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Die Tage von Ssanur: Damals und heute

Zum „Tagebuch einer Siedlerin“ – Erlebnisbericht aus Ssanur – hier geht’s lang!


 

Alles Entscheidende geschieht mitten in der Nacht. Der Auszug aus Ägypten, manche würden sagen – die Geburt von Jesus. Und auch die Schaffung neuer Realität auf der Karte.

Geschichte von Ssanur

ssanurmapWas Google Maps angeht, so ist der Ort Ssanur dort verzeichnet, allerdings mit dem Vermerk „ruined“ (zerstört). Es liegt irgendwo in den Bergen Nordsamarias, südlich von Jenin und östlich von Netanya. Das arabische Dorf, nach welchem es genannt wird, heißt Sanur und liegt ein paar Kilometer weiter. Aber Ssanurs Geschichte beginnt nicht erst diese Nacht, sondern in 1977: Damals beginnen die ersten, auf die strategisch gut platzierte Anhöhe inmitten eines Tals, mit einer Festung aus osmanisch-britischen Zeiten zu ziehen. Verschiedene Gruppen beißen sich an der schroffen Gegend trotz pastoralischer Aussicht, frischer Luft und einer relativen Nähe zu Netanya aus. Als letzte von insgesamt 3 Gruppen tauchen Anfang der 80er einige wenige jüdisch-russische Künstler auf, die vor Kurzem aus der Sowjetunion ausgewandert sind. Sie verlieben sich in die Berge, die Stille und auch den Hauch von Abenteuer – und bleiben. Ssanur wird zu einem Künstlerdorf. Ihre Künstler – akkreditierte russische Bildhauer, Zeichner, Maler aus der Sowjetunion. 1987 wird Ssanur offiziell als Siedlung ausgerufen. Ihre Bewohner veranstalten Galerien und Ausstellungen im alten britisch-türkischen Fort.

Und dann im Dezember 2003 die Botschaft: Nordsamaria und Gaza werden geräumt. Weshalb Ariel Sharon es genau auf diese vier Siedlungen im Norden abgesehen hat, wird nicht ganz deutlich. Das Land selbst ist Staatsland, Agrarwirtschaft wird nicht betrieben und kein Land dafür beansprucht. Das Gebiet von Ssanur soll wohl bei einem zukünftigen Abkommen mit der PA entsprechend den israelischen Vorstellungen in jedem Fall nicht mehr zu Israel gehören. In den letzten Jahren ziehen Familien und Unterstützer nach Ssanur, um mit den Bewohnern Solidarität zu zeigen. Die arabischen umliegenden Dörfer sind feindlich und gefährlich, manche der Künstler kommen nur noch selten hierher. Frühere Passierwege werden nach der Zweiten Intifada nicht mehr benutzt – Lebensgefahr.

Im September 2005 werden die Zerstörung und der Abzug aus Nordsamaria vollendet. Von dem lebendigen und extravaganten Künstlerdorf bleiben nur noch Schutt und Wege. Die britische Festung gehört nicht dazu und bleibt bestehen, wird aber nicht aufrechtgehalten. Innen sammelt sich Müll und Schmutz, arabische Graffiti „zieren“ die Wände, Türen, Fenster, Kachelboden werden zerschmettert und über die Jahre sammelt sich der Schutt auf dem Boden.

Einige Male versuchen aktive jüdische Einwohner der Gegend, Ssanur wieder zu erklimmen. Kein Versuch währt lange. Die Regierung hat keinerlei Interesse daran, irgendeinen „Fehler“ „wiedergutzumachen“, wie die Aktivisten das nennen, und wieder diesen Landesteil zu besiedeln.

Der Aufstieg

Die Ruine von Ssanur.
Die Ruine von Ssanur.

10 Jahre später, am Abend nach dem großen jüdischen Fastentag  Tisha beAv nehmen die Leute das Ruder selbst in die Hände. In einer Nachtoperation gelangen fast 200 Menschen – Männer, Frauen und Kinder – auf die Anhöhe mit der britischen Festung. Die Festung wird als Wohnhaus eingerichtet. Jede Familie, die erscheint, erhält einen Raum von den zahlreichen Räumen dieses verwüsteten, aber bautechnisch völlig intakten Gebäudes. In manchen Räumen kann man noch ihre ehemalige Funktion erkennen – Zeichnungen an den Wänden, Rohre, Kachelböden. Der altbekannte Alltag von Vorpostenbau hat für die Aktivisten Routine. Sie sind keine Campingtouristen. Daher sind sie bestens versorgt – mit Stromgeneratoren, Jeeps, Essen, Wasser und Verbindungen nach außen.

In der ersten Nacht gelangen ca.180 Leute auf den Hügel, erst kurz vor dem Morgen schlägt die Armee Alarm, und dann erfährt es auch die Presse. Sie tauchen vor den „Eindringlingen“ auf, welche sich schon geschafft haben, festzusetzen, Räume zu säubern und sie für die anwesenden Familien fertigzurichten. Unter den Anwesenden: Ehemalige vertriebene Familien aus den zerstörten 4 Siedlungen in Nordsamaria, Nachbarn und lokale Aktivisten, Jugendliche, Kinder. Die Taktik ist gut durchgeplant, aber auch simpel: Man bleibt oben, solange man kann. Versorgt sich selbst, organisiert weitere Unterstützung, und sendet Pressebotschaften nach außen. In diesem Fall: „Die Rückkehr“. Vertriebene kehren nach 10 Jahren an die Ruinen zurück und fordern von der Regierung, sich mit ihrem Anliegen auseinanderzusetzen. Passend dazu sind auch die Unruhen in Bet El – nicht parallel abgestimmt, aber durchaus für den Zweck zu nutzen. Wenn an zwei Stellen Forderungen gestellt werden, gelangt die Regierung unter Druck. Protestaktionen wie diese haben auch die Natur, sich von selbst weiter zu entwickeln, sobald man den Rahmen vorgibt. Hier in Ssanur will man mehr Unterstützung organisieren, die Aktion bekanntmachen – aber auch am Ort verbleiben. Diesmal ist es keine Gedenkaktion, sondern ein festes Vorhaben – „wir sind hier und wir bleiben“. Zumindest bis man uns herunterholt – oder bis die Forderungen irgendwie vorankommen.

