In diesem Jahr, Sommer 2015, sind es 10 Jahre seit dem Abzug der israelischen Armee aus dem Gazastreifen und dem Norden Samarias, der Räumung und Zerstörung von 21 israelischen Wohnorten und der Vertreibung der gesamten jüdischen Bevölkerung aus dem Siedlungsblock Gush Katif. Seit September 2005, als die israelische Armee im Auftrag der Regierung die letzten Häuser zerstörte und die letzten Gräber ins Kernland überführte, schlossen sich die Grenzübergänge von Gush Katif und dem Gazastreifen bis auf Weiteres, und von nun an war es keinem jüdischen Zivilisten israelischer Staatsbürgerschaft mehr erlaubt, auch nur einen Fuß in diesen Ort zu setzen. 38 Jahre israelische Präsenz und 25 Jahre Blütezeit des Küstenstreifens waren somit zu einem Ende gekommen.
Neve Dkalim. Quelle: Gush Katif Centre/Orit Arfa.
Der einseitige Abzugsplan zugunsten einer „Friedensgeste“ gegenüber der palästinensischen Fatah, welcher der israelischen Öffentlichkeit schon im Jahr 2003 von Premierminister Ariel Sharon bekannt gemacht wurde, wurde scheinbar durch gänzlich demokratische Mittel legitimiert und schließlich mit dem Einverständnis der Regierung durchgeführt – so kennen wir die Geschichte, und so wurde sie auch in den Medien rund um die Welt dargestellt – erst recht, heute, 10 Jahre später.
Wer aber spricht heute im Ausland von den Demonstrationen, die das Land zwei Jahre lang erbeben ließen, von den öffentlichen Streiks, von Pressekampagnen, von den landesweiten Protestmärschen, den Warnungen führender Persönlichkeiten im Militär und in der Regierung vor dem irrwitzigen Plan, den Korruptionsaffären um die Familie des Premierministers und den seltsamen Entlassungen widerspenstiger Politiker – alles kurz vor der entscheidenden Knesset-Sitzung, die den Plan entgültig bestätigen oder aber verwerfen sollte?
Wer erinnert sich an die Volksabstimmung innerhalb der Wähler der Regierungspartei LIKUD, von welchen über 60% gegen die Räumung und Vertreibung von über 8000 Menschen stimmten?
Quelle: My Israel, Facebook
10 Jahre ist es her, seit tausende Israelis ihr Heim, ihre Arbeit, ihren Besitz und ihre Heimat verloren, und das nicht etwa durch feindliche Einsatzkräfte, sondern durch die Hände ihrer eigenen Regierung und Armee. Die israelische Presse widmet sich in diesem Jahr verstärkt den Geschichten, Erlebnissen und Entwicklungen hinter den Ereignissen im Sommer 2005, welche eins der bedeutendsten Traumas in der Geschichte des modernen Israels darstellen. Ereignisse, die den Ausschlag gegeben haben für den Aufstieg der Hamas-Terrordiktatur im Gazastreifen, 3 blutigen Militäroperationen, tausenden von Toten und Verletzten auf israelischer und palästinensischer Seite, einer Destabilisierung des israelischen Südens und seiner Zivilbevölkerung und der unmittelbaren Bedrohung für hunderte israelische Ortschaften durch Raketen – von Beer Sheva und bis nach Jerusalem und Tel Aviv.
Kfar Darom nach der Zerstörung. Quelle: Gush Katif Centre/Orit Arfa.
Hinter dem Gaza-Abzug, wie er politisch korrekt betitelt wird – oder der Vertreibung und Ausweisung der Bewohner von Gush Katif, wie er von den Betroffenen genannt wird, stehen Einzelschicksale, aber auch nationale und politische Entwicklungen, und sie zeigen auf das Wesen der israelischen Gesellschaft in all ihrer Komplexität. Der Schmerz der Vertriebenen, von welchen auch 10 Jahre danach weitaus nicht alle ein festes
Kfar Darom nach der Zerstörung. Quelle: Gush Katif Centre/Orit Arfa.
Dach über dem Kopf bekommen haben und noch immer unter einer hohen Arbeitslosigkeitquote leiden, beschränkt sich nicht nur auf den Verlust von Haus, Gemeinschaft und Land. Die Fassungslosigkeit, die die Menschen noch immer in sich tragen und bis heute nicht immer in der Lage sind, zu artikulieren, rührt von der Tatsache her, dass das Erlebte durch den eigenen Staat vollbracht wurde.
Die Vertreibung aus Gush Katif und Nordsamaria ist nicht nur ein Schlag ins Gesicht für die zionistische Ideologie, sondern markiert auch einen gewaltigen Vertrauensbruch mit der eigenen Führung, das Ende einer Ära der ideologischen Naivität.
In den folgenden Tagen werde ich dem 10.Jahrestag der Räumung und Vertreibung einige Beiträge widmen, um für euch dieses Thema so zugänglich wie möglich zu machen. Hierzu werden von mir Interviews mit ehemaligen Bewohnern Gush Katifs, Zeitungsberichte, Fotoarchive, Filme, Literatur und Gespräche mit involvierten Personen als Material zur Zusammenstellung dieser „Thementage“ dienen.
Ich wünsche ein spannendes Lesen und respektvolle, gedankenanregende Diskussionen.
Kinderreiche Familien. Etwas, was ich bisher nur in Israel kennengelernt habe. Ja, es gab bei uns in der lokalen Gemeinde in Köln einen Rabbiner mit ganzen 8 (dann 9, 10, 11, 12) Kindern. Aber dieser war dann auch der Einzige in der Umgebung, und niemand konnte sich an ihm messen. Er war und blieb ein Familienphänomen und fernab allem Gewöhnlichen. Für mich als Einzelkind eines alleinerziehenden Elternteils waren schon drei Geschwister eine bemerkenswerte Erscheinung, die es sich zu studieren lohnte. Das war in Deutschland.
Hier in Israel war und bleibt alles ganz anders – und noch immer etwas nicht ganz Nachvollziehbares für mich. Hier heißen kinderreiche Familien „kindergesegnet“, und ein berühmter Satz, ich weiß gar nicht mehr, aus welcher alten Fernsehserie er stammen soll, heißt „Kinder bedeuten Freude“. Meist nutzt man ihn hier zum Spaß, wenn der Nachwuchs mal wieder furchtbares Chaos veranstaltet oder lärmt oder sonstwie bemerkbar wird. Aber ob es dabei bleibt? Weit gefehlt. Kindergesegnete Familien sind hier eine gewohnte Erscheinung, und nein, nicht nur bei den „Ultraorthodoxen“, also dem Stereotypenbild des Durchschnittseuropäers von einem religiösen Juden – dem mit dem schwarzen Hut, langem Bart, Frack und Frau mit langem Rock und Babybauch hintendran.
In allem macht sich die Kinderliebe bemerkbar – in den Unmengen an Freizeitangeboten für Kinder, in den großen Familienpackungen im Supermarkt für praktisch alles, in der Beliebtheit von Vielzimmerwohnungen und großen Häusern mit Garten, in der seltenen Haltung von Haustieren (wer will Katze und Hund, wenn man schon 5 Kinder hat?)…
Quelle: peopleil.org.il
Natürlich ist ein solcher Ort für alljährlichen Babyboom die Siedlungen. Hier lebt das nationalreligiöse Kontingent – sprich, gläubige Juden aller Farben und Ausrichtungen, die den Zionismus, den jüdischen Glauben und den Staat hochschätzen. Und auch Kinder schätzen sie sehr. Siedlungen sind Bastionen für Nachwuchs jeder Altersstufe, sie strotzen nur so vor Kindergärten, Schulen, Internaten, Freizeitangeboten, Jugendgruppen, Spielplätzen und anderem mehr. Junge Erwachsene, sofern nicht verheiratet, dürften bisweilen wohl von einem Leben in einer Siedlung irgendwo in den Bergen gelangweilt sein; für Eltern mit Kindern ist so ein Ort ideal. Kinder werden nicht geplant. Sie kommen, und wie und wann sie kommen, das entscheiden Gott und die Biologie, und wenn sie kommen, dann sind sie herzlich willkommen. Jeder bekommt irgendeinen originellen Namen verpasst – bei den nationalreligiösen Juden sind Namen mit viel Bedeutung, Neuschöpfungen und bis dato ungenutzte Namen aus den Heiligen Schriften sehr beliebt -, jeder wird getätschelt, geliebt, von Kleinkindalter bis zur Armee oder Heirat von allen Nachbarn gekannt und begutachtet. Kindererziehung in Siedlungen ist vielfältig, angereichert mit viel Zuwendung und Hingabe zu jedem Einzelnen, es gibt viele Angebote für diejenigen Sprosse, die sich nicht an das reguläre Erziehungssystem anpassen, Konzentrationsschwächen oder Übeschuss an Energie haben (und davon gibt es sehr, sehr viele!).
Aber dennoch ist die Herangehensweise standartisiert, und mächtig anders als die, die ich in meiner Kindheit erleben durfte. Und hier gibt es dann jedes Mal einen kleinen Kulturschock für mich, wenn ich von einem intensiven Austausch in einer solchen Familie irgendwo zurückkomme.
Dieses Wochenende war ich bei meinem Studiumskollegen Me’ir in einem kleinen Ort namens Bet Haggai in Judäa, südlicher der Stadt Hevron. Er und seine Frau Adi haben, sollen sie bloß gesund sein, 9 Kinder, der letzte ist erst vor Kurzem geboren worden. Den ganzen Shabbat habe ich bei ihnen zugebracht, und natürlich waren alle Kinder um mich herum, und sie waren alles andere als ruhig, entspannt oder, nennen wir es, behutsam. Es gibt Familien, da haben die Geschwister mehrere Jahre Altersunterschied. Es gibt auch Paare, die bevorzugen es, jung zu heiraten und Kinder im frühen Alter und schnell nacheinander auf die Welt kommen zu lassen – somit sparen sie sich die Mühe der Kindererziehung im späten Alter, und haben noch viel Energie übrig.
Wir kamen auf Kindererziehung zu sprechen, wobei ich mir vorkam, als würde ich die arme Frau mit Fragen durchlöchern und von ihr Antworten erwarten, die ihr ganz selbstverständlich schienen. Ich konnte es aber einfach nicht lassen, für all das eine Erklärung zu verlangen, was mir neu und unerwartet schien. Wie gesagt, mein familiärer Hintergrund ist komplett anders, und in nichts vergleichbar. Wie könnte ich da nicht fragen?
Foto: Yossi
Also erzählte mir Adi, wie sie zu den Namen der Kinder kamen: Jedes Kind habe seine spezielle Geschichte zum Namen, und obwohl es üblich ist, dass die Mutter den Namen entscheidet, sprachen die beiden sich gemeinsam ab.
Ob es gewollt gewesen war, dass die Kinder nicht mehr als anderthalb-zwei Jahre Altersunterschied untereinander hätten: Auf Kinder zu verzichten und das als Argument zu nutzen wäre eben das Einfachste, was viele tun würden, und sie würden auf etwas anderes verzichten – Luxus, Ruhe, Zeit – aber nicht auf Kinder.
Foto: Chaya Tal.
Warum sie ihre älteren Töchter nicht mit Jungs spielen lassen würde: Sie seien schon groß, und da wäre die Interaktion mit Mädchen und Jungen schon anders. Was getrennte Schulen anginge, sie selbst sei in einer gemischten Schule großgeworden und könne sich selbst nicht Unterricht nur für Mädchen bzw.nur für Jungen vorstellen, aber ihre Kinder kämen damit gut zurecht, und Statistiken bewiesen auch besseres Lernklimat und Lernqualität in getrennten Schulen.
Ich konnte auch die Dynamik im Haushalt beobachten. Ich habe schon viele kinderreiche Familien besucht, und jedes Mal ist die Dynamik anders, und sehr interessant. Je näher du dich der Familie fühlst, desto genauer schaust du hin und merkst die Beziehungen zwischen den Geschwistern, zwischen den Kindern und den Eltern, ihre Aufnahmefähigkeiten, ihre Offenheit bzw. ihre Charakterentwicklung und so vieles mehr.
Man kriegt immer Fotoalben vorgesetzt („hier war ich klein! Hier war meine Bat Mitzwa!“), Kinder stapeln sich praktisch um dich herum – der eine will mit dir spielen, die andere führt dich im Haus und in der Umgebung herum, der dritte erzählt dir alles über seine Legospielzeuge, und du wunderst dich, wie die Eltern mit dem Geschrei zurechtkommen. Bis dann die Eltern kommen, und ebenso schreien, dass es ruhig werden sollte. Der Geräuschpegel sinkt um ein Geringes, und die Mutter seufzt, wie es wieder unmöglich ist, und man nichts hört, und nicht zur Ruhe kommt. Ich denke mir gerade noch – ja, wieso wolltest du denn dann 9 Kinder haben? Aber schon sehe ich sie lachen, irgendeinen Kleinen umarmen, sich mit den anderen zwei unterhalten, und zwischen diesem und jenem sagt sie – sie machen so viel Spaß, die Kleinen, sie sind ein Völkchen für sich, ich liebe es.
