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Siedlungen und Sicherheit 2

Im ersten Teil des Beitrags habe ich über die besonderen Aspekte der Sicherheitslage von Siedlungen in Judäa und Samaria  berichtet. Nun geht es um den Ernstfall –  wenn ein Alarm ertönt. 


Zunächst einmal eine persönliche Geschichte dazu:

Wo liegt Tal Menasche?
Wo liegt Tal Menasche?

Vor etwa einem Jahr war ich bei einer Familie in der Siedlung Tal Menasche im Norden Samarias übers Wochenende eingeladen. Es war Freitagabend, wir versammelten uns alle um den Shabbat-Tisch und waren schon mitten im Abendessen, da erklang auf einmal eine Sirene, aus einem alten, scheinbar sinnlos im Flur liegenden Walkie-Talkie tönten Rauschen und Stimmen. Ich verstand nichts, sprang aber mit allen anderen auf. Einige Minuten später klopfte es auch an die Eingangstür, die Eltern fragten kurz nach und der älteste Sohn der Familie in voller Montur – Armee-Schutzweste, Helm und Gewehr – stand im Wohnzimmer. Ich war relativ sprachlos – wann sieht man sonst einen Offizier in Armeekleidung und am Telefon mitten am traditionellen jüdischen Ruhetag in ein Wohnhaus hineinkommen. Was war geschehen?

Der Mann währenddessen breitete auf dem Esstisch eine Karte aus, bückte sich gemeinsam mit seiner festlich gekleideten Mutter über die Karte und begann, auf einige Straßen und Häuser zu zeigen. Sie unterhielten sich angeregt, holten dann eine Liste und ein weiteres Telefon hervor und begannen, Anrufe zu tätigen. Das alles wurde von Stimmen aus dem Walkie-Talkie begleitet.

Ich bekam schnell meine Erklärung für das Geschehen. Die Sirene, und auch die Ansagen über das Funkgerät bedeuteten Alarm – Verdacht auf unmittelbares Eindringen in die Siedlung. Der Sohn in Offizierskleidung war ehemaliger Offizier im Reservedienst und in der Siedlung der Einsatzleiter des zivilen Notrufkommandos, welches bei Verdacht auf terroristische Tätigkeiten für den Schutz der Bewohner verantwortlich ist, bevor Spezialkräfte zum Tatort gelangen und den Einsatz übernehmen können. Die Hausfrau war u.a. verantwortlich für einen Teil der Koordinierung der Kräfte innerhalb der Siedlung und hatte die Adressen und Daten aller relevanter Ansprechpartner.

Da ich zum Zeitpunkt des Geschehens selbst in der Armee war (aber nicht in einer Kampfeinheit), erklärte ich mich bereit, das Notrufkommando, alles Familienväter mit Armeeausrüstung, zu begleiten und bei einer Mutter mit ihren Kindern im Haus Wache zu schieben, da sich diese nicht mit solchen Situationen auskannte und alleine mit den Kindern im Haus war. Auf den Straßen liefen Soldaten und die Einsatzleute umher, die Armee war schon angekommen und fahndete nach dem möglichen Eindringling. Im Haus der Frau schloss ich alle Fenster und Türen und blieb mit dem Kommando per Telefon in Verbindung, um zu wissen, wann der Einsatz vorbei wäre.

Das Ganze entpuppte sich nach etwa einer Dreiviertelstunde als ein Fehlalarm – ein Gastjunge hatte versehentlich an einer falschen Tür geklopft und war wohl danach geflüchtet, um nicht erkannt zu werden, und wurde so für einen Terroristen gehalten. Um 1 Uhr nachts war alles vorbei. Ich bekam an diesem Abend aber eine eindrucksvolle Demonstration der Bereitschaft aller Beteiligten und die Ernsthaftigkeit, mit welcher eine Gefahr für die Bewohner wahrgenommen worden ist.


 

Was bedeutet es, einen „Alarm in der Siedlung“ zu haben?

Schon mehrere Jahre ist es her, dass das Sicherheitskonzept der Vorwarnung für jüdische Einwohner in Judäa und Samaria durch Sirenen und Anrufe/mobile Nachrichten ausgearbeitet worden ist. Dieses System ist durch die Zusammenarbeit mit der Armee sowie mit der zivilen Verwaltung entstanden, um die Sicherheit in den Siedlungen zu erhöhen. Ein Alarm wird demnach ausgelöst, sobald eine Meldung von der Armee oder bei der Sicherheitszentrale in einem Ort beispielsweise über Kameras eingeht, die auf ein Eindringen von Terroristen in die Siedlung bzw. die Annäherung Verdächtiger an den Siedlungszaun hinweist. Ein solcher Alarm richtet sich an die Bewohner und der Code, der dabei durch zentrale Lautsprecher ausgerufen wird bzw. die Klangsequenz, die abgespielt wird, sind allen durchgehend bekannt. Die Anweisungen beim Hören der Sirene oder seit neuester Zeit auch nach dem Eingehen einer SMS mit entsprechendem Inhalt sind klar:

Alle Bewohner haben sich umgehend in ihre Häuser oder andere verschließbare Räume zu begeben, diese zu schließen, bei Abend- oder Nachtzeit das Licht auszuschalten und auf weitere Anweisungen zu warten. Bis auf Weiteres darf niemand das Haus verlassen, bis die Warnung aufgehoben wird.

Für das Notrufkommando, eine Einheit von mehreren (männlichen) Einwohnern der Siedlung, meist Reservesoldaten, welche ihre Notausrüstung (Schutzhelme und -westen, Gewehre, Munition, Funkgeräte), bedeutet der Alarm höchste Einsatzbereitschaft. Die Mitglieder dieser freiwilligen Einheit müssen Tag und Nacht erreichbar sein, um als Erste den Einsatz gegen potenzielle Gefahren zu führen, bevor Spezialkräfte – Armee, Polizei, Notdienst – vor Ort sein und die Aufgabe übernehmen können. Das Bereitschaftskommando, wie es sich auch auf Hebräisch, existiert in jeder Siedlung in verschiedener Größenordnung, und ist direkt mit der Armeeeinsatzzentrale und anderen Hilfskräften verbunden.

