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Aktuelles / Protestmarsch / Friedenszusammenkunft

Shalom an alle.

In den letzten Tagen habe ich relativ geschwiegen und nichts veröffentlicht; das liegt daran, dass ich in den letzten Wochen sehr von meiner Arbeit und dem Studium beansprucht wurde (zur Erinnerung, ich arbeite als Reiseführerin in Teilzeit in der Knesset und studiere Nahostwissenschaften für das BA an der Bar-Ilan-Universität). In solchen Fällen kommt es leider vor, dass ich keine Beiträge schreiben kann.

Das Leben steht aber trotz meines überfüllten Alltags nicht still und es finden sich Aspekte, die es wert sind, erwähnt zu werden. Natürlich rede ich dabei von den aktuellen Ereignissen in Judäa und Samaria, auch wenn es in ganz Israel momentan alles andere als ruhig ist.


Zur aktuellen Sicherheitslage: Die Terrorversuche und Attentate flauen leider nicht ab. In Städten im Zentrum des Landes tauchen Terroristen auf und greifen Bürger an, und was Judäa und Samaria angeht, so sind Steinewürfe, versuchte (oder ausgeführte) Messer- und Schussattacken auf Kontrollposten seitens palästinensischer Araber insofern Teil der Routine, als dass selbst ich mittlerweile müde werde, sie zu erwähnen. Unsere Kreuzung, in Gush Etzion, ähnelt schon einige Monate einem Sicherheitstrakt, und wenn ich morgens durch die Felder von meiner Karavanensiedlung aus hinunter zur Hauptstraße komme, laufen mir immer wieder Soldaten entgegen und wollen wissen, wer ich sei. Sie wechseln sich ständig ab und haben sich noch immer nicht an mich gewöhnt. Einmal pro Woche hören wir in den lokalen Nachrichten von einem versuchten Attentat entweder bei uns, oder auf einer anderen Kreuzung. Die Soldaten vor Ort sind sehr angespannt, das merkt man ihnen an. Denn die Einwohner lassen sich von den Terroristen nicht daran hindern, weiterhin an den Bushaltestellen zu warten und zu fahren.

Am 14. 03 ereigneten sich eine Schuss- und Autoattacke auf der Bushaltestelle bei der Einfahrt in die Stadt Kiryat Arba-Hevron (Judäa), bei der zwei Terroristen die sich dort aufhaltenden Wartenden und Soldaten angriffen. Drei Soldaten, darunter ein Offizier, wurden verletzt und evakuiert, die Attentäter wurden getötet. Am 17.03 (heute) wurde eine Soldatin an der Ariel-Kreuzung (Samaria) von zwei Arabern angefallen, die auf sie einstachen. Die Täter wurden getötet, die Soldatin medizinisch versorgt und evakuiert. (Quelle: IDF)


Die israelische Instant-Nachrichtenseite 0404 berichtet, dass Donnerstag früh drei arabische Lastwagen mit Baumaterial von der israelischen Zivilverwaltung (für die zivilen Angelegenheiten der jüdischen und arabischen Bewohner Judäas und Samarias sowie für Landangelegenheiten verantwortlich; ein Organ der israelischen Militärverwaltung) konfisziert worden sind. Ihre Besitzer hatten sich unrechtmäßig aufgemacht, ein Landgebiet um die Siedlung Karmey Tzur (Judäa) herum zu bebauen. Das betroffene Gebiet besitzt Untersuchungsstatus (was bedeutet, dass sein Besitzer juristisch gesehen noch nicht ermittelt worden ist) und darf offiziell nicht von israelischen oder palästinensischen Einwohnern bebaut werden.  Die spontane und illegale Landaneignung seitens palästinensischer Araber im C-Gebiet findet regelmäßig statt; bei manchen der Fälle hat in der Vergangenheit auch die EU ihre Unterstützung geliefert. Die israelische NGO „Regavim“  befasst sich mit illegalem arabischen Bau in C-Gebieten ebenso wie im Süden und Norden Israels.


 

Protestmarsch-Flyer
Protestmarsch-Flyer

Am 15.03., Dienstag, fand ein Protestmarsch bei uns in Judäa statt  – besser gesagt, auf der Autobahn 60 zwischen der Siedlung Karmey Tzur und dem zentralen Knotenpunkt – der Gush-Kreuzung. Der Autruf wurde von den Vorsitzenden der Regionalverwaltungen getätigt – von Gush Etzion, der Stadt Kirzat Arba, Südhevron, Binyamin-Samaria, und richtete sich an die Einwohner mit dem Aufruf, gegen die freie Fahrt palästinensischer Fahrzeug durch den Hauptknotenpunkt Gush Etzion zu demonstrieren. Unter dem Motto „Hauptstraßen versperren – Abschreckung wiederherstellen“ gingen mehrere Dutzend Menschen (den Aufnahmen zufolge,

Foto: Natan Epstein
Foto: Natan Epstein

müssten es knapp Hundert gewesen sein) mit Israelflaggen und in Begleitung der Armee auf die Straße, sperrten für 2 Stunden den lokalen Verkehr ab und demonstrierten für sichere Straßen für israelische Fahrzeuge – durch das Verhindern palästinensischen Verkehrs. Der Aufruf richtete sich selbstverständlich an den Premierminister und das Regierungskabinett. Die Idee dahinter: Die unaufhörlichen Terrorakte gegen die jüdische Bevölkerung basieren auf Hetze und

Foto: Natan Epstein
Foto: Natan Epstein

werden von der unmittelbaren Umgebung der Täter befürwortet und unterstützt. Auf die Terrorakte folgt keine Reaktion der offiziellen Stellen und es gibt kein Abschreckungspotential gegenüber zukünftigen Tätern und ihren Unterstützern. Die Beeinträchtigung der Lebensqualität dieser „unterstützenden“ Umgebung würde zu einem Abschwellen des Terrors führen.

Ich weiß nicht, inwiefern dieser Marsch tatsächlich etwas erreichen wird oder gar einen Sinn hat in seinen Absichten. Aber ich respektiere das Recht auf freie Meinung und Ausdruck. Es ist wichtig, dass Menschen nicht gleichgültig ihrem Schicksal gegenüberstehen.

Zum Video (Englisch)


Heute (18.03.16) findet vor der Tür sozusagen, in den Feldern bei Alon Shevut, eine „Friedenszusammenkunft“ der besonderen Art statt.

Frieden? Hier? Judäa? Westjordanland? Was? – höre ich die Stimmen.

