Zum Weiterlesen: Der SPIEGEL im Kontext, U.Sahm

Im Lichte der aufgekommenen Diskussion ueber die Einstellung des SPIEGELs zu juedischem Wohnen in Judaea und Samaria (Westjordanland) und die journalistische Integritaet seiner Mitarbeiter und Redaktion, welche auf die Veroeffentlichung ueber mich im bento folgte, moechte ich eindruecklich auf den folgenden Artikel verweisen, den ich vor einigen Monaten hier wiedergegeben habe, naemlich ueber die sich ueber Jahre hinweg wandelnde Einstellung des SPIEGELs gegenueber juedischen Siedlungen. Der Text ist von Ulrich W.Sahm und wurde zuerst bei Audiatur Online veroeffentlicht. Sehr relevanter und lesenswerter Beitrag, gerade im aktuellen Kontext.


 

Von Neuzeit-Pionieren zu illegalen Menschen

Ulrich W.Sahm, 08.09.15

Die israelischen Siedlungen gelten zurzeit in der westlichen Presse und Politik als Kern aller Konflikte in der arabischen Welt. Gäbe es sie nicht, würde himmlischer Frieden von Marokko bis Afghanistan herrschen.

Hunderttausende Syrer, Iraker, Ägypter und Jemeniten wären noch am Leben und Europa müsste sich nicht mit Flüchtlingsmassen plagen. Da der SPIEGEL nicht müde wird, den siedelnden jüdischen Sündenbock an die Wand zu malen, bot sich an, das Archiv dieser Zeitung nach der Wurzel des Übels zu durchforsten.

Die Wahrnehmung der Siedlungen seit 1967
Es geht bei diesem Artikel keineswegs darum, den rechtlichen oder politischen Status der Siedlungen zu klären. Es soll hier der Wandel in der Wahrnehmung der Siedlungen dargestellt werden, im Wesentlichen anhand des öffentlich zugänglichen Archivs des Spiegels.

Erste Siedlungen interessierten niemanden
Im September 1967, wenige Monate nach dem Sechs-Tage-Krieg, gründeten Israelis in Kfar Etzion die erste Siedlung in den frisch besetzten Gebieten. Im Etzionblock hatten vor der Staatsgründung 1948 Juden in mehreren Dörfern auf legal gekauftem Land gelebt. Doch die Jordanier hatten sie bei blutigen Schlachten vertrieben. Nun wollten die ehemaligen Siedler und ihre Nachkommen heimkehren. Keine deutschsprachige Zeitung bemerkte diesen ersten Schritt zur späteren Siedlungspolitik.

 

Ähnlich ging Rabbi Mosche Levinger beim Pessach-Fest 1968 vor. Er mietete sich im Park-Hotel ein, um in Hebron, der Stadt der Erzväter, zu bleiben. Bei Pogromen waren 1929 alle Juden aus der Stadt Hebron vertrieben worden, in der sie fast 3.000 Jahre lang ununterbrochen nahe den Gräbern des Abraham und biblischer Erzväter gewohnt hatten.

Diese Neubesiedlung im ehemaligen jüdischen Viertel der arabischen Grossstadt Hebron löste in Israel Kontroversen und Demonstrationen aus. Interessant sind die Begriffe, die „Der Spiegel“ am 27.5.1968 veröffentlichte. Was das Wochenmagazin heute „illegale Siedler“ bezeichnet, hiess damals: jüdische Pilger, Israelis, Pilger-Stosstrupp, Parkhotel-Bewohner, strenggläubige Juden, Ansiedler, Eindringlinge, israelischen Pioniere, wilde Hebron-Siedler, Hebron-Pioniere.

Bewunderung für die Leistungen der Pioniere
In den Jahren danach werden Siedlungen immer wieder erwähnt, etwa bei Politikertreffen. Verständnisvoll spricht man vom Sicherheitsgürtel israelischer Wehr-Siedlungen. 1970 heisst es im Spiegel: „Den acht Pionieren vom „Kibbuz Golan“ folgten inzwischen Tausende weitere Kibbuzniks in die 1967 von Israel eroberten Gebiete. Heute siedeln Israelis bereits in 14 Dörfern auf den Golan-Höhen, neun Wehrdörfer baute Israel in Westjordanien, fünf Siedlungen gründeten die Israelis in den letzten drei Jahren auf der ehemals ägyptischen Sinai-Halbinsel.“

Strategische, geopolitische und wirtschaftliche Motive veranlassten Israels Regierung nach dem Sechs-Tage-Krieg, in den eroberten Gebieten Wehrsiedlungen anzulegen. „Je mehr Siedlungen in strategisch wichtigen Gebieten begründet werden“, proklamierte Vizepremier Jigal Allon, „umso eher sind wir künftig in der Lage, sichere Grenzen zu errichten.“ Mosche Dajan spricht gern von „neuen Tatsachen“, die mit den Wehrdörfern geschaffen würden, von „Israelisierung“ besetzter Gebiete. Und so berichtet der Spiegel ohne Erwähnung eines „Völkerrechts“ und ohne auch nur ansatzweise von „Illegalität“ zu sprechen:
„In kurzer Zeit entwickeln sich dann die Siedlungen der Neuzeit-Pioniere zu florierenden Unternehmen: Landwirtschaftliche Erzeugnisse im Wert von 4,5 Millionen Mark verkauften die Dörfler auf den Golan-Höhen im vergangenen Jahr. Nach einem Fünf-Jahres-Plan sollen dort bis 1975 etwa 3500 weitere Israelis in 17 Dörfern angesiedelt werden. Drei städtische und zwei weitere Touristik-Zentren im Gesamtwert von 300 Millionen Mark sind geplant. Das Nachal Dikla und das Nachal Sinai am Golf von Suez produzieren Wintergemüse, das bis nach Frankfurt und Zürich geflogen wird. Der Nachal Jam an der Bardawill-Lagune auf der Sinai-Halbinsel fing letztes Jahr 600 Tonnen Fische. Im salzhaltigen Jordantal züchten israelische Forscher Fische, die in bestimmten Salzwasser-Konzentrationen leben können. Letzte Woche weihten die Israelis am Toten Meer sogar ein Thermalbad ein — genau an der Stelle, wo vor fast 2000 Jahren römische Legionäre kurten. Die Wehrsiedlungen im Jordantal, oft nur einige hundert Meter von der Front entfernt, sind längst keine Provisorien mehr; sie sehen eher aus wie Musterfarmen: mit Blumenbeeten um die luftgekühlten Wohnhäuser, mit Swimming-Pool und modernsten Traktoren.“

