Archiv der Kategorie: Israel

Zum Weiterlesen: „No-Go-Begriffe“ & „Nicht illegal“

Manchmal muss man nicht das Rad immer wieder neu erfinden, sondern immer wieder auf dasselbe Rad hinweisen, bis auch dem Letzten deutlich wird, was mit „Rad“ gemeint ist. Aehnlich ist es auch im Nahostkonflikt, speziell beim Thema Siedlungsbau. Es muss unsererseits immer von Neuem auf die relevanten realpolitischen Zustaende hingewiesen warden, damit es auch ins Bewusstsein eingeht. Zu diesem Zweck moechte ich auf die folgenden Artikel hinweisen:

⇒ 1) Die ausfuehrliche, und dennoch klar verstaendliche |Zusammenfassung zum Thema Siedlungsbau und Abkommen nach 1967 von Artur Cohn in „Cicero – Magazin fuer politische Kultur“ vom 09.12.2013 – noch immer aktuell wie nie. Praegnante Auslegung grundlegender politischer Fakten.

⇒ 2) Die Liste der sog.“No-Go“-Begriffe“, zuerst veroeffentlicht auf The Algemeiner, Lee S.Bender & Jerome R.Verlin. uebersetzt ins Deutsche bei  Politisches.Blog-Net.Ch (03.06.2015). Sehr nuetzlich und waermstens empfohlen, sich den „Begriff-Guide“ zu Herzen zu nehmen und zu verwenden!


1. Siedlungsbau ist nicht illegal

Artur Cohn, CICERO, 09.12.2013

Das Argument, wonach die Siedlungen in Judäa und Samaria illegal seien, basiert auf dem 49. Artikel der Vierten Genfer Konvention, die nach dem Zweiten Weltkrieg und der Nazibesetzung europäischer Staaten 1949 in Kraft getreten ist. Danach ist die gewaltsame Transferierung einer Zivilbevölkerung in andere Staaten verboten.

Eine solche fand aber in der Westbank nie statt. Auch hat Israel keine Gebiete eines anerkannten, souveränen Staates besetzt. Jordanien, von dem Israel diese Gebiete im Sechstagekrieg (der von den arabischen Staaten provoziert wurde) übernahm, konnte dort nie seine Souveränität geltend machen, weil Jordaniens Besetzung dieser Gebiete ungesetzlich war und von keinem Staat der Welt außer von England und Pakistan anerkannt wurde.

Weiterlesen….


 

2. NO-GO-Begriffe >  Israel-Unterstützer müssen aufhören, diese 13 Begriffe zu benutzen

Politisches.Blog-Net.Ch , 03.06.2015

Die Berichter­stat­tung der west­lichen Mainstream-Medien über Israel ist gepflastert mit Aus­drücken, die absichtlich geschaf­fen wurden, um den jüdis­chen Staat zu dele­git­imieren. Die gute Nachricht ist, dass diese Begriffe nicht vor 3300 Jahren in Stein gemeis­selt wur­den, son­dern Kreatio­nen sind, die erst nach der Unab­hängigkeit Israels ent­standen. Durch das Aufgeben dieser Sprache ver­wirken wir unserer Geschichte. Hier sind 13 Sätze oder Begriffe, die zu wieder­holen wir aufhören müssen.

#1 – “West­bank:” Behaup­tun­gen, dass “Judäa und Samaria” nur “bib­lis­che Namen für die West­bank” sind, stellt die Geschichte auf den Kopf. Die Namen hebräis­chen Ursprungs, “Judäa” und “Samaria”, sind bis 1950 benutzt wor­den, als nach der Inva­sion durch Tran­sjor­danien diese Gebi­ete in “West­bank” umbe­nannt wur­den, um diese Bere­iche des jüdis­chen Heimat­landes von den Juden zu dis­as­sozi­ieren. Der Teilungs­plan der UNO von 1947 sel­ber spricht vom “Hügel­land von Samaria und Judäa.” Dieser Begriff ist keine Abkürzung für “Judäa und Samaria.” Unter dieser For­mulierung ist Jor­danien die “Ost­bank” des ursprünglichen Palästi­na­man­dat, das als Heimat­land für das jüdis­che Volk vorge­se­hen war.

#2 – “Ost”-Jerusalem oder “tra­di­tionelles ara­bis­ches Ost”-Jerusalem: Seit dem zweiten Mil­le­nium vor Chris­tus bis 1947 nach Chris­tus gab es keinen Ort namens “Ost”-Jerusalem. Die 19 Jahre zwis­chen der Eroberung von Teilen der Stadt 1948 durch die Inva­sion­strup­pen Jor­daniens und ihrem Rauswurf durch Israel 1967 waren die einzige Zeit in der gesamten Men­schheits­geschichte, ausser zwis­chen 638 und 1099, als Araber irgend einen Teil von Jerusalem kon­trol­lierten. Palästi­nen­sis­che Araber haben keinen einzi­gen Tag in der Geschichte irgend einen Zoll von Jerusalem beherrscht. In den let­zten drei Jahrtausenden war Jerusalem die Haupt­stadt von drei Staaten — Judah, Judäa, und dem mod­er­nen Israel — und hat eine erneuerte jüdis­che Mehrheit seit der türkischen Herrschaft im 19. Jahrhun­dert. Ost­jerusalem ist ein Quartier der Stadt, die Israel 1967 wiedervere­inigt hat.

#3 – “Die UNO wollte einen jüdis­chen und einen palästi­nen­sis­chen Staat schaf­fen:” Das wollte sie nicht. Palästina aufzuteilen zwis­chen “Palästi­nensern” und Juden ist wie eine Aufteilung von Deutsch­land zwis­chen Deutschen und Juden. Immer und immer wieder nimmt dieUNO Bezug auf “den jüdis­chen Staat” und “den ara­bis­chen” [nicht “palästi­nen­sis­chen”] Staat in der Par­ti­tion­ierungsres­o­lu­tion von 1947.

#4 – 1948 war die “Erschaf­fung” und “Grün­dung” von Israel: Israel ist nicht 1948 kün­stlich und aus der dün­nen Luft her­aus “geschaf­fen” und “gegrün­det” wor­den. Israel erre­ichte Unab­hängigkeit in jenem Jahr als natür­lichen Abschluss eines Rei­fung­sprozesses in erneuerte Staatlichkeit eines Volkes, das vorher schon zweimal Unab­hängigkeit hatte in diesem Land, und das nach Jahrhun­derten har­ter Arbeit einen jüdis­chen Staat erneut etablierte in seinem his­torischen Heimatland.

#5 – “Der Krieg, der auf die Schaf­fung Israels fol­gte:” Israeli haben diesen Krieg nicht gewollt; Er wurde Israel aufgezwun­gen von fast jedem ara­bis­chen Staat, die den Teilungs­plan der UNO ablehn­ten und ver­suchten, die Juden von Israel ins Meer zu treiben. Und aus der Armee des jüdis­chen Heimat­landes, der Haganah, wurde die IDF, die die multi­na­tionale aus­ländis­che Inva­sion zurückschlug.

#6– “Palesti­nen­sis­che Flüchtlinge des Krieges, der auf die Schaf­fung Israels fol­gte”, oder “das palästi­nen­sis­che Flüchtling­sprob­lem:” Es waren die ein­drin­gen­den ara­bis­chen Armeen, die die Zer­störung Israels erwirken woll­ten, die den Grossteil der Araber dazu ermutigte, aus Israel zu flüchten, oder deren Flucht verur­sachte. Und eine grössere Zahl von Medien ignori­ert kon­stant die einge­bore­nen Juden des mit­tleren Ostens, aus den riesi­gen ara­bis­chen und anderen mus­lim­is­chen Län­dern ver­trieben wor­den waren in der Folge des arabisch-israelischen Krieges. Ihre Zahl ist grösser als die Anzahl Araber, die aus dem kleinen Israel flo­hen. Dass Israel den Grossteil dieser Juden absorbiert hat, während ara­bis­che “Gast­ge­ber,” ein­schliesslich in Palästina selbst, die ara­bis­chen Flüchtlinge und ihre Nachkom­men in “Flüchtlingslagern”, die vom Westen unter­stützt wer­den, isolieren, ver­wan­delt das zwei­seit­ige Flüchtling­sprob­lem des arabisch-israelischen Kon­flik­tes nicht in ein “palästi­nen­sis­ches” Flüchtlinge­sprob­lem. Hät­ten die palästi­nen­sis­che Araber den UNO-Teilungsplan akzep­tiert, dann wür­den sie eben­falls ihren 66stn Geburt­stag feiern.

#7 – Israel hat 1967 ara­bis­ches Land “erobert:“Das tat es nicht. Der Krieg von 1967 war, wie seine Vorgänger, ein Vertei­di­gungskrieg, der Israel aufgezwun­gen wor­den war. Die Nach­barn von Israel woll­ten keine Kom­pro­misse einge­hen; sie woll­ten ganz ein­fach den jüdis­chen Staat zer­stören. Das neue israelis­che Ter­ri­to­rium sollte eine Sicher­heits­bar­riere bieten und sich­er­stellen, dass das nicht mehr passieren kann. Ausser­dem waren diese Gebi­ete nicht “ara­bis­ches Land,”

#8 – Israel’s Gren­zen von “1967:” Die Waf­fen­still­standsvere­in­barung zwis­chen Israel und Jor­danien von 1949 hat audrück­lich die “grüne Linie”, die sie zog zwis­chen den Waf­fen­still­standsstel­lun­gen der bei­den Seiten als nur mil­itärische Waf­fen­still­stand­slinie, ohne Präjudiz zu einem Gren­zanspruch von einer der bei­den Seiten. Die Nach-’67-UNO-Resolution 242 hat aus­drück­lich nicht von Israel ver­langt, sich von diesen Lin­ien zurückzuziehen.

#9 – “Israelis­che Besatzung der West­bank und von Ost­jerusalem:”Dass die Medien darauf beste­hen, die israelis­che Präsenz im Herzen von Jerusalem und in Judäa und Samaria eine “israelis­che Beset­zung palästi­nen­sis­cher Ter­ri­to­rien” nen­nen, macht es nicht dazu. “Beset­zung” ist ein völk­er­rechtlicher Begriff, der fremde Präsenz im sou­verä­nen Ter­ri­to­rium eines anderen Staates beze­ich­net. Der let­zte sou­veräne Staat im Land von Israel vor dem mod­er­nen Israel war jüdisch Judäa. Das Land­ver­hält­nis von ara­bis­chem Land zu Israel beträgt 625–1, 23 Staaten zu eins.

