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Chaya, das Friedenshindernis

Über das TACHELES-Projekt der ARD habt ihr, verehrte Leser, schon von mir gehört, nicht wahr? Nein? Ihr hört den Namen zum ersten Mal? Dann könnt ihr das ganz schnell nachholen, und zwar hier: Die ARD und ich !

In dieser Woche vom 18.-25.Mai ist das Video von mir Gesprächsgegenstand der restlichen 7 Protagonisten des Projektes: Sherry & Ori aus Teheran/München, Niklas aus München, Samuel aus Frankfurt/Jerusalem, Liad aus Tel Aviv, Gad aus Tel Aviv/Berlin, Joujou aus Deutschland/Jafo, Chris aus Jerusalem/Ramallah. 

Hier auf Youtube:

Hier auf der Seite des Projekts: http://web.br.de/tacheles/

Das Video komprimiert in seinen 4 Minuten die zwei Filmtage, welche ich mit den netten Journalisten vom Bayerischen-Rundfunk-Büro hier bei mir im Karavan und in der Umgebung verbrachte: Filmaufnahmen im „Begegnungszentrum“ Supermarkt, am Zaun und vor dem Einfahrtstor in die Siedlung, im Karavan, mit der Einkaufstasche in den Hügeln.

Vielleicht fragt sich der eine oder andere, wie zum Kuckuck ist denn die ARD über mich gestolpert?

Torsten Teichmann hat vor Kurzem eine Antwort genau dazu bei Twitter veröffentlicht, im O-Ton:

twitterard

Ich nehme an, die folgenden Beiträge waren an meiner Teilnahme „schuld“: Jüdische Siedler in Jerusalemer Altstadt ODER AUCH Der Feind in meinem Bus

Wie war denn die Zielsetzung des Videos?, würde man mich fragen. Vermittlung von knappen Ideen und Weltvorstellungen, würde ich antworten; kurze Reflexion über das eigene Leben, ohne in Details zu gehen und in Erklärungsnot zu verfallen. So viel Eindeutigkeit und Prägnanz wie möglich. Keine Pro-Israel-Kongressrede halten und auch keine philosophischen Diskussionen über den Landanspruch der betroffenen Parteien.

Und natürlich muss Provokation mit dabei sein. Den reißerischen Titel des Videos und den Hauptsatz des Kurzfilms habe ich meinem Zitat aus einer Ansprache von Professor Moshe Zimmermann zu verdanken; dieser trat vor einigen Monaten auf einer Konferenz zu den deutsch-israelischen Beziehungen in Jerusalem auf, zusammen mit dem Schriftsteller Tuvia Tenenbom. und hatte den Grund für Krieg im Nahen Osten schnell parat: die jüdischen Siedler von Judäa und Samaria.

Nun bin ich schon seit einigen Jahren im Bilde über die ideologischen Neigungen Professor Zimmermanns (hier gibt es eine Rezension eines seiner Bücher), aber dieser Satz hatte mich einfach ‚umgehauen‘, wenn man so will, und weil er so außerordentlich peinlich und niveaulos für einen angeblich hochgebildeten Geschichtsprofessor der Hebräischen Universität klang, kam ich nicht umher und habe ihn zitiert.

Ich empfehle sehr, sich das Video anzuschauen und auch die Videokommentare der anderen Beitragenden sich unbedingt anzuhören. Ich kann zu den anderen Beiträgen leider nichts sagen, aber ich verspreche euch, sie lassen einen nachdenken.

🙂

 

 

Die ARD und ich

Die neue Woche hat begonnen –  und mit ihr die Veröffentlichung einiger Projekte, an welchen ich in den letzten Wochen mitgearbeitet oder gar eine der Hauptfiguren gespielt habe. 

ardscreenDas Projekt „Tacheles“ ist ein neues und geistreiches Projekt des ARD, produziert vom Hörfunkstudio der ARD in Tel Aviv und dem PULS-Programm des Bayerischen Rundfunks, ins Leben gerufen zum 50.Jubiläum der deutsch-israelischen Beziehungen. Das Projekt soll einen gründlichen Blick auf die neue Generation von Deutschen, Juden und Israelis werfen und primär ihre Perspektive auf die Dinge darstellen. Das Besondere daran – Protagonisten aller möglichen Hintergründe geben ihren „Senf“ zu den deutsch-israelischen Beziehungen, stellen ihre Lebensstile vor und lassen diese von den jeweils anderen kommentieren – alles aus Video. Es gibt jeweils Vorstellungsvideos und Kommentar-Möglichkeiten. Ein visuelles Brainstorming also, und weitaus authentischer als ein gut recherchierter Forschungsartikel über die letzten 50 Jahre zwischen Israelis und Deutschen es je sein könnte.

