In diesen Tagen, zwischen den zwei heiligsten jüdischen Feiertagen, dem Neujahrestag und dem Versöhnungstag (Yom Kippur), stehen zehn besondere Tage, die sogenannten „Tage der Rückkehr“. In diesen Tagen, so heißt es, ist Gott denjenigen, die Ihm nah sein wollen, und eine Verbindung mit Ihm suchen , nachdem sie diese über das Jahr hinweg erneut verloren oder ihre Wahrnehmung für diese abgestumpft haben, besonders nahe. „Rückkehr“ (Teshuva) ist ein bekanntes und zentrales Konzept im Judentum und impliziert, dass der Mensch – genauer genommen der Jude/die Jüdin – zu ihrem geistigen Selbst und der ursprünglichen Reinheit ihrer Seele zurückkehren, nachdem das Leben und all seine Belange sie in verschiedene Richtungen treiben konnten, die weit entfernt sind von dem, was Gott oder sie selbst eigentlich von sich wollen. Kein einfaches Konzept, und impliziert eine Menge Glauben und Gottvertrauen – etwas, was in der westlichen Welt heutzutage sehr schwer aufzufinden ist, da die Weltansicht des Atheismus und der geistigen Gleichgültigkeit aus Mangel an gebührenden Alternativen grassiert und alles unter sich begräbt.
Wie dem auch sei, überall im Land finden auf Geist und Seele bezogene Veranstaltungen statt – vor allem Vorträge über jüdische Weltsicht und musikalische Events. Auch in Judäa und Samaria, welches mehrheitlich von Juden bevölkert wird, die es mit ihrer Religion und Tradition ernst meinen, finden diese statt.
Tanzende Frauen beim Konzert
Ein solches Konzert, im Naturpart „Oz veGaon„, bei dessen Aufbau ich vor einem Jahr aktiv dabei gewesen bin, habe ich für euch ein wenig aufgenommen. Hier kann es angehört werden:
Die Texte, welche die Musiker, David Litke, Nehemya Litke und Steve Rodan hier singen, stammen aus der jüdischen Liturgie.
"Ich werde sie zu Meinem heiligen Berg bringen, und ihnen Freude bereiten in Meinem Gebetshaus. Ihre Gebetsopfer werden auf meinem Altar zu meinem Wohlwollen sein, denn Mein Haus wird ein Haus des Gebetes heißen für alle Völker." (aus Jesaja/Jeshajahu, 56, 7)
"Er erinnert sich an die Güte der Vorväter und erlöst ihre Kindeskinder um Seines Namen willen mit Liebe", (aus dem Achzehngebet)
Nadia Matar (links) und Yehudit Katzover
Organisiert wurde die Veranstaltung durch die Leiterinnen des Naturparks „Oz veGaon“ und die Vostände der Organisation „Frauen in Grün“/“Women in Green“, Yehudit Katzover und Nadia Matar. Über sie werde ich einmal getrennt berichten.
Schöne Neuigkeiten. Auf den israelischen Nachrichtenseiten Srugim und Cursorinfo wurde berichtet, dass in den letzten Wochen eine Gruppe von Neueinwanderern aus den Vereinigten Staaten nach Israel gekommen ist und sich in die Stadt Efrat in Gush Etzion, Judäa aufgemacht hat, um dort ein neues Leben in der neuen Heimat zu beginnen. An und für sich eine erfreulich, jedoch keine außergewöhnliche Nachricht für das von amerikanischen Einwanderern reich besiedelte Efrat, wäre da nicht das Ehepaar Bandos: Felix und Feiga Bandos aus Wisconsin, beide 94 und 90 Jahre alt. Felix und Feiga hatten sich im Zweiten Weltkrieg in einem der schrecklichsten Plätze für die Juden von damals kennengelernt – im Konzentrationslager Bergen-Belsen auf deutschem Boden. Nach der deutschen Kapitulation und der Auflösung der Konzentrationslager zogen die beiden zunächst nach Schweden und anschließen in die USA, wo sie bis zuletzt gelebt hatten. Ihre Tochter Marylin lebte schon über 25 Jahre in Efrat, als sie von dem Wunsch ihrer Eltern erfuhr, nach Israel umzuziehen. Felix und Feiga erfüllten sich nicht einfach einen Wunsch, sondern den Traum ihres Lebens und zogen im Alter vpn über 90 Jahren nach Judäa.
(Dabei sei erwähnt, dass sich speziell Efrat zurzeit in einem Bauboom in zwei neuen Vierteln befindet, in welchen an die 1000 Wohneinheiten zur Verfügung stehen werden.
„Nebel umhüllt die Berge. Mein Bus schlängelt sich die Straße hinauf. Ich wundere mich, wieso die Scheiben nicht gesichert sind. Es ist ein einfacher Linienbus auf seinem Weg durch Dörfer, Felder und Berge, übersät mit Steinen und Büschen, soweit das Auge reicht. Er schaukelt auf und ab. Hier und da fährt er entlang einer grauen Mauer, aber sie wechselt schnell zu einen Drahtzaun. Die Straße wirkt einsam, aber gut befestigt. Bereit für den täglichen Verkehr. Die Straßenschilder sind dreisprachig, die Namen ähnlich und sind manchmal bekannt. Oft hört man sie im Fernsehen oder kennt sie aus dem Geschichtsbuch: Jerusalem, Ramallah, Bet El, Itamar.
Vom Aussehen sind die meisten gleich – es gibt Siedlungen mit roten Dächern, weißen Fassaden, vielen Blumen und Bäumen. Andere haben flache, weiße Dächer, kaum Pflanzen, stattdessen aber Plantagen. Die Bauten sind klein. Es gibt keine großen Kreuzungen in dieser Gegend, keine Hochhäuser, keine Parkplätze, keine Neonreklame. Über den Häusern schwebt weißer Nebel und auf der Straße ist viel Staub. Manchmal tauchen Tiere auf oder vereinzelte Menschen im einem Garten oder Café. Am Himmel – Stille. Es gibt wenig Verkehr, daher auch wenige Tankstellen. Sucht man nach etwas Typischem in dieser Gegend, so sind es Fahnen und Banner. Auch diese sind mehrfarbig und mehrsprachig. Die Fahnen gehören nicht ausländischen Botschaften, sondern den Völkern, die diese Gegend Haus an Haus und Hügel an Hügel bewohnen. Es sind nur zwei, und dennoch kommen sie nicht miteinander aus.
