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Wo der Rabbi tanzen geht…Das Purim-Fest

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Königin Esther mit Fotoapparat

Zur laut dröhnenden Musik wedeln Tiger, Prinzessinen mit Bärten, Sanitäter und Clowns wie wild mit den Armen, ein bis zu den Ohren grinsender Mexikaner wird von einem chassidischen Rabbi auf den Schultern geschwungen, langbärtige Köpfe ruhen auf dem Tisch, in süßen Traum versunken; ein wie im jiddischen Schtetl gekleideter Äthiopier umarmt verliebt die Säule im bunten, kreischenden, von Wein- und Zigarettengeruch erfülltem Raum. Frauen versuchen, ihre heranwachsenden Teenies davon abzuhalten, nach den letzten Tropfen Wein in den Flaschen zu fahnden, und überall laufen durch die Menge wilde Prinzessinen, Tiger, Soldaten, Mini-Bob-Dylans und wer nicht noch alles. In der Nachbarstraße gehen Unbeteiligte vorbei und schauen halbbelustigt, halb skeptisch auf die wilde Feier im oberen Stock. Eine bunte Pippi-Langstrumpf-Figur lehnt sich heraus, winkt den Vorbeigehenden zu, von denen manche irritiert  stehenbleiben, andere lächelnd vorbeigehen.

– Darf ich vorstellen? Das war ein kleiner literarischer Einblick ins feiernde Hebron. Die Juden von Hebron und auf der ganzen Welt feierten am letzten Donnerstag und Freitag (4./5.03.) das Purim-Fest. Was ist Purim? So viele Traditionen, Erklärungen und Motive stecken in dem fröhlichsten und frechsten Feiertag des jüdischen Kalenders, und dabei hat dieser Feiertag kaum bestimmte Verpflichtungen und besteht zumeist aus Musik, Geschenken, Verkleidungen und Trinken. Und doch hat dieser Feiertag eine tiefe Verbindung zu der Essenz der jüdischen Geschichte.


 

Lasst uns kurz auf die Geschichte des Festes schauen:

Zu der Epoche des persischen Reiches, ca. im 5.Jahrhundert vor der neuen Zeitrechnung, wurden die Bewohner des Königreichs Jehuda – Judäa, aus genau der Region, in der ich heute wohne, incl. Jerusalem – nach Babylonien vertrieben und die Orte ihrer Heimat und der Tempel in Jerusalem zerstört. Diese Juden lebten in der 127 Kleinstaaten des persischen Reiches, und einer der Könige des Reiches war ein gewisser Achashverosh, bekannt als Artaxerxes. Die Esther-Rolle, ein Bestandteil der Heiligen Schriften der jüdischen Tradition, berichtet von einem einschneidenden Ereignis der jüdischen Geschichte: Dem ersten Plan  zur „Endlösung der Judenfrage“, entwickelt von einem Minister des persischen Königs, Haman. Dieser stammte von den Erzfeinden des jüdischen Volkes, den Amalekitern, ab, und nach einer Auseinandersetzung mit einem  Anführer der ins Exil getriebenen Juden, Mordechai, holte er vom König die Erlaubnis ein, nicht nur Mordechai, sondern auch sein gesamtes Volk dem Verderben zu widmen. (Haman ist somit der erste dokumentierte Antisemit der Zeitgeschichte.)

Es ist eine mit Intrigen und seltsamen „Zufällen“ gespickte Affäre auf dem Königshof, in welchem ebenso das jüdische Mädchen Esther (Hadassa) eine Hauptrolle spielt. Eine Verwandte Mordechais, wird sie als potenzielle Braut für den König ausgewählt, der nach einem Konflikt mit der eigenen Frau diese entlässt (oder gar, nach einer anderen Version – tötet). Esther, welche ihre jüdische Herkunft auf Wunsch Mordechais nicht preisgibt, wird zur Königin erwählt. Nach der Bekanntmachung des Vernichtungsplans, welcher auf ein bestimmtes Datum angesetzt wird, schmieden Mordechai und Esther einen Plan, wie sie die Vernichtung verhindern können. Der Plan gelingt, Esther erwirkt für ihre Landsleute das Recht, sich gegen Angreifer zu verteidigen und dementsprechend das Todesurteil aufzuheben, und Haman wird für sein Vorhaben bestraft und gehenkt. Zur Erinnerung an die Massenrettung legen Esther und Mordechai fest, dass das ursprüngliche Datum der Vernichtung, an welchem sich das Schicksal gewendet hat, zu einem Tag der Freude, der Geschenke, der guten Taten und des Lachens zu machen. Und so feierten und feiern Juden die Jahrhunderte hindurch das Fest der Rettung, der Einigkeit, der Selbstaufopferung  und dem Sieg des Guten über das Böse, ganz egal, wie die Stimmung um sie herum sein mochte  – ob nun in den dunkelsten Zeiten des Exils, ob mit Kostümen, dröhnender Musik, Tanz und Wein auf offener Straße im eigenen Staat.

Die Bräuche, die das Fest begleiten, sind knapp und sozial ausgerichtet: Neben dem zweifachen Hören der Esther-Rolle abends und morgens hat man ein großes Festmahl mit vielen Gästen zu veranstalten, Freunden mindestens zwei essbare Geschenke zu bringen und ebenso an Bedürftige Essen und Geld zu spenden. Auch ist das Trinken unabdingbar – denn, so wie es im Talmud steht, „der Wein geht hinein, und heraus kommt das Geheimnis“, der Wein verwischt die Grenze zwischen Illusion und Wirklichkeit, er befreit die tiefste Freude, die innigsten Gefühle, lässt Trauer verschwinden und verbindet. Die Tradition der Verkleidungen ist kein usprüngliches Gebot zu Purim, hat aber auch das Element des Festes drin – Verwischung von Identität, von Gut und Böse,  und das Lachen über das Unbekannte und Bedrohliche.


Zurück zu uns in Judäa und Samaria.

Purim-Marathon für Neulinge

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Vorlesung der Esther-Rolle im Naturpark Oz veGaon
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Auch die Kleinsten machen mit

Den Feiertag feiert man in jeder Stadt ein wenig anders, und natürlich hat das in den Siedlungen sein ganz persönliches Flair. Am Abend und am Morgen rennen die Menschen, vor allem die mit den Kindern beschäftigten Frauen (alle Kinder müssen ja geschminkt und geschmückt werden…) den Vorlesungen der Esther-Rolle hinterher, denn es ist ein Pflichtgebot, sie von einer Pergamentrolle vorgelesen zu hören. Meistens gibt es Lesungen in der Synagoge, aber alle beide habe ich persönlich verpasst, und daher waren wir am Abend noch mit Bekannten in das benachbarte Neve Daniel um 11 Uhr gedüst, um dann in einer Gemeinschaft von ebensolchen „Zuspätkommern“, natürlich verkleidet, in einem Haus eines großen bärtigen Mannes die Rolle vorgelesen zu bekommen. Wenn der Name des bösen Haman fiel, wenn man traditionell pfeift, klopft und andersweitig seine „Verabscheuung“ ausdrückt, quäckte der Hausherr mit seltsamer Stimme von der Haustreppe. Einige meiner Bekannten öffneten schon am Abend die Wodkaflasche, und in der Karavansiedlung lief irgendwo Musik, ansonsten war alles ruhig. Am Morgen war es an der Zeit, endlich, endlich die Nachbarschaft zu durchkreuzen nach den Freunden und Nachbarn, denen ich dieses Jahr ein Geschenk vorbereitet hatte.

