Archiv der Kategorie: Judentum

Siedlermusik. Bini Landau

Neben Politik, aktuellen Nachrichten, Leben unter Terror und Religion gibt es weitere  interessante und vielschichtige Themen, welche ich euch, meinen Lesern /-innen,  im Zusammenhang mit dem jüdischen Leben in Judäa und Samaria näherbringen möchte. Natur und Freizeit haben wir schon etwas angeschnitten (hier und hier beispielsweise). Einige Gesellschaftsthemen, so das Thema Frauen, Studium, Karriere und Wohltätigkeit. Aber die jüdischen Israelis in Judäa und Samaria haben nach der Rückkehr in die alt-neue Heimat auch ihre eigene Kunst und Kultur entwickelt, welche langsam, aber sicher ins Bewusstsein der Obrigkeit rückt. „Siedlerkunst“ und „Siedlerkultur“ ist nichts Einheitliches, alles teilt sich in Subkulturen auf, verfolgt verschiedene Ideale und Ausdrucksweisen. Ich, als noch immer teilwese eine Außenstehende, fühle mich immer wieder voller Neugier in die neue Materie hinein. So beispielsweise in die „Siedlermusik“.

Siedlermusik? Gibt es so etwas?

(Nun ja, in den deutschen Medien ist speziell dieser Begriff noch nicht aufgetaucht, was aber nicht verwunderlich gewesen wäre, angesichts anderer Siedler-Attribute.)

Zum Thema: Wir haben junge Leute in Judäa und Samaria, sogar ziemlich viele, die in unseren Städten und Dörfern leben, sehr musikalisch sind und Musik lieben und sie mögen es auch selbst, Musik zu produzieren. Die Geschmäcker sind bei jedem verschieden und natürlich hat der Mainstream-Pop auch in die traditionsbewusste Gesellschaft nationalreligiöser Juden seinen Eingang gefunden. Es gibt aber nicht wenige unter ihnen, die ihr „eigenes Ding“ machen wollen und auch Kreativität und Talent aufweisen. In den meisten Faellen sind Künstler in ihren 20ern und 30ern, die sich entschieden haben, selbst Musik zu machen und diese auch an die Oeffentlichkeit zu bringen. Sie setzen in ihren Kompositionen in Wort und Klang  Akzente auf Tradition, Spiritualitaet, Verbundenheit zu Natur,  Idealismus und auf die Beziehung zwischen Gott und Mensch.

Die Lieder, die sie komponieren, bringen sie auf Hebräisch heraus. Die Texte, mit vielen Metaphern geschmückt, ermuntern zum Leben, zum Glauben und zur Hoffnung und drücken Liebe oder Sehnsucht zu dem Land und seiner Verbindung zum jüdischen Volk aus. Dabei machen die Musiker Gebrauch von Zitaten aus den Heiligen Schriften, ergaenzen diese und wandeln sie zu neuen Texten um. Die Musikstile selbst vermischen akustische Instrumente – dabei sind die Gitarre und verschiedene Floetenarten sehr populaer –  und neueste Soundeffekte und finden ihre Inspirationen sowohl in mediterranen, fernöstlichen als auch europäischen Klängen.

Ich möchte hier einige der beliebtesten Musiker der Juden aus Judäa und Samaria (und nicht nur dieser!)  und ihre Lieder vorstellen. Die Beispiellieder auf Hebräisch habe ich für euch ins Deutsche übersetzt, nach Möglichkeit in einer sinngemäßen Übersetzung (nicht Wort für Wort).


Quelle: Youtube
Quelle: Youtube

Fangen wir an mit Binyamin (Bini) Landau.

Bini Landau ist eine Entdeckung der letzten sechs Jahre, obschon er als Künstler seit dem Jahr 2000 verschiedenen Projekten seine Stimme und sein Können geliehen hat. Von seinen Kritikern, soweit ich es den Rezensionen online entnehmen konnte, wird er unter „authentische jüdische Musik“

mit Einflüssen aus Ethno und Rock eingeordnet. Zwei Alben hat der Musiker aus der Siedlung Havvat Ma’on in den Südhevronbergen bisher herausgebracht und in beiden Alben, „Über die Grenzen hinweg“ (2010) und „Stiftszelt/Tempel“ (2013), widmen sich seine Lieder dem Thema Spiritualität. Das Genre „jüdische Musik“ bezieht sich in Israel nicht etwa nur auf Klezmer, so wie man das aus der Musikszene in Deutschland kennt, sondern ist endlos dehnbar – darunter fallen ethnische Gesänge, von religiösen Weisen inspirierte moderne Musik, neu vertonte Texte aus der Liturgie, Kompositionen aus antiken Texten und Neuschöpfungen und das mit Einflüssen sowohl aus dem Okzident, als auch aus dem Orient.

