Aktuelles || Neues Hobby

Shalom, Freunde,

wünsche euch von Herzen eine gute Woche. Die Welt brodelt wie immer und vielleicht in den letzten Tagen ein wenig mehr, und vor allem die Kontinente Europa und Afrika. Europa? Es wird wohl keinen Menschen geben, der davon nicht gehört hat – der „11.September Frankreichs“ ist angebrochen, und dank der Erschütterung, welche die Attentate auf die Journalisten und auf die Juden in der westlichen Welt hervorgerufen haben, hatte die Presse auch viel darüber zu berichten. Über 3.7 Millionen gingen infolge der Terrorwelle auf die Straßen Frankreichs. Die westliche Welt liebt das Phänomen der Demos. Demonstrationen und Massenaufmärsche, insbesondere wenn sie mit dem Titel „Menschenaufgebot des Jahres/der Jahrhunderts/der Geschichte“ versehen werden, werden so zum allmächtigen Heilmittel gegen alle ideologischen Epidemien erklärt, welche Europa und Amerika in den letzten Jahrzehnten plagen.

So also gab es auch nach den Terroropfern von Paris die Riesendemo, auf welcher auch und vor allem Staatsfunktionäre, solche, die sich ja auch sonst sehr gut verstehen  – die Vorstände der EU, Benjamin Netanyahu, PA-Chef Mahmud Abbas – nicht fehlen durften.

Und warum sage ich Afrika?

Kaum einer hat’s gemerkt, denn vor lauter Erschütterung in Europa ist das neueste Massaker der islamischen Terrorbewegung Boko Haram in Nigeria an über 2000 Menschen – Frauen, Kindern, Alten – stumm an uns vorbeigegangen. Das heißt, es wurde darüber berichtet – z.B. hier. Aber erschüttert hat es die Öffentlichkeit offenbar nicht besonders. Nigeria ist zu weit, um politischen Nachhall zu verursachen. Auch wenn die Opferzahl bei weitem jeden 11.September, den der USA und den von Frankreich, schon seit Langem überschattet…..


Das als kurzes Statement zum Weltgeschehen.

Meinerseits habe ich dank dem Schnee eine kleine Blogpause eingelegt, und bereite mich auf die Interviewphase vor, damit ich euch außer der eigenen Reflektionen auch mit den Ansichten und Aussagen anderer konfrontieren kann, um euch ein breiteres Bild der „Siedler“-Gesellschaft bieten zu können.

Derweilen habe ich mir zwischen Schnee-Sperre, Arbeitssuche und Unterrichtsausfall (was ich lerne, kann man hier lesen) eine neue Beschäftigung gefunden: Wohnungen von Freunden renovieren. Bisher ist die Friedberg-Familie (Zwi und Leah) aus Neve Daniel, dem benachbarten Städchen neben Alon Shvut, mein einziger „Kunde“, und für die habe ich begonnen, das Zimmer einer ihrer Töchter zu renovieren. Das bedeutet im Großen und Ganzen, die Wand abzuschrubben, Spachtel anzubringen (was in Hebräisch übrigens ebenso ’spachtel‘ genannt wird), mit Silikon die Tür- und Fensterrahmen zu isolieren und die Farbe aufzutragen. Erfahrung im Métier dürfte ich spätestens seit der Streichung meines Karavans haben, den ich auch teilweise selbst in Stand gebracht habe.

Spaß macht es, muss ich sagen. Renovier- und Bauarbeiten sind, wie ich schon einem meiner vorherigen Beiträge (⇒hier) ausgelegt habe, sehr beliebt in Siedlungen; und obschon die meisten Häuser von arabischen Arbeitern aus der Gegend errichtet worden sind, ist dennoch rege Bautätigkeit unter den Juden in den Siedlungen zu verzeichnen. Jugendliche verdienen sich so ihr Taschengeld oder verbringen damit geschwänzte Schulstunden; Karavanviertel werden durch Eigeninitiative erweitert, und Grund zum Bau gibt es immer genug: Mal beantragt die Regierung den Bau von Wohneinheiten (und handelt sich damit die berühmten UNO-Resolutionen ein), oder sie verhängt Baustopp – dann erst recht.