Die Presse klebt sich an die Fersen der enthusiastischen Gruppe, filmt alles und jeden, versucht, Antworten und Statements von den Anwesenden zu ergattern, die man für eine reißerische Schlagzeile verwenden kann. Denn von Gewalt kann hier, im Gegenteil zu Bet El und seinen Bauten, keine Rede sein. Der Aktionsleiter, Beni Gal, bekannt aus früheren Aktionen dieser Art im naheliegenden
Chomesh, bringt nicht umsonst Familien her. Er will keine Gewalt, keine blutigen Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften und keinen Kampf. Die Athmosphäre von Ruhe, Besonnenheit und friedlichem Protest soll im Land herüberkommen – vertriebene Bewohner, die das Unrecht, das ihnen vor zehn Jahren angetan worden ist, nicht mehr hinnehmen wollen. Menschen sitzen zusammen, kochen, planen Restaurierungsarbeiten in der Festung, Kinder spielen, die Presse huscht zwischen allen hin und her. Die wichtigsten Planungen bekommt diese allerdings erst am Ende mit.

In der zweiten Nacht wird ein weiterer Aufstieg organisiert, denn tagsüber sind da die Soldaten überall, und auch die Araber, die kein Interesse an Zuwachs in Ssanur haben. Also werden die Aufstiegswilligen per Jeep in der Dunkelheit transportiert und irgendwann nach einer holprigen Reise auf Pfaden, die sie nicht veröffentlicht haben wollen, in der Festung empfangen. Immer wieder werden währenddessen andere Deadlines für die eigentliche Räumung festgesetzt. Mal heißt es, es gäbe ein Ultimatum bis zum Morgen, dann bis zum Mittag. Dann sollen Soldaten in der zweiten Nacht kommen – stattdessen geben Beni Gal und sein Organisationsteam bekannt, dass die Armee noch eine weitere Verlängerung bekommen haben, also weiterhin die Siedler in der Festung bewachen werden. Denn bevor diese geräumt werden (wenn sie es denn werden), müssen sie vor den arabischen Nachbarn beschützt werden. Eine seltsame Situation entsteht – die Ssanur-Rückkehrer befinden sich in einem halb-Belagerungszustand, wobei niemand herausfährt, und auch nach der Vorstellung der Armee niemand hineinkommt (es sei denn, man weiß, wie.)

Morgenversammlung in Ssanur.
Morgenversammlung in Ssanur.

Auch der zweite Tag vergeht ruhig. Es gibt einige Versammlungen, in welchen die Neuigkeiten von der Außenwelt besprochen werden. Denn in Ssanur gibt es keinen Handyempfang. Die Journalisten leiden darunter, die Siedler sind entspannt, und manche finden auch kleine Empfangsinseln auf dem Areal, so wie beispielsweise hoch oben auf der Spitze eines alten Minaretts, das neben der Festung steht.

Säuberungsarbeiten in Ssanur.
Säuberungsarbeiten in Ssanur.

Trotz der ständigen Aussicht, ausgewiesen zu werden, widmen sich die meisten Restaurationsarbeiten und Verschönerung des Areals: Säubern, Schutt freiräumen, Wände streichen, kochen, putzen. Die Kinder müssen beschäftigt werden, die Räume gefegt werden, Mittagessen muss zubereitet werden. Beni Gal, der Organisationsleiter, ist kaum

Säuberungsarbeiten in Ssanur.
Säuberungsarbeiten in Ssanur.

zu finden. Er ist der Verantwortliche für die Presse und für die Logistik, für die Kontakte zur Armee und die Organisation der Familien. Limor, eine ehemalige Bewohnerin der zerstörten Siedlung Chomesh, die man von Ssanur aus auf dem Berghang erkennen kann, übernimmt den Teil der Presse und führt Journalisten herum.

Am Nachmittag erscheinen die ersten Polizisten, aber sie ziehen sich bald wieder zurück, nur die Armee bleibt. In der Luft hängt der Gedanke der Räumung, man bereitet sich mental darauf vor und macht Abendessen. Am Abend schließlich, als der lokale Stromgenerator seine Energie für einige Lampen im Gebäude und eine Ladestation für die Mobilgeräte spendet, sitzen die meisten beim Lagerfeuer und die Kinder gehen schlafen.

In der israelischen Presse wird unterdessen ein unter der Leitung von Beni Gal verfasster Brief der Familien von Ssanur veröffentlicht, er wendet sich an den Premierminister. Die Gemeinde der Ssanur-Rückkehrer verlangt eine unabhängige Untersuchung der Regierungsstellen, welche Gründe einen Wiederaufbau von Ssanur und der anderen vier geräumten Siedlungen in 2005 verhindern, und wann ein solcher Aufbau wieder ermöglicht werden kann. Sie bitten auch darum, den Kindern und Jugendlichen eine gewaltsame Räumung zu ersparen und die 10 Jahre nach der Räumung von Gush Katif zu berücksichtigen. Solange würden die Leute von Ssanur am Ort verweilen.

Eine neue Nacht beginnt und mit ihr folgen neue Entwicklungen…..

NEWS: Widerstand in Bet El, Rückkehr nach Sa-Nur

News, über die ich noch nicht die Zeit hatte, zu berichten. Die Ereignisse überschlagen sich. Ich fasse kurz zusammen. Wartet auf Updates.

1. Bet El:

Hier liegt Bet El
Hier liegt Bet El

In der Großsiedlung Bet El in Samaria steht ein Gebäude in den letzten Phasen vor der Fertigstellung, 24 Wohnungen für neue Familien. Dieses Gebäude, bekannt als „Draynoff-Haus“, ist nicht nur kurz vor der physischen Fertigstellung, sondern befindet sich auch rechtlich kurz vor dem entscheidenden Durchbruch und der Ausstellung der Baugenehmigung für den Endbau und den Einzug der Familien bei der Zivilverwaltung, die in Judäa und Samaria das Sagen hat (ein Organ der israelischen Armee und der Regierung).