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Kostümierte Familie aus Peru/Israel
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Alles in den Augen des Betrachters…

Wie erwähnt, ist es ein Gebot, mindestens zwei essbare Produkte an einen Bekannten zu schicken, und mindestens zwei essbare Produkte oder Geld an mindestens zwei bedürftige Menschen. Solche Pakete werden in bunte Tüten verpackt, irgendeiner steckt ein traditionelles Mini-Fläschchen Wein hinzu, es gibt Süßigkeiten und bei manchen auch was Gesundes, und dann geht es darum, die Sachen „an den Mann“  zu bringen, bevor die Sonne sich setzt. Jedes Jahr macht man in meiner Siedlung eine Lotterie, und jeder bekommt eine oder zwei Familien zugewiesen, denen man etwas schenken soll – so auch dieses Jahr. Vor allem für einen Neuling wie mich ist das natürlich sehr kostbar, von meinen mir noch wenig bekannten Nachbarn etwas zu bekommen, mit einem netten Zettel versehen, ebenso wie nachzudenken, was ich denn „meinen Familien“ in die Tüten legen soll.

Durch Alon Shvut sollte eine Maskarade-Prozession gehen, die hatte ich allerdings verpasst. Wer die Karnevalsumzüge aus Deutschland kennt – das ist etwas Ähnliches, und meine Version ist, dass der Brauch mit den deutschen Juden und ihrer Karnevals-Gewohnheit nach Israel importiert worden ist….aber ich habe mir es noch nicht bestätigen lassen.

Ein ganz persönlicher "Karnevalsumzug"...mit dröhnender Musik durch Alon Shvut
Ein ganz persönlicher „Karnevalsumzug“…mit dröhnender Musik durch Alon Shvut

Da ich noch an die wandelnden und laut feiernden Massen von Jerusalem gewöhnt war,  war mir hier es etwas zu still, obwohl in den verschiedenen Häusern Familien gemeinsam feierten. Ein Rabbiner sammelte bei sich die Geschenke für die Bedürftigen, welche er dann in eine Synagoge brachte und den Bedürftigen verteilte. Gut, dass es diese Möglichkeit gab; ich wüßte eindeutig nicht, wer bei uns in der Siedlung wohl bedürftig ist.

Das Fest von Hebron

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An der Haltestelle von Alon Shvut

Am Nachmittag fuhr mit einer Freundin nach Hebron, dort habe ich eine Bekannte, die mir eine Feier versprochen hatte.  Auf den Haltestellen standen bunte Leute und winkten mir zu.

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Pippi Langstrumpf an der Haltestelle Richtung Hebron. Die Betonpfähle sind dafür da, damit Terroristen die Wartenden nicht überfahren.

Im jüdisch-arabischen Teil von Hebron saß fast die ganze Gemeinde der jüdischen Viertel Avraham Avinu und Tel Rumeida in einem Saal voller recht betrunkener, fröhlich tanzender Menschen, und es gab dröhnende Musik, Essen und Wein. (Ich habe noch kein Wort über die jüdische Gemeinschaft in Hebron verloren, ihre Geschichte, von alt bis zu modern, ist unglaublich spannend, teilweise tragisch und hart, und auch nicht leicht zu verstehen – darüber in eine anderen Beitrag.) Der Saal lag ganz nah am Grab der Patriarchen, einem massiven, herodianisch-osmanischen Gebäude, unter welchem die Gräber der Ahnen des jüdischen Volkes – Avraham, Yitzhak, Ya’akov, und ihre Frauen Sarah, Rivka und Leah – liegen. Die Araber Hebrons, auf der Straße neben der Festhalle, schauten staunend zu der Musik aus den Fenstern hoch und zu mir, die ihnen aus dem offenen Fenster zuwinkte.

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Seltsame Treffen

Anschließend machen wir einen Spaziergang durch die Gassen des Teiles von Hebron, welcher uns als israelischen Staatsbürgern zu betreten erlaubt worden war – von unserer eigenen Regierung. Unterwegs wurde ich von einem Anfall von Übermut erfasst und beschloss, meine restlichen Süßigkeiten an die arabischen Kinder zu verteilen. Dank der Aufmerksamkeit, die mir mein buntes Auftreten sicherte, kam ich in Augenkontakt mit vielen arabischen Fußgängern, und manche konnten sich ein Lächeln abgewinnen, andere grüßte ich zuerst. Ich war in Hochstimmung. Soldaten in Shorts und T-Shirts joggten an mir vorbei und riefen etwas von wegen „täglicher Sport“ zu – wie konnten sie so einfach ohne Waffe herumrennen, fragte ich mich, und dann auch sie, als ich später auf sie traf. „Ja, zu Beginn machte es schon Angst, aber dann gewöhnt man sich daran“, erwiderte einer von ihnen lachend.

Die Kinder, denen ich die Süßigkeiten anbot, reagierten recht ambivalent. Zwei kleine Jungs hinter einem Haustor verneinten erst zurückhaltend, aber dann konnten sie nicht widerstehen und lächelten schließlich auch. Eine andere kleine Gruppe hatte zwei sehr dominante 6- oder 7-jährige Mädchen bei sich. Mein ehemaliges Arabisch hatte sich leider komplett verflüchtigt, und die Mädels bestanden darauf, dass ihre jüngeren Brüder ja nichts nahmen. Angst vor Fremden? Abscheu für die „Feinde“? Es konnte alles sein. Einer von den Jungs gab mir einen Keks, und als er schon auf einen „Austausch“ eingehen wollte, zerrte ihn die ältere Schwester oder Cousine zurück. Friedensverhandlung gescheitert? Die Mädchen hatten aber keine Skrupel, an meiner Perücke zu zupfen und zu fragen, ob sie echt sei. So lernten sie von mir auch das Wort „Sse’ar“  – Haare – welches ich ihnen aus Mangel an Arabisch auf Hebräisch zu vermitteln suchte.

Ein jüdischer Junge schaut aus einem Fenster in Hebron
Ein jüdischer Junge schaut aus einem Fenster in Hebron

In der Gasse mit den jüdischen Häusern war nicht viel los. In diesem Teil Hebrons leben Juden und Araber wie einst, vor dem fatalen Pogrom 1929, nebeneinander. Die Feindschaft ist allerdings sichtlich zu spüren. Eine vorbeifahrende junge Frau fragte mich, warum ich den Kindern die Süßigkeiten verteile. „Warum nicht?“, bemerkte ich. „Gut, wenn du meinst…“, antwortete sie und fuhr davon.

Wir plauderten noch mit ein paar Soldaten der Golani-Brigade, die momentan in Hebron stationiert sind, um für Recht und Ordnung im gemischten Stadtviertel zu sorgen. Und dann sahen wir sie – drei Männer mittleren Alters, mit den „Palitüchern“ in Kafiyya-Muster. Sie grüßten die arabischen Kindern und gingen dann in Richtung des Grenzübergangs, der den gemischten vom rein arabischen Stadtteil trennt. Meine Freundin und ich gingen ebenso hin. Obwohl sie nicht einverstanden gewesen war, sprach ich die Männer an – ich war mir sicher, sie waren Europäer. Tatsächlich – zwei erwiesen sich als Engländer und der dritte Mann war deutsch.