Zurück zum Alarm. Es gibt verschiedene Alarm-Abstufungen von 1 – 3, wobei bei den ersten beiden Stufen die zivile Bevölkerung nicht belangt wird – so wie die Fahnung und Festnahme von organisierten Gruppen, die auf dem Weg zu einem Terroranschlag sind und möglicherweise in die Nähe einer Siedlung gelangen können, eine Warnung von einem möglichen Zeitpunkt, wann ein Einzelner oder eine Gruppe einen Anschlag planen und desweiteren mehr. Die dritte und letzte Stufe ist der direkte Verdacht auf das Eindringen über den Zaun oder die nicht umzäunte Ortsgrenze in die Siedlung hinein  – sei es nun mit der Absicht, zu stehlen, oder zu töten. Der Alarm ertönt sowohl tags- als auch nachtsüber.

Von wem wird er ausgelöst? Es kann der ganz normale Wächter sein, der auf den Bildschirmen der Kameras an einigen Zaunpunkten plötzlich unerwartete Gestalten entdeckt, die sich am Zaun zu schaffen machen; es kann ein verdächtiges Auto am Zaunrand sein, oder Menschen, die sich zu einer ungewohnten Zeit auf einem Feld oder über einen Berghang in Richtung einer Siedlung bewegen; es können die Nachrichtendienste der Armee oder der Polizei sein oder einzelne Zivilisten, die eine verdächtige Beobachtung weiterleiten, damit diese geprüft wird.

Nicht immer hat es dieses Warnsystem gegeben; wie immer ist auch dieses auf bitteren Erfahrungen erbaut und ausgearbeitet worden, und nicht immer schützt es vor Tragödien – wie im Falle der Familie Fogel aus Itamar, deren fünf Familienmitglieder  – Eltern und Kinder –  im März 2011 von zwei in die Siedlung eingedrungenen Terroristen brutal in ihrem Haus ermordet wurden.

Auch in Alon Shevut, meiner Siedlung, hat es Fälle gegeben, in welchen der besagte Alarm ausgelöst worden ist. Vor etwa einem Monat wurde eine Gruppe Verdächtiger durch die Überwachungskameras gesichtet, die versuchten, auf den Ortszaun zu klettern. Die Einsatzkräfte, die nach Erhalten der Meldung zum Tatort stürzten, konnten die Gruppe vertreiben.

→ Über das Alarmsystem und seine Bedeutung klärten mich der Sicherheitsbeauftragte der Regionalverwaltung Gush Etzion, Pinhas Hershler, und Oberstleutnant (RD) A.Szanton auf. 


Shimon Zukerman  ist ein guter Bekannter von mir, aber auch als Verwaltungsvorsitzender der Siedlung Kfar Eldad im Osten Gush Etzions tätig. Er ist in Belgien geboren und lebt mit seiner Familie in Judäa. Neben allen logistischen und sozialen Aufgaben, die er für die Einwohner der Siedlung bewältigen muss, muss sich Shimon Zukerman auch in den Sicherheitsfragen auskennen und die richtigen Beauftragten einstellen, die dann für alle Belangen der Einwohner und der Armee zu sorgen haben. 

Hier liegt Kfar Eldad
Hier liegt Kfar Eldad

Kfar Eldad ist ein kleiner Ort von etwas über 100 Familien, sowohl religiöser als auch sekulärer Ausrichtung, im Osten von Gush Etzion und am Rande der Judäischen Wüste. Er existiert seit Sommer 1994. Die nächstgrößte Siedlung ist Teko’a und die nächstgrößte Stadt Jerusalem. In den letzten Jahren mussten sich die Bewohner von Kfar Eldad mit zahlreichen Störungen  seitens organisierter linksextremer Gruppen aus dem In- und Ausland auseinandersetzen, welche gemeinsam mit Gruppen lokaler Araber Demonstrationen, Provokationen  und auch Zusammenstöße mit derArmee und den Bewohnern veranstalteten. Kfar Eldad ist umgeben von arabischen Kleinorten und die Schnellstraßen ins Zentrum von Gush Etzion sowie nach Jerusalem führen alle teilweise mitten durch diese. Sicherheit ist in den Augen von Shimon Zukerman ein zentraler Aspekt, aber er limitiert ihn nicht nur auf das Technische, sondern sieht die Ursprünge viel tiefer: 

„Was hindert die Araber daran, uns anzugreifen? Die Abschreckung. Eine Abschreckungspolitik, die auf verschiedene Arten ausgeübt wird. So ist die Mentalität hier, so sind die Spielregeln im Nahen Osten.

Was dagegen führt dazu, dass jemand es wagt, auf einen Schutzzaun zu klettern? Ein Verlust des Kräftegleichgewichts. Das Schwinden der Abschreckung. Anzeichen von Schwäche. Das können ganz unterschiedliche Anzeichen sein, nicht unbedingt seitens der Armee. Es kann das Vermitteln von Furcht sein, Furcht auf unserer Seite.Wenn sie anfangen zu spüren, dass die Abschreckung schwächer wird, können sie es wagen, auf den Zaun zu klettern und anzugreifen. Das Gleichweicht wird gestört – wir werden nicht mehr als eine Kraft wahrgenommen, werden schwächer, und dadurch werden sie stärker.

Die Schwäche, sie liegt im Geist. Die Europäer, die hierher kommen   –  und meines Erachtens auch viele von uns  – versuchen mit aller Kraft, die Realität hier zu vergewaltigen, ihr die abendländische Sicht- und Denkweise aufzuzwingen. Beispielsweise aller Arten von Anarchisten aus Schweden, die hier angelangen – sie wissen nicht, worauf sie sich einlassen. Die Mentalität des Nahen Ostens ist anders. Die Bevölkerung, die hier lebt, findet ihre Stärke  im Glauben und in geistigen Werten. Dieser Glaube ist voller Lügen, und die Werte voller Gewalt, aber dennoch ist es ein Glaubens- und Wertesystem und von dort kommt die Stärke. Was kann man machen, der Islam ist eine Kultur der Macht. So wachsen die Menschen hier auf, sie atmen es mit jedem Atemzug. Wenn man beispielsweise auf der Straße bei Teko’a an einem Dorf vorbeifährt, kann man täglich sehen, wie Kinder geschlagen werden, in der Öffentlichkeit. Das ist die Kultur. Der muslimische Mann ist jemand, der Selbstbewusstsein hat, der stark, oder, wenn man will, mächtig ist, der die Richtung kennt.