Positive Darstellung
Bemerkenswert ist hier nicht nur die durchweg positive Darstellung der Siedlungen. Die Spiegel-Autoren scheinen die „Neuzeitpioniere“ für ihren Fleiss zu bewundern. Und ganz nebenher wird da erwähnt, dass es offensichtlich auch keinerlei Widerspruch in Europa gab. Wie selbstverständlich wird der Export der Siedlungswaren nach Zürich und Frankfurt erwähnt. Wohl zum Ausgleich werden da kurz Proteste in Israel erwähnt: „Der Kabinettsbeschluss erregte nicht nur die Araber, sondern auch linke Israelis. Der sozialistische Abgeordnete Uri Avnery sah darin „ein Manöver gegen den Frieden“. Vor dem Haus von (Ministerpräsidentin) Golda Meir demonstrierten Studenten mit Slogans wie „Entweder Frieden oder Ansiedlung“ und „Sicherheit — ja; Annexion — nein“.“

1979 kam die Wende
Israel verhandelte 1979 mit Ägypten über Frieden und so auch über das Schicksal der Siedlungen im Sinai. Deutschland versteifte sich auf das „Selbstbestimmungsrecht“, die ideologische Basis für die deutsche Wiedervereinigung. Israel wurde gedrängt, die PLO anzuerkennen, damals noch eine Terrororganisation. Menachem Begin und Anwar Sadat redeten über eine palästinensische Autonomie, die Palästinensern mehr gegeben hätte als die 1993 von Jitzhak Rabin und Jassir Arafat ausgehandelten Osloer Verträge. Doch die PLO lehnte ab. Für die Medien, und so auch für den Spiegel, war das eine Gelegenheit, die Siedlungen als „Hindernis für den Frieden“ darzustellen. Aussenminister Mosche Dajan sagte damals schon seinem deutschen Amtskollegen Genscher, dass Israel ein komplettes Abräumen aller Siedlungen nicht akzeptieren könne, weil damit das Westjordanland „judenfrei“ gemacht würde. Dieses Motiv in Nazisprache taucht immer wieder auf, zuletzt gegenüber Frank-Walter Steinmeier.
Inzwischen waren die Siedler zu einem zunehmend kontroversen Thema geworden, etwa mit der Gründung der Gusch Emunim Bewegung. Da änderte sich auch der Ton in der Berichterstattung. Hier Begriffe aus einem Artikel im Spiegel vom 26.11.1979: Gusch Emunim, Israels radikale Siedler-Sekte, Gruppe orthodoxer jüdischer Glaubenseiferer, Fanatiker mit einflussreichen Freunde, chauvinistische Zeloten, amokblinde „Vorläufer des Faschismus“, vaterländische Eiferer, pseudo-messianische Minderheit.

Wie heisst das besetzte Westjordanland?
Bemerkenswert ist hier, wie sich die Bezeichnung von Cisjordanien wandelt. Es wurde zunächst „Westjordanien“ genannt, dann „Westufer des Jordans“, „Judäa und Samaria“ oder auf Englisch „Westbank“. Erst in neuerer Zeit bürgerte sich der Begriff „Palästinensergebiete“ für das gesamte Westjordanland bis zur „Grenze von 1967“ ein. Diese „Grenze“ war freilich nur eine zwischen Israel und Jordanien ausgehandelte „Waffenstillstandslinie“, ohne Auswirkungen auf künftige diplomatische Verhandlungen, laut dem Rhodos Abkommen von 1949.

Illegale Siedlungen
Der Begriff „illegal“ wurde in den ersten Jahren nach 1967 allein für Siedlungen verwandt, die ohne Segen der israelischen Regierung errichtet worden sind. Sie waren also gemäss israelischer Vorstellung illegal. Das galt nicht für die Siedlungen in Gusch Etzion oder von der Regierung errichteten Städte wie Kirjat Arba oder Maaleh Adumin.
In einem Interview mit Mosche Dayan erwähnten Spiegel-Reporter am 13.08.1979, dass die Amerikaner in den besetzten Gebieten errichtete israelischen Siedlungen für „illegal“ halten. Aus dem Kontext geht jedoch hervor, dass hier nicht pauschal alle Siedlungen gemeint sind, sondern nur die sogenannten „Vorposten“, die „wild“ errichtet worden sind. Israel hatte sich tatsächlich im Rahmen der sogenannten „Roadmap“ von 2003 dazu verpflichtet, sie zu räumen.