"Nachtscherben", Single des ersten Albums von Bini Landau, 2010 (Quelle: dosmusic)
„Nachtscherben“, Single des ersten Albums von Bini Landau, 2010 (Quelle: dosmusic)

Vor der Veröffentlichung seines ersten Albums arbeitete Bini Landau mit Sängern wie Sinai Tur zusammen, so an einem Album spiritueller hebräischer Gesänge (‚Piyyutim‘ genannt). Sein Album „Über die Grenzen hinweg“ produzierte er im eigenen Studio bei sich, in Havvat Ma’on, schrieb Texte und Musik selbst, in Anlehnung das das „Hohelied Salomos“. Das Album wurde von einigen positiven Rezensionen aus der nationalreligiösen Gemeinschaft begleitet, fand jedoch keinen wirklichen Anklang und wurde unter anderem dafür bemängelt, eine geringe professionelle Qualität aufzuweisen und nach „Hügeljugend-Geplänker“ zu klingen. Zumal hatte sich Bini Landau, passend zur „Hügel-Aura“, einen alternativen Kleidungsstil, vielleicht in Anspielung auf biblische Zeiten, zugelegt – Schals, Wollhut, lange Gewänder, lange lockige Haare, Gitarre.

Album "Mishkan" (Tempel), 2013. Quelle: Wikipedia
Album „Mishkan“ (Tempel), 2013. Quelle: Wikipedia

Das zweite Album, „Stiftszelt“ (oder auch Tempel), war nicht  nach einem bestimmten Thema ausgerichtet, sondern behandelte verschiedene Aspekte, alles dennoch mit jüdisch-geistigem Bezug. 2013 kam es heraus, diesmal in einem anderen Studio und in Zusammenarbeit mit bekannten Musikern. Es beinhaltet Lieder wie „Tempel“ (Mishkan), dessen Übersetzung ich für euch weiter unten angegeben habe; das Lied „Sklaven“ (Avadim), „Glücklich ist der Mensch“ (Ashrey HaIsh), „Flügel ausbreiten“ (Lifros Knafaim), „Stille Wasser“ (Mey Menuchot) und andere. Einige der Lieder sollen Zauderern und Niedergeschlagenen Mut machen, andere die Kleinlichkeit des Seins und die menschliche Abhängigkeit davon anprangern („Sklaven“), wieder andere nutzen ganze Psalmverse, die mit Ethno- und Rockmotiven vertont wurden. Eine neuartige Form von Musik, inspiriert durch ständiges Eintauchen in die spirituell-religiöse Atmosphäre der jüdischen Siedlungen und Lerninstitute, die Verbindung zur biblischen Landschaft, das Ausprobieren alternativer Lebensstile in einsamen kleinen Dörfern oder Bauernhöfen inmitten der Berge und die konzensus-freie Mischung aus verschiedenen Instrumenten und Musikstilen.

Hier lebt Bini Landau
Hier lebt Bini Landau

Bini Landau selbst macht für sich keine große Werbung. Eine Webseite oder Facebook-Präsentation lässt sich nicht finden, Bilder gibt es nur wenige, auch Veranstaltungsposter fallen relativ bescheiden aus. Wie alt Landau ist, ob er verheiratet ist oder nicht, lässt sich ueber die reguläre Suche nicht herausfinden. Dafür muesste ich schon nach Havvat Ma’on fahren und ihn persönlich kennenlernen. Wer weiss, vielleicht mache ich das noch. Und bis dahin – hier das Lied und der Text von „Tempel“. Zur Playlist mit größerer Auswahl – hier.

Mishkan (Tempel). Deutsche Fassung: Chaya Tal

Einen Tempel bau‘ ich im Herzen für dich
Dort findest du Ruhe vom Wandern
Einen Tempel bau ich im Herzen für dich
Dort wirst du Kräfte sammeln

Den Schmerz, den du fühlst,
verspüre auch ich
Auch ich bin durch stürmische Winde gegangen
Was du erbittest
Darum bat ich für mich
Doch den Ort meines Herzens konnt‘ ich nicht erlangen

So warte, verlange und sehn‘ dich danach
Dann bleibt dir die Hoffnung erhalten
Erheb‘ deine Stimme, bete auch für mich
Lass die Verzweiflung nicht walten

Pfade, noch eben verborgen und stumm
Werden sich uns offenbaren
Die eisernen Vorhänge werden sich heben
Das Herz wird Freiheit erfahren

Dann wirst du erleben, mit all deinen Sinnen –
Solltest du all das durchhalten –
Dass Glaube Berge versetzen kann
Und ebenso Meere spalten.