Wir sind im bergigen Hochland in Samaria, in Shomron, heute bekannt als die Westbank. Eine ferne Welt. Sie ist so anders als das, was man über sie hört und zu wissen meint. Es ist Freitag und in den jüdischen Siedlungen, auf den Hügeln verstreut, bereitet man sich auf Shabbat vor. Durch den Nebel ruft aus benachbarten Orten der Muezzin. Nach der Busfahrt steige ich an einem Armeestützpunkt in ein Auto um. Nach kurzer Zeit, fährt es an einen Schlagbaum heran. Der Fahrer hebt die Hand. Wird durchgelassen. Die kleine Ansiedlung ist dürftig geschützt, im kleinen Häuschen sitzt ein junger Mann. Er winkt. Meine Freundin holt mich von der Einfahrt ab. „Menachem“, ruft sie dem Wächter zu, „komm zu uns am Abend.“ Die Straßen sind asphaltiert, aber am Rande wird gerade ein neuer Häuserblock errichtet und überall liegt weißer Staub: Schöne Häuser, aus weißem Marmorersatz. Neu. Solche, wie das Haus meiner Freunde, bestehen zum Teil noch aus Holz.
Wir gehen ins Haus. Eine bescheidene, sehr heimische Welt umfängt mich. Ich merke schnell – hier leben keine „Städter“. Die engen Zimmer, das zerrissene Sofa, die Holzschränke und der Gemüsegarten, sie lassen mich verschämt meinen Koffer in die Ecke drücken. Ich fühle mich, als hätte ich hoffnungslos Übergewicht bei mir, als wäre ich die Einzige, die an sinnloser Last hängt. Was hier zählt, ist Natur und Familie. Nein, sie leben nicht weltfern. Aber ihr Alltag ist viel einfacher und es macht ihnen nichts aus. Ich halte Ausschau nach typischer „Siedlerkleidung“- bunte Schals, Hosen und Kleider, Flickenmode und langes Haar. Diese Familie ist wohl kein typisches Beispiel, denke ich. Später am Abend erfahre ich, dass die Eltern unter den Ersten gewesen sind, die den Ort vor 20 Jahren gegründet haben. Sie kennen die Einwohnerzahlen, die Nachbarn, ihre Kinder und die Orte, an denen man gefahrlos spazieren kann. Sie arbeiten in der lokalen Yeshiva und in einer Schule einer benachbarten Siedlung. Viele im Ort sind Lehrer, Erzieher, Psychologen, Sozialarbeiter. Die Kinder ergreifen oft dieselben Berufe: religiöse Mädchen lernen Kinderbetreuung, Jungen werden manchmal Ärzte, manchmal Anwälte oder Lehrer. Die neue Generation entdeckt nach und nach neue Bereiche, wie Technik und
Siedlung Har Bracha auf dem Berg Garizim im Zentrum Samarias. (Foto: Shomron Municipality)
Gestaltung. Die Siedler, sie sind anders, sie haben keinen großen Gefallen am großen Geld und globalen Austausch: Es würde ihnen nicht helfen, die Kinder großzuziehen oder ihre Häuser gegen die Araber oder die Regierung zu verteidigen. Die Eltern sind Idealisten aus Lebenserfahrung. Die Kinder… wenn überhaupt Idealisten, dann aus Überzeugung oder Erziehung. Schwer zu sagen, bei dieser neuen Generation. Meine Freundin gehört ihr auch an. Und auch ich. Und wir suchen uns noch, ob im Dorf oder in der Großstadt.
Shabbat hat begonnen. Diese Siedlung ist religiös, wie die meisten im Shomron. Nicht „charedisch“ – nationalreligiös. Wir beten, wir essen. Draußen ist es nicht kalt, nur sehr dunkel. Es werden buntgemischte Lieder gesungen: sefardische, ashkenasische und jemenitische. Auch die Siedlung ist nicht einseitig. Es gibt hier vielleicht nicht mehr als zweihundert Familien mit unterschiedlichen
„Juden vertreiben keine Juden.“ Aufkleber aus der Zeit des Gaza-Rückzugs 2005
Traditionen, aber sie alle glauben an dasselbe Ideal – „Eretz Israel ist unser Land“. Nichts Neues, und dennoch ist es schwer. Aufkleber, Plakate und Poster erinnern von Zeit zu Zeit an die Realität der Einwohner: „Juden vertreiben keine Juden“, „Keine Araber – keine Attentate“, „Sie wollen die Häuser abreißen – wehrt euch!“, aber es ist kein Gesprächsthema am Tisch. Menachem ist vorbeigekommen. Wer bewacht jetzt wohl die Einfahrt? Außer Armeefahrzeugen fährt hier kein Auto mehr herauf.
„Keine Araber – keine Attentate“
Die Siedlung ist mit Laternen beleuchtet. Das Haus verstummt. Man liest ein Buch oder geht schlafen. Die Dörfer sind wie kleine Lichtinseln, für jeden deutlich zu sehen, in der Schwärze, in der die Berge Shomrons versinken.
Der Morgen bricht an. Warum erwarte ich heimlich, dass etwas geschieht? Ich verspäte mich zum Morgengebet. Noch immer ist es neblig, vielleicht ist es hier immer so. Das Gras ist nass vom Tau. Viele Kinderstimmen klingen in den Straßen. Die Synagogen sind voll. Daheim warten das Essen und die Lieder. Die Ruhe schläfert mich ein. Als die Nachbarn und Freunde vorbeikommen, verschwinde ich im Zimmer und lege mich schlafen. Neben mir schläft ein Baby, das die Attraktion des Tages gewesen ist. Seine Mutter, eine sehr junge Frau, sagte, sie könne es nicht erwarten, das Kind wachsen zu sehen. Der Vater wirkte noch jünger und trug schlabbrige Jeans. Sie ekelten sich noch immer vor dem Windelwechseln.
Sicht auf Shchem (Nablus), Nordteil.
Ich reiße mich aus dem Schlaf. Zeit für einen Spaziergang. Bisher habe ich nur ein paar Straßen und die Aussicht vom Berg gesehen. Am Berghang stehen die Häuser von Nablus – Shchem, der berühmt-berüchtigten Stadt, verstreut in der Gegend. Sie wirken unbedeutend. Beim Spaziergang verstehe ich, wie klein die Siedlung wirklich ist. Auf einem Nachbarhügel stehen ein paar
Sicht auf Shchem (Nablus), zentraler Teil.
Wohncontainer. „Man darf dort nicht bauen“, erklärt meine Freundin. Ich weiß nicht, wo man tatsächlich bauen darf. Fast jeder jüdische Ort hier hat eine schwere Geburt hinter sich. Was mit einer Gruppe mutiger und kompromissloser Israelis anfängt, die auf einem Hügel notdürftige Holzbauten oder Wohnwagen hinstellen, kann mit einem Überfall aus den umliegenden arabischen Dörfern oder den Baggern der Regierung enden, die dem Projekt ein Ende bereiten. Siedlungen kommen und gehen. Was im Fernsehen oft aussieht wie eine Ordnungswidrigkeit und politische Auseinandersetzung, ist an Ort und Stelle ein Kampf ums Überleben.
