Frau, Studium, Karriere

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Logo des Herzog-Instituts. Auf dem Logo – die „einsame Eiche“, ein Symbol von Gush Etzion. macam.ac.il

Zurzeit mache ich unter anderem eine Ausbildung am Herzog-Institut. Institute hier in Israel sind höher im Rang als in Deutschland die Fachhochschulen, und werden als „intimere“ Alternativen zu einem akademischen Studium im Universitätsrahmen gesehen. In Israel gibt es hunderte solcher Institute, kleinere Einrichtungen mit einer geringeren Anzahl von Studierenden, die spezialisiert sind auf bestimmte Themen. An den einen wird reguläres akademisches Studium angeboten, an anderen gibt es Ausbildungszertifikate für bestimmte Fächer. Teilweise sind die Bedingungen optimiert für bestimmte Gesellschaftsgruppen, welche an einer homogenen Umgebung interessiert sind. So gibt es Institute nur für Frauen und nur für Männer, welche gerne von religiösen Juden besucht werden; manche davon sind speziell für charedische (sprich: ultraorthodoxe) Ausrichtungen gedacht. Es gibt technische Institute, Institute für Erziehungswissenschaften, Fotografie und Film, Kunst, Rechtswissenschaften, alternative Medizin und vieles mehr.

Was mich immer fasziniert hat, und woran ich mich noch immer nicht gewöhnen kann (und um ehrlich zu sein – manchmal noch immer stoße), ist die außergewöhnliche Anzahl von religiösen Instituten für Frauen, welche einen B.A. und M.A. in Erziehungswissenschaften anbieten. Einige wenige von ihnen befinden sich in Judäa und Samaria – so die ‚Michlelet‘ (heb. für Institut) „Orot Israel“ in Elkana (Samaria) oder auch meins, Michlelet „Herzog“ in Alon Shvut (Judäa). Das Publikum an diesen Instituten kommt zu einem überwiegenden Teil aus den nationalreligiösen Kreisen, viele von den Mädchen aus Jerusalem, aber vor allem auch aus den Siedlungen in Judäa und Samaria. Andere kommen auch aus anderen Landesteilen. Erziehung ist da extrem populär, und das in einem Spektrum, welches von der Ausbildung zur klassischen Lehrerin für Mathematik, Geschichte oder Hebräisch über das sehr beliebte Gebiet von therapeutischem Tanz und Sport bis zu nichtformaler Erziehung reicht. Nicht formale Erziehung hier vermischt sich ein wenig mit Sozialarbeit. Junge Frauen besuchen Kurse, bei welchen sie mit schwerbehinderten Kindern zu arbeiten lernen; das Unterrichten von schwererziehbaren Kindern und Jugendlichen, ADHS-betroffene Kindern, Legasthenikern, Kindern mit schwachem sozialen Hintergrund und desgleichen mehr ist sehr gefragt.  Auch das Lernen von Tora, jüdischer Philosophie und Geschichte des Landes Israel.

Das sind zumeist sehr junge Frauen, gerade frisch vom „National-/Zivildienst“, den sie ein oder zwei Jahre an verschiedenen Orten und in verschiedenen Organisationen gemacht haben, vielleicht danach noch ein Jahr gearbeitet oder vom angesparten Geld in der Welt gereist.

Und ganz oft sind sie schon – verheiratet.

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Quelle: Michlelet Orot Israel, orot4u.com

