hier lebe, bleibt mir nichts anderes übrig, als das oben Aufgezählte und noch weitere „irre“ Elemente des Alltags in meinem Leben zu akzeptieren, ohne sich zu wundern, übermäßig zu beschweren oder Alarm zu schlagen. Ich dachte, Raketenbeschuss auf Städte sei etwas Unfassbares? Es gibt Terrortunnel. Tunnel seien inakzeptabel? Es kann auch Krieg geben. Krieg ist ein Notstand? Und was sagt man zu Messerstechereien auf der Straße? Entsetzlich? Es gibt auch Schüsse aus vorbeifahrenden Autos. Sprachlos? Man kann jemanden auch an der Halterstelle über den Haufen fahren und dazu Videoanleitungen zum besseren Gelingen im Internet verbreiten.

Ich habe in all den vier Jahren noch kein einziges Mal den Gedanken gehabt, aufgrund der zahlreichen Bedrohungen meine Koffer zu packen und zurück nach Deutschland zu kehren. Stattdessen lerne ich, mich in die Lebenswirklichkeit der Menschen hier einzufügen nd beobachte  die Art und Weise, wie meine Mitbürger und meine Umgebung mit den Situationen umgehen.

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Mädchen mit Torarolle bei der Demo in Jerusalem. Foto: Efrat Kislev
Mädchen mit Torarolle bei der Demo in Jerusalem. Foto: Efrat Kislev

Trotz oder gerade wegen der großen Enttäuschung, welche die nationalreligiös geprägte Gesellschaft gegenüber der von ihr gewählten Regierung fühlt, gibt es politischen Aktivismus. Nicht nur seitens der offiziellen Vertreter der jeweiligen Interessen, sondern bei den regulären Bürgern. So erschienen zu einer in der israelischen Presse als „rechte“ Demonstration katalogisierten Veranstaltung am 05.10.15 vor der Residenz des Premierministers in Jerusalem (Paris Square) mehrere Tausend Israelis, um gegen die Terrorwelle und die Bedrohungen zu protestieren. Die Demo fiel auf den Abschluss des „Tora-Freudenfestes“. Aus allen Ecken der „Siedlerwelt“, von Tal Menashe im Norden Samarias bis Yatir an der „Grünen Linie“ im Süden, organisierte man Busse mit Teilnehmerwilligen. Es kamen meist junge Teilnehmer, Familien, Kinder aus Jugendbewegungen, Schulabgänger und auch ältere Menschen. Sie hörten Rednern aus der politischen Sphäre zu (darunter auch zwei Ministern aus der Regierungspartei des Likud), hörten den Aufruf zur Tatkraft von Terroropfer Adva Bitton, protestierten, tanzten, sangen. Trotz des großen Aufgebots, der zentralen Lage und des Timings berichteten führende deutsche Medien über die Demonstration nicht.

Protest auf der Autobahn 398 Richtung Teko'a. Foto: Ulrich J.Becker
Protest auf der Autobahn 398 Richtung Teko’a. Foto: Ulrich J.Becker

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Spontane Zusammenkünfte, wie der Protest gegen Steinwürfe auf die Autobahn bei Teko’a am 07.10.15, nachdem eine jüdische Fahrerin von Arabern am selben Tag beinahe gelyncht worden ist (siehe Facebook-Meldung), fanden und finden weiterhin überall in den Gebieten statt. Vor allem kursieren Flyer, Aufrufe zu Protestevents, Bitten um Gebete für die Verletzten der täglichen Attentate über Whatsapp. Whatsapp muss das beliebteste Kommunikationsmedium in Israel sein. Interessant wäre zu wissen, wie stark seine Popularität infolge der momentanen Situation zugenommen hat – und wie viele Chats von den Shin Bet-Agenten tatsächlich abgefangen werden, um „unliebsame“ Zusammenkünfte zu vereiteln  und Aktivisten auszuspionieren.

