Spieglein, Spieglein – darf man das?

Zuerst leicht veraendert erschienen in der Ausgabe 05/2016 der Juedischen Rundschau.


Der SPIEGEL, Deutschlands populärstes Israel-verabscheuendes Magazin, braucht eigentlich keine Bilder, um die Absichten seiner Autoren zu unterstreichen. Seine Texte tun es bestens. Während beispielsweise die linksradikale Boulevardzeitung taz  nicht ganz für voll genommen werden kann, und die SZ und die FAZ  wenigstens noch versuchen den Anschein von Professionalität zu wahren, so fühlen sich der SPIEGEL und seine Ausgeburten wie „bento“ oder „Unispiegel“ in der deutschen Medienlandschaft selbstbewusst genug, um Israel mithilfe ihrer Autoren ihre Texte ungestraft um die Ohren zu hauen. Denn die Aufgabe des SPIEGELS in Bezug auf den jüdischen Staat besteht schon viele Jahre lange darin, abstoßende Ekel-Reflexe zu erzielen. Ein verfaulter Brei aus Verleumdungen und Halbwahrheiten wirkt als giftige Injektion einer emotional verseuchten Einschätzung des jüdischen Staates. Der SPIEGEL pfeift auf jegliches journalistisches Gewissen, und auf die Objektivität gleich mit.

Die UniSpiegel Ausgabe mit dem betroffenen Artikel. Ausgabe 02/2016
Die UniSpiegel Ausgabe mit dem betroffenen Artikel. Ausgabe 02/2016

Der aktuelle Stoff, der mir unter die Finger gekommen ist, behandelt das Thema „Ferien in Krisengebieten – Urlaub mitten im Nahostkonflikt“, er wurde von David Donschen verfasst und am 27. April 2016 auf der SPIEGEL-Webseite veröffentlicht. Das „Besondere“ daran: Das Kunstwerk ist bebildert. Illustriert von Philipp Lemm – zum besseren Verständnis für Leser, die schwer von Begriff zu sein scheinen. Es ist nämlich offiziell in der Mai-Ausgabe des Magazins „UNISPIEGEL“ abgedruckt worden; der „UNISPIEGEL“ ist für junge Leute gedacht, junge Leute sind der Ansicht der Redaktion nach schwer von Begriff – Idioten, auf gut deutsch, und die sollen die ihnen vorgelegte Idiotie auch noch mit Bilderchen im Comic-Format verziert bekommen, damit das Schlucken einfacher fällt. Die Portion wird ihnen auch noch kostenlos in den Mund gesteckt, denn der „UNISPIEGEL“ wird an den meisten Hochschulen kostenlos ausgelegt. Und die jungen Leute beeilen sich offenbar nicht, aus der Kategorie „leicht zu fütternderIdioten“ auszubrechen und man darf annehmen, dass sie in diesem Fall ganz bequem das schlucken werden, was man ihnen bebildert vorkaut.

Neugierig geworden? Dann los, lasst uns, nach Originalwortlaut des Textes, „die Hände schmutzig machen“ und das kostenlose Drecksstück auseinander nehmen.


Zunächst eine Frage: Welcher von den drei gezeichneten Personen ist der jüdische Siedler?

Illustration: Philipp Lemm
Illustration: Philipp Lemm
Illustration: Philipp Lemm
Illustration: Philipp Lemm
Illustration: Philipp Lemm
Illustration: Philipp Lemm

Nicht erraten? Es sind die zwei, die euch besonders unangenehm anstarren. Es ist nicht der nette bebrillte Junge im mittleren Bild. Der nette bebrillte Junge auf den Bildern heißt Eric und ist die Hauptfigur im Text. Er kommt aus den USA und mag Öko-Tourismus und Biofarmen. Um eine solche kennenzulernen, fährt er zu einer Dattelfarm im Jordantal, welche an der israelisch-jordanischen Grenze liegt, und arbeitet dort einige Tage zusammen mit einem Einheimischen auf seiner Dattelfarm. Sonne, Palmen, Datteln, Handarbeit. Hört sich soweit gut an und ist nicht schwer zu verstehen.

Bei meiner simplen Zusammenfassung tauchen aber schnell die ersten Probleme auf. Problem Nummer Eins: Einheimischer. Schön und gut, der amerikanische Tourist kommt zu einem Ortsansässigen, aber der Ortsansässige heißt nicht Achmed, Machmud oder Ra‘ed. Dann würde er nämlich ein ganz normaler Anwohner sein. Aber Eric arbeitet bei jemandem, der anders heißt:

Er…hebt gemeinsam mit dem israelischen Siedler Eyal einen Graben aus.

Eyal ist ein jüdisch-hebräischer Name. Daher ist die Identität des „Einheimischen“ oder „Anwohner“ problematisch, denn es gilt: jüdische „Einheimische“ gibt es nicht im Westjordanland. Juden gibt es dort nur als Soldaten, oder Siedler. Daher mag Eyal dort vielleicht wohnen, aber ist kein Einheimischer, diesen Status verdient er nicht. Er ist Siedler. Das ist schon eine ganz andere Kategorie von Mensch.

Problem Nummer Zwei: Seine Dattelfarm. Eyal ist zwar zugegeben einer ihrer Betreiber, aber hier ist der Haken: Siedler können keine Dattelfarmen haben, die ihnen gehören. Denn das Land, auf dem sie wohnen siedeln, kann ihres nicht sein. Sie mögen es persönlich gekauft haben, es mag niemandem zuvor gehört haben, es kann leer und steinig und unbebaut jahrzehntelang herumgelegen haben, sie mögen alle Nachweise dafür besitzen, dass dieses Land nach allen Rechten ihr Privatland ist und darauf Produkte kultivieren wollen – egal. Siedler sind per definitionem Landräuber. Denn es gibt keine „freilebenden“ Juden im Westjordanland. Juden sind Landräuber, entweder in Gestalt von Soldaten oder von Siedlern. Sie können kein Land besitzen. Erst recht keine Farm.

Eric ist ein netter Mensch. Er sieht nett aus, kommt, um Urlaub zu machen und hat auch nette Ansichten, die der SPIEGEL auch direkt dem Leser mitteilt, um Eric nicht allzu schlechtzumachen:

„In einer perfekten Welt gäbe es eine Zweistaatenlösung. Manche Leute sagen, die Juden hätten Anspruch auf das Westjordanland, weil Gott es ihnen gegeben hat“, meint Eric. Er halte aber eher zu den Palästinensern. „Die sind die Underdogs.“

Aber dennoch hilft Eric seine Haltung nicht. Denn er ist einer der Menschen, die der SPIEGEL in diesem Text eigentlich geißeln will: Er ist ein Kollaborateur, er macht gemeinsame Sache mit dem Siedler, denn er macht „Urlaub mitten im Nahostkonflikt“, und hier stellt das deutsche Magazin endlich die alles entscheidende Frage: Darf man das eigentlich?

„Darf man das eigentlich – hier Arbeitsurlaub machen? Oder facht man damit einen Konflikt an, der seit Jahrzehnten die Welt in Atem hält? Wie viel Verantwortung trägt ein Tourist?“

Spieglein, Spieglein an der Wand, darf man das eigentlich? Sich auf jüdischen Farmen die Hände schmutzig machen, darf man das eigentlich? Hinter Zäunen arbeiten, die Juden vor den Angriffen ihrer Nachbarn schützen, darf man das eigentlich? Menschen besuchen, die zu Illegalen erklärt wurden, darf man das eigentlich?

„Die Farm…steht mitten in einer Krisenregion und wird von israelischen Siedlern betrieben, die unter anderem nach Ansicht der deutschen Bundesregierung gegen internationales Recht verstoßen. Auch die EU erkennt das Westjordanland nicht als Teil Israels an – und hat Ende 2015 sogar eine Kennzeichnungspflicht für Produkte aus israelischen Siedlungen beschlossen.“

Als 1917 der britische Außenminister Lord Arthur Balfour in einer offiziellen, amtlichen Erklärung mitteilte, der jüdischen Bevölkerung der osmanischen Provinz und dem zukünftigen britischen Mandatsgebiet Palästina ein „nationales Heim“ zuzugestehen, da setzte er die Grenzlinien für dieses Heim nicht an

UniSpiegel, Ausgabe 2/2016
UniSpiegel, Ausgabe 2/2016

der heutigen Grünen Linie. Als das Wort „Westbank/Westjordanland“ zum ersten Mal von den Briten verwendet worden war, betraf es das gesamte Gebiet links vom Jordanfluss bis zum Mittelmeer. Und als die NSDAP unter der Führung von Adolf Hitler in den 30er Jahren den Slogan „Juden raus! Auf nach Palästina!“ unter die Leute brachten, hätte niemand im Traum daran gedacht, dass ihre Nachkommen 70 Jahre später die Juden zu einem „raus aus Palästina“ auffordern würden.

“WWOOF steht für ‘Worldwide Opportunities on Organic Farms’. Nur Biobauernhöfe dürfen hier inserieren. Auf der Webseite ist die Rede von „kulturellen Lernerfahrungen“ und dem „Aufbau einer nachhaltigen, globalen Gemeinschaft“. Die politischen Umstände, unter denen die Biofrüchte gedeihen, scheinen Betreiber und Urlauber weniger zu interessieren.“

Hunderte von Deutschen, Franzosen, Schweden, Amerikanern, Briten und anderen engagieren sich Jahr für Jahr auf „palästinensischen“ Farmen, Feldern, in „palästinensischen“ Schulen mit dem Hass-Curriculum der PA über Projekte wie Karama, UNRWA, Oxford Center, Volunteers for Peace, um dort „kulturelle Lernerfahrungen“ zu sammeln, nehmen an gewalttätigen Auseinandersetzungen und illegalen Aktivitäten teil als Teilnehmer von Programmen wie „Palestine Solidarity Project“ oder TIPH, offenbar um den „Aufbau einer nachhaltigen, globalen Gemeinschaft“ zu fördern und das im vollen Bewusstsein der „politischen Umstände“ und ihrer Auswirkungen. Dann kommt aber ein US-Amerikaner, Eric, und bei der Wahl seines Urlaubsziels

ist ihm Politik weitestgehend egal.