Was sie denn so machten, und wie lang sie in Hebron seien, sprach ich ihn auf Deutsch an. Er war sichtlich überrascht, aber erzählte mir, sie seien ein paar Tage da, und von einer christlichen Organisation namens Irgendwas geschickt worden (sie trugen gar ihre Jacketts). Ob sie auch im jüdischen Teil gewesen seien, und das Fest mitbekommen haben, fragte ich. Ja, meinten sie, es gäbe da ein Fest und Musik. Was sie denn machten in Hebron, fragte ich. Sie würden morgens und nachmittags so um den Grenzübergang sein und auf der Straße, denn ich wisse ja, es gäbe hier viele Kinder, und sie würden dafür sorgen, dass die Kinder sicher zur Schule kämen, weil, ich wisse ja, die Soldaten prüften ja die Taschen von den Kindern nach. Aha. Nette Leitlinie. Wüssten sie denn nicht, dass man in Schultaschen auch gefährliche Dinge hineinlegen kann, fragte ich möglichst freundlich nach. Aber das seien doch Kinder, erwiderte mir der Deutsche mit demselben sehr freundlichen Lächeln. Gerade in Taschen von Kindern könnte man aber gefährliche Dinge schmuggeln, bestand ich darauf. Bevor ich unsere „sehr freundliche“ Diskussion weiterverfolgen konnte, rief mich plötzlich ein Offizier zur Seite.

„Warum redest du mit ihnen?“, fragte er mich und klang irgendwie verbittert. „Ich versuche herauszufinden, was sie hier machen, obwohl es mir schon recht klar ist“, antwortete ich ihm. „Rede nicht mit ihnen, lass sie, ich will nicht, dass ihr mit ihnen redet.“ „Wieso nicht? Ich rede mit ihm auf Deutsch, und ich provoziere auch nicht“, rechtfertigte ich mich, aber er blieb auf Seinem. „Wir reden nicht mit ihnen hier. Meinst du, du kannst ihnen etwas erklären, sie von etwas abbringen oder überzeugen? Weißt du, was die machen? Sie kommen jeden Morgen und stehen hier, und bedrängen uns, und grüßen jedes einzelne arabische Kind, und wenn ein jüdisches vorbeikommt, schauen es es nicht einmal an, und sie behindern unsere Arbeit. Sie holen hierher Leute und organisieren Demonstrationen. Wenn ich könnte, würde ich diesen Arschlöchern, und vor allem dem da (er nickte in die Richtung des Deutschen) eine Kugel in den Kopf schießen, aber ich darf es nicht.“ Ein Soldat auf einer Wachtreppe über uns stimmte dem Offizier zu. Ich kannte diese Situation schon von früher, aus meiner Dienstzeit in der Armee; damals hatten mir Soldaten an derselben Stelle von den Aktionen der linken europäischen Aktivisten erzählt. „Ich verstehe dich“, erwiderte ich dem jungen Offizier, „ich würde es auch tun wollen. Ich spreche aber nur mit ihm!“ „Ja, ich weiß, du machst nichts Verwerfliches, aber ich möchte trotzdem lieber nicht, dass Juden mit denen sprechen, es bringt nichts.“

Wir verabschiedeten uns und gingen. Die Sonne setzte sich langsam. Wir diskutierten über den Vorfall, besuchten das Grab der Patriarchen kurz, aber dann trennten sich unsere Wege. Ich fuhr nach Hause, und zum wiederholten Male hatte ich das Gefühl, ich würde diese Stadt und ihr Innenleben nicht in der Lage sein, adequat zu erfassen, und fühlte eine Anspannung auf mir lasten, als würde ich innerlich eingezwängt werden. Ich verstand Hebron noch immer nicht, und eines Tages würde es an der Zeit werden, mich auch in diese komplizierte Materie hineinzufühlen. Mit diesen und anderen Gedanken fuhr ich per Anhalter heim nach Gush Etzion und es erschien mir plötzlich so gewohnt, heimisch und leicht.

Die Initiative liegt bei uns – Caroline Glick diskutiert

Wer den ersten Beitrag nicht gelesen hat: Bitte zum besseren Verständnis hier lesen!


Um den vorherigen Beitrag zum Zionistenkongress am 24.02.15 nicht noch weiter zu verlängern, sind hier im neuen Beitrag die wichtigsten Elemente und Argumente aus der Diskussion der israelisch-amerikanischen, politisch rechtsgerichteten Journalistin Caroline Glick mit dem Gründer der NGO „Im Tirzu“, dem Israeli Ronen Shuval. Der Hauptteil des „Ersten Kongress des Zionistischen Fonds für Israel“ in Jerusalem bestand aus der Vorstellung und Diskussion um Glicks neues Buch, „Die israelische Lösung – ein Einstaatenplan für Frieden im Nahost(heb.Sipuach Achshav). Sein großes Thema – die Verteidigung der Einstaatenlösung als Ausweg für den jüdisch-arabischen Nahostkonflikt. 


Zu Beginn des Kongresses sprechen die Vorstände über die ersten Schritte, die der „Fonds“ schon getan hat, und wieviel noch vor uns allen liegt, weil der „Geist von Oslo (siehe ersten Beitrag)  noch immer in der Luft liegt. „Wir haben weder Europa noch die Millionen hinter uns, aber wir haben den Glauben an die Richtigkeit unseres Weges“ (Dr.Y.Morgenstern).

Es erscheint ein Politiker mit arabischem Akzent auf der Bühne, mir als „Neuling“ nur vom Namen bekannt, aber offenbar sehr beliebt: Ayoob Kara. Eine kleine Recherche hilft weiter: Kara ist Druze,Jahrgang 1955,  Likud-Mitglied und ehemaliger Knesset-Abgeordneter, dazu noch Major im Reservedienst. Eindeutiges zionistisches Profil, wenn man so will, und eine extrem charismatische Gestalt noch dazu. Ayoob spricht von der „Pleite der Oslo-Verträge“, von den Unterstützern und „Schöngeistern der Zwei-Staaten-Lösung“, deren Verkleidung man heute eindeutig erkennen könne, und wenn die PMs Rabin und Olmert damals tatsächlich die Golanhöhen weggegeben oder einen palästinensischen Staat errichtet hätten, „fänden wir uns heute auf dem Flughafen wieder“.  Er spart nicht an Härte in den Worten, und lehnt vehement ein Weiterkauen der „bankrotten Zwei-Staaten-Theorie“ ab. Applaus.

Und jetzt kommt Caroline.  Moderator der Diskussion: Ronen Shuval, Gründer der politischen Bewegung „Im Tirzu“ – zionistisch, kritisch, und meiner Einschätzung nach sehr intelligent. Sie sind beide aus demselben Lager – und kennen wunderbar die Einwände, die man gegen ihre Ideen ausspricht, also ist Ronen in der Rolle des Kontrahenten.

→ Das Geheimnis des Scheiterns der Zwei-Staaten-Idee. 

Caroline Glick und Ronen Shuval
Caroline Glick und Ronen Shuval

Caroline: Die Zwei-Staaten-Ansicht existiert schon 93 Jahre. Ja, offiziell, gibt es sie seit 1993, aber in der Praxis gibt es sie als Lösungsvorschlag schon 93 Jahre, und jedes Mal ist der Ansatz gescheitert, und jedes Mal, wenn er von Neuem versucht worden ist, haben die Juden dafür einen teueren Preis gezahlt. Die Araber hingegen akzeptierten diesen Ansatz schon 1922 (Beginn des britischen Mandats über Palästina und Festlegung einer jüdischen nationalen Heimstätte westlich des Jordanflusses, siehe hier) nicht, und bis heute tun sie es nicht. Wie viele solche, andauernd scheiternde und so alte Ansätze gibt es heutzutage, die aber immer wieder versucht werden? Man redet ja nur über dessen Anwendung, nicht aber, was danach sein wird. Was aber sein wird? Ein Alptraum. Der jüdische Staat wird aufhören, zu existieren.