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Schon seit Wochen sitzt Yossi Dagan im Zelt vor der Residenz des Premierministers Netanyahu im Zentrum Jerusalems und protestiert durch seine Anwesenheit gegen den wachsenden Terror und die seines  Erachtens mangelhafte Reaktion darauf innerhalb der Region, welche er verwaltet. Yossi ist der stellvertretende Vorsitzende des Judäa- und Samaria-Rates (YESHA), und er ist bekannt als einer, dem die Angelegenheiten seiner Mitbürger am Herzen liegen. Zusammen mit Yossi haben sich dorthin auch mehrere andere Bezirksvorsitzende begeben, so unser Vorsitzender Davidi Perl aus Gush Etzion, der sein Büro „vorübergehend“ vor das

Yossi Dagan auf der Demo am 05.10.15
Yossi Dagan auf der Demo am 05.10.15

Haus des Premierministers verlegt hat. Seine Kollegen und er haben eine lange Liste von Forderungen an den Premierminister. Hin und wieder berichten sie von Treffen mit diesem, er scheint bereit sein, sie anzuhören, aber von Einigungen hört man nicht. Die Forderungen betreffen verschiedene Sicherheitsaspekte – vor allem die notwendigen finanziellen Mittel für Maßnahmen, die die Einwohnersicherheit in Judäa und Samaria stärken sollen. Andere wirken globaler – ein Verlangen nach hartem Durchgreifen gegenüber Terroristen und ihrer sozialen Umgebung. Und dann noch die lauteste Forderung von allen, die auch die letzte Demo angeführt hat – „Bauen gegen Terror“. „Die gebührende zionistische Antwort gegenüber den Morden ist das Bauen und Niederlassen im Land Israel“ ist seit längerer Zeit ein Standart-Leitsatz der Siedlerbewegung. Die einen sagen, eine effektive Sicherung und Vergrößerung der jüdischen Präsenz vor Ort, gerade im Hinblick auf die Übergriffe vor Ort, würde an die Attentäter und ihre Anstifter ein Signal von Stärke senden – ohne sich dabei im Nahkampf oder durch militärische Maßnahmen die „Finger schmutzig zu machen“.  Andere aus derselben Bewegung sehen dies als politischen Missbrauch an, sehen die Notwendigkeit der Sicherheit nicht mit dem Bau von Häusern erfüllt, und weigern sich, den Aufrufen der Bezirksräte zu folgen.

Wo liegt die Autobahn 398?
Wo liegt die Autobahn 398?

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So wie Natan (Name geändert) aus Teko’a. Ein Mann mit Kontakten, Draht zu den Einwohnern und dem Interesse daran, die Autobahn 398 zwischen Jerusalem und Teko’a für Juden sicher zu machen. Nachdem neulich erneut eine Fahrerin von einem Mob auf der Straße angegriffen und beinahe entführt worden worden war, erstellte er eine Liste aus Freiwilligen mit Waffenschein, die von nun an zusätzlich zur Armee und Polizei auf der Straße patroullieren würden, um im richtigen Moment zur Stelle zu sein, sollte die Armee vor Ort nicht genügend Präsenz zeigen.

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Man macht auch Witze. Bildüberschrift: "Ich gehe grad' mal den Müll runterbringen", Quelle: Facebook
Man macht auch Witze. Bildüberschrift: „Ich gehe grad‘ mal den Müll runterbringen“, Quelle: Facebook

Derweilen versendet unsere Regionalverwaltung im Namen von Davidi Perl erneut warnende Emails, diesmal mit direkten Anweisungen, wie man sich im Falle eines Angriffs verhalten sollte. Aufgelistet werden Tipps je nach Art des Angriffs.  Schwierig für mich, nachzuvollziehen oder zu akzeptieren, was solche Anweisungen tatsächlich bedeuten – dass wir uns in einer Kampfzone befinden, dass kriegsähnliche Zustände herrschen, und das im ganzen Land und nicht etwa an den Grenzen allein. Und das nennt sich heute Alltag. Das soll man vereinen mit einem Gang in den Supermarkt, einem Ausflug in die Natur, der Fahrt zur Arbeit oder zur Uni. Wie schwer muss es erst für einen Außenstehenden sein, nachzuvollziehen, was hier geschieht?…

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Sportverein "Israeli Combat Experience" in Gush Etzion
Sportverein „Israeli Combat Experience“ in Gush Etzion

Ein Bekannter von mir bietet seit Neuestem kostenlose Selbstverteidigungskurse an. Das Angebot werde ich mir anschauen, Und auch das mit dem Waffenschein sollte man sich vielleicht überlegen. Denn in den letzten Tagen ist die israelische Presse voll von Berichten von Zivilisten, welche durch eine Waffe, die sie bei sich trugen, das Leben von anderen retten konnten. Bevor Sicherheitskräfte sich einmischen konnten.