Und wohlbemerkt, das Ganze geht schon über ein Jahrzehnt so. Für mich unvorstellbar, für sie ganz normale Realität. In der Familie haben sie nicht nur Großeltern, sondern sogar Ur- und Ur-Ur-Großeltern! Das passiert, wenn man Generation für Generation mit 19 Jahren heiratet. Ich war so erstaunt, ich konnte es zunächst gar nicht glauben.
Die älteren Mädels werden dazu beordert, auf die Kleinen aufzupassen, wenn die Eltern schlafen. Damit es nicht langweilig wird, kommen diese eine ganze Horde Freundinnen besuchen, und alle sitzen gemeinsam im Mädchenzimmer und tratschen und spielen stundenlang. Die Kleinen haben Ausgehzeiten. Von wegen Dorfluft und freies Leben – auch hier will man nicht, dass die Kinder lange außer Haus bleiben, wohl mehr aus Prestige heraus als aus irgendeiner anderen Sorge.
Vor Shabbat-Eingang segnen die Eltern jedes ihrer Kinder, nach jedem Segen küsst das Kind die Hand der Eltern – das verschafft Respekt und Elternachtung.
Das Neugeborene ist natürlich das beliebteste Spielzeug aller, und fast jeder der älteren Geschwister weiß, wie man es hält, dass es nicht schreit, wie man es streichelt, wie man es wiegt, selbstverständlich auch der Vater. Babysache ist auch Männersache. Und wenn der fünfjährige Bruder den Dreijährigen abfragt, wie denn wohl die Tiere im Bilderbuch heißen, schweige ich voller Bewunderung und höre ihnen zu…
Quelle: peopleil.org.il
Bei allen Feierlichkeiten sind die Kinder dabei, es wird begrüßt, dass sie in die Synagoge gehen (wobei junge Mädchen das eher seltener tun). Gekleidet sind alle mehr oder weniger im selben Stil – bunte Kleider und Röcke, viele Stickmuster und Spitzen und Blumen und darunter ellenbogenlange Shirts (manche auch nur schulterverdeckt) bei Mädchen, Sporthosen, Stoffhosen, Jeans und
Foto: Chaya Tal
T-Shirts oder Hemden und Sportschuhe bei Jungs. Viele Farben, meist bunt durcheinander, öfter mal auch nicht zusammengehörende Kleidungsstücke wie Turnschuhe und Festkleider, weiße Hemden und Sandalen…Immer endlos viel Wäsche in und um die Waschmaschine herum, Spielzeuge und Kinderbücher in jeder Ecke, und man denke bloß nicht, dass jemand sich die Mühe macht, Schuhe daheim auszuziehen…
Und es gibt noch viele andere, minimale alltägliche Aspekte, die mich staunen lassen: über die Ausdauer der Eltern, die Ausdauer der Kinder, und der Glauben dahinter.
Als Mensch gänzlich ohne Erfahrung mit Großfamilien, kann ich mir nicht vorstellen, wie man sich bei solch eine Anzahl von Menschen im Haushalt jedem individuell widmen kann, für jeden Zeit und Verständnis finden kann, wie man die Persönlichkeiten zu beobachten und zu entwickeln schafft. Ich habe das Gefühl, als käme bei der Massenerziehung von Kindern der persönliche Bezug und die Vertiefung in die Welt der Kinder zu kurz. Aber die Zeit vergeht, aus den Kindern wachsen gesunde, selbstbewusste, sicher innerhalb
Quelle: Gush Etzion Tourist Association
der Gesellschaft stehende, moralisch hohe, zufriedene und frohe junge Menschen heran, die nicht bis zum 30. oder 40.Lebensjahr auf Selbstsuche sind oder sich Drogen, Alkohol und sonstigen „Zeitvertreiben“ widmen, sondern ihrerseits früh heiraten, Familien gründen, diese liebevoll umsorgen und darunter noch Zeit fürs Lernen, fürs Arbeiten, für sozialen Aktivismus finden. Sie bauen Häuser, gehen wandern, dienen in der Armee, sorgen für Kinder und Gemeinde…. und der Kreis geht von vorne los.
Ich merke, ich habe noch viel zu tun, wenn ich diese Gesellschaft tatsächlich in ihrem Inneren kennenlernen will. Sie ist mir lieb und teuer, aber noch immer etwas fremd.
Im ersten Teil des Beitrags habe ich über die besonderen Aspekte der Sicherheitslage von Siedlungen in Judäa und Samaria berichtet. Nun geht es um den Ernstfall – wenn ein Alarm ertönt.
Zunächst einmal eine persönliche Geschichte dazu:
Wo liegt Tal Menasche?
Vor etwa einem Jahr war ich bei einer Familie in der Siedlung Tal Menasche im Norden Samarias übers Wochenende eingeladen. Es war Freitagabend, wir versammelten uns alle um den Shabbat-Tisch und waren schon mitten im Abendessen, da erklang auf einmal eine Sirene, aus einem alten, scheinbar sinnlos im Flur liegenden Walkie-Talkie tönten Rauschen und Stimmen. Ich verstand nichts, sprang aber mit allen anderen auf. Einige Minuten später klopfte es auch an die Eingangstür, die Eltern fragten kurz nach und der älteste Sohn der Familie in voller Montur – Armee-Schutzweste, Helm und Gewehr – stand im Wohnzimmer. Ich war relativ sprachlos – wann sieht man sonst einen Offizier in Armeekleidung und am Telefon mitten am traditionellen jüdischen Ruhetag in ein Wohnhaus hineinkommen. Was war geschehen?
Der Mann währenddessen breitete auf dem Esstisch eine Karte aus, bückte sich gemeinsam mit seiner festlich gekleideten Mutter über die Karte und begann, auf einige Straßen und Häuser zu zeigen. Sie unterhielten sich angeregt, holten dann eine Liste und ein weiteres Telefon hervor und begannen, Anrufe zu tätigen. Das alles wurde von Stimmen aus dem Walkie-Talkie begleitet.
Ich bekam schnell meine Erklärung für das Geschehen. Die Sirene, und auch die Ansagen über das Funkgerät bedeuteten Alarm – Verdacht auf unmittelbares Eindringen in die Siedlung. Der Sohn in Offizierskleidung war ehemaliger Offizier im Reservedienst und in der Siedlung der Einsatzleiter des zivilen Notrufkommandos, welches bei Verdacht auf terroristische Tätigkeiten für den Schutz der Bewohner verantwortlich ist, bevor Spezialkräfte zum Tatort gelangen und den Einsatz übernehmen können. Die Hausfrau war u.a. verantwortlich für einen Teil der Koordinierung der Kräfte innerhalb der Siedlung und hatte die Adressen und Daten aller relevanter Ansprechpartner.
Da ich zum Zeitpunkt des Geschehens selbst in der Armee war (aber nicht in einer Kampfeinheit), erklärte ich mich bereit, das Notrufkommando, alles Familienväter mit Armeeausrüstung, zu begleiten und bei einer Mutter mit ihren Kindern im Haus Wache zu schieben, da sich diese nicht mit solchen Situationen auskannte und alleine mit den Kindern im Haus war. Auf den Straßen liefen Soldaten und die Einsatzleute umher, die Armee war schon angekommen und fahndete nach dem möglichen Eindringling. Im Haus der Frau schloss ich alle Fenster und Türen und blieb mit dem Kommando per Telefon in Verbindung, um zu wissen, wann der Einsatz vorbei wäre.
Das Ganze entpuppte sich nach etwa einer Dreiviertelstunde als ein Fehlalarm – ein Gastjunge hatte versehentlich an einer falschen Tür geklopft und war wohl danach geflüchtet, um nicht erkannt zu werden, und wurde so für einen Terroristen gehalten. Um 1 Uhr nachts war alles vorbei. Ich bekam an diesem Abend aber eine eindrucksvolle Demonstration der Bereitschaft aller Beteiligten und die Ernsthaftigkeit, mit welcher eine Gefahr für die Bewohner wahrgenommen worden ist.
Was bedeutet es, einen „Alarm in der Siedlung“ zu haben?
Schon mehrere Jahre ist es her, dass das Sicherheitskonzept der Vorwarnung für jüdische Einwohner in Judäa und Samaria durch Sirenen und Anrufe/mobile Nachrichten ausgearbeitet worden ist. Dieses System ist durch die Zusammenarbeit mit der Armee sowie mit der zivilen Verwaltung entstanden, um die Sicherheit in den Siedlungen zu erhöhen. Ein Alarm wird demnach ausgelöst, sobald eine Meldung von der Armee oder bei der Sicherheitszentrale in einem Ort beispielsweise über Kameras eingeht, die auf ein Eindringen von Terroristen in die Siedlung bzw. die Annäherung Verdächtiger an den Siedlungszaun hinweist. Ein solcher Alarm richtet sich an die Bewohner und der Code, der dabei durch zentrale Lautsprecher ausgerufen wird bzw. die Klangsequenz, die abgespielt wird, sind allen durchgehend bekannt. Die Anweisungen beim Hören der Sirene oder seit neuester Zeit auch nach dem Eingehen einer SMS mit entsprechendem Inhalt sind klar:
Alle Bewohner haben sich umgehend in ihre Häuser oder andere verschließbare Räume zu begeben, diese zu schließen, bei Abend- oder Nachtzeit das Licht auszuschalten und auf weitere Anweisungen zu warten. Bis auf Weiteres darf niemand das Haus verlassen, bis die Warnung aufgehoben wird.
Für das Notrufkommando, eine Einheit von mehreren (männlichen) Einwohnern der Siedlung, meist Reservesoldaten, welche ihre Notausrüstung (Schutzhelme und -westen, Gewehre, Munition, Funkgeräte), bedeutet der Alarm höchste Einsatzbereitschaft. Die Mitglieder dieser freiwilligen Einheit müssen Tag und Nacht erreichbar sein, um als Erste den Einsatz gegen potenzielle Gefahren zu führen, bevor Spezialkräfte – Armee, Polizei, Notdienst – vor Ort sein und die Aufgabe übernehmen können. Das Bereitschaftskommando, wie es sich auch auf Hebräisch, existiert in jeder Siedlung in verschiedener Größenordnung, und ist direkt mit der Armeeeinsatzzentrale und anderen Hilfskräften verbunden.
Zurück zum Alarm. Es gibt verschiedene Alarm-Abstufungen von 1 – 3, wobei bei den ersten beiden Stufen die zivile Bevölkerung nicht belangt wird – so wie die Fahnung und Festnahme von organisierten Gruppen, die auf dem Weg zu einem Terroranschlag sind und möglicherweise in die Nähe einer Siedlung gelangen können, eine Warnung von einem möglichen Zeitpunkt, wann ein Einzelner oder eine Gruppe einen Anschlag planen und desweiteren mehr. Die dritte und letzte Stufe ist der direkte Verdacht auf das Eindringen über den Zaun oder die nicht umzäunte Ortsgrenze in die Siedlung hinein – sei es nun mit der Absicht, zu stehlen, oder zu töten. Der Alarm ertönt sowohl tags- als auch nachtsüber.
Von wem wird er ausgelöst? Es kann der ganz normale Wächter sein, der auf den Bildschirmen der Kameras an einigen Zaunpunkten plötzlich unerwartete Gestalten entdeckt, die sich am Zaun zu schaffen machen; es kann ein verdächtiges Auto am Zaunrand sein, oder Menschen, die sich zu einer ungewohnten Zeit auf einem Feld oder über einen Berghang in Richtung einer Siedlung bewegen; es können die Nachrichtendienste der Armee oder der Polizei sein oder einzelne Zivilisten, die eine verdächtige Beobachtung weiterleiten, damit diese geprüft wird.
Nicht immer hat es dieses Warnsystem gegeben; wie immer ist auch dieses auf bitteren Erfahrungen erbaut und ausgearbeitet worden, und nicht immer schützt es vor Tragödien – wie im Falle der Familie Fogel aus Itamar, deren fünf Familienmitglieder – Eltern und Kinder – im März 2011 von zwei in die Siedlung eingedrungenen Terroristen brutal in ihrem Haus ermordet wurden.
Auch in Alon Shevut, meiner Siedlung, hat es Fälle gegeben, in welchen der besagte Alarm ausgelöst worden ist. Vor etwa einem Monat wurde eine Gruppe Verdächtiger durch die Überwachungskameras gesichtet, die versuchten, auf den Ortszaun zu klettern. Die Einsatzkräfte, die nach Erhalten der Meldung zum Tatort stürzten, konnten die Gruppe vertreiben.