Das ist etwas, was mich noch immer in Staunen versetzt, ich komme nicht drum herum. Ich habe in einer Einrichtung für religiöse Mädchen gelernt, ‚Midrasha‘ nennt sich das (das etwas oberflächlichere Äquivalent zu einer Jeshiva für Jungs), jüdische Philosophie und Denken gelernt. Dort hatte ich viele Mitschülerinnen aus Judäa und Samaria, und die meisten waren direkt nach dem Zivildienst da, und spätestens anderthalb Jahre nach Abschluss des Lernprogramms war mehr als die Hälfte aus meinem Kurs schon verheiratet oder verlobt. Ich bekomme alle zwei Monate Nachrichten und Einladungen zu Hochzeiten von meinen Kursmädels. Wir sind alle ungefähr im selben Alter – 21 bis 25. Die frischen Ehemänner sind auch in etwa demselben Alter, teilweise älter – dennoch. Und so wie sie, so sind es auch viele Mädchen in den Instituten. Frisch, jung gekleidet, mit eindrucksvollen Kopfbedeckungen zumeist in Turbanform mit verschiedenfarbigen Tüchern, Clips, Spangen verziert, modisch abgestimmt mit Rock und Bluse oder aber bunt zusammengeworfen. Manche lassen viel Haar aus der Kopfbedeckung hervorlugen, andere mögen es strickt und verdeckt. Ein ganz normaler Anblick am Morgen oder zur Mittagspause – und manche der Mädchen sind auch sicherlich um ein paar Jahre jünger als ich, und einige haben auch gewiss schon Kinder, die daheim bei der ebenso jungen Großmutter warten.

Und ich laufe daneben, und schaue die Studentinnen mit einer Mischung aus Unglauben, leichter Entfremdung aber auch einer gewissen Portion von Neid an, dass sie selbst gar nichts Befremdliches darin sehen, und dass die Gesellschaft, in der sie aufgewachsen und erzogen worden sind, sie ermutigt, die Werte von Familie und Wissenserwerb gleichermaßen hochzuhalten und sie spielerisch miteinander zu vereinen, und die Mädchen lernen, in beiden Welten zu leben. Ja sogar sehen sie keine Teilung zwischen den beiden; und sowohl in jungem Alter eine Familie zu gründen, als auch zu lernen und zu arbeiten ist für die Frauen national-religiöser Orientierung eine Selbstverständlichkeit.

Ja, Erziehungswissenschaften, jüdische Philosophie, Kinder, grafische Gestaltung und Sozialarbeit sind viel beliebter bei diesen Mädchen als Medizin, Computertechnik, Business oder Archäologie, aber erstens finde ich es persönlich wunderbar, wenn die Erziehung der jungen Generation in den Händen von intelligenten, lebenslustigen und einfühlsamen jungen Frauen mit Kindererfahrung ist, und zweitens gibt es auch wachsendes Interesse, in neue Gebiete vorzudringen. Es lässt sich erhoffen, dass auch andere Gruppen unserer Gesellschaft diese Taktik adoptieren und das Neue erobern, ohne das Bekannte und Gewohnte aufzugeben.

(⇒ Webseite zu Instituten in Israel. http://www.michlalot.co.il/)

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NEWS: Moschee angezündet?

Heute morgen ging bei Walla!-News die Meldung ein, in der Nähe der Stadt Beitar Illit und dem Vorposten Gva’ot, Judäa, sei eine Moschee angezündet worden. Hasssprüche wurden auf die Wand gesprüht und die Einwohner haben das Feuer löschen können.
Offenbar gab es auch vor einer Woche einen absichtlichen Brand in einem arabischen Olivenhain südlich der Stadt Hevron, bei Mitzpe Yair.
Die Polizei untersucht den Fall auf „Price-Tag“-Verdacht seitens jüdischer Siedler. Die arabische Bevölkerung beschuldigt in beiden Fällen die Siedler.

Die Moschee befindet sich in Gaba‘.
Hier die Meldung (hebräisch): Meldung und Bilder

Dazu muss man sagen, dass Berichte von Attacken auf arabisches Eigentum, Moscheen etc angeht, so gab ist schon in der letzten Zeit, sowie auch schon zuvor, leider die Fälle, als Verbrechen gegen dieses für rassistische Attacken seitens Juden ausgegeben worden sind. Hassattacken auf Autos und Moscheen gehoeren leider teilweise zur Taktik extremer Aktivisten, rufen sie jedoch empörte und entsetzte Reaktionen in der israelischen Öffentlichkeit und großangelegte Entschuldogungskampagnen der israelischen Regierung an den Plan.
Die internationale Berichterstattung zu solchen Vorkommnissen ist unbarmherzig in ihrem Geisseln der Attacken, zumeist auch auf den ersten Seiten der Nachrichtenausgaben, und hallt lange nach.