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Dem gegenüber stehen auch wütende Israelis aus den Siedlungen und auch aus anderen Städten, die ihre Wut über das Geschehen in Taten verwandeln; heute (09.10) bewarfen Siedler laut YNET die Autobahn nach Shchem (Nablus) in Samaria mit Steinblöcken. Dabei wurden arabische Fahrer verletzt und Autoscheiben zerschmettert. Ebenso wurde die Einfahrt nach Shchem blockiert. In Netanya wurden drei Araber von Einwohnern angegriffen und einer davon verprügelt; laut YNET soll einer von ihnen „Allahu Akbar“ gerufen haben (der übliche Ruf vor Terrorangriffen), der Kontext ist allerdings unklar. In Dimona, einer Stadt, in welcher neben Juden auch Beduinen mit israelischem Pass leben, verletzte ein jüdischer Mann mit einem Messer vier Beduinen, zwei davon offenbar schwer. Die Familie des einen weigerte sich, die Tat ausführlich zu kommentieren, um die Atmosphäre „nicht aufzuheizen“(Zitat).


Was kann ich sagen? Das Fazit ist noch lange nicht gesprochen, für Bilanzen ist es noch zu früh. Welche Forderungen der „Siedlerbewegung“ werden erfüllt werden, welche davon haben keinen Anteil an der Entscheidung der Regierung zu ihrer Verhaltensweise gegenüber dem Terror? Ich weiß es nicht und kann leider keine Prognosen anstellen. Heutzutage kann ich nicht einmal sagen, dass das „Bau-Credo“ der Siedlerbewegung für Judäa und Samaria einen Fortschritt für diese einbringt, wenn es keine offizielle Verstaatlichung von ganz Judäa und Samaria mit sich führt.  Eine Verstaatlichung – Annexion – Eingliederung dieser Regionen würde zumindest schon einmal die Hoffnung der Gegenseite und ihrer Wortführer ersticken, die jüdische Bevölkerung von diesem Fleck Land vertreiben und das Land unter sich aufteilen zu können. Eine Hoffnung, die jeder mit sich führt, der israelische Juden angreift und terrorisiert. Diese Hoffnung wird genährt von der Propaganda der eigenen arabischen Führungskräfte, welche sie seit 1921 und bis heute führen. Sie wird aber auch genährt von der israelischen Gesellschaft, welches nicht eindeutig bereit ist, zu sagen, was sie als ihr Land erachtet und was nicht. Das Ergebnis dieses Mangels an Entschlossenheit, Unklarheit über die eigenen Ziele und Wünsche ist der fast 50-jährige Status Quo der Militärherrschaft in Judäa und Samaria – und alles, was daraus folgt – , unter anderem jeder der bisherigen Gewaltaufstände der Araber in Israel. Vieles hat sich die israelische Politik und Gesellschaft selbst zuzuschreiben – allerdings in anderer Weise, als es heute in der Medienwelt dargestellt wird.

Die Frage ist, gerade in solchen brenzligen Tagen – werden wir die Gelegenheiten, die sich ergeben werden, nutzen, und wenn ja – wie?

„Mein Baby schrie“ – Bericht

Unsere Nachrichten sind in den letzten Tagen erstaunlicherweise voll. Voll von Meldungen ueber Gewaltakte in Judäa und Samaria. Von Steinwürfen, Brandbomben, Schüssen hier und dort, auch in Jerusalem und auch in Lod – einer Stadt mit gemischter arabsich-jüdischer Bevölkerung, weit weg von jeder gruenen oder sonstigen Linie.
Mit einem Mal sind Berichte über arabischen Terror gegenüber Juden „populär“ geworden. Dafür hat es vier grausige Morde innerhalb der letzten 2 Tage gebraucht. Was sonst regelmäßig übergangen und interessenlos zur Behandlung an die Sicherheitskräfte übergeben wird, bekommt auf einmal Namen. Wohlbemerkt, in der israelischen Presse, nicht in der internationalen.

Ich möchte mit euch einen Bericht von Erica Chernovsky teilen.  Sie wurde vor einigen Tagen von Steinewerfern in Gush Etzion angegriffen, und hat das Erlebnis niedergeschrieben. Auf Englisch.

http://blogs.timesofisrael.com/suddenly-i-heard-my-children-scream/

Die Regionalverwaltung warnt…

Die Nachrichten (zumindest in Israel) berichten schon über eine Woche von vermehrten Zusammenstößen von gewalttätigen arabischen Randalierern in Jerusalem mit Sicherheitskräften und ziviler Bevölkerung – auf den Verkehrsstraßen, in der Altstadt, auf dem Tempelberg. Der Tod von Alexander Levlowitz am 13.09.15 (Neujahrsabend) konnte der Bevölkerung nicht entgehen. Seit diesem sind in und um die Hauptstadt herum noch viele Steine und Brandbombencocktails durch die Luft gesaust. Sprich, dass die Lage in Jerusalem angespannter ist, als sie vor Kurzem noch gewesen ist, sollte eindeutig sein.