Kurz vor den entscheidenden Prozessen wurde aber ein Einspruch gegen das Gebäude beim Obersten Gerichtshof verhängt. Der Einspruch ging gegen eine mögliche Illegalität dieses Gebäudes. Der Prozess der Rechtsprechung war und ist noch immer nicht abgeschlossen, die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes kann heute, morgen, übermorgen oder nächste Woche fallen, und die Prognosen sind positiv, d.h., aller Information nach soll das Gebäude eine endgültige Genehmigung für den Einzug der Familien erhalten.

DENNOCH, und hier kommt das Unfassbare und Absurde, entschied sich der Verteidigungsminister Moshe Ya’alon, noch vor dem Urteil das Gebäude zu räumen und abzureißen. Die Deadline für den Abriss? Der 30.07.2015. Was das an Ort und Stelle bedeutet? Das Gebäude mit 24 Wohnungen für 24 Familien kann am Donnerstag diese Woche abgerissen werden, und am Donnerstag nach dem Abriss oder am kommenden Sonntag bekommt das Gebäude die Genehmigung!

Seit mehr als einem Monat versucht die Lokalverwaltung Bet El, Aktivisten aller Art, das Prozedere demokratisch zu beeinflussen. Ich habe sie persönlich in einem Protestzelt nahe der Knesset in Jerusalem besucht und nach Unterlagen zu dem Fall verlangt (leider hatte ich nicht die Zeit, eher darüber zu schreiben). Die Gespräche laufen auch auf diplomatischer Ebene (ich erinnere daran – es geht um EIN GEBÄUDE, nicht etwa um Gespräche mit dem Iran!).

Heute Nacht/am frühen Morgen gab es eine Eskalation. Die vor Ort sich versammelten Demonstranten, Jugendliche und Erwachsene, wurden von den Polizei- und Grenzschutzkräften attakiert und vom Zeltlager, welches sie um das Gebäude herum aufgebaut hatten, weggeschleppt. Die Zufahrt zum Gebäude wurde polizeilich gesperrt. Es gab physische Auseinandersetzungen und Demonstranten wurden verhaftet.

Der 30.07. ist erst in zwei Tagen, aber die Regierungskräfte haben sich vorgenommen, den Protestwillen schon jetzt zu schlagen und man weiß vor Ort auch nicht, wann die nächste Welle kommt. Die Aktivisten in Bet El rufen zu Spontandemonstrationen im Land auf und natürlich, dass so viele Menschen nach Bet El kommen, um den Protest zu unterstützen.

 

⇒ Mangels eines Interesses der Tagesschau an einer gewaltsamen Räumung und Zerstörung von jüdischem Besitz in Samaria (im Gegenteil zu ihrem großen Interesse an illegalen Baustrukturen von Palästinensern) werde ich weiterhin darüber berichten, hoffentlich vor Ort. 


 

2. Sa-Nur

Wo lag und liegt Sa-Nur?
Wo lag und liegt Sa-Nur? Nur wenige Kilometer von Jenin

Die Siedlung Sa-Nur im nördlichen Samaria wurde im August 2005 gemeinsam mit 3 weiteren Ortschaften im Zuge der großen Gaza-Räumung (siehe Einleitung hier) durch die Anweisung von Premierminister Ariel Sharon zerstört und geräumt – ohne die Beschuldigung wegen illegalem Landbesitz oder illegalem Bau etwa, sondern wegen der Entscheidung von Ariel Sharon, dass speziell diese Siedlungen „im Rahmen eines festen Abkommens“ mit den Palästinensern nicht innerhalb eines israelischen Territoriums liegen würden (Interview in Ha’aretz vom 03.02.2004, Joel Markus). Seither sind viele Jahre vergangen, kein festes Abkommen ist in Sicht und alle vorherigen Abkommen wurden missachtet und verletzt. Die Familien bemühten sich regelmäßig,  erneut zum Ort zurückzukehren, es gelang ihnen allerdings nicht auf Dauer.

Gestern Nacht in einer versteckten Operation und 10 Jahre nach der Vertreibung, gelangten einige hundert Menschen zurück zur alten Turmruine in Sa-Nur und setzten sich dort fest.

Die ersten Bilder wurden auf Israel National News veröffentlicht: Familien schlafen in Schlafsäcken, kochen auf provisorischen Herden, Kinder spielen in der alten Ruine von Sa-Nur.

Der Verteidigungsminister Moshe Ya’alon hatte den Rückkehrern bis heute, 28.07. um 14:00 ein Ultimatum zum freiwilligen Abzug gesetzt. Ein Großaufgebot von Sicherheitskräften ist bei Sa-Nur stationiert.

Knessetabgeordneter Bezalel Smotritch (Jüdisches Heim), sagte im Interview mit INN vor Ort, die Menschen seien zurückgekommen, um das Unrecht zu korrigieren, das hier vor 10 Jahren getan wurde, und das Land zu besiedeln, so wie es ihre Aufgabe sei, und das sei auch die Forderung an die Regierung und die Armee. „Unser Aufenthalt hier ist super-legitim. Wir brechen kein Gesetz. So ist es in einem demokratischen Land: Studenten versperren Straßen, Arbeiter einer geschlossenen Fabrik demonstrieren, wir protestieren. Es gibt ein großes Verlangen danach, hier einen neuen Ort aufzubauen.“ (YNET)

 

(Quellen für den Bericht: Channel 2, INN, YNET, privat)

Das andere Israel

„Nebel umhüllt die Berge. Mein Bus schlängelt sich die Straße hinauf. Ich wundere mich, wieso die Scheiben nicht gesichert sind. Es ist ein einfacher Linienbus auf seinem Weg durch Dörfer, Felder und Berge, übersät mit Steinen und Büschen, soweit das Auge reicht.  Er schaukelt auf und ab. Hier und da fährt er entlang einer grauen Mauer, aber sie wechselt schnell zu einen Drahtzaun. Die Straße wirkt einsam, aber gut befestigt. Bereit für den täglichen Verkehr. Die Straßenschilder sind dreisprachig, die Namen ähnlich und sind manchmal  bekannt. Oft hört man sie im Fernsehen oder kennt sie aus dem Geschichtsbuch: Jerusalem, Ramallah, Bet El, Itamar.