→ Über das Alarmsystem und seine Bedeutung klärten mich der Sicherheitsbeauftragte der Regionalverwaltung Gush Etzion, Pinhas Hershler, und Oberstleutnant (RD) A.Szanton auf.
Shimon Zukerman ist ein guter Bekannter von mir, aber auch als Verwaltungsvorsitzender der Siedlung Kfar Eldad im Osten Gush Etzions tätig. Er ist in Belgien geboren und lebt mit seiner Familie in Judäa. Neben allen logistischen und sozialen Aufgaben, die er für die Einwohner der Siedlung bewältigen muss, muss sich Shimon Zukerman auch in den Sicherheitsfragen auskennen und die richtigen Beauftragten einstellen, die dann für alle Belangen der Einwohner und der Armee zu sorgen haben.
Hier liegt Kfar Eldad
Kfar Eldad ist ein kleiner Ort von etwas über 100 Familien, sowohl religiöser als auch sekulärer Ausrichtung, im Osten von Gush Etzion und am Rande der Judäischen Wüste. Er existiert seit Sommer 1994. Die nächstgrößte Siedlung ist Teko’a und die nächstgrößte Stadt Jerusalem. In den letzten Jahren mussten sich die Bewohner von Kfar Eldad mit zahlreichen Störungen seitens organisierter linksextremer Gruppen aus dem In- und Ausland auseinandersetzen, welche gemeinsam mit Gruppen lokaler Araber Demonstrationen, Provokationen und auch Zusammenstöße mit derArmee und den Bewohnern veranstalteten. Kfar Eldad ist umgeben von arabischen Kleinorten und die Schnellstraßen ins Zentrum von Gush Etzion sowie nach Jerusalem führen alle teilweise mitten durch diese. Sicherheit ist in den Augen von Shimon Zukerman ein zentraler Aspekt, aber er limitiert ihn nicht nur auf das Technische, sondern sieht die Ursprünge viel tiefer:
„Was hindert die Araber daran, uns anzugreifen? Die Abschreckung. Eine Abschreckungspolitik, die auf verschiedene Arten ausgeübt wird. So ist die Mentalität hier, so sind die Spielregeln im Nahen Osten.
Was dagegen führt dazu, dass jemand es wagt, auf einen Schutzzaun zu klettern? Ein Verlust des Kräftegleichgewichts. Das Schwinden der Abschreckung. Anzeichen von Schwäche. Das können ganz unterschiedliche Anzeichen sein, nicht unbedingt seitens der Armee. Es kann das Vermitteln von Furcht sein, Furcht auf unserer Seite.Wenn sie anfangen zu spüren, dass die Abschreckung schwächer wird, können sie es wagen, auf den Zaun zu klettern und anzugreifen. Das Gleichweicht wird gestört – wir werden nicht mehr als eine Kraft wahrgenommen, werden schwächer, und dadurch werden sie stärker.
Die Schwäche, sie liegt im Geist. Die Europäer, die hierher kommen – und meines Erachtens auch viele von uns – versuchen mit aller Kraft, die Realität hier zu vergewaltigen, ihr die abendländische Sicht- und Denkweise aufzuzwingen. Beispielsweise aller Arten von Anarchisten aus Schweden, die hier angelangen – sie wissen nicht, worauf sie sich einlassen. Die Mentalität des Nahen Ostens ist anders. Die Bevölkerung, die hier lebt, findet ihre Stärke im Glauben und in geistigen Werten. Dieser Glaube ist voller Lügen, und die Werte voller Gewalt, aber dennoch ist es ein Glaubens- und Wertesystem und von dort kommt die Stärke. Was kann man machen, der Islam ist eine Kultur der Macht. So wachsen die Menschen hier auf, sie atmen es mit jedem Atemzug. Wenn man beispielsweise auf der Straße bei Teko’a an einem Dorf vorbeifährt, kann man täglich sehen, wie Kinder geschlagen werden, in der Öffentlichkeit. Das ist die Kultur. Der muslimische Mann ist jemand, der Selbstbewusstsein hat, der stark, oder, wenn man will, mächtig ist, der die Richtung kennt.
Wenn man diese Sprache richt, dann kann man Beziehungen aufbauen. Ich weiß es und behaupte – wer am Besten mit den Arabern reden kann, im ganzen Land, das sind allein die Siedler. Denn sie verstehen, worum es geht, sie sprechen die Sprache. „
Der Gedenktag für die Gefallenen der israelischen Armee, der Sicherheitskräfte und der Terroropfer ist gekommen. Jedes Mal kommt er als eine zu erwartende, und unausweichliche Einleitung zu dem Geburtstag unseres Staates. Er bäumt sich vor uns auf wie ein großes, angsteinflößendes, schweres Eingangstor. Hinter ihm erkennt man einen dunklen Korridor, und an seinem Ende blinzelt mit angenehmen, hellen Strahlen der Ausgang entgegen – der gleichzeitig der Eingang in eine Festhalle ist, und in ihr findet man Freiheit, Unabhängigkeit, und Seelenruhe. *
Und ein jeder, der sich hier in unserem Staat befindet, ob bewusst oder unbewusst, muss diesen Korridor überwinden, um in die Halle einzutreten. Unsere Nation hat sich für diesen Gedenktag an einen interessanten Brauch gewöhnt – welcher nicht nur den Besuch auf den Friedhöfen, das Anzünden von Kerzen und das Vortragen von herzzerreißenden Reden beinhaltet. Nein, es gibt auch Gesang. „Wir singen und erinnern uns“ – nach diesem Motto veranstalten fast jede Gemeinde und jeder Ort ein Zusammentreffen an diesem Tag, und betont das Singen. Denn Gesang öffnet Herzen. Gesang verbindet. Er bring die Seele zum blühen, und auch wenn nur für einen kurzen Augenblick, so streckt der Gesang doch seine zarten Melodien wie Arme in einer liebenden Umarmung aus und versucht, die Lücke im Herzen zu überbrücken.
Was der Gesang noch macht, ist eine Verbindung zu schaffen zwischen Menschen, die mit dem Verlust eines Nahestehenden vertraut sind, und solchen, die das Gefühl nicht kennen. Ich bin unter den Letzteren. Ich habe schon einige dieser Gedenktage in den letzten Jahren seit meiner Einwanderung nach Israel erlebt, und obwohl ich auch im Ausland von dem Tag der Gefallenen sowie vom Unabhängigkeitstag gewusst habe, bin ich erst hier auf das Phänomen der gelebten jüdischen Kollektiverinnerung gestoßen. Ich befinde mich noch immer am Anfang der Verinnerlichung dieser Erscheinung. Und erst recht bin ich nicht dort angelangt, wo ich sagen kann, dass ich weiß, worum es eigentlich geht. Ich sehe die Trauernden, und spätestens seit dem letzten Krieg im Sommer hatte ich Angst vor dem Tag der Gefallenen, an welchem neue Namen aus dem letzten Krieg zu der Totenliste hinzugefügt werden würden. Dasselbe, was die Terroropfer angeht. Immer mehr und mehr Namen, und es scheint, es gäbe kein Entrinnen vor dem Eintragen von immer neuen Namen auf die Gedenktafeln.
Ich begehe den Gedenktag zusammen mit allen anderen, aber was mein persönliches Gefühl angeht, so empfinde ich häufig, als würde es alles ohne meine Beteiligung um mich herum geschehen, und ich sitze nur da und beobachte es. In den letzten Jahren habe ich verschiedene Arten von Veranstaltungen zum Thema besuchen können. In meiner Armeezeit, davor und danach. Jedes Mal war es eine andere Erfahrung, es gab viele neue Emotionen und ein großes Lernpotenzial. Und dennoch kann ich das Ganze nicht komplett verstehen – wie sehr das jüdische Volk mit seinem Blut mit dem Land verbunden ist, und inwiefern all diejenigen, die gekämpft haben und gefallen sind, zusammen ein einziges großes Puzzle des Landes zusammen stellen. Das berühmte „Silbertablett“ von Nathan Alterman ** – es ist genau das, was ich unter mir zu spüren meine, wenn ich Zeuge davon werde, was sich im Herzen dieser Nation am Tag der Gefallenen abspielt. Ich ruhe mich auf diesem Silbertablett aus. Ich möchte an allem teilhaben, ich danke Gott dafür, dass ich Verlust und Trauer nicht kenne, aber dann fühle ich mich – einsam? Falsch verbunden? Schuldig? Ja, wie denn eigentlich?
Ich bin neu in diesem Land, und dabei bin ich noch eine derjenigen Immigranten, die sich alle Tage immer wieder um eine vollständige Integration in der Gesellschaft bemüht, nie eine Gelegenheit verpassen will, wie „alle anderen“ zu sein. Doch in diesen Tagen fühle ich mich etwas außenstehend. Es tut mir weh, dass ich den Schmerz all der teuren, geliebten Menschen hier nicht entsprechend aufnehmen und mich auf ihn beziehen kann; all dieser Menschen, die einen Preis für das Leben in Israel bezahlen mussten. Ich würde gerne seelisch in der Lage sein, sie zu verstehen, und diese Einheit zu spüren, ohne dabei das Gefühl zu haben, hier auf eine Art „gratis“ zu weilen, keinen Preis für mein Dasein hier bezahlt zu haben. Denn ich naiver Mensch bin hierhin vor lauter Begeisterung über das Heilige Land gezogen, und sie, diejenigen, die zahlen mussten, kennen und lieben es aufrichtig.
Vielleicht ist meine Gedankenrichtung nicht richtig, und vielleicht sollte ich das Ganze noch einmal neu betrachten und analysieren, und die Sicht auf die Dinge revidieren. Aber dies ist momentan der spürbarste Verbindungspunkt, den ich zu diesem Tag habe – aus dem Wunsch heraus, den Schmerz des Verlustes von anderen zu verstehen, und dadurch vielleicht ihre Last etwas geringer werden zu lassen, auf geistiger und nationaler Ebene, wenn schon nicht auf einer praktischen.
Denn ich möchte, dass der Übergang vom dunklen Korridor in den Festsaal ein bisschen weniger angsteinflößend und schwer ist, und damit wir alle zum Fest der Unabhängigkeit mit einer wahren Hoffnung und Liebe in unseren Herzen gelangen.
In Judäa und Samaria, so wie in allen Orten Israels, werden lokale und regionale Gedenkzeremonien, Gesangsabende und mehr durchgeführt. Manche sind mehr, andere weniger zahlreich. Es gibt auch solche, die nach Jerusalem gehen, um dort größeren Events beizuwohnen, so zum Beispiel einer großen Veranstaltung mit Gesang und Vorlesungen im „Sultan’s Pool“ in Jerusalem, nahe der Altstadt. Zu den Events kommen junge und alte Menschen. Hier die Fotos einer eher intimeren Veranstaltung aus dem Naturreservat Oz veGaon an der Gush Etzion-Kreuzung. Es gab Gesang und zwei Vorlesungen von Briefen, einer Ansprache eines Vaters, der seinen Sohn verloren hatte und einen Film über den letzten gefallenen Soldaten aus Gush Etzion, Yochai ‚Juha‘ Kalangel, einem 25-jährigen Major und Vater eines kleinen Mädchens, welcher von Hizbollah-Terroristen beim Einsatz an der Libanongrenze am 28.01.15 zusammen mit einem weiteren Soldaten, Dor Chaim Nini, getötet worden war.
*in Anlehnung an die Metapher der Mishna im Talmud, Avot 4, 16: „Rabbi Yakov sagte, diese Welt ähnelt einem Korridor vor der nächsten Welt. Bereite dich im Korridor vor, um in die Festhalle einzutreten.“
** „Das Silbertablett“ – ein Gedicht zur Schaffung des jüdischen Staates, vom israelischen Dichter Nathan Alterman. Eine einigermaßen korrekte Übersetzung, wenn auch keine dichterische, findet man hier: http://jafi.jewish-life.de/zionismus/people/Alterman.html
Der Artikel über Yariv Oppenheimer – jetzt auch bei Haolam.de!„Schalom Achschav“ – oder auf Englisch „Peace Now“ – die berühmt-berüchtigte israelische Nichtregierungsorganisation, auf der politischen Karte im extrem-linken Bereich angesiedelt, ist bekannt für ihre radikalen Aktivitäten für die Schaffung eines „totalen Friedens“ mit den Palästinensern, die Unterschützung und Vorantreibung palästinenser-orientierten Verhandlungen und Abkommen unter dem Deckmantel israelischer Interessen und vor allem für ihren absoluten Widerstand gegen die israelische Verwaltung von Judäa und Samaria und den Siedlungsbau.
