Archiv der Kategorie: Gush Etzion

NEWS: Frau mit Kind im Auto gesteinigt

Foto: Ynet
Foto: Ynet

Heute morgen (20.09) waren eine junge Mutter und ihr einjähriges Baby aus der Ortschaft Tekoa (Osten Gush Etzions) in ihrem Auto unterwegs nach Jerusalem, als kurz vor dem Sicherheitsübergang nahe des Jerusalemer Außenbezirks Har Homa an den Straßenrändern, neben einem dort gelegenen arabischen Dorf ca.15 vermummte arabische Männer auftauchten. Diese begannen, das Auto mit Steinblöcken zu bewerfen. Die Windschutzscheibe wurde eingeschlagen, einige der Blöcke landeten neben dem vorne angebrachten Kindersitz, andere auf der Rückbank. Die Frau kam von der Straße ab, konnte jedoch im letzten Moment die Kontrolle über den Wagen wiedergewinnen und erreichte den Grenzübergang, wo sie Soldaten in Empfang nahmen.

Wo liegt die Strecke?
Wo liegt die Strecke?

Der Ehemann, welcher in einem zweiten Wagen hinter seiner Frau fuhr, wurde Zeuge des Attentats. „Meine Frau und das Kind waren von Glassplittern überschüttet, als sie ankamen. Es ist ein Wunder, dass meine Frau nicht gegen einen Strommast gefahren ist. Das war eindeutiger Mordversuch“, berichtete er der Presse.

Foto: INN
Foto: INN

Die Frau und das Kind wurden von den Splittern leicht verletzt.

 

 

Leider war die Meldung es den Redakteuren des Onlineportals YNET nicht wert, um noch bis zum Abend in den aktuellen Nachrichten gelassen zu werden.

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Foto: YNET
Foto: YNET

Die Gedenktafel zum Andenken an Dani Gonen, einen jungen Mann aus der Stadt Lod, welcher am 19.06 dieses Jahres am Wasserreservoir von Dolev in der Binyamin-Region von einem Araber erschossen wurde, ist mit arabischer Schrift beschmiert worden. Die Mutter des Ermordeten äußerte sich: „Es macht mich sehr traurig, aber es überrascht nicht. Wer in der Lage ist, jemanden an einem Wasserbecken zu ermorden, ist auch in der Lage, Gedenktafeln zu schänden.“
(Quelle: YNET)
Fotos: INN,  YNET

Holocaust-Überlebende ziehen nach Efrat

Foto: Efrat Municipality
Foto: Efrat Municipality

Schöne Neuigkeiten. Auf den israelischen Nachrichtenseiten Srugim und Cursorinfo wurde berichtet, dass in den letzten Wochen eine Gruppe von Neueinwanderern aus den Vereinigten Staaten nach Israel gekommen ist und sich in die Stadt Efrat in Gush Etzion, Judäa aufgemacht hat, um dort ein neues Leben in der neuen Heimat zu beginnen. An und für sich eine erfreulich, jedoch keine außergewöhnliche Nachricht für das von amerikanischen Einwanderern reich besiedelte Efrat, wäre da nicht das Ehepaar Bandos: Felix und Feiga Bandos aus Wisconsin, beide 94 und 90 Jahre alt. Felix und Feiga hatten sich im Zweiten Weltkrieg in einem der schrecklichsten Plätze für die Juden von damals kennengelernt – im Konzentrationslager Bergen-Belsen auf deutschem Boden. Nach der deutschen Kapitulation und der Auflösung der Konzentrationslager zogen die beiden zunächst nach Schweden und anschließen in die USA, wo sie bis zuletzt gelebt hatten. Ihre Tochter Marylin lebte schon über 25 Jahre in Efrat, als sie von dem Wunsch ihrer Eltern erfuhr, nach Israel umzuziehen. Felix und Feiga erfüllten sich nicht einfach einen Wunsch, sondern den Traum ihres Lebens und zogen im Alter vpn über 90 Jahren nach Judäa.

(Dabei sei erwähnt, dass sich speziell Efrat zurzeit in einem Bauboom in zwei neuen Vierteln befindet, in welchen an die 1000 Wohneinheiten zur Verfügung stehen werden.

Quellen: CursorinfoSrugim

 

Aufruf zum Gebet in Gush Etzion

Sonntag früh (02.08.15)  erreichte die Posteingänge der meisten Bewohner des Gush Etzion-Blocks eine Mail mit dem Aufruf zu einer Solidaritätskundgebung. Die Kundgebung sollte schon am Abend des selben Tages stattfinden. Der Text an die Bewohner besagte Folgendes:

„Aufruf zum Gebet und Aufschrei

Alle Einwohner von Gush Etzion und der Hevron-Gegend sind eingeladen zur Kundgebung des Gebetes und des Aufschreis.

Wir sind erschüttert und voller Schmerz über den gemeinen Mord, der im Namen unseres Volkes am letzten Freitagmorgen begangen worden ist. Aus dem Gefühl der Verpflichtung heraus, unseren Protest gegen diesen verbrecherischen Mord  im Dorf Duma herauszuschreien, und im Angesicht der gewaltigen Schändung des Gottesnamens, drängen wir dazu, gemeinsam aufzustehen und mit lauter Stimme zu rufen, „Entferne das reine Blut aus Deiner Mitte“ (5.Buch Moses, 21, 9). Wir werden gemeinsam für die Genesung der Verletzten der Familie Dawabshe beten.“

Als Versammlungsort war die zentrale Gush-Kreuzung angegeben, Uhrzeit 18:00 Ortszeit, und es wurde gebeten, Psalmenbücher mitzunehmen.

Wer waren die Organisatoren dieser Kundgebung? 

roots2Es handelt sich um die Mitglieder und Aktivisten des Vereines „Shorashim-Roots-Judur“ (zu Deutsch: Wurzeln), eines Verbandes aus israelischen und palästinensischen Freiwilligen, aber nicht etwa eine der vielen Organisationen im Namen des Friedensstiftens im Nahen Osten, deren Namen man im In- und Ausland nur zu gut kennt. Dies ist ein Verband/eine Bewegung, welche sich speziell an jüdische Siedler und ihre arabischen Nachbarn in Judäa und Samaria richtet. Die Initiative ist vor etwas mehr als einem Jahr auf der Basis der Ideen des Rabbiners Menachem Froman (hier zum Nachruf auf Rabbi Froman von Ulrich Sahm) aus der Siedlung Teko’a entstanden. „Shorashim/Judur“ gründet auf dem Verständnis, dass die Juden und die Araber/Palästinenser gerade in Judäa und Samaria viele Gemeinsamkeiten teilen, und durch gegenseitige Annäherung und Vertrauensaufbau eine Basis für einen authentischen Frieden bilden können – im Gegenteil zu den misslungenen Friedensbemühungen auf politischer Ebene. Jüdische Siedler und ihre arabischen Nachbarn haben, so das Leitmotiv der Organisation, eine tatsächliche und praktische Chance, durch Zusammenarbeit positive und dauerhafte nachbarschaftliche Beziehungen aufzubauen, Verurteile dagegen abzubauen und ein friedvolles Nebeneinander zu entwickeln.

Von links nach rechts: Ali Abu Awwad, Rav Hanan Schlesinger, Shaul Judelman. Quelle: friendsofroots.net
Von links nach rechts:
Ali Abu Awwad, Rav Hanan Schlesinger, Shaul Judelman.
Quelle: friendsofroots.net

Der Verein wird zur Zeit von Rabbi Hanan Schlesinger, einem amerikanisch-israelischen Rabbiner aus Alon Shevut, dem Friedensaktivisten (und ehemaligen Fatah-Mitglied) Ali Abu Awwad  und dem Aktivisten Shaul Judelman aus dem benachbarten Efrat geleitet. Zu den weiteren zählen sich Geistliche wie Rabbiner aus den lokalen Lernschulen der Siedlungen, der Sheich Ibrahim Abu al-Hawa und Bewohner einiger arabischer Städte und jüdischer Siedlungen.

Die Organisation, die sich als Bewegung verstanden haben will, hat ihren Sitz in Gush Etzion und organisiert Gespräche und Treffen auf lokaler Ebene, ebenso kleinere Aktivitäten für jüdische und arabische Kinder. Die letzte Aktivität war ein gemeinsames Fastenbrechen von Juden und Arabern, welches schon das zweite Mal  in diesem Rahmen durchgeführt wird – während des jüdischen Fastentages 17.Tammuz und des Ramadan-Monats der Muslime.