Als „Dank“ für meine Mühe bat ich Zwi und Leah, mich weiteren Bekannten zu empfehlen. Das Geschäft – so wie jedes Geschäft in diesem Erdteil  – lebt vom Hörensagen, und wenn sich das rumspricht, kann ich noch ein bisschen mehr in der Branche aktiv werden, und sammle auch wertvolle Erfahrungen in einem Gebiet, zu dem man als Großstadtbewohner eher keinen Zugang hat.

Eins der weniger bekannten, aber gewaltigen Vorteile der Abgeschiedenheit des Siedlungslebens: Man sammelt außergewöhnliche Erfahrungen. Tag für Tag.

Gruß aus Neve Daniel! Der Schnee ist uns vorerst geschmolzen.

Chaya

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Dorit* erzählt – Karavan Life 2

(*Der folgende Text entstand aus einem Gespräch. Der Name wurde aus Respekt vor Privatsphäre geändert.)

Dorit ist Ende Dreißig, trägt einen wallenden Rock, eine künstlerisch mit verzierten Tüchern hochgesteckte Kopfbedeckung und ein Hemd in Pastelltönen. Ihre Stimme ist sanft, aber energisch. In der Karavanensiedlung von Alon Shvut – Givat haChish, welche im November 1998 als Vorposten errichtet worden ist,  lebt sie fast seit dem Beginn ihrer Errichtung, und hat die gesamte Entwicklung dieser Gegend von einem unbewohnten felsigen Hügel zu dem, was es heute ist, mitgemacht: Ein Karavanen-Viertel mit mehr als 30 Familien und Singles, mit asphaltierter Straße, städtischer Wasser- und Stromversorgung, einem Kinderspielplatz, Synagoge und einer regen Bautätigkeit  – das allerdings nur privat.

„Die Karavane, die du hier siehst, standen zuvor in Alon Shvut selbst, als es das Viertel hier noch nicht gab“, erzählt sie, „das war vor etwa 14 Jahren, und als dort dann die Genehmigung für offiziellen Bau gegeben worden war, wurden die Karavane hierhin  gebracht. Die Ansiedlung hier gab es schon, die ersten Wohncontainer wurden von irgendwoher beschaffen und hierhergefahren, erst dann kamen die aus Alon Shvut. Vor 16 Jahren wurde das Karavanenviertel erschaffen. Wie? Ganz einfach, zuerst gab es nur an die 5 Wohncontainer, sie wurden entlang der Traktorspuren platziert, der hierher hochgefahren ist, um Platz zu räumen. So wurde die Lage von den Karavanen heute bestimmt, entlang einer Traktorspur.“

20141230_114045Im Laufe der Zeit wurden es dann mehr Familien, und mehr Container, aber bis zu einer geregelten Infrastruktur musste es noch dauern. „Nur ungefähr 3 Jahre nach dem Entstehen der Ansiedlung wurde uns eine asphaltierte Straße gegönnt. Es ist alles sehr träge und lahm, was Wohnentwicklung angeht“, beklagt Dorit. „Der Strom ist hier auf schlechtem Stand, es gab jahrelang immer wiederkehrende Stromausfälle, kaputte Kühlschränke, eine Zeit lang wurde uns nicht gestattet, Klimaanlagen einzubauen, da diese eine zu große Belastung für das schwache Stromnetz  bedeuten würden.“ Viele würden sich über die der Gegend typische starke Kälte beschweren, da das schwache Baumaterial der Wohncontainer nicht in der Lage ist, vor ihr zu isolieren.