Wenn man diese Sprache richt, dann kann man Beziehungen aufbauen. Ich weiß es und behaupte  – wer am Besten mit den Arabern reden kann, im ganzen Land, das sind allein die Siedler. Denn sie verstehen, worum es geht, sie sprechen die Sprache. „

Kleidertausch

Wollte kurz von einer netten Initiative berichten, die im Karavanenviertel so unter den Nachbarn initiiert worden sit – Kleidertausch zwischen Frauen (nicht etwa Frauentausch).

Ein paar junge Nachbarsfrauen schlugen vor, sich heute abend in der Synagoge zu treffen und Second-Hand-Kleidung mitzubringen, die die eine nicht braucht, damit ggf.eine andere Gefallen daran finden kann. Second-Hand-Laden selbstgemacht und ohne Geld.

1klAlso schleppten wir Tüten mit Altkleidern an, verteilten es auf die Bänke, auch Kosmetik und Schmuck waren dabei, und begannen, nach attraktiven „Angeboten“ der anderen zu suchen. Die meisten wurden fündig und den für Rest erklärte sich eine bereit, ihn an einen Wohltätigkeitsladen zu spenden.

Das Beste war eindeutig das Zusammentreffen von uns Mädels und der Spaß, den wir hatten.  1kl2

Eine Frage der Wahl (Wahlen 2015)

Heute – ja, heute  – sind Wahlen in Israel.

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Heute schon gewählt! Im Wahllokal in Alon Shvut

Der Tag, auf den die gesamte langmonatige Propaganda der israelischen Parteien ausgerichtet worden ist, der Tag, der am Meisten von den Medien beredet und verfolgt worden ist, der Tag, der Menschen vereinte, aber auch viel zu viele entzweite.

Es ist schon viel mit Dreck um sich geworfen worden im Vorlauf dieser Wahlen, das muss einmal gesagt werden. Und natürlich war es im Vorhinein klar, welche Wahlkreise und -blöcke unbeweglich wie Granit bleiben und sich hinter ihre Favoriten stellen würden, und dass diese schon vor den Wahlkampagnen feststehen würden. Die Israelis sind in etwas ein sehr individualistisches Volk, lieben es aber auch, von einer charismatischen Figur oder starken Ideen angeführt zu werden. Nur scheint die Desillusionierung in den Anführern der politischen Bühne Israels relativ fortgeschritten zu sein. Jeder hat seine Anhänger, und alles zusammen ist es ein ziemlich gespaltener Haufen trotz der Tatsache, dass die innerparteiischen Herangehensweisen an alltägliche Probleme so ziemlich die selben sind und keine kreativen Unterschiede aufweisen. In den Hauptpunkten jedoch, um welche sich die meisten zentralen Streitigkeiten drehen und das eigentliche Identifikationsmerkmal der meisten Parteien darstellen – die Frage nach Land und nach Nationalcharakter – findet man keine Einigkeit, und auch keine passablen Lösungen.

Auch ohne die politische Landschaft Israels ausdrücklich zu kennen, empfielt es sich, zwei Beiträge von Deutschlands bekanntesten „Israelexperten“ (fast hätte ich schon gesagt: Hauptjuden) zu lesen: Tuvia Tenenbom in „DIE ZEIT“ – und Henryk M.Broder in „DIE WELT„.

Und ich berichte in ein paar Worten (und, ich warne im Voraus, subjektiv!) über das letzte Großereignis vor den Wahlen, was mich persönlich betroffen hat.


 

In der letzten Woche fand auf dem berühmten zentralen Rabin-Platz in Tel Aviv eine Demo der sich als links und zentral wähnenden Parteien statt, unter dem Slogan, „Israel will eine Veränderung“. Es war von mehreren zehntausend Besuchern die Rede, und aufgetreten ist unter anderem der Ex-Mossad-Chef Meir Dagan. Ich war bei der Demo nicht dabei, und kann daher auch nichts darüber sagen. Richard C.Schneider von der ARD hat diese Demonstration besucht und ausführlich darüber berichtet (siehe hier). Die Leitlinie der Demonstration war betont „gegen Netanyahu“ gewesen.

Die Kundgebung der sich als rechts bezeichnenden Parteien an diesem Sonntag (15.03) verlief unter dem Motto „Gemeinsam für das Land Israel“, und über sie hat Richard Schneider nicht ausführlich berichtet. Auch hier wurden mehrere zehntausend Teilnehmer gezählt (zunächst war sogar von 100.000 die Rede), die mit Flaggen, Ballons und Plakaten mit Slogans, T-Shirts und Aufklebern in allen Farben versammelt hatten, um die Hauptsprecher der Demonstration: Premierminister Netanyahu und die Vorsitzenden der Parteien „Habayit Hayehudi“ – Naftali Bennett – und „Yachad“ – Eli Yishai – zu hören. Zur Demonstration kamen Leute aus allen Ecken des Landes, spezielle Busse wurden zur Hinfahrt organisiert, wer mitfahren wollte, tat es kostenlos.

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Die Demonstration nationaler Parteien

Überall sah ich junge Leute, vorwiegend junge Frauen und Männer, Familien mit Kindern, Schüler und junge Student/-innen und Aktivist-/innen, und auch ältere Menschen. Die überwiegende Mehrheit der Männer trug Kippa, viele verheiratete Frauen Kopftücher. Es war mir schon klar, welche Gesellschaftsgruppe hier am meisten vertreten wurde – nämlich die, welche sich die Frage nach Land, Einheit und Nationalcharakter ganz groß auf die Fahnen geschrieben hatte und sich mit nichts davon abbringen ließ.