"Wir machen Frieden im Land" Eventflyer
„Wir machen Frieden im Land“ Eventflyer

Allerdings. Gerade bei uns, gerade in Judäa. Es geht um eine Initiative, die vor etwas anderthalb Jahren gestartet wurde, und die der Idee des im Jahre 2013 verstorbenen Rabbiners Menachem Fruman aus Teko’a nachhängt. Wer den Namen schon einmal gehört hat – gut so, so wird sich einiges aufklären. Wer nicht – Menachem Fruman, über den und seine Familie ich im Laufe der Zeit berichten  möchte – war der „Wunderrabbi“ der gemischten Siedlung Teko’a in Ost-Judäa und ein national und international bekannter Friedensaktivist. Als Rabbiner, nationalreligiös und Siedler, nahm er sich vor, den Kontakt zwischen Juden und muslimischen Arabern ausgerechnet  in Judäa und Samaria aufzunehmen und zu fördern. Frieden, so Fruman, muss von unten wachsen, und niemand würde dafür besser geeignet sein als die beiden Bevölkerungsschichen, die sich diesem meisten verbunden fühlen würden – die arabische Dorfbevölkerung und die jüdischen Bewohner von Judäa und Samaria.

Zu diesem Zweck führte Rabbi Fruman jahrzehntelang Gespräche mit lokalen muslimischen Geistlichen, palästinensischen Politikern, einfachen Einwohnern – und natürlich den „Mitsiedlern“. Traf sich mit ihnen, organisierte gemeinsame Gebete, besprach Auswirkungen von Terroranschlägen und ihre Prävention. Er traf sich auch mit den Anführern der Palästinensischen Autonomiebehörde und den führenden Politikern der palästinensischen Widerstands- und  Terrorbewegungen! Als er 2013 an einer Krankheit verstarb, führten seine Frau Hadassah, nicht weniger bekannte Aktivistin, und seine Kinder sein Lebenswerk mit Überzeugung weiter.

Das "Roots" Logo
Das „Roots“ Logo

Die Initiative, über die ich momentan einige Worte verlieren möchte, wird sowohl vom „Fruman’schen“-Zentrum organisiert, als auch von den „Roots“ (Shorashim/Judur auf Hebräisch und Arabisch). Und „Roots“ ist eine NGO in Anlehnung an die Ideologie von Rabbiner Fruman  und ist etwa 1,5 Jahre lang aktiv. Die treibende Kraft und der „Partner zum Dialog“ dahinter ist Ali Abu Awwad, ehemaliger Fatah-Aktivist und heute in einer innerarabischen Bewegung für Gewaltlosigkeit und Kooperation tätig, die er ins Leben gerufen hat. Er, gemeinsam mit dem amerikanischstämmigen Rabbiner Hanan Schlesinger aus Alon Shevut und einigen dutzend weiteren motivierten Israelis (und darunter einigen wenigen

Von links: Ali Abu Awwad, R.Hanan Schlesinger, Shaul Judelman (weiterer Aktivist). Quelle: Friends of Roots Webseite
Von links: Ali Abu Awwad, R.Hanan Schlesinger, Shaul Judelman (weiterer Aktivist). Quelle: Friends of Roots Webseite

pal.Arabern) betreiben die Organisation als eine lokale Initiative für Kennenlernen, Verständigung und Normalisation zwischen den zwei

verfeindeten Bevölkerungsgruppen – den Arabern und den Juden Judäas und Samarias.  „Roots“ veranstaltet Gesprächsrunden, Aktivitäten für Kindern, Vorträge in Amerika und der Schweiz; Rabbi Schlesinger und Abu Awwad treffen sich mit Interessierten. Es hört sich bombastisch an – aber die Organisation ist noch immer starr, beschränkt sich momentan nur auf Gespräche und Vorträge mit einer überwiegend israelischen Teilnehmerzahl (überwiegend – das heißt, in den meisten Fällen 50 zu 1).

Was aber ist das Treffen am Freitagvormittag, dem 18.03? Die „Friedenszusammenkunft“ soll zum Gespräch und Kennenlernen animieren und genutzt werden. Über die Ideologie des lokalen Friedens wird gesprochen werden. Zu den Gästen zählen auch unter anderem linke Friedensorganisationen, welche offenbar ein Interesse an ihrem „Siedleräquivalent“ bekommen haben, wohl aber bisher einen Kontakt zu den jüdischen Siedlern verneint haben.  Es soll auch arabische Redner geben…

Das alles hat mir übrgens jemand beim neulichen Autostoppen erzählt. Wer war der/diejenige?

Die Tochter von Hadassah und Rabbi Fruman höchstpersönlich, Re’ut!

Ich traf auf sie beim Autostoppen nach Hause. Erst aus einem Telefongespräche verstand ich, dass es sich um die Tochter Rabbi Frumans handelte. Ihr Gespräch drehte sich natürlich um das Event am nächsten Tag. Ich sprach sie darauf an und wollte mehr darüber wissen, und vor allem über ihre Meinung darüber. Auch brennende Fragen hatte ich – und habe immer noch: Was erreicht die Organisation tatsächlich? Wie viele Menschen interessieren sich dafür? Wieso kommen so viele lokale jüdische Interessierte, treffen aber immer auf dieselben zwei bis drei arabische Aktivisten (und meistens nur auf Ali Abu Awwad)? Was soll die Initiative bei der arabischen Bevölkerung erreichen, erreicht sie etwas?

Re’ut hörte sich nach jemandem an, der ganz in die Idee ihres Vaters vertraut und mit ganzer Seele dabei ist, obwohl sie bekundete, ihr Vater habe ihr noch als Jugendliche die Wahl freigestellt, ob sie sein Lebenswerk unterstützen oder diesem fernbleiben wollte. Was die lokalen Veranstaltungen und Projekte ihrer Mutter Hadassah angeht, so meinte sie, dort gäbe es viel mehr Rückmeldung und auch Menschen, „Roots“ sei so etwas wie eine Tochter und auch davon bekämen Menschen zu hören. Sie war sichtlich voller Vorfreude auf das kommende Event. Auf die Frage, wieso die arabische Seite der Organisation nach außen hin kaum bis gar keine Beteiligung zeige, wusste sie mir Beispiele anzuführen und vor allem hatte sie ein Argument: Es ist gefährlich. „Viele, die uns im Herzen unterstützen, können sich das nicht erlauben, zu kommen. Diejenigen, die kommen, begeben sich in Lebensgefahr. Wenn sie kommen, sind sie sich das bewusst und nehmen es in Kauf. Andere, verstehst du, viele können dies nicht machen.“ Sie brachte mir ein Beispiel eines muslimischen Scheichs, der mit ihrem Vater einst viel Kontakt hatte und auch zu ihm kam. Dieser Scheich meinte, er würde keiner Bedrohung ausgesetzt sein – er sei eine religiöse Figur.  – Zwei Wochen danach erfuhr sie, dass derselbe Scheich sich ins Ausland abgesetzt hatte, da gegen ihn seitens der Hamas ein Todesurteil ausgesprochen wurde.