#10 – “Jüdis­che Siedler und Sied­lun­gen” gegenüber “palästi­nen­sis­chen Bewohn­ern von Nach­barschaften und Dör­fern:” Ein beliebter Kon­trast in Medien-Nachrichtenartikeln ist, im sel­ben Satz von “jüdis­chen Siedlern” in “Sied­lun­gen” sowie von “palästi­nen­sis­chen Bewohn­ern” von nahen “Nach­barschaften” und “Dör­fern” zu reden. Juden sind keine frem­den “Siedler” in einem Jerusalem, das seit dem 19. Jahrhun­dert eine jüdis­che Mehrheit hat, oder im Judäa-Samaria-jüdischen-historischen Herzland.

#11 – Die Anerken­nung von Israels  “jüdis­chem Staat” ist “ein neuer Stolper­stein:” Neu seit Moses’ Zeiten. Das jüdis­che Heimat­land Israel, ein­schliesslich kon­tinuier­licher Heimatland-beanspruchender jüdis­cher Präsenz, war immer zen­tral für das jüdis­che Volk­s­tum. 1947 sagte der britis­che Aussensekretär Bevin dem Par­la­ment, dass der Juden “essen­zieller Prinzip­punkt” die Sou­veränität von jüdisch-Palästina sei.

#12 – “Paläs­tio­nenser akzep­tieren die Zweis­taaten­lö­sung und Israel lehnt sie ab:” Falsch auf bei­den Seiten. Sowohl die USA als auch Israel definieren ‘Zwei Staaten’ als zwei Staaten für zwei Völker — Juden und Araber. Viele auf der ara­bis­chen Seite lehnen zwei Staaten für zwei Völker mit Nach­druck ab. Viele Israelis, ein­schliesslich Pre­mier­min­is­ter Netanyahu, unter­stützen den Plan — unter der Bedin­gung, dass der palästi­nen­sis­che Ter­ror aufhört. Die Araber verneinen Israels Exis­ten­zrecht weit­er­hin und dauer­haft als Nation­al­staat für das jüdis­che Volk, welche Gren­zen auch immer gezo­gen werden.

#13 – “Die Palästi­nenser:” Die UNO-Resolution von 1947 mit dem Teilungs­plan nan­nte die palästi­nen­sis­chen Araber und Juden “die zwei palästi­nen­sis­chen Völker.” Nichts ist selbst-delegitimierender und kon­trapro­duk­tiver für die Erre­ichung eines Friedens, der auf ara­bis­cher Anerken­nung des jüdis­chen Dasein­srechts basiert, als dass die Juden hinge­hen und die palästi­nen­sis­chen Araber “DiePalästi­nenser” nen­nen. Sie haben keine Sprache, Reli­gion oder Kul­tur, die sie von benach­barten Arabern unter­schei­det, und sie hat­ten nie Sou­veränität über Palästina, woge­gen die Juden, mit einer Präsenz, die drei Jahrtausende in die Ver­gan­gen­heit reicht, drei Staaten dort hat­ten, alle mit Jerusalem als Haupt­stadt. Die wenig­sten palästi­nen­sis­chen Araber kön­nen ihren eige­nen Stamm­baum weiter als 4 Gen­er­a­tio­nen zurück verfolgen.


 

#EyalGiladNaftali. Ein Jahr danach

Gilad-Eyal-Naftali-e1404157170661Ihre Bilder gingen um die Welt, ihre Namen wurden in viele Sprachen übersetzt und die Kampagne für ihre Rückkehr umspannte Kontinente. Die Entführung der drei israelischen Teenager Eyal Yifrach, Gil-Ad Sha’er und Naftali Frenkel im Juni 2014 war das einscheidende Erlebnis in das kollektive Gedächnis der israelischen und jüdischen Gesellschaft im vergangenen Jahr, und es hat Kräfte geweckt, die sich nicht mehr zurückhalten ließen.

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Kerzen zum Gedenken an die drei Jugendlichen an der Bushaltestelle, bei der sie entführt wurden. 02.06.15. Fotos: Elishay Jayson

IMG-20150521-WA0013Ein Jahr ist es nun her (nach dem jüdischen Kalender), dass die dreiJugendlichen an der Alon-Shevut-Kreuzung in Gusch Etzion bei ihrer Weiterfahrt zu sich nach Hause nach einem Lerntag in der Jeshiwa von 2 arabischen Terroristen in einem gestohlenen Auto entführt und kurz darauf getötet und verscharrt wurden. Eyal stammte aus der israelischen Stadt Elad und lernte in Kiryat Arba/Hevron (Judäa), Gil-ad stammte aus Talmon in der Binyamin-Gegend und und Naftali aus Nof Ayalon, nahe der Stadt Modi’in, beide lernten im Kibbutz Kfar Etzion in einer Jeshiwa. Alle drei waren sie nicht aus Judäa, alle drei besiegelten ihr Schicksal auf ihrem Nachhauseweg in den Händen von Terroristen, welche ihre Tat geplant und vorbereitet hatten.

Wer während der 18 Tage zwischen dem 12. Juni, dem Tag der Entführung, und dem Fund der drei Leichen der Jungen am 30.06.14 in Israel gewesen war, konnte einen in jeder Ecke des Landes spürbaren Zusammenschluss der Bevölkerung erleben. Die Kampagne #BringBackOurBoys auf Facebook; Plakate mit den Fotos der drei Jungen in jeder Stadt; die zahlreichen Ansprachen der drei Mütter der Teenager gingen in ihrer tragischen Einzigartigkeit in die Geschichte ein. Aufkleber, T-Shirts, Gebetsaufrufe per Whatsapp – und was nicht noch alles. Was die Mehrheit der Bevölkerung an Anteilnahme aufbrachte, war einmalig für die letzten Jahrzehnte, selbst für das leidgeprüfte Israel.

Am 30.Juni wurden die Leichen der toten Jugendlichen auf offenem Feld unweit der arabischen Stadt Halhul bei Hevron gefunden. Einige Tage später wurde die Operation „Schutzlinie“ eingeleitet und, obwohl offiziell durch den Raketenbeschuss der Hamas auf Israels Süden begründet, hatte sie selbstverständlich eine direkte Verbindung zu der Entführungstat, zumal laut der israelischen Position die Täter aus den Reihen der Hamas stammten.

Nun konnten Gedenkfeiern, öffentliche Andachten und selbst „Gesprächskreise“ beim besten Willen nicht lange anhalten. Handfestes Gedenken, Zeichen von Stärke oder aber kontrastreiche Gesten von Menschlichkeit, so hat sich seit Jahren die gesellschaftliche Einstellung gegenüber tragischen Ereignissen nationaler Reichweite manifestiert. Im Namen der Terror- und Kriegsopfer wurden seit jeher Spenden-Fonds eingerichtet, Städte, Plätze und Straßen benannt, Synagogen eingeweiht, Bäume gepflanzt. Eines der lautesten Verlangen war das nach der Annektierung des von Israel besetzten, aber nicht als Staatsfläche anerkannten Gebietes von Gush Etzion, im Herzen dessen die drei unglückseligen Jugendlichen den Terroristen zum Opfer fielen.

Was macht man aber, wenn der eigene Staat mit der „gebührenden Antwort“ zögert? Wenn nicht das gewünschte Ergebnis kommt? Wenn keine flächendeckende Lösung für Terror herbeigeführt wird?

„In deinem Blute sollst du leben“

(Yechezkel, Kap.16, 6)

2014-07-04 09.18.12
Das erste Plakat auf dem Hügel. Juli 2014

In der verhängnisvollen Nacht auf den 01.Juli, nach dem Fund der Leichen von Eyal, Gil-Ad und Naftali, versammelten sich auf einem bewaldeten Hügel unweit der Entführungsstelle, einige Menschen mit Taschenlampen, Flaggen, simplen Handwerkzeugen, einigen Benzinkanistern und einem Stromgenerator. Vom Dunkel der Nacht

Die ersten Tage.
Die ersten Tage.

gedeckt, säuberten sie einige Flächen im kleinen Wald und das dazugehörige, seit Jahrzehnten verlassene Försterhaus, sie hängten Banner an die Eingangstür, stellten Projektoren und Zelte auf. Sie fotografierten ihre Gruppe und ließen das Foto auf Facebook herumgehen. Ein neuer Tag brach an, ein neuer Vorposten war geboren. „Givat Oz veGAON“, zu Deutsch – Hügel der Stärke, welcher im Namen auch die hebräische Abbreviatur der drei Jungen trägt.

Entwicklungsarbeiten.
Entwicklungsarbeiten.
Vortrag für Besuchergruppen.
Vortrag für Besuchergruppen.

Nun war die zugegeben an britische Mandatszeit erinnernde Geheimaktion nicht so spontan, wie es scheint; das Gebiet wurde schon von vorne herein auf Tauglichkeit geprüft, auf seinen offiziellen Status, wie groß die Wahrscheinlichkeit sei, von dort wieder geräumt zu werden, welche Bau- und Ausweitungsmöglichkeiten es für diesen Vorposten gäbe, und die Hauptsache – wer das Projekt unterstützen würde.

Racheli Frenkel, die Mutter von Naftali, zündet Shabbat-Kerzen im Reservat.
Racheli Frenkel, die Mutter von Naftali, zündet Shabbat-Kerzen im Reservat.

Die Unterstützung kam mit überwältigender Großzügigkeit, sie kam aus zahlreichen Quellen, finanziell und gesellschaftlich. Sowohl seitens der Ortsverwaltung und der Armee, als auch der lokalen Umgebung und derjenigen, die auch landesweit oder im Ausland vom Projekt gehört hatten.

Freiwillige Helfer.
Freiwillige Helfer.

Die Idee, einen neuen jüdischen Stützpunkt zum Gedenken an die drei Ermordeten zu errichten, beflügelte. Die Strategie ging auf. Es war nicht „noch ein“ Vorposten von Halbwüchsigen, die sich in Holzbaracken auf einem Hügel zu verschanzen suchten und Soldaten mit Steinen bewarfen. „Givat Oz veGaon“ wurde binnen kurzer Zeit in eine Camping-Seite und Freiwilligen-Anlaufstelle umfunktioniert und anstatt Wohncaravans zu bauen, beschloss man, sich lieber in nächster Zeit auf Öko-Tourismus, archäologische Ausgrabungen (es wurden Artefakte aus der Zeit des Zweiten Tempels gefunden, die auf eine frühere Besiedlung hindeuten) und Besucherzentrum zu konzentrieren. Selbst dieser kleine, als

Feiern im Reservat.
Feiern im Reservat.