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Aktivisten in Action

Die national-religiöse Bevölkerung Israels, Israelis aus Judäa und Samaria und solche aus anderen Städten, waren hier zum großen Teil vertreten, die lange Anreise hatte sie nicht abgeschreckt. Jungs mit Kippas rannten durch die Gegend, kleine Kinder in Kleidchen oder mit Schläfenlocken, Mütter mit Kinderwagen,  Gruppen von singenden und tanzenden Mädchen  – in dieser Aufmachung ein sehr seltenes Bild für Tel Aviv. Die letzte Demonstration, bei der dieser Bevölkerungsteil hier in Scharen aufgetaucht war, war im Sommer 2014, zur Kundgebung nach der Entführung der drei Jungen Gil-ad, Eyal und Naftali sel.A. Damals war die Kundgebung kein Verlangen nach Änderungen oder politischer Umwälzung, sondern sollte eine Botschaft des Zusammenhalts und Glaubens an das Gute vermitteln, und hatte auch viele lokale Teilnehmer aufzuzeigen, ohne religiösen oder geografischen Bezug – spich, auch viele aus Tel Aviv, denen die Sache nahe ging.

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Will heissen: Juden kaufen bei Juden. Auch das waren die Slogans dieser Demo.

Auch diese Demonstration hier ist kein Aufruf zu einer politischen Umwälzung, sondern vor allem eine Demonstration der Stärke, die uns Teilnehmenden zeigen sollte: Wir sind nicht allein, wir kämpfen nicht hoffnungslos gegen den Wind, wir stehen zusammen und stehen ein für das, woran wir glauben. Es ist eine Kundgebung für Leute, die sich gemeinsam stark fühlen möchten gegenüber Menschen, zwischen denen und sich sie einen Graben sehen, der sich immer weiter auftut. Sie möchten nicht hassen, und die Ideale, die sie propagieren, sind nicht neu. Aber sie empfinden sich als fremd, und als bedroht, und auch als Widersacher gegenüber denjenigen, die, in Tel Aviv sitzend, dem Rest des Landes mit dem Gesicht zum Westen den Rücken gekehrt haben, insbesondere den hinter einer unsichtbaren grünen Linie Wohnenden.

Und ich fühlte mit ihnen. Ich erkannte von Weitem schon die gewohnten, alten Busse von Gusch Etzion, Samaria und der Binyamin-Region und mein Herz fing  an zu hüpfen, wie ich sie so vorbeifahren und die  Jugendlichen mit den Flaggen sah und die Gesänge von „Das Ewige Volk hat keine Furcht vor dem langen Weg“, einem modern-religiösen Festlied, hörte. „Die Unseren sind in der Stadt“, dachte ich unwillkürlich, fing mich bei dem Gedanken und während ein Teil von mir sich freute, drehte ein anderer Teil die Frage hin und her im Kopf: „Sind die anderen, die nicht hierher kommen, nicht auch die „unseren“? Oder sind sie es nicht? Und was heißt das?“

Das ist der Haken bei politischen Kundgebungen: man muss sich positionieren. Man kann alle lieben, die man nur hört und sieht, und sich als Teil eines großen Ganzen empfinden, aber irgendwann wird dir eine Positionierung abverlangt, und auch diese Demonstration war eine Gelegenheit dafür. Und trotz des Faktes, dass mir durchaus nicht alle rechten Favoriten gefallen oder überhaupt als Option vorkommen, und auch wenn ich nicht alle Slogans und Motive mag, entschied ich mich, zu meinen Ansichten zu stehen. Ich weiß, es gibt heute einen Trend, sich zu nichts zu positionieren, und alles aufzunehmen und willkommen zu heißen, und der Toleranz-Tsunami hat auch hier in Israel, und vor allem in Tel Aviv, Wellen geschlagen und nicht im guten Sinne.  Aber auch darüber freute ich mich auf dem Weg zum Platz – über meine eindeutige Positionierung, zumindest für diesen Abend, denn wenn du irgendwohin in einer Absicht gehst, sei 100% bei der Absicht dabei, um an ein Ziel zu kommen.

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"Zionismus - Land Israel"; "Gemeinsam fuer das Land Israel"

Die Kundgebung war natürlich sehr politisch gestaltet. Es war nicht einfach nur eine „Kundgebung für das Land Israel“, obwohl die Leitsätze, die gleich zu Beginn der Veranstaltung von der Bühne und im Publikum skandiert worden waren, „Land Israel dem Volk Israel“ und „ungeteiltes Land, ungeteiltes Jerusalem“ gewesen sind.  Es war auch ein sehr effektives Propagandamittel des Premiers Netanyahu, der auch auf der Demo auftrat und wie immer starke Worte für alle fand. Auch die anderen Parteivorsitzenden bekamen ihre Redezeit, wobei „Jüdisches Haus/Habayit Hayahudi“-Mann Naftali Bennett tosenden Applaus und Ovationen genießen konnte, Netanyahu mit ohrenbetäubenden „Bibi“-Rufen empfangen und verabschiedet wurde und Eli Yishais Auftritt dagegen eher Lacher und müden Beifall erntete. Den Beginn leitete Daniela Weiss ein von der Organisation „Nachala“, einer Siedlungsorganisation. Man zollte geschlossene Unterstützung, für diejenigen, die sich für das Bauen neuer Orte in Judäa und Samaria einsetzen, gegen die Abgabe jeglichen Landes an die Palästinenser, gegen die Einmischung des Westens in die israelische Souveränität. Stolz auf Traditionen, auf den jüdischen Charakter des Staates. Sich der Wahl enthalten  –  ein No Go. Zur Beteiligung riefen alle drei Hauptredner auf. Der Preis für die erfolgreichste Mengenmotivierung konnte meiner Ansicht nach zwischen dem Premierminister und Naftali Bennett aufgeteilt werden: An Netanyahu für den erfolgreichen ‚Schlachtruf‘ „Nicht geräumt? Nichts getan“, den er einbrachte, als er von der Einstellung linker Parteien gegenüber den Errungenschaften seiner Regierung  sprach und die Menge diesen begeistert wiederholte. An Bennett dagegen für die freie Performance des Liedes „Jerusalem aus Gold/Yerushalaim shel Zahav“ auf der Gitarre, während er erklärte, dass das nationale Wahlkommittee den Auftritt jeglicher Musiker bei der Kundgebung absichtlich verboten habe…