Hier könnte man aufatmen und sagen „Endlich, da will einer nur friedlich pflanzen!“, doch gerade den politisch desinteressierten Eric nimmt der SPIEGEL ins Visier. Und da er den naiven Kerl nicht als Radikalen oder Fundamentalisten darstellen kann, so verwandelt das Magazin ihn in einen Kolloborateur:

„Die Freiwilligen auf der Siedlerfarm sind aber nicht nur stille Beobachter. Sie gehen den Siedlern zur Hand und legitimieren damit eine Besatzung, die die EU verurteilt.“

Leider hat niemand das Spieglein gefragt, daher übernehme ich die Drecksarbeit und frage: Die EU, die die Besatzung verurteilt, investiert auf einem in internationalen Abkommen Israel zugesprochenem Land in illegale Gebäude, Strukturen und Aktivitäten. Darf die EU das eigentlich? Verurteilen, für illegal erklären und illegal investieren? Aber gehen wir zurück zu Eyal, denn dieser bekommt ordentlich sein Fett weg, nicht nur der naive Eric:

„…seit Israel das Westjordanland 1967 im Sechstagekrieg besetzt hat, ist das Gebiet um den Jordan militärische Sperrzone. Die gut gesicherte Grenze sollte vor dem Einmarsch feindlicher Truppen schützen. Und die, die von jeher im Grenzgebiet wohnten, mussten nach und nach weichen. Ende der Sechzigerjahre wurden Hunderte palästinensische Familien von der israelischen Armee vertrieben. Danach hatten nur noch israelische Soldaten Zutritt. Erst 20 Jahre später erlaubte die Armee israelischen Siedlern schließlich, sich in den fruchtbaren Gebieten am Fluss niederzulassen. Dort, wo einst Palästinenser Obst und Gemüse angebaut hatten, wachsen nun Datteln ‚made in Israel‘.“

Im Jordantal rund um die Autobahn 90, zwischen der Bet ha Arava-Kreuzung und bis zu den Wassereservoirs des Kibbutz Tirat Zwi hinter der Grünen Grenze befinden sich mindestens 10 große und kleine „palästinensische“ Ortschaften, die über 20.000 Einwohner starke Stadt Jericho nicht mit eingerechnet. Zwischen 1948 und

Mit Sprechblasen zum besseren Verstaendnis versehen. "Ferien im Krisengebiet"
Mit Sprechblasen zum besseren Verstaendnis versehen. „Ferien im Krisengebiet“

1967 herrschte Jordanien über dieses Gebiet sowie über ganz Judäa und Samaria (= Westjordanland), und siedelte dort viele der „Palästinenser“ an, die infolge des Unabhängigkeitskrieges nach Jordanien geflohen waren. 1967, als das Gebiet durch die israelische Armee von der jordanischen Herrschaft befreit worden war, floh ein Großteil dieser, „palästinensischen“ Siedler, zurück nach Jordanien. Dennoch bestehen in diesem Gebiet arabische Ortschaften. Daneben befinden sich 22 dünnbesiedelte jüdische Gemeinden und die Plantagen an der Grenze zu Jordanien. Nach den Oslo-Abkommen 1994 gehört der Großteil des bewohnbaren Jordantals zum C-Gebiet, also verwaltet durch israelisches Militär und die Zivilbehörde. Die Stadt Jericho unterliegt der vollständigen Autonomie der PA und ihr Betreten ist für Israelis verboten.

Finden all diese Nuancen ihren Platz im Text von David Donschen? Unnötig zu fragen – für „UNISPIEGEL“ muss man sich keine Mühe mit historischen Fakten geben. Ominöse Andeutungen und Behauptungen reichen:

„Eine Gruppe Palästinenser rief kürzlich das höchste israelische Gericht an. Sie beklagen, dass ihnen der Zutritt zu ihrem Privatbesitz verwehrt wird – und stattdessen israelische Siedler auf ihrem Land Farmen betreiben. Die Entscheidung des Gerichts steht noch aus.“

Um welche Gruppe, um welchen Privatbesitz, welches Land und welche Farmen handelt es sich dabei? Richtig, Rückfragen gelten nicht beim Spieglein an der Wand. Eyal ist ein verbohrter jüdischer Siedler:

„Freiwillig hergeben wird Eyal seine Dattelbäume nicht. Die Farm soll sogar weiter wachsen.“

Deshalb ist jede Unterredung mit Eyal fehl am Platz, selbst wenn man ihn noch so nett bitten würde, seine Farm doch gefälligst abzubauen, auch wenn das höchste israelische Gericht noch gar nicht entschieden hat – Eyal wird nicht nachgeben, denn

für Eyal stellt sich die Frage nach dem rechtmäßigen Besitzer erst gar nicht.

Des SPIEGELs Aufgabe ist es, als mutiges Magazin die korrekten Antworten herauszufinden und zu liefern. „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der rechtmäßige Besitzer im ganzen Land?“ Ach, hätten doch Lord Balfour, die UN-Vollversammlung, Mosche Dayan, Bill Clinton, Jitzak Rabin und Benjamin Netanjahu so ein Spieglein bei sich zuhause hängen, es hätte ihnen schon längst alle wichtigen Antwort geliefert. Man hätte sich Arafat, Nasrallah, Ahmadinedschad und Haniyeh sparen können. Der SPIEGEL weiß das schon seit Langem, man muss ihn nur fragen.

Aber Eyal stellt keine Fragen, insbesondere nicht an den SPIEGEL, und bei so viel Verbohrtheit kann das Spieglein gar nicht anders und erklärt ihn für illegal (im ganzen Land?).

Obwohl Eyal von Gott und dem Erbe des jüdischen Volkes spricht, ist er kein religiöser Fundamentalist. Anstelle einer Kippa, dem Erkennungszeichen religiöser Juden, trägt er ein Basecap mit dem Logo eines Traktorherstellers.

Darf man das eigentlich, von Gott und dem Erbe des jüdischen Volkes sprechen? Denn dann ist man doch ein religiöser Fundamentalist!

Der SPIEGEL kann aber auch verständnisvoll sein. Er versteht beispielsweise, dass die Siedler auf ihrer Farm nervös sind; denn im Jahr 2002, so schreibt David Donschen,

stürmte ein bewaffneter „Palästinenser“ in die Siedlung und tötete einen Soldaten, eine Frau und ihre elfjährige Tochter.

Dennoch ist der Zaun um die Siedlung herum, bei welcher drei Menschen durch ein „palästinensisches“ Attentat aus heiterem Himmel ermordet worden sind, „abschreckend“:

„Von Eyals Veranda aus blickt man auf den abschreckenden Zaun, der die Siedlung umschließt.“

Und auch:

„…erheben auch die Palästinenser Anspruch auf die Fläche, auf der Eyals Dattelpalmen stehen. Doch ein vier Meter hoher Zaun versperrt ihnen den Weg.“

Ich zu meinem Teil als praktisch denkender Leser würde es sehr positiv finden, dass ein Ort, deren Bewohner und Bewohnerinnen von Attentätern bedroht sind, einen Zaun um sich hat, der potenzielle Attentäter abschrecken kann und diesen bei ihren Plänen den Weg versperrt. Aber für den SPIEGEL ist der Gedanke an die eigene Sicherheit eine egozentrische und verpönte Weltsicht:

„Die Touristen auf Eyals Farm scheint der ewig schwelende Konflikt höchstens dann zu interessieren, wenn sie sich Sorgen um ihre eigene Sicherheit machen.“

Dass die Einwohner selbst unter den Konsequenzen dieser Sorgen zu leiden haben, findet beim SPIEGEL nicht etwa eine Legitimierung, es findet nicht einmal Erwähnung. Denn wenn laut David Donschen Palästinenser „Anspruch auf die Fläche erheben“ und sie ein „vier Meter hoher“ Zaun von ihren gefühlten Ansprüchen trennt, dann kann man auch schon mal ausrasten, bewaffnet in die Siedlung stürzen und jemanden umlegen. Ein Zaun schreckt dabei nur ab, versperrt den Weg und stört bei der Ausführung der gerechtfertigten Tat. Darf man das eigentlich, unschuldige bewaffnete „Palästinenser“ bei ihrem Vorhaben behindern?

„Während die Weltgemeinschaft darüber berät, ob die Siedlungen nun legal oder illegal sind, schafft Eyal Fakten.“

Hier hat Eyal entgültig sein Existenzrecht verspielt. Denn Eyal schafft Fakten, ohne vorher nachzufragen, ob er das eigentlich darf. Er fragt nicht die Weltgemeinschaft, die EU, und was noch wesentlich schlimmer ist – er fragt nicht mal den SPIEGEL!

Um diese Farm geht es: Farm 298 in Hamra. Als Region wird "West Bank - Jordan Rifr Valley" verzeichnet.
Um diese Farm geht es: Farm 298 in Hamra. Als Region wird „West Bank – Jordan Rift Valley“ verzeichnet, sie wird aber unter WWOOF Israel gezaehlt.

„Inzwischen steht Eyals Farm auf WWOOF und anderen Freiwilligen-Plattformen wieder zur Auswahl, und er empfängt wieder zahlreiche Freiwillige, die anschließend Bewertungen auf dem Onlineportal hinterlassen. So wie Katleen aus Deutschland. Sie schreibt: ‚Es wird dir gefallen, wenn du kein Problem damit hast, dir die Hände schmutzig zu machen‘.“

Gut gebrüllt, Katleen. Genauso wie ein jeder, der kein Problem damit hat, sich die Hände schmutzig zu machen, wenn er sich diesen Text zu Gemüte führen will.

Jetzt würde ich mich am Liebsten fragen wollen, „darf der SPIEGEL das alles eigentlich?“ Aber ich fürchte, das Spieglein an der Wand wird meine Frage nicht besonders mögen. Daher nehme ich das Risiko nicht auf mich und beantworte mir die Frage selbst.

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20.Sächsische Israelkonferenz – ein Rückblick

Am Sonntag, dem 22.05.16, ist meine viertägige, lange eingeplante und gutes Gewissens als Kurzurlaub einstufbare Sachsenreise zu Ende gegangen. Gleichzeitig fand auch die 20.Israelkonferenz der Sächsischen Israelfreunde e.V. ihr Ende, mit einer abschließenden

"Warum toben die Heiden?" (Psalm 2,1) Logo der Israelkonferenz. Wer wissen will, warum sie toben - einfach Psalm durchlesen.
„Warum toben die Heiden?“ (Psalm 2,1) Logo der Israelkonferenz. Wer wissen will, warum sie toben – einfach Psalm durchlesen.

Veranstaltung in der Sachsenlandhalle Glauchau, welche für diese Zwecke für 3 Tage gemietet worden war. Am letzten Tag kamen auch israelische offizielle Gäste der israelischen Botschaft in Berlin zum Event, aber diese musste ich leider vepassen – da saß ich schon im Flugzeug Richtung Heim, Richtung Israel, Richtung Judäa und meinen Wohncontainer auf dem Hügel.

Dem berühmten Wohncontainer, den mittlerweile schon dutzende Menschen besucht und wohl Hunderte über ihn erzählt bekommen haben müssten, ist es zu verdanken, dass ich nach Sachsen gelangen konnte, für ein Wochenende Ende Mai, und die Gelegenheit bekommen habe, christliche Gemeinschaften kennenzulernen, die ich bisher nie gekannt habe. Nicht in Deutschland und nicht anderswo. Und das war für mich eine hochspannende Erfahrung. Spannend, weil es neugierig gemacht hat, weil es mir neues Verständnis über Menschen und ihre Wertvorstellungen gegeben hat, weil es mir eine andere Perspektive über einen Teil Deutschlands ermöglicht hat – und auch weil das

Foto: W.H.
Foto: W.H.