Der Abend kommt schnell und Shabbat ist nun vorbei. Es wird für mich Zeit, zu gehen. Ich muss ins Landeszentrum, zu Freunden, zur Arbeit, ich habe nichts mehr zu tun in Shomron. Ich würde es gern bereisen, bewandern, aber allein ist das wohl zu riskant. Die Idee kam mir spontan am Nachmittag. Ich helfe meinen Freunden bei einem technischen Problem. Sie können leider kein Englisch. Ich muss mit meinem Koffer weg und es gibt keinen Bus. Sie finden für mich eine Mitfahrgelegenheit. So fahren die Meisten hier in der Gegend. Ob das gefährlich ist? Ich frage nicht nach. Wieder ist es Nacht und ich umarme meine Freundin und danke allen. „Ich war still und habe kaum geredet, aber kommt nur daher, dass ich so viel zu lernen hatte. Ich habe wirklich viel gelernt. Es war schön. Todá.“
Im Auto zerquetscht mir mein Koffer die Beine. Die Mitfahrer sind südamerikanische Juden. Das Auto zerschneidet rasant die Dunkelheit. Wie die israelische Verwaltung doch gut vorgesorgt hat: Der Asphalt ist beleuchtet, die Straßen gut gebaut. Der Druck in den Ohren nimmt ab – wir fahren die Berge hinab. Eine Barriere nähert sich, ein „Checkpoint“. „Woher kommst du?“, fragt unser Fahrer eine hübsche Soldatin. Er will ihr einen Kaffee bestellen. Sie lässt uns lachend durch. Wir fahren weiter. Es dauert eine halbe Stunde, eine ganze Welt hinter sich zu lassen. Ich starre noch aus dem Fenster, da fragt mich der Fahrer: „Gleich musst du aussteigen, nicht wahr?“ Die Einfahrt nach Rosh Ha’ayin im Zentrum von Israel. Die Reise ist vorbei. Ich steige aus und sehe das altbekannte Flachland vor mir: Hochhäuser. Tankstellen. Busse. Verkehr. Bäume. Israel, wie man es kennt. Wie wir Neuen es kennen. So und nicht anders. Das andere Israel bleibt Augen und Köpfen verborgen. So verborgen und unerreichbar, dass sogar die Journalisten nicht wissen, worüber sie schreiben. Die jüdischen Siedler, – sie sind keine Erfindung von heute. Die ersten kamen in 1882*. Die anderen kämpften um 1948. Und die heutigen sind in den Bergen, die unsereiner nicht kennt, – und sie halten nichts von Israels Grenzen auf den Landkarten. Ich muss mich fragen: Wo lägen unsere heutigen Grenzen wohl ohne sie? … “
Der obige Text wurde von mir geschrieben und erschien in der Novemberausgabe 2011 Nr.69 der Jüdischen Zeitung, und ebenso in der Studentenzeitschrift „LEV“ 2011.
* Gemeint sind die ersten organisierten Einwanderungswellen nach Eretz Israel unter osmanischer Herrschaft. Nennenswerte jüdische Siedlungsversuche und auch Errungenschaften gab es durchgängig vermehrt im Zuge des gesamten 19.Jahrhunderts.
Erneut schlechte Nachrichten aus unseren Gegenden. 4 Attentate innerhalb von 5 Tagen. Hier die Zusammenfassung :
Shevut Rachel – Lokalisierung
29.06.15, abends: 4 Verletzte, einer davon schwer, in einer Schussattacke auf israelische Autofahrer nahe der Siedlung Shvut Rachel in Südsamaria. Die Polizei und die Einsatzkräfte der Armee sind sich über das Attentats-Szenario im Unklaren, ob die Schüsse von einem vorbeifahrenden Auto abgefeuert worden sind oder ob ein geplanter Überfall stattgefunden hat. Die Einsatzkräfte fahnden nach den Tätern in den umliegenden arabischen Dörfern. Die verletzten Israelis, welche auf ihrem Heimweg von einem Basketballspiel gewesen sind, wurden in Krankenhäuser eingeliefert.
Messerattacke auf Soldatin, Übergang beim Rachel-Grab nach Bet Lehem
29.06.15, morgens: Eine Palästinenserin stach bei dem Grenzübergang nahe des Rachel-Grabs/Bet Lehem einer 20-jährigen Soldatin mit einem Messer in den Hals. Die Soldatin wurde schwerverletzt und ins Krankenhaus eingeliefert; die Terroristin gefasst und in Gewahrsam genommen; bei der Durchsuchung fanden sich bei ihr weitere Messer.
26.06.15, abends: Schüsse wurden auf einen israelischen Krankenwagen nahe der Siedlung Bet El in Samaria abgefeuert. Niemand wurde verletzt, die Täter wurden bisher nicht gefunden.
Ort der Schüsse auf den Krankenwagen
26.06.15, morgens: Ein Anschlagsversuch auf den Grenzübergang im Jordantal, 30km südlicher der Stadt Bet She’an, wurde vereitelt. Ein Palästinenser, welcher Feuer auf den Übergang eröffnete, wurde von einem Reservesoldaten getötet. Keiner der Soldaten wurde verletzt.
Wenn wir schon beim vorherigen Eintrag beim Thema Jugend und Kinder gelandet sind, dann werden die folgenden Bilder wohl passend sein.
Wie ich schon erwähnt habe, leben im Gusch Etzion, eine Gegend mit ca. 22.000 Einwohnern, sowie in ganz Judäa sehr viele Kinder und Jugendliche – überdurchschnittlich viele innerhalb der jüdischen Bevölkerung, und erst recht innerhalb der arabischen.
Die jüdische Gesellschaft in den Siedlungen legt besonderen Wert auf Kindererziehung, auf Freizeitbeschäftigung, Bildung und vor allem Sozialisierung. Beinahe jeder der 19 Siedlungen im Ballungsraum Gusch Etzion (Ost und West) hat ein Jugendzentrum und mindestens eine Jugendgruppe für verschiedene Altersgruppen von Kindern und Jugendlichen. Nachmittagsaktivitäten innerhalb von Hobbygruppen sind populär wie Zeichnen, Gymnastik, Tanz, Ballett, und auch in Rahmen des Unterrichts werden viele Projekte veranstaltet, die die Kinder und Jugendlichen aus der Klasse in die Umgebung befördern – Wandern, Freiwilligenarbeit, Gestaltungsprojekte.