Vom Aussehen sind die meisten gleich – es gibt Siedlungen mit roten Dächern, weißen Fassaden, vielen Blumen und Bäumen. Andere haben flache, weiße Dächer, kaum Pflanzen, stattdessen aber Plantagen. Die Bauten sind klein. Es gibt keine großen Kreuzungen in dieser Gegend, keine Hochhäuser, keine Parkplätze, keine Neonreklame. Über den Häusern schwebt weißer Nebel und auf der Straße ist viel Staub. Manchmal tauchen Tiere auf oder vereinzelte Menschen im einem Garten oder Café.  Am Himmel – Stille. Es gibt wenig Verkehr, daher auch wenige Tankstellen. Sucht man nach etwas Typischem in dieser Gegend, so sind es Fahnen und Banner. Auch diese sind mehrfarbig und mehrsprachig. Die Fahnen gehören nicht ausländischen Botschaften, sondern den Völkern, die diese Gegend Haus an Haus und Hügel an Hügel bewohnen. Es sind nur zwei, und dennoch kommen sie nicht miteinander aus.

Wir sind im bergigen Hochland in Samaria, in Shomron, heute bekannt als die Westbank. Eine ferne Welt. Sie ist so anders als das, was man über sie hört und zu wissen meint. Es ist Freitag und in den jüdischen Siedlungen, auf den Hügeln verstreut, bereitet man sich auf Shabbat vor. Durch den Nebel ruft aus benachbarten Orten der Muezzin. Nach der Busfahrt steige ich an einem Armeestützpunkt in ein  Auto um. Nach kurzer Zeit, fährt es an einen Schlagbaum heran. Der Fahrer hebt die Hand. Wird durchgelassen. Die kleine Ansiedlung ist dürftig geschützt, im kleinen Häuschen sitzt ein junger Mann. Er winkt. Meine Freundin holt mich von der Einfahrt ab. „Menachem“, ruft sie dem Wächter zu, „komm zu uns am Abend.“ Die Straßen sind asphaltiert, aber am Rande wird gerade ein neuer Häuserblock errichtet und überall liegt weißer Staub: Schöne Häuser, aus weißem Marmorersatz. Neu. Solche, wie das Haus meiner Freunde, bestehen zum Teil noch aus Holz.

Wir gehen ins Haus. Eine bescheidene, sehr heimische Welt umfängt mich. Ich merke schnell – hier leben keine „Städter“. Die engen Zimmer, das zerrissene Sofa, die Holzschränke und der Gemüsegarten, sie lassen mich verschämt meinen Koffer in die Ecke drücken. Ich fühle mich, als hätte ich hoffnungslos Übergewicht bei mir, als wäre ich die Einzige, die an sinnloser Last hängt. Was hier zählt, ist Natur und Familie. Nein, sie leben nicht weltfern. Aber ihr Alltag ist viel einfacher und es macht ihnen nichts aus. Ich halte Ausschau nach typischer „Siedlerkleidung“- bunte Schals, Hosen und Kleider, Flickenmode und langes Haar. Diese Familie ist wohl kein typisches Beispiel, denke ich. Später am Abend erfahre ich, dass die Eltern unter den Ersten gewesen sind, die den Ort vor 20 Jahren gegründet haben. Sie kennen die Einwohnerzahlen, die Nachbarn, ihre Kinder und die Orte, an denen man gefahrlos spazieren kann. Sie arbeiten in der lokalen Yeshiva und in einer Schule einer benachbarten Siedlung. Viele im Ort sind Lehrer, Erzieher, Psychologen, Sozialarbeiter. Die Kinder ergreifen oft dieselben Berufe: religiöse Mädchen lernen Kinderbetreuung, Jungen werden manchmal Ärzte, manchmal Anwälte oder Lehrer. Die neue Generation entdeckt nach und nach neue Bereiche, wie Technik und

Siedlung Har Bracha auf dem Berg Garizim im Zentrum Samarias.  (Foto: Shomron Municipality)
Siedlung Har Bracha auf dem Berg Garizim im Zentrum Samarias.
(Foto: Shomron Municipality)

Gestaltung. Die Siedler, sie sind anders, sie haben keinen großen Gefallen am großen Geld und globalen Austausch: Es würde ihnen nicht helfen, die Kinder großzuziehen oder ihre Häuser gegen die Araber oder die Regierung zu verteidigen. Die Eltern sind Idealisten aus Lebenserfahrung. Die Kinder… wenn überhaupt Idealisten, dann aus Überzeugung oder Erziehung.  Schwer zu sagen, bei dieser neuen Generation. Meine Freundin gehört ihr auch an. Und auch ich. Und wir suchen uns noch, ob im Dorf oder in der Großstadt.

Shabbat hat begonnen. Diese Siedlung ist religiös, wie die meisten im Shomron. Nicht „charedisch“ – nationalreligiös. Wir beten, wir essen. Draußen ist es nicht kalt, nur sehr dunkel. Es werden buntgemischte Lieder gesungen: sefardische, ashkenasische und jemenitische. Auch die Siedlung ist nicht einseitig. Es gibt hier vielleicht nicht mehr als zweihundert Familien mit unterschiedlichen

"Juden vertreiben keine Juden." Aufkleber aus der zeit des Gaza-Rückzugs 2005
„Juden vertreiben keine Juden.“ Aufkleber aus der Zeit des Gaza-Rückzugs 2005

Traditionen, aber sie alle glauben an dasselbe Ideal – „Eretz Israel ist unser Land“. Nichts Neues, und dennoch  ist es schwer. Aufkleber, Plakate und Poster erinnern von Zeit zu Zeit an die Realität der Einwohner: „Juden vertreiben keine Juden“, „Keine Araber – keine Attentate“, „Sie wollen die Häuser abreißen – wehrt euch!“, aber es ist kein Gesprächsthema am Tisch. Menachem ist vorbeigekommen. Wer bewacht jetzt wohl die Einfahrt? Außer Armeefahrzeugen fährt hier kein Auto mehr herauf.