Was Ali angeht, so Re’ut, so hat er einen großen Clan hinter sich, der zu ihm steht. Andere, die keinen großen und einflussreichen Clan hinter sich haben, haben es viel schwerer. Ob ihre Mutter Hadassah Fruman auch mit der Palästinensischen Autonomiebehörde Gespräche führe? Ja, das tue sie, so Re’ut. Wieso sollten sie ein Interesse daran haben, an einer Normalisierung, an einem guten Verhältnis? Es sei immer einfach, sich dagegen zu stellen, so Re’ut, aber auch sie hätten Interesse daran, dass es eine Realität vor Ort mit Rechten und normalisierten Zuständen gäbe.

Mehr konnte ich Re’ut leider nicht fragen und auch nicht weiter nachhaken – ich musste aussteigen. Ich hoffe, sie bei der Veranstaltung noch einmal zu sehen und auch dort selbst einige Antworten zu bekommen – zumindest in der Variante der „Roots“-Aktivisten, um zu sehen, inwiefern das Ganze einen Realitätsbezug besitzt. „Friedensaktivisten“ gibt es viele, aber nur wenige von ihnen nehmen die Wirklichkeit um sie herum in der richtigen Proportion in Kauf….

NEWS: Beim Einkaufen ermordet. Yannai T.Weissmann

Erst vor einigen Tagen hatte ich mich mit der Journalistin Jennifer Bligh vom Jugendmagazin des Spiegels, bento, darüber unterhalten, wie wir unter ständiger Anschlagsgefahr unseren Alltag bestreiten. Ich hatte ihr von unserem Supermarkt des Magnaten Rami Levy erzählt, der in ganz Israel, so auch in Judäa und Samaria Zweigstellen seines Riesendiscounts stehen hat und seine Leitlinie dabei ist, diesen für alle Bevölkerungsgruppen offen zu halten und auch dort arbeiten zu lassen. Daher haben auch die arabischen Einwohner von Judäa und Samaria keinerlei Probleme, in diesen Supermärkten zusammen mit der jüdischen Bevölkerung einzukaufen und auch zu arbeiten. So ist das hier in Gush Etzion, so ist das auch in Südsamaria, unweit Jerusalem, im Industriegebiet Sha’ar Binyamin.

Ich habe ihr auch von einem Terroranschlag erzählt, der vor einigen Monaten, noch zu Beginn dieser „Messerintifada“, wie man sie heute nennt, sich ereignet hatte; auf dem Parkplatz vor dem ‚Rami Levy‘-Supermarkt hier in Gush Etzion. Am 28.10.15 hatte dort ein Terrorist eine Frau angefallen und in den Rücken gestochen. Die Frau wurde nicht schwer verletzt. Auch im anderen großen und wohlbesuchten ‚Rami Levy‘, dem in Südsamaria-Binyamin, ereignete sich einige Wochen danach ein Anschlag – wieder stach ein Terrorist auf einen jüdischen Anwesenden vor dem Geschäft ein, verletzte ihn mittelschwer und flüchtete. Das war am 06.11.15. Was für Sicherheitsvorkehrungen dort danach getroffen wurden, weiss ich nicht. Bei uns hat sich die Mitarbeiterlandschaft im Geschäft etwas verändert, offenbar wurden einige arabische Mitarbeiter durch andere ersetzt, nach welchen Abwägungen auch immer. Geschäftsinhaber Rami Levy selbst soll seitdem Messer aus den Verkaufsregalen entfernt haben; was den Zutritt für arabische Einwohner betrifft, so wurde dieser meines Wissens nicht beschränkt, arabische Kunden aus den Dörfern kommen weiterhin zum Einkaufen. Eine Zeit lang hatten die jüdischen Einwohner bei uns Bedenken, wieder zum Geschäft zu gehen; die Lage hatte sich aber wieder entspannt, Zeit verging und die Normalität kehrte in die Gemüter ein.


Das war der Vorspann, und jetzt die eigentliche Geschichte:

Gestern, 19.02.16 drangen drei 14-jährige arabische Jungs aus dem Dorf Baitunya bei Ramallah in den  ‚Rami Levy‘-Supermarkt im Industriegebiet Sha’ar Binyamin (Südsamaria) ein. Dem Sicherheitsbeamten, welcher vor jedem größeren Supermarkt in Israel, so auch vor diesem steht, kam einer der Jungen suspekt vor, er folgte ihm (so die Berichte der israelischen Medien und die Aufzeichnungen der Sicherheitskameras im Geschäft) hinein und hielt ihn schließlich an,

Ortskarte
Ortskarte

führte hinaus und überprüfte, ob er eine Waffe bei sich trug. Der Junge war unbewaffnet. Während der Beamte ihn prüfte, wanderten die anderen zwei von Regal zu Regal und fingen schließlich an, zu schreien, riefen einen großen Tumult hervor und in diesem stachen sie auf zwei Menschen ein – einen 32-jährigen Kunden und einen weiteren, einen 21-jährigen Soldaten, der sich mit seiner Frau und der viermonatigen Tochter im Geschäft befand. Der

Yanai Tuvia Weissmann, 21, Sergeant. (Ynet)
Yanai Tuvia Weissmann, 21, Sergeant. (Ynet)

Soldat, Yannai Tuvia Weissmann, war gerade auf Urlaub und unbewaffnet, rannte jedoch zum Tatort, als er Schreie zwischen den Regalen hörte.

Die jungen Terroristen versuchten zu flüchten, wurden aber von anderen Kunden aufgehalten, unter anderem von einem, der eine Waffe bei sich trug und auf einen der Täter schoss. Sicherheitsbeamte und Soldaten eilten herbei und schossen auch den anderen an. Einer starb an Ort und Stelle, der andere wurde evakiert.

Yannai Tuvia, der 21-jährige Sergeant und Vater aus der Siedlung Ma’ale Michmasch in Südsamaria, wurde lebensgefährlich verletzt und zusammen mit dem anderen Verletzten evakuiert – doch die medizinischen Bemühungen, ihn zu retten, fruchteten nicht. Er verstarb kurze Zeit später an seinen Verletzungen.

