Solidarität mit Salah

Wie im Beitrag „Landwirtschaftlicher Terror überall“ berichtet, hat es in der letzten Woche wiederholte Brandstiftung bei den Kirschplantagen im Kibbutz Kfar Etzion und im Waldstück daneben gegeben. Diese Nachrichten hatten mich sehr betrübt, denn auch wenn man über ähnliches aus anderen Gegenden hört, liegt die eigene Region einem doch mehr am Herzen. Umso unangenehmer wurde es mir, als ich am Freitagnachmittag, als die Feuerwehr gerade mit den Löscharbeiten im Wald beschäftigt gewesen war, von einer Vandalismusattacke auf ein arabisches Feld direkt unter unserer Karavanensiedlung erfuhr! Ein guter Freund von mir und Aktivist aus Kfar Etzion, Myron, hatte mir davon berichtet, aber ich hatte vor dem Shabbat keine Zeit mehr, die Details herauszufinden, und konnte das genaue Feld nicht ausmachen, und die Kirschplantagen von Kfar Etzion waren für mich ebenso schwer zu erreichen, also bin ich am Samstag nicht hingegangen.

Gestern (Sonntag, 27.05) wurde sehr spontan ein Besuch der

Blumen werden an die verbrannten Äste der Kirschbäume in Kfar Etzion gehängt. Foto; Eliaz Cohen

Gruppe mit dem Namen „Tag Me’ir“ (etwa als „erhellendes Preisschild“ zu übersetzen, ins Leben gerufen als ein Gegenstück zu den rechtsradikalen Vandalismusgruppen), die Tatorte von Hassverbrechen besucht, um sich mit den Opfern zu solidarisieren – sowohl in Kfar Etzion als auch bei dem arabischen Landwirt bei Alon Shvut organisiert. Dazugekommen war der Knessetabgeordnete Mossi Raz aus der Linksaussenpartei Meretz. Ich hatte davon im letzten Augenblick erfahren, und obwohl ich es nach Kfar Etzion nicht mehr schaffte, wollte ich unbedingt die beschädigten arabischen Felder sehen und mit dem Landwirt sprechen. Ich kam über die Hügel zu ihnen nach unten zum Feld und

Links: Salah Shahin, rechts: Fares Sa’ad.

Salah Shahin, der Landbesitzer, und sein Bekannter Fares Sa’ad, der sich dazugesellt hatte, zeigten mir die abgeschnittenen Weinstöcke, die über die letzten zwei Tage hinweg schon ganz vertrocknet geworden waren. Von diesen zog sich eine ganze Reihe durch, insgesamt 35. Etwas weiter weg war auch das Feld, auf welchem 25 junge Aprikosenbäume abgeholzt worden waren. Auch sie waren nicht mehr zu retten. Die großen Bäume standen unberührt um sie herum, sie zu beschädigen, wäre komplizierter gewesen.

Die toten Weinstöcke.

Ein trauriger Anblick.

Salah, ein sichtlich älterer Mann, erzählte auf meine Fragen hin, dass offenbar die Sicherheitskamera von Alon Shvut, die in die Richtung der Felder gewendet ist, in der Freitagnacht drei Gestalten erkannt habe, die sich in die Richtung der beiden Felder aufgemacht haben sollen, aber das nur kurz und ungenau. Auch deren Verlassen der Felder wurde von der Kamera aufgezeichnet. So hatte es ihm die Zivilverwaltung berichtet. Die Verdächtigen waren die meiste Zeit im Schatten der Bäume versteckt gewesen. Allerdings wurde niemand gerufen, um deren Anwesenheit auf den Feldern nachzuprüfen, die um die Nachtzeit keinesfalls zu erwarten und eher verdächtig anzusehen wäre. Salah zuckte auf meine Nachfragen hin mit den Schultern:

„Ich weiss nicht, warum sie niemanden geschickt haben. Hätten sie sie wirklich finden wollen, hätten sie es nachgeprüft.“

Mir war ebenso unklar, warum eben diese zwei Felder der Zerstörung zum Opfer gefallen waren, wo sie doch eher auseinander lagen, und weshalb nicht mehr Bäume oder Weinstöcke zerstört wurden. Darauf konnte niemand antworten.