 

Quellen: Kikar haIr, Kipa.co.il, Nrg.c.il, Tarbut-blog.cet.ac.il, Channel 7

Kerzenzünden, erster Tag

Einige Erklärungen und das „exklusive Originalvideo“ vom Entzünden der ersten Chanukkah-Kerze bei mir auf den Stufen meines Karavans. 🙂 (Karavane, was war das nochmal? Lest hier!)

Alle weiteren Kerzen werden von nun an bis einschliesslich dem Abend des 13.12. gezuendet, jeden Tag eine mehr.

 

Mein Wort zu Chanukkah – Vielfältigkeit

Acht Tage dauert das Fest Chanukka, welches an den Sieg jüdischer Aufständischer gegen die griechische Besatzung im 2.Jahrhundert vor der Zeitrechnung, die Wiederherstellung der jüdischen Unabhängigkeit und die Aufhaltung des geistigen Verschwindens der jüdischen Kultur erinnert.

Chanukka, ein Fest des Lichts, der Familie, der Gemeinschaft, an welchem acht Tage lang die Spannung und die Besinnung an Tradition und Zukunft aufgebaut werden.

Können wir aber innerhalb so kurzer Zeit verstehen und verinnerlichen, was diese Lichterkette im wahrsten Sinne ihres Wortes bedeutet?

DSCI0017Das Fest, welches von durchgängig den meisten Juden auf der ganzen Welt gefeiert werden, geht zurück auf eine Zeit, welche uns näher an einen  gemeinsamen Ursprung als Volk und Gesellschaft bringt – die Zeit, als wir noch nicht verstreut gewesen sind, als wir noch dasselbe Land, das selbe Schicksal und eine gemeinsame Prognose für die Zukunft gehabt haben. Als die Tora uns noch zeitlich und emotional sehr nah gewesen ist; als der jüdischen Gemeinschaft die zukünftigen  Herausforderungen noch unbekannt waren. Damals hatten die jüdischen geistigen Anführer diese acht Tage als Tage der Erinnerung und der Heiligung festgelegt. Aber hatte damals jemand ahnen können, dass das Fest Generationen und Jahrhunderte später zu einer Feier der Neuidentifizierung werden würde? Zu Tagen von Neuentdeckung eigener, innerer Werte, Prioritäten und Zugehörigkeit in diesem Leben?

Chanukkafeiern rund um den Globus haben alle eine unterschiedliche Natur. Ob mit einem pompösen Leuchter im Glaskasten, angezündet im Blick der ganzen Straße; ob bei einer Gemeindefeier mit Marmelade-mangelnden, trockenen Donuts, schreienden Kindern, Wachskerzen und Süßigkeiten-Buffet. Ob intim im Kreise der Familie, am Fenster oder Türeingang, manchmal so, dass es die Umgebenden nicht mitbekommen, ja nicht aufmerksam werden. In Zeiten von Verfolgung, Unterdrückung und Krieg. In Zeiten von Unabhängigkeit, Einheit, Wohlstand; Bedrängnis, Identitätsverlust, kultureller Assimilation, religiöser Zurückziehung. Mit Familie, Freunden, Gemeinde, Schicksalskameraden, oder allein.

Es gibt einige Schwerpunkte bei der Erfüllung der Bräuche zu Chanukka, und einer davon ist das „Pirssum haNes“. Es besagt, dass das Chanukka-Wunder veröffentlicht werden soll. Die Kerzen sind nicht für das Hausinnere gedacht, sondern für die Außenwelt. Jeder soll wissen, was geschehen ist, jeder soll daran teilhaben. Ein Signal, ein Zeichen, eine Verbindung, und ein Ausruf. Das sind die Kerzen, das wollen sie sagen – demjenigen, der an ihrer Geschichte teilnimmt, und  demjenigen, der von außen zuschaut.