Die Idee einer zentralen Kundgebung – das erste größere öffentliche Event dieser Art seitens „Shorashim/Judur“ – kam schon am Freitagnachmittag nach dem Attentat auf die Familie Dawabshe auf und wurde in der Mailingliste und auf Facebook exzessiv diskutiert. Die Schwierigkeit lag bei der Verfassung eines Aufrufs, welcher das Kollektiv von Gush Etzion ansprechen und zu einer Teilnahme bewegen könnte, ohne die üblichen Klischees, Ausdrucksweisen und politische Einstellungen zu bedienen, welche in den Massenkundgebungen in Tel Aviv und Jerusalem  in den letzten Tagen vorherrschten. Bei der Kundgebung sollten sowohl Araber als auch Juden anwesend sein, Rabbiner und Journalisten, Personen öffentlichen Lebens. Die Kurzfristigkeit der Aktion ließ keine große Bekanntmachung zu. Die Information wurde über Mailinglisten und private Nachrichten verbreitet, die Kundgebung bei Polizei und Armee angemeldet.

wpid-20150802_180624.jpgAn Ort und Stelle erschienen im Verlauf des Abends mehr als 200 Personen (Times of Israel sprach sogar von 300), davon eine beträchtliche Anzahl an Journalisten: Reuters, CNN, AFP, Walla News, Jerusalem Post, i24 waren präsent, um nur einige zu nennen. Unter den Anwesenden befanden sich zahlreiche junge Leute, die meisten von ihnen religiös. Einen Teil davon machen Aktivisten der „Shorashim/Judur“-Initiative aus, ebenso interessierte Passanten und solche, die sich zeitig über die Veranstaltung informiert hatten.

Begonnen wurde die Kundgebung mit emotionalen Ansprachen. „Wir sind für einen Aufschrei hierhergekommen. Wir sind aber auch gläubige Menschen. Wir beten. Und wir sind auch Optimisten, wir lassen uns durch Verzweiflung und Zorn unseren Glauben nicht zerstören“, begann der Veranstaltungsleiter Rabbiner Sarel Rosenblatt. „Im Angesicht der Zerstörung und der Bosheit wollen wir der Welt Gerechtigkeit und Liebe hinzufügen.“

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Links nach rechts: Rav Yaakov Katz, Rav Dov Singer, Rav Yaakov Nagen, Rav Yaakov Madan, Yair Lapid

„Der Frieden wird nicht von den Politikern herrühren, sondern er kommt von unten, von den Menschen vor Ort, die tagtäglich Schulter an Schulter zusammenarbeiten. Hier vor Ort gibt es Coexistenz“, Rabbiner Ya’akov Madan, Leiter des Yeshiva-Gymnasiums in Alon Shvut und nationalreligiöser Lehrer und wpid-20150802_182136.jpgGeistlicher, ergriff das Wort. „Unser Festhalten an diesem Land hat drei Ursprünge, auf welche es sich beruht. Der erste – ist Gott und seine Vorsehung. Ich kann nicht glauben, dass Gott eine Legitimierung für den Mord am Kleinkind geben könnte. Der zweite – der gute Wille des jüdischen Volkes und der israelischen Regierung, welche hier verbleiben möchten.  – Diese Tat entwurzelt das Volk von hier. Und der dritte Ursprung – unsere Standhaftigkeit hier. Eine Standhaftigkeit, die auf den Werten der Reinheit, der Stärke, des Gewissens, der Wahrheit beruht.“

Während seiner Rede erschien in der Menge der Scheich Ibrahim Abu al-Hawa, bekannt für seine Aktivitäten im interreligiösen Dialog in der Gegend. Die Presse stürzte sich auf den alten Mann, der einige der Initiatoren der Kundgebung herzlich umarmte.wpid-20150802_182636.jpgwpid-20150802_182651.jpg„Jeder von uns kennt jemanden, der jemanden kennt, dem jemand bekannt ist, der vielleicht mit dieser Tat etwas zu tun haben könnte. Auf uns liegt die Pflicht, solche Sachen an die Sicherheitskräfte weiterzuleiten! Und wenn wir davon wissen, dass eine ähnliche Tat bevorsteht, und wenn es keinen anderen Weg gibt, diese zu verhindern, so müssen wir auch das melden!“, rief Rabbiner Madan mit lauter Stimme und fügte anschließend hinzu: „Man muss den Unterschied kennen. Bei uns sind es die Randgruppen der Randgruppen, die so etwas tun können, und welche wir verurteilen. Bei der anderen Seite werden die Terrorakte im Namen des ganzen Volkes verübt, und bei ihnen werden die Terroristen zu Helden. Wir werden niemals auf dieser Ebene stehen.“

„Als Siedler, der an unser Recht auf dieses Land glaubt, als Israeli, der die strategische Wichtigkeit dieser Gegend für die Sicherheit des Staates sieht, sage ich – der Mord an einem Baby wird unserem Volk keine Erlösung bringen. ‚Zion wird mit Gesetz erlöst und Jerusalem mit Gerechtigkeit‘ (Jesaja 1, 27). Ein jeder, der uns nichts zuleide tun wollte, verdient unseren Schutz.“ So wandte sich der Rabbiner und Vorsteher der Religionsschule in Otni’el, südlich von Hevron, Rabbiner Benny Kalmanson, an das Publikum. „Wir haben wunderbare nachbarschaftliche Verhältnisse. Wir könnten zusammen den Gush Etzion  zu einem Beispielort für alle machen.“

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Rebbetzin Hadassah Froman am Mikrofon

Zugegen war auch der ehemalige Finanzminister Yair Lapid, der ausnahmsweise mit einer Kippa auf dem Kopf aus der Tora zu zitieren beschloss, um sein religiöses Publikum besser anzusprechen. Hadassah Froman, die Witwe des „Friedensrabbis“ aus Teko’a, wurde mehrfach von der Presse interviewt. Vor den Versammelten erinnerte sie mit schmerzerfüllter Stimme daran, dass das letzte Mal ein solches Zusammenfinden im Sommer 2014 stattgefunden hatte, zur Zeit der Entführung der 3 Jugendlichen durch Terroristen. Dieser folgte die Verbrennung des arabischen Teenagers aus Jerusalem. „Wie kommt es dazu, dass erneut ein Kind verbrannt wird?!“

Wie es bei interreligiösen Treffen üblich ist, wurden als Teil des gemeinsames Gebetes Psalmen aufgesagt – so der Psalm 130, 127 und 133, und es wurde ein gemeinsames Gebet für die Gesundheit der Verwundeten gebetet – die Familie Dawabshe, aber auch die letzten Opfer eines Autoanschlags an der Kreuzung von Alon Shevut vor einigen Monaten. Die Anwesenden wiederholten die Psalmen gemeinsam mit den Vorbetern.

Hier kann man sich einen kurzen Eindruck von der Kundgebung machen: Gemeinsames Psalmenlesen und Beten für Genesung;

Die Anwesenden warteten gespannt, wann würde ein arabischer Teilnehmer sich äußern? Tatsächlich waren unter den Versammelten kaum Palästinenser zu erkennen – außer selbstverständlich des 73-jährigen Scheichs, welcher vor dem

Scheich Ibrahim abu al Hawa
Scheich Ibrahim abu al Hawa

Publikum eine flammende Rede in Arabisch hielt (mein Arabisch war leider nicht gut genug, um alles zu verstehen). „In diesem Land sollte man 4 Sprachen sprechen – Hebräisch, Arabisch, Russisch und Englisch“, witzelte der Scheich und fasste seine Rede dann in gebrochenem Englisch zusammen: „Ich bin kein Bürger von keinem Staat. Ich bin Palästinenser, ich gehöre hierher. Aber dieses Land gehört nicht den Juden und niemand anderem. Dieses Land gehört Gott“ und „Wir sind alle Gäste in diesem Land. Wir müssen zusammenleben. Mein Haus ist immer offen für alle“, und sagte auch, „ich möchte meine Gefühle mit den Müttern teilen, die als Einzige wirklich verstehen, was Babies bedeuten.“ Der Scheich erhielt den lautesten Applaus von allen Rednern.

Zum Abschluss gab Rabbiner Schlesinger bekannt, dass ein Fonds zur Unterstützung der geschädigten Familie Dawabshe eröffnet wurde. „Diese Versammlung von ‚Shorashim‘ ist das Mindeste, das wir tun können“, stellte er fest. Er las aus einem Brief seines arabischen Partners vor, Ali Abu Awwad, der nicht zur Veranstaltung kommen konnte: „Diese Kundgebung gibt uns Palästinensern Hoffnung und wird ein Beispiel für jeden darstellen, der ein Friedenspartner sein will. (…) Vor allem ist die moralische und die religiöse Aussage hinter der Kundgebung wichtig.“ Ein weiterer Redner wurde konkreter: „Wenn keine Taten folgen, ist es schade um das ganze Gerede. Wir wissen, dass es Rabbiner und wpid-20150802_184139.jpgAnführer gibt, die diese radikalen Ideologien unterstützen. Solange sie nicht dagegen sprechen, müssen wir sie aus unserer Mitte verbannen!“

Der letzte schließlich war ein arabischer Aktivist, Ziad Sabateen, der sich lange Zeit nicht traute, vorzutreten. Offenbar war er kein Fan großer Reden.  „Diese Kundgebung hätte in Duma stattfinden sollen“, sagte er, „ich selbst wurde zu einer anderen Kundgebung eingeladen, aber meine Nachbarn waren mir wichtig, also bin ich hier. Die Mütter sind diejenigen, die den Kindern als erste Essen geben, und sie auch erziehen. Wir müssen unsere Mütter schützen.“ Er wünschte sich auch eine ebenso strenge Behandlung der israelischen Täter wie die gegenüber den palästinensischen.