Yanai Tuvia Weissmann, Frau Ya'el und Baby Netta (NRG, Familienarchiv)
Yanai Tuvia Weissmann, Frau Ya’el und Baby Netta (NRG, Familienarchiv)

Yannai, erst 21 Jahre bei seinem Tod, wuchs in derselben Siedlung wie seine junge Frau Ya’el auf – Ma’ale Michmasch, in den Hügeln von Südsamaria, im Umkreis von Jerusalem und Ramallah. Freunde und Bekannte berichteten bei seiner Beisetzung auf dem Armeefriedhof auf dem Herzl-Berg in Jerusalem (heute, 19.02), er sei herzlich, hilfsbereit, freundschaftlich und mutig gewesen, habe großen Wert auf Aufrichtigkeit und Wahrheit gelegt, wollte seinem Dienst in der Armee in der Nahal-Brigade gerecht werden. Erst vor etwa zwei Jahren – da war er noch 19 – heirateten sie mit Ya’el. Vier Monate vor dem Attentat wurde den beiden das erste Kind geboren – ein Mädchen, Netta. Am Tag des Attentates befand sich Yannai im Kurzurlaub vom Dienst. Da er in einer Kampfeinheit diente, sah er die junge Frau und das Baby meistens nur am Wochenende. Das erzählte Ya’el bei der Beisetzung, heute morgen in Jerusalem, als sie sagte:

„Mein Geliebter, wer hätte gedacht, dass ich dir schreiben würde, und du würdest nicht mehr mit mir sein. In der wenigen Zeit, die wir zusammen an den Wochenende hatten, hattest du dafür gesorgt, alles wieder aufzuholen. Du hattest gehört, dass ertwas passiert sei, und ranntest hin und ich hatte auf dich gewartet. Du warst immer bereit, zu geben, unaufhörlich. Wärst du nicht hingelaufen, wärst du nicht der Yannai gewesen, den ich kenne und in den ich mich verliebt habe.  (…) Ich danke dir für unsere Netta.“ (NRG)

Einige hundert Menschen versammelten sich bei der Beisetzung. Die Nachrichten widmeten gestern die Schlagzeilen dem Anschlag. Laut den ersten Polizeiermittlungen wurde von einer Nachlässigkeit in der Sicherheitsüberprüfung am Eingang gesprochen; die Polizei, so hieß es in den Berichten, drohte gar, die Zweigstelle vorerst zu schließen, bis die Sicherheitsfragen gelöst und die Überwachung verstärkt werden würde. Der Geschäftsinhaber Rami Levy wurde am kommenden Sonntag zu einer Anhörung bei der Polizei vorgeladen.

Und das Nachrichtenportal NRG veröffentlichte währenddessen ein Video, das Tränen aufkommen ließ – das Hochzeitsvideo von Yannai und Ya’el. Das Lied „Am Anfang der Welt“ von Shlomi Shabbat spielte im Hintergrund, die Worte des Refrains begleiteten die Aufnahmen der emotionalen Momente, als der Bräutigam an die Braut herantrat, ihr den Brautschleier über das Gesicht zu legen, sie beide unter dem Traubaldachin, der Huppa, die Trauungszeremonie durchgingen; das bescheidene Lächeln und den ernsten Blick von Ya’el, die Tränen von Yannai.

Nein, das ist kein Zufall

Gott webt und verbindet

mit goldenen Nähten zwischen uns.

Das, das ist die Art des Schöpfers,

die Gegenwart zu heiligen

Mit dem Sternenbaldachin über uns.

Meine gute Freundin Michal, welche heute unweit von mir in der Siedlung Karmey Tzur bei Gush Etzion lebt, veröffentlichte heute morgen auf Facebook einen Beitrag, der mich, trotz aller alltäglichen Verpflichtungen, innehalten und nachdenken ließ. Sie fasste mit ihrem Text zusammen, was vielen in diesen Monaten durch den Kopf geht. Ich meine, sie schaffte es auch, mit diesem kurzen Text die Tragik der Attentate und ihrer Opfer, täglich, wöchentlich neu dazukommend, zu erfassen. Hier ihr Text, von mir übersetzt:

Es gibt Gesichter, die in uns wie eingraviert sind, sie sind ein Teil von den Gesichtern von uns allen. Ich schaue auf die Bilder von Tuvia Yannai Weissmann (soll Gott seinen Tod rächen) und stelle mir vor, was für ein erfülltes Leben er gehabt hat und was für ein junger Mann und Mensch er gewesen ist… gewesen ist…

Und gleichzeitig steigen in mir andere Bilder auf, die von Hadar Cohen und von Dafna und von Na’ama und Eytam und von Avraham und Ezra und Ya’akov und Netanel und von noch einem Ya’akov und noch einer Hadar und von Dalia und von Shalom und von Naftali, Gil-ad und Eyal und von noch mehr und noch mehr; und ich nehme an, dass es durchaus sein kann, dass ich sie einmal irgendwo gesehen und sie flüchtig getroffen habe, irgendwo draußen, unterwegs, und wenn nicht, dann hätte es passieren können, dass ich an ihnen vorbeigegangen war, ohne es zu bemerken – und es war auch nicht nötig, sie zu bemerken, denn wir alle gehen aneinander vorbei, jeder seinen Aufgaben nach. 

Und jeder Einzelne von uns hat seine Aufgaben, sein Leben, und ihre Gesichter sind mein Gesicht, unser Gesicht. Und ihr Leben ist mein, unser Leben. Und es gibt Tage, da kann ich einfach nicht aufhören, das zu lesen, was man über die Ermordeten, die „Opfer, schreibt und erzählt, um zu verstehen und ein wenig ein Gefühl dafür zu bekommen, wer sie gewesen sind  – denn mit einem Messerstoß und einem Drücken auf den Abzug sind sie nicht mehr, und auch wir sind nicht mehr das, was wir waren, als sie noch waren. 

Gott, gib deinem Volk Stärke und segne uns mit Frieden, Vollkommenheit, auf dass wir vollständig seien und uns an nichts mehr fehlen möge.

 

Absurder Alltag

Heute um 10.05 ertönte in ganz Israel die Alarmsirene, wie sie normalerweise bei Raketenangriffen ausgelöst wird. Es handelte sich um eine landesweite Übung der Heimatfront-Abteilung zur Überprüfung ihrer Funktionsweise für den Notfall.

Ich hörte die Sirene bei mir aus dem Karavan, von den Bergen und Hügeln aufsteigen, sich mitten in einem herrlichen, sonnigen Morgen  ausbreitend, unüberhörbar, sich präsent machend, warnend – trotz keiner Gefahr im Verzug ließ sie ein Gefühl von Unruhe aufkommen.