Nun habe ich bei einem meiner täglichen Gänge zur Arbeit einige Werke zweifellos junger Künstler entdeckt, dort, wo sie zweifellos eher weniger zu erwarten wären: Auf den Betonschutzwällen und Armeewachpunkten an der großen zentralen Verkehrskreuzung. Die Betonaden, wie sie bei uns heißen, stehen vor den Haltestellen und an der Kreuzung aus der bitteren Notwendigkeit heraus, die Wartenden vor Autoattentaten zu schützen, wie sie leider vor allem in der letzten Zeit die Fußgänger und Reisende betroffen haben. Die Armeewachpunkte dienen als Schutzstand für Soldaten für den Fall, dass sich ein größeres Attentat ereignet und es beispielsweise zu Schusswechsel kommt.
Diese Bilder, die ich weiter unten zeige, sind eine kleine Illustration dessen, wie man Leben auch in schweren Bedingungen lebenswert gestalten kann. Nicht nur der berühmte und berühmt gemachte britische Wandkünstler Banksy weiß, wie man Bilder auf die palästinensische Seite der Sicherheitsmauer in Bet Lehem malt – aber diese Bilder werden wohl kaum die internationale Presse erreichen.
Soldaten-Wachpunkt. Dahinter: Haltestelle Richtung Hevron.
„Gusch Etzion – Haus Israels“, eins der Slogans der Regionalverwaltung. Soldatenwachpunkt. Dahinter - Haltestelle Richtung Hevron.
Ein Zitat aus dem Buch Jeshayahu/Jesaja, Kap.2 Vers 4, die Prophezeihung für die Menschheit in der Endzeit: „Und sie werden ihre Schwerter zu Spaten umschmieden und ihre Speere zu Baumscheren (und kein Volk wird gegen ein anderes in den Kampf ziehen und man wird keinen Krieg mehr lernen).“
Soldatenwachpunkt, Haltestelle Richtung Jerusalem
„Lächel mal – alles ist zum Guten“, bekannter und beliebter Spruch in ganz Israel.
Soldatenwachpunkt und Haltestelle Richtung Jerusalem
„Noch ist unsere Hoffnung nicht verloren.“ Zitat aus der israelischen Nationalhymne (geschrieben von Naftali Herz Imber). Betonschutzwälle.
Zitat des 22-jährigen Offiziers Uriel Peretz sel.A., welcher 1998 im Südlibanon bei einem Überfall von Terroristen getötet wurde. In seinem Notizblock im Offizierskurs schrieb er: „Aus all den Dornen, die mir in den Körper eingedrungen sind, könnte man eine quadratmetergroße Rasenfläche anlegen, aber das sind nicht einfach nur Dornen. Das sind Dornen Israels. Wer in diesem Land lebt, muss auch seine Dornen mit Liebe annehmen können.“ Ein Teil dieser Notiz steht auf dem Betonwall.
„Einigkeit“. Daneben – eine Israelkarte, wie man sie sich wünscht – ohne die Waffenstillstandsgrenzen von 1948.
„Am Israel Chai“ – „Ich lebe, mein Vater lebt noch, das jüdische Volk lebt“, Paraphrasierung auf den Ausspruch von Josef, dem Sohn des Vorvaters Ja’akov. Daneben: „Unsere Herzen werden wie ein Herz weiterschlagen“.
Es gibt ein Sprichwort im Hebräischen, das heißt „Es gibt zwei Arten, eine Lage zu beschreiben. Einmal kann man sagen: Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Oder man kann sagen: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“
Meine Hebräischlehrerin aus Köln, gebürtige Israelin, pflegte zu sagen: „Der erste Satz gilt für die Deutschen, und der zweite für die Israelis.“
Kinderreiche Familien. Etwas, was ich bisher nur in Israel kennengelernt habe. Ja, es gab bei uns in der lokalen Gemeinde in Köln einen Rabbiner mit ganzen 8 (dann 9, 10, 11, 12) Kindern. Aber dieser war dann auch der Einzige in der Umgebung, und niemand konnte sich an ihm messen. Er war und blieb ein Familienphänomen und fernab allem Gewöhnlichen. Für mich als Einzelkind eines alleinerziehenden Elternteils waren schon drei Geschwister eine bemerkenswerte Erscheinung, die es sich zu studieren lohnte. Das war in Deutschland.
Hier in Israel war und bleibt alles ganz anders – und noch immer etwas nicht ganz Nachvollziehbares für mich. Hier heißen kinderreiche Familien „kindergesegnet“, und ein berühmter Satz, ich weiß gar nicht mehr, aus welcher alten Fernsehserie er stammen soll, heißt „Kinder bedeuten Freude“. Meist nutzt man ihn hier zum Spaß, wenn der Nachwuchs mal wieder furchtbares Chaos veranstaltet oder lärmt oder sonstwie bemerkbar wird. Aber ob es dabei bleibt? Weit gefehlt. Kindergesegnete Familien sind hier eine gewohnte Erscheinung, und nein, nicht nur bei den „Ultraorthodoxen“, also dem Stereotypenbild des Durchschnittseuropäers von einem religiösen Juden – dem mit dem schwarzen Hut, langem Bart, Frack und Frau mit langem Rock und Babybauch hintendran.
In allem macht sich die Kinderliebe bemerkbar – in den Unmengen an Freizeitangeboten für Kinder, in den großen Familienpackungen im Supermarkt für praktisch alles, in der Beliebtheit von Vielzimmerwohnungen und großen Häusern mit Garten, in der seltenen Haltung von Haustieren (wer will Katze und Hund, wenn man schon 5 Kinder hat?)…
Quelle: peopleil.org.il
Natürlich ist ein solcher Ort für alljährlichen Babyboom die Siedlungen. Hier lebt das nationalreligiöse Kontingent – sprich, gläubige Juden aller Farben und Ausrichtungen, die den Zionismus, den jüdischen Glauben und den Staat hochschätzen. Und auch Kinder schätzen sie sehr. Siedlungen sind Bastionen für Nachwuchs jeder Altersstufe, sie strotzen nur so vor Kindergärten, Schulen, Internaten, Freizeitangeboten, Jugendgruppen, Spielplätzen und anderem mehr. Junge Erwachsene, sofern nicht verheiratet, dürften bisweilen wohl von einem Leben in einer Siedlung irgendwo in den Bergen gelangweilt sein; für Eltern mit Kindern ist so ein Ort ideal. Kinder werden nicht geplant. Sie kommen, und wie und wann sie kommen, das entscheiden Gott und die Biologie, und wenn sie kommen, dann sind sie herzlich willkommen. Jeder bekommt irgendeinen originellen Namen verpasst – bei den nationalreligiösen Juden sind Namen mit viel Bedeutung, Neuschöpfungen und bis dato ungenutzte Namen aus den Heiligen Schriften sehr beliebt -, jeder wird getätschelt, geliebt, von Kleinkindalter bis zur Armee oder Heirat von allen Nachbarn gekannt und begutachtet. Kindererziehung in Siedlungen ist vielfältig, angereichert mit viel Zuwendung und Hingabe zu jedem Einzelnen, es gibt viele Angebote für diejenigen Sprosse, die sich nicht an das reguläre Erziehungssystem anpassen, Konzentrationsschwächen oder Übeschuss an Energie haben (und davon gibt es sehr, sehr viele!).