Nach der Kundgebung löste sich die Versammlung schnell auf, Menschen unterhielten sich noch, andere gingen im Supermarkt „Rami Levy“ nebenan einkaufen – ein bekanntes „Symbol der Koexistenz“ für sich.

Was meine allgemeine Skepsis für öffentliche Kundgebungen dieser Art angeht, so muss ich zugeben, dass diese Veranstaltung eindeutig einen weitaus mehr authentischen und respektvolleren Charakter besaß als alle ihr vorangegangenen seit dem letzten Freitag. Bleibt nur zu hoffen, dass alle Redner auch ehrlich und aufrichtig in dem gewesen sind, was sie den Anwesenden mitzuteilen hatten.



 

Mehr zu Shorashim-Judur-Roots: hier geht’s zur Homepage

In Zukunft werde ich mehr über diese Organisation berichten. Bleibt dran!

Beton und Farben

Wenn wir schon beim vorherigen Eintrag beim Thema Jugend und Kinder gelandet sind, dann werden die folgenden Bilder wohl passend sein.
Wie ich schon erwähnt habe, leben im Gusch Etzion, eine Gegend mit ca. 22.000 Einwohnern, sowie in ganz Judäa sehr viele Kinder und Jugendliche – überdurchschnittlich viele innerhalb der jüdischen Bevölkerung, und erst recht innerhalb der arabischen.

Die jüdische Gesellschaft in den Siedlungen legt besonderen Wert auf Kindererziehung, auf Freizeitbeschäftigung, Bildung und vor allem Sozialisierung. Beinahe jeder der 19 Siedlungen im Ballungsraum Gusch Etzion (Ost und West) hat ein Jugendzentrum und mindestens eine Jugendgruppe für verschiedene Altersgruppen von Kindern und Jugendlichen. Nachmittagsaktivitäten innerhalb von Hobbygruppen sind populär wie Zeichnen, Gymnastik, Tanz, Ballett, und auch in Rahmen des Unterrichts werden viele Projekte veranstaltet, die die Kinder und Jugendlichen aus der Klasse in die Umgebung befördern – Wandern, Freiwilligenarbeit, Gestaltungsprojekte.

Nun habe ich bei einem meiner täglichen Gänge zur Arbeit einige Werke zweifellos junger Künstler entdeckt, dort, wo sie zweifellos eher weniger zu erwarten wären: Auf den Betonschutzwällen und Armeewachpunkten an der großen zentralen Verkehrskreuzung. Die Betonaden, wie sie bei uns heißen, stehen vor den Haltestellen und an der Kreuzung aus der bitteren Notwendigkeit heraus, die Wartenden vor Autoattentaten zu schützen, wie sie leider vor allem in der letzten Zeit die Fußgänger und Reisende betroffen haben. Die Armeewachpunkte dienen als Schutzstand für Soldaten für den Fall, dass sich ein größeres Attentat ereignet und es beispielsweise zu Schusswechsel kommt.

Diese Bilder, die ich weiter unten zeige, sind eine kleine Illustration dessen, wie man Leben auch in schweren Bedingungen lebenswert gestalten kann. Nicht nur der berühmte und berühmt gemachte britische Wandkünstler Banksy weiß, wie man Bilder auf die palästinensische Seite der Sicherheitsmauer in Bet Lehem malt – aber diese Bilder werden wohl kaum die internationale Presse erreichen.

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Soldaten-Wachpunkt. Dahinter: Haltestelle Richtung Hevron.

„Gusch Etzion – Haus Israels“, eins der Slogans der Regionalverwaltung.

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Soldatenwachpunkt. Dahinter - Haltestelle Richtung Hevron.

Ein Zitat aus dem Buch Jeshayahu/Jesaja, Kap.2 Vers 4, die Prophezeihung für die Menschheit in der Endzeit: „Und sie werden ihre Schwerter zu Spaten umschmieden und ihre Speere zu Baumscheren (und kein Volk wird gegen ein anderes in den Kampf ziehen und man wird keinen Krieg mehr lernen).“

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Soldatenwachpunkt, Haltestelle Richtung Jerusalem

„Lächel mal – alles ist zum Guten“, bekannter und beliebter Spruch in ganz Israel.

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Soldatenwachpunkt und Haltestelle Richtung Jerusalem

„Noch ist unsere Hoffnung nicht verloren.“ Zitat aus der israelischen Nationalhymne (geschrieben von Naftali Herz Imber).

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Betonschutzwälle.

Zitat des 22-jährigen Offiziers Uriel Peretz sel.A., welcher 1998 im Südlibanon bei einem Überfall von Terroristen getötet wurde. In seinem Notizblock im Offizierskurs schrieb er:
„Aus all den Dornen, die mir in den Körper eingedrungen sind, könnte man eine quadratmetergroße Rasenfläche anlegen, aber das sind nicht einfach nur Dornen. Das sind Dornen Israels. Wer in diesem Land lebt, muss auch seine Dornen mit Liebe annehmen können.“ Ein Teil dieser Notiz steht auf dem Betonwall.

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„Einigkeit“. Daneben – eine Israelkarte, wie man sie sich wünscht – ohne die Waffenstillstandsgrenzen von 1948.

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„Am Israel Chai“ – „Ich lebe, mein Vater lebt noch, das jüdische Volk lebt“, Paraphrasierung auf den Ausspruch von Josef, dem Sohn des Vorvaters Ja’akov. Daneben: „Unsere Herzen werden wie ein Herz weiterschlagen“.

Es gibt ein Sprichwort im Hebräischen, das heißt „Es gibt zwei Arten, eine Lage zu beschreiben. Einmal kann man sagen: Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Oder man kann sagen: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“
Meine Hebräischlehrerin aus Köln, gebürtige Israelin, pflegte zu sagen: „Der erste Satz gilt für die Deutschen, und der zweite für die Israelis.“

#EyalGiladNaftali. Ein Jahr danach

Gilad-Eyal-Naftali-e1404157170661Ihre Bilder gingen um die Welt, ihre Namen wurden in viele Sprachen übersetzt und die Kampagne für ihre Rückkehr umspannte Kontinente. Die Entführung der drei israelischen Teenager Eyal Yifrach, Gil-Ad Sha’er und Naftali Frenkel im Juni 2014 war das einscheidende Erlebnis in das kollektive Gedächnis der israelischen und jüdischen Gesellschaft im vergangenen Jahr, und es hat Kräfte geweckt, die sich nicht mehr zurückhalten ließen.

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Kerzen zum Gedenken an die drei Jugendlichen an der Bushaltestelle, bei der sie entführt wurden. 02.06.15. Fotos: Elishay Jayson

IMG-20150521-WA0013Ein Jahr ist es nun her (nach dem jüdischen Kalender), dass die dreiJugendlichen an der Alon-Shevut-Kreuzung in Gusch Etzion bei ihrer Weiterfahrt zu sich nach Hause nach einem Lerntag in der Jeshiwa von 2 arabischen Terroristen in einem gestohlenen Auto entführt und kurz darauf getötet und verscharrt wurden. Eyal stammte aus der israelischen Stadt Elad und lernte in Kiryat Arba/Hevron (Judäa), Gil-ad stammte aus Talmon in der Binyamin-Gegend und und Naftali aus Nof Ayalon, nahe der Stadt Modi’in, beide lernten im Kibbutz Kfar Etzion in einer Jeshiwa. Alle drei waren sie nicht aus Judäa, alle drei besiegelten ihr Schicksal auf ihrem Nachhauseweg in den Händen von Terroristen, welche ihre Tat geplant und vorbereitet hatten.

Wer während der 18 Tage zwischen dem 12. Juni, dem Tag der Entführung, und dem Fund der drei Leichen der Jungen am 30.06.14 in Israel gewesen war, konnte einen in jeder Ecke des Landes spürbaren Zusammenschluss der Bevölkerung erleben. Die Kampagne #BringBackOurBoys auf Facebook; Plakate mit den Fotos der drei Jungen in jeder Stadt; die zahlreichen Ansprachen der drei Mütter der Teenager gingen in ihrer tragischen Einzigartigkeit in die Geschichte ein. Aufkleber, T-Shirts, Gebetsaufrufe per Whatsapp – und was nicht noch alles. Was die Mehrheit der Bevölkerung an Anteilnahme aufbrachte, war einmalig für die letzten Jahrzehnte, selbst für das leidgeprüfte Israel.