Vor wenigen Monaten allerdings gab es eine interessante Demonstration, dass es auch ganz anders geht, und weitaus „nicht alles Gold ist, was glänzt“:
Am 12.November 14 berichteten sämtliche Newsoutlets international über eine chemische Brandattacke gegen eine Moschee im Dorf AlMughayer. Die Moschee und die heiligen Bücker darin wurden sehe beschädigt. Das Urteil der Dorfbewohner und der Pal.Autonomiebehörde war klar: Es waren Siedler.

Die Untersuchungen israelischer Behörden liefen auf Hochtouren. Ausgerechnet die linksideologische Zeitung Ha’aretz berichtete als Erste über den Befund der Feuerwehr und der Untersuchungsteams: Das Feuer war Resultat eines Kurzschlusses, verursacht offenbar durch ein Heizungsgerät. Keine Spuren von Hassgraffiti, Chemikalien etc.

Das „Kommittee für Korrektheit in Nahost-Berichterstattung in Amerika“ (CAMERA.ORG) verfolgte die Newsausgaben, um zu sehen, wer die Resultate aufgreifen und den Bericht korrigieren wuerde.
Ergebnis: AP, New York Times, Los Angeles Times korrigierten den Bericht, teilweise nach Korrespondenz und Nachhaken seitens CAMERA; AFP – französische Agentur – korrigierte erst sehr spät; Reuters – britische Agentur – wurde angeschrieben, reagierte aber nicht und postete kein Update.
Bericht auf Englisch hier

Soviel dazu.
Ich hoffe nur, dass auch diese Tat sich als Farce erweist, und wenn ja, dass darüber auch berichtet wird….

Gerd Buurmann: Die volle neutrale Einseitigkeit

Der folgende Beitrag ist nicht nur aufgrund seiner Eindeutigkeit und Klarheit und Faktennutzung lesenswert, sondern auch, weil er das Thema Siedlungen, Westjordanland und illegale jüdische Siedler behandelt – und selbstverständlich ist die Berichterstattung zu diesen Themen und ihre Analyse immer relevant.
Bühne frei für Gerd Buurmann…

Tapfer im Nirgendwo

Wenn es um den Nahostkonflikt geht, wird stets Neutralität angemahnt. Diese Neutralität gibt es jedoch nicht. Der ganze Diskurs ist durchtränkt von Begriffen, die zwar mittlerweile als neutral verstanden werden, aber in Wirklichkeit einseitig gegen Israel Partei ergreifen. Tapfer im Nirgendwo präsentiert ein paar dieser Begriffe.

Westjordanland oder West Bank

Das sogenannte Westjordanland liegt westlich von Jordanien und östlich von Israel. In Jordanien wird das Gebiet West Bank genannt, da es das westliche Ufer vom Jordan ist. In Israel heißt das Gebiet jedoch Judäa und Samaria. Der Begriff West Bank wurde erst im 20. Jahrhundert von Abdallah ibn Husain I. erfunden. Die Begriffe Judäa und Samaria jedoch haben biblischen Ursprung.