Und ich dachte mir – das ist doch ein Wahnsinn. Ein Absurd. Wo gibt es noch auf dieser Welt ein Land, ein winziges Land, das bis auf die Zähne bewaffnet sein muss, um seinen Platz auf seinem Fleck Erde zu verteidigen; welches an einem sonnigen Morgen eine Sirene proben muss, weil zu seinem Alltag des Öfteren Raketen gehören, die auf es abgeschossen werden. Ein Land, dessen Bewohner unter Raketen und inmitten von Kriegen leben, und anstatt zu flüchten, sich Wege ausdenken, um sich zu schützen und dennoch weiter zu leben, und das Leben zu genießen. Trotz Raketen, trotz Bomben. Man schießt auf uns, und wir machen die Sirene an, ducken uns, und dann, wenn es vorbei ist, kommen wir heraus und leben einfach weiter.

Es ist surreal, es ist unnatürlich, es ist kaum nachvollziehbar. Und bei uns gibt es Comedyshows, und die sind voller Themen über Raketen, Bomben und Kriegsbedrohungen, und die Menschen lachen sich schief und krumm über sich selbst – und am Morgen geht es weiter.
Gerade in meinem Karavan, und angesichts dieser Surrealität, begreife ich wie noch nie zuvor, wie zeitbegrenzt und unsicher doch unser Dasein ist. Wie schnell etwas vergehen kann, wie unfest das ist, was wir uns aufbauen. Außer uns selbst, unserer Seele und unseres Verstandes haben wir nichts, worauf man sich verlassen könnte – und auch diese sind nicht immer so verlässlich.

Ein beliebtes Lied der Band „Hatikva 6“, welches schon die dritte Woche auf Platz 1 der Radiocharts steht, verdeutlicht in meinen Augen am Besten die Art und Weise, mit welcher Israel seine Existenz webt, ohne Rücksicht auf den Absurd zu nehmen, welches diese umgibt. Es lautet so:

Es ist schwierig mit den Nachrichten hier
Darum nehm‘ ich mir ab und zu das Auto
Und fahre aus der Stadt in den Norden herauf
Bevor mal wieder ein Krieg beginnt
Und die Knie zittern mir ein wenig
Es fällt schwer, zu verdauen, was ich so höre
Noch von damals, von dem einen Refrain
Israel, Syrien, Libanon

Ich muss mich abschalten,
Der Talk im Fernseh’n war spannend
Alles hört sich an wie ’ne Sirene
Muss die Geräusche abschalten
Und die Bedrücktheit verjagen

Mach mir einen Arik [Einstein] an, so zur Entspannung
Lass mich den Kopf kurz anlehnen
Mach mir einen Zohar [Argov] an, so für kurze Zeit
Ein bisschen was Nettes für die Seele…

https://youtu.be/izTMmZ9WYlE

(Lyrics: Omri Glickman)

Status-Update Jerusalem

Etwas off-topic, da ich im Blog generell nicht das Thema Jerusalem behandle (mögen die Stadtteile Gilo, Har Homa, Armon Hanatziv, die Jerusalemer Altstadt  und etwaige andere noch so sehr von außenstehenden Betrachtern zu „Siedlungsgebieten“ erklärt werden. Im Unterschied zu Judäa und Samaria wurde Jerusalem wurde offiziell annektiert, und für meine Betrachtung reicht das israelische Recht aus, um dies als völlig geltend zu betrachten).

In den letzten Tagen und Wochen ist der gewalttätige Terror seitens arabischer Bewohner (mehrheitlich junger Männer) der von Arabern bevölkerten Jerusalemer Stadtteile gegen Juden in der Stadt stärker zu spüren geworden. Dazu gehören nicht nur Auseinandersetzungen mit der Polizei, Stein- und Brandbombenwürfe auf dem Tempelberg in der Jerusalemer Altstadt (wohl, um die „muslimische Heiligkeit“ dieses Ortes noch mehr zu verstärken, dafür sind Waffen und Kämpfe wohl das beste Mittel, gell?). Dazu gehören auch das Attentat auf den Israeli Alexander Levlowitz sel.A., der am Rosh Hashana-Abend (13.09) von einem Steinwurf und dem darauffolgenden Unfall getötet wurde – auf einer Straße im Jerusalemer Armon Hanatziv-Viertel. Dazu gehören Brandattacken auf jüdische Gärten in den Randbezirken Jerusalems, Steinwürfe gegen Feuerwehrautos, Steinwürfe gegen Fahrer, so wie während des Yom-Kippur-Fastentags (23.09) in Jerusalem, und anderes mehr. Viele dieser Meldungen werden kurz in einer Zusammenfassung durchgegeben und dann wieder unsichtbar gemacht. Die Nachrichtenseiten wollen – per Anordnung von oben oder durch eigene Linie – die Aufmerksamkeit des Bürgers nicht auf diese Vorgehen lenken.

Eine schwarze islamische Flagge mit ungemeiner Ähnlichkeit zu den IS-Fahnen, an einem Fenster der Jerusalemer Altstadt.
Eine schwarze islamische Flagge mit ungemeiner Ähnlichkeit zu den IS-Fahnen, an einem Fenster der Jerusalemer Altstadt.

Zu diesem Thema teile ich einige prägnante Zitate aus einem Beitrag von Anke Hernroth-Rothstein, Israel Hayom 17.09.15, übersetzt von Herbert (heplev). Sie treffen den Nagel auf den Kopf, mehr als es lieb ist:

Meine Freunde sagten mir, ich solle nicht alleine durch Jabel Mukaber gehen, aber ich machte es trotzdem. Nicht, weil ich übermütig bin, nicht um wie ein Depp zu handeln, sondern weil ich nicht akzeptieren konnte, dass sich einen Personenschützer brauchen, nur um von einem Abendessen nach Hause zu gehen. Die von mir und uns, den Juden, die die Straßen Jerusalems zu Fuß entlang gehen, getroffenen Vorsichtsmaßnahmen sind bereits zu zahlreich und zu akzeptiert; sie verwandeln langsam in Normalität, was alles andere sein sollte. Während viele Länder und viele Städte Gegenden haben, die man nicht unbedingt betreten sollte, ist Jerusalem einzigartig: Wir haben Gegenden, in die Juden nicht gehen können ohne ihr Leben zu riskieren, während unsere Angreifer solchen Einschränkungen nicht unterliegen. Was ihrs ist, ist ihrs und was unser ist, ist auch ihres. (…)

Ein zehnminütiger Fußmarsch sollte kein Statement sein, genauso wenig wie auf dem Tempelberg zu beten kein Aktivismus sein sollte. Aber sie sind es und wir gestatten ihnen das zu sein, wobei wir vergessen, dass Menschenrechte auch für Juden gelten (….).