Am 30.Juni wurden die Leichen der toten Jugendlichen auf offenem Feld unweit der arabischen Stadt Halhul bei Hevron gefunden. Einige Tage später wurde die Operation „Schutzlinie“ eingeleitet und, obwohl offiziell durch den Raketenbeschuss der Hamas auf Israels Süden begründet, hatte sie selbstverständlich eine direkte Verbindung zu der Entführungstat, zumal laut der israelischen Position die Täter aus den Reihen der Hamas stammten.

Nun konnten Gedenkfeiern, öffentliche Andachten und selbst „Gesprächskreise“ beim besten Willen nicht lange anhalten. Handfestes Gedenken, Zeichen von Stärke oder aber kontrastreiche Gesten von Menschlichkeit, so hat sich seit Jahren die gesellschaftliche Einstellung gegenüber tragischen Ereignissen nationaler Reichweite manifestiert. Im Namen der Terror- und Kriegsopfer wurden seit jeher Spenden-Fonds eingerichtet, Städte, Plätze und Straßen benannt, Synagogen eingeweiht, Bäume gepflanzt. Eines der lautesten Verlangen war das nach der Annektierung des von Israel besetzten, aber nicht als Staatsfläche anerkannten Gebietes von Gush Etzion, im Herzen dessen die drei unglückseligen Jugendlichen den Terroristen zum Opfer fielen.

Was macht man aber, wenn der eigene Staat mit der „gebührenden Antwort“ zögert? Wenn nicht das gewünschte Ergebnis kommt? Wenn keine flächendeckende Lösung für Terror herbeigeführt wird?

„In deinem Blute sollst du leben“

(Yechezkel, Kap.16, 6)

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Das erste Plakat auf dem Hügel. Juli 2014

In der verhängnisvollen Nacht auf den 01.Juli, nach dem Fund der Leichen von Eyal, Gil-Ad und Naftali, versammelten sich auf einem bewaldeten Hügel unweit der Entführungsstelle, einige Menschen mit Taschenlampen, Flaggen, simplen Handwerkzeugen, einigen Benzinkanistern und einem Stromgenerator. Vom Dunkel der Nacht

Die ersten Tage.
Die ersten Tage.

gedeckt, säuberten sie einige Flächen im kleinen Wald und das dazugehörige, seit Jahrzehnten verlassene Försterhaus, sie hängten Banner an die Eingangstür, stellten Projektoren und Zelte auf. Sie fotografierten ihre Gruppe und ließen das Foto auf Facebook herumgehen. Ein neuer Tag brach an, ein neuer Vorposten war geboren. „Givat Oz veGAON“, zu Deutsch – Hügel der Stärke, welcher im Namen auch die hebräische Abbreviatur der drei Jungen trägt.

Entwicklungsarbeiten.
Entwicklungsarbeiten.
Vortrag für Besuchergruppen.
Vortrag für Besuchergruppen.

Nun war die zugegeben an britische Mandatszeit erinnernde Geheimaktion nicht so spontan, wie es scheint; das Gebiet wurde schon von vorne herein auf Tauglichkeit geprüft, auf seinen offiziellen Status, wie groß die Wahrscheinlichkeit sei, von dort wieder geräumt zu werden, welche Bau- und Ausweitungsmöglichkeiten es für diesen Vorposten gäbe, und die Hauptsache – wer das Projekt unterstützen würde.

Racheli Frenkel, die Mutter von Naftali, zündet Shabbat-Kerzen im Reservat.
Racheli Frenkel, die Mutter von Naftali, zündet Shabbat-Kerzen im Reservat.

Die Unterstützung kam mit überwältigender Großzügigkeit, sie kam aus zahlreichen Quellen, finanziell und gesellschaftlich. Sowohl seitens der Ortsverwaltung und der Armee, als auch der lokalen Umgebung und derjenigen, die auch landesweit oder im Ausland vom Projekt gehört hatten.

Freiwillige Helfer.
Freiwillige Helfer.

Die Idee, einen neuen jüdischen Stützpunkt zum Gedenken an die drei Ermordeten zu errichten, beflügelte. Die Strategie ging auf. Es war nicht „noch ein“ Vorposten von Halbwüchsigen, die sich in Holzbaracken auf einem Hügel zu verschanzen suchten und Soldaten mit Steinen bewarfen. „Givat Oz veGaon“ wurde binnen kurzer Zeit in eine Camping-Seite und Freiwilligen-Anlaufstelle umfunktioniert und anstatt Wohncaravans zu bauen, beschloss man, sich lieber in nächster Zeit auf Öko-Tourismus, archäologische Ausgrabungen (es wurden Artefakte aus der Zeit des Zweiten Tempels gefunden, die auf eine frühere Besiedlung hindeuten) und Besucherzentrum zu konzentrieren. Selbst dieser kleine, als

Feiern im Reservat.
Feiern im Reservat.

Naturreservat anerkannte Punkt, hatte geschichtlichen Kontext; Zeugnisse aus der Tora sprechen von der anbei liegenden Raststätte des Urvaters Jakov (Givat Oz); und 1927 stand an derselben Stelle zwei Jahre lang ein kleines Dorf namens „Migdal Eder“, welches aber 1929 im Zuge der arabischen Pogrome in der Umgebung zerstört worden war (siehe auch: „Die brennende Fackel von Gusch Etzion 1“).

Wegweiser zum Naturreservat.
Wegweiser zum Naturreservat.

Von allen 4 Vorposten, die als Reaktion auf die Ermordung errichtet worden sind, hat bisher nur das ‚Oz veGaon‘-Reservat überlebt. Es genießt sowohl die Schirmherrschaft der Ortsverwaltung, als auch der Armee und die breite Unterstützung der Familien der drei Jungen.

Die Großeltern von Eyal Yifrach pflanzen einen Baum im Reservat.
Die Großeltern von Eyal Yifrach pflanzen einen Baum im Reservat.

Die für das Projekt verantwortliche Organisation, ‚Women in Green‚, sieht in der Aktion einstimmig eine gebührende zionistische Antwort auf das Ereignis, welches wohl noch lange in der kollektiven Erinnerung der Israelis verbleiben wird. „Not killing, just building“, lautete einer der Slogans des neuen Stützpunkts, ein anderer verkündete „Das ewige Volk hat keine Angst vor dem langen Weg“.


 

Das ‚Oz veGaon‘-Naturreservat im Herzen Judäas ist nur eine der Reaktionen, die auf die Ermordung der drei Jungen folgte. Auch auf der breiten gesellschaftlichen Ebene war und ist dieses Ereignis nicht so einfach wegzuwischen. Dossiers in Zeitungen veröffentlichen immer wieder Gespräche mit den drei Müttern, welche in der Zeit der Entführtensuche und noch lange danach die israelische Gesellschaft mit ihren Reden und Ermutigungen und Gefühlen stärkten. Und nebst Veranstaltungen, Konzerten, und Zeitungsartikeln, wurde auch ein Preis ins Leben gerufen, welcher den Zusammenhalt und die Einigkeit im Land belohnen und fördern soll: Der „Unity Prize“ in Gedenken an Eyal, Gil-ad und Naftali.

Quelle: unityprize.org
Quelle: unityprize.org

Gestartet vom „Gedenkverein für Eyal, Gil-ad und Naftali“ und unterstützt vom Oberbürgermeister Jerusalems, Nir Barkat, sowie dem Erziehungsministerium, soll er an besondere Vorhaben und Menschen am 03.06 eines jeden Jahres verliehen werden, welche die Einheit innerhalb der israelischen Gesellschaft stärken. „Der besondere Geist der drei Familien, wir wollen ihn an die israelische Öffentlichkeit bringen“, so Oberbürgermeister Nir Barkat zum neuen Preis.

So wurde in Israel die Tragödie der Entführung der Jugendlichen von einem traumatischen Event in einen Anreiz für Schöpfung, Kreativität, Veränderung und Hoffnung übersetzt.

Heute nachts und morgen zünden viele Gedenkkerzen für die Jugendlichen an, auch hier in Alon Shevut, und es werden Lernseminare zu ihrem Andenken in Jugendzentren veranstaltet. Eyal, Gil-ad und Naftali nicht mehr unter uns, doch ihr Nachlass trägt Früchte.

 

Nach dem Anschlag. Eine Mail.

Der Tatort auf der Karte.
Der Tatort auf der Karte.

Gestern, am 14.05.15, kurz nach 1 Uhr nachmittags (israelische Zeit) wurde an der Bushaltestelle in der Nähe des Einfahrtstores von Alon Shevut ein Attentat verübt . Ein palästinensischer Autofahrer raste in eine Gruppe wartender Jugendlicher am Straßenrand und fuhr dann im selben Tempo weiter. Kurze Zeit später wurde er von der Armee angehalten, die sofort nach der Nachricht Straßensperren errichtet hatte, und verhaftet. Der Terrorist gestand die Tat. Vier (entgegen den ersten Berichten über drei) der jungen Leute wurden verletzt, einer davon schwer (Arye) und der andere mittelschwer (Ido).