Wer Israel delegitimieren will, tut gut daran, die Begriffe Judäa und Samaria zu meiden, da sie schon dem Klang nach verraten, was nicht zu leugnen ist: Das jüdische Volk ist das älteste noch heute existierende Volk im Nahen Osten, mit…

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In eigener Sache

Da habe ich doch ein wenig nach mir gegoogelt – und diese interessante Diskussion in einem Forum gefunden: http://www.pharus-forum.de/t5549f9-Die-Siedlerin-aus-Judaea.html

Eine Teilnehmerin des Forums (aus Jordanien, nach Ortsangabe) meint im Hinblick auf die Beiträge meines Blogs, „eigentlich ein bisschen enttaeuschend, diese sympathisch wirkende Dame, obgleich – so gaenzlich unerwartet ist es nicht, dass sie es nicht auf den Punkt brachte, wo und wie das Problem gelagert ist.“

Sie gibt zu, ein wenig mehr über das Trampen zu erfahren, und aus diesem Grund nimmt sie sich ausgerechnet Uri Avnery zur Hilfe, der sich zu der Entführung der drei Jungs Eyal, Gil-ad und Naftali äußert – und wie sich äußert!: (Zitat der Teilnehmerin Samar)
„…er habe verschiedene Leute auf der Strasse die drei vermissten jungen Siedler verfluchen gehoert, wegen ihrer stupiden Arroganz, stehen das im Dunkel der Nacht, mitten in den besetzten Gebieten und klettern in einen fremden Wagen.“

Etwas Klügeres, Aussagekräftigeres und vor allem Authentischeres als das hätte sich Avnery nicht aussuchen können?
Und wenn der radikal-linke, als Selbsthasser und vor allem auch Siedlerhasser bekannte Uri Avnery, zur verlässlichen Quelle der Forumsteilnehmerin gehört – was kann ich schon dagegen ausrichten?

Was ich allerdings verlauten lassen wollte, ist, dass wahrscheinlich einige meiner Seitenbesucher die Zielsetzung meines Blogs missverstehen. Der Blog DIESIEDLERIN.NET ist nicht explizit dazu da, um Probleme zu suchen und zu zeigen, „wo und wie sie gelagert“ sind, und mit Recht: Ich bin kein Nahostexperte und möchte mich nicht als einer ausgeben.
Mein Blog ist zuallererst dafür da, um eine authentische Stimme direkt vom Ort des Geschehens an die deutschsprachige Öffentlichkeit zu bringen. Um das „Phänomen der jüdischen Siedlerbewegung“ aus erster Hand zu zeigen. Dazu gehören die Interviews, die Videos, die Bilder, der Einblick in Alltag und in besondere Vorkommnisse, Gesellschaft, Tradition, Religion und mehr. Ja, dazu gehören auch die Probleme, und die Beziehungen mit dem arabischen Nachbarn, und mit den israelischen Linken, und mit der siedlerablehnenden internationalen Öffentlichkeit. Aber sie sind wahrlich nicht das Hauptthema des Blogs. Über Probleme wird genug diskutiert, und es ist nicht meine Aufgabe, über die Lösungen zu streiten, zumal es nichts bewirken wird. Über die Probleme gibt es zu Genüge Artikel und Meinungen – nicht aber über das Leben von Juden in Judäa und Samaria, nichts über ihre Errungenschaften, ihre Gesellschaft, ihre Geschichte, ihre Musik, ihre Kultur, ihre Meinungen usw.

Die Siedlungen sind, zumindest was die Gegenwart betrifft, Realität. Sie stehen da, und die meisten von ihnen sind auch komplett rechtlich abgesichert, dort leben reale Menschen, von denen die meisten sich nicht so einfach mehr vertreiben lassen werden wie damals, 2005 aus Gaza/Gush Katif. Sie werden von dem Staat unterstützt, dort werden Bauprojekte realisiert, die Bewohner werden beschützt. Und ganz ehrlich? Meiner Überzeugung nach ist ihr Recht auf Existenz genauso wenig diskutierbar, wie das Recht auf die Existenz des Staates Israel. Natürlich können Wohl- oder Unwohlmeinende darüber diskutieren, wie viel sie wollen, und ich stehe sehr für freie Meinungsäußerung ein. Aber die Zielsetzung meines Blogs ist eben nicht dieses Thema, sondern ich habe mir vorgenommen, ein Fenster in die Welt von Judäa und Samaria  für die deutschsprachige Öffentlichkeit zu schaffen – und das Ziel werde ich auch weiter verfolgen.