Meine Wenigkeit wurde über den Blog von Herrn Teichmann vom ARD-Studio angeschrieben, und als ich dem Vorschlag, beim Projekt mitzumachen, zusagte, erschien bei mir den Monat darauf auch ein nettes Filmteam, und zusammen sind wir über die Hügel, Straßen und Katzen des „Westjordanlandes“/Judäa mit der Kamera und dem Mikrofon gelaufen, und ich wurde mit allerhand Fragen konfrontiert. Das Leitmotiv der Clips, welche mit mir gedreht wurden, war „Zuhause“  -und natürlich auch die Politik.

Ein weiteres Projekt aus fast derselben Feder, nämlich als Initiative der PULS-Redaktion des Bayerischen Rundfunks, ist ein ca.10-minütiger Film über „Zwei Juden, zwei Welten“ – nämlich den Israeli Gad aus Tel Aviv, wohnhaft in Berlin, und mich, die „deutsche Jüdin aus dem Westjordanland“.  Eine Reportage von ca.10 Minuten, in welcher beide Lebenswelten gegenüber gestellt werden und einige recht prägnante Dinge ausdrücklich gesagt werden.

TALKING TACHELES – Projekt dauert bis Mitte Juni:

PULS-Programm  – „Zwei Juden, zwei Welten“:

 

Viel Effort und Kreativität wurden in die Projekte investiert, mit einer guten Portion an Respekt für Meinungs- und Ideenfreiheit. Da kann ich nur sagen – good job, ARD!

 

Klänge aus Indien

Sanfte Gitarrenklänge und leise Stimmen dringen durch die unfesten Holz- und Gipswände des Wohncontainers. Ein Blick nach draußen – und ich weiß, es sind meine Nachbarn, das Ehepaar Gadi und Ateret aus Indien, die ein Barbecue mit Familie direkt vor ihrer Haustür, auf den Kieselsteinen, veranstalten. Die Töne klingen fern, weich und verführerisch. Es sind nicht die gewohnten traditionellen Melodien, die hier jeder kennt und summt, und auch die Sprache klingt anders.

Besondere Atmosphäre. Beim Grill der Familie von Gadi und Ateret im Karavanenviertel.
Besondere Atmosphäre. Beim Grill der Familie von Gadi und Ateret im Karavanenviertel.

Ich öffne die Tür, und Gadi winkt mir einladend zu und zeigt, dass ich mich zu ihnen setzen soll, auf einen umgedrehten Blumentopf, hin zum provisorischen Grill, um welchen herum auch der Rest der Familie versammelt ist. Ein alter Mann sitzt auf einem Holzkasten, eine alte Frau auf einem Plastikstuhl, kleine Kinder, die kichernd um sie herumrennen, junge Frauen und Männer. Das Feuer knistert, und während ich mich schüchtern danebensetze, fängt der Sänger mit der Gitarre ein neues Lied an. Die Umsitzenden klatschen im Takt. Sie kennen die Worte des Liedes. „Welche Sprache ist es?“, frage ich flüsternd eine junge Frau, die neben mir sitzt. Sie stellt sich als Yiska vor. „Kuki, unsere Sprache“, antwortet sie und lächelt mich verschämt an.  Ich lasse mich in ein Gespräch mit ihr verwickeln und frage sie nach ihrer Herkunft. „Wir stammen alle aus Manipur, Indien. Wir sind Verwandte von Gadi und Ateret, und leben in Kiryat Arba, Hebron. Ich bin eine Neueinwandererin“, entschuldigt sich Yiska in einem leicht akzentbeladenen, aber dennoch recht guten Hebräisch, „ich bin erst zwei Jahre hier.“ Wo sie arbeite, frage ich sie. „In einem Kinderhort.“ Auch ihre Freundin, Elischewa, die kaum Hebräisch versteht, hat sie aus der Siedlungsstadt Kiryat Arba bei Hebron mitgebracht.

Wo Manipur liege, frage ich sie. „Im Norden Indiens“, antwortet Yiska, und Gadi korrigiert sie, während er die Hühnerflügel auf den Grill nachlegt: „Im Nordosten.“ Sie singen weiter, und die alte Frau, die sich als Oberhaupt der Familie offenbart, zusammen mit ihrem Mann, liest die Liedtexte aus einem Liederbuch mit, in das ich einen Blick werfe. Die Texte stehen dort in der besagten Sprache, „Kuki“, aber auf lateinischer Umschrift. Das Buch scheint von einer jüdischen Organisation herausgegeben worden zu sein und ist wohl ziemlich alt.