Ich war eine Offizierin der israelischen Armee in 1994, es war die heiße Zeit der Oslo-Verhandlungen mit der PLO, die Übertragung ziviler Verantwortung von der israelischen Regierung auf die Organisation. Ich war in die Gespräche und die Durchführung der Verhandlungen eingeweiht. Mit mir zusammen war das Verhandlungsteam – gute, qualitative Leute. Ich wurde Augenzeuge des kompletten Einsturzes von jeglichem rationalen Denken, und einer ideellen Unterwerfung. Es war uns allen klar, dass all die Palästinenser, mit denen wir ganz herzlich über ihre Familien bei einer Tasse Kaffee in den Hotels gesessen und geplaudert haben, weiterhin feindliche Aktivitäten unterstützen und fördern würden, gegen den Staat Israel. Es war uns klar, dass kein Frieden hieraus entstehen würden. Aber es herrschte vollkommene Unterwerfung der Leitlinie der Oslo-Verträge.

 Ronen: Mit Oslo sollte doch das territoriale Problem geregelt werden, oder? Meines Erachtens ist das Problem ein theologisches!

Caroline: Problem von Territorien? Nein. Das Problem sind wir, das wollte uns Oslo sagen. Israel „steckt fest“ zwischen dem Jordan und dem Meer, und wenn wir unsere Erwartungen hier verringern und etwas aufgeben, wird es alle Probleme des Nahen Ostens lösen.

Das ist eine kindische Ansicht, und sie ist praktisch nicht durchführbar, aber sie verleiht eine gewissen Kraft, schau: Wenn das eigentliche Problem lediglich von dir abhängt, wirst du definitiv die Zugeständnisse machen und somit alles lösen! Und das ist der Ansatz: Die Schuld liegt nur bei Israel. Und wir haben es mit uns machen lassen und haben diese Schuld angenommen.

Es gibt viele Araber, die es vorziehen, in unserer Demokratie zu leben als unter arabischem Terror. Im Jahr 2000, zur Zeit der 2.Intifada, war jeder 10.Terrorist ein israelischer Araber, obwohl den Stimmungsanalysen nach die Identifikation und die Unterstützung für den Terror auf beiden Seiten der grünen Linie identisch gewesen ist. Aber warum haben tatsächlich nur 10% aktiv daran teilgenommen?

– Israelische Staatshoheit, das ist die Antwort. Nicht wie in Judäa und Samaria. Israel ist hier an der Macht, und die Fähigkeit, den Terror zu stoppen, ist groß, über den Nachrichtendienst, den Shabak (Shin Bet). Und es gibt keine Terrororganisationen, die den Terror noch weiter vorantreiben und die Gesellschaft radikalisieren, wie in den Gebieten.

Ronen: Die Frage der Demografie ist eine Kernfrage des Themas. Wie viele Araber leben in Judäa und Samaria, welche Zahlen werden nicht erzählt? 

Caroline: Auch wenn es dort 6 Millionen Araber gäbe, braucht man die Annektierung. Ich mag den Begriff „Annektierung“ nicht. Es geht um die Anwendung des israelischen Rechts in Judäa und Samaria, genauso wie auf dem Golan. Dabei gibt es Fragen zu klären: wie ist das Recht anzuwenden, wer wird Staatsbürger, was sind die Bedingungen. Aber wenn wir es nicht tun, werden wir nicht weiter existieren können. Der Verteidigungsminister muss das Militärgesetz in den Gebieten aufheben und das zivile Gesetz stattdessen in Kraft setzen. Natürlich muss man darüber nachdenken, wie all das durchzuführen ist, welche Grenzen gesetzt werden etc., aber die Initiative ist in unseren Händen. Wir bestimmen es.

Ronen: Die israelische Gesellschaft hat weniger Sorge vor der arabischen Reaktion auf einen solchen Akt. Es sind drei Faktoren, vor denen sie Angst hat: 1) die demografische Bedrohung – mögliche 30 wahlberechtigte „Hanin Zoabis“ in der Knesset, und die dadurch anwachsende linke Fraktion. 2) die Reaktion der Europäer, 3) die Reaktion der Amerikaner. 

Caroline: Ich glaube nicht, dass alle Palästinenser die Staatsbürgerschaft erhalten, obwohl ich das geschrieben habe. Aber selbst wenn, warum nehmen wir an, dass sie alle antiisraelisch wählen würden?

Erstens, die Dynamik zwischen den Juden und den Arabern würde sich gänzlich verändern, wenn wir die Oberhoheit annehmen und sagen würden, „wir sind hier für immer und gehen hier nicht weg“.

Zweitens, mit diesem Akt der Oberhoheit würde das größte Streitthema innerhalb der jüdischen Gesellschaft neutralisiert werden.

Drittens, ich denke nicht, dass wenn der Staat Israel fest und mutig hinter seinter Entscheidung stehen wird, die Palästinenser allesamt die ultralinken Parteien wählen würden, die im Prinzip nur für die Landesaufteilung existieren?

Mein Ansatz ist der des Integrierens. Lasst uns diesen Arabern etwas Gutes tun. Aber selbst wenn wir nur die C-Gebiete einschließen, so wie das Naftali Bennett und „Habait Hayehudi“ verlangen, werden wir am Ende zur kompletten Annexion kommen. Man muss auch darauf gefasst sein. Das Problem ist aber, wenn wir nur die C-Gebiete annektieren, wird die PLO weiterhin existieren. Die Radikalisierung geschieht durch sie, und solange Israel selbst ihr noch weiter das Existenzrecht vergibt, wandern wir vom Regen in die Traufe.

Ronen: Glaubst du, dass alle, die die anderen Ansichten haben – Zehava Gal-On, oder John Kerry – , werden auf einmal ihre Meinung ändern?

Caroline: Wir haben es mit vielen vergiftenden Kräften in unserer eigenen Mitte zu tun, aber das, was sie stärkt, auch die ganzen post-zionistischen Parteien, das ist die Oslo-Idee, und wir geben dieser eine Existenzberechtigung.

Ronen: Was ist, wenn sich all diese Kräfte vereinen und das Hoheitsgesetz aufheben?

Caroline: Und warum meinst du, dass es ihnen gegenüber kein Gegengewicht gebe?

→ Die europäische Reaktion.

Caroline: Die radikalste Reaktion von allen wird die der EU sein. Die EU hat für nichts eine einheitliche politische Leitlinie, außer wenn es um Politik gegenüber den Palästinensern geht. Im Buch spreche ich darüber, wie man das Gefahrenpotenzial seitens der EU abmildern kann. Das Problem ist, dass wir die Beziehung zu den Europäern wie einen „Roman“ betrachten. Wir gehen  diese Beziehung emotional an, aber es gibt dort keine Emotionen.

Wir müssen verstehen, dass die Völker in Europa antizionistischer sind als die Regierungen, und in den USA unterstützt uns das Volk viel mehr als seine Regierung. Wir müssen unsere Handlungen abwiegen, und nach Interessen handeln, und darauf auch unsere Beziehung zur EU stützen. Denn die Reaktion ist eindeutig: Boykott. Daher müssen wir schauen, inwiefern die Europäer von uns abhängig sind, und Schadensbegrenzung betreiben: So ist zum Beispiel der britische Medikamentenmarkt von der isr.Firma „TEVA“ abhängig und er wird zusammenstürzen, wenn es einen Boykott gibt. Zudem müssen wir unseren Markt auf andere Länder ausweiten.

Schau, die offizielle Leitlinie Israels ist eine Unterstützung der 2-Staaten-Lösung, und dennoch sind wir schon jetzt einem gewissen wirtschaftlichen Boykott seitens der EU ausgesetzt. Israelische Handlungen haben keinen Einfluss auf die Reaktionen der EU, denn sie handeln nach ihren eigenen Interessen. Die Pathologie der Beziehung zwischen Israel und Europa ist bei Europa zu finden, nicht bei Israel.