Wer aber möchte, kann mich immer anschreiben und Fragen stellen – das ist etwas Wunderbares, zeugt es doch von Interesse!

Jedem sein Spaß

Wozu man den Schnee so alles nutzen kann….

Eilmeldung der lokalen Nachrichtenagentur „Tazpit“: Arabische Jugendliche bewerfen die jüdische Siedlung Beit El in Samaria mit Steinen, welche sie zuvor als Schneebälle getarnt haben.

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Foto: Hillel Meir, "Tazpit"

Von derselben Agentur:
Foto von Schneemann, welcher von Jugendlichen in Esh Kodesh, jüdischer Ortschaft in Samaria, gebaut wurde.

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Foto: Aharon Katzuf, "Tazpit"

Jedem sein Spaß, wie man sieht….

Schneesturm – 100 Meter ums Haus

"Ja können denn des Südens Kinder
Dort, wo der Rosen froher Schein
Selbst im Dezember noch hervortritt
Wo es kein Wort für Sturm zu geben scheint
Ja, können sie auch nur in etwa
Für einen kurzen Augenblick
Auch nur erraten, wie die Sehnsucht
Nach Frühling schier das Herz zerdrückt?
Von sturem Eis und eisig' Trotz umgeben
Vor Schneegestürm ganz steif und blind
Sah'n wir, das, was schon kaum zu sehen - 
Den fernen, grünen Frühlingsblick."
(Nach einem Lied von Ilya Erenburg, übersetzt aus dem Russischen: Chaya Tal)

Drei Uhr morgens. Ich sitze unter meiner warmen Decke, daneben die Katze zusammengerollt. Draußen, so den Geräuschen nach zu urteilen, spielt sich das Szenario von „leise rieselt der Schnee“ ab. Der kräftige Sturm von heute abend ist nicht abgeflaut, und die Wege und Vorgärten der Wohncontainer wurden, dem letzten Stand nach, von einer kleinen, aber feinen Schneeschicht bedeckt. Der Schnee häufte sich immer weiter auf, bis der Nachbar schließlich beschloss, von seinem kleinen Plastiklagerhaus das Dach von der Schneeschicht freizuräumen.

Das war heute Abend. Und wie ist die Lage jetzt?

Ich klettere aus dem Bett, schließe die Tür auf und will sie vorschieben – sie gibt nicht nach. Kann es denn sein? So viel Schnee? Ich blicke verblüfft auf die Außentreppe zu meiner Eingangstür. Tatsächlich. Der Schnee, trotz seinen vielleicht 30 cm, versperrt mir die Tür! Mit einem Drücken schiebe ich die Schneemasse zur Seite. Der Gehweg ist nicht mehr zu erkennen, und ein riesiges Schneekissen häuft sich auf meinem Gartenstuhl. Hier ist sie, die versprochene „weiße Welt“ der Wetterprognosen für Ende Februar. Morgen soll die Pracht schmelzen, wer wird sie dann noch zu sehen bekommen?

Auf dem kleinen Lagerhaus ist eine beachtliche Schneeschicht. Auch mein Dach wird diesem wohl in nichts nachstehen. Freiräumen ist angesagt – schon vergessen, wir leben in Leichtbauten aus Paniermehl- und Gipsplatten! Wenn mir das Dach durchbricht, was mache ich dann mit meinem schönen Heim?

Mit Besen bewaffnet und mit Jacke, Mütze, Handschuhen, Schal und gigantischen Gummistiefeln ausgerüstet, trete ich den Sprung in den Schnee an. Weiße Wildnis, erhellt von den Signallampen an den Karavans, empfängt mich. Der Wind hat nicht aufgehört. Kalter, harter Schnee trifft mich ins Gesicht, wie tausend Nadelspitzen fühlt er sich auf meiner Haut an. Die Luft ist erfüllt vom Brausen des Windes. Ich mache erst den Hauseingang frei; meine Treppe wird zu einer Schneerutsche. Dann klettere ich 20150220_04140620150220_041607auf einen Stuhl, um besser das Dach des Nachbarlagerhauses abräumen zu können. Auch wenn der Nachbar, um diese Zeit hoffentlich genüsslich schlafend, gar nichts von meiner Aktion ahnt. Bis zum eigentlichen Containerdach komme ich leider nicht hoch. Mir bleibt nichts weiter übrig, als auf amerikanische Bauqualität zu vertrauen.