"Keine Araber - keine Attentate"
„Keine Araber – keine Attentate“

Die Siedlung  ist mit Laternen beleuchtet. Das Haus verstummt. Man liest ein Buch oder geht schlafen. Die Dörfer sind wie kleine Lichtinseln, für jeden deutlich zu sehen, in der Schwärze, in der die Berge Shomrons versinken.

Der Morgen bricht an. Warum erwarte ich heimlich, dass etwas geschieht? Ich verspäte mich zum Morgengebet. Noch immer ist es neblig, vielleicht ist es hier immer so. Das Gras ist nass vom Tau. Viele Kinderstimmen klingen in den Straßen. Die Synagogen sind voll. Daheim warten das Essen und die Lieder. Die Ruhe schläfert mich ein. Als die Nachbarn und Freunde vorbeikommen, verschwinde ich im Zimmer und lege mich schlafen. Neben mir schläft ein Baby, das die Attraktion des Tages gewesen ist. Seine Mutter, eine sehr junge Frau, sagte, sie könne es nicht erwarten, das Kind wachsen zu sehen. Der Vater wirkte noch jünger und trug schlabbrige Jeans. Sie ekelten sich noch immer vor dem Windelwechseln.

Sicht auf Shchem (Nablus), Nordteil.
Sicht auf Shchem (Nablus), Nordteil.

Ich reiße mich aus dem Schlaf. Zeit für einen Spaziergang. Bisher habe ich nur ein paar Straßen und die Aussicht vom Berg gesehen. Am Berghang stehen die Häuser von Nablus – Shchem, der berühmt-berüchtigten Stadt, verstreut in der Gegend. Sie wirken unbedeutend. Beim Spaziergang verstehe ich, wie klein die Siedlung wirklich ist. Auf einem Nachbarhügel stehen ein paar

Sicht auf Shchem (Nablus), zentraler Teil.
Sicht auf Shchem (Nablus), zentraler Teil.

Wohncontainer. „Man darf dort nicht bauen“, erklärt meine Freundin. Ich weiß nicht, wo man tatsächlich bauen darf. Fast jeder  jüdische Ort hier hat eine schwere Geburt hinter sich. Was mit einer Gruppe mutiger  und kompromissloser Israelis anfängt, die auf einem Hügel notdürftige Holzbauten oder Wohnwagen hinstellen, kann mit einem Überfall aus den umliegenden arabischen Dörfern oder den Baggern der Regierung enden, die dem Projekt ein Ende bereiten. Siedlungen kommen und gehen. Was im Fernsehen oft aussieht wie eine Ordnungswidrigkeit und politische Auseinandersetzung, ist an Ort und Stelle ein Kampf ums Überleben.

Der Abend kommt schnell und Shabbat ist nun vorbei. Es wird für mich Zeit, zu gehen. Ich muss ins Landeszentrum, zu Freunden, zur Arbeit, ich habe nichts mehr zu tun in Shomron. Ich würde es gern bereisen, bewandern, aber allein ist das wohl zu riskant. Die Idee kam mir spontan am Nachmittag. Ich helfe meinen Freunden bei einem technischen Problem. Sie können leider kein Englisch. Ich muss mit meinem Koffer weg und es gibt keinen Bus. Sie finden für mich eine Mitfahrgelegenheit. So fahren die Meisten hier in der Gegend. Ob das gefährlich ist? Ich frage nicht nach. Wieder ist es Nacht und ich umarme meine Freundin und danke allen. „Ich war still und habe kaum geredet, aber kommt nur daher, dass ich so viel zu lernen hatte. Ich habe wirklich viel gelernt. Es war schön. Todá.“

Im Auto zerquetscht mir mein Koffer die Beine. Die Mitfahrer sind südamerikanische Juden. Das Auto zerschneidet rasant die Dunkelheit. Wie die israelische Verwaltung doch gut vorgesorgt hat: Der Asphalt ist beleuchtet, die Straßen gut gebaut. Der Druck in den Ohren nimmt ab – wir fahren die Berge hinab. Eine Barriere nähert sich, ein „Checkpoint“. „Woher kommst du?“, fragt unser Fahrer eine hübsche Soldatin. Er will ihr einen Kaffee bestellen. Sie lässt uns lachend durch. Wir fahren weiter. Es dauert eine halbe Stunde, eine ganze Welt hinter sich zu lassen. Ich starre noch aus dem Fenster, da fragt mich der Fahrer: „Gleich musst du aussteigen, nicht wahr?“ Die Einfahrt nach Rosh Ha’ayin im Zentrum von Israel. Die Reise ist vorbei. Ich steige aus und sehe das altbekannte Flachland vor mir: Hochhäuser. Tankstellen. Busse. Verkehr. Bäume. Israel, wie man es kennt. Wie wir Neuen es kennen. So und nicht anders. Das andere Israel bleibt Augen und Köpfen verborgen. So verborgen und unerreichbar, dass sogar die Journalisten nicht wissen, worüber sie schreiben. Die jüdischen Siedler, – sie sind keine Erfindung von heute. Die ersten kamen in 1882*. Die anderen kämpften um  1948. Und die heutigen sind in den Bergen, die unsereiner nicht kennt, – und sie halten nichts von Israels Grenzen auf den Landkarten. Ich muss mich fragen: Wo lägen unsere heutigen Grenzen wohl ohne sie? … “


 

Der obige Text wurde von mir geschrieben und erschien in der Novemberausgabe 2011 Nr.69 der Jüdischen Zeitung, und ebenso in der Studentenzeitschrift „LEV“ 2011. 