Was ist mit dem Gazastreifen?

Caroline: Der Gazastreifen ist für mich nicht im Gespräch drin. Es gibt keinen Grund, wieso Gaza den selben Stellenwert haben sollte wie Judäa und Samaria. Wir haben uns aus Gaza zurückgezogen. Der rechtliche Anspruch auf Gaza ist schwächer geworden, obwohl es in der Festlegung von 1922 mitenthalten ist. Aber auch wenn wir den rechtlichen Status von Gaza ändern würden, und das israelische Recht darauf ausweiten würden, ich bin nicht sicher, was es uns bringen würde. Gaza   – das ist der direkte Zugang für die Jihadisten, die Verbindung zum Sinai. Die arabische Gesellschaft im Gazastreifen ist anders als die in Judäa und Samaria. Ich habe im Sommer 2014 die Wiedereroberung von Gaza nicht unterstützt, und ich sehe keine nationale oder strategische Bedeutung darin, Gaza wieder an Israel anzuschließen, so wie man das mit Judäa und Samaria tun muss.

Zionistenkongress, Version 2015.0

Nichtregierungsorganisationen, oder kurz NGOs, welche sich um das Wohl und die Zukunft von Staat und Gesellschaft sorgen, gibt es in Israel bekanntlich viele. Vor allem „boomt“ das Geschäft von politisch orientierten NGOs, denn der Nahostkonflikt ist einer der meistbesprochenen Konflikte der modernen Geschichte seit der Gründung des Staates Israel in 1948. Dabei reduziert sich der „Nahostkonflikt“ fast ausschließlich auf den territorialen Streit zwischen den (jüdischen) Israelis und den Arabern, namentlich den Palästinensern, und auf das Verlangen nach einem Palästinenserstaat.

Buch von Caroline Glick, wörtl. "Annektierung jetzt", angelehnt an den Slogan der linken Bewegung "Frieden jetzt".  Darunter: die hebr.Ausgabe von T.Tenenbaums Buch "Allein unter Deutschen"
Buch von Caroline Glick, wörtl. „Annektierung jetzt“, angelehnt an den Slogan der linken Bewegung „Frieden jetzt“.
Darunter: die hebr.Ausgabe von T.Tenenbaums Buch „Allein unter Deutschen“

Am 24.02.2015, fand zu diesem Thema im Menachem-Begin-Center in Jerusalem die Initiative einer NGO statt, der sogenannte „Erste Kongress des Zionistischen Fonds für Israel„, bei welchem auch die Journalistin, Publizistin und Autorin Caroline B.Glick (bekannt aus der Jerusalem Post? LATMA TV-Parodien? usw.) ihr neu ins Hebräische übersetzte Buch Die israelische Lösung – ein Einstaatenplan für Frieden im Nahost vorstellte. Es folgte eine hochspannende Diskussion zwischen ihr und dem Gründer einer weiteren, nennenswerten Organisation statt – „Im Tirzu“ -, und ich möchte euch unbedingt davon erzählen, da es höchste Relevanz für das Thema Siedlungen und „besetzte Gebiete“ hat.

Vorstand der Verwaltung  der Gusch-Region, Davidi Perl, rechts
Vorstand der Verwaltung der Gusch-Region, Davidi Perl, rechts

Auf dem Kongress fanden sich an die 200 Leute ein (keine genaue Angabe). In der Menge, die um die Stände herumwanderte, Kaffee trank und sich angeregt unterhielt, waren viele zentrale Figuren der nationalreligiösen Szene zu erkennen: Der Vorstand der Gusch-Etzion-Regionalverwaltung Davidi Perl, die mir gut bekannten „Women in Green“ – Yehudit Katzover und Nadia Matar, Journalisten, natürlich der Herausgeber von C.Glicks Buch, der schon Tuvia Tenenboms „Allein unter Juden“ in Hebräisch in die Welt gebracht hatte, und andere mehr. Es waren viele junge Gesichter zu erkennen – eindeutig keine alte-Leute-Veranstaltung.

Ich habe meinen Bericht etwas unterteilt, wer will, kann die verschiedenen Rubriken überspringen und zu den gewollten gehen, einfach draufklicken:

1) Knappe Vorgeschichte der 2-Staaten-Affäre

2) NGOs für Zionismus

3) Caroline Glick diskutiert


 

Knappe Vorgeschichte der 2-Staaten-Affäre

Wenn wir uns ein wenig auf die Vorgeschichte des Territorialkonfliktes rückbesinnen, so kommen wir spätestens auf den zentralen Beschluss der UNO-Versammlung in 1947, bei welcher die Teilung des damals britischen Mandatsgebiets Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat vorgegeben wurde.

Als die jüdische Repräsentanz der Teilung zustimmte, lehnten die arabischen Vertreter im Mandatsgebiet den Teilungsplan ab. 1949 dann, am Ende des Unabhängigkeitskrieges von Israel gegen Irak, Syrien, Jordanien, Saudi-Arabien und Ägypten stand Israel als Sieger gegenüber den 5 arabischen Staaten und hatte auch wichtige Gebiete, die im Teilungsplan nicht vorgesehen worden waren, unter Kontrolle (darunter den Negev und Galiläa), verlor aber Judäa, Samaria, Gaza und Ostjerusalem inklusive der ersten jüdischen Ortschaften und Ansiedlungen dort an die jordanische Armee. Im Sechs-Tage-Krieg 1967 wurde dieser Verlust bekanntlich rückgängig gemacht, die israelische Armee eroberte den Gazastreifen, die Berge Judäas und Samarias bis zum Toten Meer/dem Jordan und Ostjerusalem und beendete die jordanische Herrschaft. Das war die Geburtsstunde des Siedlungsaktivismus in den eroberten, aber nicht zum offiziellen Staatsterritorium erklärten Gebieten, welche rechtlich gesehen als Niemandsland galten.

Wenn ich absolut ignorant über 30 Jahre vibrante israelische Geschichte hinwegfege und den Fokus auf das Jahr 1993 lege  – in diesem Jahr wurden die sogenannten „Osloer Verträge“ geschlossen. Für die einen ein politischer Segen mit einem großen Stück Hoffnung garniert, für andere eine historische Katastrophe, deren Folgen schon absehbar sein würden. Bei diesen zwischen der damaligen PLO (Palästinensische Befreiungsorganisation) und der israelischen Regierung unter Yitzhak Rabin geschlossenen Verträgen (erneut, sehr grob zusammengefasst) wurde beschlossen, die 1967 von den Jordaniern eroberten Gebiete an die Palästinenser zu geben – Judäa, Samaria, Gazastreifen und auch die Golanhöhen im Norden. Für die Verhandlungen und die Verträge gab es 1994 den Friedensnobelpreis – an Yitzhak Rabin, weil er die Abgabe bereit war, durchzuführen, an an PLO-Chef Yassir Arafat, weil er sich offiziell bereit erklärte, Frieden zu schließen (man merkt vielleicht, ein gelinde gesagt etwas ungleicher Tausch).

Diejenigen, die israelische Geschichte ein wenig mehr in die Tiefe studiert haben, wissen, dass Yassir Arafat den Terror nicht abgeschworen hatte; nach der Ermordung Rabins 1995 folgte eine blutige Terrorzeit seitens der Araber gegen Israelis bis hin zur 2.Intifada; die Landabgabe fand nicht statt bis 2005, als Premierminister Ariel Sharon den unilateralen Rückzug Israels aus dem Gazastreifen beschloss und dafür tausende von Juden aus den dort florierenden Ortschaften – bekannt als Gush Katif – vertrieb und entwurzelte. Das Ausmaß des Friedens lässt sich an dem Wahlsieg der Terrororganisation Hamas, dem Raketenbeschuss in Richtung Süd- und Zentralisrael und den Militäroperationen gegen den Terror 2008-09, 2012 und 2014 erkennen.