„Als wir hierhin gekommen sind, war hier pure Natur, viele Farben. Jetzt, im Zuge der 10599672_10152796084386842_8581155936848669963_nErweiterungen, vergeht das ein wenig, schade“, meint Dorit. Sie  und ihr Mann Shmuel leben hier mit ihren 10 Kindern, sie arbeitet als Sportlehrerin in der Gegend, und ihr Mann ist Baumeister, auch in seiner Privatzeit, in der er schon mehrere Jahre lang an einem Steinhaus hier im Viertel arbeitet, welches den Karavan komplett ersetzen soll.

„Es sind hier einige Familien, die schon seit Beginn hier ansässig sind, wir gelten als Alteingesessene.“ Sollte aber die Genehmigung für die Stadterweiterung auf den Hügel bei der Verwaltung von Alon Shvut ankommen, wird ihr und den Nachbarn dieser Status nicht unbedingt weiterhelfen. „Wir lieben diesen Ort. Viele hier leben hier und können nirgendwo anders hin, und sie wollen es auch nicht. Es gibt hier einige Familien, aus Indien, oder Peru, sie sind fleißig, sie verlangen nicht viel, sie würden gerne einen festen FB_IMG_14195755710915377Wohnsitz hier bauen, aber sie haben kein Geld für ein ganzes Grundstück, oder ein Haus. Wir auch nicht. Die Verwaltung kann uns als Alteingesessene, die den Ort praktisch für sie „gehalten“ haben, nicht ignorieren, und wird uns als Erste einen Grundstückskauf vorschlagen; aber wenn wir nicht zahlen können, werden wir wahrscheinlich gezwungen werden, zu gehen.“

Es ist durchaus keine verschworene Gemeinschaft, wie es vielleicht ausschaut, zwischen den „Siedlern“ des Karavanenviertels und der lokalen Verwaltung. „Wirtschaftliche Interessen sind hier am Werk. Die Verwaltung hat durch uns eine Einnahme von tausenden von Shekeln. Wenn hier die Stadt offiziell weitergebaut wird, werden die Karavane und alle Bauten abgerissen; es wird sicherlich eine Art Luxusviertel entstehen, mit großen Gärten und Villen. Die Verwaltung hat kein allzu großes Interesse an den Wohncontainern, denn die Einnahmen bei einer städtischen Erweiterung werden viel höher ausfallen. Dabei sind wir doch nicht Araber, die sich hier ausbreiten und den Platz einnehmen wollen, wir sind ihre Brüder, wir sind Juden“, kommentiert Dorit mit Bitterkeit in der Stimme.Sie hat noch viel mehr Kritik für die offiziellen Stellen übrig, aber sie meint auch: „Es gibt hier auch solche, die mir nicht zustimmen werden, die sagen werden, ‚Dorit, beschwere dich nicht so viel, schau, was schon gemacht worden ist'“. Dennoch sagt sie: „Ich liebe diesen Ort.“

Von Unabhängigkeit und Einsamkeit

Ein bissel philosophisch heute. Wozu so ein Karavanleben anregen kann…


 

Der Preis der Unabhängigkeit ist zu einem großen Anteil gewiss die Einsamkeit.

Wir sehen es überall in der Gesellschaft aufsteigen, die metaphorischen Kosten steigen und werden gar nicht mehr so metaphorisch, sondern nah und greifbar, und es bleibt nicht dabei. Einsamkeit ist eins der am Deutlichsten hervortretenden Phänomene der sozialen Welt in den letzten hundert Jahren. Wir sehen es an der Einsamkeit, welche Partnerschaft, Ehe und Familie durchdringt, sobald deren Gefüge sich lockern und ihre Mitglieder den Weg der persönlichen Unabhängigkeit vom jeweils anderen gehen wollen. Wir sehen es an der Kultur der sozialen Netzwerke, welche genau das, was sie propagandieren – Unabhängigkeit, Individualisierung – durch ihren Massenvertrieb verhindern, und das bindende Netz für diejenigen darstellen, die sich ein soziales Gefüge ohne Virtualität nicht mehr vorstellen können. Ist jemand außerhalb dieses Gefüges, ist er aus der Abhängigkeit davon heraus, nicht aber weg von den Konsequenzen – seine Nonkonformität trennt ihn vom gesellschaftlichen Rhythmus.