Quelle: Wikipedia
Der Herr und Pressesprecher der „Peace Now“-Bewegung heißt Yariv Oppenheimer, 39 aus dem israelischen Ramat Gan. Ein kompromissloser Eiferer für die Friedensbewegung, ein Kämpfer für ein gerechtes Israel, so wie es seiner Vorstellung, der Vorstellung der Randgruppe der Israelis, die er mit „Peace Now“ vertritt, und der europäischen Geldgeber entspricht. Ohne sich länger über die Ideologie, die Errungenschaften oder die Zukunftspläne dieser Organisation auszulassen, sollte eins klar sein: „Peace Now“ und jüdische Siedlungen sind inkompatibel wie Feuer und Wasser. Allerdings sind die Mitglieder der eifernden Bewegung ganz reguläre israelische Staatsbürger, genau wie ihre Gegenüber, die „Siedler“. Die meisten haben den Armeedienst hinter sich, und wie jeder ehemalige Soldat, der für Reservedienst eingetragen ist, muss diesen mindestens einmal im Jahr erfüllen. Auch Yariv Oppenheimer blieb davon nicht verschont, und trat diesen Monat (April) in der israelischen khaki Uniform und in voller Kampfmontur seinen Reservedienst bei der Infanterieeinheit an. Es fragt sich – wo? Ja, in Samaria natürlich! Reservesoldat Oppenheimer bekam tatsächlich die Mission, die Siedlung Mevo Dotan im Nordwesten Samarias, nahe Jenin, zu bewachen – eine der Siedlungen, für die er und seine Organisation im zivilen Leben alle Anstrengungen an den Tag legten, damit sie geräumt werden würde. In den israelischen Medien, so YNET, Channel 7/INN und Kikar haShabat, berichtete man nicht ohne Ironie über den neuen „Siedlerwächter“. Yariv Oppenheimer selbst offenbarte sich allerdings in den Interviews als recht offen und interessiert. So berichtete er den Israel National News: „Die Sicht der IDF auf die Dinge ist anders, und daher ist es einfacher, ein Gespräch aufzubauen, selbst mit dem Wissen im Voraus, dass diese Gespräche unter uns bleiben und keinen Einfluss auf die Arbeit bei „Peace Now“ haben werden. Ich bin hier, weil es die Entscheidung der Regierung ist und ich erfülle hier meine bürgerliche Pflicht.“ „Es ist nicht so, dass ich die Realität (der Siedlungen) nicht kenne, aber ich sehe es aus der militärischen Perspektive und aus der Perspektive der Siedler, und das ist noch mal etwas anderes. Ich muss die Realität aus dieser Richtung kennenlernen.“ Im Zuge seines Routineeinsatzes traf er selbstverständlich auf die Einwohner von Mevo Dotan und andere, und es kam auch wie erwartet zu Diskussionen: „Ich habe viele Menschen getroffen und wir hatten sehr interessante Diskussionen. Sie waren sehr höflich und es gab viel gegenseitigen Respekt auf beiden Seiten. Ich habe meine Sicht nicht geändert und auch sie haben ihre Position beibehalten, aber ich habe die Gedankengänge hinter ihr besser verstehen können.“ Wie es auch sonst die Regel ist, so wurde Oppenheimer mit anderen Soldaten in die Häuser der Einwohner eingeladen – eine Praktik, die „Peace Now“ seinerzeit gegen den Strich ging. Wie ist seine Stellungname jetzt ausgefallen? „Du wirst in einer Siedlung oder einem Vorposten eingeladen, einem Ort, den die dort Wohnenden als ihr Heim betrachten, und du bist ein Gast bei ihnen zuhause. Das ist die Stimmung, die vermittelt wird. (…) Es ist keine simple Angelegenheit. Wir sind momentan alle zusammen in demselben Boot. Du bist bei Menschen zuhause eingeladen, und du möchtest menschlich sein, und genauso wollen auch sie menschlich und freundlich sein. Auf der anderen Seite gibt es ideologische Differenzen. Es handelt sich hier um zwei verschiedene Dinge, und man muss versuchen, ein Gleichgewicht zu finden.“ An die Siedler selbst verteilte Yariv Oppenheimer überraschenderweise „Komplimente“: „Es gibt hier viele ehrliche Menschen. Sehr viel Idealismus, den ich ablehne, aber er ist hier. Die Menschen kommen hierhin nicht aus persönlichen Gründen, sondern um den Staat oder die Realität zu verändern, und das erinnert mich an den Einsatz aus ebensolchen Gründen seitens meiner linksgerichteten Freunde.“ Nicht alle waren überrascht von der Ankunft Oppenheimers in Uniform in Samaria; manche hatten die Einwohner vorgewarnt. Nichtsdestotrotz war die „kulturelle Begegnung“ zwischen dem Hauptsiedlergegner und seinen bitteren Opponenten unter der „Schirmherrschaft“ der israelischen Armee sicherlich als eine Bereicherung für alle Seiten zu betrachten. Was könnte man daraus lernen? Sicherlich viel. Mir stechen vor allem zwei Dinge ins Auge: – Vor allen kulturellen Begegnungen mit palästinensischen Arabern, brauchen Israelis zuallererst Begegnung zwischen Vertretern verschiedener politischer Richtungen unter der eigenen Bevölkerung! – Die israelische Armee war und ist und wird noch lange ein mächtiger Garant für Integration und gegenseitiges Verständnis innerhalb der israelischen Gesellschaft bleiben. Gut, dass es in Israel einen verpflichtenden Militärdienst gibt, der Berührungspunkte zwischen Menschen schafft, die andersweitig verfremdeter nicht sein könnten: Drusen, Muslime, Christen und Juden; Russen und Marokkaner, Nord-Telaviver und Jerusalemer; „Peaceniks“ und Siedler, vereint gemeinsam für eine große Sache – den Schutz des eigenen Landes. Auf das Wohl der IDF! Auf das Wohl von Mevo Dotan und Yariv Oppenheimer, möge er noch viele Tage im Reservedienst sein! 🙂
Wie sehr sich die europäische, insbesondere die deutsche, Betrachtungsweise des Lebens von der israelischen unterscheidet, kriege ich hin und wieder am eigenen Leib im Alltag zu spüren. Eine Art gedankliche und emotionale Dissonanz zwischen dem, was ich sehe, und dem, was ich empfinde, und ich weiß, es liegt oftmals nicht an dem sich faktisch vor meiner Nase Abspielendem, sondern einzig und allein an meinen Interpretationsgewohnheiten. Das Leben in einer Siedlung und in „rohen“ Bedingungen, unberührt von der gewissen Uniformierung des Großstadtlebens, bietet die beste Gelegenheit für solche „privaten Verhaltensanalysen“.
Neulich wurde ich von einer deutschen Journalistin gefragt, wie sehr mich die pazifistisch orientierte Erziehung in deutschen Schulen beeinflusst habe und wie sich das wohl mit meinem Wunsch vereinbaren ließ, in der israelischen Armee zu dienen. Diese Frage war mir mit Respekt und Interesse gestellt worden, und ich habe mich nicht verstellen müssen, als ich sagte, zu meiner Zeit hätte es gar keine Gespräche über Pazifismus an meiner Schule gegeben, und auch nur sehr, sehr wenig über die Situation in israel.
Es ist wahr, dass ich noch vor einigen Jahren in meiner alten Schule weniger Einmischung in die Denkweise seitens öffentlicher Organe gespürt habe, als ich es heute durch die Medien mitbekomme. Vielleicht war ich einfach ein Mensch, an welchem die Versuche, mir eine bestimmte Denkweise aufzudrängen, leichter scheiterten; vielleicht empfand ich meine Schule als einen tatsächlich meinungsoffenen, ideologiefernen Ort. Wie dem auch sei, dies und die Erziehung daheim sowie meine angeborene Neugier hatten mich offen werden lassen für ein unkonventionalles Betrachten dieser Welt, und mir einen „Freipass“ für selbstständiges Denken gegeben. Ich muss sagen, ich hatte es in dieser Hinsicht wirklich leicht.
Aber ich will es nicht abstreiten: Es sitzt da. Das deutsch-europäische Erbe. Die Art zu denken, zu kommunizieren, Vergleiche aufzustellen, zu erwarten und zu (be-)richten. Woran erkenne ich, dass es etwas spezifisch „deutsches“ oder „europäisches“ ist? In meinem Fall ganz einfach – ich erinnere mich, woher ich eine bestimmte Angewohnheit habe, in dem Moment, wo ich sie bewusst bei mir erfasse, und erinnere mich an die Verhaltensweisen oder Äußerungen anderer um mich herum in dieser oder ähnlicher Situation, in Deutschland oder in anderen Ländern, bei europäisch, russisch oder orientalisch geprägten Menschen. Und meine deutsche „Vergangenheit“ ist weiß Gott nicht so lange her, dass ich die Veränderungen, die in meiner Weltsicht und meinem Verhalten seit meiner Einwanderung nach Israel stattgefunden haben, nicht merken würde.
Meine Beobachtungen? Ganz gleich, wie „jüdisch geprägt“ die Abendlandstradition auch sein mag oder man sie gern als solche hinstellt – sie hat nur allzu oft nichts gemein mit dem, was man in Israel zu hören und zu sehen bekommt. Vor allem in meiner Umgebung, in den jüdischen Siedlungen von Judäa und Samaria. Die Realität hier hat viele schöne, sehnsuchtsvolle, gar romantische Seiten; aber es gibt freilich genügend Situationen, da würde auch ich als ein dieser Realität positiv gegenüberstehender Mensch die Worte „erstaunlich“ oder „gewöhnungsbedürftig“ nehmen, um sie zu beschreiben. Ohne die diesen Worten eigene negative Konnotation.
Ich gebe euch einige Beispiele.
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Israelisches Kennzeichen. Quelle: Wikipedia
Da ist zum Beispiel das Thema per Anhalter fahren. Ein häufiger Kritikpunkt an Siedlern auch seitens der restlichen Israelis, die sich fürchten, per Anhalter in diesen Gegenden zu fahren. Anhalterfreunde, die auf dieselbe Weise durch ganz Europa oder Südamerika reisen, mögen uns vielleicht verstehen – wohl kaum ein besonnener Tourist. Aber das ist ja noch das halbe Ding. Einem „Uneingeweihten“ in das komplizierte Nebeneinander von palästinensischen Arabern und Juden in Judäa und Samaria fällt schlichtweg die Kinnlade hinunter, wenn dieser bemerkt, wann ein jüdischer Israeli seinen Arm zum Anhalten hebt und wann wieder senkt. Er hebt nämlich den Arm, wenn ein Fahrzeug mit gelbem Nummernschild vorbeifährt, und senkt ihn schnell wieder, wenn eins mit weißem Nummernschild und grünen Zahlen ankommt!
Kennzeichen der Palästinensischen Autonomiebehörde. Quelle: Wikipedia
Denn im Fahrzeug dieses Kennzeichens sitzt zu 99,9% ein Araber, ein nicht-israelischer Araber noch dazu, und von diesem wird sich kein jüdischer Israeli fahren lassen. Zu keiner Tageszeit, unter keinen Umständen (außer wenn er den Fahrer kennt, und selbst dann nicht unbedingt, und auch ein solcher Fall ist praktisch unwahrscheinlich). Dies gilt als ungeschriebene Regel für alle Siedler und es gibt niemanden, der dies nicht weiß. Es ist auch eine ungeschriebene Regel für die Araber, und sie wissen es auch, und sie würden auch nicht anhalten beim Anblick eines jüdischen Trampisten.
Frage: Ist das nun eine „siedlertypische Diskriminierung“?
Da haben wir es. Hier der Gedankenansatz einer dieser Realität vollkommen fernen Weltsicht.
Erstens, es hat keine der beiden Parteien ein Interesse, sich vom jeweils anderen fahren zu lassen. So wie Juden freiwillig nicht bei Arabern einsteigen, so steigen Araber freiwillig nicht bei Juden ein, und niemand wird dabei benachteiligt oder zu etwas gezwungen. Demnach ist keine Diskriminierung vorhanden. Ob es eine „siedlertypische“ Angelegenheit ist? In Judäa und Samaria trampen fast ausschließlich nur die lokalen Einwohner – Juden und Araber. Jemand von „außen“ würde es nicht machen, zum Beispiel ein gewöhnlicher Israeli aus Jerucham (wo liegt nochmal Jerucham?). Und wenn man fragt, wieso? – Aus Angst, und überwältigend negativer kollektiver Erfahrung.