Aber dennoch ist die Herangehensweise standartisiert, und mächtig anders als die, die ich in meiner Kindheit erleben durfte. Und hier gibt es dann jedes Mal einen kleinen Kulturschock für mich, wenn ich von einem intensiven Austausch in einer solchen Familie irgendwo zurückkomme.
Dieses Wochenende war ich bei meinem Studiumskollegen Me’ir in einem kleinen Ort namens Bet Haggai in Judäa, südlicher der Stadt Hevron. Er und seine Frau Adi haben, sollen sie bloß gesund sein, 9 Kinder, der letzte ist erst vor Kurzem geboren worden. Den ganzen Shabbat habe ich bei ihnen zugebracht, und natürlich waren alle Kinder um mich herum, und sie waren alles andere als ruhig, entspannt oder, nennen wir es, behutsam. Es gibt Familien, da haben die Geschwister mehrere Jahre Altersunterschied. Es gibt auch Paare, die bevorzugen es, jung zu heiraten und Kinder im frühen Alter und schnell nacheinander auf die Welt kommen zu lassen – somit sparen sie sich die Mühe der Kindererziehung im späten Alter, und haben noch viel Energie übrig.
Wir kamen auf Kindererziehung zu sprechen, wobei ich mir vorkam, als würde ich die arme Frau mit Fragen durchlöchern und von ihr Antworten erwarten, die ihr ganz selbstverständlich schienen. Ich konnte es aber einfach nicht lassen, für all das eine Erklärung zu verlangen, was mir neu und unerwartet schien. Wie gesagt, mein familiärer Hintergrund ist komplett anders, und in nichts vergleichbar. Wie könnte ich da nicht fragen?
Foto: Yossi
Also erzählte mir Adi, wie sie zu den Namen der Kinder kamen: Jedes Kind habe seine spezielle Geschichte zum Namen, und obwohl es üblich ist, dass die Mutter den Namen entscheidet, sprachen die beiden sich gemeinsam ab.
Ob es gewollt gewesen war, dass die Kinder nicht mehr als anderthalb-zwei Jahre Altersunterschied untereinander hätten: Auf Kinder zu verzichten und das als Argument zu nutzen wäre eben das Einfachste, was viele tun würden, und sie würden auf etwas anderes verzichten – Luxus, Ruhe, Zeit – aber nicht auf Kinder.
Foto: Chaya Tal.
Warum sie ihre älteren Töchter nicht mit Jungs spielen lassen würde: Sie seien schon groß, und da wäre die Interaktion mit Mädchen und Jungen schon anders. Was getrennte Schulen anginge, sie selbst sei in einer gemischten Schule großgeworden und könne sich selbst nicht Unterricht nur für Mädchen bzw.nur für Jungen vorstellen, aber ihre Kinder kämen damit gut zurecht, und Statistiken bewiesen auch besseres Lernklimat und Lernqualität in getrennten Schulen.
Ich konnte auch die Dynamik im Haushalt beobachten. Ich habe schon viele kinderreiche Familien besucht, und jedes Mal ist die Dynamik anders, und sehr interessant. Je näher du dich der Familie fühlst, desto genauer schaust du hin und merkst die Beziehungen zwischen den Geschwistern, zwischen den Kindern und den Eltern, ihre Aufnahmefähigkeiten, ihre Offenheit bzw. ihre Charakterentwicklung und so vieles mehr.
Man kriegt immer Fotoalben vorgesetzt („hier war ich klein! Hier war meine Bat Mitzwa!“), Kinder stapeln sich praktisch um dich herum – der eine will mit dir spielen, die andere führt dich im Haus und in der Umgebung herum, der dritte erzählt dir alles über seine Legospielzeuge, und du wunderst dich, wie die Eltern mit dem Geschrei zurechtkommen. Bis dann die Eltern kommen, und ebenso schreien, dass es ruhig werden sollte. Der Geräuschpegel sinkt um ein Geringes, und die Mutter seufzt, wie es wieder unmöglich ist, und man nichts hört, und nicht zur Ruhe kommt. Ich denke mir gerade noch – ja, wieso wolltest du denn dann 9 Kinder haben? Aber schon sehe ich sie lachen, irgendeinen Kleinen umarmen, sich mit den anderen zwei unterhalten, und zwischen diesem und jenem sagt sie – sie machen so viel Spaß, die Kleinen, sie sind ein Völkchen für sich, ich liebe es.
Und wohlbemerkt, das Ganze geht schon über ein Jahrzehnt so. Für mich unvorstellbar, für sie ganz normale Realität. In der Familie haben sie nicht nur Großeltern, sondern sogar Ur- und Ur-Ur-Großeltern! Das passiert, wenn man Generation für Generation mit 19 Jahren heiratet. Ich war so erstaunt, ich konnte es zunächst gar nicht glauben.
Die älteren Mädels werden dazu beordert, auf die Kleinen aufzupassen, wenn die Eltern schlafen. Damit es nicht langweilig wird, kommen diese eine ganze Horde Freundinnen besuchen, und alle sitzen gemeinsam im Mädchenzimmer und tratschen und spielen stundenlang. Die Kleinen haben Ausgehzeiten. Von wegen Dorfluft und freies Leben – auch hier will man nicht, dass die Kinder lange außer Haus bleiben, wohl mehr aus Prestige heraus als aus irgendeiner anderen Sorge.
Vor Shabbat-Eingang segnen die Eltern jedes ihrer Kinder, nach jedem Segen küsst das Kind die Hand der Eltern – das verschafft Respekt und Elternachtung.
Das Neugeborene ist natürlich das beliebteste Spielzeug aller, und fast jeder der älteren Geschwister weiß, wie man es hält, dass es nicht schreit, wie man es streichelt, wie man es wiegt, selbstverständlich auch der Vater. Babysache ist auch Männersache. Und wenn der fünfjährige Bruder den Dreijährigen abfragt, wie denn wohl die Tiere im Bilderbuch heißen, schweige ich voller Bewunderung und höre ihnen zu…
Quelle: peopleil.org.il
Bei allen Feierlichkeiten sind die Kinder dabei, es wird begrüßt, dass sie in die Synagoge gehen (wobei junge Mädchen das eher seltener tun). Gekleidet sind alle mehr oder weniger im selben Stil – bunte Kleider und Röcke, viele Stickmuster und Spitzen und Blumen und darunter ellenbogenlange Shirts (manche auch nur schulterverdeckt) bei Mädchen, Sporthosen, Stoffhosen, Jeans und
Foto: Chaya Tal
T-Shirts oder Hemden und Sportschuhe bei Jungs. Viele Farben, meist bunt durcheinander, öfter mal auch nicht zusammengehörende Kleidungsstücke wie Turnschuhe und Festkleider, weiße Hemden und Sandalen…Immer endlos viel Wäsche in und um die Waschmaschine herum, Spielzeuge und Kinderbücher in jeder Ecke, und man denke bloß nicht, dass jemand sich die Mühe macht, Schuhe daheim auszuziehen…
Und es gibt noch viele andere, minimale alltägliche Aspekte, die mich staunen lassen: über die Ausdauer der Eltern, die Ausdauer der Kinder, und der Glauben dahinter.