Ein Mann starb diese Woche, wie andere vor ihm, durch die Hände des Terrorismus und Selbstgefälligkeit. Weil Terrorismus nicht nur der Anschlag ist; er ist auch das Hinterher, das zu einem rutschigen Hang von der Normalität zur Anpassung wird. Die Normalität aufzugeben bedeutet das Leben aufzugeben und die Freiheit zu beeinträchtigen, um einen Krieg zu vermeiden, bedeutet, dass man sich bereits in einem solchen befindet und ein endloses Spiel Nachziehens spielt, um das eigene Leben zu retten.

Kleidertausch

Wollte kurz von einer netten Initiative berichten, die im Karavanenviertel so unter den Nachbarn initiiert worden sit – Kleidertausch zwischen Frauen (nicht etwa Frauentausch).

Ein paar junge Nachbarsfrauen schlugen vor, sich heute abend in der Synagoge zu treffen und Second-Hand-Kleidung mitzubringen, die die eine nicht braucht, damit ggf.eine andere Gefallen daran finden kann. Second-Hand-Laden selbstgemacht und ohne Geld.

1klAlso schleppten wir Tüten mit Altkleidern an, verteilten es auf die Bänke, auch Kosmetik und Schmuck waren dabei, und begannen, nach attraktiven „Angeboten“ der anderen zu suchen. Die meisten wurden fündig und den für Rest erklärte sich eine bereit, ihn an einen Wohltätigkeitsladen zu spenden.

Das Beste war eindeutig das Zusammentreffen von uns Mädels und der Spaß, den wir hatten.  1kl2

Neue Woche, neues Glück

Neue Woche, neuer sonniger Tag in Judäa. Die Katze genießt die Sonnenstrahlen – Vitamin D und frische Luft hat ihr wohl im kleinen Karavan sehr gefehlt. Sie nutzt jede Gelegenheit, um aus dem Zimmer auf die Straße zu flüchten. Einmal dran gewöhnt, rauszugehen, lässt sie es sich nicht nehmen.

Ich breche auf nach Jerusalem – heute wird Möbel geliefert, ein wahrer Feiertag.
Nach Jerusalem fahre ich natürlich per Anhalter, schnell, praktisch, kostenlos.
Aber es gibt fast immer eine ‚Warteschlange‘. Leute, die dasselbe vorhaben und schon früher dagewesen sind, und du weißt nicht, wohin sie genau wollen (aber höchstwahrscheinlich nach Jerusalem).
Und die anderen, die vor dir mit den Armen wedeln und eifrig nach links oder rechts zeigen, weil sie ins benachbarte Efrat o.ä. wollen, sodass der Autofahrer mich dahinter gar nicht sieht und dann einfach an mit vorbeifahren kann. Das nervt….
Und die sich immer wiederholende Unsicherheit, wenn ein Autofahrer anhält und mitnehmen will, und sich auch noch beeilt, und du stehst ratlos und weißt nicht, wer denn hier als Erster war und wem die Reise vor dir gebührt. Und zu allem Verdruss bist du auch noch in Eile.
Klar, jeder weiß im Aus- und Inland, dass Israelis Meister im Vordrängeln sind. Aber sich beim Trampen vorzudrängeln gilt als ausgesprochen frech. Und der Autofahrer eilt uns, „yalla, ich muss fahren“, und wenn man Glück hat, gibt es einige freie Plätze und nicht alle müssen zum selben Ort.

Im Auto kriege ich dann meine Portion Nachrichten der Radiostation „Kol Israel/Stimme Israels“ mit ihren Radiosprechern mit dem offiziell-altertümlichen hebräischen Akzent, und ein paar Lieder der Station „Reshet Gimel“, oder irgendeine CD mit einem romantisch klingenden jungen Mann aus der religiösen Musikszene, der zur Gitarre oder Klavier und neuem Arrangement Texte aus den heiligen Schriften singt. Kurzum, kleine Kulturreise bis zum Reiseziel.

Und das Beste ist immernoch die Sonne……!

Jedem sein Spaß

Wozu man den Schnee so alles nutzen kann….

Eilmeldung der lokalen Nachrichtenagentur „Tazpit“: Arabische Jugendliche bewerfen die jüdische Siedlung Beit El in Samaria mit Steinen, welche sie zuvor als Schneebälle getarnt haben.

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Foto: Hillel Meir, "Tazpit"

Von derselben Agentur:
Foto von Schneemann, welcher von Jugendlichen in Esh Kodesh, jüdischer Ortschaft in Samaria, gebaut wurde.

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Foto: Aharon Katzuf, "Tazpit"

Jedem sein Spaß, wie man sieht….

Mal wieder ein Sturm

Schon zum zweiten Mal in diesem Winter bereitet sich Israel und vor allem die Bergregion auf einen Sturm mit Schneefall vor.

Wie immer werden schon Wochen davor die Screenshots von den Wettermeldungen über alle WhatsApp-Gruppen verschickt, der nahende Sturm wird in allen Nachrichtenmeldungen diskutiert, und Pläne werden ausgearbeitet, wann welche Kindergärten und Institutionen schließen und Strassen gesperrt werden müssen – denn es geht ja nicht an, dass es Unterricht gibt, wenn draußen gar 20cm Schnee liegt!…
Und so ist Winter eine wunderbare Schulfrei-Zeit für Kinder und Studenten, viel Stress für Eltern, die sich um die daheimgebliebenen Kinder kümmern müssen, es bedeutet unklare Arbeitsverhältnisse für diejenigen, deren Arbeit nicht abgesagt worden ist.
Und vor all bedeutet das – komplette Blockadezustände.
Wie vor anderthalb Monaten, so auch jetzt steht die Entscheidung der Regionalverwaltungen fest: Es gibt keine Ein- und Ausfahrt nach Jerusalem, noch vor eigentlichem Schneefall. Dasselbe gilt natürlich auch für unser bergiges Judäa.

So wurde heute morgen an die Anwohner von Gusch Etzion eine SMS mit dem folgenden Inhalt versendet:
„Mit Beginn des Schneefalls werden die Strassen in Gusch Etzion gesperrt werden, und das voraussichtlich für längere Zeit. Stellt euch darauf entsprechend ein.“
Der Absender war das Team für innere Belangen und Notfälle von Alon Shevut.