Wieso denn Angst?, könnte man fragen. Wahrscheinlich wegen der letzten Entführungs- und Mordfälle bzw. missglückter Attentate seitens arabischer Terroristen an Grenzübergängen und Bushaltestellen, mindestens 4 davon allein in den letzten 5 Monaten, die Entführung und Ermordung der drei Teenager Eyal, Gil-ad und Naftali im Juni 2014 nicht mit eingerechnet. Und das sind nur die letzten Zahlen – wir haben das Jahr 2015, aber die Betonblöcke vor jeder Haltestelle in Judäa und Samaria stehen schon seit Längerem, damit Wartende sich vor in die Menge rasenden Autos, Schüssen, Steinwürfen und ähnlichem schützen können. Das sind keine Übertreibungen – die Blöcke und Betonwände stehen da. Nach der Entführung der drei Jungen (von welchen lediglich einer aus Samaria stammte) und insbesondere nach der Ermordung der jungen Dalia Lemkos aus Teko’a (10.11.14) an der Bushaltestelle in Alon Shvut (meinem Dorf) stehen an jeder Haltestelle bis Mitternacht hin bewaffnete Soldaten. Auch diese werden angegriffen (siehe 26.02.15).
Entführungen und Mordversuche also. An Bushaltestellen auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen und zum Ausgehen. Wenn man diesen Hintergrund kennt, aber auch nur wenn man ihn kennt, ist es möglich, zu erklären, dass Juden und Araber getrennte Haltestellen haben, jeder für seine Form von öffentlichem Verkehr.
Zugegeben – es erscheint seltsam, und unangenehm. Vergleiche drängen sich auf. Gut, fahrt mit verschiedenen Bussen, der eine fährt in eine arabische Stadt, der andere in eine jüdische. Aber wieso müssen die Palästinenser abseits warten, am Straßenende aussteigen und wieso hat die für Araber gedachte Haltestelle so ein vernachlässigtes Aussehen? Wenn ihr zusammen im Supermarkt einkauft, wieso trennt ihr die einen von den anderem auf der Haltestelle?
– Ich musste mir selbst eine Antwort auf diese Frage suchen, die in mir bei dem ungewohnten Anblick immer wieder aufkam. Ich teile sie mit euch:
Die palästinensische Autonomiebehörde, kurz PA, hatte entsprechend der Oslo II -Friedensabkommen von 1995 die Autorität erhalten, die Mehrheit der arabischen Städte, Dörfer und sie umgebenden Areale eigenständig zu verwalten. Die Teilung von Judäa und Samaria in Gebiete unter verschiedeneder Befugnis – unter der Verwaltung der PA, der israelischen Legislative oder einer geteilten Verwaltung- wurde in diesen Abkommen festgelegt, und so entstanden Gebiete mit der Bezeichnung A, B und C. Um es kurz zu fassen, haben Israelis (ausgenommen israelischer Araber) keinen
Schilder bei der Einfahrt nach Jericho.
Zutritt in Gebiete A, Durchfahrtsrecht in Gebieten B und Wohnrecht in Gebieten C, das für Israelis unter fast derselben Befugnis steht wie sonstiges Staatsgebiet. Araber hingegen haben Zugang zu A und B und C, aber keinen unerlaubten Zutritt in Siedlungen der Gebiete C. Vor arabischen Wohnorten steht heutzutage zumeist ein rotes Schild, welches besagt, dass Zutritt für Israelis rechtlich verboten und lebensgefährlich ist.
Über die Verkehrsoptionen, demnach also Buslinien, Haltestellen etc. für die Bewohner dieser Orte hat die israelische Regierung keine direkte Verfügung oder Verantwortung, sie liegt allein in den Händen der PA. Nichtstaatsbürger Israels brauchen für eine Einfahrt in offizielles Staatsgebiet, so Jerusalem, ein Einreisevisum, oder eine Zutrittserlaubnis in ein jüdisches Dorf. Jüdische Israelis dürfen unerlaubt nicht nach Bet Lechem oder in einen anderen arabischen Ort fahren. Daher können beide Bevölkerungsgruppen schon einmal keine gemeinsamen Verkehrsmittel nutzen, sei es auch nur bürokratisch betrachtet. Zum Thema Angst, Mordversuche etc. siehe oben; Mordanschlag auf Sgt.Eden Atias, 19 im Bus nach Afula von einem illegal nach Israel gelangten Palästinenser siehe hier.
Auch für den Ausbau der Haltestellen, für ihre Erneuerung, sorgt sich die jeweilige Regierung. Erneuert keiner eine Haltestelle, so bleibt sie alt. Stellt keiner eine Haltestelle hin, so wird ein Trampist eben im leeren Feld oder am Straßenrand abspringen. Und ein jeder abspringende arabische Trampist stellt – der Erfahrung nach – eine potentielle Gefahr für den am selben Straßenrand wartenden Juden dar.
Hier in Judäa und Samaria weiß man das. Aus blutiger Erfahrung. Jeder weiß das, der Jude wie der Araber. Und sie alle leben damit, weil die Gesellschaft hier nun einmal von den Taten der Einzelnen bestimmt wird. Und so gewöhnt man sich daran, an bestimmter Stelle abzuspringen, wachsam zu sein, die richtigen Leute im Auto zu erkennen. Solange die Spielregeln beider Seiten eingehalten werden, „fließt alles הכל זורם“, sagt man auf Hebräisch. Und nur der sprachlose Tourist wundert sich und kämpft mit der Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität.
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Ich bringe noch ein Beispiel, diesmal abseits des nationalen Konflikts: Die Rolle von Männern und Frauen, Jungen und Mädchen, ihr öffentlicher Auftritt und Interaktion.
Zur Illustration. Tanzende Frauen in Gush Etzion.
in den meisten jüdischen Siedlungen leben religiöse Juden. Dabei sind diese meist Vertreter der sogenannten „gestrickten Kipa“- oder nationalreligiösen Bewegung. Was bedeutet das im Klartext? Es ist eine aufs Land Israel orientierte, die Gesetze der Tora im relativen Einklang zur Moderne einhaltende Richtung des Judentums. Eine moderne Orthodoxie, welche Frauen und Männern gleichermaßen das Recht einräumt, zu arbeiten, zu lernen, bedeutende Berufe zu erlernen, sich aller Neuerungen und Erfindungen der Neuzeit ohne schlechtes Gewissen zu bedienen – allerdings mit Maß und bestimmten Rahmenbedingungen, und natürlich gibt es immer ungeschriebene Gesetze und Normen. Die moderne Orthodoxie des Judentums, vor allem die unter Siedlern verbreitete, kennt keine einheitlichen Kleidernormen à la der ultraorthodoxen Bewegung (man kennt sie: schwarze Anzüge, schwarze Hüte oder Pelzmützen, weiße oder schwarze Golfsocken, die Frauen mit Perücken oder ebenso dunkler langer Kleidung oder glänzenden Kleidern). Dort folgen die Menschen verschiedenen Rabbinern und Meinungen, und je nach eigener Strenge oder Nachlässigkeit tragen die Männer feste Schuhe oder Sandalen, schneiden Haare oder lassen sie wild wachsen (Schläfenlocken sind trotzdem zu erkennen); die Frauen tragen keine Perücken, sondern bunte Hüte oder Tücher, mit allem Möglichen verziert; die Ärmel sind kurz oder halblang und die Röcke können auch bis knapp ans Knie gehen. Frauen tragen auch Hosen, Tanzendeje ländlicher die Gegend, desto häufiger.
Bei den Siedlern ist dabei das Auffälligste das wilde Sammelsurium an Kleidungsstilen – oder eher seine Abwesenheit. Abendkleid mit Turnschuhen an Feiertag? Kein Problem. Schuhe aus den Siebzigern oder Ethnohemd mit schwarzem Stilrock und Flip-Flops? Auch kein Problem. Leggins und Jeansröcke sind nicht voneinander zu trennen, 3/4-Ärmel unter einem Kleidungsstück, das eigentlich im Schaufenster eine ärmellose Bluse mit tiefem Ausschnitt gewesen ist, sind Norm. Männer wie Frauen bis ins tiefe Alter lieben „Dorfsandalen“ immer derselben Firmen. Armeejacken, Fliespullis sind sehr beliebt, und immer gibt es diese T-Shirts mit Aufdrücken von einer bestimmten Klassenfahrt, einer Armeeeinheit, einer Jugendgruppe oder irgendeiner Aktion, mit einem klugen oder lustigen Satz, Zeichnungen und Logo der Schule oder des Vereins. In allen Farben des Regenbogens. Ethno und Retro sind nie aus der Mode hier. Enge Jeans und T-Shirt tragen wagen nur wenige Mädchen aus religiösen Familien (aber auch sie gibt es).
Zur Illustration. Mädchen bei Freiwilligenarbeit.
Warum sind aber Mädchen immer irgendwie gefragt, was „verdeckende“ Kleidung angeht? Weil die jüdische Tradition und Religion und der „gute Geschmack“ es besagen. Während in einer streng einhaltenden Umgebung bestimmte Kleidungsform vorgeschrieben wird, um züchtige Kleidung für Männer und Frauen zu gewährleisten, ist in nationalreligiösen Gemeinschaften das Vertrauen in die Eigenverantwortung des Kindes und des Erwachsenen höher. Mädchen und Jungen lernen vor allem im Elternhaus, was es heißt, seine Privatsphäre für sich zu behalten – der eigene Körper ist nicht dazu da, um ihn anderen zur Schau zu stellen. Man läuft nicht ohne Shirt auf der Straße als Junge, und niemals in Unterhemd als Mädchen. Mädchen werden behütet, und lernen, ihren Körper mit Eifer vor Blicken und Belästigungen zu schützen.
Zur Illustration. Mädchen-Schulklasse.
Fragt man ein nationalreligiöses Mädchen, wieso sie sich nicht „sexy“ kleiden möchte, wird sie wahrscheinlich als Erstes antworten – „damit man mich nach meinen inneren Werten beurteilt, und nicht nach meinem Körper“. Und erst dann wird sie das jüdische Gesetz dazu zitieren. Denn das ist die Begründung, welche hinter der Vorschrift gegeben wird, und die hier weitestgehend verinnerlicht wird. Das hindert die Jugendlichen nicht daran, miteinander zu spielen, zu lachen, zu wandern, und auch mal in Gruppen auszugehen; Erwachsene arbeiten zusammen, Frauen und Männer haben gleichen Status, aber wenn es um Beisammensein geht, so teilen sie sich wie automatisch auf, und eng ist man immer mit Freundinnen als Mädchen, oder mit Freunden als Junge, und niemand käme auf die Idee, bei dem anderen Geschlecht zu übernachten etwa, auch wenn man noch zuvor zusammen beim Lagerfeuer gesessen hat.
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Das alles ist ein Erlebnis für mich, es lässt mich schmunzeln und manchmal auch dagegen sträuben, und nicht alles würde ich später in meiner Familie übernehmen, und von vielem anderen lerne ich und freue mich, neue Horizonte zu eröffnen.
Allzu häufig spüre ich dabei, dass mein abendländisches Gedankenkonstrukt schier zusammenbricht vor manchen Situationen, Begegnungen und neuen Erkenntnissen, und ich begreife, dass dahinter sich kein Abgrund und kein Trümmerfeld verbirgt, sondern eine andere, nicht minder nützliche, Respekt verdienende und vor allem authentische Realität.
Menschen ohne Vorkentniss und ohne des Bonus‘ der offenen Denkweise aber, die recht tief in ihren eigenen Weltvorstellungen verankert sind und sich dessen selbst vielleicht gar nicht bewusst sind – ich wuesste kaum, wie man sie aus ihrem Schock herausziehen könnte, wenn sie auf manches treffen, was Israel und speziell die Wirklichkeit in den Siedlungen ausmacht. Da kann man, so scheint mir, nur erzählen, zeigen und erzählen, und vielleicht tut die Zeit das ihre.
Die letzte Woche vor dem Großfeiertag Pessach (auch Ungesäuerten-Fest oder Frühlingsfest genannt) hat begonnen, die Menschen in ganz Israel zählen den letzten Putz-Countdown und schrubben sich wild, streichen Wände, wechseln Möbel, essen wie wild ihre gesäuerten Produkte und rennen in Einkaufzentren auf wilder Suche nach Geschenken für Freude und Familie. Eine wahnsinnige Symphonie der Erneuerung spielt von allen Ecken, noch viel mehr, als man das zum jüdischen Neujahr im Herbst erleben kann.