Als Mensch gänzlich ohne Erfahrung mit Großfamilien, kann ich mir nicht vorstellen, wie man sich bei solch eine Anzahl von Menschen im Haushalt jedem individuell widmen kann, für jeden Zeit und Verständnis finden kann, wie man die Persönlichkeiten zu beobachten und zu entwickeln schafft. Ich habe das Gefühl, als käme bei der Massenerziehung von Kindern der persönliche Bezug und die Vertiefung in die Welt der Kinder zu kurz. Aber die Zeit vergeht, aus den Kindern wachsen gesunde, selbstbewusste, sicher innerhalb
Quelle: Gush Etzion Tourist Association
der Gesellschaft stehende, moralisch hohe, zufriedene und frohe junge Menschen heran, die nicht bis zum 30. oder 40.Lebensjahr auf Selbstsuche sind oder sich Drogen, Alkohol und sonstigen „Zeitvertreiben“ widmen, sondern ihrerseits früh heiraten, Familien gründen, diese liebevoll umsorgen und darunter noch Zeit fürs Lernen, fürs Arbeiten, für sozialen Aktivismus finden. Sie bauen Häuser, gehen wandern, dienen in der Armee, sorgen für Kinder und Gemeinde…. und der Kreis geht von vorne los.
Ich merke, ich habe noch viel zu tun, wenn ich diese Gesellschaft tatsächlich in ihrem Inneren kennenlernen will. Sie ist mir lieb und teuer, aber noch immer etwas fremd.
Der Frühling ist zu Ende, der Sommer kommt und mit ihm das gute Wetter, die Ferien (für wen sie gelten), die Freizeit und die gute Laune.
Natürlich sind die warmen Abende, der Sternenhimmel, die frische Luft und die Freunde ein Grund, sich öfter zusammenzusetzen, etwas gemeinsam zu unternehmen, und wenn man noch jung ist und sich jung schätzt, dann geht man auch mal feiern.
Und auch die „Siedler“ wissen, wie man feiert – und durchaus nicht nur Hochzeiten, Beschneidungen von neugeborenen Jungs und Bar Mitzwas. Nein, in Judäa und Samaria lebt eine beeindruckende Menge an jungen Leuten mit viel Energie und Lust am Leben, und die regionalen Verwaltungen, Klubs und Gemeindezentren haben seit einigen Jahren die Notwendigkeit erkannt, auch in der Heimumgebung Events zu veranstalten und nicht nur die Leute nach Jerusalem ausreisen zu lassen, um Spaß zu haben.
Foto: Gush Etzion Tourist Association.
So gibt es seit etlichen Jahren Veranstaltungen in Gush Etzion, Judäa und auch in Samaria von ganz verschiedener Art und für alle Altersgruppen: Theaterstücke, Stand-Up-Comedy, Marathons und Sportwettbewerbe, Konzerte bekannter israelischer Künstler, Musikfestivals, Bierfestivals, Erntefestivals und mehr – und das im gesamten Gebiet von
Judäa(südlich von Jerusalem bis zum Yattir-Wald, inkl.Hevron und Bet Lehem)
Samaria(bis zum Tal von Bet She’an, inklusive Jenin) und
Südsamaria/Binyamin(nördlicher von Jerusalem bis Ariel, inkl.Ramallah und Jericho).
Wollt ihr Beispiele? Gerne! So gab es im letzten halben Jahr speziell für junge Leute:
Das 9.Rennmarathon in Karney Shomron, Samaria, in Gedenken an Capt.Benaya Rein, ebenso durch Mithilfe von „Real Timing“, am 05.12.2014.
Bierfestival und Party in einem der größten Vergnügungsparks von Judäa und Samaria, der „Farm ‚Das Land der Hirsche‚„, im Zuge des Purim-Festes, am 05.03.2015. Die Farm – mit Restaurant und Vergnügungspark inklusive Riesen-Omega quer durch das Bergtal veranstaltet regelmäßig beliebte Abendparties.
Das 4.Rennmarathon in Samaria in Gedenken an Gilad Zar, organisiert vom Gemeindezentrum Shomron und der Sportvereinigung „Real Timing“ (und gestützt durch das israelische Gesundheitsministerium und andere), am 20.03.2015.
Das erste Kirschenfestival in der Region des südlichen Hevron-Gebirges, in der Siedlung Ma’on und dem nahegelegenen Yatir-Wald, am 03.06.2015.
Die Europameisterschaft wurde fleißig von allen geschaut, entweder daheim, bei Freunden, in Restaurants oder auf öffentlichen Plätzen, so zum Beispiel am 06.06.2015 in der Siedlung Bet Arieh im südlichen Samaria/Binyamin.
Das alljährliche Kirschenfestival im Kibbutz Rosch Tzurim am 12.06.2015, für geringen Eintritt, mit Musik, Essen, vielen Attraktionen – und Hauptsache – Kirschen soviel man will, frisch vom Baum!
Konzerte lokaler und landesbekannter Künstler wie Rami Kleinstein im Gemeindezentrum Kiryat Arba-Hevron, und Pe’er Tassi in einem Open-Air-Konzert im Rahmen einer Straßen-Party in Ma’ale Adumim bei Jerusalem.
Und was erwartet uns im Sommer? Hier einige bunten Beispiele:
Bierfestival in Teko’a
am 23.06.15 tritt eine der berühmtesten Sängerinnen Israels – RITA – im Country Club in Sha’arey Tikva, Westsamaria, im Rahmen eines Festivals für Frauen auf.
Rita kommt nach Sha’arey Tikva
am 02.07.15 ein Bierfestival in der Stadt Teko’a im Osten Gusch Etzions – mit lokalem und bekanntem Bier den Sommer eröffnen!
am 22.06.15 ein Riesen-Happening „Sommereröffnung“ für Jugendliche – Beduinenzelt,
Sommereröffnung für Teenies
Flugsimulator, Graffiti-Wand, Henna-Tattoos, Karaoke, Süßes & Getränke + Acoustic-Konzert des Sängers Yishai Ribo aus seinem neuen Album – im „Land der Hirsche“. Ein ähnliches Festival findet auch in Karney Shomron, Westsamaria, statt.