Mit der Rede von Präsident Barack Obama in Kairo am 4. Juni 2009 begann eine neue Sichtweise. Obama wollte den Islam und die arabische Welt „umarmen“. Er bezeichnete erstmals die israelischen Siedlungen als „illegitim“ und seitdem werden die Siedlungen grundsätzlich allesamt für „illegal“ erklärt. Er kreierte damit nicht nur eine neue Sprachregelung, sondern schuf gleichzeitig ein exklusives Völkerrecht speziell für Israelis. Zuvor hatten amerikanische Präsidenten darauf geachtet, die Siedlungen als „Hindernis für den Frieden“ zu bezeichnen. Sie galten damit als Objekt für künftige Verhandlungen, wie viele andere Steine des Anstosses. Indem jedoch Obama die Siedlungen für illegitim, also de facto „illegal“ bezeichnet und ihr Verschwinden gefordert hat, setzte er dem Friedensprozess und den israelisch-palästinensischen Friedensverhandlungen einen Todesstoss. Der palästinensische Chefverhandler Saeb Erekat wurde sinngemäss zitiert: „Wenn die Amerikaner die Siedlungen für illegal halten, können sie von uns Palästinensern nicht mehr erwarten, darüber zu verhandeln. Denn dann ist es die Aufgabe der Amerikaner, diesen illegalen Zustand abzuschaffen.“

Berufung auf das Völkerrecht
Mit der Darstellung der Siedlungen als „illegal“ verschärfte sich auch die Diskussion um das „Völkerrecht“. Dabei ist das Völkerrecht keineswegs eindeutig. Manche Juristen fragen, ob die Genfer Konvention zwingend auf die von Israel besetzten Gebiete anwendbar sind. Denn israelische Siedler werden von niemandem „gezwungen“, in die besetzten Gebiete zu ziehen, was in der Genfer Konvention „Deportation“ oder „Transfer“ entspräche. Das Westjordanland hat zudem seit dem Zusammenbruch des osmanischen Reiches 1917 keinem souveränen Staat gehört. Jordanien oder Ägypten waren nur Besatzer. Was also in der Welt seit der Rede Obamas 2009 als Konsens gilt, ist unter Völkerrechtlern durchaus umstritten.

Kennzeichnung von Waren aus besetzten Gebieten
Der Reigen um eine Kennzeichnung von Waren aus den besetzten Gebieten begann durch Zufall. Pflichtbewusste Zöllner im Hamburger Hafen bemerkten 2010, dass Sodastream, Hersteller von Wassersprudlern, keine Adresse im Kernland Israels nachweisen konnten. Doch das Freihandelsabkommen mit der EU sah vor, dass Waren „Made in Israel“ aus Israel stammen müssten. Die besetzten Gebiete gehörten nicht dazu. Sodastream weigerte sich, Zoll in Höhe von 19.155,46 Euro zu entrichten. Der Fall kam vor das EU-Gericht und da wurde entschieden, dass Waren aus den besetzten Gebieten voll verzollt werden müssten. Israel sollte fortan die Herkunft seiner Waren genau kennzeichnen. Derartige Vorschriften gelten nur für Israel und nicht für andere Länder wie Türkei oder Marokko. So wurde eine Kampagne losgetreten, die sich nicht nur die BDS (Boykott)-Bewegung zunutze machte.

Die Darstellungen heute
Heute beschränkt sich die Darstellung der Siedlungen beim Spiegel, bei der ARD und vielen anderen Medien fast ausschliesslich auf Negativ-Themen. Die modernen Schlagworte sind Häuserzerstörungen, Wasserklau, Landenteignungen oder Überfälle extremistischer Siedler auf Palästinenser. Dass in den Siedlungen, darunter in Vierteln Jerusalems jenseits der „Grünen Linie“, eine halbe Million normale Israelis leben, wird vollkommen negiert: Linke, Fromme, Einwanderer, Rechte und Araber.

Die Berichterstattung geht sogar einen gefährlichen Schritt weiter, indem über „illegale Siedler“ gesprochen wird, wobei nur Juden im Sinne der Lex–Obama gemeint sind. Niemals würde SPON so über Palästinenser schreiben, die in „illegal“, also ohne Baugenehmigung errichteten Häusern, wohnen oder siedeln.

Wer Menschen für „illegal“ erklärt, spricht ihnen das Recht auf Leben, das Existenzrecht ab.


 

SPIEGEL ONLINE/bento: Chaya ist das Problem

Seit vorgestern, 25.02.16, kocht und brodelt das Netz um mich herum. Kein Wunder: Das angekündigte Portrait „der Siedlerin“ aus Judäa ist endlich im bento, dem jugendlichen Tochtermagazin von Spiegel Online erschienen:

"Warum eine deutsche Jüdin im Westjordanland lebt", bento, 25.02.16
„Warum eine deutsche Jüdin im Westjordanland lebt“, bento, 25.02.16

Zunächst einmal – alle, die darauf gewartet oder nicht gewartet und bisher noch nicht gelesen haben – ich lade euch herzlich ein, das Portrait zu lesen und sich eigene Eindrücke zu machen. Leider bin ich aus verschiedenen Gründen nicht dazu gekommen, früher darüber zu berichten. Selbstverständlich würde ich mich sehr darüber freuen, wenn ihr mich an euren Gedanken teilhaben lässt, unten in der Kommentarspalte. ⇓

Und jetzt, mit Verlaub, gebe ich etwas von meinem Senf dazu, als eine, die auch ein wenig den Hintergrund zu der gesamten Geschichte kennt.