Treffen ein nutzenswertes Potenzial in sich barg und birgt. Ich dürfte mittlerweile auch für die Leser meines Blogs als ein relativ offener, zumindest aber wagemutiger und neugieriger Mensch bekannt sein, und deshalb sollte es niemanden überraschen, dass ich mich auf eine religiöse, christliche Konferenz gewagt und dort gar einen Vortrag gehalten habe, als orthodoxe Jüdin. Und das auch noch am Shabbat*.


Worum es ging

Zunächst zur Konferenz. Veranstaltet wurde sie schon zum 20. Mal 20160520_181519.jpgvon dem Verein der Sächsischen Israelfreunde (gegründet in Dezember 1999). Der Verein versteht sich als proisraelisch, lehnt Judenmission gemäß Satzung und Verordnung ab; seine Mitglieder kommen aus verschiedenen christlichen Strömungen. Die Zentrale

Stand der Sächs. Israelfreunde
Stand der Sächs. Israelfreunde

befindet sich in Schönborn (Sachsen). Der Verein unterstützt israelische Aktivitäten, vermittelt ein positives Bild des Staates Israel, fördert Interesse am jüdischen Volk und Brauchtum, bestärkt den Bezug von Christen zu den jüdischen Heiligen Schriften neben  dem christlichen Neuen Testament und veranstaltet auch Reisen nach Israel, nämlich über den stellvertretenden Vorsitzenden und Reiseleiter Werner Hartstock

Werner Hartstock (links).
Werner Hartstock (links).

(israelreise.de). Er ist es, der mich durch meinen Blog irgendwann vor etwa einem Jahr „aufgetrieben“ hat und mir eine Zusammenarbeit vorschlug. Seitdem haben sich einige Reisegruppen bei mir gemeldet und sind zu meinen Führungen in Alon Shevut gekommen, und so entstand auch die Idee für meinen Vortrag bei der Konferenz.

Die Konferenz, zu welcher verschiedene weitere christliche und pro-israelische Organisationen und Vereine eingeladen wurden (unter anderem auch der Jüdische Nationalfonds KKL), fand zum zweiten Mal in der Großen Kreisstadt Glauchau statt, davor in den Jahren 2004 und 2006. (Glauchau ist ein sehr netter und freundlicher 20160522_060826Ort mit einem gemütlichen Landhotel, mehreren kleinen Wäldchen, vielen Wiesen und Kleinvieh und von der Gesamtfläche ist es sicherlich 20160522_060223um einiges größer als Alon Shevut. Dabei ist es bei weitem keine „Große Kreisstadt“, erst recht nicht nach deutschen Maßstäben. Man erklärte mir dazu, das liege an den vergleichsweise großen Fördermitteln, welcheWhatsApp-Image-20160522 (13) Glauchau bekommen würde.) Ansonsten hatte die Konferenz schon einige Orte und Gemeinden erreicht, es würden sich einige Organisationen immer wieder dazugesellen. Das Publikum, so

Leuchterausstellung vor der Bühne
Leuchterausstellung vor der Bühne

Werner Hartstock, der mich während dieser Zeit  unter seine „Fittiche“ genommen hatte, sei aber oftmals schon bekannt und käme zur Konferenz wie zu einem Familientreffen. Tatsächlich waren in den drei Tagen alle Altergruppen vertreten, von Kleinkindern bis zu Älteren. Ein Familientreffen ist natürlich auch nichts schlechtes, es bestärkt, fördert einen Zusammenhalt, Zusammenarbeit und ermöglicht es auch, sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten, was beim Thema Israel unbedingt notwendig ist, bei der Dynamik, mit welcher sich die Dinge im und ums Land verändern. Aber natürlich sollten sich auch junge Leute mehr zeigen und sich informieren, und  daran sollte man noch arbeiten. Ich habe mich eher überraschen lassen von der Anzahl der jungen Menschen (dazu gehören auch Mittvierziger), die zur Konferenz und auch zu meinem Vortrag gekommen waren. Sie hatten nicht ausgesehen, als fühlten sie sich fehl am Platz; im Gegenteil, sowohl beim musikalischen Teil des

Ensemble Route 77.
Ensemble Route 77.

Programms (u.a. der Gospelchor Voice Point und das Ensemble Route 77, die mit einer jungen Besetzung aufgetreten sind) als auch bei den Vorträgen  und Gebeten waren sie rege dabei.

Die Organisationen und Werke, welche sich mit ihren Ständen auf der Konferenz vorstellten, hatten in beinahe allen Fällen direkten Bezug zu Israel aufgebaut, die meisten richteten sich auf Vermittlung jüdischer/alttestamentarischer Werte an die christliche Gemeinschaft aus, und die Unterstützung von Israel und dem „außerwählten Volk Gottes“, wie wir Juden dort entsprechend der Texte der Tora genannt wurden. Die meisten kamen aus Deutschland, einige wenige schienen aus der Schweiz zu stammen.

Mitternachtsruf, Schweiz
Mitternachtsruf, Schweiz

Auch Produkte und Souvenirs aus Israel wurden massenhaft angeboten (Old Abraham, Israelweine, leider boten sie keine Produkte aus Judäa und Samaria an) und

Old Abraham - Israelprodukte. Vielleicht in Zukunft auch aus den Siedlungen?
Old Abraham – Israelprodukte. Vielleicht in Zukunft auch aus den Siedlungen?

offenbar auch vielfach gekauft. Mir kam  es ganz besonders zugute, da ich mir für den Shabbat koscheren Wein kaufen konnte, von dem ich dank der strengen Handgepäckbestimmungen im Flugzeug nicht zu träumen gewagt hatte.

Wer war dabei?

Was für Organisatonen waren denn nun vorhanden? Als größere Vereine traten natürlich die Sächsischen Israelfreunde, die Veranstalter, auf, welche verschiedene Projekte darboten – so die Israelreisen und das Handwerkerteam zugunsten Holocaustüberlebender in Israel (näheres siehe hier). Außerdem befanden sich auch das ICEJ (International Christian Embassy in Jerusalem) und das Christliche Forum Für Israel (CFFI), eine auf junge Leute ausgerichtete Organisation vor Ort. Weitere Infostände: Israel Connect, Feigenbaum, Ruf zur Versöhnung,

Das Martin-Bucer-Seminar.
Das Martin-Bucer-Seminar.

Martin Bucer Seminar, Zedaka und andere. Einige Vereine und Verlege („Bücherstube Gotter“ von Wilfried Gotter) eröffneten Stände mit einem großen Buchangebot. Unter den Autoren ließen sich aus der nichtchristlichen/religiösen Szene Bücher

Hashtags und Mikrophone. Glauben in moderner Form
Hashtags und Mikrophone. Glauben in moderner Form

von Ulrich Sahm, Doron Schneider, Hans-Peter Raddatz, Mosab Hassan Yousef („Sohn der Hamas“) und auch dem Rabbiner Yehuda Bohrer aus der Siedlung Bet El finden, welcher regen Kontakt zu den Organisatoren pflegt, den ich auch auf meine Besuchsliste gesetzt habe und hoffentlich auch bald über ihn berichten können werde. Ansonsten war natürlich viel Literatur zur christlichen Thematik vorhanden und selbst mir eher als Journalist und Reiseführer bekannte Johannes Gerloff entpuppte sich zu meiner  Überraschung als

Johannes Gerloff (c) W.H.
Johannes Gerloff (c) W.H.

Bibelkommentator mit einem entsprechenden Buch („Verflucht und von Christus entfernt, Eine Studie zu Römer 9-11“, SCM Hänssler). Offenbar war ich eine der Wenigen, die davon nichts gewusst hatten. Die deutsche Schuld am jüdischen Volk, der Wunsch, diese im Nachhinein zu kompensieren oder sie „erträglich“ zu machen, ob durch soziale Unterstützung oder das Einstehen für Israel auf der politischen Ebene, war ein wiederholtes, wenn auch kein hauptsächliches Motiv. Sogar ein speziell formuliertes Schuldbekenntnis lag  aus, aber der deutliche Aspekt bezog sich dabei auf das Religiöse, die Verantwortung als Christen für die Versäumnisse und Verbrechen der Nazizeit vor allem seitens der christlichen Gemeinden auf praktische Art und Weise zu „sühnen“.  Politik ließ sich dabei nicht erkennen, und auch nicht etwa die Schlussfolgerung, welche der Journalist Tuvia Tenenbom einst in seinem Buch „Allein unter Juden“ aufgeführt hatte: Aus Schuldgefühl gegenüber den Juden würden die Deutschen jetzt den Palästinensern helfen.

Kritisch oder suspekt?

Ein breites und offenbar neu hinzugekommenes Themengebiet machte die islamkritische Literatur aus. Bücher wie „Von Gott zu 20160520_171357Allah“ , „Islamismus Kurz und Bündig – Wenn Religion zur Politik wird“, „Mekka Deutschland – die stille Islamisierung“, „Allahs Frauen“ und andere ließen sich entdecken; natürlich ließ man auch das Thema Islamischer Staat nicht aus: eindeutig ein gutes Fressen für liberaldemokratische Konservativkritiker. Ich als vom israelischen Standpunkt aus kommende Betrachterin, mit einem relativ großen Vorwissen der islamischen und christlichen Geschichte, konnte mich  davon freilich  nicht sonderlich beeindrucken lassen. Populistische Botschaften sind zunächst einmal kein Alleinerbe religiöser Strömungen, 20160520_171255sondern gleichermaßen auch im säkularen und linksliberalen Sektor zu finden; und vom religiösen Standpunkt aus  – und um diesen ging es ja bei der Konferenz – ist die Sorge des modernen Christentums vor dem Islam mehr als gerechtfertigt; die Flüchtlingswelle hat Ängste ausgelöst, die zuvor nur geschlummert hatten, und IS ist ein Phänomen, das in allen Kreisen Beachtung verdient. Was mich doch eher überrascht hat, waren „praktische Anleitungen“, wie gläubige Christen Muslimen begegnen können – natürlich mit missionarischem Zweck. Ironie der Geschichte – die  beiden größten und machtvollsten monotheistischen Religion, die als einzige auf Mission ausgerichtet sind, schreiben für ihre Anhänger Bücher, wie man den jeweils anderen bekehren zu bekehren habe. Denn man sollte sich keine Illusionen machen – die Zielsetzung des Islams ist seine Verbreitung unter allen  Nichtmuslimen und Zwangskonversionen sind bis heute eine Regel im Islam. Da konnte sich unsereiner auch mal ein verschmitztes Lächeln erlauben und sich als der sogenannte Dritte „freuen“ – in der Satzung der Sächsischen Israelfreunde und der Konferenzveranstaltung ist festgelegt worden, dass Judenmission (mehr dazu – gut erklärt) nicht erlaubt sei. Tatsächlich, nach meinem persönlichen Ermessen und der Lektüre etlicher Flyer der Aussteller konnte ich nichts „Verdächtiges“ erkennen. Das Wort bzw. das Thema „evangelistisch“ fiel nur ein einziges Mal, nämlich im Zusammenhang mit einem angebotenen Büchlein eines entsprechenden Vereines, aber auch da mal wieder nichts zur Judenmission.