Ich sehe es auch an der Einsamkeit meines Staates, Israel, der, seit der erlangten Unabhängigkeit und dem gesellschaftlichen Drang nach der Erhaltung der eigenen Kultur, Ideologie und Wertesystemes immer mehr in die Isolation gerät.

Und ungleich der zur Schau gestellten Individualisierung der westlichen Kultur, durch Kleidung, Musikrichtung oder sexuelle Neigung, welche von mutigem Alleingängertum längst in Markenverhalten mutiert ist – derjenige, der einen wirklich anderen fremden, unabhängigen und nicht konformen Lebensstil kultiviert, ist tatsächlich einsam.

Einsamkeit, sie habe ich zum ersten Mal in Israel kennengelernt. Seltsam, das Land, in welchem ich am Herzlichsten willkommen geheißen und tausend- wenn nicht zehntausendfach geholfen und gestützt worden bin, hat mich an die Höhepunkte dieses Gefühls kommen lassen. Und ich wage zu behaupten, dass es weniger am Land und seinen Leuten liegt, zumindest kann ich nicht sagen, dass sie sich es haben zu Schulden kommen lassen.

Nein, es ist der starke Kontrast zwischen einer familienorientierten, sehr zusammengewachsenen und miteinander verflochtenen Gesellschaft, die sich und ihre Kinder mit einer sozialen Schutzhülle gegen emotionale Aufpralle umgibt, und einem Menschen aus einer sehr auf das eigene Ich bezogenen Kultur. Die deutsche Kultur und Mentalität, so wie ich sie in mehr als einem Jahrzehnt am eigenen Fleisch kennenlernen durfte, setzt ihre sozialen Maßstabe nicht nach Werten der Zusammengehörigkeit, der Hilfsbereitschaft, und der Innigkeit der familiären und freundschaftlichen Bande. Etwas, was in Israel großgeschrieben wird. Und ist man selbst kein Teil davon, und hat kein eigenes großes Netzwerk aus Familie und Freunden, Kollegen, ehemaligen Armeekameraden, Jugendleitern und Schützlingen  – aus welchen Gründen auch immer – dann kriegt man seine Andersartigkeit zu spüren. Nicht, dass jemand etwa darauf schadenfreudig hinweist. Nein, aber du merkst mit einem Mal, wie viel Zeit deine Nachbarn und Bekannten mit ihrer Familie verbringen, wie viel Energie und Kreativität sie in ihre Freiwilligenarbeiten, ihre Hobby-Gruppen und Kinderfeste  stecken.

Insbesondere macht sich das bemerkbar,  wenn man in einer sehr stark davon geprägten Gemeinde lebt wie der der Israelis in den jüdischen Siedlungen. Das sind dann meistens immer junge Paare in ihren Zwanzigern, alle mindestens mit einem Kind versehen, ihre Jugend schon lange hinter sich, ihre Singlephase auch schon, wenn überhaupt gehabt. Ein Karavan mag auch noch so eng sein, aber wenn du allein in einem lebst, ist er dir nie voll zu kriegen, und die Einsamkeit gähnt dich aus jeder leeren Ecke an, und mault dir missgelaunt zu, dass das Abenteuer Siedler, und das Abenteuer Karavan nichts für Alleinstehende ist. Wieso gehst du nicht zurück in die Großstadt?, scheint sie gelangweilt und lustlos zu fragen. Es gibt zu viele Herausforderungen des Alltags, als dass der „Kick“ des Abenteuers es wert wäre, diese tagtäglich allein zu meistern, und noch und noch einen Tag zu überwinden.