Das Ergebnis des Besuches von Spiegel-Reporterin Jennifer Bligh und Fotograf Jonas Opperskalski, unserer mehrstündigen persönlichen Gespräche, Hintergrundinformationen und Erklärungen, der Führung rund um meine Karavanensiedlung  und der Fotosession ist meiner Meinung zweifach zu bewerten.

Das Positive?

Meine Besucherzahlen sind um ein Vierfaches gestiegen. Mein Blog wird seit dem 25.02 nicht mehr nur von Deutschen, Israelis und Schweizern, sondern sonderbarerweise auch von Schweden und Amerikanern besucht. Und meine Aufrufzahlen insgesamt belaufen sich seit Freitag auf 100.000 Besucher!!!! Wenn das kein Grund zum Feiern ist! Dutzende von positiven, aufmunternden Kommentaren und privaten Nachrichten haben mich erreicht, Facebookfreunde und zahlreiche Unbekannte unterhalten sich über das Schriftstück und Neuentdecker meines Blogs berichten mir aufgeregt, sie würden ab jetzt mit größtem Interesse meine Berichterstattung verfolgen. Besseres könnte man sich gar nicht wünschen. Außerdem ist es durchaus kein schlechtes Ding, zu wissen, dass das eigene Projekt auf die Hauptseite der SPIEGEL-Berichte gekommen ist. Denn welchen Ruf der SPIEGEL auch bei uns Israelfans genießen mag, ist es dennoch das zentrale deutsche Magazin. Come on, gebt’s zu. Es ist wirklich nicht alles so furchtbar im SPIEGEL. Wie ein guter Freund zu mir meinte, „es gibt keine schlechte Werbung“. In meinem Métier ist das tatsächlich ein wahrer Satz. Auch die Fotos von Jonas Opperskalski sind eine Bewunderung wert. Das war, genau genommen, auch mein erstes Fotoshooting gewesen und ich bin vollends zufrieden damit. To be continued…

Und was ist mit dem Negativen?

Das Negative ist der Rest.

Sprich, der Text selbst, der journalistische Standard, die Professionalität oder eher ihre gähnende Abwesenheit, die Präsentation seitens der Autorin, die einschlägigen Motive des Textes, seine Überarbeitung durch die Redaktion im Vergleich zum Entwurf, der mir vor der Veröffentlichung vorgelegt worden ist.

Vor der Veröffentlichung der Reportage wurde ich mit einigen gutgemeinten Ratschlägen versorgt, nach dem Motto „nehme dich in Acht, der SPIEGEL wird kein gutes Haar an dir lassen“. Im Nachhinein bekam ich die gerechten Zornesausbrüche und enttäuschten Feedbacks meiner Freunde und Leser zu Gesicht. Manche davon ähnelten denen einer „jiddischen Mamme“ – „wir haben es dir doch gesagt!“ Und bei allem Amusement, den ich von diesen Rückmeldungen hatte, liebe Freunde, eins muss ich euch sagen – das Risiko war mir bewusst. Aus meiner Erfahrung mit deutschen Medien, und insbesondere dem SPIEGEL, wusste ich, worauf ich mich einlasse. Denn außer der Journalistin vor Ort, Jennifer, einer netten jungen Frau mit geringer Ortskenntnis und manchmal recht seltsamen, aber dennoch interessierten Fragen zu dem Leben in Judäa und Samaria, gibt es ja noch die SPIEGEL-Redaktion. Und diese verfolgt ohne Zweifel die politisch korrekte Leitlinie des unzensierten Siedler-(nein, nicht Juden, Siedler!)hasses und, um dieser treu zu bleiben (alles hat sein Recht und seine Ordnung!), darf in einem Magazin, mag es noch so oberflächlich und ideologielos sein wie das „Jugendmagazin bento“ (man schaue sich nur deren Themenauswahl an), das Portrait einer Siedlerin im Westjordanland keinesfalls so ausfallen, dass man noch auf die Idee kommen könnte, diese zu befürworten.

Und das wurde auch mit allen Mitteln versucht, zu verhindern. Ob nun seitens Frau Bligh oder seitens der Redaktion. Die Details versuche ich noch, herauszufinden. Ich möchte niemandem einen schlechten Ruf verpassen, wozu auch? Der Text spricht für sich selbst.

Und genau hier begingen bento/SPIEGEL einen Fehler.

Denn die „unschöne“ Schreibweise, in der dieses nur wenige Absätze lange Portrait verfasst worden ist,  ließ so manche Leser und Kommentatoren zurückschrecken; so war vielen der 130 Kommentare auf der Seite zu entnehmen, bevor sie gelöscht wurden. Beispiele gefällig?

Erst zu meiner Charakterisierung. Ich bin ein Protestweib, das die Realität daran hindert, zu einer friedvollen Normalität umgewandelt zu werden. Das geht aus dem Untertitel des Artikels hervor („behindert mit ihrem Wohnort den Friedensprozess. Für sie ist das

Böse Chaya.
Böse Chaya. Wusste übrigens nicht, dass ich in Nablus oder Jenin leben kann. Ich werde mich informieren müssen.

Protest“), aus den ersten Absätzen („provoziert…Frieden verhindert“). Nach der saftigen Behauptung, die Siedlungen verstößten laut der UNO gegen das Völkerrecht, wird noch eins drauf gesetzt:

„Chaya sieht das anders – und ist damit Teil des Problems“

Ein Problemmensch also. Ein Mensch, in deren Welt es Dinge, die trotz ihrer Realitätsferne und ihrer de facto Nichtexistenz  – solche, wie die Zwei-Staaten-Lösung – zum internationalen Konzensus gehören, den man gefälligst zu respektieren habe, nicht gibt. Klar, dass eine solche Dreistigkeit entsprechend bestraft werden muss.