Salah und Fares hatten sich über unseren Besuch gefreut. Außer Myron, Mossi Raz und der kleinen „Tag Me’ir“-Gruppe (mehr hatten es kurzfristig nicht geschafft) war auch ein Freund von uns, ein Dichter und

Von l.n.r.: Yishai, Salah, ich, Eliaz, Myron und Mossi Raz. Foto: Tag Me’r

Aktivist namens Eliaz Cohen aus Kfar Etzion dabei, der ebenso wie Myron in der „Roots“-Bewegung für Koexistenz zwischen Juden und Arabern in Gush Etzion aktiv ist. Nach dem Besuch brachte Eliaz Fares nach Hause – sein Haus befindet sich unmittelbar am Zaun, der meine Ortschaft Alon Shvut umgibt. Anschließend war Salah an der Reihe, der nahe der Einfahrt nach Alon Shvut und der Regionalverwaltung lebt. Wir unterhielten uns ein wenig über die Gegend – Salah lud mich ebenso ein, bei ihnen auf der Terasse zu sitzen. Er konnte zwar fließend Hebräisch, ich bevorzugte es jedoch, mit ihm auf Arabisch zu sprechen. Das Fastenbrechen des Ramadan würde erst in einer Stunde stattfinden, also bevorzugte ich es, nicht vor ihren Augen zu essen oder zu trinken. Anschließend brachte mich sein Sohn Ahmad, der, wie es sich herausstellte, in der Feldschule von Kfar Etzion arbeitet, bis zum Einfahrtstor von Alon Shvut. Die Familie hatte meine Nummer und Salah versprach, mir nach der Aprikosenernte einen Korb mitzugeben. So schnell kann man bei uns neue Nachbarn und Freunde kennenlernen, wenn es den Willen gibt…

„Jetzt, nach eurem Besuch, bin ich viel ruhiger als zuvor“,

sagte uns Salah, bevor Eliaz und Myron heimfuhren. Ob nun der Staat oder irgendein anderes öffentliches Organ ihm den angerichteten Schaden finanziell kompensieren wird, weiß ich leider nicht. Ich will nur hoffen, dass die Täter gefasst werden. Aus unserer Gemeinde kommen sie nicht, das kann ich mit 100%er Gewissheit sagen – solche Taten werden von radikalen Jugendlichen verübt und bei uns leben in der absoluten Mehrheit Eltern von Klein- und Schulkindern. Auch das ist beruhigend.

Hoffen wir das Beste für alle.

Fotos: Eliaz Cohen, Chaya Tal, „Tag Me’ir“

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Landwirtschaftlicher Terror überall

Zum Stand der Dinge: Es ist nichts Neues. Angriffe auf Felder, Erntediebstähle, Beschädigung von Arbeitsgeräten, drohende Graffitis, die als „Gruß“ von den Tätern hinterlassen werden – all das gehört seit eh und je zur Realität in Judäa und Samaria (und ebenso außerhalb, aber das ist ein anderes Feld). Ob es Olivenbäume oder Weintrauben, Kirschen- oder Aprikosenbäume sind – wenn die Lust nach Hass und Vandalismus wütet, dann fällt dieser alles zum Opfer. Und man muss zugeben, beide Seiten nehmen daran teil. Ich kann mit Gewissheit sagen, dass die jüdischen Bewohner von Judäa und Samaria in ihrer absoluten Mehrheit solche Taten nicht begrüßen, ich kann allerdings nicht abstreiten, dass sie daran keinen Anteil haben. Insbesondere im letzten Jahrzehnt ist die Aktivität der sogenannten „Preisschild“ (Price Tag)-Aktionen, die von radikalisierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen, der sogenannten „Hügeljugend“, durchgeführt werden – dazu gehören Vandalismus und Beschädigung arabischen Eigentums, Angriffe auf arabische Felder, Attacken auf Moscheen und offenbar (= gerichtlich noch nicht bestätigt) auch das letzte große Verbrechen – das Attentat auf die Familie Dawabshe in Duma – angestiegen. Bestimmte Regionen innerhalb des gesamten Gebietes von Yatir im Süden bis Jenin im Norden sind besonders durch die „Preisschild“-Attacken „gefährdet“, und zwar in Umgebungen von bekannten Außenposten und Siedlungen eher radikaler Natur.