In der Woche zuvor, namentlich zwischen dem 20. und dem 27.März hat eine bezeichnende soziale Aktion in ganz Israel und speziell in Gush Etzion stattgefunden, nämlich „die Woche der Guten Taten“. Eigentlich existiert die Initiative schon seit 2007, ins Leben gerufen durch die Geschäftsfrau und Philantropin Sheri Arison, und beschränkt sich auf ein Großaufgebot an sozialen Aktionen in allen Lebensbereichen rund ums ganze Land an einem besonderen Tag. An diesem Tag werden alle möglichen freiwilligen Projekte, sei es im Bereich des Umweltschutzes, der Altenpflege, der kreativen Arbeit mit Kindern, Behinderten, im Tierschutz, der Verschönerung von öffentlichen Einrichtungen oder anderem sozialen Engagement, konzentriert und ausgeführt, in der Hoffnung, die freiwillige Beteiligung an der Verbesserung der eigenen Gesellschaft vor allem bei Kindern und Jugendlichen, aber eigentlich Mitbürgern jeden Alters zu fördern. Freiwilligenarbeit ist das Motto, und engagieren tun sich einzelne und organisierte Gruppen, Schulklassen, Jugendzentren, Hobbyvereine, Geschäftsleute, Sportler, Künstler und mehr.
Wie gesagt, seit 2007 gibt es das als „Tag der Guten Taten“ in Israel – dieses Jahr fiel es auf den 24.März. Laut der Facebookseite des Projekts Good Deeds Day engagierten sich an diesem Tag über 800.000 Israelis in über 260 israelischen Städten und 50 Gemeinden weltweit an der Aktion. Bildergalerien und anderes kann man sich auf der (hebräischsprachigen) Webseite hier anschauen.
Quelle: Email-Verteiler der Bezirksverwaltung
In Gush Etzion, Judäa, beschlossen es die Verantwortlichen für Freiwilligenarbeit in der Verwaltung, es auf eine ganze Woche auszuweiten. Und so gab es in Gush Etzion die „Woche der Guten Taten“ – 20.-27.03. 15 ! Laut den Angaben, welche der Vorsitzende der Bezirksverwaltung, Davidi Perl, Ende letzter Woche veröffentlichte, waren an der Projektwoche über 3000 Einwohner von Gush Etzion in über 80 Projekten beteiligt, welche Grußkarten an Soldaten und Kranke, Hilfe für behinderte Kinder, Verschönerung öffentlicher Anlagen, Krankenbesuche, Putzaktionen, Vorbereitungen für Pessach und anderes mehr beinhalteten. Das Besondere an diesem Jahr – auch ältere Menschen, Rentner und kurz vor der Rente Stehende, wurden in die Tätigkeiten miteinbezogen, gemeinsam mit den Kleinsten und den Jugendlichen, um einen Austausch von Generationen zu ermöglichen.
Ich habe dazu den Sprecher der Bezirksverwaltung, Herrn Jehuda Shapira, befragt.
⇒ Erzählen Sie mir ein wenig über die Aktion speziell auf Gush Etzion bezogen.
Die Aktion der „Guten Taten“ ist nicht unsere Erfindung, das war eine Initiative von Sheri Arison und es wird landesweit ausgetragen. Unsererseits haben an die 3000 Menschen teilgenommen – Ältere, Kinder, Jugendliche, Kindergärten und Schulen. Im Internet kann man sich das gesamte Programm für diese Woche herunterladen.
⇒ Wieso aber eine Woche lang?
Es fiel so einfacher, die verschiedenen Projekte zu koordinieren. Die Entscheidung wurde von der Beauftragten für Freiwilligenarbeit getroffen.
⇒ Was ist so besonders an dieser Aktion? Welche besonderen Projekte hat es gegeben?
Beispielsweise den Wohltätigkeitsmarathon, der am letzten Tag, dem 27.03, für die Kinder des SHALVA-Verbandes für behinderte Kinder und Jugendliche organisiert wurde. Oder es gab auch die Krankenbesuche seitens Mitarbeitern der Bezirksverwaltung, welche gemeinsam mit der „Volume“-Soundfirma für die bettlägerigen Kinder in verschiedenen Krankenstationen gesungen haben. Es wurde in Gärten und öffentlichen Parks gearbeitet, Parkbänke wurden gefärbt…. All das waren spezielle Aufgaben, und nicht Teil der regulären Freiwilligenarbeit, die es gibt. Einige der Teilnehmer haben sich auch an Projekten außerhalb Gush Etzions beteiligt, so im Erlebnispark „Mini Israel“.
In diesem Jahr haben wir etwas Neues eingeführt, nämlich den Einbezug von Menschen im Alter von 50+ und Rentnern in die Aktivitäten gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen. Diese Menschen haben generell Zeit, und viel Lebenserfahrung, die sie an die Jungen weitergeben können. Sie wurden in verschiedene Erziehungsprojekte einbezogen, haben kleine Kurse und künstlerische Aktivitäten mit den Kindern durchgeführt und gemeinsam gelernt. Das ist wirklich etwas Neues, das wir vorher nicht hatten.
⇒ Wer entscheidet, welche Aufgaben man in dieser Woche erfüllen wird?
Die Jugendleiter, Gemeindeverwaltung, es gibt nichts Verpflichtendes, wir sind für alle Ideen offen. Hauptsache, dass es an diesem Tag oder in dieser speziellen Woche ausführbar ist.
⇒ Gab es auch Projekte, die beispielsweise den Ausbau von Siedlungen betrafen?
Es wurden Parks oder Gärten oder generell das Aussehen von Vierteln verbessert, aber keine Vorposten gebaut, wenn Sie das meinen.
⇒ Gab es einen Einbezug der arabischen Bevölkerung in dieses Projekt?
Nein, was dieses Projekt angeht, so gab es da keinen Einbezug, von anderen Interaktionen müsste man getrennt sprechen.
⇒ Sind auch Gruppen von anderswo zur Freiwilligenarbeit nach Gush Etzion gekommen?
Nein, aber wir haben es auch nicht erwartet.
⇒ Gibt es im Rest des Landes Rückmeldungen zu eurem Aktivismus?
Auf Landesebene gibt es kein Feedback oder besondere Aufmerksamkeit dafür, aber auf lokaler Ebene schon, so auf der Webseite unserer Verwaltung oder in den sozialen Netzwerken, da werden Bilder geteilt, Jugendliche berichten von Erlebnissen usw. Es gab viel Begeisterung und Freude darüber.
Es geht weiter mit der Interviewreihe „Siedler über sich“. Dieses Mal lesen wir, was uns Josef, ein junger Mann aus Petach Tikva nahe Tel Aviv zu erzählen hat, und wieso er sich entschloß, in einem Institut in der Siedlung Itamar seine Lernjahre zu verbringen.
Hier findet ihr die Interviews von Orli und Asher.
Wo liegt Itamar? Klick hier für eine größere Karte.
Zur Information: Itamar liegt nordöstlich von Tel Aviv, in den Bergen von Samaria, ca.55 km – 45 Minuten – Autofahrt entfernt von der Grenze mit Jordanien. Die nächstgrößte arabische Stadt ist Nablus (hebräischer Name: Shechem), die nächstgrößte jüdische Stadt: Ariel.
Woher kommst du und wieso kamst du zum Lernen nach Itamar?
Josef lernt in Itamar
Ich heiße Josef, 21, und bin in Petach Tikva aufgewachsen. Nach meinem Armeedienst habe ich eine Jeshiva (religiöses Institut für Männer, Anm.) gesucht, in welcher ich meine innere Welt bereichern könnte, bevor ich in die „große, weite Welt“ hinausziehe. Einen Ort mit warmer Atmosphäre und ernsthaftem Lernen. Noch zu meiner Armeezeit hatte ich einige Freunde, die in Itamar lernten, also habe ich mir schon zuvor die Jeshiva anschauen können. Ich habe mich in den Ort verliebt – ein bergiges Dorf im Herzen des Landes, mit einer sehr familiären Atmosphäre und ganz viel Natur. Als jemand, der sein ganzes Leben in einer Stadt zugebracht hatte, verzauberte mich vor
Itamar. Fotos: Josef Malka.
allem die Natur.
Welche Bildungseinrichtungen gibt es in Itamar und für wen? Kennst du noch weitere Kommilitonen, die in Itamar lernen, aber nicht in Judäa und Samaria leben, und wieso kommen sie dorthin?
Die Siedlung hat einige Einrichtungen, so zum Beispiel Grundschulen für Mädchen und für Jungen, und zu diesen Schulen kommen größtenteils Kinder aus den umliegenden Siedlungen. Es gibt eine Mittelschulen-Jeshiva für Jungen, in ihr lernen Schüler aus dem ganzen Land. Die Schule hat ein Programm für konzentrations- und lernschwache Schüler, und daher ist die Auswahl an Lernmöglichkeite groß. Die Jeshiva, in der ich lerne, ist auf Institutslevel – keine Schule mehr. Es hat einen sehr guten Ruf, und auch in ihr lernen Männer aus dem ganzen Land, in diesem Jahr gab es sogar die höchste Anzahl an Anmeldungen von allen zionistischen Jeshiva-Instituten im ganzen Land.
Erzähle ein wenig über Itamar selbst – welchen Hintergrund hat es, ist es auf biblischen Wurzeln gegründet oder eher ganz von neu entstanden?
Itamar wurde 1984 auf dem Bergmassiv südöstlich der Stadt Shechem (heute bekannt als Nablus, Anm.) gegründet. Diese Gegend hat eine vielfältige biblische Geschichte. Das Dorf selbst liegt an einer antiken Hauptstraße, welche auf dem Bergrücken verlief und das Land sozusagen in die Länge teilte; sie führte von Beersheva im Süden bis nach Megiddo im Norden. Dementsprechend spielten sich hier viele Ereignisse ab, welche wir aus der Tora kennen. Die Wanderroute von Avraham bei seinem Eintritt in das Land: „Und Avraham zog über das Land bis zum ort Shechem bis Elon More“ (1.Buch Moses, 12,6). Hier lebte Ja’akov mit seiner Familie und hier wurde seine Tochter Dina entführt (1.Buch Moses, 34). Hierher gelangten die Stämme des Volkes Israel nach ihrem Eintritt in das Land (nach Ende der Wüstenwanderung, Anm.) und erhielten den Segen auf dem Berg Gerizim und die Flüche auf dem Berg Eval (5.Buch Moses, 27, 12-14; Jehoshua 8, 33). Heute liegt auf dem Berg Gerizim die jüdische Siedlung Har Bracha. Unter dem Enkel König Davids, Rechavam, trennte sich das vereinte Königreich in Jehuda und Israel – hier war das Nordreich Israel. Und schließlich, so überliefert es die Tradition, ist der Sohn des ersten jüdischen Priesters Aharon namens Itamar hier bei dem naheliegenden arabischen Dort Awarta begraben, und nach ihm ist unsere Siedlung benannt.
Heute ist Itamar eine landwirtschaftliche Siedlung, es leben in ihr etwa 200 Familien. Es gibt einige landwirtschaftliche Betriebe und Bauernhöfe, mit Betonung auf organische Landwirtschaft. Leider hatte dieser Ort viel unter Terrorattacken zu leiden, seitens der Araber aus der Umgebung, und alles in allem fielen diesen 16 Einwohner und 3 Schüler der Mittelschule zum Opfer. Bei dem letzten verübten Anschlag wurden die Mitglieder der Familie Fogel umgebracht – darunter der Vater, Rabbiner Udi sel.A., der in meiner Jeshiva unterrichtet hatte.
(Anmerkung: Der Mord an Familie Fogel trug sich am 12.03.2011 zu, an einem Freitagabend. Zwei arabische Terroristen aus dem Dorf Awarta drangen durch den Zaun in die Siedlung ein und ermordeten Udi und Ruth Fogel und ihre 3 Kinder Yo’av, Elad und Hadas in ihrem Haus, anschließend flohen sie zurück in ihr Dorf. Sie wurden 3 Wochen nach dem Mord gestellt.)
Welche Bedeutung hat es für dich, an diesem Ort zu lernen?
Das Lernen, insbesondere hier, ist sehr wichtig für mich. Hier leben wir unsere Ideologie und machen sie wahr, wir üben praktischen Zionismus aus. Der Gedanke daran, dass vor 4000 meine Vorfahren hier gelebt haben, und die Erzählungen, die ich in der Tora lese, gar nicht weit weg von mir sind, sondern sich direkt vor meiner Nase ereignet haben – all das bringt neue Werte in das Leben hier und heiligt sie. Ich habe ein Privileg erhalten, ein Privileg, das Juden die letzten 2000 Jahre lang nicht gehabt haben – das Privileg, im Land Israel zu leben, unserem historischen Ursprungsland. Hunderte von Jahren lebten Juden im Exil in allen Ecken der Welt, als ein unterdrücktes und erniedrigtes Volk, und ich, unbedeutend wie ich bin, habe das Privileg bekommen, zuzusehen, wie unser Volk auflebt und zurück in sein Land kehrt. Der Gedanke daran berührt mich immer wieder von Neuem und gibt mir Kraft, stolz darauf zu sein, in diesem Land zu leben.
Wenn dem so ist, könntest du dir vorstellen, hierher umzuziehen – nach Judäa oder Samaria?