Naturreservat anerkannte Punkt, hatte geschichtlichen Kontext; Zeugnisse aus der Tora sprechen von der anbei liegenden Raststätte des Urvaters Jakov (Givat Oz); und 1927 stand an derselben Stelle zwei Jahre lang ein kleines Dorf namens „Migdal Eder“, welches aber 1929 im Zuge der arabischen Pogrome in der Umgebung zerstört worden war (siehe auch: „Die brennende Fackel von Gusch Etzion 1“).

Wegweiser zum Naturreservat.
Wegweiser zum Naturreservat.

Von allen 4 Vorposten, die als Reaktion auf die Ermordung errichtet worden sind, hat bisher nur das ‚Oz veGaon‘-Reservat überlebt. Es genießt sowohl die Schirmherrschaft der Ortsverwaltung, als auch der Armee und die breite Unterstützung der Familien der drei Jungen.

Die Großeltern von Eyal Yifrach pflanzen einen Baum im Reservat.
Die Großeltern von Eyal Yifrach pflanzen einen Baum im Reservat.

Die für das Projekt verantwortliche Organisation, ‚Women in Green‚, sieht in der Aktion einstimmig eine gebührende zionistische Antwort auf das Ereignis, welches wohl noch lange in der kollektiven Erinnerung der Israelis verbleiben wird. „Not killing, just building“, lautete einer der Slogans des neuen Stützpunkts, ein anderer verkündete „Das ewige Volk hat keine Angst vor dem langen Weg“.


 

Das ‚Oz veGaon‘-Naturreservat im Herzen Judäas ist nur eine der Reaktionen, die auf die Ermordung der drei Jungen folgte. Auch auf der breiten gesellschaftlichen Ebene war und ist dieses Ereignis nicht so einfach wegzuwischen. Dossiers in Zeitungen veröffentlichen immer wieder Gespräche mit den drei Müttern, welche in der Zeit der Entführtensuche und noch lange danach die israelische Gesellschaft mit ihren Reden und Ermutigungen und Gefühlen stärkten. Und nebst Veranstaltungen, Konzerten, und Zeitungsartikeln, wurde auch ein Preis ins Leben gerufen, welcher den Zusammenhalt und die Einigkeit im Land belohnen und fördern soll: Der „Unity Prize“ in Gedenken an Eyal, Gil-ad und Naftali.

Quelle: unityprize.org
Quelle: unityprize.org

Gestartet vom „Gedenkverein für Eyal, Gil-ad und Naftali“ und unterstützt vom Oberbürgermeister Jerusalems, Nir Barkat, sowie dem Erziehungsministerium, soll er an besondere Vorhaben und Menschen am 03.06 eines jeden Jahres verliehen werden, welche die Einheit innerhalb der israelischen Gesellschaft stärken. „Der besondere Geist der drei Familien, wir wollen ihn an die israelische Öffentlichkeit bringen“, so Oberbürgermeister Nir Barkat zum neuen Preis.

So wurde in Israel die Tragödie der Entführung der Jugendlichen von einem traumatischen Event in einen Anreiz für Schöpfung, Kreativität, Veränderung und Hoffnung übersetzt.

Heute nachts und morgen zünden viele Gedenkkerzen für die Jugendlichen an, auch hier in Alon Shevut, und es werden Lernseminare zu ihrem Andenken in Jugendzentren veranstaltet. Eyal, Gil-ad und Naftali nicht mehr unter uns, doch ihr Nachlass trägt Früchte.

 

NEWS: Der Bus-Skandal

…Eigentlich könnte es noch gar nicht genügend Zeit für einen Skandal gegeben haben. Dafür sind die Entscheidungen der israelischen Regierung zu nah aufeinander gefällt worden – am Morgen das Ja, am Nachmittag das Nein.
Doch die Medien, die Nichtregierungsorganisationen und die sozialen Netzwerke sind heutzutage wohl in ihrer Schnelligkeit auf das Niveau von Spionageagenturen aufgestiegen, um darüber zu berichten, was der israelische Staat für neue Untaten betreibt.
Wem es also in der letzten Woche an Berichten über die Terrorattacke an der Alon Shevut-Kreuzung und heute mittag an Berichten über die Terrorattacke in Jerusalem gemangelt hat (welche Terrorattacke?! Na dann, siehe hier), so wurde das schleunigst mit dem Bericht über die neuen „Apartheid“-Busse in Israel „kompensiert“.


Worum es geht? Das Verteidigungsministerium, angeführt von Moshe (Bugi) Ya’alon, hat in den letzten Tagen die Entscheidung gefällt, dass palästinensische Araber, die keine Staatsbürgerschaft Israels, wohl aber eine Arbeitserlaubnis besitzen, von nun an für eine Testphase von 3 Monaten A) nicht mehr durch verschiedene Grenzübergänge ins israelische Kernland hinein- und wieder heraus gelangen können, sondern nur noch über 4 bestimmte Übergänge, und dieselben Übergänge, durch welche sie zur Arbeit gefahren sind, auch für die Heimfahrt nutzen müssen; B) sollen diese Arbeiter, die keine Bleibeerlaubnis in Israel haben, nicht mehr mit israelischen Linienbussen aus Judäa&Samaria heraus ins Kernland fahren, sondern lokale Busse der PA-Behörde u.ä. nutzen.Das Ministerium für zivile Belange in Judäa und Samaria (COGAT) sollte diese Anweisungen seit gestern Abend und heute Morgen in Kraft setzen.

Der Grund für die Gesetzesänderung wurde offiziell als Sicherheitsnotwendigkeit im Kampf gegen illegales Eindringen von Palästinensern ins israelische Kernland ohne Überwachung, das erhöhte Potenzial von Terroranschlägen durch diese.

Nach der Veröffentlichung dieses neuen „Pilotprojektes“ heute Morgen explodierten die israelischen Medien, die Updates von reihenweise NGOs und natürlich die auf der Lauer liegende internationale Presse. Sie berichteten in Schlagzeilen über das „Busverbot für Palästinenser“ und zitierten die offiziellen Statements. Manche hatten keine Skrupel, anstatt die trockene Meldung weiterzuleiten, diese mit schmackhaften Adjektiven und Nomen zu schmücken, so „Siedlerbusse“ (Die Welt) und „Siedlerrat“ (Spiegel, Wiener Zeitung und andere) . Übersetzung ins Fachhochdeutsche = israelische Buslinien innerhalb Judäa und Samaria,  israelische Regionalverwaltung von Judäa und Samaria. Mehr zu Siedler-Verkehrsmitteln findet ihr hier

Nach den großen Schlagzeilen und der Torpedierung seitens der medialen und politischen Öffentlichkeit, wurde eine neue Meldung durchgegeben: Regierungschef Netanyahu lud den Verteidigungsminister vor und befahl, das Projekt einzufrieren und (vorerst) nicht ins Leben zu rufen.

Das Update wurde leicht verspätet, aber bei manchen Nachrichtenseiten dennoch durchgegeben.

Irgendwo zwischendrin wurde bei manchen Berichten der erneute Autoanschlag auf 2 Polizisten im A-Tur-Viertel in Jerusalem angeführt, bei dem die Polizisten verletzt und der arabische Täter getötet worden war. DIE WELT beschreibt das Attentat als

„tödlichen Zwischenfall, bei dem zwei israelische Polizisten vom Auto eines Palästinensers erfasst wurden. Der Fahrer aus Ost-Jerusalem sei mit seinem Wagen ausgeschert und in die beiden Grenzschützer gefahren, ein weiterer Polizist habe den mutmaßlichen Angreifer daraufhin erschossen, sagte eine Polizeisprecherin. Die beiden Polizisten seien leicht verletzt worden. Ein Cousin des 41-jährigen Fahrers äußerte sich bestürzt und die Vermutung, dass es sich um einen Unfall gehandelt haben müsse, wie auch Augenzeugen des Vorfalls im Stadtteil A-Tur gesagt hätten. Denn der fünffache Vater sei ein ruhiger Mann gewesen.“

Bei der Frankfurter Rundschau hieß es „möglicher Anschlag“, die Tagesschau befand eine Erwähnung des Vorfalls als nicht relevant.


Ich würde zu den Berichten  meine persönliche Stellungnahme und einen Erklärungsansatz der Situation aus einer Sicht erklären, die mehr Einblick in den Alltag der jüdischen Bevölkerung an den Berührungspunkten mit der arabisch-palästinensischen Bevölkerung, aus der Sicht vieler jüdischer Israelis, vermitteln.

Es fallen dem aufmerksamen Beobachter mit etwas Hintergrundwissen nämlich einige Problemstellen in dieser Affäre auf.