Auf der anderen Seite ereignen sich regelmäßige Diebstahle von Ernte der jüdischen Felder und Plantagen rund um das Jahr in der gesamten Region, und ebenso Angriffe auf jüdische Felder seitens Bewohnern der arabischen Nachbarsorte; dabei werden Felder mit brennenden Objekten angegriffen, Planzungen niedergeschnitten und Waldstücke angezündet, die in unmittelbarer Nähe der Ortschaften liegen; davon abgesehen werden in regelmäßigen Abständen Molotow-Cocktails gegen die Schutzzäune der Siedlungen geworfen. Langweilig ist es bei uns keinesfalls. Die Polizei, die Zivilverwaltung und die Armee sowie der innere Geheimdienst (Shabak) zeichnen sich nicht besonders im Verfolgen und Verhindern der Verbrechen aus, zumindest wirkt es so nach außen und manche der jüdischen Landwirte sehen sich gezwungen, private Sicherheitsmänner anzuheuern, um ihre Felder zu schützen.

Berichte über Vandalismus und Zerstörung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen tauchen eher in der lokalen palästinensischen Presse, heute zumeist auf Facebook, und in den Berichten der internationalen propalästinensischen Organisationen auf, als in der israelischen Presse, es sei denn, es handelt sich um großflächigen Schaden. Leider mischen sich unter diese tatsächlichen Angriffe auch solche, die absichtlich von palästinensischer Seite durchgeführt wurden, um dadurch jüdische Bewohner zu belasten. Internationale sowie palästinensische Presse und Organisationen berichten kaum bis gar nicht über arabischen Vandalismus von jüdischem Eigentum und Landwirtschaft.


Jetzt hat sich der Alltag aber dramatisch verändert. In den letzten Wochen und Monaten scheint es, als würde sich die Zerstörungsaktivität in diesem Jahr primär auf die Landwirtschaft und Privateigentum fokussieren. Der offizielle Terminus lautet heute noch immer „landwirtschaftliche Verbrechen“, aber immer mehr wird der Begriff „landwirtschaftlicher Terror“ genannt, und das auch begründet, denn die Zahl der der Öffentlichkeit bekannten Attacken – von arabischer sowie jüdischer Seite aus – ist drastisch angestiegen. Allein im letzten Monat tauchten Berichte von 10 solcher Attacken auf, und das in verschiedenen Gebieten – Samaria und Judäa gleichermaßen – inklusive in dieser und vorheriger Woche! Davon abgesehen werden an der Grenze zum Gazastreifen hunderte von Dunam der israelischen Felder, die den lokalen Kibbutzim angehören, durch über den Zaun hinübergeschicke, mit Brandsätzen beladene Drachen verbrannt. Es kann gut sein, dass sich die aktuelle Angriffswelle ihre Inspiration von den Aktivitäten im Süden geholt hat.

Hier eine Auflistung der (mir bekannten) Vorfälle des landwirtschaftlichen Terrors der letzten vier Wochen. Untersuchungsergebnisse sind mir nicht bekannt:

  • Beschädigte Weinstöcke in Shiloh. Quelle: Yigal Dilmoni

    gestern (27.05): Bis zu 1000 Weinstöcke auf einem jüdischen Weinfeld im Shiloh-Tal (Südsamaria) wurden abgeschnitten. Laut Armeeangaben führen die Spuren ins arabische Dorf Kusra.