Meine ganz persönliche Verbindung mit Chanukka begann vor vielen Jahren; ich hatte damals nicht den geringsten Einblick in jüdische Religion und Tradition. Da war ich knappe 13 Jahre alt, und mein Wissen von der jüdischen Welt beschränkte sich auf etwas Israel und ganz viel Zweiten Weltkrieg. Ich lebte in Deutschland, und meine Familie hatte keinen Bezug zur jüdischen Gemeinde; assimilierte Nachkommen von belarussischen Juden, die schon in der dritten Generation in St.Petersburg lebten. Das einzige, mir bekannte jüdische Lied war „Tumbalalaika“ – wenigstens auf Jiddisch.

Nicht umsonst habe ich aber Chanukka als Fest der Neuorientierung bezeichnet. Denn bei diesem Fest holt man all die Identifikation hervor, die man noch mit dem Jüdischen hat; ob nun die Geschichte, der Brauch, die Sprache, die Lieder, der Glaube. Und als ich mit 13 Jahren begann, für eine Reise zu meiner Familie nach Israel Hebräischkurse zu besuchen, füllte sich mein Leben in rasantem Tempo mit einer unglaublichen Menge an neuem Inhalt. Ich lernte, dass die Juden nicht nur eine schöne, aus dem Sterben erweckte Sprache haben; sondern, dass sie auch gemeinsame Dinge begehen, und einen Gott haben, Der sie zusammenhält. Und sie haben Traditionen, und Feste, und das alles vermittelte Gutes, und Gemeinschaft, und eine ganz neue Lebensqualität.
Und ich war nicht dabei.

Wieso eigentlich?, fragte ich mich. Wieso habe ich keinen Anteil daran, wieso erzählte mir bisher niemand von diesem „historischen Gepäck“ in meinem Hinterzimmer, wieso habe ich keine  Zugang dazu? Ich wollte einen haben. Und es war ganz einfach. Als wir in einem der Unterrichte über Chanukka zu sprechen kamen, hörte ich gut zu. Und daheim, auf einer Plastikplatte mit Teelichtern, formte ich meine erste Chanukkia, den „Leuchter“. Für mich war das mein erster jüdischer Akt. Danach folgten die Kerzen an Shabbat – und die Verbindung war hergestellt. Aus Dunkelheit mach Licht.

Chanukkah-Leuchter in Alon Shevut
Chanukkah-Leuchter in Alon Shevut

Heute, viele Wandlungen und Wanderungen später, haben sich auch meine Leuchter evolutioniert, so wie mein ganzes Leben. Heute zündet auch meine ganze Umgebung Kerzen an diesem Tag, ich habe viele, mit denen ich mich über die Bedeutung dieser wunderbaren Zeit austauschen kann, viele, von denen ich lerne, und vielleicht lernt ja auch jemand von mir.

Chanukka ist und bleibt für mich wie ein ganz intimes Licht in meinem Herzen, das Licht, von dem alles begann, und die Heiligkeit, die es  in mir weckt, ist schwer zu beschreiben, sondern nur zu erleben.

Acht Tage – 8, die Zahl, die Unendlichkeit darstellt, die Öl im Hebräischen paraphrasiert, und die über der Naturordnung steht.

Auf dass sich auch in unserem Alltag, Tag für Tag, Sinn und Tiefe offenbaren, und wir das Leben in seiner ganzen Fülle erleben können.

Hevron – ein Geschäft für Generationen

Die Machpela-Höhle in der Darstellung des jüdischen Künstlers Nachshon, 1993.
Die Machpela-Höhle in der Darstellung des jüdischen Künstlers Nachshon, 1993.

Und Saras Leben dauerte 127 Jahre – dies waren die Lebensjahre Saras. Und Sara starb in Kiryat Arba, das ist Hevron, im Land Kena’an. Und Avraham kam, sie zu betrauern und zu beweinen. Und Avraham erhob sich von der Trauer und sprach zu den Nachkommen Hets wie folgt: Ein Fremder und ein Einheimischer bin ich unter euch; gebt mir bei euch eine Grabstelle und ich werde meine Tote begraben. (1.Buch Moses, Kap. 23, 1-4

So beginnt einer der zentralen Abschnitte der Tora über die Lebensgeschichte der Vorväter des jüdischen Volkes. Der Bericht über den Tod Saras, ihr Begräbnis und die damit zusammenhängende Suche nach dem passenden Grabareal offenbart uns mithilfe von 20 Versen einen der wichtigsten historischen Beweise für den jüdischen Anspruch auf das Land Israel und seine heiligen Stätten, insbesondere die sogenannte „Höhle der Patriarchen“. Hevron (Hebron) ist ein wichtiger Streitpunkt im modernen arabisch-israelischen Konflikt, von immenser nationaler und religiöser Bedeutung für Juden und Muslime und neuerdings auch ein Vorwand fuer makabre Geschichtsumschreibung seitens internationaler Organisationen.  Hevron ist bekannt für blutige Auseinandersetzungen zwischen den jüdischen und muslimischen Bevölkerungsgruppen, ist aber auch ein Symbol für das Aufleben jüdischen Lebens seit 1967, und einmal im Jahr wird es zum Massenpilgerort fuer Zehntausende von Juden. Hier möchte ich dies etwas ausführlicher darlegen und mehr Verständnis für die Konfliktzone Hevron ermöglichen.