Die ganze Familie – Großeltern, Kinder, Enkelkinder, Neffen, Nichten und Cousins sind braungebrannt, und sind für mein ungeübtes Auge eher Mongolen oder Tibetern ähnlicher denn Indern, aber Indiens Regionen und Bevölkerungen sind zahlreich und kaum meßbar vielfältig.

Die indisch-jüdische Gemeinde, der Gadi und seine Verwandten angehören, ist in Israel als die „Bne Menasche“, die Söhne des antiken jüdischen Stamms Menasche, bekannt. Sie gehören den „verlorenen Stämmen“ des israelitischen Königreichs an, welches um 722 v.d.Zeitrechnung aufgrund innerer Streitigkeiten zerfiel und zudem von den Assyrern überfallen und zerstörten worden war. Die Bewohner des Königreichs, angehörige verschiedener jüdischer Stämme, wurden ins assyrische Imperium  vertrieben. Als das assyrische Imperium um 460 v.d.Z. herum dem griechischen wich, flüchteten die Menasche-Nachkommen über Assyrien, Babylonien und Persien Richtung des heutigen Afganistan, Indien und China. Nach dieser Vertreibung kehrten sie nicht mehr in das Land Israel zurück und den Kontakt zur übrigen jüdischen Gemeinschaft ging verloren. Um das dritte Jahrhundert d.n. Zeitrechnung herum, als der Stamm geistiger und physischer Unterdrückung seitens des chinesischen Kaisers ausgesetzt worden war, flohen diese in Richtung der Himalaya-Berge und setzten sich dort fest. Ein lebendiger Bezug zu den jüdischen Gemeinden der Welt ging den Bne Menasche verloren, ebenso offenbar das „Heilige/Goldene Buch“ selbst (wie sie es in der Tradition bezeichnen). Wohl blieben aber einige Bräuche und der Glaube an den Einen Gott.

Bis zum 19.Jahrhundert wanderte die kleine Stammesgemeinde in den Regionen von Himalaya, Tibet, Burma/Myanmar, Thailand umher, bis sie sich in den Gebieten von Manipur, Assam und Mizoram, welche heute zum nordöstlichen Teil Indiens an der Grenze zu Myanmar (Burma) zählen, festsetzten. Im 19. Jahrhundert gelangten christliche Missionäre aus Großbritannien im Zuge der Kolonialisierung Indiens nach Manipur und Mizoram, entdeckten zu ihrem Erstaunen die kleine Gemeinde, die inmitten der polytheistischen Umgebung an eine körperlose Gottheit glaubte und Traditionen pflegte, die den biblischen nicht fern waren – Erdbegräbnis, Priesteropfer, Ruhetag, Pessach-Opfer – und begannen, diese in Eifer dem Christentum anzunähern. Nach Berichten sollen sie unter anderem traditionelle Artefakte wie die spezielle Priesterkleidung, welche die Bne Menasche nach dem Vorbild der Tora besaßen, verbrannt haben. In ihrer mündlich überlieferten Tradition der Sehnsucht nach der Rückkehr in das Heilige Land als die Nachkommen des Stammes, nahmen viele das Christentum zu Herzen, in der Hoffnung, diese würde sie dem Wunsch näher bringen. Dennoch blieben ihnen stark an das Judentum erinnernde Bräuche erhalten.

Nach der Entstehung des jüdischen Staates versuchten Vertreter des Stammes wiederholt, Kontakt zu der israelischen Regierung aufzunehmen, so in einem Brief an Premierministerin Golda Meir in 1974. In den letzten Jahrzehnten gelangten Vertreter jüdischer Organisationen nach Manipur, Assam und Mizoram, um den „verlorenen Stamm“ aufzuspüren  und seine Jüdischkeit wiederherzustellen. Auch Israels langzeitiger Oberrabbiner Shlomo Amar erkannte sie als jüdische Nachkommen an, und nach einer provisorischen Konversion durfte die erste  Gruppe in 2006 nach dem Rückkehrrecht nach Israel einwandern, ihr folgten weitere. Ihr asiatisches Aussehen war für die mehrheitlich orientalisch oder europäisch geprägten Bewohner Israels nicht minder unerwartet und ihre schiere Existenz nicht weniger überraschend als die der äthiopischen Juden.