(⇒ Ich hatte in einer kurzen Meldung auf das Attentat auf meiner Facebook-Seite aufmerksam gemacht.)

Auf der Nachrichtenseite YNET wurde das Video des Attentats veröffentlicht, welches von der privaten Sicherheitskamera der Einwohner von Alon Shevut gefilmt wurde und das Attentat aufgezeichnet hatte. Einer der Leichtverletzten, Benjamin Frenkel (25),  berichtete den Journalisten von YNET: „Ich stand mit einem weiteren Menschen an der Haltestelle nach Bet Shemesh, da wir beide nach Hause fahren mussten. Er sah das Auto im Augenwinkel auf uns zukommen, griff mich und schrie ‚Weg!‘. Wir wichen zurück, aber das Auto traf uns doch. Ich flog etwa einen Meter weg, er noch weiter. Ich stand auf und meldete den Anschlag per Notruf. Ich lief dann dem Auto hinterher, aber der Täter flüchtete. Später kamen dann die Armee und die Ärzte und brachten uns von hier weg. Per Funk wiesen sie an, Straßensperren zu errichten.“

Auf derselben Kreuzung waren schon mehrere Attentate verzeichnet worden, die letzten waren die Entführung und Ermordung von Eyal, Gil-ad und Naftali im Juni 2014, zu deren Erinnerung an der besagten Bushaltestelle ein Mahnmal errichtet worden war. Genau gegenüber der Haltestelle ereignete sich im November 2014 ein Auto-Anschlag, bei welchem Dalia Lemkus angefahren und danach vom Terroristen erstochen wurde. Spätestens seit diesem Anschag wurden auf jeder Bushaltestelle entlang der Region von Zentral-Gush Etzion Soldaten zur Verstärkung platziert.


 

Nach dem Attentat meldete sich heute in der Rundmail der Siedlung Alon Shevut eine Frau namens Itta M. zum Thema, neben anderen, die baten, für die Genesung der Verletzten zu beten und mögliche Reaktionen auf das Geschehene besprachen. Hier ist, was sie schrieb:

Als jemand „Erfahrenes“ in der Umgehensweise mit Terroranschlägen seit der Zweiten Intifada, möchte ich mit euch einige „Tipps“ zum Umgang mit dem Geschehenen teilen:

Der gestrige Anschlag an der Kreuzung von Alon Shevut reiht sich in eine lange Liste von Vorkommnissen ein, die wir im letzten Jahr über uns ergehen lassen mussten – die Entführung der drei Jungen, der „Fels in der Brandung“-Krieg, Anschläge und versuchte Anschläge. Ein jedes solches Erlebnis hinterlässt seine Spuren, vor allem, wenn wir von Kindern und Jugendlichen reden. Das einfache existenzielle und natürliche Sicherheitsgefühl, das jedes Kind bei sich zu Hause und in seiner Umgebung verspürt, wird angegriffen. Jedes Vorkommnis schließt sich an die vorherigen an und holt von Neuem die Ängste und Befürchtungen an die Oberfläche. Der immerwährende Stress und der Frust führen zu einem Empfinden von Wut gegenüber der Armee und der Regierung, die nicht genug für unsere Sicherheit sorgen.

Wenn wir Kindern helfen wollen, damit umzugehen:

  • Bitte schaut aufmerksam hin, wenn ihr Kinder seht, die bedrückt, blass, verstört wirken. Jüngere Kinder könnten zum Bettnässen zurückkommen, sie könnten Angst haben, alleine zu bestimmten Orten zu gehen, wohin sie in der Regel immer allein hingegangen sind.
  • Verschafft ihnen die richtige Information. Es kann sein, dass sie sich von Gerüchten, z.B. von ihren älteren Geschwistern, nähren. Unterstreicht, dass es Sicherheitskameras an der Kreuzung gibt, dass die Soldaten und die Krankenwagen sofort gekommen sind, der Terrorist gefasst wurde. Stärkt in ihnen das Gefühl, dass die Situation unter Kontrolle ist.
  • Ein Kind, das Angst hat, alleine rauszugehen – sei es zum Spielplatz, zum Hobby, zur Bibliothek: Geht zusammen. Begleitet es, auch wenn es früher alleinen gegangen ist. Die Enthaltung von etwas ist ein typisches Verhaltens nach einem Trauma. Helft dem Kind, zu einer geregelten Routine zurückzukehren, die das Trauma unterbrochen hat.
  • Lasst Platz für Furcht, für Sorge, findet das, was das Kind beruhigen kann: Malen, Sport, Massage (ja, ja, sogar für Kinder), Schreiben, Essen, Psalmen lesen, Spielen mit den Freunden, Spaziergang zur Schule mit jemand anderem, Handyspiele etc.
  • Wenn euch Symptome für seelischen Notstand auffallen: Schwierigkeiten beim Einschlafen, Bettnässen, Enthaltung von alltäglichen Tätigkeiten, die länger als 3 Tage nach dem Attentat anhalten, holt euch professionelle Hilfe. Man kann sich an die psychologische Beratungsstellen in den Schulen wenden, an den Familienarzt, an die Psychologen in der Bezirksverwaltung.
  • Jugendliche empfinden nicht weniger Stress und Angst als Kinder. Sie übersetzen den Stress in wütende Reaktionen auf die gegenwärtige Situation, manche treten bestimmten Organisationen bei oder machen bei Demonstrationen mit. Bei manchen dieser Demonstrationen sind verbrecherische Elemente dabei, die ein Interesse daran haben, die allgemeine Stimmung zu radikalisieren.

Ich würde allen Eltern empfehlen, (insbesondere) jeden jugendlichen Sohn zu begleiten, aufmerksam das Verhalten zu beobachten und Grenzen zu setzen, die diesem dabei helfen können, auf sich selbst Acht zu geben. Es mangelt bei uns nicht an wunderbaren Menschen, bei denen ein Eintrag ins Führungsregister aus ihrer Jugendzeit in ihrem erwachsenen Leben gestört hat (und ich meine dabei nicht die bloße Organisation von Demonstrationen oder eine politische oder moralische Stellungnahme). Ich mache mir Sorgen um die wütenden und verbitterten Teenager, die sich ohnmächtig fühlen und Gefahr laufen könnten, nicht abgewägte Dinge zu tun, die sowohl der Gemeinschaft, als auch ihnen persönlich Schaden hinzufügen könnten.

Alles Gute

Itta M.

Für mich persönlich ist diese Mail an die Bewohner von Alon Shevut, vor deren Haustüren erneut ein widerlicher Angriff auf ihr Leben ausgeführt wurde, ein unglaublich starkes Beispiel an gegenseitiger Verantwortung, Glauben an das Wohl der Gemeinschaft…. und einfach persönlicher Fürsorge. Ich bin dankbar, Teil einer solchen Gemeinschaft zu sein.

Alon Shevut - am Horizont. Illustration.
Alon Shevut – am Horizont. Illustration.

1- Die brennende Fackel von Gush Etzion

„Wenn heute ein hebräisches Jerusalem steht, wenn der Todesstoß für die jüdische Besiedlung, die ganz in der Hand des Feindes lag, nicht gegeben wurde – dann gebührt der Dank der israelischen Geschichte und des ganzen Volkes zuallererst den Kämpfern von Gush Etzion…“ (David Ben Gurion, 1948)

Vor genau 67 Jahren fiel der Kibbutz Kfar Etzion, gelegen in der Bergregion namens Gush Etzion zwischen Jerusalem und Hevron, zwei antiken Städten und Zentren jüdischer Geschichte, in einem erbitterten Kampf zwischen den jüdischen Einwohnern, gemeinsam mit den Verteidigungseinheiten und den Kämpfern der Arabischen Legion aus Jordanien und der umliegenden arabischen Bevölkerung. In den letzten Tagen vor der Gründung des Staates Israel am 14.Mai 1948 wurden die vier Kibbutzim in den Judäischen Bergen, auf halbem Weg zwischen Jerusalem und Hevron  – Kfar Etzion, Massuot Yitzhak, En Tzurim und Rewadim – durch die Arabische Legion eingenommen, zerstört und verbrannt. Ihre Einwohner und Kämpfer wurden zur Aufgabe der Positionen gezwungen, im Kampf teils getötet und teils gefangen genommen. Erst 19 Jahre später, im Zuge der Eroberung der Gebiete von Judäa und Samaria im Sechs-Tage-Krieg 1967 konnten die ehemaligen Einwohner der Kibbutzim und ihre Kinder zu den zerstörten Häusern und Ställen und den Gräbern der gefallenen Kameraden zurückkehren, um ihre Präsenz in den Bergen zu erneuern.