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Es muss gesagt werden, dass, als ich noch zu dieser Kundgebung schritt, ich wusste, dass ich nicht mit allem einverstanden sein würde, was dort gesagt oder gefordert werden würde (allerdings blieben unangemessene Rufe, soweit ich es hören konnte, aus). Und ich bin, um ehrlich zu sein, kein großer Fan der jahrelangen Regierung von Bibi Netanyahu.  Das Stehen zu widersprechenden Ansichten  gehört zu einer gesunden Auseinandersetzung dazu. Und auch wenn wir uns zu einer Demonstration der Stärkung versammeln, so möchten wir auch Veränderungen, Wandel. Aber die Leute, die hierher gekommen sind, wissen, dass der Wandel nicht von Forderungen und schönen Reden ausgeht, sondern nur von Einheit und Zusammenhalt. Und diese konnte man zwischen den Reden, den Flaggen, den Liedern spüren – keine Einheit gemeinsamer Interessen, sondern Liebe zu den eigenen Werten – Glauben, Kultur und Zukunft. Und wir wären mehr als froh gewesen, wenn sich mehr Tel Aviver, gänzlich ohne Kippa oder Kopftuch, dieser Demonstration anschließen würden. Das  würde der zersplittenen Gesellschaft nur gut tun. Denn das, was die Gemüter auf der linken Seite des Spektrums fordern, ist nicht das, worauf unser Staat gegründet worden ist. Weder auf der Räumung der jüdischen Städte und Dörfer, noch auf der Errichtung eines benachbarten Terrorstaates, noch auf der Delegitimation der eigenen Identität. Und die Gründer und ersten Visionäre und Erbauer dieses Landes hatten „Hatikva“ gesungen, und sich für kein Wort der Hymne schämen wollen.

…Die Kundgebung dauerte etwas mehr als 2 Stunden und aus Tel Aviv ließ ich mich von einem Bus nach Gush Etzion mitnehmen. Die Fahrt dauerte lange und ging über Tal und Felder und hoch in die dunklen Berge des heimatlichen Gush Etzion. Wie die Wahlen ausgehen werden, weiß der Himmel, aber wir hier auf der Erde tun das Unsere.

Wie sagte man heute morgen bei uns im Radio G?

„Fröhlichen Wahl-Feiertag, den demokratischsten Feiertag unseres Landes!“

Das ist auch eine Art, die Welt zu sehen. Schönen Tag allen!

Frau, Studium, Karriere

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Logo des Herzog-Instituts. Auf dem Logo – die „einsame Eiche“, ein Symbol von Gush Etzion. macam.ac.il

Zurzeit mache ich unter anderem eine Ausbildung am Herzog-Institut. Institute hier in Israel sind höher im Rang als in Deutschland die Fachhochschulen, und werden als „intimere“ Alternativen zu einem akademischen Studium im Universitätsrahmen gesehen. In Israel gibt es hunderte solcher Institute, kleinere Einrichtungen mit einer geringeren Anzahl von Studierenden, die spezialisiert sind auf bestimmte Themen. An den einen wird reguläres akademisches Studium angeboten, an anderen gibt es Ausbildungszertifikate für bestimmte Fächer. Teilweise sind die Bedingungen optimiert für bestimmte Gesellschaftsgruppen, welche an einer homogenen Umgebung interessiert sind. So gibt es Institute nur für Frauen und nur für Männer, welche gerne von religiösen Juden besucht werden; manche davon sind speziell für charedische (sprich: ultraorthodoxe) Ausrichtungen gedacht. Es gibt technische Institute, Institute für Erziehungswissenschaften, Fotografie und Film, Kunst, Rechtswissenschaften, alternative Medizin und vieles mehr.

Was mich immer fasziniert hat, und woran ich mich noch immer nicht gewöhnen kann (und um ehrlich zu sein – manchmal noch immer stoße), ist die außergewöhnliche Anzahl von religiösen Instituten für Frauen, welche einen B.A. und M.A. in Erziehungswissenschaften anbieten. Einige wenige von ihnen befinden sich in Judäa und Samaria – so die ‚Michlelet‘ (heb. für Institut) „Orot Israel“ in Elkana (Samaria) oder auch meins, Michlelet „Herzog“ in Alon Shvut (Judäa). Das Publikum an diesen Instituten kommt zu einem überwiegenden Teil aus den nationalreligiösen Kreisen, viele von den Mädchen aus Jerusalem, aber vor allem auch aus den Siedlungen in Judäa und Samaria. Andere kommen auch aus anderen Landesteilen. Erziehung ist da extrem populär, und das in einem Spektrum, welches von der Ausbildung zur klassischen Lehrerin für Mathematik, Geschichte oder Hebräisch über das sehr beliebte Gebiet von therapeutischem Tanz und Sport bis zu nichtformaler Erziehung reicht. Nicht formale Erziehung hier vermischt sich ein wenig mit Sozialarbeit. Junge Frauen besuchen Kurse, bei welchen sie mit schwerbehinderten Kindern zu arbeiten lernen; das Unterrichten von schwererziehbaren Kindern und Jugendlichen, ADHS-betroffene Kindern, Legasthenikern, Kindern mit schwachem sozialen Hintergrund und desgleichen mehr ist sehr gefragt.  Auch das Lernen von Tora, jüdischer Philosophie und Geschichte des Landes Israel.

Das sind zumeist sehr junge Frauen, gerade frisch vom „National-/Zivildienst“, den sie ein oder zwei Jahre an verschiedenen Orten und in verschiedenen Organisationen gemacht haben, vielleicht danach noch ein Jahr gearbeitet oder vom angesparten Geld in der Welt gereist.

Und ganz oft sind sie schon – verheiratet.