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Foto: Michal Eyali

Auf der zentralen Kreuzung  bei uns stehen Schneeräum-Traktoren, wie sie schon beim letzten Schneefall gestanden haben – eindrucksvolle, massive Geräte – und das für maximal 40cm Schnee , welcher eh keine Zeit haben wird, länger zu bleiben, weil es morgen nachmittag wieder wärmer werden sollte…

Für mich ist diese Schneepanik seit jeher ein Rätsel gewesen. Nun weiß ich, dass Israelis trotz wiederkehrender Schneefälle und Stürme es noch immer für unwert halten, Winterreifen ins Land zu importieren. Und mit Sommerreifen ist es natürlich gefährlich auf den Straßen. Aber was ist mit Schneeräum-Taktiken? Mit Streumaterial? Sag bloß, es gibt nicht genug Sand zum Streuen in unserer Region? Und wie wäre es, wenn wenigstens die öffentlichen Verkehrsmittel nicht lahmgelegt werden würden? Irgendwie scheinen die Bahnen in Russland ja auch trot Schnee auf ihren Schienen zu fahren, und auch ohne Winterreifen…Oder inwiefern irre ich mich hier?

Was lokale Kindergärten angeht, ist meines Erachtens auch äußerst unverantwortlich. Denn statt das Kind zum Kindergarten zu fahren, könnte man es ja ein paar Straßen weiter -bringen-, und die Kindergärtnerinnen hätten weiter Arbeit und die Kinder Beschäftigung und die Eltern Zeit und Freiraum…

Aber weil alles miteinander zusammenhängt, und jeden Winter dieselben Fragen aufkommen, die nach Schneefall wieder vergessen werden, so sitze ich gerade fröhlich vom Unterricht befreit daheim, die Fensterscheiben wackeln vom Wind und Regen und ich warte wie die gesamte Nation, von wohliger Wärme meiner portablen Heizung umgeben, auf den zweiten Schnee in diesem Jahr….

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Der Schnee soll kommen. Bisher nur ein Wunschdenken.

Der Schnee kommt!

In Israel ist das etwas, worauf das ganze Jahr gewartet wird, aber nichts mehr gefürchtet und weniger vorbereitet wird – weniger als alle Gasangriff-Warnungen und Raketeneinfälle zusammen: Der Schnee!

Schneefall, und zwar vor allem in der Bergregion und sogar in manchen Teilen der Wüste  – ist eine Nachricht, die Gesprächsstoff für alle Medien liefert, und insbesondere im Volk ständig beredet wird. Klar, Israel ist ja mehr oder weniger ein Wüstenland, und über den langen Frühling, Sommer und Herbst hinweg vergisst man schon die Regenfälle, die jährlich zu schon im Voraus bekannten Überschwemmungen führen. Wir stehen vor den Wahlen, jeden Tag hört man von Verhaftungen von IS-Verdächtigen, und alle Korruptionsaffären werden mit einem Mal in diesem Monat aufgedeckt. Wie könnte man da noch an Vorbereitungen für den Schneefall denken?

Momentan stehen die Prognosen für Schnee für die Nacht von Dienstag auf Mittwoch bis Donnerstagabend. Wo fällt der Schnee vor allem? In der Bergregion. Auf dem Hermon-Berg in den Golanhöhen ist der Schnee schon seit letzter Woche präsent, und demnächst rechnet man mit ihm in den Bergen von Binjamin, Jehuda und Hebron: Sprich, nach und nach im ganzen Gebiet von Judäa und Samaria, Jerusalem inklusive.

Hier, in den Siedlungen, ist der Schneefall am Schönsten, und am Problematischsten. So ein Schneefall, selbst wenn es erbärmliche 75 Millimeter auf den Straßen sind und ein paar Quellen vereist werden – was ist schon dabei, kann man sich in Europa denken? Hier wird es zu einer Herausforderung der kälteren und mieseren Art. Diejenigen von uns, die in J&S in festen Gebäuden und auch sonst wohlgeordnet leben, müssen die Stromausfälle fürchten. Schulen und Colleges rechnen mit Unterrichtsausfall, und warten auf die letzte Beurteilung der regionalen Vorstände und der Meteorologen. Bei tatsächlichem Schneefall werden Siedlungen von der Außenwelt abgeschnitten werden; eine Freude für Schlittenfahrer und für alle Schulfrei-Genießer, aber absolutes Chaos für Autofahrer, die schon im Voraus dazu angeleitet werden, ggf. nicht herauszufahren.

Alle Siedlungen haben interne Kommunikationswege – heute ist das meistens eine gemeinse E-mailgruppe, und Whatsapp-Gruppen, und dort sind schon seit einigen Tagen Anweisungen an die Einwohner verschickt worden.

Einige Beispiele: 

  • Die Regionalverwaltung wird bezüglich aller den Schnee betreffenden Angelegenheiten den Kontakt zu den Dorfverwaltungen und dem für Sicherheit Zuständigen halten.
  • Die Einwohner sind aufgefordert, in keinem Fall die Notrufzentrale bezüglich eines Schneeproblems zu kontaktieren, sondern nur im Falle eines eindeutigen Notfalls, wie Feuerbrand etc.
  • Die Verwaltung wird alles daran setzen, Einwohnern zu helfen, zu ihren Häusern zu gelangen, allerdings ohne ihre Fahrzeuge. Die Einwohner werden gebeten, sich der Fahrt im Auto zu enthalten. 
  • Bitte um Vorratsanreicherung von Brennmaterial wie Petroleum,  Benzin etc. für mindestens 2-3 Tage. 
  • Der lokale Supermarkt wird je nach Möglichkeit und Notwendigkeit geöffnet werden.

(Quelle: Rundmail Neve Daniel)


Da ich in meinem Karavan erst seit neuerdings lebe und noch keinen richtigen Winter hier miterlebt habe, haben mich fürsorgliche Nachbarn schon vorgewarnt und jede Menge wichtiger Tipps gegeben:

„Besorge dir eine Notfalllampe für die Stromausfälle, die kommen werden.“

„Decke die Stellen ab, die winddurchlässig sind. Lappen vor die Haustür, Fensterspalte abdecken.“

„Du wirst das Dach freiräumen müssen. Es ist schwach und kann zusammenbrechen vor Schneemassen.“

„Es wird sehr, sehr kalt. Zieh dich warm an.“

In den letzten Tagen habe ich Arbeiter beobachten können, die Äste von hohen Bäumen abschnitten, damit die Stromleitungen im Fall eines Sturms nicht beschädigt werden würden (letztes Jahr sind tausende von Haushalten in Jerusalem wegen eben dieses Problems ohne Strom geblieben).