Eigentlich bietet sich so ein Umzug an, ich habe keinen Zweifel daran, dass, sollte ich heiraten oder mein Institut verlassen, ich in irgendeine der Siedlungen ziehen werde. Und wenn ich es sogar einrichten kann, hier in Itamar zu bleiben, dann bin ich doppelt zufrieden. Itamar hat eine große Gruppe an jungen Paaren, und viele kleine günstige Wohnungen, die diese mieten können, daher ist es auch sehr bequem und einladend, hier wohnen zu bleiben. Das machen auch die meisten Studenten, wenn sie mit ihrem Lernprogramm fertig sind.
Was gefällt dir denn am Meisten an deinem Studium hier in dem Gebiet?
Die Verbindung zur Natur ist etwas, was mich sehr anzieht. Das Gemeinschaftsleben im Ort, insbesondere, da die Siedlung nicht so groß ist (an die 200 Familien), gibt es eine sehr familiäre Atmosphäre. Der Charakter der Jeshiva, in der ich lerne, ist sehr offen, und das ermöglicht aufrichtiges und seriöses Lernen, denn es basiert auf der persönlichen Verantwortung eines jeden Schülers.
Hast du irgendwelche Bedenken, Zweifel, Ängste bezüglich der Terrorgefahr?
Ganz ehrlich, man muss dumm sein, wenn man keine Bedenken hat, denn es gibt durchaus genug Gründe, um welche zu haben. Und dennoch ist man schwach, wenn man aufgrund dessen aufgeben und gehen will. So wie in allen Dingen, muss man auch hier einen Mittelweg und Ausgleich finden.
Einerseits, muss man verstehen, dass das Leben hier keine perfekte Harmonie und Bequemlichkeit bietet, und in den Dörfern um dich herum leben Menschen, die dich umbringen möchten, und daher muss man Vorsicht walten lassen. Dafür hat Itamar eine sogenannte „Bereitschaftseinheit“ für den Fall, dass Terroristen in das Wohngebiet eindringen (was schon einige Male geschehen ist, so wie bei dem Mord an der Familie Fogel). Die Armee befindet sich hier in unmittelbarer Nähe, 24 Stunden am Tag, und viele der Einwohner haben eine eigene Pistole mit Waffenschein. Wie der Fall bei vielen kleinen Siedlungen, sind die öffentlichen Verkehrsmittel hier rar und die meisten bewegen sich hier per Anhalter. Wir sind daher vorsichtig, und schauen genau, zu wem wir zusteigen, und fahren nicht mit dem Erstbesten, der anhält.
Nebst all diesem, ist es auch wichtig zu wissen, dass auch auf der Seite der Araber es einfache Menschen gibt, die einfach nur ihr Leben in Ruhe leben möchten und am Ende des Tages einfach heim von der Arbeit kommen wollen. Nicht alle Araber sind Terroristen und diejenigen, die hier leben, wissen das sehr gut. Es ist schon witzig, dass die Leute, die außerhalb von Judäa und Samaria leben, viel mehr Angst haben als wir. Ich glaube, das liegt vor allem an Unkenntnis. Je weniger Kenntnis voneinander es zwischen Juden und Arabern gibt, desto größer wird die Angst auf beiden Seiten. Es gibt zwar Terroranschläge, und sie haben keinerlei Legitimation, aber die meisten Anwohner hier leben gut miteinander. Wir fahren zusammen auf denselben Straßen, in den öffentlichen Verkehrsmitteln und gehen sogar zusammen zu den selben Orten einkaufen.
Gibt es deiner Meinung nach etwas „Besonderes“ an der jüdischen Gesellschaft in den Siedlungen?
Es ist zwar von Ort zu Ort verschieden, aber alle jüdischen Ortschaften haben es gemeinsam, dass sie einem das Gefühl einer Umarmung geben. Sehr warmherzige Menschen, sehr viel Hilfe und Unterstützung. Die Jugendlichen hier sind gut und sehr aktiv, die Familien laden uns zu Shabbat-Mahlzeiten ein und auch die Soldaten, die hier in einer Basis in der Nähe stationiert sind, und das gilt nicht nur für Itamar. In den meisten Siedlungen leben junge Paare, und das ist ein zusätzliches Plus für die Gemeinschaft.
Haben die Einwohner von Itamar oder sogar du irgendeinen Kontakt zu den arabischen Nachbarn?
Leider haben die Araber, welche in Judäa und Samaria leben, noch immer nicht die Tatsache akzeptiert, dass hier Juden leben und sie sind hierhergekommen, um zu bleiben. Als Resultat davon, und aus Sicherheitsgründen, ist der Zutritt für Araber in die meisten jüdischen Siedlungen nicht erlaubt; die Siedlungen sind von Zäunen umgeben und am Einfahrtstor sitzt ein Wachmann. Daher hat man im Alltag, wenn das Leben innerhalb der Siedlung verläuft, keine Berührung mit den arabischen Nachbarn. Auch umgekehrt ist es der Fall: der Zutritt für Juden in arabische Ortschaften unter der Kontrolle der PA ist verboten.
Aber außerhalb der Siedlung, auf den Straßen und in den Einkaufszentren trifft man aufeinander. Das bringt zwar keinen engen Kontakt herbei, aber es gibt Interaktion. Ich kenne beispielsweise Leute, die in dem naheliegenden arabischenOrt Hawara einkaufen.
Glaubst du an die Zukunft der Siedlerbewegung in Judäa und Samaria?
Ja, sehr, ich glaube an sie und unterstütze sie. Ich sehe darin eine Verwirklichung sowohl der zionistischen Werte als auch der Prophezeiungen, die das Volk Israel erhalten hat. Dabei glaube ich aber auch, dass die Ansiedlung auf eine faire Weise gegenüber den arabischen Bewohnern verlaufen muss. Wenn man das weise durchführt, kann man zusammen Judäa und Samaria entwickeln und gestalten, denn dieses Gebiet hat ein gewaltiges und vielfältiges Potenzial. Aber wenn wir, und auch die Araber, nicht in der Lage sein werden, um das mit der notwendigen Klugheit zu tun und zusammenzuarbeiten, dann kann das hier zu einem Ort der „Verrückten und Radikalen“ werden, einem Kriegsschauplatz zwischen zwei Völkern, und das wird lediglich Leid für beide Seiten bringen. Es ist mir klar, dass wenn wir in seine solche Situation stürzen werden und zu kämpfen gezwungen sein werden, wir dabei gewinnen. Der Radikalismus und der Mangel an Geduld seitens der Muslime wird sie selbst zu Fall bringen.
Heute – ja, heute – sind Wahlen in Israel. Heute schon gewählt! Im Wahllokal in Alon Shvut
Der Tag, auf den die gesamte langmonatige Propaganda der israelischen Parteien ausgerichtet worden ist, der Tag, der am Meisten von den Medien beredet und verfolgt worden ist, der Tag, der Menschen vereinte, aber auch viel zu viele entzweite.
Es ist schon viel mit Dreck um sich geworfen worden im Vorlauf dieser Wahlen, das muss einmal gesagt werden. Und natürlich war es im Vorhinein klar, welche Wahlkreise und -blöcke unbeweglich wie Granit bleiben und sich hinter ihre Favoriten stellen würden, und dass diese schon vor den Wahlkampagnen feststehen würden. Die Israelis sind in etwas ein sehr individualistisches Volk, lieben es aber auch, von einer charismatischen Figur oder starken Ideen angeführt zu werden. Nur scheint die Desillusionierung in den Anführern der politischen Bühne Israels relativ fortgeschritten zu sein. Jeder hat seine Anhänger, und alles zusammen ist es ein ziemlich gespaltener Haufen trotz der Tatsache, dass die innerparteiischen Herangehensweisen an alltägliche Probleme so ziemlich die selben sind und keine kreativen Unterschiede aufweisen. In den Hauptpunkten jedoch, um welche sich die meisten zentralen Streitigkeiten drehen und das eigentliche Identifikationsmerkmal der meisten Parteien darstellen – die Frage nach Land und nach Nationalcharakter – findet man keine Einigkeit, und auch keine passablen Lösungen.
Auch ohne die politische Landschaft Israels ausdrücklich zu kennen, empfielt es sich, zwei Beiträge von Deutschlands bekanntesten „Israelexperten“ (fast hätte ich schon gesagt: Hauptjuden) zu lesen: Tuvia Tenenbom in „DIE ZEIT“ – und Henryk M.Broder in „DIE WELT„.
Und ich berichte in ein paar Worten (und, ich warne im Voraus, subjektiv!) über das letzte Großereignis vor den Wahlen, was mich persönlich betroffen hat.
In der letzten Woche fand auf dem berühmten zentralen Rabin-Platz in Tel Aviv eine Demo der sich als links und zentral wähnenden Parteien statt, unter dem Slogan, „Israel will eine Veränderung“. Es war von mehreren zehntausend Besuchern die Rede, und aufgetreten ist unter anderem der Ex-Mossad-Chef Meir Dagan. Ich war bei der Demo nicht dabei, und kann daher auch nichts darüber sagen. Richard C.Schneider von der ARD hat diese Demonstration besucht und ausführlich darüber berichtet (siehe hier). Die Leitlinie der Demonstration war betont „gegen Netanyahu“ gewesen.
Die Kundgebung der sich als rechts bezeichnenden Parteien an diesem Sonntag (15.03) verlief unter dem Motto „Gemeinsam für das Land Israel“, und über sie hat Richard Schneider nicht ausführlich berichtet. Auch hier wurden mehrere zehntausend Teilnehmer gezählt (zunächst war sogar von 100.000 die Rede), die mit Flaggen, Ballons und Plakaten mit Slogans, T-Shirts und Aufklebern in allen Farben versammelt hatten, um die Hauptsprecher der Demonstration: Premierminister Netanyahu und die Vorsitzenden der Parteien „Habayit Hayehudi“ – Naftali Bennett – und „Yachad“ – Eli Yishai – zu hören. Zur Demonstration kamen Leute aus allen Ecken des Landes, spezielle Busse wurden zur Hinfahrt organisiert, wer mitfahren wollte, tat es kostenlos. Die Demonstration nationaler Parteien
Überall sah ich junge Leute, vorwiegend junge Frauen und Männer, Familien mit Kindern, Schüler und junge Student/-innen und Aktivist-/innen, und auch ältere Menschen. Die überwiegende Mehrheit der Männer trug Kippa, viele verheiratete Frauen Kopftücher. Es war mir schon klar, welche Gesellschaftsgruppe hier am meisten vertreten wurde – nämlich die, welche sich die Frage nach Land, Einheit und Nationalcharakter ganz groß auf die Fahnen geschrieben hatte und sich mit nichts davon abbringen ließ. Aktivisten in Action
Die national-religiöse Bevölkerung Israels, Israelis aus Judäa und Samaria und solche aus anderen Städten, waren hier zum großen Teil vertreten, die lange Anreise hatte sie nicht abgeschreckt. Jungs mit Kippas rannten durch die Gegend, kleine Kinder in Kleidchen oder mit Schläfenlocken, Mütter mit Kinderwagen, Gruppen von singenden und tanzenden Mädchen – in dieser Aufmachung ein sehr seltenes Bild für Tel Aviv. Die letzte Demonstration, bei der dieser Bevölkerungsteil hier in Scharen aufgetaucht war, war im Sommer 2014, zur Kundgebung nach der Entführung der drei Jungen Gil-ad, Eyal und Naftali sel.A. Damals war die Kundgebung kein Verlangen nach Änderungen oder politischer Umwälzung, sondern sollte eine Botschaft des Zusammenhalts und Glaubens an das Gute vermitteln, und hatte auch viele lokale Teilnehmer aufzuzeigen, ohne religiösen oder geografischen Bezug – spich, auch viele aus Tel Aviv, denen die Sache nahe ging.
Will heissen: Juden kaufen bei Juden. Auch das waren die Slogans dieser Demo.
Auch diese Demonstration hier ist kein Aufruf zu einer politischen Umwälzung, sondern vor allem eine Demonstration der Stärke, die uns Teilnehmenden zeigen sollte: Wir sind nicht allein, wir kämpfen nicht hoffnungslos gegen den Wind, wir stehen zusammen und stehen ein für das, woran wir glauben. Es ist eine Kundgebung für Leute, die sich gemeinsam stark fühlen möchten gegenüber Menschen, zwischen denen und sich sie einen Graben sehen, der sich immer weiter auftut. Sie möchten nicht hassen, und die Ideale, die sie propagieren, sind nicht neu. Aber sie empfinden sich als fremd, und als bedroht, und auch als Widersacher gegenüber denjenigen, die, in Tel Aviv sitzend, dem Rest des Landes mit dem Gesicht zum Westen den Rücken gekehrt haben, insbesondere den hinter einer unsichtbaren grünen Linie Wohnenden.