Zunächst einmal passieren palästinensische Arbeiter aus den Gebieten unter PA-Kontrolle mit Arbeits-, aber ohne Bleibeerlaubnis auf dem Weg zu ihrer Arbeit täglich einen Grenzübergang, bei welchem ihre Papiere und das Tragen verbotener Gegenstände geprüft werden. Sie müssen laut Gesetz am selben Tag wieder heimfahren. Tun sie es nicht, halten sie sich illegal innerhalb israelischer Grenzen auf. Wird allerdings nicht kontrolliert, wer hinein- und wieder hinausgeht, kann es leicht vorkommen, dass derjenige in Israel trotz des Gesetzes bleibt, übernachtet, am nächsten Tag arbeitet, oder aber, wenn das Visum ausläuft, gesetzeswidrig innerhalb der Grenzen bleibt.
Das palästinensische Transportnetz existiert , vor allem in Judäa, aber es ist zeitlich mangelhaft aufgebaut und es existiert selbstverständlich nicht im israelischen Kernland.
Das bedeutet, dass sofern der Arbeitgeber (der palästinensische Mittelsmann oder der israelische Auftraggeber) seinen Angestellten keinen angemessenen Transport bereitstellt, der sie um die Uhrzeit X am Übergang oder am Haus abholt und um die Uhrzeit Y wieder zurückbringt, haben diese Menschen keine Wahl, außer nach dem Übergang entweder per Anhalter zu fahren, oder eben in israelischen Linienbussen, die von den Orten hinter zu den Orten vor der 67-Linie fahren.
Nur in Jerusalem gibt es innerpalästinensische Busse, die zwischen Ostjerusalem und Bet Lehem und südlicher pendeln. In diesen fahren keine Juden, wohl aber israelische Araber und Palästinenser.
Wenn die Arbeiter also nach dem Grenzübergang weiter nach Israel gelangen müssen, nehmen sie die regulären israelischen Busse. Darauf befinden sich alle möglichen Leute:  Israelis, Touristen, Juden und Nichtjuden, solche aus dem Kernland und solche aus den Siedlungen.
Seit der Aufhebung des Verbotes für Palästinenser ohne Bleibeerlaubnis, mit diesen Bussen zu fahren (es gab ein solches!), gab es hinreichend Beschwerden seitens Israelis, welche sich ängstigten, in einem Bus voller palästinensische Araber aus allen möglichen Dörfern zu fahren. Es wurden an die Polizei Beschwerden über sexuelle Belästigung von Frauen und Mädchen in Wort und Tat uebermittelt. Ebenso stieg dadurch die Gefahr des Hineinschmuggelns von illegalen Arbeitern ins Land, die keine Bleibeerlaubnis haben und durch die Busfahrt sich ins Landeszentrum begeben und sich dort unkontrolliert beliebig weiter aufhalten könnten. Dies erhöht die Gefahr fuer Terroranschläge in Israel, wie in der Vergangenheit bewiesen worden ist: Zahlreiche Terroranschläge in Israel wurden von sich illegal im Land aufhaltenden Palästinensern verübt.
All das hat dazu geführt, dass man jetzt ein neues Pilotprojekt starten wollte, um die Berührung zwischen den beiden Bevölkerungen, die zurzeit nicht aufeinander abgestimmt sind, zu reduzieren, und ebenso die Zahl der illegalen Eindringlinge und dasTerrorpotenzial zu mindern.
 Laut Berichten – was ich auch für durchaus logisch halte – hätte die neue Regelung den Arbeitsweg der Araber um ein Dopeltes, wenn  nicht gar ein Dreifaches verlängert. Aufgrund der Kritik und vor allem von Vorwürfen, zusätzlichen „Hass der Welt“ auf sich zu schüren (wie DIE WELT es so schön formulierte: Es ist „wie kaum ein anderes geeignet ist, Assoziationen an Apartheidsgesetze zu wecken“) , wurde das Projekt fürs Erste fallengelassen.
Welche Alternativen für die Gemeinschaft der palästinensischen Arbeiter angeboten wurden, und ob sie es wurden, ist mir unklar.
Ich halte also fest.
Es gab/gibt bei der gegenwärtigen Situation mindestens zwei Probleme:
1. Das Problem der palästinensischen Arbeiter, welchen es an Verkehrsmitteln und angemessenen Arbeitsbedingungen mangelt, um den Arbeiteralltag zu meistern. Es gibt keine Abkommen über Transport und keine Wege, um die Ankunftszeit bei der Arbeit und bei der Heimfahrt zu verringern.
2. Das Problem der jüdischen Bevölkerung mit der Bedrohung durch das Hineinschmuggeln von illegalen und potenziell gefährlichen Personen in das Land; und das Treffen auf die arabische Bevölkerung der Dörfer der PA-Gebiete unvorbereitet, wobei die Angst und die Gefahr vor Terroranschlägen, Konflikten, Spannungen und Belästigung geschürt wird.
Die Frage ist dabei, wie erreicht man ein passables Gleichgewicht in dieser komplexen Angelegenheit, ohne die eine oder die andere Gruppe erheblich zu beeinträchtigen und die Sicherheit, aber auch die Menschenwürde aller zu wahren.
Mir fällt momentan keine Lösung ein.

Chaya, das Friedenshindernis

Über das TACHELES-Projekt der ARD habt ihr, verehrte Leser, schon von mir gehört, nicht wahr? Nein? Ihr hört den Namen zum ersten Mal? Dann könnt ihr das ganz schnell nachholen, und zwar hier: Die ARD und ich !

In dieser Woche vom 18.-25.Mai ist das Video von mir Gesprächsgegenstand der restlichen 7 Protagonisten des Projektes: Sherry & Ori aus Teheran/München, Niklas aus München, Samuel aus Frankfurt/Jerusalem, Liad aus Tel Aviv, Gad aus Tel Aviv/Berlin, Joujou aus Deutschland/Jafo, Chris aus Jerusalem/Ramallah. 

Hier auf Youtube:

Hier auf der Seite des Projekts: http://web.br.de/tacheles/

Das Video komprimiert in seinen 4 Minuten die zwei Filmtage, welche ich mit den netten Journalisten vom Bayerischen-Rundfunk-Büro hier bei mir im Karavan und in der Umgebung verbrachte: Filmaufnahmen im „Begegnungszentrum“ Supermarkt, am Zaun und vor dem Einfahrtstor in die Siedlung, im Karavan, mit der Einkaufstasche in den Hügeln.

Vielleicht fragt sich der eine oder andere, wie zum Kuckuck ist denn die ARD über mich gestolpert?

Torsten Teichmann hat vor Kurzem eine Antwort genau dazu bei Twitter veröffentlicht, im O-Ton:

twitterard

Ich nehme an, die folgenden Beiträge waren an meiner Teilnahme „schuld“: Jüdische Siedler in Jerusalemer Altstadt ODER AUCH Der Feind in meinem Bus

Wie war denn die Zielsetzung des Videos?, würde man mich fragen. Vermittlung von knappen Ideen und Weltvorstellungen, würde ich antworten; kurze Reflexion über das eigene Leben, ohne in Details zu gehen und in Erklärungsnot zu verfallen. So viel Eindeutigkeit und Prägnanz wie möglich. Keine Pro-Israel-Kongressrede halten und auch keine philosophischen Diskussionen über den Landanspruch der betroffenen Parteien.

Und natürlich muss Provokation mit dabei sein. Den reißerischen Titel des Videos und den Hauptsatz des Kurzfilms habe ich meinem Zitat aus einer Ansprache von Professor Moshe Zimmermann zu verdanken; dieser trat vor einigen Monaten auf einer Konferenz zu den deutsch-israelischen Beziehungen in Jerusalem auf, zusammen mit dem Schriftsteller Tuvia Tenenbom. und hatte den Grund für Krieg im Nahen Osten schnell parat: die jüdischen Siedler von Judäa und Samaria.

Nun bin ich schon seit einigen Jahren im Bilde über die ideologischen Neigungen Professor Zimmermanns (hier gibt es eine Rezension eines seiner Bücher), aber dieser Satz hatte mich einfach ‚umgehauen‘, wenn man so will, und weil er so außerordentlich peinlich und niveaulos für einen angeblich hochgebildeten Geschichtsprofessor der Hebräischen Universität klang, kam ich nicht umher und habe ihn zitiert.

Ich empfehle sehr, sich das Video anzuschauen und auch die Videokommentare der anderen Beitragenden sich unbedingt anzuhören. Ich kann zu den anderen Beiträgen leider nichts sagen, aber ich verspreche euch, sie lassen einen nachdenken.

🙂

 

 

Rabbiner Levinger, ruhe in Frieden

Rabbiner Moshe Levinger z'l. Quelle: Wikipedia
Rabbiner Moshe Levinger z’l. Quelle: Wikipedia

Am Samstag, dem 17.05.15, ist einer der bekanntesten führenden Persönlichkeiten der Siedlungsrevolution von 1967, ideologischen Grundpfeiler und politischen Aktivisten der Siedlerbewegung, Rabbiner Moshe Levinger, im Alter von 80 Jahren nach schwerer Krankheit verstorben. Gestern mittag wurde er auf dem antiken jüdischen Friedhof in Hevron beigesetzt. Der Beerdigung wohnten nach Angaben israelischer Medien über tausend Menschen bei, darunter der israelische Präsident Reuven Rivlin, Knessetabgeordnete und landesweit bekannte Rabbiner. Hier nun eine knappe Zusammenfassung der zentralen Stationen in Rabbiner Moshe Levingers Leben.

Rabbiner Levinger wurde 1935 als Kind der deutsch-jüdischen Einwanderer Eli’ezer und Paula Levinger in Jerusalem geboren. Seine Eltern waren vor der nationalsozialistischen Herrschaft zwei Jahre zuvor in das Land geflüchtet. Als junger Mann lernte er bei einem der bekanntesten Anführer der nationalreligiösen / religiös-zionistischen Bewegung namens Rabbiner Zwi Jehuda Kook (⇒ über die Lehren von Rav Zwi Jehuda und seinem Vater, dem Oberrabbiner der jüdischen Gemeinschaft im Land Israel vor der Staatsgründung – Avraham Yitzhak Hacohen Kook – werde ich getrennt berichten).

Rabbiner Levinger folgte der Ideologie, die die Wichtigkeit und zentrale Bedeutung des Landes Israel und der Anwesenheit des jüdischen Volkes auf dessen gesamtem Gebiet unterstreicht und ins Zentrum der zionistischen Bemühungen rückt. Nach dem Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967 war es Rabbiner Levinger, gemeinsam mit weiteren jungen Aktivisten wie (Rabbiner) Hanan Porat, der die Bewegung „Gush Emunim“ (der Block der Getreuen) gründete und sich politisch wie gesellschaftlich dafür einsetzte, jüdische Präsenz in das von den Jordaniern befreite Judäa und Samaria zu bringen. „Gush Emunim“ ist der Grundstein der bis heute aktiven Siedlerbewegung zugunsten des Baus neuer Wohnorte hinter der Waffenstillstandslinie von 1948, welche Judäa und Samaria , sowie Ostjerusalem, Gaza und den Golan vom „Kernland Israel“ abtrennte und die erst im Sechs-Tage-Krieg wiedergewonnen werden konnten. Trotz der politischen Unentschlossenheit der israelischen Regierung, alle eroberten Gebiete vollends in den Staat zu integrieren, und der Schaffung des rechtlich fraglichen Status Quo, worunter die Gebiete von Judäa und Samaria (und ebenso der Gazastreifen bis 2005) unter militärische anstelle von offizielle staatliche Verwaltung kamen, bemühten sich Rabbiner Levinger und die Jahr für Jahr wachsende Anhängerschaft, möglichst viele Erfolge in der Besiedelung der Gebiete zu erzielen.