[Der folgende Absatz wurde nach Absprache und erneuter Recherche korrigiert.]

Eine Organisation, die mir als solche, trotz ihrer Ausführungen, doch suspekt erschien, war das Werk

Äthiopienarbeit Fassika - Stand
Äthiopienarbeit Fassika – Stand

„Äthiopienarbeit Fassika – Matthias Franke“. Ich hatte leider keine Zeit, über dieses ausführliche Informationen einzuholen. Weshalb es mir suspekt erscheint: Das eine ist eine proisraelische Thematik, in dessen Rahmen man sich mit israelisch-jüdischer Geschichte und Religion auseinandersetzt, etwas anderes ist finanzielle (oder geistige, und wenn ja, welcher Ausrichtung?) Hilfe für ahnungslose Hilfsbedürftige, welche ansonsten links gelassen werden – solche wie Juden in Äthiopien in ihren gottverlassenen Unterkünften, welche sich leider schnell überzeugen lassen von den einen oder anderen Ideen, um schnell an gute Lebensumstände oder in das Land ihrer Träume zu gelangen. Im Gegensatz zu Holocaustüberlebenden in Israel sind diese ein problematisches Publikum, und wenn jemand das ausnutzen wollte, um Missionierung zu betreiben, würde es demjenigen leicht fallen…

Ein Thema, das sehr ins Auge stach, war das der messianischen Juden (mehr dazu – gut erklärt).  In Israel selbst befinden sich etwa 80 sich als solche definierenden Glaubensgemeinschaften (Quelle: TIME, Stand 2008), welche als Juden vom Oberrabbinat und anderen orthodoxen und konservativen Strömungen nicht anerkannt werden. Einige davon sind Konvertiten oder Nachkommen von solchen, andere sind Juden, allerdings mit Partnern nichtjüdischer Herkunft verheiratet, andere definieren sich als Juden, sind es aber entsprechend des jüdischen Religionsgesetzes nicht. Mission welcher Religion auch immer ist in Israel per Gesetz verboten. Was diesen Gemeinschaften bleibt, ist offenbar nur die Unterstützung ihrer Brüder und Förderer im Ausland, und so erhalten sich die Gemeinden in Israel. Messianische Juden in Israel sind generell patriotisch eingestellt, zumeist religiös, dienen in der Armee. Während meiner Armeezeit durfte ich einige kennenlernen, und

Beit Sar Shalom-Stand
Beit Sar Shalom-Stand

selbst während meiner Arbeit bei der lokalen Sicherheit in Gush Etzion konnte ich die Bekanntschaft eines messianischen Sicherheitsmannes aus der Gegend machen. Bei meiner Nachfrage, weshalb messianische Juden und sie unterstützende Organisationen (wie Beit Sar Shalom) bei der Konferenz dabei wären, wurde dies beantwortet mit:

„Nach unserem Verständnis sind sie immer noch Juden. Wir mischen uns nicht in innerjüdische Angelegenheiten ein.“ Sei es drum, es war eine christliche Konferenz.

Die Atmosphäre

Die Besucher der Veranstaltung (bis zu 900 Teilnehmer ingesamt) brachten viel Lebhaftigkeit und gute Laune zur Veranstaltung mit. Es war für mich. auch im sozialen Sinne eine erfrischende Erfahrung, Menschen mit einem ganz anderen Charakter zu treffen, als ich es bisher von Deutschen im Land gekannt habe. Ich bin hierbei ehrlich und nehme auch kein Blatt vor den Mund – es fiel mir viel einfacher und es war auch viel angenehmer und entspannter, sowohl mit den Besuchern der Konferenz als auch im Allgemeinen innerhalb Sachsens zu kommunizieren, als ich es bisher in Großstädten in Deutschlands Westen erleben durfte. Natürlich waren auch

Ein Paar aus einer Ortschaft nahe Magdeburg kamen über Berlin mit einem Wohnwagen daher.
Ein Paar aus einer Ortschaft nahe Magdeburg kamen über Berlin mit einem Wohnwagen daher.

Besucher aus anderen Orten gekommen, solchen wie Kassel, München, Berlin und Magdeburg. Die Mehrheit machten allerdings sächsische Teilnehmer aus. Ich mag mich anhören, als würde ich eine anthropologische Studie schreiben wollen, aber das maße ich mir nicht an; ich gehe  nur von meiner Erfahrung aus, vergleiche diese und halte es hier fest. Ich habe selbst kein großes Verständnis von deutscher Politik und ihren Eigenheiten und kein Interesse, von innerdeutschen Ansichten beeinflusst zu werden. Es mag verstärkt aufkommenden Fremdenhass in Sachsen geben oder eine Attitüde, die als solche bezeichnet wird. Ich glaube an die Freiheit der Meinung und der persönlichen Einstellung einem jeden gegenüber, solange diese nicht auf Unwissen oder Indoktrinierung basieren. Auf dieser wie auch auf meiner vorherigen Reise durch Erfurt und Reichenbach durfte ich die Einwohner der neuen Bundesländer als humorvoll, selbst- und auch sonst kritisch, realitäts- und menschennah erleben, mit einem guten Spürsinn für staatliche Propaganda, mit einer einfachen Herangehensweise an das Gegenüber und mit einem Potenzial, sich politischer Korrektheit entgegenzusetzen. Natürlich ist die Herzlichkeit hier nicht annähernd der orientalisch-mediterranen ähnlich, aber ganz ehrlich – das erwartet auch niemand. Dafür kann man ja auch nach Israel fliegen! Ansonsten muss auch der religiöse Aspekt seine Rolle gespielt haben, denn außer der allerkleinsten gemeinsamen Nenner wie „Mensch“ oder „deutschsprachig“ konnte auch die Religiösität und ein mehr oder weniger gemeinsames Gottesverständnis als Grundbasis dienen. Und Gemeinsamkeiten verbinden.

Foto: W.H.
Foto: W.H.

Soweit zu meinen Gedanken.  Was meinen Vortrag betrifft, so wurde dieser im Rahmen der für jüngere Leute gedachten Vorträge seitens des CFFI (Theresia Ebert) eingerichtet, es kamen allerdings Zuhörer aus verschiedenen Altersgruppen. Meine Erklärungen und Erzählungen über die Welt der Siedler von Judäa und Samaria, die politischen Hintergründe zur „Westjordanlandproblematik“ und meinen Werdegang hatten die Vortragszeit leicht überzogen, dafür hatten die Zuhörer anschließend die Gelegenheit, mit mir persönlich

Foto: W.H.
Foto: W.H.

zu sprechen und diese Option wurde gerne genutzt. Besonders gefreut hatten mich die Fragen und Rückmeldungen der Jugendlichen und Studenten unter ihnen.

Mit dem Vortrag war meine eigentliche Mission auf der Veranstaltung zu Ende, ich hielt mich allerdings noch eine Weile des Spaßes halber auf dem Gelände auf; das Wetter war herrlich, die Landschaft grün und erfrischend und die Atmosphäre ähnelte sehr einem Volksfest. Wie schon erwähnt, war die Veranstaltung durchaus kinderfreundlich und viele brachten tatsächlich ihre Familien mit. Der nahegelegene Spielplatz neben einem kleinen

Mit Theresia Ebert (CFFI)
Mit Theresia Ebert (CFFI)

Tümpel kam dabei sehr zugunsten wurde gut genutzt.  Am Abend ging der Shabbat spät aus; was übrig blieb, war Packen, kurz draußen die frische Waldluft schnuppern und am Morgen früh zum Flughafen nach Prag fahren, über welchen ich nach Deutschland gekommen war. Der letzte Tag der 20.Israelkonferenz in Glauchau verging ohne mich.

Fazit

„Warum machst du es eigentlich?“, wurde ich von einigen gefragt – hier auf dem Blog, auch in meiner Umgebung. Dieselbe Frage habe ich an meine Gastgeber gestellt – warum macht ihr es eigentlich? Warum lädt ihr mich zu eurer Konferenz ein, was liegt euch an mir – der Siedlerin, an uns Juden und an Israel? Die simpelste Antwort, die ich bisher darauf bekommen habe, war: „Weil uns gefällt, was du machst, und wir wollen dich dabei unterstützen.“ Je mehr man sich in die Tiefe des Warum begeben würde, desto mehr Erklärungen und Interpretationen könnte man finden. Sie würden religiös, gesellschaftich, politisch ausfallen.  Manche davon würden mehr in das liberaldemokratische Schema passen, andere wären im konservativ-traditionellen Bereich angesiedelt. Nicht wenige würden wohl einen religiösen Standpunkt vertreten, den heute nur wenige in der postmodernen Gesellschaft teilen könnten. Zugegeben, bei den Sächsischen Israelfreunden und der ihnen Ähnlichen in den deutschsprachigen Ländern  handelt es sich um eine Randgruppe. Diese Randgruppe hat einige Stimmen, die sich nach außen äußern, aber im Mainstream scheint sie keine Bewegungen verursachen zu können – noch nicht, oder vielleicht ist sie gar nicht darauf ausgerichtet.

Auch das war ein Thema. Aufkleber von der Konferenz.
Auch das war ein Thema. Aufkleber von der Konferenz.

Die Aufklärungsarbeit der Israelfreunde und Co. ist Feldarbeit, es wird von Mann zu Mann (Frauen und Kinder inklusive) vermittelt, es sind kleine Kreise, die sich für diese komplexe und übermäßig belastete Thematik interessieren oder begeistern lassen, aber das Interesse ist ein Ergebnis wichtiger Vorgänge innerhalb der deutschen und christlichen Identitätsforschung und individuellen Selbstsuche eines jeden Einzelnen. Ich glaube, dass es in Deutschland nicht umsonst dieses Interesse gibt; es existiert bekanntlich eine Verbindung zwischen Deutschland und Israel, Deutschland und den Juden. In Kultur und Geschichte, im Guten wie im Schlechten sind Juden und Deutsche verbunden und aus der Geschichtsidentität des jeweiligen Landes nicht wegzudenken. Auch wenn ich mich lange Zeit dagegen gesträubt habe, es so zu sehen, leugnen lässt es sich schwer. Wie die weitere Entwicklung verlaufen wird, wo sich Deutsche, Christen und Juden treffen werden, was diesen Begegnungen entwachsen wird, kann man nicht voraussehen. Der Kontext aber, die Motivation und die Herangehensweise dieser Menschen an unsere Geschichte und Religion ist meines Erachtens hochspannend, gar faszinierend, und um dies näher zu verstehen, war mir dieser Besuch zweifelsfrei wert. Vielen herzlichen Dank an Wilfried Gotter, Theresia Ebert und Werner Hartstock für die Einladung und Durchführung.