Ab und zu tauchen Meldungen oder zitierte Aussagen hochrangiger Sicherheitsvertreter auf, welche auf eine „Aufheizung der Stimmung“ auch in den Gebieten von Judäa und Samaria hinweisen. Zwar kann man dort keinen Tag lang von einer „Entspannung“ sprechen, dennoch scheint die Gewaltwelle auch um uns keinen Umweg zu machen. Selten tauchen in den traditionellen israelischen Medien Meldungen zu Unruhen und Attentatsversuchen  in Judäa und Samaria auf – seltener, als diese tatsächlich stattfinden. Nicht jeder Angriff auf einen Kontrollposten, auf einen Soldaten, nicht jeder Stein- oder Brandbombenwurf auf ein vorbeifahrendes Zivilauto werden dokumentliert. Internetplattformen und sog.“neue Medien“ wie 0404.co.il, Facebook, aber auch die lokal vertretenen Kanäle mit eher religiös oder konservativ gerichteten Zielgruppe, so die Seite INN.co.il, informieren mal mehr, mal weniger über die Vorkommnisse.

Aus meiner diesjährigen Arbeit beim Sicherheits- und Überwachungszentrum des Regionalbezirkes Efrat weiß ich um die Häufigkeit der „gewohnten“ Vorfälle  – Steinwürfe, Brandbomben, verdächtige Personen, und die dadurch verursachten Einsätze von Sicherheitskräften. Es ist für diese kaum möglich, zur Echtzeit die Täter, wenn über diese von einem Zivilisten berichtet wird, zu ergreifen und festzunehmen. Die Meldung, die am Meisten per Funk übermittelt wird nach einem erneuten Einsatz an Ort und Stelle eines Steinwurfes, eines gezündelten Brandes u.ä. – „keine Befunde“. Erst bei speziellen Nachtdurchsuchungen oder Recherche durch armeeinterne Nachrichtendienste können manche der Täter aufgefunden werden, aber auch da ist die Effizienz nicht immer hoch, da die Indizien fehlen, und die Familien bzw. die Bewohner der arabischen Siedlungen die Betreffenden nicht freiwillig herausgeben.  Zurück bleiben dann zerschmetterte Fensterscheiben, abgefackelte Wälder, angebrannte Autos und ein ständiges Gefühl, mit einer anderen Realität wäre so bald nicht zu rechnen.

Wie dem auch sei. Am Freitagmorgen schickte der Vorsitzende Davidi Perl im Namen der Regionalverwaltung an die Bewohner von Gush Etzion eine Mail mit dem folgenden Inhalt:

„In den letzten Wochen erleben wir einen fühlbaren Anstieg von Terrorakten in Gush Etzion. Steinwürfe, Brandbomben und Attentatsversuche ereignen sich tagtäglich. Viele Terrorhandlungen, die nur durch ein Wunder bisher keine Opfer brachten.

Die Vorkommnisse, die sich bei uns ereignen, sind Teil abgestimmter und geplanter Aktionen, welche dazu dienen, Schaden anzurichten und die Regionen von Judäa, Samaria und Jerusalem aufzuheizen. Das soll natürlich keinen Trost darstellen, und die Regionalverwaltung ist unermüdlich aktiv in ihrer Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbeauftragten, um eine Truppenverstärkung und einen kompromisslosen Kampf gegen die Terroristen zu erwirken. Ein jeder von Ihnen ist in diesen Tagen gefordert, doppelte Vorsicht walten zu lassen und wachsam zu sein. Es ist sehr wichtig, dass diejenigen der Einwohner, die ihren Wagen noch nicht geschützt haben, dies umgehend tun. Es kostet kein Geld und rettet Leben!

Auf das wir mit Gottes Willen bald Frieden und Gutes erleben werden. „

Etwas von mir: In meinem Alltag, der sich momentan rund um Alon Shvut dreht, erlebe ich momentan keine Unruhen oder Gewalt. Mir geht es gut, und das oben Geschriebene sollte dennoch niemanden stören, hierher zu kommen, insbesondere, wenn jetzt die Sukkot-Feiertage anfangen und ganz Israel zum Wandern und Picknicken aufbricht. In allen Siedlungen hört man bis spät in die Nacht ein Hämmern und Herumwerkeln – die Männer und Jungen (zumeist) arbeiten an den „Laubhütten“ für das Laubhütten (Sukkot-)-Fest, welches am Sonntagabend beginnen wird. Die Bilder werde ich mit euch noch teilen.

Wünsche allen eine gute Zeit und viel Ruhe.