Als besondere Stichworte bei der politischen Aktivität Rabbiner Levingers für die Siedlerbewegung sind die „Park-Hotel-Episode“ in Hevron 1968 und der Siedlungsversuch von Sebastia 1974 (⇒ das Thema „Jüdisches Hevron“ werde ich in naher Zukunft getrennt behandeln).

Rabbiner Levinger gilt als eine Symbolfigur für die Wiedererrichtung einer jüdischen Gemeinde in Hevron, die auch die „Stadt der Patriarchen“ genannt wird, da sich dort die Gräber der Vorväter Avraham, Yitzhak und Ya’akov befinden. Bis zu den arabischen Pogromen 1929 lebten Juden inmitten der muslimischen Gemeinschaft seit hunderten von Jahren. Nach den Pogromen, bei welchem während des bestialischen Massakers mehr als 60 Gemeindemitglieder ihr Leben lassen mussten, wurden die Juden von den Organen des britischen Mandats aus Hevron evakutiert und durften nicht wieder zurückkehren. Nach der Befreiung Hevrons durch die israelische Armee organisierte Rabbiner Levinger eine Gruppe jüdischer Aktivisten, welche sich, als jüdische Touristen getarnt, ein leerstehendes Hotel in Hevron über die Pessach-Feiertage mieten wollten. Die Gruppe zog in das Hotel ein und weigerte sich nach Feiertagsende, dieses zu verlassen, trotz der Anweisung der Militärverwaltung. Die „Beschlagnahmung“ des Hotels durch die Gruppe um Rav Levinger war bis dato ein einzigartiger Präzedenzfall von Aktivismus innerhalb des Staates. Nach längeren Verhandlungen wurden die Aktivisten in eine naheliegende leere Militärbasis überführt, in welcher sie weitere 3 Jahre wohnten und sich weigerten, den  Ort zu verlassen, bis feste Wohngebäude für Juden in der Gegend errichtet sein würden. 1971 schließlich gab die israelische Regierung nach und erteilte die Erlaubnis zur Errichtung der Siedlung Kiryat Arba, welche heute eine der größten Siedlungs- und Absorptionszentren für neue Einwanderer in ganz Judäa und Samaria darstellt.

Dem nicht genug, beschloß Rabbiner Levinger nach der Errichtung von Kiryat Arba, auch für die Rückkehr von Juden in das ursprüngliche Hevron zu kämpfen (dazu siehe später). Er initiierte die Übersiedlung von Frauen mit Kindern in das ehemalige jüdische Krankenhaus im Zentrum des arabischen Hevrons, entgegen dem Widerstand der Armee, und auch diese Tat legte den Grundstein für die heutige jüdische Besiedlung von Hevron und die Rückkehr an historische Plätze, für die archäologischen Ausgrabungen von historischem Maßstab und für die Wiederherstellung der seit 1929 verlassenen Orte.

Rabbiner Levinger (links) und Hanan Porat, Sebastia 1974
Rabbiner Levinger (links) und Hanan Porat, Sebastia 1974

Im Laufe seines Lebens war Rabbiner Levinger die treibende Kraft hinter der Errichtung zahlreicher Siedlungen und Ortschaften in Judäa und Samaria; er gründete und leitete die zivile Regionalverwaltung. Es mangelte nicht an Kontroversen um seine Person durch seine ideologisch fest definierte Ansichts- und Handlungsweise, insbesondere aus dem zentralen und linken politischen Lager. In den letzten Jahren erkrankte Rabbiner Moshe Levinger sehr, was schließlich auch zu seinem Tod führte.

Präsident Reuven Rivlin äußerte sich wie folgt bei der Beerdigung:

„‚Hevron ist die Schwester von Jerusalem‘, schrieb David Ben Gurion an die Erneuerer der jüdischen Anwesenheit in Hevron. Schwer ist für uns die Trennung von dir; dieser Ausdruck bekommt eine neue Bedeutung, jetzt, wo man dich, Rabbi Moshe, der Hevron so teuer ist, zur letzten Ruhe bringt. 

Bei vielen hast du dich mit dem berühmten Sederabend ins Bewusstsein eingegraben, doch ich kenne dich noch als Jerusalemer Jungen. Du bist in einem Heim voller seltener Tiefgründigkeit und Torawissen afgewachsen. Das war dein Kennzeichen. Du warst kein Freund von Konsensus, aber hast niemals die Gelegenheit verschmäht, weitere Menschen für deine Idee zu gewinnen. Du suchtest nicht den Kompromiss, aber du hast auch nie daran gezweifelt, dass nur eine starke Basis dazu führen wird, die jüdische Besiedlung in Hevron zu erneuern. Du glaubtest daran, dass durch den Aufbau von Hevron auch Jerusalem erbaut wird. Du hattest nie aufgehört, an die Erlösung Israels zu glauben und diese zu erwarten. Du hattest um das Recht gekämpft, in Hevron begraben zu werden, und siehe da, genau das geschieht nun.“

Der Todestag von Rabbiner Levinger fiel auf den Vorabend des Jerusalem-Tags, des nationales Feiertags der Befreiung ganz Jerusalems durch die israelischen Streitkräfte von der jordanischen Besatzung. Doch nicht nur Jerusalem wurde in diesem Krieg befreit, sondern auch Hevron, die Stadt, dessen Name für immer mit dem von Rabbiner Moshe Levinger verbunden sein wird. Im Volksmund hatte und hat Rabbiner Moshe einen ganz besonderen Namen: „Der Vater von Hevron.“

1- Die brennende Fackel von Gush Etzion

„Wenn heute ein hebräisches Jerusalem steht, wenn der Todesstoß für die jüdische Besiedlung, die ganz in der Hand des Feindes lag, nicht gegeben wurde – dann gebührt der Dank der israelischen Geschichte und des ganzen Volkes zuallererst den Kämpfern von Gush Etzion…“ (David Ben Gurion, 1948)

Vor genau 67 Jahren fiel der Kibbutz Kfar Etzion, gelegen in der Bergregion namens Gush Etzion zwischen Jerusalem und Hevron, zwei antiken Städten und Zentren jüdischer Geschichte, in einem erbitterten Kampf zwischen den jüdischen Einwohnern, gemeinsam mit den Verteidigungseinheiten und den Kämpfern der Arabischen Legion aus Jordanien und der umliegenden arabischen Bevölkerung. In den letzten Tagen vor der Gründung des Staates Israel am 14.Mai 1948 wurden die vier Kibbutzim in den Judäischen Bergen, auf halbem Weg zwischen Jerusalem und Hevron  – Kfar Etzion, Massuot Yitzhak, En Tzurim und Rewadim – durch die Arabische Legion eingenommen, zerstört und verbrannt. Ihre Einwohner und Kämpfer wurden zur Aufgabe der Positionen gezwungen, im Kampf teils getötet und teils gefangen genommen. Erst 19 Jahre später, im Zuge der Eroberung der Gebiete von Judäa und Samaria im Sechs-Tage-Krieg 1967 konnten die ehemaligen Einwohner der Kibbutzim und ihre Kinder zu den zerstörten Häusern und Ställen und den Gräbern der gefallenen Kameraden zurückkehren, um ihre Präsenz in den Bergen zu erneuern.


Überblick – Geschichte und Kontext

Gush Etzion - Großansicht
Gush Etzion – Großansicht

Die jüdische Anwesenheit in der Region von Judäa reicht zurück bis zu den biblischen Vorvätern Abraham, Yitzhak und Ya’akow, welche zwischen den damaligen Ansiedlungen von Jerusalem und Hevron pendelten und in der Patriarchenhöhle von Hevron begraben wurden. Sie zieht sich weiterhin über die Zeit der Eroberung des Landes durch die jüdischen Stämme von den Kana’anitern unter Jehoschua und über die Geburts- und Regierungszeit König Davids in Hevron und Jerusalem hinweg, gefolgt von den Kriegen der Makkabäer gegen die griechisch-seleukidischen Eroberer, der Herrschaft König Herodes und dem Aufstand jüdischer Kämpfer unter Bar Kochva gegen die Legionen des römischen Imperators Hadrian. Auch als das jüdische Exil seinen Lauf nimmt und die jüdische Bevölkerung sich in ferne Länder zerstreut, bleiben kleine Gemeinden im Kern der antiken Städte Jerusalem und Hevron erhalten und durchleben Fremdherrschaft, Zerstörungen, Kriege, Armut und Seuchen, aber auch Ruheperioden und geistigen Aufschwung bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein.

Die Welle des Zionismus, die vor allem die Juden in Europa erfasst und sie zur Auswanderung in das Land Israel bewegt, um dort ein neues Schicksal  für das jüdische Volk zu schaffen, trägt die frischen Winde des nationalen Aufschwungs auch in die Berge von Judäa. Bis in die 20er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts gibt es nur in Hevron eine kleine jüdische Gemeinde. Wie bei den meisten Neugründungen jüdischer Ortschaften im Land Israel, so ist es auch hier eine Organisation, „Zichron David„, unter der

Rabbiner Yitzhak Grinwald. http://www.etzion-bloc.org.il/
Rabbiner Yitzhak Grinwald. http://www.etzion-bloc.org.il/

Leitung von Rabbiner Yitzhak Grinwald, die sich 1925 aufmacht, einen passenden Ort und Ackerland für die Schaffung einer religiösen landwirtschaftlichen Siedlung in der Gegend von Jerusalem zu suchen. 1927 wird der Ort „Migdal Eder“* gegründet, westlich der heutigen Lage der Gush-Etzion-Kreuzung. Die ersten Siedler sind tiefreligiöse europäische als auch jemenitisch-jüdische Familien und einige Toraschüler. Die Bewohner Migdal Eders erhalten keine Unterstützung durch die zionistische Führung des Landes, haben sehr geringe bis keine Erfahrung in Ackerbau und Landwirtschaft, und haben mit der harten, felsigen

Wasserbecken und britische Polizeistation bei Migdal Eder.
Wasserbecken und britische Polizeistation bei Migdal Eder.