Gemeint sind die ersten organisierten Einwanderungswellen nach Eretz Israel unter osmanischer Herrschaft. Nennenswerte jüdische Siedlungsversuche und auch Errungenschaften gab es durchgängig vermehrt im Zuge des  gesamten 19.Jahrhunderts. 

NEWS: Toter und Verletzter beim Attentat an Wasserquelle

UPDATE 21.06.15:
Nach intensiver Suche, Straßensperren und Befragungen haben die Armeeeinsatzkräfte bisher den Täter nicht gefunden und konzentrieren sich von nun an mehr auf nachrichtendienstliche Ergebnisse und weniger auf Einsätze vor Ort.
Offizielle Quellen der Armee geben an, dass die Bewegungsfreiheit und Einreiseerleichterungen für die arabische Bevölkerung in Samaria im Zuge des Ramadans nicht vom Attentat beeinflusst werden. Man geht momentan von einem Einzeltäter aus.

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Dani Gonen sel.A.. Quelle: Natan Epstein

Dani Gonen aus der Stadt Lod, das Opfer des Attentats an der Wasserquelle, wurde heute abend in Lod beigesetzt. Seine Organe wurden zuvor von seiner Mutter gespendet, da Dani zu Lebzeiten einen solchen Spenderausweis besessen hatte. (Quelle: YNET)


Umsonst dachte ich, mit einem lebensfrohen Text über Feiern und Sommeranfang ins Wochenende gehen zu können. Schon hat uns wieder der Tod erreicht. Diesmal auf eine besonders hinterhältige Art und Weise:

Als zwei 25-Jährige, Dan Gonen und sein Freund, nach einem Freitagsausflug zu einer bekannten Wasserquelle nahe der Siedlung Dolev in Südsamaria (Binyamin) nach Hause fahren wollten, sahen sie einen arabischen Palästinenser, der ihnem Zeichen machte, anzuhalten. Als diese bei ihm anhielten, fragte er sie, ob es Wasser in der Quelle gäbe. Gerne gaben die jungen Maenner Auskunft – doch ihre Hilfsbereitschaft hatte einen Preis: Der Unbekannte schoß plötzlich aus einer Handwaffe aus nächster Nähe auf die beiden und flüchtete vom Tatort. Einer der Wanderer wurde leicht bis mittelmässig verletzt, Dan Gonen schwer. Beide wurden von den alarmierten Einsatzkräften evakuiert.
Der schwerverletzte Dan Gonen wurde bewusstlos eingeliefert und starb schließlich nach Wiederbelebungsversuchen im Tel Hashomer-Krankenhaus.

Nach den Angaben des zuständigen Offiziers weiß die Armee noch nicht, ob es eine Verbindung zwischen irgendeiner Terrororganisation und dem Täter gibt oder ob es ein Einzeltäter gewesen ist. Einsatzkräfte fahnden nach dem Terroristen in den umliegenden arabischen Dörfern.

(Quelle: YNET, IDF)

Was für eine furchtbare Nachricht für die Familie, Freunde und uns alle – ein grausames Ende nach einem unschuldigen Freizeitausflug und einer hilfsbereiten Geste!

#diesiedlerin #israel #arabterror

NEWS: Verdacht auf Entführung in Judäa

ENTWARNUNG: 03.04.15, 00.47 Isr.Zeit:
Niv Asraf. Foto: Privat (Facebook)
Niv Asraf. Foto: Privat (Facebook)

Der am Abend des 02.04 verschwundene 22-jährige Israeli wurde ebend in der Nähe von der Siedlung Kiryat Arba gefunden, er hatte Konservenbüchsen und einen Schlafsack bei sich. Laut Medien- und Polizeiangaben hatte er sein Verschwinden gemeinsam mit seinem Freund, einem Soldat im Dienst, vorgetäuscht, offenbar wegen einer missglückten Liebesbeziehung oder „romantischen Gründen“. Die genauen Umstände werden ermittelt, die Fahndung ist beendet. Gegen die Verursacher der Operation werden offenbar rechtliche Schritte eingeleitet werden. In den Medien wird vom Großaufgebot der Einsatzkräfte und der Sorge der Familie des Verschwundenen berichtet, welche der 22-Jährige an der Nase herumgeführt hatte.
(IDF; Tazpit News Agency; Ynet)


 

02.04.15: Wie israelische und internationale Medien berichten (Ynet, Channel 2, Times of Israel), besteht der Verdacht auf Entführung eines Israelis in der Gegend um die Siedlung Kiryat Arba/Hebron, Judäa.
 UPDATES:

#4 Name des Verschwundenen: Niv Asraf, 22, aus Be’ersheva.

#3  22:28 Isr.Z. Pressestelle der israelischen Armee: „Wir behandeln diesen Fall als Entführungsfall. Aufklärungs- und Kampfeinheiten vor Ort sind kritisch in diesen Stunden.“ (Peter Lerner, Armeesprecher) Noch immer ist der verschwundene Israeli nicht gefunden, aber die Armee handelt in der Annahme, dass der Mann noch lebt.

Lokal: Über Gush Etzions dunklem Himmel schwirren unentwegt Hubschrauber. Die Etzion-Einsatzbasis der israelischen Armee befindet sich direkt gegenüber der Siedlung Alon Shevut.

#2 Israelische Sicherheitskräfte fahnden gemeinsam mit den Sicherheitskräften der PA nach dem Verschwundenen. Die PA-Sicherheitskräfte gehen sowohl von einem nationalistischen Tatmotiv als auch einem kriminellen aus. Ein Verwandter des Verschwundenen bittet die Öffentlichkeit, für diesen zu beten.