Notfall-Generatoren, so erzählte mir ein Bekannter, Dvir, würden beispielsweise in seiner Siedlung Bet Haggai (im Süden Hebrons) dafür sorgen, dass die Einwohner noch immer Strom haben würden; dann aber dürfte keiner im Haushalt eine Waschmaschine anmachen, um das schon ausgelastete Netz nicht zu überfordern.

Menschen, die ohne Strom ihre Gesundheit gefährdet sehen könnten, müssen natürlich schon im Voraus Bescheid geben, damit sie auf den Notfall vorbereitet werden können.


Wie man sieht, die Selbstorganisation ist das beste Mittel gegen das alljährliche Schneechaos. Und dennoch wird es Pannen geben, und Menschen, die ohne Strom in der Kälte sitzenbleiben werden, und festgesteckte Autos in den Bergen, auf den vereisten Straßen und in den Tunneln, und die Armee samt Jeeps und Helikoptern wird sowohl mit den Juden, als auch mit den Arabern der Umgebung schwer beschäftigt sein müssen, sollte das mit dem Schnee länger andauern. Denn so wie man das kennt, ist die Palästinensische Autonomiebehörde nicht gerade für die Sorge um ihre Bürger bekannt…..

…Und die Kinder? Die warten natürlich wie jedes Jahr gespannt und voller Vorfreude auf den ersten Schnee…. 🙂

Hier Bilder vom letzten Jahr: © IK.

Hebron, Winter 2013-4
Gush Etzion, Winter 2013-14
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Hebron, Winter 2013-14

Per Anhalter ans Ziel

Spätestens seit der tragischen Entführung und dem Mord an den drei israelischen Jungs, Gil-Ad, Eyal und Naftali, wissen auch die Durchschnittsdeutschen, die Nachrichten sehe und Zeitungen lesen, dass wir Siedler die meiste Zeit per Anhalter reisen. „Trampen“ nennt man das.

So reisen wir zu tausenden tagtäglich n jede mögliche und unmögliche Richtung; ob mit Bekannte, Nachbarn, anderen Bewohnern aus der Umgebung, und das Natürlichste von allem für uns:
Mit den für uns am Straßenrand anhaltenden Fahrern und Fahrerinnen.
Denen strecken wir den Arm entgegen, und wer von ihnen sich entschließt, für uns „tramp“-Bedürftige anzuhalten, öffnet schon im Bremsgang das Fenster und sagt sein Fahrtziel. Dann steigen entweder die Interessierten ein oder man winkt freundlich ab – das zum Beispiel, wenn man unbedingt nach Jerusalem fahren möchte, aber alle Fahrer nur nach Efrat abbiegen.

Hauptsache, freundlich bleiben, und in jedem Fall ‚Danke‘ sagen!

Und auf die Nummernschilder und die Insassen achten – gelbe Schilder mit schwarzen Nummern und den Länderzeichen IL! Und nur diejenigen Fahrer, die nicht arabisch aussehen!

…Was heißt arabisches Aussehen? Gibt es das, vor allem in unserem von orientalischen und mediterranen Juden von Marokko bis Indien geprägtem Land?…
Lange Story, das kann man nicht einfach so erklären. Das kommt mit der Zeit, mit der Gewohnheit, mit dem Gefühl, und einer Prise Gottvertrauen, an der darf es auch nicht fehlen.
Abends, morgens, nachmittags – ist das auch unterschiedlich, es kommt auf die Situation an….wie gesagt, viele Faktoren, lange Story, das Leben ist bei uns nicht weniger kompliziert als sonstwo. Nur hat es Regeln, die nicht viele verstehen oder verstehen wollen.


Ich erzähle euch eine kurze Episode aus dem Anhalter-Leben von – heute:
Ich musste unbedingt für das Shabbat-Wochenende nach Tel Aviv, zu meiner Freundin. Mir war klar, dass ich es nicht pünktlich zum regulären Bus nach Tel Aviv aus Jerusalem, meiner einzigen großen Verbindungsstadt von hier aus, schaffen würde.
Ein „Tramp“ (Anhalter) muss her.
Es braucht einen deftigen Mix aus Hoffnung und Verzweiflung, um daran zu glauben, anderthalb Stunden vor Shabbat-Beginn noch einen Anhalter ans andere Ende des Landes zu finden.
Aber das Gute ist, dass es auch meistens klappt.
So auch jetzt, nach kurzer Wartezeit an der „Trampiada“, der Wartezone, wo man generell die Fahrer abzufangen hat, kam ein Eheaar angefahren aus Efrat, die in eine ähnliche Richtung fahren sollten. ‚So kommst du wenigstens voran‘, meinten sie zu mir, und nahmen mich samt Koffer mit.
Und was weiter? Für einen Beobachter von der Seite war es schon sehr bemerkenswert:
Der Ehemann sprach erst einmal ein Gebet für einen sicheren Fahrweg. Sie waren nämlich beide religiös, wie die Meisten in unserer Gegend.

Unterwegs erledigten die beiden sämtliche Anrufe zu Familienmitgliedern, besprachen Themen von Beerdigung bis Kindergeburt, planten irgendein Seminar für Jugendliche, besprachen den besten Weg zum Fahrtziel, und zwischen alledem bemühten sie sich darum, für mich einen passenden Anhalteort zu finden, von welchem ich am Besten zu meiner Zieladresse gelangen könnte!

Und das über Telefone zu Familienmitgliedern und Google.

Bei einem Anruf erklärte der Mann seiner Tochter am Telefon, er würde ihr jetzt den traditionellen Segen für Kinder von den Eltern sprechen, und machte das auch, und auch für ihren Mann. Alles am Telefon:
„Soll der Allmächtige dich so werden lassen wie unsere Mütter Sarah, Rivka, Rachel und Leah…“

…Schließlich erreichte ich das Landeszentrum, dankte ihnen sehr, und fand auch sogleich mein Taxi, und gelangte sicher am Zielort.
Aber solche Menschen, die von sich aus den eigenen guten Willen dafür einsetzen, dir zu helfen, und das so selbstverständlich, dass das nicht einmal hinterfragt wird….Solche Menschen wärmen das Herz und füllen es mir mit Liebe und Hoffnung.

Gut, unter solchen Menschen zu leben.

Shabat shalom!

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Zur Illustration: Trampisten an der Gusch-Kreuzung.