Überblick – Geschichte und Kontext

Gush Etzion - Großansicht
Gush Etzion – Großansicht

Die jüdische Anwesenheit in der Region von Judäa reicht zurück bis zu den biblischen Vorvätern Abraham, Yitzhak und Ya’akow, welche zwischen den damaligen Ansiedlungen von Jerusalem und Hevron pendelten und in der Patriarchenhöhle von Hevron begraben wurden. Sie zieht sich weiterhin über die Zeit der Eroberung des Landes durch die jüdischen Stämme von den Kana’anitern unter Jehoschua und über die Geburts- und Regierungszeit König Davids in Hevron und Jerusalem hinweg, gefolgt von den Kriegen der Makkabäer gegen die griechisch-seleukidischen Eroberer, der Herrschaft König Herodes und dem Aufstand jüdischer Kämpfer unter Bar Kochva gegen die Legionen des römischen Imperators Hadrian. Auch als das jüdische Exil seinen Lauf nimmt und die jüdische Bevölkerung sich in ferne Länder zerstreut, bleiben kleine Gemeinden im Kern der antiken Städte Jerusalem und Hevron erhalten und durchleben Fremdherrschaft, Zerstörungen, Kriege, Armut und Seuchen, aber auch Ruheperioden und geistigen Aufschwung bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein.

Die Welle des Zionismus, die vor allem die Juden in Europa erfasst und sie zur Auswanderung in das Land Israel bewegt, um dort ein neues Schicksal  für das jüdische Volk zu schaffen, trägt die frischen Winde des nationalen Aufschwungs auch in die Berge von Judäa. Bis in die 20er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts gibt es nur in Hevron eine kleine jüdische Gemeinde. Wie bei den meisten Neugründungen jüdischer Ortschaften im Land Israel, so ist es auch hier eine Organisation, „Zichron David„, unter der

Rabbiner Yitzhak Grinwald. http://www.etzion-bloc.org.il/
Rabbiner Yitzhak Grinwald. http://www.etzion-bloc.org.il/

Leitung von Rabbiner Yitzhak Grinwald, die sich 1925 aufmacht, einen passenden Ort und Ackerland für die Schaffung einer religiösen landwirtschaftlichen Siedlung in der Gegend von Jerusalem zu suchen. 1927 wird der Ort „Migdal Eder“* gegründet, westlich der heutigen Lage der Gush-Etzion-Kreuzung. Die ersten Siedler sind tiefreligiöse europäische als auch jemenitisch-jüdische Familien und einige Toraschüler. Die Bewohner Migdal Eders erhalten keine Unterstützung durch die zionistische Führung des Landes, haben sehr geringe bis keine Erfahrung in Ackerbau und Landwirtschaft, und haben mit der harten, felsigen

Wasserbecken und britische Polizeistation bei Migdal Eder.
Wasserbecken und britische Polizeistation bei Migdal Eder.

Beschaffenheit des Grundes zu kämpfen, auf welchem die Siedlung errichtet wird. Sie leben in großer Armut bis 1929. Zwei Jahre nach der Gründung wird die junge Siedlung Opfer der landesweiten brutalen Progrom seitens der arabischen Bevölkerung in den Städten und Dörfern des britischen Mandatsgebietes Palästina im August 1929, welche ihren Anfang in Jerusalem nehmen und von dort aus auch die Gemeinde in Hevron erreichen. Bei den Pogromen werden mehr als 66 Juden der Gemeinde in Hevron von ihren Nachbarn und dem gewaltbereiten Mob aus der Umgebung

Familien in Migdal Eder, 1927
Familien in Migdal Eder, 1927

niedergemetzelt und der Rest von der britischen Armee evakuiert. Als die Berichte über die Pogrome die Gegend um Migdal Eder erreichen, kontaktiert der Dorfälteste des arabischen Nachbarortes Bet Ummar die Juden, nimmt diese noch vor Ankunft der Plünderern bei sich im Haus auf und lässt sie durch die Briten verdeckt nach Hevron und dann nach Jerusalem evakuieren.

Migdal Eder hört auf zu existieren, doch die Ländereien bleiben in Besitz des „Zichron David“-Vereins, welcher darum zu kämpfen hat , diese nicht wieder an die Araber verkaufen zu müssen. 1933 schließlich bietet ein Züchter aus Rehovot namens Shmuel Zwi Holzmann seine Hilfe an und kauft die Ländereien von dem Verein, und hinzu noch viele weitere Flächen mit der Absicht, drei neue landwirtschaftliche Siedlungen auf dem Grund zu errichten, und jüdische Landwirtschaft und Viezucht zu fördern.

Der Ländereien-Kauf gestaltet sich schwierig, da die Araber die unfruchtbarsten und steinigsten Flächen zu verkaufen pflegen und zudem der Besitz sich nicht auf eine Person  beschränkt, sondern zumeist einem ganzen Clan gehört und nicht leicht abzukaufen ist. Holzmann schafft  die Organisation „El Hahar“ (eine ihrer Filialen befindet sich damals in Wien), welche sich aus zionistisch motivierten Arbeitern zusammensetzt, die sich 1933 aufmachen, neben einem alten verlassenen russischen Kloster auf einem der Berge der Umgebung das Dorf „Kfar Etzion“ ** zu gründen. Die Entfernung zwischen Kfar Etzion und Jerusalem – ca.21 km, Höhe über dem Meeresspiegel – ca. 900m. Es werden Plantagen errichtet, erste Häuser, Hühner- und Viehställe gebaut. Die Arbeitsbedingungen sind hart; die erste Zeit leben die Arbeiter in Zelten und ohne ihre Familien.

Galerie:  Die Gründung von Kfar Etzion 1933. © http://www.etzion-bloc.org.il/. Einfach auf das Bild zur Vergrößerung klicken!

1936, im Zuge einer weiteren arabischen Pogromwelle, wird die kleine Siedlergruppe nahe des verlassenen russischen Klosters von arabischen Aufständischen bedroht. Die Bewohner retten sich rechtzeitig nach Jerusalem. Kfar Etzion und alle dort bis dato errichteten Projekte werden zerstört.

Sieben Jahre später, im April 1943, erfolgt der dritte Aufstieg, diesmal seitens der Leute der Gruppe „Kwutzat Avraham“, auf die Berge Gush Etzions. Sie gründen auf den alten Ruinen den religiösen Kibbutz Kfar Etzion.

Galerie:  Kibbutz Kfar Etzion. © http://www.etzion-bloc.org.il/. Einfach auf das Bild zur Vergrößerung klicken!

Gush Etzion - die Lage der Kibbutzim
Gush Etzion – die Lage der Kibbutzim

Dies legt den Grundstein für die Errichtung drei anderer Kibbutzim durch religiöse und nichtreligiöse zionistische Bewegungen in den Folgejahren1945 bis 1947: Massuot Yitzhak, En Tzurim und Rewadim, allesamt inmitten dutzender arabischer Dörfer, zu manchen sie teils nachbarschaftliche Verhältnisse pflegen, andere ihnen jedoch feindlich gegenüberstehen.  Die Gründung des Siedlungsblocks ist nicht nur ideologisch gestützt, sondern wird auch wegen ihrer enormen strategischen Wichtigkeit von der jüdischen Führung, allen voran David Ben Gurion, begrüßt: Die Grenzen jüdischer Ansiedlungen im Mandatsgebiet sollen in absehbarer Zukunft die Grenzen eines Staates bestimmen, um dessen Errichtung sich die Führungskräfte angesichts der Entwicklungen im Nahen Osten und in Europa und Amerika bemühen. Der Etzion-Block könnte durch seine Anwesenheit die Verbindung zu Hevron und den Puffer um Jerusalem herum bilden – eine Berechnung, die sich im Unabhängigkeitskrieg 1947-1949 als wahr erweist und fatale Auswirkung auf die Region hat.

 Teil 2: Reaktionen auf den UN-Teilungsplan 1947, der Unabhängigkeitskrieg, der Fall Gush Etzions, Neuanfang 1967 bis heute

Fortsetzung folgt!


 

Der Name leitet sich aus dem Vers 20 im 1.Buch Moses, Kap.35 ab, in welchem der Name „Migdal Eder“ erwähnt wird, aufgrund der Nähe des Ortes am antiken Wanderweg des Vorvaters Ya’akov.  

** Holz, auf Hebräisch: Etz, daher auch der Name: Etzion. 


 

Quellen: 

„Gush Etzion“, Johanan ben Ja’akov, 1982

http://www.nrg.co.il/online/1/ART2/690/264.html?hp=1&cat=402&loc=1

http://www.etzion-bloc.org.il/

Feldinstitut Kfar-Etzion

http://lib.cet.ac.il/

NEWS: Abriss zweier Häuser in Teko’a

Heute morgen wurden 2 Häuser in der Siedlung Tekoa D vom israelischen Grenzschutz niedergerissen, eins davon aus Beton. Die Anweisung zur Zerstörung der Häuser kam vom Verteidigungsminister Moshe Ya’alon und wurde eine Woche vor dem Abriss an die Bewohner weitergegeben.

Hier eine Übersicht der Fotos vom Häuserabriss. Quelle: Daniel Brochin: 

Hier liegt Teko'a.
Hier liegt Teko’a.