Ensemble „Piyut“ mit nordafrikanisch-jüdischen Gesängen in neuer Auflage + Nir Abukasis, Kelterei „Amos“ in Teko’a, am 25.06.15
am 17.07.15 in der Kelterei /Restaurant/Eventhalle „Nahalat Binyamin“, südliches Samaria: Künstler- und Bauernmarkt mit künstlerischen Werken aus der Region.
am 22.08.15, ebenso in der Eventhalle „Nahalat Binyamin“ – Konzert der israelischen Band „ALMA“ .
Und dazwischen noch viele Wanderungen, Traktor-Fahrten, Führungen, lokale Sommerverkäufe, Musikabende und mehr.
Auf so einem schönen Fleck Land muss man schließlich wissen, wie man das Leben genießen soll!
Diese flotte ältere Dame mit leichtem amerikanischen Akzent hatte mich heute Nachmittag nicht nur auf der Kreuzung Richtung Judäa als Trampistin mitgenommen; nein, sie hatte dann ganz selbstverständlich, nachdem ich eingestiegen war, jüdisch-religiöse Party-Musik mit schwerem Beat (ja, so etwas gibt’s!) laut aufgedreht und war mit etwas mehr als 90 km/h, vergnügt im Takt aufs Armaturenbett trommelnd, über die Schnellstraße gedüst. Am Ende hatte sie mich auch bis vor die Haustür gefahren („Ich lasse dich doch nicht mit den Einkaufstüten heimwandern“).
An so etwas kann man sich gewöhnen 😉
Eigentlich nur der Anfang einer neuen Woche. Die Arbeiter aus der Umgebung kamen für verschiedene Aufgaben in die Siedlung angefahren, Traktoren wurden bei dem Nachbarn gesichtet, Väter und Mütter fuhren zur Arbeit, Kinder und Jugendliche freuten sich bei strahlendem Sonnenschein und warmer Luft auf Unterrichtsende, mein Nachbar und Freund Yo’av ging in der Nachmittagshitze joggen und ich war seit dem Morgen mit dem Streichen von Holz beschäftigt, das für die Veranda vor die Synagoge benötigt wird. Dabei erwischten mich auch einige der Nachbarn und es hagelte Erfolgswünsche und Lobpreisungen, nach dem Motto, „sie hat ja keine Kinder und muss wohl nicht zur Arbeit, da kann sie sich das leisten“. Was ja auch eigentlich gar nicht verkehrt ist. Streichen ist keine kurze Arbeit und auch nicht immer sehr bequem, auch wenn es mir persönlich viel Spaß macht, vorausgetzt, man hat die richtige Kleidung an und das richtige Werkzeug zur Hand.
Am Nachmittag erhielt ich dann nach kurzem Handwerk-Einkauf im nahegelegenen Kibutz Kfar Etzion überraschenden Besuch von 6-7 Mädchen, die Größte vielleicht 1.45m hoch, die bei der Tochter einer Nachbarin Geburtstag feierten. Ich kam zum Haus und entdeckte die kleine bunte Kindergruppe, mit Brot und Würstchen ausgestattet, die vor meinem Haus versammelt standen und die mannigfaltigen Katzen bestaunten, die bei mir gelegentlich ein und aus gehen, wenn ich nicht hinschaue. „Schau, da waren Katzen bei dir drin!“, riefen sie mir alle durcheinander zu, „es waren drei!“ „Nein, vier!“ „Eine!“ „Drei!“
Tuli in der Sonne, heute morgen.
Nachdem sich die Mädchen nicht auf die Katzenzahl einigen konnten, quatschten wir ein wenig über Katzen im Allgemeinen, Katzen, die mir gehören, wie sie essen, was sie essen, wo man sie streichelt, ob sie kratzen, wer Katzenallergie hat, wer Katzen mag und wer vor ihnen Angst hat und warum. Als meine Tuli erschien, trotteten alle Mädels neugierig in die Wohnung, um sie sich von Nahem anzusehen, ihr Futter zu geben (Roggenbrot!), um ein wenig zu kreischen und kichernd zu erschaudern, wenn diese an ihnen vorbeilief, und zu streicheln. Daneben erzählten sie mir und sich alles Mögliche, bestaunten den Tisch, die Unterteller, die Uhr mit der Israel-Karte drauf, den Magnet-Kulli auf meinem Kühlschrank und erklärten meine Katze für wunderschön und mein Haus für cool.
Als sie sich dann erinnerten, dass da noch andere Freundinnen auf sie warteten, versprachen sie mir, für einen weiteren „Katzenunterricht“ wiederzukommen und liefen davon.
Ich blieb schmunzelnd zurück. Meine Lebensweise hat volle Anerkennung bei der neuen Generation bekommen! Ich kann mich für heute eindeutig bestätigt und zufrieden fühlen, das Haus zu gestalten hat sich gelohnt. 😉
Viele, die noch nie in einer Siedlung gewesen sind, fragen sich (und mich), wie unsere Ortschaften eigentlich geschützt werden. Werden sie geschützt? Stehen da rund um die Uhr bewaffnete Soldaten am Tor? Türmt sich ein meterhoher Zaun um jede Siedlung? Gibt es Stromzäune ähnlich wie in Gefängnislagern, oder Sicherheitskameras, oder irgendwelche versteckten anderen Maßnahmen? Haben Einwohner per Fingerabdruck eine Registrierung vor der Einfahrt durchzugehen, oder gibt es Sicherheitscodes? Freilich, manche der Vorschläge, an die bestimmte Leute denken, lassen mich im Glauben, da hätte jemand zu viele Holocaustfilme geschaut oder wäre die Erinnerungen an die Berliner Mauer noch nicht los.
Denn noch nicht einmal die Terrorabwehrmauer, die 2001 um größere Städte und Orte unter PA-Kontrolle errichtet worden ist und aus Beton bzw. Drahtzaun besteht, hat Fließstrom, sondern lediglich bestimmte Sensoren, die ein Herumwerkeln an der Mauer, eine Berührung oder einen Eindringungsversuch registrieren sollen.
Siedlungen sind wesentlich simpler geschützt – so, wie viele Ortschaften innerhalb der „Grünen Linie“, beispielsweise landwirtschaftliche Dörfer im Norden, bloß ist man in Siedlungen aufmerksamer und hat auch fortlaufende Kooperation mit der Armee vor Ort, da Judäa und Samaria offiziell unter Militärverwaltung stehen.