Und jetzt geht es wieder zurück in den Siedleralltag, mit hoffentlich weiteren Reisegruppen vor Ort…

 


*Für diejenigen, die für eine Weile um die Authentizität meiner Einhaltung der religiösen Gebote gebangt haben (vielleicht habe ich mich ja von den „listigen Christen“ überzeugen lassen?), kann ich die Situation entschärfen. Ich habe, gemeinsam mit den Organisatoren der Reise (Wilfried Gotter, Werner Hartstock, Theresia Ebert), einige Anstrengungen unternommen, um den Shabbat möglichst koscher und orthodox zu gestalten. Das beinhaltete eine Absprache mit meinem Rabbiner, ein Hotel in unmittelbarer Nähe des Veranstaltungsortes, von mir selbst geprüftes und vorbereitetes Essen (oder eher vom REWE…) und auch die vollkommene Abwesenheit von Mikrofonen. Fotos wurden von Außenstehenden gemacht. Alles koscher also, ich kann mich nicht beklagen, sondern  – im Gegenteil – den Veranstaltern für die Annehmlichkeiten, die sie mir bereitet haben, von Herzen danken! Religiöse Menschen, so scheint es, verstehen sich mehr auf Respekt den anderen religiösen Menschen gegenüber, selbst wenn ihre Bräuche unterschiedlich sind. Sie wissen, wie notwendig das Seelenheil auf geistiger und physischer Ebene ist.

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Sachsen, here I am! 20.Israelkonfererenz

Liebe Freunde und Leser,
‚Hallö eastma!‘
🙂

An diesem Wochenende befinde ich mich  in der schön ländlichen Kreisstadt Glauchau im Sachsen und nehme nicht mehr und nicht weniger als an der 20.Israelkonferenz der Sächsischen Israelfreunde unter der Leitung von Wilfried Gotter, dem Geschäftsführer der Sächsischen Israelfreunde und langjährigem Gwmeindeleiter, teil.

Auf mich wartet ein spannendes und freidenkendes Publikum aller Jahrgänge und aus allen Ecken Deutschlands, denen ich über meine Realität in Judäa und Samaria erzählen und deren Fragen ich beantworten werde. Mit dabei bei der Konferenz sind der Journalist Johannes Gerloff von Israelnetz und Werner Hartstock vom Reisebüro Israelreise.de, den sicherlich einige kennen. Ich habe unter den Anwesenden schon etliche bekannte Gesichter erkennen können (oder eher gesagt, diese mich) von Leuten, die bei mir daheim während ihrer Israelreise vorbeigekommen sind. Das freut natürlich ungemein.

Natürlich wird es auch darüber hier bald einen Bericht geben und hier schon einmal die ersten Eindrücke in Bild. Tolles Wetter hier.

Bis später also und bleibt dran!

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Unabhängigkeit, Souveränität oder was? 68 Jahre Israel

Heute feiern wir 68 Jahre seit der Entstehung des Staates Israel. Achtundsechzig Jahre lang steht der Staat Israel auf seinen Grundfesten, lässt sich von keiner Armee besiegen, von keiner 68 logoGroßmacht auflösen, von keiner Boykottdrohung einschüchtern, von keinem Terroristen verschrecken.  Achtundsechzig Jahre entwickelt sich die israelische Gesellschaft im staatlichen Rahmen, als eine  Gemeinschaft in einem großen „Schmelztiegel“ aus verschiedenen Nationen, Mentalitäten, Meinungen, Glauben und Wertvorstellungen. In diesen achtundsechzig Jahren hat der Staat Israel Prüfungen auf sich nehmen müssen, die nur wenigen bis keinen Staaten vorgelegt wurden, und es sieht nicht aus, als würden diese ein Ende nehmen.

Von außen wie von innen sieht die israelische Gesellschaft und mehr noch, die israelische Politik, zersplittert und zerstritten wie noch nie aus. Einiges von diesem Eindruck ist freilich übertrieben und unwahr, aber vieles ist auch Realität. An vielen Kreuzungen haben sowohl die jüdische als auch die gesamtisraelische Gesellschaft und ihre Anführer gestanden und sich entscheiden müssen -in welche Richtung bewegen wir die Gemeinschaft? Fügen wir unser Puzzle zusammen, notwendigerweise oder aus innerem Verlangen heraus, oder driften wir auseinander, weil die Unterschiede und die Ideale uns wichtiger sind als der Zusammenhalt? In Krisenzeiten ist es von Israel und seinen Bewohnern bekannt, dass man die Unterschiede beiseite stellt (nicht vergisst, freilich) und füreinander einzustehen bereit ist. Krisenzeiten, damit sind Kriege gemeint.

Aber wenn politische Krisen aufkommen; wenn die Weltgemeinschaft mal wieder ihre israelkritische Phase durchmacht und uns dies auf sämtliche Arten und Weisen wissen lässt? Wenn die Linksorientierten unter uns Angst um ihre Führungsrolle haben und die Rechtsorientierten Angst um ihr Mitbestimmungsrecht? Wenn die Führung des Landes ihrer Dissonanz mit denjenigen, die sie gewählt haben, nicht bewusst ist oder sie nicht akzeptieren will, und wenn Gesellschaft, sich nach Individualismus sehnend, ihre Gemeinschaftsrolle vergisst? Wenn die Differenz zwischen den Weltanschauungen hin zu post- oder pre-modern flüchtet, anstatt einen Kompromiss in einer vorhandenen Moderne zu schaffen? Und wenn das Gefühl, sich in einem ununterbrochenen Verteidigungskampf zu befinden, den Mut und die Kreativität lähmen, neue Möglichkeiten zu entdecken und Schritte zu wagen?

Dann sehen wir die Zersplitterung,. Dann tritt auch ein Antagonismus zwischen dem Begriff „Unabhängig“ und Souverän“ auf die Bühne.

Weshalb?

Ein unabhängiger Staat hat nicht gleich eine Souveränität. Israel ist ein deutliches Beispiel hierfür, und das Themengebiet, mit welchem sich der Blog „Die Siedlerin“, befasst, ist mit diesem Antagonismus mehr als vertraut.

Denn der Staat Israel mag unabhängig in Form und auf Papier sein. Es mag eine Erklärung, eine funktionierende Regierung und ein aktives Parlament haben. Seine Wirtschaft betreuen wie jeder weitere unabhängige, funktionierende Staat, und seine Gesellschaft darf sich nach ihrem Ermessen entfalten. Aber hat er tatsächlich die Souveränität, der er bedarf? Kann der Staat tatsächlich seine Entscheidungen treffen unabhängig vom Einfluss äußerer Handlungsträger, Gremien, Staaten, Interessenten?

Hat der Staat Israel beispielsweise Souveränität über seine Grenzen? Wird ihm uneingeschränkt ermöglicht, diese zu verteidigen? Zwei feste Grenzen hat der Staat Israel. Es ist die Grenze zum Meer, und die Grenze zu Ägypten. Diese steht erst seit 1982. Alles andere? Der Gazastreifen wurde nach Ende des Unabhängigkeitskrieges 1949 von Ägypten besetzt, doch durch seine Übernahme durch Israel im Sechs-Tage-Krieg nicht wieder von Ägypten beansprucht und bis heute abgelehnt. Israel besiedelte den Gazastreifen, Menschen bauten sich dort gemeinsam mit den arabischen Einwohnern ein Heim auf, doch die späten Achtziger (Erste Intifada) und die Oslo-Abkommen 1994 sprengten das scheinbare Zusammenleben. Der Terror und die immer wieder nicht zum Ende kommenden Friedensverhandlungen mit der palästinensischen Führung führten die israelische Regierung zu dem Schluss, dass den Gazastreifen wegzugeben und die jüdische Bevölkerung von dort herauszuholen die beste Geste zu einem „Frieden“ sei. Das geschah im Jahr 2000. Nach der Vertreibung von 8000 Menschen, der Zerstörung ihrer Häuser, nach dem Aufstieg der Terrororganisation Hamas zur Regierungspartei des nunmehr autonomen Gazastreifens wird noch immer behauptet, Israel würde über den Streifen herrschen. Die Rückzugslinie, welche die Hamas nicht anerkennt und immer wieder (auch physisch, wie man schon weiß) untergräbt, soll die Grenze zu einem zukünftigen arabischen Staat im Landstreifen darstellen. Wie soll man das heutige Gebilde allerdings betrachten?

Grenze zu Israel und Ägypten
Grenze zu Israel und Ägypten

Die Grenze zum Libanon ist eine Kriegsfolge von 1982 und 2000 und eine Waffenstillstandslinie nach dem Abzug der israelischen Truppen im Jahr 2000, nach einem jahrzehntelangem Krieg gegen Terrormilizen im Libanon (die „blaue Linie“). Dasselbe gilt für die Grenze zum (ehemaligen) Syrien – eine Waffenstillstandslinie von 1974. Die Grenze zu Jordanien im Osten des Landes

Grenze und umstrittene Grenze zu Jordanien
Grenze und umstrittene Grenze zu Jordanien

wurde zwar 1994 bei dem Friedensabkommen festgelegt – aber gilt es für die gesamte Grenze? Will man Israel in den Gesprächen mit der palästinensischen Führung nicht dazu zwingen, das von Jordanien 1967 eroberte und von diesem 1988 als nicht mehr für beansprucht erklärte Gebiet, welches an Jordanien grenzt, in die Hände der Palästinenser zu geben? Speziell handelt es sich dabei um die Grenze zu Jordanien – bis heute eine umstrittene Grenzlinie und ursprüngliche Waffenstillstandslinie von 1967.

Die Golanhöhen – man könnte meinen, nach dem Sechs-Tage-Krieg und nach der Eingliederung dieser in die israelisch festgelegten Staatsgrenzen würde das massive Gebirge als israelisches Staatsgebiet anerkannt sein. Bisher waren die Gespräche über die Golanhöhen nur auf diplomatischer Ebene ein Streitpunkt zwischen Israel, Syrien und der UNO. Doch ausgerechnet in den letzten Jahren, in welchen wir zudem Zeugen eines sich auflösenden Syriens werden, kommen die Golanhöhen wieder ins Visier derjenigen, die Israel auf möglichst wenig Land reduziert sehen wollen. Schon werden die populären und weltbekannten Golan-Weine als „kolonialistische

Die "Grenzen" zwischen Libanon und Syrien
Die „Grenzen“ zwischen Libanon und Syrien

Produkte“ abgehandelt und sollen von der EU gekennzeichnet werden. Internationale Organe fordern die „Abgabe“ des Bergmassivs an ein de facto nicht mehr existierendes Syrien. Die Grenzen zu Syrien? Das unabhängige Israel legte diese nach einem gewonnenen Verteidigungskrieg selbst, doch die Souveränität über das Gebiet wird Israel abgestritten.