#1 Times of Israel – Unklar, weshalb der 22-Jährige in das Dorf Bet Anun gegangen ist. Anonyme Polizeiquellen werden zitiert, der Freund des Verschwundenen habe mehrere Versionen zu Protokoll gegeben; außerdem sei das angeblich beschädigte Rad des Fahrzeugs nicht beschädigt gewesen, wie anfangs behauptet. Das Mobiltelefon des Verschwundenen hat der Beifahrer beim Ausstieg im Wagen liegen gelassen.


 

Zur Ortskarte Kiryat Arba / Bet Enun
Zur Ortskarte Kiryat Arba / Bet Enun

Laut Berichten war um 16.15 Uhr nachmittags bei der Polizeistelle 101 eine Meldung eines israelischen Autofahrers eingegangen, dessen Aussage zufolge er mit einem Freund eine Autopanne auf der Schnellstraße 60 in der Nähe der Siedlung Kiryat Arba/Hebron, bei dem arabischen Dorf Bet Enun gehabt hatte. Nachdem der Beifahrer sich in das Dorf aufmachte, um Reparaturwerkzeug zu besorgen, sei er nicht mehr zu erreichen. Ein Großaufgebot an Armee- und Polizeieinsatzkräften wurde zur Fahndung in das Gebiet Kiryat Arba und Bet Enun ausgeschickt.

Laut Bericht der Times of Israel, handelt es sich bei dem Verschwundenen um einen 22-Jährigen aus Beersheva im Süden des Landes. Mit seinem Freund waren die beiden zu einem Besuch der Patriarchenhöhle nach Hebron gefahren. Der Freund des Verschwundenen wartete im defekten Auto ca. eine halbe Stunde auf den Beifahrer, bevor er die Polizeit von seinem Verschwinden alarmierte. Der Verschwundene war offenbar mit dem Areal vertraut, da er während seiner Armeezeit in dem Gebiet stationiert gewesen war.


Weitere Neuigkeiten: 

Zur Ortskarte Rosh haAyin/Oranit
Zur Ortskarte Rosh haAyin/Oranit

Heute morgen hatte ein palästinensischer Jugendlicher asu Tulkarem versucht, am Grenzübergang Oranit nach Samaria in der Nähe der israelischen Stadt Rosh haAyin einen israelischen Offizier bei einer Routinekontrolle mit einem Messer zu erstechen. Der Offizier , Yo’av Leitmann, neutralisierte den Angreifer und nahm ihn fest, wurde dabei leicht am Kopf verletzt. Der Terrorist hatte zusammen mit einer Gruppe versucht, illegal über die Grenze ins israelische Kernland zu gelangen.

(Ynet)

Jedem sein Spaß

Wozu man den Schnee so alles nutzen kann….

Eilmeldung der lokalen Nachrichtenagentur „Tazpit“: Arabische Jugendliche bewerfen die jüdische Siedlung Beit El in Samaria mit Steinen, welche sie zuvor als Schneebälle getarnt haben.

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Foto: Hillel Meir, "Tazpit"

Von derselben Agentur:
Foto von Schneemann, welcher von Jugendlichen in Esh Kodesh, jüdischer Ortschaft in Samaria, gebaut wurde.

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Foto: Aharon Katzuf, "Tazpit"

Jedem sein Spaß, wie man sieht….

Wer sind wir? Siedler über sich – 1. Orli

Wer sind wir, die Siedler, und was wollen wir? Warum leben wir dort, wo wir leben? Wo kommen wir her, wer sind unsere Eltern, was machen unsere Partner und Kinder? Wer von uns war vorher ein Großstadtkind, wer ist einer Idee nachgelaufen, wer hat mit der Siedlung einen Kindheitstraum erfüllt und wer hätte niemals daran gedacht, in eine zu ziehen? Sehen wir uns in einem Krieg, oder träumen wir von einer „dritten Lösung“? Was denken wir wirklich über den Friedensprozess, sehen wir eine Zukunft in der Siedlungsbewegung und ist Olivenhain-Verwüstung und Graffiti-Sprayen wirklich unser liebstes Hobby?

Lest und hört, was Israelis aus jüdischen Siedlungen in Judäa und Samaria euch aus erster Hand zu erzählen haben. Trefft junge Frauen wie Orli, den 18-jährigen Daniel und seine Freunde, den ehemaligen Vizevorstand von Judäa und Samaria Yigal Dimoni, einen älteren Kibbutznik aus Migdal Oz, Asher – den Sohn amerikanisch-russischer Einwanderer, der kurz vor dem Armeeeinzug steht; den „starken Mann“ Yossi aus den Bergen von Samaria, die „Frauen in Grün“ – und viele mehr.

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michmash
Wo liegt Ma’ale Michmash? Klick aufs Bild!

 

Wir beginnen mit Orli, 26, aus der Siedlung Ma’ale Michmash im Regionalkreis „Binjamin“, nördlich von Jerusalem. 

Kommentare zum besseren Verständnis der Begriffe sind mit „z.E.“ (zur Ergänzung) und mit Klammern versehen.

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Orli

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Ich komme aus Jerusalem und bis zu meiner Hochzeit wohnte ich dort mit meinen Eltern. Nach der Heirat sind wir nach Ma’ale Michmash umgezogen. Wirhleben hier an die 7 Monate. Ich bin in der Sozialarbeit tätig und mache eine Ausbildung zur Reiseleiterin. Ich habe in einer Ulpana (religiöse Mädchenschule, z.E.) für Künste gelernt und nach 2 Jahren Zivildienst habe ich auch in „Machon Ora“ (einem Institut für jüdische Religion und Philosophie, z.E.) gelernt. Sozialarbeit habe ich in drei Jahren in einer orthodoxen Akademie studiert.

‚Warum seid ihr nach Michmash gezogen?‘

Wir haben ein gemeinschaftlich-religiöses Kollektiv in der Nähe von Jerusalem gesucht.