Jüdischer Kontext

Am dieswöchigen Shabbat (Samstag) wird in den Synagogen der Abschnitt unter dem Namen „Das Leben Saras“ aus dem 1.Buch Moses vorgelesen – wobei es in diesem Abschnitt mehr um die Folgen von Saras Tod geht denn um ihr Leben. Es wird dort Detail für Detail ein Kaufvertrag beschrieben, welchen Avraham, der einige Kapitel zuvor aus dem Gebiet von Mesopotamien in das Land Kena’an am Mittelmeer einwandert und dort großes Ansehen als geistiger Führer erhält, mit dem lokalen Herrscher in der Stadt Kiryat Arba-Hevron nach dem Tod seiner Frau schließt.

Wie läuft es ab? Schauen wir hin:

Und die Nachkommen Hets antworteten Avraham und sagten ihm, Höre uns, unser Herr, du bist für uns ein Prinz Gottes, begrabe deine Tote in einem unserer Gräber. Niemand von uns wird dir sein Grab verweigern, um deine Tote zu begraben. Und Avraham erhob sich und verneigte sich vor dem Volk, den Söhnen Hets, und sagte ihnen: Wenn es euch genehm ist, dass ich meine Tote begrabe, sprecht für mich mit Efron, Sohn Zochars, und er soll mir die Machpela-Höhle am Rande seines Feldes für eine ganze Summe als Grabareal geben. Und Efron sass inmitten der Söhne Hets. Und Efron der Hettiter antwortete Avraham im Beisein der Söhne Hets und aller Anwesenden am Stadttor, wie folgt: Nein, mein Herr, höre mich an, ich gebe dir das Feld und die Höhle, die dort ist. Vor den Augen meines ganzen Volkes gebe ich sie dir, begrabe deine Tote. Und Avraham verneigte sich vor dem Volk und sprach vor allen zu Efron: So höre mich an, ich gebe dir Geld für das Feld, nimm es von mir an und ich werde meine Tote dort begraben.  Und Efron antwortete Avraham wie folgt: Höre mich an, mein Herr, das Land kostet 400 Silbershekel, und zwischen mir und dir, was ist das schon? Und begrabe deine Tote. Und Avraham vernahm Efron und wog das Geld, welches sie vor dem Volk abgemacht hatten, ab, 400 Silbershekel nach der gängigen Währung. Und so ging das Feld von Efron, das bei der Höhle Machpela bei Mamre liegt, das Feld und die Höhle und jeder Baum auf dem Feld und an seinen Grenzen an Avraham als Erwerb über, vor den Augen aller Anwesenden der Söhne Hets. Und daraufhin begrub Avraham Sara, seine Frau, in der Machpela-Höhle bei Mamre, das ist Hevron, im Lande Kena’an. (ibid., Kap.23, 5-19)

Dieser Kaufvertrag, welchen Avraham im Zuge das Abschnitts mit einer Nachdrücklichkeit, die einen staunen lässt, ausarbeitet, wird von diesem Punkt an und weiter als Beleg für die Legitimität der Nachkommen Avrahams, Yitzhaks (Isaaks) und Yakovs an diesen Ort sein. Nach Sara, Avrahams Frau, werden ebenso Yitzhak, seine Frau Rivka (Rebekka) und deren Sohn Yakov mit Ehefrau Leah in diesem Familiengrab bestattet (Yakovs zweite Frau, die Vormutter Rachel, wird bei der Stadt Betlehem-Efrata begraben). Sie sind mitunter die wichtigsten Identifikationsfiguren der jüdischen Religionsgemeinschaft; die Gründer und Verbreiter des jüdischen Glaubens und seiner Werte. Ebenso stellen sie die familiäre Brücke zwischen dem Land, welches in den Schriften wiederholt diesen Individuen für ihre Nachkommen versprochen wird, und den Nachkommen selbst dar, welche nach einer langen Exilzeit in Ägypten das jüdische Gesetzbuch erhalten und als selbstständiges Volk in das Land ziehen.