Das Gebiet von Judäa und Samaria steht schon über 40 Jahre unter israelischer Militärverwaltung bzw. Oberhoheit, wobei es in die Gebiete A/B/C unterteilt ist, von welchen in Gebieten A und B die PLO, heute auch Palästinensische Autonomiebehörde genannt, mehr oder weniger autonom verwaltet. Gebiete C sind unter israelischer Kontrolle, allerdings gilt das gesamte Territorium rechtlich als umstrittenes Gebiet und im internationalen Pressejargon „besetztes Gebiet“ oder heutzutage gar auf gänzlich absurde und realitätsferne Weise „Palästinenserstaat“ (wieso absurd? Mehr dazu später unter Problemzonen).

NGOs für Zionismus

Zurück zu den Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Was politische NGOs in Israel angeht, so gibt es davon viele mit relativ linker politischer Ausrichtung und gut abgesicherter finanzieller Basis, dank massiver Unterstützung durch Geldquellen aus Europa und den USA. (Meine Empfehlung? Mehr zum Thema kann man am Besten über das Buch „Allein unter Juden“ von Tuvia Tenenbom erfahren und wird dabei noch unterhalten.) Israel wäre aber kein demokratischer Staat, wenn diesen NGOs nicht die Organisationen der gegensätzlicher Natur Paroli bieten würden. Sie sind wesentlich weniger im Alltag und den Medien präsent (wieso? Das erklärt Caroline Glick im nächsten Abschnitt). Sie haben erheblich weniger finanzielle Mittel, und bisweilen so gut wie keine, sie stützen sich auf viele freiwillige Aktivisten und das Internet. Eine internationale Bedeutung bzw. eine Stimme irgendwo im westlichen Raum haben die meisten keine, und die Beziehungen zu den Großorganisationen wie der EU oder UNO, sofern sie bestehen, sind ziemlich negativ belastet. In deutschem „Fachjargon“ ist von ihnen, ebenso wie von der Partei „Jüdisches Heim/Habait Hayehudi“, dem „Likud“, dem Wirtschaftsminister Naftali Bennett, dem Außenminister Avigdor Liebermann, und gar Premierminister Benjamin Netanyahu, als von „rechten„, „ultrarechten„, „nationalistischen„, „ultranationalistischen„, „extremen“, „jüdischen rechtsextremen„, „Hardlinern„, „Falken“ und was noch nicht alles Parteien und Organisationen die Rede. Eine ganze nichtssagende, aber zugegeben gruselige Vokabular-Palette wird auf sie verwendet – wie übrigens auch auf „die Siedler“ (ein wenig in deutscher und internationaler Presse bewandert sein klärt auf – mein Tipp). Was und wer hinter den Worten steht, wird nicht erklärt, die Begriffe stehen im Raum, die Attribute sind verteilt, alles unter Kontrolle.

Worum geht es diesen NGOs, von welchen ein wichtiger Teil beim „Ersten Kongress des Zionistischen Fonds Israels“ erschien? In einem Satz – sie setzen sich ein für (Wieder-)Aufbau eines jüdischen,  demokratischen Bewusstseins innerhalb der israelischen Gesellschaft und gegen einen arabischen Staat in Israels Mitte. Somit wäre auch erklärt, was denn mit „Zionismus“ genau gemeint ist -entgegen beispielsweise der Nutzung des Begriffs durch die linken Parteien im aktuellen Wahlkampf: Zionistisch, das ist treu dem historischen Land Israel (Zion) gegenüber, das ist Jerusalem als ewige Hauptstadt des jüdischen Volkes, das ist Einwanderung nach Israel aus dem weltweiten Exil, das ist traditionsreiches jüdisches Bewusstsein, das ist Pflege der eigenen Identität im Nahost, und das ist 100%-ige Selbstbestimmung in allen Bereichen des Lebens. Es ist auch der Widerstand gegenüber linken, identitätsschwächenden, kritischen, diffamierenden, antisemitischen oder einfach einem Nationalstand fernen Ideologien von innen und außen.

Da ist zum Beispiel der Verein „Ein Schritt nach rechts“, welcher in seinem Flyer behauptet, dass gerade die zionistische, für israelische Begriffe rechte Ideologie die beste Wahl für die Zukunft des Landes darstellen, und dass die allseits bekannten, in der Öffentlichkeit vertretenen linken Ideologien schon veraltet sind und keine Relevanz für die Gegenwart der Gesellschaft haben.

Die Organisation „Israel Europe Freedom Center“ setzt sich für eine Aufbesserung der Verhältnisse zwischen Israel und den europäischen Ländern und Politikern ein (so auch in Deutschland!), sorgt sich um das öffentliche Bild Israels in den Medien und der Gesellschaft, kämpft gegen Boykott-Bestrebungen wie das der BDS-Bewegung, organisiert Projekte und Seminare für Studenten.

Das „Nahum Bedein Center“ für Analyse von Nahostpolitik konzentriert sich auf arabische Presse, untersucht und stellt die dort verbreitete Anti-Israel-Agitation bloß und unterhält Beziehungen zu den Parlamentsmitgliedern in Amerika und Kanada.

Die offizielle Verwaltung von Judäa und Samaria war durch verschiedenes Infomaterial an den Ständen vertreten, vor allem mit einem sehr informativ und modisch gestalteten Heft, in welchem schrittweise erklärt wurde, wieso Judäa und Samaria „unsere“, „nützliche“ und „möglich zu machende“ Gebiete sind und welche Ziele mit einer Eingliederung dieser in den Staat erreicht werden können.

Die Jungs von "Eretz Zvi"
Die Jungs von „Eretz Zvi“

„Eretz Zwi“ (Geliebtes Land): vor einem Jahr gegründete Jugendorganisation von jungen religiösen Schülern aus Sderot. Die Jungs haben sich zum Ziel gesetzt, vor allem das zionistische Bewusstsein und die innere Verbindung zum Land zu bestärken, die jüdische Bevölkerung zu informieren, weshalb es für alle wichtig sein solle, dass die von der Regierung nicht anerkannten Gebiete zu Israel gehören sollen. Mit einer Überzeugung, die den jungen zionistischen Bewegungen vor der Gründung des Staates Israel in nichts nachstehen würde, wären nur die Mittel und die Interessenten etwas zahlreicher. Seminare, öffentliches Auftreten bei Veranstaltungen, Demonstrationen, Kontakt mit anderen Aktivisten per Whatsapp – das alles machen sie mit viel Elan.

2000-02-06 22.46.03Und schließlich noch die Dachorganisation, welche das ganze Event auf den Plan gerufen hat: Der „Zionistische Fonds für Israel“, unter der Leitung von Lior Shurka, Dr.Yuval Morgenstern, Natan Werter und Yisca Bina. Sie wollen die kleineren NGOs und Bewegungen unter sich vereinen, finanziell und medial unterstützen, Rechtsbeistand anbieten und eine Art „Gewächshaus für zionistische Start-Ups“ darstellen (was hierbei zionistisch heißt, haben wir ja zu Beginn des Abschnitts geklärt). Im Prinzip ist diese Veranstaltung ihr erstes Coming-Out, bisher habe weder ich, noch andere, in der Szene weitaus mehr bewanderte Figuren von der Organisation gehört. Aber sie bemüht sich, und ist eindeutig in der Lage, die Kleineren unter ihr zu vereinen – das allein schon ein großer Fortschritt.

 

⇒ Weiter zum Kongress und Caroline Glick’s Diskussion: hier klicken. 