Mein problematisches Dasein muss also auch durch persönliche Eigenschaften belegt werden, die mir verpasst werden. So spreche ich nicht, sondern „rattere herunter“ , „rufe“ oder  „lache unschön auf“. Überhaupt scheine ich für die Reporterin entschieden zu oft

Unschön. Das Lachen, aber auch die journalistische Ausdrucksweise.
Unschön. Das Lachen, aber auch die journalistische Ausdrucksweise.

aufzulachen. Vielleicht hat ihr mein Humor nicht gefallen?, denke ich mir heute. Ganze zwei Mal erwähnt sie es im Text. Ansonsten ist meine Gesprächsweise „herausfordernd“, meine Stimme hat „einen Hauch von Trotz“ und auch habe ich die Frechheit, Dinge zu ignorieren, die für alle eigentlich so „simpel“ sein sollten wie das ABC: Siedlungen sind illegal.

Jennifer Bligh berichtigt das Völkerrecht.
Jennifer Bligh berichtigt das Völkerrecht.

So simpel möchten es SPIEGEL und bento haben. Leider ist das Völkerrecht selbst dort anderer Meinung. Somit wird es die UNO, die man für alles heranzieht, was nur ein wenig Hauch von Verleumdung gegen Israel mit sich trägt, auf völkerrechtlicher Ebene auch etwas differenzierter handhaben. Soweit also zu „Chaya sieht es anders“.

Übrigens müsste ich bento und Jennifer Bligh etwas mitteilen, was sie vielleicht so noch nicht gehört haben: Der SPIEGEL hat den Siedlungsbau auch anders gesehen. Vor 1979 nämlich. Da waren die Siedler noch mutige Pioniere, oder aber gänzlich uninteressant. Und das ist wahrlich nicht Chaya, die es herausgefunden hat, sondern Ulrich W.Sahm. Ob er damit auch Teil eines Problems ist? Das kann gut sein. Immerhin wurde er als Journalist aus allen deutschen Mainstreammedien verbannt.

Bei einem weiteren Thema scheint es bento darauf anzulegen, einen Anruf von der Presseeinheit der israelischen Armee zu erhalten. Jennifer Bligh/bento behaupten nämlich, die drei Jugendlichen Eyal, Gil-ad und Naftali, die im Sommer 2014 in Gush Etzion entführt und

bento macht der Hamas die Entführung streitig. Ein Fall für den Pressesprecher der IDF?
bento macht der Hamas die Entführung streitig. Ein Fall für den Pressesprecher der IDF?

ermordet worden sind, seien nur „angeblich“ von der Hamas entführt worden. Dass die Hamas selbst es anders sieht, die beiden Attentäter auf die Ausführung hin vorbereitet hat, die Entführung gefeiert und daraufhin sich auch in einen Krieg mit Israel gestürzt hat („Operation Fels in der Brandung“), schien an Jennifer Bligh vorbeigezogen zu sein. Wie auch, denn als ich ihr diese Information mitgeteilt habe, hat sie nur auf das Tempo geachtet, in welchem ich es gesagt habe („EswirdeinSatzzueinemWort“), der Inhalt war zu herausfordernd, um ihn zu verstehen. Da bin ich natürlich selbst daran schuld. Wie auch sonst an diesem Unglücksartikel.

Den absoluten Wissensmangel und die ins geübte Auge stechende Abwesenheit von jeglicher Professionalität bei diesem Text versucht der Artikel mit Meinungsmache zu vertuschen. Es gibt

Tja, was ist mit ihnen? Ich weiß es nicht, aber wenigestens haben sie mein "Allahu Akbar" gelassen.
Tja, was ist mit ihnen? Ich weiß es nicht, aber wenigestens haben sie mein „Allahu Akbar“ gelassen.

zwar den „roten Kasten“, der über die Situation in Judäa und Samaria aufklären will. Aber in einer der fetten Absatzüberschriften steht „Und was ist mit den Menschen in Gaza?“ Ich würde die Frage gerne zurück stellen, was ist denn mit den Menschen in Gaza? Was haben sie mit meiner Anwesenheit in Judäa zu tun? Vielleicht sollte man dafür die Menschen in Gaza fragen und nicht mich, die ich dieses Fleck Land im Leben nicht betreten habe, und die Fragestellerin ebenso (sie hat ja erst vor Kurzem ihre eigene jüdische Verwandschaft entdeckt und ist so nach Israel gekommen)? Ich antworte also, Gaza sei geräumt worden. So wird es auch zitiert. Der Interpretationsfreiraum für diese bombenfeste (wortwörtlich) Faktenlage wird den noch weniger gebildeten Lesern

Gut, dass bento Bescheid weiss.
„Unrealistisch“: Nur gut, dass bento Bescheid weiss.

gelassen. Auch die Tatsache, dass es noch nie einen palästinensischen Staat gegeben hat, wird zur Auslegung freigestellt. Hatten wir schon „simpel“ gesagt? Ja, Geschichtsumschreibung war noch nie so simpel wie im 21.Jahrhundert. 