Chaya

Status-Update Jerusalem

Etwas off-topic, da ich im Blog generell nicht das Thema Jerusalem behandle (mögen die Stadtteile Gilo, Har Homa, Armon Hanatziv, die Jerusalemer Altstadt  und etwaige andere noch so sehr von außenstehenden Betrachtern zu „Siedlungsgebieten“ erklärt werden. Im Unterschied zu Judäa und Samaria wurde Jerusalem wurde offiziell annektiert, und für meine Betrachtung reicht das israelische Recht aus, um dies als völlig geltend zu betrachten).

In den letzten Tagen und Wochen ist der gewalttätige Terror seitens arabischer Bewohner (mehrheitlich junger Männer) der von Arabern bevölkerten Jerusalemer Stadtteile gegen Juden in der Stadt stärker zu spüren geworden. Dazu gehören nicht nur Auseinandersetzungen mit der Polizei, Stein- und Brandbombenwürfe auf dem Tempelberg in der Jerusalemer Altstadt (wohl, um die „muslimische Heiligkeit“ dieses Ortes noch mehr zu verstärken, dafür sind Waffen und Kämpfe wohl das beste Mittel, gell?). Dazu gehören auch das Attentat auf den Israeli Alexander Levlowitz sel.A., der am Rosh Hashana-Abend (13.09) von einem Steinwurf und dem darauffolgenden Unfall getötet wurde – auf einer Straße im Jerusalemer Armon Hanatziv-Viertel. Dazu gehören Brandattacken auf jüdische Gärten in den Randbezirken Jerusalems, Steinwürfe gegen Feuerwehrautos, Steinwürfe gegen Fahrer, so wie während des Yom-Kippur-Fastentags (23.09) in Jerusalem, und anderes mehr. Viele dieser Meldungen werden kurz in einer Zusammenfassung durchgegeben und dann wieder unsichtbar gemacht. Die Nachrichtenseiten wollen – per Anordnung von oben oder durch eigene Linie – die Aufmerksamkeit des Bürgers nicht auf diese Vorgehen lenken.

Eine schwarze islamische Flagge mit ungemeiner Ähnlichkeit zu den IS-Fahnen, an einem Fenster der Jerusalemer Altstadt.
Eine schwarze islamische Flagge mit ungemeiner Ähnlichkeit zu den IS-Fahnen, an einem Fenster der Jerusalemer Altstadt.

Zu diesem Thema teile ich einige prägnante Zitate aus einem Beitrag von Anke Hernroth-Rothstein, Israel Hayom 17.09.15, übersetzt von Herbert (heplev). Sie treffen den Nagel auf den Kopf, mehr als es lieb ist:

Meine Freunde sagten mir, ich solle nicht alleine durch Jabel Mukaber gehen, aber ich machte es trotzdem. Nicht, weil ich übermütig bin, nicht um wie ein Depp zu handeln, sondern weil ich nicht akzeptieren konnte, dass sich einen Personenschützer brauchen, nur um von einem Abendessen nach Hause zu gehen. Die von mir und uns, den Juden, die die Straßen Jerusalems zu Fuß entlang gehen, getroffenen Vorsichtsmaßnahmen sind bereits zu zahlreich und zu akzeptiert; sie verwandeln langsam in Normalität, was alles andere sein sollte. Während viele Länder und viele Städte Gegenden haben, die man nicht unbedingt betreten sollte, ist Jerusalem einzigartig: Wir haben Gegenden, in die Juden nicht gehen können ohne ihr Leben zu riskieren, während unsere Angreifer solchen Einschränkungen nicht unterliegen. Was ihrs ist, ist ihrs und was unser ist, ist auch ihres. (…)

Ein zehnminütiger Fußmarsch sollte kein Statement sein, genauso wenig wie auf dem Tempelberg zu beten kein Aktivismus sein sollte. Aber sie sind es und wir gestatten ihnen das zu sein, wobei wir vergessen, dass Menschenrechte auch für Juden gelten (….).

Ein Mann starb diese Woche, wie andere vor ihm, durch die Hände des Terrorismus und Selbstgefälligkeit. Weil Terrorismus nicht nur der Anschlag ist; er ist auch das Hinterher, das zu einem rutschigen Hang von der Normalität zur Anpassung wird. Die Normalität aufzugeben bedeutet das Leben aufzugeben und die Freiheit zu beeinträchtigen, um einen Krieg zu vermeiden, bedeutet, dass man sich bereits in einem solchen befindet und ein endloses Spiel Nachziehens spielt, um das eigene Leben zu retten.