Auf den Spuren von Yoav, Offizier aus Elkana

Was bedeutet eigentlich der Tod eines Sohnes fuer seine Eltern? Welche Wege koennen von einem solchen Schicksalsschlag getroffene Eltern gehen, welche Mittel koennen sie finden, um ihr Leben nach dem Tod des Kindes nicht in Trauer und Leid aufzuloesen? Und wie koennen sie tatsaechlich ein gebuehrendes Gedenken dem geliebten Sohn verleihen?

Fuer wahr gibt es, vor allem heutzutage, viele Weisen, wie mit einer solchen Tragoedie umgangen werden kann. Unbestreitbar ist aber, dass die betroffene Familie fast uebermenschliche Kraefte in sich finden muss, um das Gedenken an ihr Kind in eine Bereicherung fuer die Umgebung umzuwandeln.

Wofuer die Vorrede? Ich moechte euch eine Familie aus der Siedlung Elkana und ihr Lebensprojekt wider Willen vorstellen. Familie Harshoshanim (zu deutsch: Rosenberg). Vater Shiloh, Mutter Nurit, und die Kinder Amnon, Tamar, Yoav und Tzafrir. Eine Familie, die die Werte von Liebe, Zugehoerigkeit, Tradition, Liebe und Einsatz fuer das Land und den Staat, die Unterstuetzung von Menschen in Not, die Toleranz und die Treue hochschaetzt. In diese Familie des Computerunternehmers Shiloh wird Yoav 1972 als drittes Kind hineingeboren, in der Stadt Petach Tikva, und in 1977 ziehen die Eltern in קלשdie damals nur 40 Familien beherbergende Siedlung Elkana im Westen Samarias um. Elkana wird im selben Jahr gegruendet, durch die Initiative von Mitgliedern der damaligen ideologischen Vereinigung „Gush Emunim“, welche fuer die juedische Besiedlung der nach 1967 eingenommenen Gebiete eintrat. Auch die israelische Regierung   – unter Premier Yitzhak Rabin! – unterstuetzt mit 64 Knesset-Mitgliedern die Initiative, und am 01.05.1977 wird nach einigen praktischen Vorbereitungen und vielen Buerokratie-Abwicklungen die Siedlung gegruendet. Die Harshoshanim-Familie ist eine der ersten 40 Familien.

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Yoav in der Armee – aus dem Begleitheft

Die Gemeinschaft ist warm, willkommend, die Kinder werden zur Liebe zum Land, zu den Menschen, zum juedischen Erbe und zur Aufopferung fuer Land und Gemeinschaft erzogen – so auch Yoav. Er besucht die lokale Grundschule, dann eine Mittelschule in Jerusalem, ein technisches Gymnasim der Bar-Ilan-Universitaet und entscheidet sich, die letzten Schuljahre in einem Armeeinternat , welches gleichzeitig eine Jeshiva ist, zu verbringen. Waehrend seiner Schulzeit uebernimmt er aus eigener Initiative die Patenschaft fuer zwei benachteiligte Kinder: einen kranken Schulkameraden, zu dessen Gunsten er die ganze Schulklasse motiviert, und einen jungen Einwanderer aus Aethiopien, den er „adoptiert“ und der im Laufe der Zeit zum Teil seiner Familie wird.

Schon frueh ist Yoav aeusserst begabt und aktiv – in Sport, in Kunst und Musik; er malt, er taucht, er spielt Gitarre und Mundharmonika, er macht Snapling und wandert. Er geniesst das Leben in all seinen Zuegen – und traeumt von einer Karriere bei der Armee.

Yoav wird in eine Eliteeinheit der Fallschirmjaeger eingezogen und geht seinen Dienst mit vollem Ernst an: Er absolviert einen Kommando-Kurs, wechselt weiter zum Offizierskurs und wird Befehlshaber einer Infanterie-Einheit – und das mit 21 Jahren. Er zeichnet sich durch vorbildhaftes Teamverhalten, Fairness, Sorge um seine Soldaten und Mut aus und ist fuer Aufopferbereitschaft bekannt.

Es ist das Jahr 1994, und die israelische Armee hat mit der Guerilla-Armee der Terrororganisation Hisbollah im Suedlibanon zu kaempfen, welche die Bewohner an der Nordgrenze Israels bedroht. Verschiedene IDF-Einheiten, so auch die von Yoav,sind seit 1982 und dem ersten Libanonkrieg im Nachbarland stationiert und haben mit bewaffneten Auseinandersetzungen mit der Hisbollah zu kaempfen.
Yoav wird im Februar 1994 zu einem weiteren Fortbildungskurs abkommandiert und erhaelt eine Woche Urlaub. Urlaub fuer einen Kampfoffizier der bewaffneten Streitkraefte ist teueres Gut. Umso mehr erstaunt es, als Yoav, schon halb auf dem Heimweg, sich entscheidet, zur Einheit zurueckzufahren, weil er fuehlt, sich nicht genuegend von seinen nun ehemaligen Soldaten verabschiedet zu haben.

Angekommen in der Basis von Reyhan, erfaehrt Yoav von einer ueberraschenden Operation, die am naechsten Morgen stattfinden soll, doch der Offizier des betreffenden Teams ist erkrankt. Kurzerhand meldet sich Yoav freiwillig zur Befehligung der Einheit.

Als Yoav und sein Team die betreffende Route in einer Militaeroperation von Terroristen freimachen sollen, geraten sie in einen Hinterhalt von ueber 30 Hisbollah-Kaempfern. Drei der Soldaten werden nacheinander von Snipern ausgeschaltet; Yoav kaempft sich weiter, wird verletzt, gibt noch waehrend des Sturms auf den Feind Anweisungen zur Evakuierung der Verletzten durch – da wird auch er von Sniperkugeln getroffen und stirbt an Ort und Stelle.

Yoav verstirbt im Alter von 21 Jahren im Rang eines Lieutenants und wird auf dem Militaerfriedhof in Elkana begraben.


Soviel zur Geschichte von Yoav Harshoshanim.
Welche Lektion zogen seine Eltern, Shiloh und Nurit, aus der persoenlichen Tragoedie?
Schon im ersten Jahr nach Yoavs Tod arbeiteten sie an der Idee, ein jaehrliches Event in Gedenken an den Sohn einzurichten; eins, das die Staerken und die Interessen von Yoav mit denen der jungen Menschen in Israel vereint – Sport, Armee, Natur, Teamgeist, aber auch innere Werte wie die Liebe zum Land, Freiwilligkeit, Aufopferung. Es sollte ein gesellschaftsuebergreifendes Event werden, die Moral der Jugendlichen und der jungen Soldaten staerken und sie naeher zusammenbringen.

wpid-2015-02-13-13.39.00.jpg.jpegSo war es auch nur natuerlich, dass das erste solche Event schon 1995 fand, mit ueber 200 Teilnehmern aus verschiedenen Einheiten. Als Durchfuehrungsort wurde das malerische Waeldchen Ben-Shemen, suedoestlich von Petach Tikva, Yoavs Geburtsort, ausgesucht.
Die Jahre daraufhin wurde es ausgebaut, ins Naturreservat Neot Kedumim bei Modiin verlagert und zu einem Gemeinschaftsevent, bestehend aus Marathon und Wanderfuehrung, entwickelt. Verbunden mit Musik, Vortraegen zu Israel, Naturgeschichte, Erzaehlungen aus dem Leben und Wirken Yoavs und dem Akzent auf die Bindung zwischen Jugend und Land, wurde der „Tag der Natur und Orientierungsmarathon zum Gedenken an Yoav Harshoshanim“ zu einer national bekannten und beliebten Veranstaltung fuer Schulen, Jugendgruppen und Armeeeinheiten. Jedes Jahr wird der Marathon unter einem anderen Motto durchgefuehrt – so im Jahr 2014 „Der andere bin ich“, oder in diesem Jahr – „Mein Staat Israel“.