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Quelle: Michlelet Orot Israel, orot4u.com

Das ist etwas, was mich noch immer in Staunen versetzt, ich komme nicht drum herum. Ich habe in einer Einrichtung für religiöse Mädchen gelernt, ‚Midrasha‘ nennt sich das (das etwas oberflächlichere Äquivalent zu einer Jeshiva für Jungs), jüdische Philosophie und Denken gelernt. Dort hatte ich viele Mitschülerinnen aus Judäa und Samaria, und die meisten waren direkt nach dem Zivildienst da, und spätestens anderthalb Jahre nach Abschluss des Lernprogramms war mehr als die Hälfte aus meinem Kurs schon verheiratet oder verlobt. Ich bekomme alle zwei Monate Nachrichten und Einladungen zu Hochzeiten von meinen Kursmädels. Wir sind alle ungefähr im selben Alter – 21 bis 25. Die frischen Ehemänner sind auch in etwa demselben Alter, teilweise älter – dennoch. Und so wie sie, so sind es auch viele Mädchen in den Instituten. Frisch, jung gekleidet, mit eindrucksvollen Kopfbedeckungen zumeist in Turbanform mit verschiedenfarbigen Tüchern, Clips, Spangen verziert, modisch abgestimmt mit Rock und Bluse oder aber bunt zusammengeworfen. Manche lassen viel Haar aus der Kopfbedeckung hervorlugen, andere mögen es strickt und verdeckt. Ein ganz normaler Anblick am Morgen oder zur Mittagspause – und manche der Mädchen sind auch sicherlich um ein paar Jahre jünger als ich, und einige haben auch gewiss schon Kinder, die daheim bei der ebenso jungen Großmutter warten.

Und ich laufe daneben, und schaue die Studentinnen mit einer Mischung aus Unglauben, leichter Entfremdung aber auch einer gewissen Portion von Neid an, dass sie selbst gar nichts Befremdliches darin sehen, und dass die Gesellschaft, in der sie aufgewachsen und erzogen worden sind, sie ermutigt, die Werte von Familie und Wissenserwerb gleichermaßen hochzuhalten und sie spielerisch miteinander zu vereinen, und die Mädchen lernen, in beiden Welten zu leben. Ja sogar sehen sie keine Teilung zwischen den beiden; und sowohl in jungem Alter eine Familie zu gründen, als auch zu lernen und zu arbeiten ist für die Frauen national-religiöser Orientierung eine Selbstverständlichkeit.

Ja, Erziehungswissenschaften, jüdische Philosophie, Kinder, grafische Gestaltung und Sozialarbeit sind viel beliebter bei diesen Mädchen als Medizin, Computertechnik, Business oder Archäologie, aber erstens finde ich es persönlich wunderbar, wenn die Erziehung der jungen Generation in den Händen von intelligenten, lebenslustigen und einfühlsamen jungen Frauen mit Kindererfahrung ist, und zweitens gibt es auch wachsendes Interesse, in neue Gebiete vorzudringen. Es lässt sich erhoffen, dass auch andere Gruppen unserer Gesellschaft diese Taktik adoptieren und das Neue erobern, ohne das Bekannte und Gewohnte aufzugeben.

(⇒ Webseite zu Instituten in Israel. http://www.michlalot.co.il/)

Wer sind wir? Siedler über sich – 1. Orli

Wer sind wir, die Siedler, und was wollen wir? Warum leben wir dort, wo wir leben? Wo kommen wir her, wer sind unsere Eltern, was machen unsere Partner und Kinder? Wer von uns war vorher ein Großstadtkind, wer ist einer Idee nachgelaufen, wer hat mit der Siedlung einen Kindheitstraum erfüllt und wer hätte niemals daran gedacht, in eine zu ziehen? Sehen wir uns in einem Krieg, oder träumen wir von einer „dritten Lösung“? Was denken wir wirklich über den Friedensprozess, sehen wir eine Zukunft in der Siedlungsbewegung und ist Olivenhain-Verwüstung und Graffiti-Sprayen wirklich unser liebstes Hobby?

Lest und hört, was Israelis aus jüdischen Siedlungen in Judäa und Samaria euch aus erster Hand zu erzählen haben. Trefft junge Frauen wie Orli, den 18-jährigen Daniel und seine Freunde, den ehemaligen Vizevorstand von Judäa und Samaria Yigal Dimoni, einen älteren Kibbutznik aus Migdal Oz, Asher – den Sohn amerikanisch-russischer Einwanderer, der kurz vor dem Armeeeinzug steht; den „starken Mann“ Yossi aus den Bergen von Samaria, die „Frauen in Grün“ – und viele mehr.

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Wo liegt Ma’ale Michmash? Klick aufs Bild!

 

Wir beginnen mit Orli, 26, aus der Siedlung Ma’ale Michmash im Regionalkreis „Binjamin“, nördlich von Jerusalem. 

Kommentare zum besseren Verständnis der Begriffe sind mit „z.E.“ (zur Ergänzung) und mit Klammern versehen.

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Orli

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Ich komme aus Jerusalem und bis zu meiner Hochzeit wohnte ich dort mit meinen Eltern. Nach der Heirat sind wir nach Ma’ale Michmash umgezogen. Wirhleben hier an die 7 Monate. Ich bin in der Sozialarbeit tätig und mache eine Ausbildung zur Reiseleiterin. Ich habe in einer Ulpana (religiöse Mädchenschule, z.E.) für Künste gelernt und nach 2 Jahren Zivildienst habe ich auch in „Machon Ora“ (einem Institut für jüdische Religion und Philosophie, z.E.) gelernt. Sozialarbeit habe ich in drei Jahren in einer orthodoxen Akademie studiert.

‚Warum seid ihr nach Michmash gezogen?‘

Wir haben ein gemeinschaftlich-religiöses Kollektiv in der Nähe von Jerusalem gesucht.

‚Kennst du ein wenig die Geschichte von Michmash – aus früherer und moderner Zeit?‘

Ich kenne mich nicht genug aus, aber ich weiß, dass Michmash in den Heiligen Schriften als eine der Ansiedlungen bekannt ist, zu der Jonathan, der Sohn König Shauls, gelangt, und es gibt weitere Nennungen. Die moderne Siedlung wurde in den 80er Jahren gegründet, soweit ich es weiß, als Teil des Siedlungsprogrammes des Landes Israel. Die Gebiete wurden im Sechstagekrieg 1967 befreit, und darunter fallen auch die Gebiete von Samaria und Binjamin (südlicher Teil des Samaria-Gebiets, nördlich von Jerusalem, z.E.). Das folgte einem Aufruf von Rabbiner Zwi Jehuda Kuk.