Teko’a D ist die neueste der 3 Erweiterungen der Hauptsiedlung Teko’a, im Osten Gush Etzions, am Wadi Teko’a, welche am Rande der Judäischen Wüste liegt.
Die zerstörten Häuser gehörten den Familien Levy und Niro. Laut dem Statement des Vorstandes der Bezirksverwaltung Gush Etzion, Davidi Perl, wurden diese erst vor Kurzem zum Bewohnen freigegeben und daher sei es nicht verständlich, weshalb der Abriss durchgeführt worden ist.
Wie Channel 7/Israel National News berichteten,  war der Baugrund, auf welchem die Häuser errichtet worden waren, laut der zuständigen Behörde für Zivilverwaltung in Judäa und Samaria kein privatisiertes und bebautes arabisches Land, sondern seit langer Zeit nicht mehr berührter, unkultivierter Felsgrund. Mithilfe von Luftaufnahmen ließe sich dies leicht feststellen – so Bezirksvorstand Davidi Perl im Interview mit INN. Ebenso stellte er fest, dass dem neuen Prüfungsteam, welches in der Bezirksverwaltung zusammengestellt wurde, um Landbesitz- und Baufragen zu prüfen, keine Chance gegeben worden war, diesen Fall zu untersuchen;  die Häuser wurden noch vor dem abschließenden Ergebnis niedergerissen.

Einwohner von Teko’a und Umgebung, die von dem Vorfall erfuhren, zeigten sich bestürzt.
(Quellen – INN, privat).

Siedlungen und Sicherheit 1

Viele, die noch nie in einer Siedlung gewesen sind, fragen sich (und mich), wie unsere Ortschaften eigentlich geschützt werden. Werden sie geschützt? Stehen da rund um die Uhr bewaffnete Soldaten am Tor? Türmt sich ein meterhoher Zaun um jede Siedlung? Gibt es Stromzäune ähnlich wie in Gefängnislagern, oder Sicherheitskameras, oder irgendwelche versteckten anderen Maßnahmen? Haben Einwohner per Fingerabdruck eine Registrierung vor der Einfahrt durchzugehen, oder gibt es Sicherheitscodes? Freilich, manche der Vorschläge, an die bestimmte Leute denken, lassen mich im Glauben, da hätte jemand zu viele Holocaustfilme geschaut oder wäre die Erinnerungen an die Berliner Mauer noch nicht los.
Denn noch nicht einmal die Terrorabwehrmauer, die 2001 um größere Städte und Orte unter PA-Kontrolle errichtet worden ist und aus Beton bzw. Drahtzaun  besteht, hat Fließstrom, sondern lediglich bestimmte Sensoren, die ein Herumwerkeln an der Mauer, eine Berührung oder einen Eindringungsversuch registrieren sollen.

Siedlungen sind wesentlich simpler geschützt – so, wie viele Ortschaften innerhalb der „Grünen Linie“, beispielsweise landwirtschaftliche Dörfer im Norden, bloß ist man in Siedlungen aufmerksamer und hat auch fortlaufende Kooperation mit der Armee vor Ort, da Judäa und Samaria offiziell unter Militärverwaltung stehen.

Die meisten Siedlungen sind von einem einfachen oder zweifachen Zaun umgeben, und die Einfahrten – je nachdem, wie viele es gibt – haben jeweils ein elektrisches Einfahrtstor und einen Wächter. Dieser kann ein sich in Fragen Sicherheit auskennender Einwohner sein oder ein bei einer Sicherheitsfirma arbeitender Berufswächter. Manche Siedlungen vertrauen lediglich auf den Zaun und eine gelegentliche Autopatroullie. Andere haben Kameras installiert, und diese unterstützen die Überwachung. Bestimmte Siedlungen – aber solche sind  nicht in der Mehrheit – haben sich gegen einen Zaun entschieden, nutzen aber Nacht- und Tageskameras, die von einer Einsatzzentrale aus überwacht werden. Am Einfahrtstor erkennt der Wächter die Einwohner – oder er nutzt seine Menschenkenntnis, um  festzustellen, von wem eine Gefahr ausgehen könnte und vom wem nicht, oder er schaut sich die Einfahrtserlaubnis ein, redet mit dem Fahrer und lässt hinein. Dasselbe gilt auch für die Nachtzeit.

Das klingt für einen Unaufgeklärten nach einer Festung, ich gebe es zu. Ein Journalist, der neulich bei mir zu Besuch gewesen ist, hatte sich das Einfahrtstor angesehen, ein großes,  gelbes Tor mit einer Schranke, wie man sie von Bahngleisen kennt, und dem Zaun um die Ortsgrenze herum – eine ganz normale Sicht für mich – und meinte genau das: „Das ist ja eine Festung.“ In Deutschland ist man schon länger nicht gewohnt, in Orten zu leben, wo die Umgebung einem feindlich gesinnt sein könnte. Zugegeben, es ist wohl in ganz Europa keine Regel mehr.

Allerdings ist der Aufwand um diese Maßnahmen längst Alltag, und gar nicht so massiv, wie er sich anhört. Außerdem sind Siedlungen mehr geschlossene Gemeinschaften denn Städte oder Dörfer im europäischen Verständnis. In Siedlungen leben Menschen, deren Anwesenheit von einer großen Zahl der umgebenden Bevölkerung unerwünscht ist, und die auch regelmäßig daran in Wort und Tat erinner. Außerdem wollen die Einwohner von Siedlungen sicher sein, dass ihre Kinder frei auf der Straße spielen können, dass auch nachts es sicher ist, von Haus zu Haus zu gehen, dass man nicht immer die Tür mit zwei Schlössern abschließen muss und dass man auch ein Fahrrad im Garten unabgeschlossen lassen kann – wie es generell der Fall ist in einer „normalen Stadt“. Kein Fremder hat einen triftigen Grund, in so eine Gemeinschaft zu fahren – alle Einkaufszentren, Tankstellen und andere öffentliche Orte liegen außerhalb der Siedlungen. Wenn dennoch jemand eine Siedlung besuchen möchte oder jemanden, der dort wohnt, der braucht eigentlich nicht viel – nett lächeln, begrüßen, ganz entspannt auf Fragen antworten, wenn sie gefragt werden, und vor allem, ganz wichtig – nichts Böses wollen. Denn Gastfreundschaft wird nicht nur in der arabischen Gesellschaft großgeschrieben, sondern ebenso in der jüdischen. Wir sind ja schließlich beide die Nachkommen Avrahams, wenn man so will. 😉

– Auf die Frage hin, ob Siedlungen geschützt werden sollen, gibt es vom sicherheitstechnischen Aspekt her – sprich, seitens der Armee – ein eindeutiges „Ja“ zur Antwort, und auch viele der Einwohner von Siedlungen fühlen sich durch Sicherheitsmaßnahmen um ihren Ort herum sicher und zufrieden – siehe die obige Begründung. Es gibt allerdings auch genügend Siedler, die im Prinzip gegen einen Zaun sind – auch gegen den Terrorabwehrzaun, der in unserer Gegend zwischen der Autobahn 60 und Bet Lehem verläuft. Hier einige der Argumente:

„Er schafft Fakten, er wird zu einer Grenze, wo keine ist.“ „Wieso können Araber frei ohne Zäune und Angst leben, und wir müssen uns hinter Abgrenzungen verkriechen?“ „Ein Zaun schafft den Eindruck, als höre das jüdische Land bei dem Zaun auf, und die Araber nutzen es aus.“

Aufgrunddessen führen einige Gemeinschaften, so z.B. die Agrarsiedlung Bat Ayin in Gush Etzion einen erbitterten Widerstand gegen die Errichtung eines Zauns durch die Armee, bis hin zu dem Punkt, dass jeder angebrachte Zaun von Einwohnern in derselben Nacht herausgerissen wird, wenn gerade keiner hinschaut. Das Problem speziell bei Bat Ayin ist, dass im arabischen Nachbardorf Zurif nicht minder selbstbewusste und stolze Araber leben, und Jugendliche aus Zurif und aus Bat Ayin haben regelmäßig Auseinandersetzungen. Manchmal sind es auch Diebstähle seitens der Zurif-Bewohner, oder Steinewürfe von beiden Seiten oder gar mehr. Die Armee beißt sich regelmäßig die Zähne an den Einwohnern von Bat Ayin und Zurif aus und fordert vehement einen Schutzzaun, um die Übergriffe zu mindern. Bisher ist es noch zu keiner Einigung gekommen.

Wo es aber zu Einigungen kommt, dort reichen auch nur Überwachungskameras, und die jeweilige Seite respektiert die vereinbarten Grenzen – der eine rührt das Feld nicht an, der andere kommt nicht in die Siedlung, und man grüßt sich von weitem. So etwas gibt es auch, und bekannt ist diese Art von guter Kooperation vor allem aus der Gegend von Gush Etzion.