Und das problematischste Feld ist die sogenannte Grüne Linie. Als

Samaria-Gebiet

„Grenze von 1967“ oder „Grenze von 1949“ abgehandelt, führt die Waffenstillstandslinie nach dem Unabhängigkeitskrieg von Israel gegen sechs arabische Staaten quer durch das Land und ist Explosivmaterial für die meisten Gespräche im und um das Land. Es ist keine Grenze, es wurde nie als solche f

judea
Judäa-Gebiet

estgelegt oder anerkannt; aber seit 1994 wird sie als solche gehandhabt, mit allen daraus resultierenden Folgen. In 1967 entschloss sich Israel – teils aus internationalem Druck, teils aus innerer Unentschiedenheit heraus und vor allem aufgrund der Weigerung der Arabischen Liga, mit dem Gewinnerstaat zu verhandeln, das Gebiet nicht einzugliedern. Keine Grenze wurde festgelegt; nur eine theoretische Linie gezogen und im Gebiet schufen die Regierung, die Armee, die Bevölkerung und die Zeit ihre Realität.

Was diese Realität für Israel bedeutet – ob Besatzung, Verwaltung oder Vorbereitung,  ließ sich vor 49 Jahren für die damaligen Führungskräfte nicht erahnen. Doch mittlerweile lebt der achtundsechzig Jahre alte Staat in seiner Unabhängigkeit mit einem hunderte Quadratkilometer großen Stück Land in seinem Herzen, welches weder unter die Kategorie „unabhängig“ fallen kann, noch lässt sich dort irgendeine Souveränität in Handlung und Entscheidung erkennen – von welchem staatlichen Organ auch immer, auch seitens der seit 1994 existierenden und aktiven Palästinensischen Autonomiebehörde. Ob in Bau, Verkehr, Wasser und Strom, Landverteilung oder simples Betreten von Territorien – jedes Wimpernzucken in diesem nur 24% des offiziellen Israels ausmachenden Gebiets wird auf einem internationalen Tribunal ausdiskutiert. Je mehr Jahre seit dem vermaledeiten Status Quo der 60er vergehen, desto lauter verlangt das Tribunal die Aufgabe des Gebiets, die Auflösung jeglichen Souveränitätsanspruches und spricht Israel jegliche Entscheidungsfreiheit ab.

Es stellt sich aber die Frage – hatte der Status Quo eine Berechtigung? Und hätten wir die Gelegenheit gehabt, anstatt einer Militärherrschaft eine tatsächliche Souveränität nach Judäa und Samaria bringen können? Inwiefern bedeutet uns Israelis die Unabhängigkeit, wieso lassen wir eine Unabhängigkeit mit Lücken durchgehen und fordern nicht laut genug das Recht auf Bestimmung, was in unserem Land geschieht, das wir durch alle 68 Jahre hindurch mit Blut und Schweiß für uns erworben haben?

Ich rede hier nicht über die Ansprüche der palästinensischen Araber. Weshalb? Weil die Entscheidungen, die unabhängigen Entscheidungen des Staates Israel die Voraussetzung für die Zukunft dieser sind. Sie waren es bisher und sie werden es weiterhin sein. Im Endeffekt ist es Israel, welches die Zukunft und die Wandlung der Region um es herum bestimmt, und selbst in ihrem Krieg gegen Israel schauen die palästinensischen Araber auf den  Staat und warten auf unsere Reaktion. Sie sind ein Produkt der israelischen Handlungen, die Unabhängigkeit, die sich Israel aufgebaut hat, war der Katalysator für ihren Ruf danach, war und ist die treibende Macht hinter ihrer Identifikation, die Hauptkomponente und schließlich auch der Grund für ihr Bestehen bis zum heutigen Tag. Es ist keinesfalls die Frage nach einer Daseinsberechtigung – es ist die Frage nach ihrer Bedeutung. Welche Bedeutung verleiht uns der palästinensisch-arabische Kampf gegen uns?

Dasselbe betrifft auch die israelischen Siedler von Judäa und Samaria. Die Siedler, einst das Symbol des Zionismus und der Wiedergeburt des jüdischen Volkes und heute als politische Spielkarte und „Friedenshindernis“ in die Ecke gedrängt, weisen mit ihrem Dasein auf eine offene Wunde der Gesellschaft hin. Die Staatsführer hingegen wissen von Generation zu Generation nicht, wie sie zu schließen. Es ist eine Wunde wegen der Unklarheit um Judäa und Samaria herum, das jüdische Kernland, welches so viele für einen zweifelhaften bis betrügerischen Frieden hingeben wollen. Weggeben, weil sie müde von dem erschöpfenden Alltag des jahrelangen Krieges sind; weil sie die Forderungen aus der restlichen Welt nicht mehr hören wollen; oder weil sich ihre eigene jüdische oder israelische Identität  noch immer nicht formiert hat. Noch immer ist nicht klar, welche Aspekte diese jüdisch-israelische Identität ausmachen. Wie viel davon ist jüdisch, was genau heißt demokratisch; welchen Stellenwert hat das Land und welches die Leute? In diesem Sinne sind die Siedler in ihrer Bedeutung den palästinensischen Arabern sehr ähnlich. Sie beide weisen auf ungelöste Probleme hin, deren Lösungsdatum schon lange abgelaufen ist und welche die Gesellschaft von innen zu zersetzen beginnen.

Beide sind sie auf ihre Art ein Dorn in den Augen derjenigen, die meinen, wir seien schon bei unserer Unabhängigkeit oder Souveränität „angekommen“. Beide stellen die zentralen Herausforderungen des Staates dar, bei welchen sich schließlich dessen wahres Unabhängigkeitsvermögen zeigen wird.

Wo wir uns nach diesen 68 Jahren befinden, ist noch immer nicht eindeutig. Israelische Errungenschaften sollten in unserer Wahrnehmung dieser 68 Jahre eindeutig einen zentralen Platz einnehmen. Israelische Herausforderungen von innen und außen sollten zum Wohle aller für die Zukunft wahrgenommen werden. Für uns in Israel bedeutet es  eine tägliche Auseinandersetzung. Wir können es uns noch nicht erlauben – wenn überhaupt, die Arme sinken zu lassen.

Ich habe eine starke Vermutung, dass der Begriff des „Arme sinken lassen“ noch aus der Tora stammt, als Moses den Kampf der Israeliten gegen das Volk des Amalek anführte, welches diese auf eigene Initiative hin überfiel und zu vernichten drohte (2.Buch Moses, 17,8). Solange Moses die Hände oben hielt, gewannen die Israeliten; ließ er sie sinken, gewann Amalek. Als selbst der große Anführer und Prophet seine Arme nicht mehr halten konnte und sie ihm zu schwer wurden, legte sein Gehilfe Jehoshua einen Stein, damit dieser sich setzte. Sein Bruder Aharon und sein Neffe Hur stützen Moses‘ Arme von beiden Seiten, und am Ende wurden die Amalekiter besiegt.

Es gilt, wie zuvor, so auch weiterhin, die Arme nicht sinken zu lassen, sich aufeinander zu stützen und weiterzugehen, wo man gehen muss, und zu kämpfen, wo man kämpfen muss. Die Unabhängigkeit haben sich Israel und die Israelis auf diese Weise schon erworben; doch die Souveränität über das eigene Schicksal muss täglich neu erkämpft werden. Dies wird schließlich aufzeigen, inwieweit Israel und das jüdische Volk tatsächlich dorthin gehört, wo es zu sein beansprucht.

Zum Leben, lechaim, Israel.
Zum Leben, lechaim, Israel.

 

Meinungen zur Zweistaatenlösung und Die Siedlerin

Oliver Vrankovic. Quelle: Facebook
Oliver Vrankovic. Quelle: Facebook

Oliver Vrankovic, seines Zeichens deutschsprachiger Blogger aus Ramat Amidar nahe Tel Aviv, berichtet über spannende und wissenswerte Dinge aus der Geschichte und Kultur Israels. Oft sind auch politische Anmerkungen dabei. In der zweiteiligen Beitraggserie „Zwei-Staaten-Lösung“ stellt er verschiedene Meinungen von Israelis aus den unterschiedlichsten Milieus zu dem Thema dar. Dabei kommen zahlreiche Personen „vom Fach“ zur Sprache – Politiker, soziale Aktivisten von früher und heute und Zeitzeugen.

Im Rahmen der Serie interviewte Oliver auch mich –  natürlich zum Thema Siedlungen, Gush Etzion, israelische Souveränität in Judäa und Samaria und meine persönliche Geschichte. Auch mit einem kichererbsenchayaAktivisten der „Roots“-Friedensbewegung spricht Oliver, Myron Joshua aus Kfar Etzion, und dieser weiß auch mir und sicherlich euch Neues hinzuzufügen und zu berichten – beispielsweise aus dem Alltag der arabischen Bevölkerung von Gush Etzion. Beide Beiträge (Teil 1 und 2) sind sehr zu empfehlen. Nachfolgend der Link zum Bericht über mich:

→ Die Siedler von Gush Etzion- der Kichererbsenblog

Bibel- und geschichtsfest erklärt sie, dass Jerusalem und Hebron über Jahrhunderte hinweg die zwei wichtigsten kulturellen Zentren des Judentums gewesen seien (…). In all ihrem Wissen wurzelt ihre Anschauung.

(…) Für Chaya ist die Agenda einer Zwei Staaten Lösung ein Hirngespinst. Sie verweist auf Ben Dror Yemini, der die Realisierung eines palästinensischen Staates unter den Bedingungen des Nahen Ostens heute für unmöglich erachtet. (…) Sie diene einzig der Diskreditierung der Siedler als Friedenshindernis. Wer in Israel predige, sich für den Frieden von den Palästinensern abzukoppeln, ignoriere die Lehren des Rückzugs aus Gaza und die Veränderungen in der arabischen Welt. Ein friedfertiger palästinensischer Staat sei eine Illusion. (…)

So wie sie selbst voll hinter der jüdischen Präsenz im biblischen Kernland der Juden steht, anerkennt sie die arabische Präsenz. Sie ist gegen Landraub, gegen die Forderungen von extremistischen Siedlern, die Palästinenser zu deportieren.
Gleichzeitig spricht sie sich gegen die Fortsetzung der Militärbesatzung aus. Die Zivilverwaltung durch die Militärbesatzung in den C-Gebieten, so sagt sie, schade mit ihren Restriktionen den Juden und den Palästinensern.

 

Die Sirene – Momentaufnahme vom Shoah-Gedenktag

Es folgt ein persoenlicher Beitrag zum heutigen Gedenktag der Shoah – des juedischen Holocausts – in Israel. 