‚Was hat das Leben in Michmash für dich für eine Bedeutung? Hast du dich schon gut akklimatisiert?‘

Wir werden noch als relativ neu hier gesehen, und wir freuen uns, dass wir hierhergekommen sind. Das sind einige der Gründe:

  • Wir haben das Privileg, das Gebot der Besiedlung des Landes Israel zu erfüllen, und einen Ort zu stärken, der leider momentan, dem Konsens zufolge, nicht als Teil der jüdischen Geschichte wahrgenommen wird.
  • Von dem sozialen Aspekt her ist die Siedlung wunderbar – die Menschen sind sehr freundlich, interessieren sich, laden uns ein und helfen, wo sie können. Es gibt viele Aktivitäten, und ein Gefühl von Gemeinschaftlichkeit und echter Solidarität.
  • Wir haben wunderschöne Aussicht auf die Berge von Binjamin.
  • Der Karavan, in dem wir leben, ist vergleichsweise neu, gut gehalten und angenehm, und unserer Meinung nach kann man als junges Paar, das noch ganz am Anfang ist, gar nicht mehr verlangen. Dazu kommt, dass die Wohnpreise hier relativ niedrig sind. Und trotz des Umzugs haben wir uns gar nicht so sehr von Jerusalem entfernt – es sind nur 15 Minuten Fahrt bis dorthin. Und neben uns gibt es ein sehr entwickeltes Industriegebiet, sehr bequem. Wir haben kein Auto, aber von der Flexibilität her ist es nicht so schlimm – es gibt einen Bus zur Siedlung und viele Tramp-Möglichkeiten.

    Im Inneren von Orlis Karavan
  • Die Gemeindeverwaltung kümmert sich um die Belangen der Einwohner – Einkaufsladen, Synagogen, Kindergärten, Schulen, Spielplätze, Mikwe (rituelles Tauchbad, z.E.), andererseits lässt sie aber auch genug Platz für ein Gefühl von familiärer und intimer Atmosphäre.

‚Was sind für dich die Hauptunterschiede zwischen dem Leben in einer Großstadt und einer Siedlung?‘

Der zentrale Unterschied, meiner Meinung nach, zwischen den beiden ist die Lebensqualität: Hier gibt Ruhe und Aussicht den ganzen Tag lang, was in einer Stadt selten zu finden ist, und es gibt eine große Solidarität unter den Bewohnern; auch das findet man eher seltener in einer Stadt.

Am liebsten mag ich es, die Jalousien am Morgen hochzuheben und auf die Berge zu schauen, die sich mir direkt vor den Füßen ausbreiten, und kaum zu glauben, dass das hier mein Heim ist. Das Gefühl ist, als würde ich im Urlaub wohnen.

‚Hast du irgendwelche Bedenken gegen das Wohnen hier? Was die Sicherheitssituation anbetrifft, zum Beispiel?‘

Was Sicherheit angeht, so muss man wachsam und vorsichtig sein, aber es gibt Überwachung in der Siedlung selbst und wir fühlen uns nicht permanent in Angst versetzt.

‚Wie empfindest du die Gesellschaft, in der du lebst? Erzähl mir ein wenig über sie.‘

Die Gemeinschaft hier, wie gesagt, ist sehr solidarisch. Fast alle Einwohner kennen einander. Es gibt viele gemeinsame Aktivitäten  – Tora-Unterricht, Hobby-Gruppen und anderes mehr. Man hilft viel untereinander. Die Siedlung selbst ist sehr heterogen vom religiösen Aspekt her. Es gibt hier ein breites Spektrum an religiösem Lebenswandel. Es gibt nicht das Gefühl, dass die Gemeinschaft irgendwie erdrückend auf dich wirkt oder in deine Privatsphäre eindringt.

‚Gibt es irgendwelchen Kontakt zwischen euch und den Arabern, die in der Umgebung wohnen?‘

Soweit ich weiß, gibt es keinen. Manchmal kommen hierher arabische Arbeiter, die auf dem Bau tätig sind. Aber das wird nur unter Überwachung getan.

‚Würdest du es empfehlen, in einer Siedlung zu wohnen?‘

Auf jeden Fall. Außer des Gebotes, das Land Israel zu besiedeln, gibt es hier wirkliche Lebensqualität. Die Wohnungspreise sind erschwinglich und es gibt warmherzige Menschen, die einen umarmen. Aber meines Erachtens gibt es viele Orte, an denen es wichtig ist, zu wohnen, und jeder soll sich seine Aufgabe suchen.

‚Siehst du eine Zukunft für die jüdische Siedlerbewegung in Judäa und Samaria?‘

Definitiv. Trotz aller Androhungen, den Bau einzufrieren und trotz der Abrisse floriert die eigentliche Siedlungsaktivität, und mehr und mehr Dörfer weiten sich aus; auch in Michmash baut man. Immer mehr Attraktionen und Services werden für die Bewohner hier eröffnet, und die Infrastruktur entwickelt sich weiter. Gott sei Dank ist die Besiedlung ein Fakt, den man nicht ignorieren kann, und so Gott will, wird sie immer weiter wachsen. Hauptsache, dass wir uns daran erinnern, dass dies das Land unserer Vorfahren ist, wir haben es niemandem weggenommen, und es gehört uns nicht weniger als Tel Aviv, Nahariya oder Dimona.

©2015 Chaya Tal. Ohne ausdrückliche Genehmigung darf keins der Bilder oder Ausschnitte aus dem Interview in welchem Format auch immer veröffentlicht werden,

 

Per Anhalter ans Ziel

Spätestens seit der tragischen Entführung und dem Mord an den drei israelischen Jungs, Gil-Ad, Eyal und Naftali, wissen auch die Durchschnittsdeutschen, die Nachrichten sehe und Zeitungen lesen, dass wir Siedler die meiste Zeit per Anhalter reisen. „Trampen“ nennt man das.

So reisen wir zu tausenden tagtäglich n jede mögliche und unmögliche Richtung; ob mit Bekannte, Nachbarn, anderen Bewohnern aus der Umgebung, und das Natürlichste von allem für uns:
Mit den für uns am Straßenrand anhaltenden Fahrern und Fahrerinnen.
Denen strecken wir den Arm entgegen, und wer von ihnen sich entschließt, für uns „tramp“-Bedürftige anzuhalten, öffnet schon im Bremsgang das Fenster und sagt sein Fahrtziel. Dann steigen entweder die Interessierten ein oder man winkt freundlich ab – das zum Beispiel, wenn man unbedingt nach Jerusalem fahren möchte, aber alle Fahrer nur nach Efrat abbiegen.