Die meisten Siedlungen sind von einem einfachen oder zweifachen Zaun umgeben, und die Einfahrten – je nachdem, wie viele es gibt – haben jeweils ein elektrisches Einfahrtstor und einen Wächter. Dieser kann ein sich in Fragen Sicherheit auskennender Einwohner sein oder ein bei einer Sicherheitsfirma arbeitender Berufswächter. Manche Siedlungen vertrauen lediglich auf den Zaun und eine gelegentliche Autopatroullie. Andere haben Kameras installiert, und diese unterstützen die Überwachung. Bestimmte Siedlungen – aber solche sind nicht in der Mehrheit – haben sich gegen einen Zaun entschieden, nutzen aber Nacht- und Tageskameras, die von einer Einsatzzentrale aus überwacht werden. Am Einfahrtstor erkennt der Wächter die Einwohner – oder er nutzt seine Menschenkenntnis, um festzustellen, von wem eine Gefahr ausgehen könnte und vom wem nicht, oder er schaut sich die Einfahrtserlaubnis ein, redet mit dem Fahrer und lässt hinein. Dasselbe gilt auch für die Nachtzeit.
Das klingt für einen Unaufgeklärten nach einer Festung, ich gebe es zu. Ein Journalist, der neulich bei mir zu Besuch gewesen ist, hatte sich das Einfahrtstor angesehen, ein großes, gelbes Tor mit einer Schranke, wie man sie von Bahngleisen kennt, und dem Zaun um die Ortsgrenze herum – eine ganz normale Sicht für mich – und meinte genau das: „Das ist ja eine Festung.“ In Deutschland ist man schon länger nicht gewohnt, in Orten zu leben, wo die Umgebung einem feindlich gesinnt sein könnte. Zugegeben, es ist wohl in ganz Europa keine Regel mehr.
Allerdings ist der Aufwand um diese Maßnahmen längst Alltag, und gar nicht so massiv, wie er sich anhört. Außerdem sind Siedlungen mehr geschlossene Gemeinschaften denn Städte oder Dörfer im europäischen Verständnis. In Siedlungen leben Menschen, deren Anwesenheit von einer großen Zahl der umgebenden Bevölkerung unerwünscht ist, und die auch regelmäßig daran in Wort und Tat erinner. Außerdem wollen die Einwohner von Siedlungen sicher sein, dass ihre Kinder frei auf der Straße spielen können, dass auch nachts es sicher ist, von Haus zu Haus zu gehen, dass man nicht immer die Tür mit zwei Schlössern abschließen muss und dass man auch ein Fahrrad im Garten unabgeschlossen lassen kann – wie es generell der Fall ist in einer „normalen Stadt“. Kein Fremder hat einen triftigen Grund, in so eine Gemeinschaft zu fahren – alle Einkaufszentren, Tankstellen und andere öffentliche Orte liegen außerhalb der Siedlungen. Wenn dennoch jemand eine Siedlung besuchen möchte oder jemanden, der dort wohnt, der braucht eigentlich nicht viel – nett lächeln, begrüßen, ganz entspannt auf Fragen antworten, wenn sie gefragt werden, und vor allem, ganz wichtig – nichts Böses wollen. Denn Gastfreundschaft wird nicht nur in der arabischen Gesellschaft großgeschrieben, sondern ebenso in der jüdischen. Wir sind ja schließlich beide die Nachkommen Avrahams, wenn man so will. 😉
– Auf die Frage hin, ob Siedlungen geschützt werden sollen, gibt es vom sicherheitstechnischen Aspekt her – sprich, seitens der Armee – ein eindeutiges „Ja“ zur Antwort, und auch viele der Einwohner von Siedlungen fühlen sich durch Sicherheitsmaßnahmen um ihren Ort herum sicher und zufrieden – siehe die obige Begründung. Es gibt allerdings auch genügend Siedler, die im Prinzip gegen einen Zaun sind – auch gegen den Terrorabwehrzaun, der in unserer Gegend zwischen der Autobahn 60 und Bet Lehem verläuft. Hier einige der Argumente:
„Er schafft Fakten, er wird zu einer Grenze, wo keine ist.“ „Wieso können Araber frei ohne Zäune und Angst leben, und wir müssen uns hinter Abgrenzungen verkriechen?“ „Ein Zaun schafft den Eindruck, als höre das jüdische Land bei dem Zaun auf, und die Araber nutzen es aus.“
Aufgrunddessen führen einige Gemeinschaften, so z.B. die Agrarsiedlung Bat Ayin in Gush Etzion einen erbitterten Widerstand gegen die Errichtung eines Zauns durch die Armee, bis hin zu dem Punkt, dass jeder angebrachte Zaun von Einwohnern in derselben Nacht herausgerissen wird, wenn gerade keiner hinschaut. Das Problem speziell bei Bat Ayin ist, dass im arabischen Nachbardorf Zurif nicht minder selbstbewusste und stolze Araber leben, und Jugendliche aus Zurif und aus Bat Ayin haben regelmäßig Auseinandersetzungen. Manchmal sind es auch Diebstähle seitens der Zurif-Bewohner, oder Steinewürfe von beiden Seiten oder gar mehr. Die Armee beißt sich regelmäßig die Zähne an den Einwohnern von Bat Ayin und Zurif aus und fordert vehement einen Schutzzaun, um die Übergriffe zu mindern. Bisher ist es noch zu keiner Einigung gekommen.
Wo es aber zu Einigungen kommt, dort reichen auch nur Überwachungskameras, und die jeweilige Seite respektiert die vereinbarten Grenzen – der eine rührt das Feld nicht an, der andere kommt nicht in die Siedlung, und man grüßt sich von weitem. So etwas gibt es auch, und bekannt ist diese Art von guter Kooperation vor allem aus der Gegend von Gush Etzion.
Nur noch kurz zur Rolle der Armee: Die Armee dient in den Bereichen hinter der Grünen Linie als hauptsächlicher Verwalter und Gesetzesgeber, basierend auf den Anweisungen der Regierung. Die Armee ist Hoheitsverwalter, die Anweisungen kommen vom Verteidigungsminister, und die höchste Instanz vor Ort ist der Hauptbefehlshaber der gesamten Fläche Judäa und Samaria. Heutzutage ist es General Nitzan Alon. Durch ihn kommen die Anweisungen an die verschiedenen Verwaltungsstellen der Armee, so beispielsweise bei uns in der Etzion-Basis im Herzen Gush Etzions. Dort sitzt die Kommandozentrale, die entscheidet, welche Orte wann, wo und wie bewacht werden. Mit dieser Zentrale ist jede Siedlungsverwaltung und jeder Sicherheitsbeauftragte in Verbindung, und koordiniert die eigenen Aufgaben. In Fällen, wo ein Armeeeinsatz notwendig wird, wird diese kontaktiert, sofern die Einheiten vor Ort nicht selbst schon informiert sind.
⇒ Zum zweiten Beitrag über „Siedlungen und Sicherheit“ geht es hier.