In der Knesset soll die Zeremonie zum Shoah – (Holocaust) Gedenktag stattfinden. Viele Besucher kommen hierher, die einen sehr alt, andere jung. Man empfaengt sie laechelnd, zeigt ihnen den Weg; die Sonne scheint und sendet ihre warmen Strahlen auf uns nieder, erhellt den Vorplatz und die Gesichter. Fuer den Staatspraesidenten ist der rote Teppich ausgerollt, die Flaggen sehen feierlich aus – obwohl nur auf Halbmast wehend. Es ist ein sommerlicher, angenehmer Tag und eine ehrenvolle Zeremonie.

Knesset-Vorplatz waehrend der Sirene. 05.05.16
Knesset-Vorplatz waehrend der Sirene. 05.05.16

Und dann ist es 10.00 Uhr. Die Sirene. Sie erkling von den Lautsprechern auf dem Vorplatz, und alles um mich herum erstarrt. Wir, die jungen Mitarbeiter, die Besucher. Ich schaue um mich. Auch die Älteren halten an, verweilen still. Die einen starren in die Luft, die anderen senken den Kopf. Alles steht.
Die Sirene zerschneidet die Stille, sie ist schrill, hoch, sie schallt unangenehm in den Ohren, sie bringt den Platz und die Menschen in ihren Bann. Ich blicke auf die Sonne, bin mir nicht sicher, ob ich um mich schauen oder den Blick senken soll. Die alte Frau neben mir schaut etwas verwirrt, ihr Mann versucht, sich den Anstecker am Anzug anzubringen.

Ich frage mich – woran denken diese Menschen? Was geht in ihren Koepfen vor sich? Wir, die Jungen, stehen hier und denken an die Ermordeten, aber sie, vielleicht lebten sie damals und hatten Dinge gesehen; wir kennen die Geschichte und sie die Realitaet.

Eine Ueberlebende der Shoah entzuendet die Kerze waehrend der offiziellen Gedenkzeremonie, Knesset, 05.05.16
Eine Ueberlebende der Shoah entzuendet die Kerze waehrend der offiziellen Gedenkzeremonie, Knesset, 05.05.16

Ich denke an die, die ich kenne, welche den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben. Ich kenne nicht viele, und die meisten von ihnen leben noch immer im Ausland. Auf einmal steigen vor meinen Augen die Gesichter meiner Familienangehoerigen auf. Niemand von ihnen ist in der Shoah selbst ums Leben gekommen, aber sie haben den Zweiten Weltkrieg erlebt. Sie lebten zu dieser Zeit, und auch sie haben gelitten.

Die Sirene heult weiter, immerzu fort. Nicht nur hier, auf dem Vorplatz. Sie schneidet die Luft und durchdringt das Trommelfell nicht nur uns, sondern jedem Menschen im Staat Israel, allen. Sie heult im ganzen Land. Mir schmerzen die Ohren, und ich denke, wann hoert es auf, wann hoert es auf?

Und dann hoert es auf. Die Sirene klingt ab, alle beginnen, sich wieder zu bewegen, laecheln, erneut empfaengt man alle am Eingang, die Luft ist sauber und erfrischend, die Welt dreht sich weiter. Der Moment ist verschwunden und vorbei.

Auch die Zeit damals war irgendwann an ihrem Ende angelangt.
Fuer viele endete sie zu spaet.

Lily, eine Ueberlebende, 1951 in Israel. Quelle: popchassid.com
Lily, eine Ueberlebende, 1951 in Israel. Quelle: popchassid.com

Unterwegs in Binyamin: Ein Fenster in die Wüste

In den diesjährigen Ferientagen während des Pessach-Festes, das bei uns sieben Tage gefeiert wird, nutzt das ganze Landvolk die Zeit, um kreuz und quer durch das Land zu reisen. Die Touristenzentren und Hauptsehenswürdigkeiten sind voll belegt, nach Jerusalem kommt vielleicht eine ganze Milion Besucher innerhalb dieser Tage, und auch die entferntesten Naturschutzgebiete, Wasserfälle, Bäche, Wälder und Aussichtspunkte kommen nicht zu kurz. „Das Wandern ist des Israelis Lust“, sozusagen. Nicht alle haben natürlich Ferien in dieser Zeit, aber die Arbeitszeiten sind verkürzt und man hat mehr Chance, Familie und Freunde zu besuchen.

Judäa und Samaria - Westjordanland. Zentrale Orte in Rot/eingekreist. Oben: Samaria. Unten: Judäa.
Judäa und Samaria – Westjordanland. Zentrale Orte in Rot/eingekreist. Oben: Samaria. Unte Jerusalem: Judäa.

Auch ich habe diese Zeit etwas nutzen können, und zwar für Ausflüge in die Gebiete, in welche ich normalerweise im Alltag weniger gelange: Nämlich in die zweite und die größere Hälfte des „Westjordanlands“, nämlich in die Gebiete des ehemaligen Stammes Binyamin (so heißt es auch heute, Binyamin-Gebiet) und ins nördlich gelegene Samaria (Shomron), alles insgesamt heute als Samaria bekannt ist – oberhalb Jerusalems.

Das Binyamin-Gebiet ist relativ gut vernetzt, beinhaltet zentrale arabische Städte unter der Kontrolle der Palästinensischen Autonomiebehörde – so Ramallah und Jericho – und auch zentrale jüdische Bevölkerungspunkte, solche wie Beit El, Ofra, Adam, Shiloh. Der Ort Psagot ist bekannt für seinen erstklassigen Wein, welche auch internationale Preise gewonnen hat. Das Industriegebiet Sha’ar Binyamin besitzt den zentralen Supermarkt Rami Levy, der für die gesamte örtliche Bevölkerung offen ist, nicht zwischen Arabern und Juden unterscheidet und dafür auch mehrere Anschläge abbekommen hat, auch im letzten halben Jahr.

Binyamin (22)
Wer erkennt die Gazellen auf dem Bild?

Was noch besonders ist an Binyamin, ist, dass es einen faszinierenden Einblick auf den Übergang von der samaritischen Bergkette und dem Hügelland in die Berglandschaft der judäischen Wüste und das Jordantal bietet. Die Berge und Hügel von Binyamin zeichnen sich durch eine wenig bewaldete Landschaft aus, die Wälder wurden erst spät angepflanzt, Naturwald findet sich mehr in Richtung Westen (über eine Wanderung im Westteil habe ich hier berichtet). Je weiter östlich man sich wendet – dort, wo auch mein Reiseweg verläuft – werden die Berge steiniger, die Landschaft trockener, trotz Frühling gelber und spärlicher. Wenn man zu einer Aussichtsplattform kommt, die die Sicht auf die jordanischen Berge bietet, kann man auch bis zum Toten Meer sehen. Es ist eine faszinierende und von Touristen wenig bereiste oder dokumentierte Landschaft, obwohl die Möglichkeiten dazu eigentlich gegeben sein könnten. Fangen wir also an, Schritt für Schritt den Ostteil von Binyamin zu entdecken.


Mit einem Freund haben wir uns um die Mittagszeit von Jerusalem aus nach Ost-Binyamin aufgemacht. Bis nach Nord-Jerusalem (was fälschlicherweise immer als „Ostjerusalem“ bezeichnet wird), durch die arabischen Viertel hindurch bis zum Militärübergang Hizma fuhren wir mit der Bahn und gingen zu Fuß, von da an waren wir auf Autostopps angewiesen, wollten wir nicht auf den Bus warten, dessen Zeitplan nicht unbedingt bequem war.  Es gibt zwei mir bekannte Übergänge, welche reguläre Fahrer nutzen – einen neben dem Dorf Qalandia und den anderen neben dem Dort Hizma. Über

Unsere Wanderkarte mit allen angefahrenen und erwähnten Orten.
Unsere Wanderkarte mit allen angefahrenen und erwähnten Orten.

Hizma gelangt man einfacher weiter und muss nicht Ramallah passieren. Einige der Fahrer wollten uns nicht dort rauslassen, wo wir rausgelassen werden wollten – an einer Autobahnkreuzung, die uns direkt in die Siedlungen des Ostteils an der Wüstengrenze

Auf dem Schild steht: "Zeit für Souveränität!" Plakat der Organisation "Frauen in Grün"
Auf dem Schild steht: „Zeit für Souveränität!“ Plakat der Organisation „Frauen in Grün“

führen würde. Es sei zu unsicher. Aus Erfahrung wusste ich, dass dort die Einwohner dieser Siedlungen einen schnell mitnehmen würden. Ein Fahrer erklärte sich schließlich bereit, und wir fuhren los. Das erste Ziel – die Siedlung Rimonim (‚Granatäpfel‘).

Wir alberten ein wenig an der Kreuzung herum, im Angesicht der schönen gelblich gefärbten Berge, da kam auch schon ein Paar und fuhr uns nach Rimonim. Zu unserer Linken lagen einige wenige weit entfernte arabische Dörfer (Ramun), zu unserer Rechten nur Verkehrsschilder und die Hügelkette. Zwischen dem Beginn der Autobahn 458 und bis zur nächstgrößten Kreuzung – immerhin etwa 18 Kilometer entfernt – befinden sich nur zwei jüdische Ortschaften

Beduinenzelte
Beduinenzelte

direkt angelegt, und eine arabische – Mughayr, alle anderen sind weiter entfernt und so erinnert die Umgebung an eine Mondlandschaft mit Ausblick auf die in der Ferne sich auftürmenden jordanischen Berge, unterbrochen hier und dort von einigen sporadischen schwarzen Beduinenzelten oder einem eingezäunten Stromaggregator. Die Armee taucht hier für längere Zeit nicht mehr sichtbar auf.

Blumenbeet an der Einfahrt
Blumenbeet an der Einfahrt

Rimonim, wohin wir fuhren, ist eine vor 36 Jahren (1977) zunächst als Armee-Lager gegründete Ortschaft. Der Name, so lässt sich bei einer einfachen Suche erfahren, ist an einen zur biblischen Zeit sich im Stammesgebiet Binyamin befindenen Ort bzw.Fels, „Rimon-Fels“, angelehnt, welcher im Buch der Richter (20.Kapitel, Vers 45) auftaucht. Die Bevölkerung der modernen Siedlung war und ist bis heute größenteils säkular. Im Dorf wohnen etwa 160 Familien und arbeiten fast ausschließlich alle in Jerusalem, der nächstgrößeren Stadt. Dabei beträgt die Fahrzeit bei fließendem Verkehr etwa 15-20 Minuten bis zum Übergang, und dann muss man natürlich in der Stadt selbst fahren…

Ein-/Ausfahrt aus Rimonim
Ein-/Ausfahrt aus Rimonim

In Rimonim befinden sich alle für die Gemeinschaft nötigen Einrichtungen –  Wasserturm, Kindergärten, kleiner Supermarkt, Sportanlagen, Jugendclub, Bibliothek, Synagoge, Sekretariat. Mein Begleiter kannte Rimonim von früheren Zeiten

Darstellung von Granatäpfeln von Yaniv Uzana
Darstellung von Granatäpfeln von Yaniv Uzana

und machte mich auf das Studentendorf „Kedma“ aufmerksam, welches sich in kleinen Karavanen nahe der Einfahrt befindet. Dort leben einige hundert (?) Studenten und beschäftigen sich mit Landwirtschaft. Auch das Schwimmbad von Rimonim ist bekannt – dorthin kommen Besucher aus den umliegenden (jüdischen) Ortschaften hin. (Warum aus den jüdischen? Weil die arabischen Dörfer durch andere Organe verwaltet werden, weil die muslimischen Regelungen, was Schwimmen und Öffentlichkeit anbetrifft, anders sind, und weil die Menschen miteinander per Absicht nicht in Berührung kommen wollen und der eine in den Ort des jeweils anderen nicht traut, insbesondere heute nicht mehr). 