Noch ein bisschen zum Insiderwissen: 

Als ich den Artikelentwurf per Email bekommen habe, sah er noch ganz anders aus. Da wurde über die Attentate gesprochen, die sich bei uns in der Gegend ereignet haben. Da findet die Tatsache, dass ich gegen Enteignungen von palästinensischem Privatbesitz bin, Erwähnung.. Da habe ich noch berichtet, dass ich Palästinenser in einer Farm besucht habe. Da sei der Zugang zur Siedlung über die Felder der arabischen Nachbarn noch offen, meine Redeart nicht „herausfordernd“, sondern „Meisterleistung“ und was meine Sichtweise auf die jüdische Religion angeht, so sei sie „differenziert und reflektiert“. Sogar mein Vorwissen zum Thema israelisches Gesetz und internationales Recht wird erwähnt.

All das verschwindet nach der Veröffentlichung. Meine Bitte, die Arbeit bei der „Jüdischen Rundschau“ zu erwähnen und das „Rufen“ als Prädikat aus dem Text zu entfernen, wird nicht berücksichtigt. Heraus kommt ein an Information mangelndes, Gift und Galle spuckendes und von Vorurteilen geradezu getränktes Essay, das, anstatt mich als Person vorzustellen und Einblick in meine selbst für Fortgeschrittene komplizierte Welt zu gewähren, sich an der eigenen Richtigkeit und Rechtschaffenheit ergötzt und alles daran setzt, mich mit den zur Verfügung stehenden Mitteln zu diffamieren. Nicht umsonst wurde der Beitrag wohl  nicht mehr und nicht weniger, als unter dem Schlagwort „Gerechtigkeit“ publiziert.

Gerechtigkeit und ein ungerechter Artikel. Ganz nach SPIEGEL-Tradition.
Gerechtigkeit und ein ungerechter Artikel. Ganz nach SPIEGEL-Tradition.

Bevor die Kommentare auf der Artikelseite zensiert worden sind, habe ich einige davon lesen können. Nicht alle waren vernichtend. Es gab offenbar genug klardenkender Leser, die die Schreibweise dieses Textes angeprangert haben. Ein Kommentator namens Heinz hatte danach gerufen, mich beim „deutschen Staatsanwalt“ zu verklagen, weil ich mit meinem Wohnsitz die Genfer Konvention bräche. Schade, dass ich davon keinen Screenshot gemacht habe.

Mancher möge sich jetzt fragen, „war es das Ganze wert? Hattest du diese Verleumdung nötig?“

Ich sage eindeutig – ja. Ich sehe jetzt schon, dass die Veröffentlichung mir  mehr Leser und Follower eingebracht hat und mich mehr ins deutsche Bewusstsein gerückt hat. Das ist sehr gut, es ist eins meiner Ziele bei meiner Arbeit und es freut mich, wenn mehr und mehr Menschen auf die Realität aufmerksam werden, die ich versuche zu vermitteln.

Demnach – Respekt und Hochachtung gebühren SPIEGEL und bento eindeutig nicht für diese „Meisterleistung“. Aber ein verschmitztes „Danke“ – definitiv. Und, wie es so schön im Hebräischen heißt, „seid mir gesund!“ Wer Hebräisch kann, wird die Andeutung verstehen. 🙂


Weitere Rezensionen und Kommentare zu dem Artikel bei bento:
Gerd Buurmann
Roger Letsch
Elisabeth Lahusen

NEWS: Tödlicher Schusswechsel

In unserer Karavanensiedlung haben wir eine gemeinsame Whatsapp-Gruppe für alle Einwohner. Diese ist auch recht lebendig, und auch öfters mal nützlich, wenn man sich untereinander austauschen kann.

Ortschaftenkarte Gush Etzion.
Ortschaftenkarte Gush Etzion.

Als gestern, 24.02.16, die Nachricht von Jochanan, meinem Nachbarn, mit der Bitte um ein Gebet für Genesung verschickt wurde, wusste ich schon zuvor, dass es ein Attentat gegeben hatte, wieder einmal bei uns an der Gush Etzion-Kreuzung, um die Mittagszeit. Es war immer dasselbe Prinzip – Araber mit Messer hatte versucht, an der Bushaltestelle wartende Menschen anzugreifen.

Dieses Mal war etwas „schief gelaufen“ – den Nachrichtenmitteilungen entsprechend rannte der Attentäter auf die Gruppe Wartender zu mit einem Messer in der Hand, doch wurde schnell von den Sicherheitskräften, die jede Haltestelle auf der Kreuzung säumen, entdeckt. Auch einer der Wartenden

Gush Etzion Kreuzung. Quelle: Regionalverwaltung
Gush Etzion Kreuzung. Quelle: Regionalverwaltung

entdeckte den Terroristen, Eliav Gelman, 30 Jahre, aus der benachbarten Siedlung Karmey Tzur. Eliav, Vater zweier kleiner Kinder und Reserveoffizier in einer Einheit der israelischen Luftwaffe, war gerade unterwegs nach Hause von einer Reserveübung und trug eine Waffe bei sich. Er zückte die Waffe, als er den Angreifer auf sich zulaufen sah, und schoss. Dasselbe taten auch die Soldaten.

Quelle: MDA
Quelle: MDA

Der Terrorist wurde niedergeschossen, mittelschwer verletzt. Doch ebenso wurde Eliav. Er geriet in die Schusslinie der Soldaten, zwei Kugeln trafen ihn am Oberkörper und verletzten ihn lebensgefährlich.

Nach der moralischen Leitlinie der israelischen Armee und der medizinischen Versorgungsdienste wird bei Verletzten kein Unterschied gemacht, ob es sich dabei um Opfer oder Täter handelt, um Angreifer oder um Verteidiger. Beide werden gleichermaßen entsprechend ihrer Verletzungen versorgt und ins Krankenhaus gebracht. Der Terrorist wurde evakuiert. So auch Eliav.

Eliav Gelman.
Eliav Gelman.