  • 25.05: insgesamt 60 Aprikosenbäume und Weinstöcke wurden auf einem arabischen Feld bei Alon Shvut (Gush Etzion) abgeschnitten.
    Abgeholzte Aprikosenbäume bei Alon Shvut. Quelle: Eliaz Cohen
  • 25.05: Ein Feuer war im Waldstück beim Kibbutz Kfar Etzion, ebenso Gush Etzion, ausgebrochen, Hauptvermutung ist Brandstiftung durch Einwohner von Bet Ummar. Video vom Brand. Quelle: Yaron Rosental
    Der brennende Wald bei Kfar Etzion. Quelle: Elyashiv Kimchi
  • 24.05: Brennende Reifen wurden von den umgebenden Hügeln des arabischen Dorfes Bet Ummar aus auf die Kirschplantagen von Kfar Etzion hinuntergerollt und verbrannten mehrere Kirschbäume.
    Verbrannte Kirschbäume bei Kfar Etzion. Quelle: Yaron Rozental
  • 23.05: Brennende Reifen wurden auf die Kirschplantagen von Kfar Etzion von einem nahegelegenen Hügel aus heruntergerollt und verbrannten mehrere Kirschbäume. Aufnahmen der verbrannten Bäume
  • 23.05: Zwei Weintraubenäcker arabischer Bauern in Halhul/Hevron wurden attackiert und bis zu 400 Weinstöcke abgeschnitten. Daneben war ein drohendes Graffiti zu finden – „wir werden überall hinkommen“ – auf Hebärisch.
  • 22.05: Ein arabisches Weizenfeld in Ad-Deirat bei Hevron wurde
    Hassgraffiti bei Ad-Deirat. „Genug des Landwirtschaftsterrors! Wir werden überall hinkommen“. Quelle: ToI

    in Brand gesetzt; daneben wurde auf einem Gebäude ein Graffiti auf Hebräisch mit den Worten „Genug des Landwirtschafts-Terrors“ und „Wir werden überall hinkommen“ gefunden.

  • 01.05: Bericht bei Mako über die Festnahme von vier verdächtigen Palästinensern, die für die letzteren größeren Kirschdiebstähle in Kfar Etzion verantwortlich gewesen sein sollen.
  • 25.04: Bis zu 150 Weinstöcke wurden einem Landwirt bei Tomer, einer jüdischen Ortschaft im Jordantal, abgeschnitten.
    Abgeschnittene Weinstöcke bei Tomer, Jordantal. Quelle: Mako
    Quelle: Ha’aretz
  • Eine Karte bei Ha’aretz verweist auf 13 Attacken auf arabisches Eigentum (inkl.Felder, Autos und Moscheen) zwischen dem 17. und dem 29.April (ohne Verweis auf Attacken auf jüdisches Eigentum).
  • 13.04: Versuchtes Anzünden einer Moschee im Dorf Aqraba bei Nablus/Schchem.
    Die Moschee bei Aqraba. Quelle: Middle East Eye

Dazu sollten auch die nicht dokumentierten Vorfälle gerechnet werden, aber ich habe sie nicht vorliegen.

Einer unserer lokalen Aktivisten in Gush Etzion namens Elyashiv Kimhi, der auch den Oz veGaon-Park und lokale Outdoor-Erlebnisaktivitäten betreut, engagiert sich momentan dafür, eine Art Schutzbrigade aus Freiwilligen zusammenzustellen, um von Attacken und Diebstählen bedrohte Felder über Nacht zu bewachen, da ihm (und nicht nur ihm) die lokale Bewachung als nicht effektiv genug erscheint. Gesucht werden Freiwillige mit Wehrdiensterfahrung in Kampfeinheiten und mit Waffenschein. Ob sich eine Gruppe organisieren wird oder die lokalen Sicherheitseinheiten sich etwas anderes überlegen, ist noch ungewiss.

Quellen: Jerusalem Post, Times of Israel, Middle East Eye, Ynet, Ha’aretz, Mako, Channel 20, Yaron Rozental, Elyashiv Kimhi, Eliaz Cohen, privat