Vielleicht ist es auch der Grund, weshalb in solchen kleinen „Exklaven“, weit weg vom pulsierenden und alles in sich integrierendem Stadtleben, auch Alleinstehende nicht gerne gesehen werden. Weil sie den sozialen Rhythmus des Ortes, das dicht geflochtene Netz, auflockern, zerbröseln könnten, ohne sich selbst wiederzufinden. Weil Alleinstehende generell ein anderes Leben führen als Familien. Weil Familien Systeme sind, die auf Abhängigkeit beruhen, und jemand, der alleine ist, meistens genau das vermeiden möchte. Auch solche Dörfer, solche eng miteinander verwobenen Gemeinschaften, basieren auf Abhängigkeit, auch wenn jedes Mitglied einer solchen „Wabe“ an und für sich ein selbstständiges Leben führt. Das ist auch etwas, was neben all den ideologischen, sicherheitstechnischen und anderen Bedenken die Juden in Israel und im Ausland zu einem Leben in Siedlungen hinzieht oder von einem abschreckt. Ein meines Erachtens nicht zu ignorierender Aspekt.

Über die Einsamkeit eines alleinstehenden Menschen in der Gesellschaft schrieb Rabbiner Joseph B.Soloveitchik in seinem Werk „Tradition. The Community“ (S.12-13):

Die Originalität und Kreativität des Menschen sind in der Erfahrung seiner Einsamkeit verwurzelt, und nicht in seiner sozialen Bewusstsein (…). Der soziale Mensch ist oberflächlich: er ahmt nach. Der einsame Mensch ist tiefgründig: er schafft, er ist einzigartig.Der einsame Mensch ist frei; der soziale hingegen ist gebunden an Regeln und Auflagen. Gott wollte den Menschen frei sein lassen. Ein Mensch muss hin und dort der Welt Paroli bieten können, das Alte und unnütz Werdende mit dem Neuen und Relevanten ersetzen. Nur ein einsamer Mensch ist fähig, das Zaumzeug, das ihn an die Gesellschaft bindet, abzuwerfen.

 

Der Schnee kommt!

In Israel ist das etwas, worauf das ganze Jahr gewartet wird, aber nichts mehr gefürchtet und weniger vorbereitet wird – weniger als alle Gasangriff-Warnungen und Raketeneinfälle zusammen: Der Schnee!

Schneefall, und zwar vor allem in der Bergregion und sogar in manchen Teilen der Wüste  – ist eine Nachricht, die Gesprächsstoff für alle Medien liefert, und insbesondere im Volk ständig beredet wird. Klar, Israel ist ja mehr oder weniger ein Wüstenland, und über den langen Frühling, Sommer und Herbst hinweg vergisst man schon die Regenfälle, die jährlich zu schon im Voraus bekannten Überschwemmungen führen. Wir stehen vor den Wahlen, jeden Tag hört man von Verhaftungen von IS-Verdächtigen, und alle Korruptionsaffären werden mit einem Mal in diesem Monat aufgedeckt. Wie könnte man da noch an Vorbereitungen für den Schneefall denken?

Momentan stehen die Prognosen für Schnee für die Nacht von Dienstag auf Mittwoch bis Donnerstagabend. Wo fällt der Schnee vor allem? In der Bergregion. Auf dem Hermon-Berg in den Golanhöhen ist der Schnee schon seit letzter Woche präsent, und demnächst rechnet man mit ihm in den Bergen von Binjamin, Jehuda und Hebron: Sprich, nach und nach im ganzen Gebiet von Judäa und Samaria, Jerusalem inklusive.

Hier, in den Siedlungen, ist der Schneefall am Schönsten, und am Problematischsten. So ein Schneefall, selbst wenn es erbärmliche 75 Millimeter auf den Straßen sind und ein paar Quellen vereist werden – was ist schon dabei, kann man sich in Europa denken? Hier wird es zu einer Herausforderung der kälteren und mieseren Art. Diejenigen von uns, die in J&S in festen Gebäuden und auch sonst wohlgeordnet leben, müssen die Stromausfälle fürchten. Schulen und Colleges rechnen mit Unterrichtsausfall, und warten auf die letzte Beurteilung der regionalen Vorstände und der Meteorologen. Bei tatsächlichem Schneefall werden Siedlungen von der Außenwelt abgeschnitten werden; eine Freude für Schlittenfahrer und für alle Schulfrei-Genießer, aber absolutes Chaos für Autofahrer, die schon im Voraus dazu angeleitet werden, ggf. nicht herauszufahren.