Nur noch kurz zur Rolle der Armee: Die Armee dient in den Bereichen hinter der Grünen Linie als hauptsächlicher Verwalter und Gesetzesgeber, basierend  auf den Anweisungen der Regierung. Die Armee ist Hoheitsverwalter, die Anweisungen kommen vom Verteidigungsminister, und die höchste Instanz vor Ort ist der Hauptbefehlshaber der gesamten Fläche Judäa und Samaria. Heutzutage ist es General Nitzan Alon. Durch ihn kommen die Anweisungen an die verschiedenen Verwaltungsstellen der Armee, so beispielsweise bei uns in der Etzion-Basis im Herzen Gush Etzions. Dort sitzt die Kommandozentrale, die entscheidet, welche Orte wann, wo und wie  bewacht werden. Mit dieser Zentrale ist jede Siedlungsverwaltung und jeder Sicherheitsbeauftragte in Verbindung, und koordiniert die eigenen Aufgaben. In Fällen, wo ein Armeeeinsatz notwendig wird, wird diese kontaktiert, sofern die Einheiten vor Ort nicht selbst schon informiert sind.

⇒ Zum zweiten Beitrag über „Siedlungen und Sicherheit“ geht es hier. 

Tag der Gefallenen Israels, 2015

Quelle: IDF Blog. (Gili Yaari/Flash90)
Quelle: IDF Blog. (Gili Yaari/Flash90)

Der Gedenktag für die Gefallenen der israelischen Armee, der Sicherheitskräfte und der Terroropfer ist gekommen. Jedes Mal kommt er als eine zu erwartende, und unausweichliche Einleitung zu dem Geburtstag unseres Staates. Er bäumt sich vor uns auf wie ein großes, angsteinflößendes, schweres Eingangstor. Hinter ihm erkennt man einen dunklen Korridor, und an seinem Ende blinzelt mit angenehmen, hellen Strahlen der Ausgang entgegen – der gleichzeitig der Eingang in eine Festhalle ist, und in ihr findet man Freiheit, Unabhängigkeit, und Seelenruhe. *

Und ein jeder, der sich hier in unserem Staat befindet, ob bewusst oder unbewusst, muss diesen Korridor überwinden, um in die Halle einzutreten. Unsere Nation hat sich für diesen Gedenktag an einen interessanten Brauch gewöhnt – welcher nicht nur den Besuch auf den Friedhöfen, das Anzünden von Kerzen und das Vortragen von herzzerreißenden Reden beinhaltet. Nein, es gibt auch Gesang. „Wir singen und erinnern uns“ – nach diesem Motto veranstalten fast jede Gemeinde und jeder Ort ein Zusammentreffen an diesem Tag, und betont das Singen. Denn Gesang öffnet Herzen. Gesang verbindet. Er bring die Seele zum blühen, und auch wenn nur für einen kurzen Augenblick, so streckt der Gesang doch seine zarten Melodien wie Arme in einer liebenden Umarmung aus und versucht, die Lücke im Herzen zu überbrücken.

Was der Gesang noch macht, ist eine Verbindung zu schaffen zwischen Menschen, die mit dem Verlust eines Nahestehenden vertraut sind, und solchen, die das  Gefühl nicht kennen. Ich bin unter den Letzteren. Ich habe schon einige dieser Gedenktage in den letzten Jahren seit meiner Einwanderung nach Israel erlebt, und obwohl ich auch im Ausland von dem Tag der Gefallenen sowie vom Unabhängigkeitstag gewusst habe, bin ich erst hier auf das Phänomen der gelebten jüdischen Kollektiverinnerung gestoßen. Ich befinde mich noch immer am Anfang der Verinnerlichung dieser Erscheinung. Und erst recht bin ich nicht dort angelangt, wo ich sagen kann, dass ich weiß, worum es eigentlich geht. Ich sehe die Trauernden, und spätestens seit dem letzten Krieg im Sommer hatte ich Angst vor dem Tag der Gefallenen, an welchem neue Namen aus dem letzten Krieg zu der Totenliste hinzugefügt werden würden. Dasselbe, was die Terroropfer angeht. Immer mehr und mehr Namen, und es scheint, es gäbe kein Entrinnen vor dem Eintragen von immer neuen Namen auf die Gedenktafeln.

Ich begehe den Gedenktag zusammen mit allen anderen, aber was mein persönliches Gefühl angeht, so empfinde ich häufig, als würde es alles ohne meine Beteiligung um mich herum geschehen, und ich sitze nur da und beobachte es. In den letzten Jahren habe ich verschiedene Arten von Veranstaltungen zum Thema besuchen können. In meiner Armeezeit, davor und danach. Jedes Mal war es eine andere Erfahrung, es gab viele neue Emotionen und ein großes Lernpotenzial. Und dennoch kann ich das Ganze nicht komplett verstehen  –  wie sehr das jüdische Volk mit seinem Blut mit dem Land verbunden ist, und inwiefern all diejenigen, die gekämpft haben und gefallen sind, zusammen ein einziges großes Puzzle des Landes  zusammen stellen. Das berühmte „Silbertablett“ von Nathan Alterman ** – es ist genau das, was ich unter mir zu spüren meine, wenn ich Zeuge davon werde, was sich im Herzen dieser Nation am Tag der Gefallenen abspielt. Ich ruhe mich auf diesem Silbertablett aus. Ich möchte an allem teilhaben, ich danke Gott dafür, dass ich Verlust und Trauer nicht kenne, aber dann fühle ich mich – einsam? Falsch verbunden? Schuldig? Ja, wie denn eigentlich?

Ich bin neu in diesem Land, und dabei bin ich noch eine derjenigen Immigranten, die sich alle Tage immer wieder um eine vollständige Integration in der Gesellschaft bemüht, nie eine Gelegenheit verpassen will, wie „alle anderen“ zu sein. Doch in diesen Tagen fühle ich mich etwas außenstehend. Es tut mir weh, dass ich den Schmerz all der teuren, geliebten Menschen hier nicht entsprechend aufnehmen und mich auf ihn beziehen kann; all dieser Menschen, die einen Preis für das Leben in Israel bezahlen mussten. Ich würde gerne seelisch in der Lage sein, sie zu verstehen, und diese Einheit zu spüren, ohne dabei das Gefühl zu haben, hier auf eine Art „gratis“ zu weilen, keinen Preis für mein Dasein hier bezahlt zu haben. Denn ich naiver Mensch bin hierhin vor lauter Begeisterung über das Heilige Land gezogen, und sie, diejenigen, die zahlen mussten, kennen und lieben es aufrichtig.

Vielleicht ist meine Gedankenrichtung nicht richtig, und vielleicht sollte ich das Ganze noch einmal neu betrachten und analysieren, und die Sicht auf die Dinge revidieren. Aber dies ist momentan der spürbarste Verbindungspunkt, den ich zu diesem Tag habe – aus dem Wunsch heraus, den Schmerz des Verlustes von anderen zu verstehen, und dadurch vielleicht ihre Last etwas geringer werden zu lassen, auf geistiger und nationaler Ebene, wenn schon nicht auf einer praktischen.

Denn ich möchte, dass der Übergang vom dunklen Korridor in den Festsaal ein bisschen weniger angsteinflößend und schwer ist, und damit wir alle zum Fest der Unabhängigkeit mit einer wahren Hoffnung und Liebe in unseren Herzen gelangen.

 


 

In Judäa und Samaria, so wie in allen Orten Israels, werden lokale und regionale Gedenkzeremonien, Gesangsabende und mehr durchgeführt. Manche sind mehr, andere weniger zahlreich. Es gibt auch solche, die nach Jerusalem gehen, um dort größeren Events beizuwohnen, so zum Beispiel einer großen Veranstaltung mit Gesang und Vorlesungen im „Sultan’s Pool“ in Jerusalem, nahe der Altstadt. Zu den Events kommen junge und alte Menschen. Hier die Fotos einer eher intimeren Veranstaltung aus dem Naturreservat Oz veGaon an der Gush Etzion-Kreuzung. Es gab Gesang und zwei Vorlesungen von Briefen, einer Ansprache eines Vaters, der seinen Sohn verloren hatte und einen Film über den letzten gefallenen Soldaten aus Gush Etzion, Yochai ‚Juha‘ Kalangel, einem 25-jährigen Major und Vater eines kleinen Mädchens, welcher von Hizbollah-Terroristen beim Einsatz an der Libanongrenze am 28.01.15 zusammen mit einem weiteren Soldaten, Dor Chaim Nini, getötet worden war.

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*in Anlehnung an die Metapher der Mishna im Talmud, Avot 4, 16: „Rabbi Yakov sagte, diese Welt ähnelt einem Korridor vor der nächsten Welt. Bereite dich im Korridor vor, um in die Festhalle einzutreten.“

** „Das Silbertablett“ – ein Gedicht zur Schaffung des jüdischen Staates, vom israelischen Dichter Nathan Alterman. Eine einigermaßen korrekte Übersetzung, wenn auch keine dichterische, findet man hier: http://jafi.jewish-life.de/zionismus/people/Alterman.html