‚Kennst du ein wenig die Geschichte von Michmash – aus früherer und moderner Zeit?‘

Ich kenne mich nicht genug aus, aber ich weiß, dass Michmash in den Heiligen Schriften als eine der Ansiedlungen bekannt ist, zu der Jonathan, der Sohn König Shauls, gelangt, und es gibt weitere Nennungen. Die moderne Siedlung wurde in den 80er Jahren gegründet, soweit ich es weiß, als Teil des Siedlungsprogrammes des Landes Israel. Die Gebiete wurden im Sechstagekrieg 1967 befreit, und darunter fallen auch die Gebiete von Samaria und Binjamin (südlicher Teil des Samaria-Gebiets, nördlich von Jerusalem, z.E.). Das folgte einem Aufruf von Rabbiner Zwi Jehuda Kuk.

‚Was hat das Leben in Michmash für dich für eine Bedeutung? Hast du dich schon gut akklimatisiert?‘

Wir werden noch als relativ neu hier gesehen, und wir freuen uns, dass wir hierhergekommen sind. Das sind einige der Gründe:

  • Wir haben das Privileg, das Gebot der Besiedlung des Landes Israel zu erfüllen, und einen Ort zu stärken, der leider momentan, dem Konsens zufolge, nicht als Teil der jüdischen Geschichte wahrgenommen wird.
  • Von dem sozialen Aspekt her ist die Siedlung wunderbar – die Menschen sind sehr freundlich, interessieren sich, laden uns ein und helfen, wo sie können. Es gibt viele Aktivitäten, und ein Gefühl von Gemeinschaftlichkeit und echter Solidarität.
  • Wir haben wunderschöne Aussicht auf die Berge von Binjamin.
  • Der Karavan, in dem wir leben, ist vergleichsweise neu, gut gehalten und angenehm, und unserer Meinung nach kann man als junges Paar, das noch ganz am Anfang ist, gar nicht mehr verlangen. Dazu kommt, dass die Wohnpreise hier relativ niedrig sind. Und trotz des Umzugs haben wir uns gar nicht so sehr von Jerusalem entfernt – es sind nur 15 Minuten Fahrt bis dorthin. Und neben uns gibt es ein sehr entwickeltes Industriegebiet, sehr bequem. Wir haben kein Auto, aber von der Flexibilität her ist es nicht so schlimm – es gibt einen Bus zur Siedlung und viele Tramp-Möglichkeiten.

    Im Inneren von Orlis Karavan
  • Die Gemeindeverwaltung kümmert sich um die Belangen der Einwohner – Einkaufsladen, Synagogen, Kindergärten, Schulen, Spielplätze, Mikwe (rituelles Tauchbad, z.E.), andererseits lässt sie aber auch genug Platz für ein Gefühl von familiärer und intimer Atmosphäre.

‚Was sind für dich die Hauptunterschiede zwischen dem Leben in einer Großstadt und einer Siedlung?‘

Der zentrale Unterschied, meiner Meinung nach, zwischen den beiden ist die Lebensqualität: Hier gibt Ruhe und Aussicht den ganzen Tag lang, was in einer Stadt selten zu finden ist, und es gibt eine große Solidarität unter den Bewohnern; auch das findet man eher seltener in einer Stadt.

Am liebsten mag ich es, die Jalousien am Morgen hochzuheben und auf die Berge zu schauen, die sich mir direkt vor den Füßen ausbreiten, und kaum zu glauben, dass das hier mein Heim ist. Das Gefühl ist, als würde ich im Urlaub wohnen.

‚Hast du irgendwelche Bedenken gegen das Wohnen hier? Was die Sicherheitssituation anbetrifft, zum Beispiel?‘

Was Sicherheit angeht, so muss man wachsam und vorsichtig sein, aber es gibt Überwachung in der Siedlung selbst und wir fühlen uns nicht permanent in Angst versetzt.

‚Wie empfindest du die Gesellschaft, in der du lebst? Erzähl mir ein wenig über sie.‘

Die Gemeinschaft hier, wie gesagt, ist sehr solidarisch. Fast alle Einwohner kennen einander. Es gibt viele gemeinsame Aktivitäten  – Tora-Unterricht, Hobby-Gruppen und anderes mehr. Man hilft viel untereinander. Die Siedlung selbst ist sehr heterogen vom religiösen Aspekt her. Es gibt hier ein breites Spektrum an religiösem Lebenswandel. Es gibt nicht das Gefühl, dass die Gemeinschaft irgendwie erdrückend auf dich wirkt oder in deine Privatsphäre eindringt.

‚Gibt es irgendwelchen Kontakt zwischen euch und den Arabern, die in der Umgebung wohnen?‘

Soweit ich weiß, gibt es keinen. Manchmal kommen hierher arabische Arbeiter, die auf dem Bau tätig sind. Aber das wird nur unter Überwachung getan.

‚Würdest du es empfehlen, in einer Siedlung zu wohnen?‘

Auf jeden Fall. Außer des Gebotes, das Land Israel zu besiedeln, gibt es hier wirkliche Lebensqualität. Die Wohnungspreise sind erschwinglich und es gibt warmherzige Menschen, die einen umarmen. Aber meines Erachtens gibt es viele Orte, an denen es wichtig ist, zu wohnen, und jeder soll sich seine Aufgabe suchen.

‚Siehst du eine Zukunft für die jüdische Siedlerbewegung in Judäa und Samaria?‘

Definitiv. Trotz aller Androhungen, den Bau einzufrieren und trotz der Abrisse floriert die eigentliche Siedlungsaktivität, und mehr und mehr Dörfer weiten sich aus; auch in Michmash baut man. Immer mehr Attraktionen und Services werden für die Bewohner hier eröffnet, und die Infrastruktur entwickelt sich weiter. Gott sei Dank ist die Besiedlung ein Fakt, den man nicht ignorieren kann, und so Gott will, wird sie immer weiter wachsen. Hauptsache, dass wir uns daran erinnern, dass dies das Land unserer Vorfahren ist, wir haben es niemandem weggenommen, und es gehört uns nicht weniger als Tel Aviv, Nahariya oder Dimona.

©2015 Chaya Tal. Ohne ausdrückliche Genehmigung darf keins der Bilder oder Ausschnitte aus dem Interview in welchem Format auch immer veröffentlicht werden,