Beschaffenheit des Grundes zu kämpfen, auf welchem die Siedlung errichtet wird. Sie leben in großer Armut bis 1929. Zwei Jahre nach der Gründung wird die junge Siedlung Opfer der landesweiten brutalen Progrom seitens der arabischen Bevölkerung in den Städten und Dörfern des britischen Mandatsgebietes Palästina im August 1929, welche ihren Anfang in Jerusalem nehmen und von dort aus auch die Gemeinde in Hevron erreichen. Bei den Pogromen werden mehr als 66 Juden der Gemeinde in Hevron von ihren Nachbarn und dem gewaltbereiten Mob aus der Umgebung

Familien in Migdal Eder, 1927
Familien in Migdal Eder, 1927

niedergemetzelt und der Rest von der britischen Armee evakuiert. Als die Berichte über die Pogrome die Gegend um Migdal Eder erreichen, kontaktiert der Dorfälteste des arabischen Nachbarortes Bet Ummar die Juden, nimmt diese noch vor Ankunft der Plünderern bei sich im Haus auf und lässt sie durch die Briten verdeckt nach Hevron und dann nach Jerusalem evakuieren.

Migdal Eder hört auf zu existieren, doch die Ländereien bleiben in Besitz des „Zichron David“-Vereins, welcher darum zu kämpfen hat , diese nicht wieder an die Araber verkaufen zu müssen. 1933 schließlich bietet ein Züchter aus Rehovot namens Shmuel Zwi Holzmann seine Hilfe an und kauft die Ländereien von dem Verein, und hinzu noch viele weitere Flächen mit der Absicht, drei neue landwirtschaftliche Siedlungen auf dem Grund zu errichten, und jüdische Landwirtschaft und Viezucht zu fördern.

Der Ländereien-Kauf gestaltet sich schwierig, da die Araber die unfruchtbarsten und steinigsten Flächen zu verkaufen pflegen und zudem der Besitz sich nicht auf eine Person  beschränkt, sondern zumeist einem ganzen Clan gehört und nicht leicht abzukaufen ist. Holzmann schafft  die Organisation „El Hahar“ (eine ihrer Filialen befindet sich damals in Wien), welche sich aus zionistisch motivierten Arbeitern zusammensetzt, die sich 1933 aufmachen, neben einem alten verlassenen russischen Kloster auf einem der Berge der Umgebung das Dorf „Kfar Etzion“ ** zu gründen. Die Entfernung zwischen Kfar Etzion und Jerusalem – ca.21 km, Höhe über dem Meeresspiegel – ca. 900m. Es werden Plantagen errichtet, erste Häuser, Hühner- und Viehställe gebaut. Die Arbeitsbedingungen sind hart; die erste Zeit leben die Arbeiter in Zelten und ohne ihre Familien.

Galerie:  Die Gründung von Kfar Etzion 1933. © http://www.etzion-bloc.org.il/. Einfach auf das Bild zur Vergrößerung klicken!

1936, im Zuge einer weiteren arabischen Pogromwelle, wird die kleine Siedlergruppe nahe des verlassenen russischen Klosters von arabischen Aufständischen bedroht. Die Bewohner retten sich rechtzeitig nach Jerusalem. Kfar Etzion und alle dort bis dato errichteten Projekte werden zerstört.

Sieben Jahre später, im April 1943, erfolgt der dritte Aufstieg, diesmal seitens der Leute der Gruppe „Kwutzat Avraham“, auf die Berge Gush Etzions. Sie gründen auf den alten Ruinen den religiösen Kibbutz Kfar Etzion.

Galerie:  Kibbutz Kfar Etzion. © http://www.etzion-bloc.org.il/. Einfach auf das Bild zur Vergrößerung klicken!

Gush Etzion - die Lage der Kibbutzim
Gush Etzion – die Lage der Kibbutzim

Dies legt den Grundstein für die Errichtung drei anderer Kibbutzim durch religiöse und nichtreligiöse zionistische Bewegungen in den Folgejahren1945 bis 1947: Massuot Yitzhak, En Tzurim und Rewadim, allesamt inmitten dutzender arabischer Dörfer, zu manchen sie teils nachbarschaftliche Verhältnisse pflegen, andere ihnen jedoch feindlich gegenüberstehen.  Die Gründung des Siedlungsblocks ist nicht nur ideologisch gestützt, sondern wird auch wegen ihrer enormen strategischen Wichtigkeit von der jüdischen Führung, allen voran David Ben Gurion, begrüßt: Die Grenzen jüdischer Ansiedlungen im Mandatsgebiet sollen in absehbarer Zukunft die Grenzen eines Staates bestimmen, um dessen Errichtung sich die Führungskräfte angesichts der Entwicklungen im Nahen Osten und in Europa und Amerika bemühen. Der Etzion-Block könnte durch seine Anwesenheit die Verbindung zu Hevron und den Puffer um Jerusalem herum bilden – eine Berechnung, die sich im Unabhängigkeitskrieg 1947-1949 als wahr erweist und fatale Auswirkung auf die Region hat.

 Teil 2: Reaktionen auf den UN-Teilungsplan 1947, der Unabhängigkeitskrieg, der Fall Gush Etzions, Neuanfang 1967 bis heute

Fortsetzung folgt!


 

Der Name leitet sich aus dem Vers 20 im 1.Buch Moses, Kap.35 ab, in welchem der Name „Migdal Eder“ erwähnt wird, aufgrund der Nähe des Ortes am antiken Wanderweg des Vorvaters Ya’akov.  

** Holz, auf Hebräisch: Etz, daher auch der Name: Etzion. 


 

Quellen: 

„Gush Etzion“, Johanan ben Ja’akov, 1982

http://www.nrg.co.il/online/1/ART2/690/264.html?hp=1&cat=402&loc=1

http://www.etzion-bloc.org.il/

Feldinstitut Kfar-Etzion

http://lib.cet.ac.il/

NEWS: Abriss zweier Häuser in Teko’a

Heute morgen wurden 2 Häuser in der Siedlung Tekoa D vom israelischen Grenzschutz niedergerissen, eins davon aus Beton. Die Anweisung zur Zerstörung der Häuser kam vom Verteidigungsminister Moshe Ya’alon und wurde eine Woche vor dem Abriss an die Bewohner weitergegeben.

Hier eine Übersicht der Fotos vom Häuserabriss. Quelle: Daniel Brochin: 

Hier liegt Teko'a.
Hier liegt Teko’a.

Teko’a D ist die neueste der 3 Erweiterungen der Hauptsiedlung Teko’a, im Osten Gush Etzions, am Wadi Teko’a, welche am Rande der Judäischen Wüste liegt.
Die zerstörten Häuser gehörten den Familien Levy und Niro. Laut dem Statement des Vorstandes der Bezirksverwaltung Gush Etzion, Davidi Perl, wurden diese erst vor Kurzem zum Bewohnen freigegeben und daher sei es nicht verständlich, weshalb der Abriss durchgeführt worden ist.
Wie Channel 7/Israel National News berichteten,  war der Baugrund, auf welchem die Häuser errichtet worden waren, laut der zuständigen Behörde für Zivilverwaltung in Judäa und Samaria kein privatisiertes und bebautes arabisches Land, sondern seit langer Zeit nicht mehr berührter, unkultivierter Felsgrund. Mithilfe von Luftaufnahmen ließe sich dies leicht feststellen – so Bezirksvorstand Davidi Perl im Interview mit INN. Ebenso stellte er fest, dass dem neuen Prüfungsteam, welches in der Bezirksverwaltung zusammengestellt wurde, um Landbesitz- und Baufragen zu prüfen, keine Chance gegeben worden war, diesen Fall zu untersuchen;  die Häuser wurden noch vor dem abschließenden Ergebnis niedergerissen.

Einwohner von Teko’a und Umgebung, die von dem Vorfall erfuhren, zeigten sich bestürzt.
(Quellen – INN, privat).

Die ARD und ich

Die neue Woche hat begonnen –  und mit ihr die Veröffentlichung einiger Projekte, an welchen ich in den letzten Wochen mitgearbeitet oder gar eine der Hauptfiguren gespielt habe. 

ardscreenDas Projekt „Tacheles“ ist ein neues und geistreiches Projekt des ARD, produziert vom Hörfunkstudio der ARD in Tel Aviv und dem PULS-Programm des Bayerischen Rundfunks, ins Leben gerufen zum 50.Jubiläum der deutsch-israelischen Beziehungen. Das Projekt soll einen gründlichen Blick auf die neue Generation von Deutschen, Juden und Israelis werfen und primär ihre Perspektive auf die Dinge darstellen. Das Besondere daran – Protagonisten aller möglichen Hintergründe geben ihren „Senf“ zu den deutsch-israelischen Beziehungen, stellen ihre Lebensstile vor und lassen diese von den jeweils anderen kommentieren – alles aus Video. Es gibt jeweils Vorstellungsvideos und Kommentar-Möglichkeiten. Ein visuelles Brainstorming also, und weitaus authentischer als ein gut recherchierter Forschungsartikel über die letzten 50 Jahre zwischen Israelis und Deutschen es je sein könnte.

Meine Wenigkeit wurde über den Blog von Herrn Teichmann vom ARD-Studio angeschrieben, und als ich dem Vorschlag, beim Projekt mitzumachen, zusagte, erschien bei mir den Monat darauf auch ein nettes Filmteam, und zusammen sind wir über die Hügel, Straßen und Katzen des „Westjordanlandes“/Judäa mit der Kamera und dem Mikrofon gelaufen, und ich wurde mit allerhand Fragen konfrontiert. Das Leitmotiv der Clips, welche mit mir gedreht wurden, war „Zuhause“  -und natürlich auch die Politik.

Ein weiteres Projekt aus fast derselben Feder, nämlich als Initiative der PULS-Redaktion des Bayerischen Rundfunks, ist ein ca.10-minütiger Film über „Zwei Juden, zwei Welten“ – nämlich den Israeli Gad aus Tel Aviv, wohnhaft in Berlin, und mich, die „deutsche Jüdin aus dem Westjordanland“.  Eine Reportage von ca.10 Minuten, in welcher beide Lebenswelten gegenüber gestellt werden und einige recht prägnante Dinge ausdrücklich gesagt werden.

TALKING TACHELES – Projekt dauert bis Mitte Juni:

PULS-Programm  – „Zwei Juden, zwei Welten“:

 

Viel Effort und Kreativität wurden in die Projekte investiert, mit einer guten Portion an Respekt für Meinungs- und Ideenfreiheit. Da kann ich nur sagen – good job, ARD!