In diesem Kontext sollte es auch verständlich werden, weshalb Avraham in diesem Dialog mit den Hettitern einen großen Wert auf einen korrekten Geschäftsablauf  legt – und weshalb die Tora dies detailliert festhält. Saras Tod in diesem Land, welches nicht ihr Heimatland darstellt und welches sie mit Avraham abseits jeglichen sozialer Konzensus erreichen und besiedeln, schafft Fakten und deutet für Avraham selbst die Richtung an, die er von nun an gehen muss. Nicht länger sind sie Wanderer an diesem Ort, sondern werden sesshaft und erhalten ihren ersten Anteil am Land.

Die Tora ist kein Ereignisprotokoll und ebenso kein Geschichtsbuch, sondern eine Orientierungshilfe und Anweisung für diejenigen, die für ihre Ausführung verantwortlich gemacht wurden – die Juden, Nachkommen, Avrahams, Yitzhaks und Yakovs. Sie setzt Akzente dort, wo etwas von Relevanz für zukünftige Generationen ist. Wenn das Geschäft, welches Avraham im betreffenden Abschnitt mit dem Lokalherrscher schließt, in der Tora so ausführlich beschrieben wird, dann dafür, um die Nachfahren über dies zu informieren und Schlüsse daraus zu ziehen.

Der Kaufvertrag von Avraham – es ist ein klassisches Zeugnis von jüdischem Landerwerb, welches mit absoluter Legitimität geschlossen wurde. Und wieso „jüdisch“? Weil Avraham in sämtlichen jüdischen und auch christlichen Schriften unbestreitbar als Wegbereiter für  Yitzhak und Yakov, seinem Sohn und Enkel, festgelegt wurde, aus welchen sich später die Träger des göttlichen Gesetzes, der Tora, entwickelten – das Volk der Juden.


Hevron – kurzer Geschichtsrückblick
Hevron auf der Karte
Hevron auf der Karte

Hevron ist eine der zentralen Städte der biblischen Geschichte. 39 Mal tauchen Hevron und ihre Beistadt Kiryat Arba in den jüdischen heiligen Schriften auf. Neben den Grabstätten der Vorväter und -mütter war Hevron Teil des Stammeserbes von Juda, dem Sohn Yakovs (daher der Name des Gebiets – Judäa). 7 Jahre lang war Hevron die Regierungsstadt König Davids, noch vor der Eroberung Jerusalems von den Jevusitern und gilt aufgrund des Patriarchengrabs als eine der vier heiligen Städte des Judentums – neben Jerusalem, dem Standort der beiden jüdischen Tempel auf dem Tempelberg. Entsprechend den Versionen einiger Historiker war es Herodes, unter dessen Leitung das eindrucksvolle Steingebäude über der Höhle errichtet wurde.

Das Herodes-Gebäude über der Höhle mit den zwei angebauten Minaretten.
Das Herodes-Gebäude über der Höhle mit den zwei angebauten Minaretten.

Nach dem Zusammenfall der jüdischen Souveränitaet im Land Israel und der Vertreibung der jüdischen Bevölkerung durch die Römer verblieb Hevron eine Stadt in der Hand der lokalen Idumäer.  Später folgte die byzantinische Eroberung der Gegend, und die Patriarchenhöhle wurde mit einer byzantinischen Kirche versehen, welche im Laufe verschiedener Eroberungen zerstört und wieder aufgebaut wurde. Hevron verblieb eine wirtschaftlich und religiös wichtige Stadt,  in welcher sich weiterhin Juden ansiedelten und das Recht freier Religionsausübung an ihrer heiligen Stätte genossen.

Mit dem Aufkommen des Islams Anfang des 7.Jahrhunderts, welcher die zentralen Persönlichkeiten sowohl aus dem Judentum als auch aus dem Christentum in seine Glaubenslehre übernahm, besannen sich auch muslimische Geistliche auf die bis dato nur als jüdisch und christlich bekannte heilige Stätte. Im Sprachgebrauch entwickelte sich der Begriff „Al Khalil“, der arabische Name fuer die

Das Grabmal von Leah
CIMG3889
Im Inneren des Baus – islamische Dekorationen der Grabstätte