Aber ich bin noch nicht fertig. Der Schnee reicht mir bis zur Schienbeinmitte, die Stiefel versinken im unberührten, weichen Schnee (klar, unberührt, um diese Uhrzeit!). Der Wind schlägt den Schnee unbarmherzig ins Gesicht, aber wofür sind Brille und Schal da? Notdürftig das Gesicht verdeckt, mache ich mich auf zum Hauptweg, bei der Synagoge. Ich will den Schnee nicht verpassen. Nur 100 Meter um 20150220_041754das Haus herumgehen, viel wird es ja nicht sein…

Den Besenstock fest umschlungen, stampfe ich den Weg hoch. Unter mir eine feste Schneeschicht. Die Brille wird unaufhörlich beschlagen, ich sehe kaum noch etwas. Der Wind wird stärker. Sich umdrehen ist kaum noch möglich, so hart fliegt der nasse Schnee gegen das Gesicht. Auf dem Hauptweg sind Fahrspuren, aber wohl schon vor längerer Zeit.

Der Wind pfeift wild um mich herum.

Ein Blitz. Noch einer, der die Umgebung, im starken Nebel versunken, nur dürftig erhellt.

20150220_041850Ein Donnern. Ich halte krampfhaft den Besenstiel umklammert und drücke mich nun gegen den Wind voran, sehe die Welt um mich herum nun gar nicht mehr, nehme die Brille ab – so ist alles verschwommen, aber zumindest erkennbar. Der Kreisverkehr existiert nicht mehr – alles zugeweht. Irgendwo weiter vor mir soll die Weinplantage sein, irgendwo links von mir die Anhöhe – aber zu erkennen ist nichts, außer der Straßenlaternen. Die Strecke zurück zum Haus – die schwierigste im Moment, denn der Schnee peitscht genau ins Gesicht. Wo war die Einfahrt? Ich finde zum Pfad zurück. Alle Vorgärten sind zugeschneit. Alles schläft. Wo sind die Katzen bei solch einem Wetter, wo verstecken sie sich, wie viele werden den Sturm, mag er auch kurz sein, nicht überleben?…

Ein Wahnsinn, wie binnen eniger Stunden eine Landschaft und ihr Klima sich verändern können. Israel – das Land extremer Gegensätze. Nein, weder die Temperatur noch der Schneefall können mit einem Schneesturm in Russland verglichen. Aber dennoch  – Schnee ist Schnee und Sturm ist Sturm. Ich fühle in mir einen großen Respekt der Natur gegenüber aufsteigen, die uns immer wieder zu überraschen schafft.

Mittlerweile komme ich an meinem Zaun vorbei  – Moment, ist er hier? Die Brille hoffnungslos beschlagen. Ja, ich bin angekommen. Die Türklinke mit Eis bedeckt. Ein von mir unvorsichtig draußen aufgehängter Rucksack ist stocksteif vor Schnee und Eis geworden. Ich stampfe durch die Tür, die letzten Windböhen – ich bin daheim. Meine Katze flüchtet vor meiner tropfenden, weißen, dampfenden Gestalt. Ich bin zufrieden – ich habe gestern früh noch so sehr über den Scheinschnee lachen können, aber das Wetter hat mich eines Besseren belehrt, und ich bin froh darüber. Ja, wir haben Winter in Israel.

Und mir auf der Zunge liegt ein Lied aus einer fernen Welt, und einer Zeit, die nicht viel mit der Welt hier und jetzt zu tun hat, außer meiner Gedanken und Erinnerungen.