Alle Siedlungen haben interne Kommunikationswege – heute ist das meistens eine gemeinse E-mailgruppe, und Whatsapp-Gruppen, und dort sind schon seit einigen Tagen Anweisungen an die Einwohner verschickt worden.

Einige Beispiele: 

  • Die Regionalverwaltung wird bezüglich aller den Schnee betreffenden Angelegenheiten den Kontakt zu den Dorfverwaltungen und dem für Sicherheit Zuständigen halten.
  • Die Einwohner sind aufgefordert, in keinem Fall die Notrufzentrale bezüglich eines Schneeproblems zu kontaktieren, sondern nur im Falle eines eindeutigen Notfalls, wie Feuerbrand etc.
  • Die Verwaltung wird alles daran setzen, Einwohnern zu helfen, zu ihren Häusern zu gelangen, allerdings ohne ihre Fahrzeuge. Die Einwohner werden gebeten, sich der Fahrt im Auto zu enthalten. 
  • Bitte um Vorratsanreicherung von Brennmaterial wie Petroleum,  Benzin etc. für mindestens 2-3 Tage. 
  • Der lokale Supermarkt wird je nach Möglichkeit und Notwendigkeit geöffnet werden.

(Quelle: Rundmail Neve Daniel)


Da ich in meinem Karavan erst seit neuerdings lebe und noch keinen richtigen Winter hier miterlebt habe, haben mich fürsorgliche Nachbarn schon vorgewarnt und jede Menge wichtiger Tipps gegeben:

„Besorge dir eine Notfalllampe für die Stromausfälle, die kommen werden.“

„Decke die Stellen ab, die winddurchlässig sind. Lappen vor die Haustür, Fensterspalte abdecken.“

„Du wirst das Dach freiräumen müssen. Es ist schwach und kann zusammenbrechen vor Schneemassen.“

„Es wird sehr, sehr kalt. Zieh dich warm an.“

In den letzten Tagen habe ich Arbeiter beobachten können, die Äste von hohen Bäumen abschnitten, damit die Stromleitungen im Fall eines Sturms nicht beschädigt werden würden (letztes Jahr sind tausende von Haushalten in Jerusalem wegen eben dieses Problems ohne Strom geblieben).

Notfall-Generatoren, so erzählte mir ein Bekannter, Dvir, würden beispielsweise in seiner Siedlung Bet Haggai (im Süden Hebrons) dafür sorgen, dass die Einwohner noch immer Strom haben würden; dann aber dürfte keiner im Haushalt eine Waschmaschine anmachen, um das schon ausgelastete Netz nicht zu überfordern.

Menschen, die ohne Strom ihre Gesundheit gefährdet sehen könnten, müssen natürlich schon im Voraus Bescheid geben, damit sie auf den Notfall vorbereitet werden können.


Wie man sieht, die Selbstorganisation ist das beste Mittel gegen das alljährliche Schneechaos. Und dennoch wird es Pannen geben, und Menschen, die ohne Strom in der Kälte sitzenbleiben werden, und festgesteckte Autos in den Bergen, auf den vereisten Straßen und in den Tunneln, und die Armee samt Jeeps und Helikoptern wird sowohl mit den Juden, als auch mit den Arabern der Umgebung schwer beschäftigt sein müssen, sollte das mit dem Schnee länger andauern. Denn so wie man das kennt, ist die Palästinensische Autonomiebehörde nicht gerade für die Sorge um ihre Bürger bekannt…..

…Und die Kinder? Die warten natürlich wie jedes Jahr gespannt und voller Vorfreude auf den ersten Schnee…. 🙂

Hier Bilder vom letzten Jahr: © IK.