wpid-20150213_093709.jpgDer Wunsch der Eltern Yoavs, durch die Geschichte ihres Sohnes etwas mehr die Gesellschaft zu einen, ging in ihrem Vorhaben in Erfuellung: Tausende bis Zehntausende Besucher jaehrlich von aller Herkunft, religioeser Auffassung und Alter lassen sich auf dem Marathon blicken. Schulen betrachten den Marathon als Wandertag. Armeeeinheiten bis zur Elite-Einheit „Sayeret Matkal“ nehmen am Wettbewerb teil, sehen, lesen, hoeren ueber Yoav und lernen sein Leben kennen. Vor allem aber werden sie Teil eines unglaublichen, das Leben und die Freiheit feiernden Projektes, das einen jungen Offizier aus einer Siedlung irgendwo in Samaria zu einem Nachlass und einem Gewinn fuer die gesamte Obrigkeit werden laesst.

wpid-20150213_085640.jpgHeute fand der 20.Marathon zum Andenken an Yoav statt; die Fuehrungen der Schulgruppen und die Erklaerungen an den einzelnen Stationen wurden vor allem von jungen Soldatinnen, die im Korps fuer Erziehung und Bildung dienen, sowie Student/innen des Herzog-Colleges durchgefuehrt. Jugendliche, Eltern, Soldaten, Kinder kamen trotz Wind und Unwetterwarnung, liefen, wanderten, begeisterten sich an der frischen winterlichen Natur (in Israel blueht und waechst das Gruen vor allem im Winter) und lernten mehr ueber Yoav, dem Jungen aus Elkana, seine Liebe zum Leben, und bekamen zu spueren, wie teuer sein Leben seiner Familie war und bleibt, und gingen so wie tausende andere ein paar Schritte auf den Spuren Yoavs.

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Dorit* erzählt – Karavan Life 2

(*Der folgende Text entstand aus einem Gespräch. Der Name wurde aus Respekt vor Privatsphäre geändert.)

Dorit ist Ende Dreißig, trägt einen wallenden Rock, eine künstlerisch mit verzierten Tüchern hochgesteckte Kopfbedeckung und ein Hemd in Pastelltönen. Ihre Stimme ist sanft, aber energisch. In der Karavanensiedlung von Alon Shvut – Givat haChish, welche im November 1998 als Vorposten errichtet worden ist,  lebt sie fast seit dem Beginn ihrer Errichtung, und hat die gesamte Entwicklung dieser Gegend von einem unbewohnten felsigen Hügel zu dem, was es heute ist, mitgemacht: Ein Karavanen-Viertel mit mehr als 30 Familien und Singles, mit asphaltierter Straße, städtischer Wasser- und Stromversorgung, einem Kinderspielplatz, Synagoge und einer regen Bautätigkeit  – das allerdings nur privat.

„Die Karavane, die du hier siehst, standen zuvor in Alon Shvut selbst, als es das Viertel hier noch nicht gab“, erzählt sie, „das war vor etwa 14 Jahren, und als dort dann die Genehmigung für offiziellen Bau gegeben worden war, wurden die Karavane hierhin  gebracht. Die Ansiedlung hier gab es schon, die ersten Wohncontainer wurden von irgendwoher beschaffen und hierhergefahren, erst dann kamen die aus Alon Shvut. Vor 16 Jahren wurde das Karavanenviertel erschaffen. Wie? Ganz einfach, zuerst gab es nur an die 5 Wohncontainer, sie wurden entlang der Traktorspuren platziert, der hierher hochgefahren ist, um Platz zu räumen. So wurde die Lage von den Karavanen heute bestimmt, entlang einer Traktorspur.“

20141230_114045Im Laufe der Zeit wurden es dann mehr Familien, und mehr Container, aber bis zu einer geregelten Infrastruktur musste es noch dauern. „Nur ungefähr 3 Jahre nach dem Entstehen der Ansiedlung wurde uns eine asphaltierte Straße gegönnt. Es ist alles sehr träge und lahm, was Wohnentwicklung angeht“, beklagt Dorit. „Der Strom ist hier auf schlechtem Stand, es gab jahrelang immer wiederkehrende Stromausfälle, kaputte Kühlschränke, eine Zeit lang wurde uns nicht gestattet, Klimaanlagen einzubauen, da diese eine zu große Belastung für das schwache Stromnetz  bedeuten würden.“ Viele würden sich über die der Gegend typische starke Kälte beschweren, da das schwache Baumaterial der Wohncontainer nicht in der Lage ist, vor ihr zu isolieren.

„Als wir hierhin gekommen sind, war hier pure Natur, viele Farben. Jetzt, im Zuge der 10599672_10152796084386842_8581155936848669963_nErweiterungen, vergeht das ein wenig, schade“, meint Dorit. Sie  und ihr Mann Shmuel leben hier mit ihren 10 Kindern, sie arbeitet als Sportlehrerin in der Gegend, und ihr Mann ist Baumeister, auch in seiner Privatzeit, in der er schon mehrere Jahre lang an einem Steinhaus hier im Viertel arbeitet, welches den Karavan komplett ersetzen soll.

„Es sind hier einige Familien, die schon seit Beginn hier ansässig sind, wir gelten als Alteingesessene.“ Sollte aber die Genehmigung für die Stadterweiterung auf den Hügel bei der Verwaltung von Alon Shvut ankommen, wird ihr und den Nachbarn dieser Status nicht unbedingt weiterhelfen. „Wir lieben diesen Ort. Viele hier leben hier und können nirgendwo anders hin, und sie wollen es auch nicht. Es gibt hier einige Familien, aus Indien, oder Peru, sie sind fleißig, sie verlangen nicht viel, sie würden gerne einen festen FB_IMG_14195755710915377Wohnsitz hier bauen, aber sie haben kein Geld für ein ganzes Grundstück, oder ein Haus. Wir auch nicht. Die Verwaltung kann uns als Alteingesessene, die den Ort praktisch für sie „gehalten“ haben, nicht ignorieren, und wird uns als Erste einen Grundstückskauf vorschlagen; aber wenn wir nicht zahlen können, werden wir wahrscheinlich gezwungen werden, zu gehen.“

Es ist durchaus keine verschworene Gemeinschaft, wie es vielleicht ausschaut, zwischen den „Siedlern“ des Karavanenviertels und der lokalen Verwaltung. „Wirtschaftliche Interessen sind hier am Werk. Die Verwaltung hat durch uns eine Einnahme von tausenden von Shekeln. Wenn hier die Stadt offiziell weitergebaut wird, werden die Karavane und alle Bauten abgerissen; es wird sicherlich eine Art Luxusviertel entstehen, mit großen Gärten und Villen. Die Verwaltung hat kein allzu großes Interesse an den Wohncontainern, denn die Einnahmen bei einer städtischen Erweiterung werden viel höher ausfallen. Dabei sind wir doch nicht Araber, die sich hier ausbreiten und den Platz einnehmen wollen, wir sind ihre Brüder, wir sind Juden“, kommentiert Dorit mit Bitterkeit in der Stimme.Sie hat noch viel mehr Kritik für die offiziellen Stellen übrig, aber sie meint auch: „Es gibt hier auch solche, die mir nicht zustimmen werden, die sagen werden, ‚Dorit, beschwere dich nicht so viel, schau, was schon gemacht worden ist'“. Dennoch sagt sie: „Ich liebe diesen Ort.“