 

Siedlungen und Sicherheit 2

Im ersten Teil des Beitrags habe ich über die besonderen Aspekte der Sicherheitslage von Siedlungen in Judäa und Samaria  berichtet. Nun geht es um den Ernstfall –  wenn ein Alarm ertönt. 


Zunächst einmal eine persönliche Geschichte dazu:

Wo liegt Tal Menasche?
Wo liegt Tal Menasche?

Vor etwa einem Jahr war ich bei einer Familie in der Siedlung Tal Menasche im Norden Samarias übers Wochenende eingeladen. Es war Freitagabend, wir versammelten uns alle um den Shabbat-Tisch und waren schon mitten im Abendessen, da erklang auf einmal eine Sirene, aus einem alten, scheinbar sinnlos im Flur liegenden Walkie-Talkie tönten Rauschen und Stimmen. Ich verstand nichts, sprang aber mit allen anderen auf. Einige Minuten später klopfte es auch an die Eingangstür, die Eltern fragten kurz nach und der älteste Sohn der Familie in voller Montur – Armee-Schutzweste, Helm und Gewehr – stand im Wohnzimmer. Ich war relativ sprachlos – wann sieht man sonst einen Offizier in Armeekleidung und am Telefon mitten am traditionellen jüdischen Ruhetag in ein Wohnhaus hineinkommen. Was war geschehen?

Der Mann währenddessen breitete auf dem Esstisch eine Karte aus, bückte sich gemeinsam mit seiner festlich gekleideten Mutter über die Karte und begann, auf einige Straßen und Häuser zu zeigen. Sie unterhielten sich angeregt, holten dann eine Liste und ein weiteres Telefon hervor und begannen, Anrufe zu tätigen. Das alles wurde von Stimmen aus dem Walkie-Talkie begleitet.

Ich bekam schnell meine Erklärung für das Geschehen. Die Sirene, und auch die Ansagen über das Funkgerät bedeuteten Alarm – Verdacht auf unmittelbares Eindringen in die Siedlung. Der Sohn in Offizierskleidung war ehemaliger Offizier im Reservedienst und in der Siedlung der Einsatzleiter des zivilen Notrufkommandos, welches bei Verdacht auf terroristische Tätigkeiten für den Schutz der Bewohner verantwortlich ist, bevor Spezialkräfte zum Tatort gelangen und den Einsatz übernehmen können. Die Hausfrau war u.a. verantwortlich für einen Teil der Koordinierung der Kräfte innerhalb der Siedlung und hatte die Adressen und Daten aller relevanter Ansprechpartner.

Da ich zum Zeitpunkt des Geschehens selbst in der Armee war (aber nicht in einer Kampfeinheit), erklärte ich mich bereit, das Notrufkommando, alles Familienväter mit Armeeausrüstung, zu begleiten und bei einer Mutter mit ihren Kindern im Haus Wache zu schieben, da sich diese nicht mit solchen Situationen auskannte und alleine mit den Kindern im Haus war. Auf den Straßen liefen Soldaten und die Einsatzleute umher, die Armee war schon angekommen und fahndete nach dem möglichen Eindringling. Im Haus der Frau schloss ich alle Fenster und Türen und blieb mit dem Kommando per Telefon in Verbindung, um zu wissen, wann der Einsatz vorbei wäre.

Das Ganze entpuppte sich nach etwa einer Dreiviertelstunde als ein Fehlalarm – ein Gastjunge hatte versehentlich an einer falschen Tür geklopft und war wohl danach geflüchtet, um nicht erkannt zu werden, und wurde so für einen Terroristen gehalten. Um 1 Uhr nachts war alles vorbei. Ich bekam an diesem Abend aber eine eindrucksvolle Demonstration der Bereitschaft aller Beteiligten und die Ernsthaftigkeit, mit welcher eine Gefahr für die Bewohner wahrgenommen worden ist.


 

Was bedeutet es, einen „Alarm in der Siedlung“ zu haben?

Schon mehrere Jahre ist es her, dass das Sicherheitskonzept der Vorwarnung für jüdische Einwohner in Judäa und Samaria durch Sirenen und Anrufe/mobile Nachrichten ausgearbeitet worden ist. Dieses System ist durch die Zusammenarbeit mit der Armee sowie mit der zivilen Verwaltung entstanden, um die Sicherheit in den Siedlungen zu erhöhen. Ein Alarm wird demnach ausgelöst, sobald eine Meldung von der Armee oder bei der Sicherheitszentrale in einem Ort beispielsweise über Kameras eingeht, die auf ein Eindringen von Terroristen in die Siedlung bzw. die Annäherung Verdächtiger an den Siedlungszaun hinweist. Ein solcher Alarm richtet sich an die Bewohner und der Code, der dabei durch zentrale Lautsprecher ausgerufen wird bzw. die Klangsequenz, die abgespielt wird, sind allen durchgehend bekannt. Die Anweisungen beim Hören der Sirene oder seit neuester Zeit auch nach dem Eingehen einer SMS mit entsprechendem Inhalt sind klar:

Alle Bewohner haben sich umgehend in ihre Häuser oder andere verschließbare Räume zu begeben, diese zu schließen, bei Abend- oder Nachtzeit das Licht auszuschalten und auf weitere Anweisungen zu warten. Bis auf Weiteres darf niemand das Haus verlassen, bis die Warnung aufgehoben wird.

Für das Notrufkommando, eine Einheit von mehreren (männlichen) Einwohnern der Siedlung, meist Reservesoldaten, welche ihre Notausrüstung (Schutzhelme und -westen, Gewehre, Munition, Funkgeräte), bedeutet der Alarm höchste Einsatzbereitschaft. Die Mitglieder dieser freiwilligen Einheit müssen Tag und Nacht erreichbar sein, um als Erste den Einsatz gegen potenzielle Gefahren zu führen, bevor Spezialkräfte – Armee, Polizei, Notdienst – vor Ort sein und die Aufgabe übernehmen können. Das Bereitschaftskommando, wie es sich auch auf Hebräisch, existiert in jeder Siedlung in verschiedener Größenordnung, und ist direkt mit der Armeeeinsatzzentrale und anderen Hilfskräften verbunden.

Zurück zum Alarm. Es gibt verschiedene Alarm-Abstufungen von 1 – 3, wobei bei den ersten beiden Stufen die zivile Bevölkerung nicht belangt wird – so wie die Fahnung und Festnahme von organisierten Gruppen, die auf dem Weg zu einem Terroranschlag sind und möglicherweise in die Nähe einer Siedlung gelangen können, eine Warnung von einem möglichen Zeitpunkt, wann ein Einzelner oder eine Gruppe einen Anschlag planen und desweiteren mehr. Die dritte und letzte Stufe ist der direkte Verdacht auf das Eindringen über den Zaun oder die nicht umzäunte Ortsgrenze in die Siedlung hinein  – sei es nun mit der Absicht, zu stehlen, oder zu töten. Der Alarm ertönt sowohl tags- als auch nachtsüber.

Von wem wird er ausgelöst? Es kann der ganz normale Wächter sein, der auf den Bildschirmen der Kameras an einigen Zaunpunkten plötzlich unerwartete Gestalten entdeckt, die sich am Zaun zu schaffen machen; es kann ein verdächtiges Auto am Zaunrand sein, oder Menschen, die sich zu einer ungewohnten Zeit auf einem Feld oder über einen Berghang in Richtung einer Siedlung bewegen; es können die Nachrichtendienste der Armee oder der Polizei sein oder einzelne Zivilisten, die eine verdächtige Beobachtung weiterleiten, damit diese geprüft wird.

Nicht immer hat es dieses Warnsystem gegeben; wie immer ist auch dieses auf bitteren Erfahrungen erbaut und ausgearbeitet worden, und nicht immer schützt es vor Tragödien – wie im Falle der Familie Fogel aus Itamar, deren fünf Familienmitglieder  – Eltern und Kinder –  im März 2011 von zwei in die Siedlung eingedrungenen Terroristen brutal in ihrem Haus ermordet wurden.

Auch in Alon Shevut, meiner Siedlung, hat es Fälle gegeben, in welchen der besagte Alarm ausgelöst worden ist. Vor etwa einem Monat wurde eine Gruppe Verdächtiger durch die Überwachungskameras gesichtet, die versuchten, auf den Ortszaun zu klettern. Die Einsatzkräfte, die nach Erhalten der Meldung zum Tatort stürzten, konnten die Gruppe vertreiben.

→ Über das Alarmsystem und seine Bedeutung klärten mich der Sicherheitsbeauftragte der Regionalverwaltung Gush Etzion, Pinhas Hershler, und Oberstleutnant (RD) A.Szanton auf. 


Shimon Zukerman  ist ein guter Bekannter von mir, aber auch als Verwaltungsvorsitzender der Siedlung Kfar Eldad im Osten Gush Etzions tätig. Er ist in Belgien geboren und lebt mit seiner Familie in Judäa. Neben allen logistischen und sozialen Aufgaben, die er für die Einwohner der Siedlung bewältigen muss, muss sich Shimon Zukerman auch in den Sicherheitsfragen auskennen und die richtigen Beauftragten einstellen, die dann für alle Belangen der Einwohner und der Armee zu sorgen haben. 

Hier liegt Kfar Eldad
Hier liegt Kfar Eldad

Kfar Eldad ist ein kleiner Ort von etwas über 100 Familien, sowohl religiöser als auch sekulärer Ausrichtung, im Osten von Gush Etzion und am Rande der Judäischen Wüste. Er existiert seit Sommer 1994. Die nächstgrößte Siedlung ist Teko’a und die nächstgrößte Stadt Jerusalem. In den letzten Jahren mussten sich die Bewohner von Kfar Eldad mit zahlreichen Störungen  seitens organisierter linksextremer Gruppen aus dem In- und Ausland auseinandersetzen, welche gemeinsam mit Gruppen lokaler Araber Demonstrationen, Provokationen  und auch Zusammenstöße mit derArmee und den Bewohnern veranstalteten. Kfar Eldad ist umgeben von arabischen Kleinorten und die Schnellstraßen ins Zentrum von Gush Etzion sowie nach Jerusalem führen alle teilweise mitten durch diese. Sicherheit ist in den Augen von Shimon Zukerman ein zentraler Aspekt, aber er limitiert ihn nicht nur auf das Technische, sondern sieht die Ursprünge viel tiefer: 

„Was hindert die Araber daran, uns anzugreifen? Die Abschreckung. Eine Abschreckungspolitik, die auf verschiedene Arten ausgeübt wird. So ist die Mentalität hier, so sind die Spielregeln im Nahen Osten.