Stadt Hevron – „(Die Stadt) des Freundes„, bezogen auf Avraham. Über der Grabstätte wurde die Ibrahim-Moschee errichtet, allerdings hatten Juden sowie Christen immer noch freien Zugang zum Heiligtum. In der relativ kurzen Zeit der christlichen Herrschaft der Kreuzfahrer über das Land wurde erneut eine Kirche am Grabmal errichtet. Während der mamelukischen (türkisch-muslimischen) Herrschaft über das Land Israel, damals ein Teil von Gross-Syrien (13.-16.Jhdt), wurden Repressalien gegen Juden und Christen in Hevron eingeführt, die nach und nach ihre Religionsausübung und den Zugang zur Höhle einschränkten, bis schließlich der Zugang

Rechts im Bild sieht man den Treppenaufgang, wo sich die7.Stufe befand, bis zu welcher die Juden gehen durften.
Rechts im Bild sieht man den Treppenaufgang, wo sich die7.Stufe befand, bis zu welcher die Juden steigen durften.

gänzlich verboten wurde. Juden wurde es unter Androhung von Strafe untersagt, höher als bis zur siebten Stufe der Steintreppe, welche in die Moschee führte, zu steigen. Das erniedrigende Verbot hielt sich bis zum Ende der osmanischen Herrschaft und dem Beginn des britischen Mandats über Palästina in 1920.

1929 schließlich wurde nach dem muslimischen Massaker an der jüischen Bevölkerung im August 1929 die etwa 1500 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde von den britischen Verwaltern aus Hevron evakuiert. Ab den 30er Jahren des 20.Jhdts und bis zum Ende des Sechs-Tage-Krieges und der Eroberung Hevrons durch die israelischen Streitkräfte von den Jordaniern durfte kein Jude mehr in Hevron wohnen.


 Alle Jahre wieder

Mein erster Besuch in Hevron ereignete sich genau vor vier Jahren. Damals lernte ich noch im Institut „Machon Ora“ für jüdisches Denkwesen in Jerusalem, und unsere Klasse wurde zum Wochenende nach Kiryat Arba-Hevron gefahren. Wir wurden in der Turnhalle einer Schule untergebracht, für die Shabbat-Mahlzeiten auf Familien innerhalb der Siedlung verteilt, und zu den Gebeten gingen wir zu Fuß durch die Gassen Hevrons auf der israelisch verwalteten Seite der Stadt zum Grabmal.

An diesen zwei Tagen im Jahr, wenn in der Tora die Geschichte von Saras Begräbnis gelesen wird, geschieht etwas Besonderes in Hevron. Die Stadt füllt sich mit Massen von farbig gekleideten Menschen, Männern, Frauen und Kindern. Sie wandern durch die Straßen, sie wandern auf den Hügeln, füllen das einzige Restaurant des jüdischen Viertels und die Betstuben, besuchen das Grab der Vorväter und die Grabstätte von Ruth, der Urgroßmutter König Davids. Die Besucher sind jüdisch, sie kommen aus ganz Israel und dem Ausland und sie haben das ganze Jahr über gewartet, um an diesem Tag, dem Tag des Erwerbs dieser Höhle und ihrer Wandlung zum nationalen Kulturgut, hier an diesem historischen Ort zusammen zu treffen und zu feiern.

Drei Mal im Jahr können und dürfen jüdische Besucher frei im israelisch verwalteten Teil Hevrons umherlaufen, unter Bewachung zahlreicher Sicherheitskräfte. Einer davon ist dieses Wochenende. Dann können sie auch den Yitzhak-Saal im Grabmal besuchen, welcher an regulären Tagen nur für Muslime geöffnet ist. Mehrere Tausend Besucher pflegen an diesem Wochenende nach Hevron zu kommen, manchmal werden es sogar über zwanzig- und dreißigtausend. Die Atmosphäre ist wie die eines Festes.

– Vor vier Jahren war mir dieses Ereignis gänzlich unbekannt; es regnete in Strömen, das Wasser im Wasserhahn des Schulgebäudes war eiskalt; mein Hebräisch war noch nicht ganz das Beste und über alle politischen und religiösen Nuancen wusste ich erst recht nicht Bescheid. Überall auf jeder Ecke standen Soldaten mit Gewehren und in warmen Jacken, und trotz des schlechten Wetters waren überall Besucher zu sehen. Entlang der Route von der Siedlung Kiryat Arba Richtung Grabmal hatten sich Soldaten auf den Dächern verschanzt, um mögliche Scharfschützen zu entlarven und den Weg zu sichern. Ich wusste nicht ganz, wie ich auf die Soldaten reagieren sollte und beschloss spontan, jedem von ihm einen guten Shabbat zu wünschen und zu lächeln – immerhin waren sie hier in der Kälte auch für mich da. Einige fragte ich nach der Situation in Hevron aus. Ich hatte viel zu viele Fragen. Ein junger

2011
2011
2011
2011

Soldat, etwa 20, war auf einem Hügel stationiert, und es war schon Abend und bitterkalt. Bis heute erinnere ich mich daran, wie ich ihm aus unserer Schule über Steine stolpernd heiße Teebecher brachte. Mehr hatte ich ihm nichts zu geben, und auch sonst meinte er, sein Vorgesetzter würde ihn „umbringen“, wenn er ihn im Dienst essen und trinken sähe.