Heute leben auf der Welt mehr als 7200 Angehörige der Bne Menasche, davon zwischen 1700 und 2000 in Israel (Stand: 2013) In Israel gehören sie zumeist der national-religiösen Strömung an, und wohnen in Siedlungen wie Kiryat Arba, oder in Samaria, aber auch in anderen Landesteilen Israels.

(Quellen: Artikel aus YNET, Abhandlung von Rabbiner Eliyahu Birnboim, Herzog Institut Alon Shevut , Shavei Israel Organisation)

 

 

Siedler über sich – 2. Asher

Wer sind wir, die Siedler, und was wollen wir? Warum leben wir dort, wo wir leben?

Lest und hört, was Israelis aus jüdischen Siedlungen in Judäa und Samaria euch aus erster Hand zu erzählen haben. Trefft junge Frauen wie Orli, Daniel und seine Freunde, den ehemaligen Vizevorstand von Judäa und Samaria Yigal Dilmoni, einen Kibbutznik aus Migdal Oz, Asher – den Sohn amerikanisch-russischer Einwanderer; den “starken Mann” Yossi aus den Bergen, die “Frauen in Grün” – und viele mehr.


Der nächste in unserer Interview-Reihe ist Asher. Asher ist ein junger Mann, der schon die Schule fertig hat und nun in einem Vorbereitungsinternat auf seine Rekrutierung in

Häuserpanorama, Neve Daniel
Häuserpanorama, Neve Daniel
nevedaniel (2)
Neve Daniel im Abendlicht

die israelische Armee wartet. Asher hat eine für junge Israelis der heutigen Generation typische Familiengeschichte: Seine Eltern sind Einwanderer, die Mutter aus den USA, der Vater aus Weißrussland. Seine Mutter kommt aus einer religiösen Familie, sein Vater hat die jüdische Tradition erst als junger Erwachsener entdeckt. Beide haben sie unabhängig voneinander beschlossen, nach Israel einzuwandern und hier ein neues jüdisches Leben anzufangen. Nach einem ersten Aufenthalt in Jerusalem beschlossen sie, die Besiedlung von Judäa und Samaria in die eigenen Hände zu nehmen und Teil dieser Gesellschaft zu werden. Sie zogen mit dem kleinen Asher und seiner älteren Schwester in die Gegend von Gush Etzion und dort wurden weitere 4 Geschwister geboren. So sind eigentlich alle Geschwister des 19-Jährigen richtige „Siedlerkinder“.

Nevedaniel
Neve Daniel auf der Karte

Asher und seine Familie leben schon viele Jahre in der Siedlung Neve Daniel, die für ihren gehobenen Lebensstandart bekannt ist. Der Vater ein erfolgreicher Ingenieur und die Mutter in Philantropie und der Organisation von Studentenausflügen tätig.

Hier könnt ihr etwas mehr von Asher selbst erfahren:

Morgenkaffee

"Türkischer Kaffee" laut ELIT
„Türkischer Kaffee“ laut ELIT

Guten Morgen allerseits!

Wollte den Tag der neuen Woche* nicht ohne Beitrag starten, mir die herrliche Sonne nicht entgehen lassen , und euch in das kleine israelische Morgenritual einweihen – den Morgenkaffee, „türkischer Kaffee“ genannt, aus meiner eigenen Küche, plus ein kleiner Rundgang in der Nachbarschaft.

Videobloggen war noch nie meine Spezialität und auch keine Absicht, aber was wäre ein Einblick ins Alltagsleben ohne lebendige Momentaufnahmen, also bitte ich, nicht gleich den ersten Videobeitrag zu verreissen 😉 (ich weiß, die Sonne blendet, es gibt Windgeräusche), sondern sich mal die Atmosphäre anzuschauen, die Gegend, ein wenig die Begriffe merken, mit denen ich um mich werfe, und Fortsetzung folgt bald.

Szene: Alon Shvut, Karavanenviertel, mit der Sicht auf die Gush-Kreuzung und Efrat. Unterhaltung mit Nachbarin.

Kurze Insiderinfo zu Alon Shvut: Hier (Englisch)

Neuer Begriff? Karavan = Wohncontainer, mehrheitlich aus Gips, Holzplanen und Blech hergestellter Wohnraum auf Metall-oder Steinstelzen, transportabel, leicht umbaubar.

* – in Israel, entsprechend der jüdischen Tradition, fängt die Woche am Sonntag an.