Was dagegen führt dazu, dass jemand es wagt, auf einen Schutzzaun zu klettern? Ein Verlust des Kräftegleichgewichts. Das Schwinden der Abschreckung. Anzeichen von Schwäche. Das können ganz unterschiedliche Anzeichen sein, nicht unbedingt seitens der Armee. Es kann das Vermitteln von Furcht sein, Furcht auf unserer Seite.Wenn sie anfangen zu spüren, dass die Abschreckung schwächer wird, können sie es wagen, auf den Zaun zu klettern und anzugreifen. Das Gleichweicht wird gestört – wir werden nicht mehr als eine Kraft wahrgenommen, werden schwächer, und dadurch werden sie stärker.

Die Schwäche, sie liegt im Geist. Die Europäer, die hierher kommen   –  und meines Erachtens auch viele von uns  – versuchen mit aller Kraft, die Realität hier zu vergewaltigen, ihr die abendländische Sicht- und Denkweise aufzuzwingen. Beispielsweise aller Arten von Anarchisten aus Schweden, die hier angelangen – sie wissen nicht, worauf sie sich einlassen. Die Mentalität des Nahen Ostens ist anders. Die Bevölkerung, die hier lebt, findet ihre Stärke  im Glauben und in geistigen Werten. Dieser Glaube ist voller Lügen, und die Werte voller Gewalt, aber dennoch ist es ein Glaubens- und Wertesystem und von dort kommt die Stärke. Was kann man machen, der Islam ist eine Kultur der Macht. So wachsen die Menschen hier auf, sie atmen es mit jedem Atemzug. Wenn man beispielsweise auf der Straße bei Teko’a an einem Dorf vorbeifährt, kann man täglich sehen, wie Kinder geschlagen werden, in der Öffentlichkeit. Das ist die Kultur. Der muslimische Mann ist jemand, der Selbstbewusstsein hat, der stark, oder, wenn man will, mächtig ist, der die Richtung kennt.

Wenn man diese Sprache richt, dann kann man Beziehungen aufbauen. Ich weiß es und behaupte  – wer am Besten mit den Arabern reden kann, im ganzen Land, das sind allein die Siedler. Denn sie verstehen, worum es geht, sie sprechen die Sprache. „

Tag der Gefallenen Israels, 2015

Quelle: IDF Blog. (Gili Yaari/Flash90)
Quelle: IDF Blog. (Gili Yaari/Flash90)

Der Gedenktag für die Gefallenen der israelischen Armee, der Sicherheitskräfte und der Terroropfer ist gekommen. Jedes Mal kommt er als eine zu erwartende, und unausweichliche Einleitung zu dem Geburtstag unseres Staates. Er bäumt sich vor uns auf wie ein großes, angsteinflößendes, schweres Eingangstor. Hinter ihm erkennt man einen dunklen Korridor, und an seinem Ende blinzelt mit angenehmen, hellen Strahlen der Ausgang entgegen – der gleichzeitig der Eingang in eine Festhalle ist, und in ihr findet man Freiheit, Unabhängigkeit, und Seelenruhe. *

Und ein jeder, der sich hier in unserem Staat befindet, ob bewusst oder unbewusst, muss diesen Korridor überwinden, um in die Halle einzutreten. Unsere Nation hat sich für diesen Gedenktag an einen interessanten Brauch gewöhnt – welcher nicht nur den Besuch auf den Friedhöfen, das Anzünden von Kerzen und das Vortragen von herzzerreißenden Reden beinhaltet. Nein, es gibt auch Gesang. „Wir singen und erinnern uns“ – nach diesem Motto veranstalten fast jede Gemeinde und jeder Ort ein Zusammentreffen an diesem Tag, und betont das Singen. Denn Gesang öffnet Herzen. Gesang verbindet. Er bring die Seele zum blühen, und auch wenn nur für einen kurzen Augenblick, so streckt der Gesang doch seine zarten Melodien wie Arme in einer liebenden Umarmung aus und versucht, die Lücke im Herzen zu überbrücken.

Was der Gesang noch macht, ist eine Verbindung zu schaffen zwischen Menschen, die mit dem Verlust eines Nahestehenden vertraut sind, und solchen, die das  Gefühl nicht kennen. Ich bin unter den Letzteren. Ich habe schon einige dieser Gedenktage in den letzten Jahren seit meiner Einwanderung nach Israel erlebt, und obwohl ich auch im Ausland von dem Tag der Gefallenen sowie vom Unabhängigkeitstag gewusst habe, bin ich erst hier auf das Phänomen der gelebten jüdischen Kollektiverinnerung gestoßen. Ich befinde mich noch immer am Anfang der Verinnerlichung dieser Erscheinung. Und erst recht bin ich nicht dort angelangt, wo ich sagen kann, dass ich weiß, worum es eigentlich geht. Ich sehe die Trauernden, und spätestens seit dem letzten Krieg im Sommer hatte ich Angst vor dem Tag der Gefallenen, an welchem neue Namen aus dem letzten Krieg zu der Totenliste hinzugefügt werden würden. Dasselbe, was die Terroropfer angeht. Immer mehr und mehr Namen, und es scheint, es gäbe kein Entrinnen vor dem Eintragen von immer neuen Namen auf die Gedenktafeln.

Ich begehe den Gedenktag zusammen mit allen anderen, aber was mein persönliches Gefühl angeht, so empfinde ich häufig, als würde es alles ohne meine Beteiligung um mich herum geschehen, und ich sitze nur da und beobachte es. In den letzten Jahren habe ich verschiedene Arten von Veranstaltungen zum Thema besuchen können. In meiner Armeezeit, davor und danach. Jedes Mal war es eine andere Erfahrung, es gab viele neue Emotionen und ein großes Lernpotenzial. Und dennoch kann ich das Ganze nicht komplett verstehen  –  wie sehr das jüdische Volk mit seinem Blut mit dem Land verbunden ist, und inwiefern all diejenigen, die gekämpft haben und gefallen sind, zusammen ein einziges großes Puzzle des Landes  zusammen stellen. Das berühmte „Silbertablett“ von Nathan Alterman ** – es ist genau das, was ich unter mir zu spüren meine, wenn ich Zeuge davon werde, was sich im Herzen dieser Nation am Tag der Gefallenen abspielt. Ich ruhe mich auf diesem Silbertablett aus. Ich möchte an allem teilhaben, ich danke Gott dafür, dass ich Verlust und Trauer nicht kenne, aber dann fühle ich mich – einsam? Falsch verbunden? Schuldig? Ja, wie denn eigentlich?

Ich bin neu in diesem Land, und dabei bin ich noch eine derjenigen Immigranten, die sich alle Tage immer wieder um eine vollständige Integration in der Gesellschaft bemüht, nie eine Gelegenheit verpassen will, wie „alle anderen“ zu sein. Doch in diesen Tagen fühle ich mich etwas außenstehend. Es tut mir weh, dass ich den Schmerz all der teuren, geliebten Menschen hier nicht entsprechend aufnehmen und mich auf ihn beziehen kann; all dieser Menschen, die einen Preis für das Leben in Israel bezahlen mussten. Ich würde gerne seelisch in der Lage sein, sie zu verstehen, und diese Einheit zu spüren, ohne dabei das Gefühl zu haben, hier auf eine Art „gratis“ zu weilen, keinen Preis für mein Dasein hier bezahlt zu haben. Denn ich naiver Mensch bin hierhin vor lauter Begeisterung über das Heilige Land gezogen, und sie, diejenigen, die zahlen mussten, kennen und lieben es aufrichtig.

Vielleicht ist meine Gedankenrichtung nicht richtig, und vielleicht sollte ich das Ganze noch einmal neu betrachten und analysieren, und die Sicht auf die Dinge revidieren. Aber dies ist momentan der spürbarste Verbindungspunkt, den ich zu diesem Tag habe – aus dem Wunsch heraus, den Schmerz des Verlustes von anderen zu verstehen, und dadurch vielleicht ihre Last etwas geringer werden zu lassen, auf geistiger und nationaler Ebene, wenn schon nicht auf einer praktischen.

Denn ich möchte, dass der Übergang vom dunklen Korridor in den Festsaal ein bisschen weniger angsteinflößend und schwer ist, und damit wir alle zum Fest der Unabhängigkeit mit einer wahren Hoffnung und Liebe in unseren Herzen gelangen.

 


 

In Judäa und Samaria, so wie in allen Orten Israels, werden lokale und regionale Gedenkzeremonien, Gesangsabende und mehr durchgeführt. Manche sind mehr, andere weniger zahlreich. Es gibt auch solche, die nach Jerusalem gehen, um dort größeren Events beizuwohnen, so zum Beispiel einer großen Veranstaltung mit Gesang und Vorlesungen im „Sultan’s Pool“ in Jerusalem, nahe der Altstadt. Zu den Events kommen junge und alte Menschen. Hier die Fotos einer eher intimeren Veranstaltung aus dem Naturreservat Oz veGaon an der Gush Etzion-Kreuzung. Es gab Gesang und zwei Vorlesungen von Briefen, einer Ansprache eines Vaters, der seinen Sohn verloren hatte und einen Film über den letzten gefallenen Soldaten aus Gush Etzion, Yochai ‚Juha‘ Kalangel, einem 25-jährigen Major und Vater eines kleinen Mädchens, welcher von Hizbollah-Terroristen beim Einsatz an der Libanongrenze am 28.01.15 zusammen mit einem weiteren Soldaten, Dor Chaim Nini, getötet worden war.

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*in Anlehnung an die Metapher der Mishna im Talmud, Avot 4, 16: „Rabbi Yakov sagte, diese Welt ähnelt einem Korridor vor der nächsten Welt. Bereite dich im Korridor vor, um in die Festhalle einzutreten.“

** „Das Silbertablett“ – ein Gedicht zur Schaffung des jüdischen Staates, vom israelischen Dichter Nathan Alterman. Eine einigermaßen korrekte Übersetzung, wenn auch keine dichterische, findet man hier: http://jafi.jewish-life.de/zionismus/people/Alterman.html