Kurze Zeit später gaben die Nachrichten bekannt: Der Terrorist, ein 26-jähriger Mann, von Beruf Lehrer, aus den Südhevronbergen, wurde behandelt und hatte überlebt. Eliav verstarb an den Schusswunden.

Diese Art von Tragik hatte es schon zwei Mal während der letzten „Messerintifada“ gegeben; einmal war es ein offenbar geistig verwirrter Mann in einem Jerusalemer Bus, der etwas von „Isis“ schrie und mit einem Werkzeug fuchtelte und in diesem Kontext erschossen wurde – die Untersuchungsergebnisse hatten dies ergeben. Ein ander Mal wurde ein eriträischer Flüchtling nach einem Attentat auf dem Zentralbusbahnhof in Beer Shewa, der versehentlich für den Attentäter gehalten und erschossen wurde.

Und jetzt, Eliav, ein Opfer der Situation, gestorben an den Kugeln der eigenen Kameraden, während er dabei war,  ein Attentat auf Unschuldige abzuwehren.

In meiner Whatsapp-Gruppe fand ich heraus, dass es sich bei Eliav um den Ehemann der Schwester meiner Nachbarin Chenit handelte, hier aus der Karavanensiedlung. Diese Nachricht reichte mir, um trotz des späten Arbeitsschlusses in Jerusalem zur Beerdigung zu reisen, welche am selben Abend auf dem lokalen Friedhof des Kibbutz Kfar Etzion stattfinden sollte.


Eliav. Ich kannte ihn nicht, aber trotz der üblichen Trauer um ein weiteres Terroropfer wollte ich Anteil am Schicksal meiner Nachbarin zeigen, deren Schwester es getroffen hatte. Alle sie sind jung, was sind schon 30 Jahre und zwei kleine Kinder? Das Leben sollte vor ihnen stehen und nicht unter ihren Füßen begraben werden…

Ich wartete auf einen Anhalter an der Autobahnkreuzung 60 im Stadtteil Gilo, Jerusalem, Richtung Gush Etzion. Kaum eine Minute war vergangen, da hielt ein Fahrzeug an. „Kfar Etzion“, sagte einer der jungen Männer mit Kippa im Wagen. Der Kibbutz, wo die Beerdigung stattfinden sollte. Ich stieg ein, es dauerte noch, bis er die Windschutzscheibe gereinigt bekam. Unterdessen fragte ich seinen Beifahrer und noch eine Zugestiegene, ob sie zur Beerdigung von Eliav fahren würden. Sie bejahten.

Wir fuhren los. Die beiden unterhalten sich vorne, plötzlich sagt der Fahrer: „Erst heute mittag habe ich ihn zur Gush-Kreuzung gefahren. Von hier aus, von Gilo. Ich habe ihn dort abgesetzt und bin heimgefahren. Ich kenne ihn aus dem Reservedienst. Am vorigen Abend haben wir noch miteinander gechattet. Ich kenne ihn nicht wirklich gut genug, aber wir waren zusammen in der Reserve.“

Und er erzählt mir, die ich sprachlos bin von so einer unerwarteten Information, wie er kurz nach dem Absetzen von Eliav aus den Nachrichten von dem Anschlag erfuhr, und dann gab man auch den Namen des Opfers frei. Er war geschockt.

Ich bin es auch. Es ist mehr als nur eine „kleine Welt“, die hier zum Vorschein kommt. Mehr als nur Nachbarschaft. Alle sind wir irgendwo, irgendwie miteinander verbunden. Der Reservekamerad. Der Verwandte der Nachbarin. Der Bekannte der Freunde aus einer Stadt. Der Kollege, der Kollege des Kollegen, der Sohn der Bekannten. Wenn man hier lebt, muss man sich unwillkürlich fragen, wen es als nächstes trifft, unwillkürlich zittern bei jeder Anschlagsmeldung, „wird mir der Name des Opfers bekannt sein?“

Und selbst wenn dieser es nicht ist, dennoch trifft es ins Herz. Andere. Mich. Als würde wieder und wieder ein Gliedmaß abgehackt werden, mitten im Blühen, mitten im Leben.

Die andere Mitfahrerin kannte Eliav nicht, wohl aber seine Eltern, mit welchen er in der Stadt Kiryat Arba bei Hevron aufgewachsen war.

Der Fahrer und sein Freund unterhalten sich leise über den Ermordeten, das, was sie über ihn wissen; er sei bescheiden gewesen, zurückhaltend, professionell, familientreu, ein Mensch mit einem guten Ruf. Im Radio spielt melancholische Musik, draußen ist es dunkel, die Klimaanlage heizt die Luft im Fahrzeug und wir fahren, dicht aneinander gedrängt, ab und zu ein paar Worte wechselnd, fixiert auf unser Ziel – den Friedhof.

20160224_212707Dann kommt der Stau. Die Landstraße, welche zum Kibbutz führt, ist von Autos verstopft. Alle scheinen zur Beerdigung fahren zu wollen. Ob sie alle ihn gekannt haben? Ich wage zu bezweifeln. Wenn es nicht etwas mit meinen Nachbarn zu tun gehabt hätte, glaube ich kaum, dass ich selbst gekommen wäre. Ich gehe nicht oft zu Beerdigungen, ich mag sie nicht, es verstört mich zu sehr, es belastet, es geht mir nahe. Ich bevorzuge es, zu schreiben, anstatt am Grab zu weilen und das Weinen der Hinterbliebenen zu hören. Aber hier sind die Menschen nicht wie ich. In Israel, und vor allem in Judäa und Samaria, sind die Menschen anders. Sie begleiten einen – den Lebenden, von Geburt an, in der Kindheit, bis zur Bar/Bat Mitzwa, bis zum Einzug in die Armee und bis unter den Heiratsbaldachin; sie begleiten einen zu den wichtigsten Stufen und Ereignissen des Lebens, bis ins Alter und bis zum Tod. Sie lassen niemanden fallen. Sie umarmen – die Familie, den Verstorbenen und die Erinnerung an ihn.