Bei diesem Besuch lernte ich auch ein nettes älteres Paar aus Kiryat Arba namens Ilana und Amram Yifrach kennen. Wir waren mit meinen Klassenkameradinnen bei ihnen zu Besuch. Wer hätte gedacht, dass ich sie später als die Großeltern des im Juli 2014 entführten und ermordeten Eyal Yifrach identifizieren würde…


UNESCO und ihr Beitrag zur Islamisierung

Die UNESCO gilt als eine der bedeutendsten weltumspannenden Organisationen für Schutz und Erhaltung religiös und historisch wichtiger Stätten. Ebenso heißt es in der Selbstbeschreibung der Organisation, „UNESCO encourages international peace and universal respect for human rights by promoting collaboration among nations“ – „die UNESCO unterstützt internationalen Frieden und universellen Respekt für Menschenrechte durch die Förderung von Zusammenarbeit zwischen Nationen.“

Nun wurde am 21.Oktober diesen Jahres eine Resolution von der UNESCO veröffentlicht, deren Inhalt zufolge das Grabmal der „Höhle der Patriarchen“ und das Grab von Yakovs Frau Rachel als „islamische heilige Stätten“ anzuerkennen seien. Ägypten, Tunesien, Marokko, Algerien, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate reichten den Entwurf zur Resolution im Namen der Palästinensischen Autonomiebehörde ein, in welchem diese zwei Stätten sowie die Klagemauer in Jerusalem zu islamischen Stätten erklärt und entsprechend in muslimische Namen umbenannt werden sollten. So, als hätte es all das, was im obigen Text nur knapp zusammengefasst worden ist, einfach nicht gegeben.

Die Resolution, die schließlich vom Stapel ging, wurde aufgrund starkem internationalem – mehrheitlich jüdischem Druck auf die Vorsitzende der UNESCO Irina Bokova – revidiert. Die Klagemauer, eines der wenigen Überreste des alten jüdischen Tempelkomplexes, wurde nicht als „islamische Stätte“ mit eingerechnet und auch nicht in den „Al-Buraq-Platz“ nach dem Pferd von Prophet Muhammad umbenannt. Der Protest gegen die muslimische Vereinnahmung der Klagemauer fiel stark aus, und die arabischen Staaten mussten zurückweichen. Nicht so bei den anderen beiden Stätten, dem Grab Rachels inmitten von Betlehem – und dem Grab der Vorväter. Diese wurden am besagten 21.Oktober „islamisch“ – eine Entscheidung, die in ihrer Groteske an das Resultat der mamelukischen Eroberung von Hevron im 13.Jhdt erinnern könnte. Aus einer heiligen Stätte für alle drei abrahamitischen Religionen, aus dem Grabmal der Vorväter des jüdischen Volkes wurde ein ausschließlich islamischer Heiligenort, angestrengt durch juden- und christenfeindliche muslimische Staaten und mit der überzeugten Unterstützung der Weltgemeinschaft. Was kann man dazu sagen? So sieht in der Praxis offenbar die „Förderung von Zusammenarbeit zwischen Nationen“ und die „Unterstützung internationalen Friedens“ aus.

Was die Juden Hevrons anging, so waren sie von der UNESCO-Resolution nicht sonderlich bewegt, überhaupt schien diese Entscheidung an ihnen vorbeigegangen zu sein. Im Status Quo, den Gefahren auf den Straßen von Hevron und der Sehnsucht nach der Rückkehr in die „Stadt der Väter“ hat sich nichts geändert.

Und auch im diesen Jahr, trotz der Unruhen und des erneut regnerischen, kalten Wetters, erwartet man in Hevron Besucher – ferne Kinder der tief in Hevroner Erde begrabenen Väter und Mütter, die sie Jahr für Jahr besuchen kommen…

Quelle: Flash90/INN
Quelle: Flash90/INN