Der Schnee fällt, es donnert aus der Ferne und ich höre mich in die Klänge der Kindheit hinein:

Mal wieder ein Sturm

Schon zum zweiten Mal in diesem Winter bereitet sich Israel und vor allem die Bergregion auf einen Sturm mit Schneefall vor.

Wie immer werden schon Wochen davor die Screenshots von den Wettermeldungen über alle WhatsApp-Gruppen verschickt, der nahende Sturm wird in allen Nachrichtenmeldungen diskutiert, und Pläne werden ausgearbeitet, wann welche Kindergärten und Institutionen schließen und Strassen gesperrt werden müssen – denn es geht ja nicht an, dass es Unterricht gibt, wenn draußen gar 20cm Schnee liegt!…
Und so ist Winter eine wunderbare Schulfrei-Zeit für Kinder und Studenten, viel Stress für Eltern, die sich um die daheimgebliebenen Kinder kümmern müssen, es bedeutet unklare Arbeitsverhältnisse für diejenigen, deren Arbeit nicht abgesagt worden ist.
Und vor all bedeutet das – komplette Blockadezustände.
Wie vor anderthalb Monaten, so auch jetzt steht die Entscheidung der Regionalverwaltungen fest: Es gibt keine Ein- und Ausfahrt nach Jerusalem, noch vor eigentlichem Schneefall. Dasselbe gilt natürlich auch für unser bergiges Judäa.

So wurde heute morgen an die Anwohner von Gusch Etzion eine SMS mit dem folgenden Inhalt versendet:
„Mit Beginn des Schneefalls werden die Strassen in Gusch Etzion gesperrt werden, und das voraussichtlich für längere Zeit. Stellt euch darauf entsprechend ein.“
Der Absender war das Team für innere Belangen und Notfälle von Alon Shevut.

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Foto: Michal Eyali

Auf der zentralen Kreuzung  bei uns stehen Schneeräum-Traktoren, wie sie schon beim letzten Schneefall gestanden haben – eindrucksvolle, massive Geräte – und das für maximal 40cm Schnee , welcher eh keine Zeit haben wird, länger zu bleiben, weil es morgen nachmittag wieder wärmer werden sollte…

Für mich ist diese Schneepanik seit jeher ein Rätsel gewesen. Nun weiß ich, dass Israelis trotz wiederkehrender Schneefälle und Stürme es noch immer für unwert halten, Winterreifen ins Land zu importieren. Und mit Sommerreifen ist es natürlich gefährlich auf den Straßen. Aber was ist mit Schneeräum-Taktiken? Mit Streumaterial? Sag bloß, es gibt nicht genug Sand zum Streuen in unserer Region? Und wie wäre es, wenn wenigstens die öffentlichen Verkehrsmittel nicht lahmgelegt werden würden? Irgendwie scheinen die Bahnen in Russland ja auch trot Schnee auf ihren Schienen zu fahren, und auch ohne Winterreifen…Oder inwiefern irre ich mich hier?

Was lokale Kindergärten angeht, ist meines Erachtens auch äußerst unverantwortlich. Denn statt das Kind zum Kindergarten zu fahren, könnte man es ja ein paar Straßen weiter -bringen-, und die Kindergärtnerinnen hätten weiter Arbeit und die Kinder Beschäftigung und die Eltern Zeit und Freiraum…

Aber weil alles miteinander zusammenhängt, und jeden Winter dieselben Fragen aufkommen, die nach Schneefall wieder vergessen werden, so sitze ich gerade fröhlich vom Unterricht befreit daheim, die Fensterscheiben wackeln vom Wind und Regen und ich warte wie die gesamte Nation, von wohliger Wärme meiner portablen Heizung umgeben, auf den zweiten Schnee in diesem Jahr….

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Der Schnee soll kommen. Bisher nur ein Wunschdenken.

Eine jüdische Stimme aus Judäa