Hebron, Winter 2013-4
Gush Etzion, Winter 2013-14
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Hebron, Winter 2013-14

Gerd Buurmann über DieSiedlerin.net

In meiner noch sehr jungen Karriere als Bloggerin mit einem eindeutigen Profil in dieser großen, weiten, wilden Welt, habe ich schon wunderbarerweise die ersten Höhepunkte verzeichnen können.
Der unumstrittendste von ihnen war wohl diese geniale ‚Lobeshymne‘, verfasst von dem von mir sehr geschätzten Gerd Buurmann auf seinem Blog Tapfer im Nirgendwo, einem Künstler und Aktivisten der hohen Klasse aus meiner Heimatstadt Köln, der mit seinem Mut und seiner großen Klappe am richtigen Ort für wahr den Spruch aus dem Talmud erfüllt – ‚An einem Ort, wo es keine Menschlichkeit gibt, sei ein Mensch‘ (Sprüche d.Väter).
Eine große Ehre, Gerd – und eine große Verantwortung, die du mir noch einmal deutlich machst!

Hier sein Eintrag:

Tapfer im Nirgendwo

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Es gibt viele Deutsche, die kennen keinen Juden. Eine Meinung zu Juden haben dennoch die meisten von ihnen.

Es gibt noch mehr Deutsche, die kennen keinen einzigen jüdischen Siedler im Nahen Osten. Dennoch haben sie alle eine Meinung und sie ist vernichtend!

Ein jüdische Siedler ist für viele Deutsche der Innbegriff des Bösen. Dabei kennen sie keinen einzigen jüdischen Siedler. So wie einst viele Deutsche Juden hassten, ohne einen zu kennen, hassen sie heute jüdische Siedler, ohne einen zu kennen. Aus Antisemitismus in absentio wurde Antizionismus in absentio.

Tapfer im Nirgendwostellt daher eine jüdische Siedlerin im Nahen Osten vor. Ihr Name ist Chaya. Sie betreibt einen Blog unter dem Namen „Ich, die Siedlerin. Leben auf der Grenze zu etwas Anderem“

Wenn es nach der Mehrheit der Deutschen geht, ist sie das Problem, das Böse, weil sie wagt, wo zu leben, wo Juden angeblich nicht sein dürfen. Die Mehrheit der…

Ursprünglichen Post anzeigen 71 weitere Wörter

Per Anhalter ans Ziel

Spätestens seit der tragischen Entführung und dem Mord an den drei israelischen Jungs, Gil-Ad, Eyal und Naftali, wissen auch die Durchschnittsdeutschen, die Nachrichten sehe und Zeitungen lesen, dass wir Siedler die meiste Zeit per Anhalter reisen. „Trampen“ nennt man das.

So reisen wir zu tausenden tagtäglich n jede mögliche und unmögliche Richtung; ob mit Bekannte, Nachbarn, anderen Bewohnern aus der Umgebung, und das Natürlichste von allem für uns:
Mit den für uns am Straßenrand anhaltenden Fahrern und Fahrerinnen.
Denen strecken wir den Arm entgegen, und wer von ihnen sich entschließt, für uns „tramp“-Bedürftige anzuhalten, öffnet schon im Bremsgang das Fenster und sagt sein Fahrtziel. Dann steigen entweder die Interessierten ein oder man winkt freundlich ab – das zum Beispiel, wenn man unbedingt nach Jerusalem fahren möchte, aber alle Fahrer nur nach Efrat abbiegen.

Hauptsache, freundlich bleiben, und in jedem Fall ‚Danke‘ sagen!

Und auf die Nummernschilder und die Insassen achten – gelbe Schilder mit schwarzen Nummern und den Länderzeichen IL! Und nur diejenigen Fahrer, die nicht arabisch aussehen!