Hauptsache, freundlich bleiben, und in jedem Fall ‚Danke‘ sagen!

Und auf die Nummernschilder und die Insassen achten – gelbe Schilder mit schwarzen Nummern und den Länderzeichen IL! Und nur diejenigen Fahrer, die nicht arabisch aussehen!

…Was heißt arabisches Aussehen? Gibt es das, vor allem in unserem von orientalischen und mediterranen Juden von Marokko bis Indien geprägtem Land?…
Lange Story, das kann man nicht einfach so erklären. Das kommt mit der Zeit, mit der Gewohnheit, mit dem Gefühl, und einer Prise Gottvertrauen, an der darf es auch nicht fehlen.
Abends, morgens, nachmittags – ist das auch unterschiedlich, es kommt auf die Situation an….wie gesagt, viele Faktoren, lange Story, das Leben ist bei uns nicht weniger kompliziert als sonstwo. Nur hat es Regeln, die nicht viele verstehen oder verstehen wollen.


Ich erzähle euch eine kurze Episode aus dem Anhalter-Leben von – heute:
Ich musste unbedingt für das Shabbat-Wochenende nach Tel Aviv, zu meiner Freundin. Mir war klar, dass ich es nicht pünktlich zum regulären Bus nach Tel Aviv aus Jerusalem, meiner einzigen großen Verbindungsstadt von hier aus, schaffen würde.
Ein „Tramp“ (Anhalter) muss her.
Es braucht einen deftigen Mix aus Hoffnung und Verzweiflung, um daran zu glauben, anderthalb Stunden vor Shabbat-Beginn noch einen Anhalter ans andere Ende des Landes zu finden.
Aber das Gute ist, dass es auch meistens klappt.
So auch jetzt, nach kurzer Wartezeit an der „Trampiada“, der Wartezone, wo man generell die Fahrer abzufangen hat, kam ein Eheaar angefahren aus Efrat, die in eine ähnliche Richtung fahren sollten. ‚So kommst du wenigstens voran‘, meinten sie zu mir, und nahmen mich samt Koffer mit.
Und was weiter? Für einen Beobachter von der Seite war es schon sehr bemerkenswert:
Der Ehemann sprach erst einmal ein Gebet für einen sicheren Fahrweg. Sie waren nämlich beide religiös, wie die Meisten in unserer Gegend.

Unterwegs erledigten die beiden sämtliche Anrufe zu Familienmitgliedern, besprachen Themen von Beerdigung bis Kindergeburt, planten irgendein Seminar für Jugendliche, besprachen den besten Weg zum Fahrtziel, und zwischen alledem bemühten sie sich darum, für mich einen passenden Anhalteort zu finden, von welchem ich am Besten zu meiner Zieladresse gelangen könnte!

Und das über Telefone zu Familienmitgliedern und Google.

Bei einem Anruf erklärte der Mann seiner Tochter am Telefon, er würde ihr jetzt den traditionellen Segen für Kinder von den Eltern sprechen, und machte das auch, und auch für ihren Mann. Alles am Telefon:
„Soll der Allmächtige dich so werden lassen wie unsere Mütter Sarah, Rivka, Rachel und Leah…“

…Schließlich erreichte ich das Landeszentrum, dankte ihnen sehr, und fand auch sogleich mein Taxi, und gelangte sicher am Zielort.
Aber solche Menschen, die von sich aus den eigenen guten Willen dafür einsetzen, dir zu helfen, und das so selbstverständlich, dass das nicht einmal hinterfragt wird….Solche Menschen wärmen das Herz und füllen es mir mit Liebe und Hoffnung.

Gut, unter solchen Menschen zu leben.

Shabat shalom!

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Zur Illustration: Trampisten an der Gusch-Kreuzung.

Themen-Updates

Liebe Besucher,

um die Erwartungen an diesen Blog ein wenig zu fokussieren und zu beleben, und zugunsten einer besseren Übersicht, wurden einige Updates auf den vorhandenen Menüseiten durchgeführt. Ab jetzt findet ihr bei jeder Seite eine kurze Übersicht, was es dort in baldiger Zukunft zu lesen gibt -sobald ich mich hinsetzen und daran arbeiten werde 😉
Ideen, Vorschläge, Kommentare, Wünsche sind sehr willkommen. Bitte um rege Beteiligung. Nur so kann ich euren Erwartungen auch gerecht werden.

Derweil sonnige Grüße, wir haben 16 Grad Celsius und gleich geht’s ans Sägen…

Admin
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Eröffnung

Shalom, Hiermit sei der Blog eröffnet!
Connection
Auf die Plätze, fertig, los…!

Die ersten Texte sind online,

die ersten Bilder auch,

erste Eindrücke kann man sich schon bilden,

und der Rest wird nicht lange auf sich warten lassen.

„Die Siedlerin“ ist ein persönlicher Blog über das Leben einer jungen Jüdin in den „Siedlungen“, jüdischen Städten und Dörfern in Judäa und Samaria. Alltag, Erlebnisse, Geschichte, aber auch Aktualia und Politik haben Platz in diesem Blog; und Ziel ist es, miteinander zu sprechen, zu diskutieren, mehr zu erfahren.

„Die Siedlerin“ ist, so ergab eine Nachprüfung, der einzige Blog dieser Art, der eine authentische, live „vom Feld“ (bzw.Hügel) sprechende Stimme wiedergibt, in deutscher Sprache, aber mit israelisch-jüdischem Insight in die Materie, und . Es möge ein Gegengewicht darstellen zur Massen-Dämonisierung und Presse-Vermarktung der sogenannten „Siedler“, der jüdischen Bewohner von Judäa&Samaria/dem Westjordanland.

Ich freue mich auf einen lebendigen Diskurs, auf Augen und Köpfe, die sich gegebenenfalls für dieses Thema öffnen werden und hoffe, bei dieser Mission nicht zu verzweifeln, zu ermüden oder mich um Kopf und Kragen zu reden. 🙂

Auf ein Neues!

Chaya

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