Und ich fühlte mit ihnen. Ich erkannte von Weitem schon die gewohnten, alten Busse von Gusch Etzion, Samaria und der Binyamin-Region und mein Herz fing an zu hüpfen, wie ich sie so vorbeifahren und die Jugendlichen mit den Flaggen sah und die Gesänge von „Das Ewige Volk hat keine Furcht vor dem langen Weg“, einem modern-religiösen Festlied, hörte. „Die Unseren sind in der Stadt“, dachte ich unwillkürlich, fing mich bei dem Gedanken und während ein Teil von mir sich freute, drehte ein anderer Teil die Frage hin und her im Kopf: „Sind die anderen, die nicht hierher kommen, nicht auch die „unseren“? Oder sind sie es nicht? Und was heißt das?“
Das ist der Haken bei politischen Kundgebungen: man muss sich positionieren. Man kann alle lieben, die man nur hört und sieht, und sich als Teil eines großen Ganzen empfinden, aber irgendwann wird dir eine Positionierung abverlangt, und auch diese Demonstration war eine Gelegenheit dafür. Und trotz des Faktes, dass mir durchaus nicht alle rechten Favoriten gefallen oder überhaupt als Option vorkommen, und auch wenn ich nicht alle Slogans und Motive mag, entschied ich mich, zu meinen Ansichten zu stehen. Ich weiß, es gibt heute einen Trend, sich zu nichts zu positionieren, und alles aufzunehmen und willkommen zu heißen, und der Toleranz-Tsunami hat auch hier in Israel, und vor allem in Tel Aviv, Wellen geschlagen und nicht im guten Sinne. Aber auch darüber freute ich mich auf dem Weg zum Platz – über meine eindeutige Positionierung, zumindest für diesen Abend, denn wenn du irgendwohin in einer Absicht gehst, sei 100% bei der Absicht dabei, um an ein Ziel zu kommen.
"Zionismus - Land Israel"; "Gemeinsam fuer das Land Israel"
Die Kundgebung war natürlich sehr politisch gestaltet. Es war nicht einfach nur eine „Kundgebung für das Land Israel“, obwohl die Leitsätze, die gleich zu Beginn der Veranstaltung von der Bühne und im Publikum skandiert worden waren, „Land Israel dem Volk Israel“ und „ungeteiltes Land, ungeteiltes Jerusalem“ gewesen sind. Es war auch ein sehr effektives Propagandamittel des Premiers Netanyahu, der auch auf der Demo auftrat und wie immer starke Worte für alle fand. Auch die anderen Parteivorsitzenden bekamen ihre Redezeit, wobei „Jüdisches Haus/Habayit Hayahudi“-Mann Naftali Bennett tosenden Applaus und Ovationen genießen konnte, Netanyahu mit ohrenbetäubenden „Bibi“-Rufen empfangen und verabschiedet wurde und Eli Yishais Auftritt dagegen eher Lacher und müden Beifall erntete. Den Beginn leitete Daniela Weiss ein von der Organisation „Nachala“, einer Siedlungsorganisation. Man zollte geschlossene Unterstützung, für diejenigen, die sich für das Bauen neuer Orte in Judäa und Samaria einsetzen, gegen die Abgabe jeglichen Landes an die Palästinenser, gegen die Einmischung des Westens in die israelische Souveränität. Stolz auf Traditionen, auf den jüdischen Charakter des Staates. Sich der Wahl enthalten – ein No Go. Zur Beteiligung riefen alle drei Hauptredner auf. Der Preis für die erfolgreichste Mengenmotivierung konnte meiner Ansicht nach zwischen dem Premierminister und Naftali Bennett aufgeteilt werden: An Netanyahu für den erfolgreichen ‚Schlachtruf‘ „Nicht geräumt? Nichts getan“, den er einbrachte, als er von der Einstellung linker Parteien gegenüber den Errungenschaften seiner Regierung sprach und die Menge diesen begeistert wiederholte. An Bennett dagegen für die freie Performance des Liedes „Jerusalem aus Gold/Yerushalaim shel Zahav“ auf der Gitarre, während er erklärte, dass das nationale Wahlkommittee den Auftritt jeglicher Musiker bei der Kundgebung absichtlich verboten habe…
Es muss gesagt werden, dass, als ich noch zu dieser Kundgebung schritt, ich wusste, dass ich nicht mit allem einverstanden sein würde, was dort gesagt oder gefordert werden würde (allerdings blieben unangemessene Rufe, soweit ich es hören konnte, aus). Und ich bin, um ehrlich zu sein, kein großer Fan der jahrelangen Regierung von Bibi Netanyahu. Das Stehen zu widersprechenden Ansichten gehört zu einer gesunden Auseinandersetzung dazu. Und auch wenn wir uns zu einer Demonstration der Stärkung versammeln, so möchten wir auch Veränderungen, Wandel. Aber die Leute, die hierher gekommen sind, wissen, dass der Wandel nicht von Forderungen und schönen Reden ausgeht, sondern nur von Einheit und Zusammenhalt. Und diese konnte man zwischen den Reden, den Flaggen, den Liedern spüren – keine Einheit gemeinsamer Interessen, sondern Liebe zu den eigenen Werten – Glauben, Kultur und Zukunft. Und wir wären mehr als froh gewesen, wenn sich mehr Tel Aviver, gänzlich ohne Kippa oder Kopftuch, dieser Demonstration anschließen würden. Das würde der zersplittenen Gesellschaft nur gut tun. Denn das, was die Gemüter auf der linken Seite des Spektrums fordern, ist nicht das, worauf unser Staat gegründet worden ist. Weder auf der Räumung der jüdischen Städte und Dörfer, noch auf der Errichtung eines benachbarten Terrorstaates, noch auf der Delegitimation der eigenen Identität. Und die Gründer und ersten Visionäre und Erbauer dieses Landes hatten „Hatikva“ gesungen, und sich für kein Wort der Hymne schämen wollen.
…Die Kundgebung dauerte etwas mehr als 2 Stunden und aus Tel Aviv ließ ich mich von einem Bus nach Gush Etzion mitnehmen. Die Fahrt dauerte lange und ging über Tal und Felder und hoch in die dunklen Berge des heimatlichen Gush Etzion. Wie die Wahlen ausgehen werden, weiß der Himmel, aber wir hier auf der Erde tun das Unsere.
Wie sagte man heute morgen bei uns im Radio G?
„Fröhlichen Wahl-Feiertag, den demokratischsten Feiertag unseres Landes!“
Das ist auch eine Art, die Welt zu sehen. Schönen Tag allen!
Logo des Herzog-Instituts. Auf dem Logo – die „einsame Eiche“, ein Symbol von Gush Etzion. macam.ac.il
Zurzeit mache ich unter anderem eine Ausbildung am Herzog-Institut. Institute hier in Israel sind höher im Rang als in Deutschland die Fachhochschulen, und werden als „intimere“ Alternativen zu einem akademischen Studium im Universitätsrahmen gesehen. In Israel gibt es hunderte solcher Institute, kleinere Einrichtungen mit einer geringeren Anzahl von Studierenden, die spezialisiert sind auf bestimmte Themen. An den einen wird reguläres akademisches Studium angeboten, an anderen gibt es Ausbildungszertifikate für bestimmte Fächer. Teilweise sind die Bedingungen optimiert für bestimmte Gesellschaftsgruppen, welche an einer homogenen Umgebung interessiert sind. So gibt es Institute nur für Frauen und nur für Männer, welche gerne von religiösen Juden besucht werden; manche davon sind speziell für charedische (sprich: ultraorthodoxe) Ausrichtungen gedacht. Es gibt technische Institute, Institute für Erziehungswissenschaften, Fotografie und Film, Kunst, Rechtswissenschaften, alternative Medizin und vieles mehr.
Was mich immer fasziniert hat, und woran ich mich noch immer nicht gewöhnen kann (und um ehrlich zu sein – manchmal noch immer stoße), ist die außergewöhnliche Anzahl von religiösen Instituten für Frauen, welche einen B.A. und M.A. in Erziehungswissenschaften anbieten. Einige wenige von ihnen befinden sich in Judäa und Samaria – so die ‚Michlelet‘ (heb. für Institut) „Orot Israel“ in Elkana (Samaria) oder auch meins, Michlelet „Herzog“ in Alon Shvut (Judäa). Das Publikum an diesen Instituten kommt zu einem überwiegenden Teil aus den nationalreligiösen Kreisen, viele von den Mädchen aus Jerusalem, aber vor allem auch aus den Siedlungen in Judäa und Samaria. Andere kommen auch aus anderen Landesteilen. Erziehung ist da extrem populär, und das in einem Spektrum, welches von der Ausbildung zur klassischen Lehrerin für Mathematik, Geschichte oder Hebräisch über das sehr beliebte Gebiet von therapeutischem Tanz und Sport bis zu nichtformaler Erziehung reicht. Nicht formale Erziehung hier vermischt sich ein wenig mit Sozialarbeit. Junge Frauen besuchen Kurse, bei welchen sie mit schwerbehinderten Kindern zu arbeiten lernen; das Unterrichten von schwererziehbaren Kindern und Jugendlichen, ADHS-betroffene Kindern, Legasthenikern, Kindern mit schwachem sozialen Hintergrund und desgleichen mehr ist sehr gefragt. Auch das Lernen von Tora, jüdischer Philosophie und Geschichte des Landes Israel.
Das sind zumeist sehr junge Frauen, gerade frisch vom „National-/Zivildienst“, den sie ein oder zwei Jahre an verschiedenen Orten und in verschiedenen Organisationen gemacht haben, vielleicht danach noch ein Jahr gearbeitet oder vom angesparten Geld in der Welt gereist.
Und ganz oft sind sie schon – verheiratet.
Quelle: Michlelet Orot Israel, orot4u.com
Das ist etwas, was mich noch immer in Staunen versetzt, ich komme nicht drum herum. Ich habe in einer Einrichtung für religiöse Mädchen gelernt, ‚Midrasha‘ nennt sich das (das etwas oberflächlichere Äquivalent zu einer Jeshiva für Jungs), jüdische Philosophie und Denken gelernt. Dort hatte ich viele Mitschülerinnen aus Judäa und Samaria, und die meisten waren direkt nach dem Zivildienst da, und spätestens anderthalb Jahre nach Abschluss des Lernprogramms war mehr als die Hälfte aus meinem Kurs schon verheiratet oder verlobt. Ich bekomme alle zwei Monate Nachrichten und Einladungen zu Hochzeiten von meinen Kursmädels. Wir sind alle ungefähr im selben Alter – 21 bis 25. Die frischen Ehemänner sind auch in etwa demselben Alter, teilweise älter – dennoch. Und so wie sie, so sind es auch viele Mädchen in den Instituten. Frisch, jung gekleidet, mit eindrucksvollen Kopfbedeckungen zumeist in Turbanform mit verschiedenfarbigen Tüchern, Clips, Spangen verziert, modisch abgestimmt mit Rock und Bluse oder aber bunt zusammengeworfen. Manche lassen viel Haar aus der Kopfbedeckung hervorlugen, andere mögen es strickt und verdeckt. Ein ganz normaler Anblick am Morgen oder zur Mittagspause – und manche der Mädchen sind auch sicherlich um ein paar Jahre jünger als ich, und einige haben auch gewiss schon Kinder, die daheim bei der ebenso jungen Großmutter warten.
Und ich laufe daneben, und schaue die Studentinnen mit einer Mischung aus Unglauben, leichter Entfremdung aber auch einer gewissen Portion von Neid an, dass sie selbst gar nichts Befremdliches darin sehen, und dass die Gesellschaft, in der sie aufgewachsen und erzogen worden sind, sie ermutigt, die Werte von Familie und Wissenserwerb gleichermaßen hochzuhalten und sie spielerisch miteinander zu vereinen, und die Mädchen lernen, in beiden Welten zu leben. Ja sogar sehen sie keine Teilung zwischen den beiden; und sowohl in jungem Alter eine Familie zu gründen, als auch zu lernen und zu arbeiten ist für die Frauen national-religiöser Orientierung eine Selbstverständlichkeit.
Ja, Erziehungswissenschaften, jüdische Philosophie, Kinder, grafische Gestaltung und Sozialarbeit sind viel beliebter bei diesen Mädchen als Medizin, Computertechnik, Business oder Archäologie, aber erstens finde ich es persönlich wunderbar, wenn die Erziehung der jungen Generation in den Händen von intelligenten, lebenslustigen und einfühlsamen jungen Frauen mit Kindererfahrung ist, und zweitens gibt es auch wachsendes Interesse, in neue Gebiete vorzudringen. Es lässt sich erhoffen, dass auch andere Gruppen unserer Gesellschaft diese Taktik adoptieren und das Neue erobern, ohne das Bekannte und Gewohnte aufzugeben.