…Was heißt arabisches Aussehen? Gibt es das, vor allem in unserem von orientalischen und mediterranen Juden von Marokko bis Indien geprägtem Land?…
Lange Story, das kann man nicht einfach so erklären. Das kommt mit der Zeit, mit der Gewohnheit, mit dem Gefühl, und einer Prise Gottvertrauen, an der darf es auch nicht fehlen.
Abends, morgens, nachmittags – ist das auch unterschiedlich, es kommt auf die Situation an….wie gesagt, viele Faktoren, lange Story, das Leben ist bei uns nicht weniger kompliziert als sonstwo. Nur hat es Regeln, die nicht viele verstehen oder verstehen wollen.


Ich erzähle euch eine kurze Episode aus dem Anhalter-Leben von – heute:
Ich musste unbedingt für das Shabbat-Wochenende nach Tel Aviv, zu meiner Freundin. Mir war klar, dass ich es nicht pünktlich zum regulären Bus nach Tel Aviv aus Jerusalem, meiner einzigen großen Verbindungsstadt von hier aus, schaffen würde.
Ein „Tramp“ (Anhalter) muss her.
Es braucht einen deftigen Mix aus Hoffnung und Verzweiflung, um daran zu glauben, anderthalb Stunden vor Shabbat-Beginn noch einen Anhalter ans andere Ende des Landes zu finden.
Aber das Gute ist, dass es auch meistens klappt.
So auch jetzt, nach kurzer Wartezeit an der „Trampiada“, der Wartezone, wo man generell die Fahrer abzufangen hat, kam ein Eheaar angefahren aus Efrat, die in eine ähnliche Richtung fahren sollten. ‚So kommst du wenigstens voran‘, meinten sie zu mir, und nahmen mich samt Koffer mit.
Und was weiter? Für einen Beobachter von der Seite war es schon sehr bemerkenswert:
Der Ehemann sprach erst einmal ein Gebet für einen sicheren Fahrweg. Sie waren nämlich beide religiös, wie die Meisten in unserer Gegend.

Unterwegs erledigten die beiden sämtliche Anrufe zu Familienmitgliedern, besprachen Themen von Beerdigung bis Kindergeburt, planten irgendein Seminar für Jugendliche, besprachen den besten Weg zum Fahrtziel, und zwischen alledem bemühten sie sich darum, für mich einen passenden Anhalteort zu finden, von welchem ich am Besten zu meiner Zieladresse gelangen könnte!

Und das über Telefone zu Familienmitgliedern und Google.

Bei einem Anruf erklärte der Mann seiner Tochter am Telefon, er würde ihr jetzt den traditionellen Segen für Kinder von den Eltern sprechen, und machte das auch, und auch für ihren Mann. Alles am Telefon:
„Soll der Allmächtige dich so werden lassen wie unsere Mütter Sarah, Rivka, Rachel und Leah…“

…Schließlich erreichte ich das Landeszentrum, dankte ihnen sehr, und fand auch sogleich mein Taxi, und gelangte sicher am Zielort.
Aber solche Menschen, die von sich aus den eigenen guten Willen dafür einsetzen, dir zu helfen, und das so selbstverständlich, dass das nicht einmal hinterfragt wird….Solche Menschen wärmen das Herz und füllen es mir mit Liebe und Hoffnung.

Gut, unter solchen Menschen zu leben.

Shabat shalom!

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Zur Illustration: Trampisten an der Gusch-Kreuzung.

Themen-Updates

Liebe Besucher,

um die Erwartungen an diesen Blog ein wenig zu fokussieren und zu beleben, und zugunsten einer besseren Übersicht, wurden einige Updates auf den vorhandenen Menüseiten durchgeführt. Ab jetzt findet ihr bei jeder Seite eine kurze Übersicht, was es dort in baldiger Zukunft zu lesen gibt -sobald ich mich hinsetzen und daran arbeiten werde 😉
Ideen, Vorschläge, Kommentare, Wünsche sind sehr willkommen. Bitte um rege Beteiligung. Nur so kann ich euren Erwartungen auch gerecht werden.

Derweil sonnige Grüße, wir haben 16 Grad Celsius und gleich geht’s ans Sägen…

Admin
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Eine jüdische Stimme aus Judäa