Binyamin (8)
Ein Glockenspiel, „Musikecke“ steht darüber

Als wir sie betraten, war die Siedlung still. Es herrschte ein heißer Sturm – extreme Hitze, viel Wind – die meisten Einwohner Binyamin (7)würden entweder Urlaub machen oder bei sich zuhause sitzen. Wir fanden einen Garten mit kreativen Basteleien aus Metall und recht imposante Gebäude. Wir wollten auch die archäologischen Ausgrabungen ansehen, welche es am Binyamin (9)Rande der Siedlung zu besichtigen gab.

Die Ausgrabungen, so stand auf einem von Korrosion schwer zerfressenen Schild geschrieben, fanden hier zwischen 1982 und 1992 statt. Ausgegraben hatte man einen Kirchenkomplex aus byzanthinischer Zeit, allerdings sollen die ersten Lebensspuren hier
noch aus seleukidischer Zeit stammen. Nach den Byzanthinern herrschten im Land die Umayyaden und die Abbassiden, auch unter ihnen erreichten Einwohner diesen Ort. Insgesamt, so besagte das Schild, soll hier 500 Jahre lang aktives Leben gegeben haben, danach wurde der Ort verlassen. Tatsächlich fanden wir in den Ruinen einen Stein mit dem Abbild eines Kreuzes und eine halbrunde Halle. Man erkennt Eingänge und Stauräume, in den Stein gehauene Abflusskanäle und seltsame runde Vertiefungen, die häufig auch mitten in einem Raum zu finden sind. Da ich nicht sonderlich bewandert bin in Archäologie, wusste ich dieses Phänomen leider nicht zu erklären.

Die Ruinen
Die Ruinen
Der Baukomplex
Der Baukomplex
Das in Stein gehauene Kreuz
Das in Stein gehauene Kreuz

Nach der Besichtigung gingen wir zum äußeren Zaun. Wie ich sicherlich schon einmal erwähnt habe, so werden bei uns so gut wie alle Ortschaften, ob nun in den „gefährlichen“ oder den weniger gefährlichen Gebieten, generell eingezäunt. So hat sich das offenbar seit längerer Zeit ergeben, vielleicht noch aus der Zeit vor der Staatsgründung, vielleicht noch früher. Jedenfalls standen wir am Zaun und betrachteten die Landschaft. An dieser Stelle, wo der

Binyamin-Berge - weiter unten die judäische Wüste
Binyamin-Berge – weiter unten die judäische Wüste und dahinter Jericho

Wadi Wahita unter uns sich durch die Berge Richtung judäische Wüste bahnt, konnte man den drastischen Unterschied zwischen den Felsformationen der zwei aneinander grenzenden Regionen erkennen und es faszinierte mich. Auf den Bildern kann man dies genau erkennen. Die Felsart der judäischen Wüste ist viel weicher als die der Binyamin-Berge, lässt sich einfacher verformen. Die Erde des Jordantals ist sandig und lässt eine völlig andere Art der Agrikultur zu als die auf den Bergen (im Jordantal werden größtenteils Dattelplantagen angebaut). Im Hintergrund sieht man die jordanischen Berge und weiter unten spannt sich Jericho aus.

Als wir am Einfahrtstor bei unserem Verlassen der Siedlung den Wächter fragten, ob die Einwohner hier mit den Bewohnern von Jericho Kontakt hätten, bejahte er dies – es kämen Arbeiter aus Jericho nach Rimonim.


Unsere Weiterfahrt führte uns in einen weiteren Ort, einen der zwei Siedlungen an der Autobahn 458 durch Ostbinyamin – Kochav Hashachar. Mitgenommen hatte uns eine Frau, die eigentlich ganz woanders hinfuhr – in die viel weiter gelegene Siedlung Itamar, gut bekannt für ihre hohen Berge und Aussichtsplattformen – und leider traurig bekannt wegen des Mordes an der Familie Vogel im Jahr 2011 durch zwei arabische Terroristen. Die Frau plauderte mit uns und lud uns ein, zu sich zu kommen. Sie ließ uns schließlich am

Unsere Wanderkarte mit allen angefahrenen und erwähnten Orten.
Unsere Wanderkarte mit allen angefahrenen und erwähnten Orten.

Einfahrtstor heraus.

Grüne und gelbe Felder füllten unseren Blick. Plantagen inmitten steiniger Hügel und vor uns, in die Höhe ragend  – der Berg Kuba (Kubat a-Nadjma), der soviel wie Sternberg heißen soll. Wir gingen durch Binyamin (13)das Einfahrtstor hinein und folgten einem Weg durch die Felder, welcher uns zu der Wasserquelle „Ma’ayan Hakramim“ führen sollte -so zumindest besagte das Schild. Autos fuhren hin und her, Jogger liefen an uns vorbei. Wir ruhten uns auf einer Bank aus, bevor wir Binyamin (14)uns auf die Suche nach der Quelle machten. Auf einem Hügel nahe dem Berg sahen wir plötzlich Reiter auf Eseln auf uns zukommen. Weit und breit um uns war kein arabisches Dorf zu sehen, und die Reiter sahen selbst weniger 13103385_10154331634741842_8257072048014240324_narabisch als eher folkloristisch aus. Es waren Jugendliche mit langen Schläfenlocken, wehenden alten Kleidern, einer davon äthiopischer Herkunft; sie ritten und liefen mit den Eseln, ein junger Esel trottete hinterher. Die Gesichter schmutzig oder sonnengebrannt – ich konnte es nicht erkennen. Hügeljugendliche, und zwar nicht irgendwelche, sondern von einem der berühmt-berüchtigten Vorposten, der als eine Art Zentrum für diese gilt – der „Baladi“-Vorposten, ein paar Hügel weiter von Kochav Hashachar. Ich fragte sie, ob sie dort herkommen würden. Einer antwortete mir kurz angebunden, dann ritten sie weiter.

Als ich später meine Freundin, bei der wir an diesem Tag in der Siedlung zu Abend saßen, nach der Herkunft der Jugendlichen fragte, meinte sie, nur ein Teil würde hier aus Kochav Hashachar stammen. Tatsächlich beherbergen diese Vorposten entlaufene Jugendliche aus allen möglichen Orten, auch außerhalb der „Grünen Linie“.

Sicht auf Kochav Hashachar
Sicht auf Kochav Hashachar

Wir machten uns weiter auf die Suche nach der Quelle und gingen den Weg hoch. Von dort bot sich uns eine atemberaubende Sicht auf die Siedlung selbst, auf die Weinplantagen neben ihr und auf das Jordantal – bis zum Toten Meer. Da mein Freund nicht zu lange gehen konnte, konnten wir uns die Aussicht vom Berg selbst nicht gönnen, sondern gingen weiter auf dem Weg. Den Berg habe ich schon vor einigen Jahren bestiegen und mich dort von dem Blick berauschen lassen, so sah es aus:

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Die Wasserquelle entdeckten wir – es handelte sich dabei aber nicht um eine wirkliche Quelle, sondern um zwei größere Plantschbecken, die zum Vergnügen der lokalen Kinder eingerichtet worden waren. Binyamin (19)Da es Feiertag war, war das Gelände voll mit kreischenden Kindern und wir bevorzugten es, das Geschehen von oben zu betrachten.

Schon bald kam meine Freundin Hadas angefahren und bot uns einen Ausflug  zu den zwei Aussichtsterrassen an, die bis an den Rand der Wüste hinausreichten. Von ihnen führte ein Wanderweg zu einer richtigen Wasserquelle unten in den judäischen Bergen; die Wanderung dorthin durfte aber nur mit einer Waffe oder einem Sicherheitsmann gemacht werden. Auch Jericho war von hier zu

Die Straße nach Jericho
Die Straße nach Jericho

sehen – Hadas  erklärte, es sei zu Fuß zu erreichen, sei aber nicht empfehlenswert. Ich glaubte es hier. Ich war schon einmal bei der Einfahrt nach Jericho. Mich hatten damals vier große, rote Schilder mit der Aufschrift „Für Israelis Einfahrt verboten und 2013-08-25 15.03.06lebensgefährlich“ empfangen und die Lust verging schnell. Die Schilder stehen noch immer da.

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Das ist keine Gazelle…

Kochav Hashachar, die Siedlung, in der Hadas und ihre Eltern wohnen, wurde 1975 als ein Armeelager ins Leben gerufen. 1980 gelangten dorthin mehrere einzelne Familien der Siedlerbewegung „Gush Emunim“ hin und bildeten den ersten Siedlungskern. Heute besitzt der Ort knapp 2000 Einwohner, hat Festbau, Gemeindeeinrichtungen, eine Religionsschule, einen Industriepark und sogar ein neues Viertel – „MItzpe Kramim“, direkt neben der Muttersiedlung, wo sich junge Paare aus dem Ort Häuser gebaut haben. Es besitzt sogar ein eigenes Sekretariat. Als einzelne Siedlung ist es noch nicht anerkannt, obwohl es schon seit 1999 existiert und sogar den Bauort durch die israelische Regierung genehmigt bekommen hat, weil es auf deren Verlangen den ursprünglich geplanten Ort verlassen musste.  Hadas versichert mich auf Nachfrage, dass es sich hierbei nicht um die Frage von Privatland, sondern um

Das ist keine Gazelle...
Das ist keine Gazelle…

bürokratische Schwierigkeiten seitens der Zivilverwaltung handeln würde.

Es wurde langsam spät und kühl. Wir setzten uns zu Hadas in die Küche und aßen ein schnell aufbereitetes Abendessen, danach liefen wir im Halbdunkel zu der einzigen Bushaltestelle im Ort, um den Bus oder einen Autostop nach Jerusalem zu bekommen. Die Rückfahrt machten wir schon gänzlich im Dunkeln, während die Lichter der Ortschaften der schwarzen Hügel Binyamins an uns vorbeizogen. Die Nacht hatte sich auf die Wüste und die Berge gesetzt, ihre Existenz konnte man nur noch erraten. So endete unsere Fahrt nach Binyamin.