Die Straße, die zum Friedhofstor führt, ist übersät von parkenden Autos. Es ist dunkel, nur der Vollmond leuchtet über den Hügeln und dem Tal, welches sich rechts von uns erstreckt und die Sicht auf die leichtenden Punkte der Dörfer und Städte talabwärts und bis zur Mittelmeerküste bietet.

20160224_214526Es strömen mehr und mehr Menschen aufs Gelände. Wir müssten insgesamt einige Hundert sein.Trotz der Menschenmenge herrscht eine, ganz dem Wort nach, Totenstille. Dann scheint sich etwas zu bewegen. Von oben her steigen Soldaten herab, einige Reihen von feierlich angezogenen Soldaten, sie tragen eine Bare mit dem Leichnam von Eliav. Eine Bare, und keinen Sarg. Wir haben keine 20160224_215113Särge im Judentum. Der Mensch wird, in den weißen Gebetsmantel und manchmal auch, wie bei Soldaten, in eine Flagge eingewickelt, einfach so in die Erde gelegt. „Von Staub gekommen, zu Staub geworden“. Nichts soll diesem im Wege stehen.

Und dann, als die Soldaten heruntersteigen, hört man das Weinen. Vor allem von Frauen. Weinende, rufende Stimmen, von Eliavs Frau, Schwestern, Eltern. Der Kreis der Weinenden breitet sich aus; Schluchzen kommen aus weiteren Reihen – von Freunden, Bekannten, fremden Anteilnehmenden wie mir?

Und Er ist erbarmungsvoll, vergibt Sünde und vernichtet nicht, zügelt Seinen Zorn und zeigt nicht Seine ganze Wut“

(Psalm 78)

Das Grab wird mit Erde bedeckt. Ich sehe Jochanan, meinen Nachbarn, wie auch er zum Spaten greift. Das Weinen wird lauter. Meine Seele schmerzt bei dem Gedanken daran, wie sich die junge Ehefrau – Witwe – fühlen muss, wenn sie der Erde zuschaut, die nach und nach den Körper ihrer vor einigen Stunden noch lebendigen Mannes, dem Vater ihrer Kinder, bedeckt. Einem Mann, der sich an die Frontlinie wagte, um Terror abzuwehren und diesem erlag.

Alles geschieht sehr schnell hier. Das Leben, der Terror, der Tod, und auch das Begräbnis. Man lässt die Toten nicht über Nacht weilen. Am Mittag noch quicklebendig, am Abend schon in der Erde. Der Armeerabbiner, der die Zeremonie leitet, kommt zu den nahen Angehörigen – Eltern, Ehefrau – und erklärt ihnen, wie sie ihre Kleidung anzureißen haben und welchen Segensspruch sie über Eliavs Tod sprechen sollen. Beides ist das jüdische Gesetz und es wird ausgeführt, auch wenn es schmerzt. Der Kleidersaum am Hals reißt, auch die Herzen reißen. „Gesegnet ist der Herr, der wahre Richter.“ Das sagen wir hier in Israel, wenn wir von einer Todesnachricht erfahren. Wie muss es aber sein, wenn man dies über das eigene Familienmitglied sagen und die Entscheidung akzeptieren muss?…

Gott, schweige nicht, werde nicht taub und ruhe nicht

Denn siehe, wie Deine Feinde aufheulen, und Deine Hasser ihren Kopf heben

Gegen Dein Volk plotten sie sich zusammen, gegen diejenigen, die Du liebst

Sie sagten – gehen wir hin und löschen sie aus

Und an den Namen Israel soll nichts mehr erinnern!“ (Psalm 83)

Der Rabbiner liest die Psalmen vor, und dann kommen Grabesreden. Der erste, der spricht, ist der Integrationsminister und Minister für Jerusalem-Angelegenheiten Ze’ev Elkin; auch er wohnt hier, in Gush Etzion:

„Die Kreuzung der drei Kinder, die Kreuzung des Blutes! Welchen Preis haben wir für diese Kreuzung bezahlt, und für unser Festhalten an diesem Land. Diese Kreuzung ist ein Symbol dafür. Migdal Eder [1927 von arabischen Dörflern verwüstet, Anm.], das alte Kfar Etzion [von 1943, 1948 von arabischen Legionen verwüstet, Anm.] und bis heute. Wir leben hier, weil wir Jerusalem verteidigen. Diese wilden Tiere, die uns angreifen, wissen es, und deshalb greifen sie uns hier an, um uns von hier verschwinden zu lassen. Aber wir werden nicht von hier weggehen, es wird ihnen nicht gelingen. Bestimmt habt ihr schon gehört, dass der Terrorist ein Lehrer gewesen ist! Ein Lehrer! Das ist ihre Erziehung. Sie erziehen ihre Kinder dazu, zu töten. Wo sind sie und wo ist unsere Erziehung dagegen! Wir bringen unseren Kindern bei, zu leben. 

Hört uns, Nachbarn, es reicht, es wird euch nicht gelingen, hört es auf! Ob mit Messern oder mit Gewehren, mit denen ihr auf uns losgeht, wir gehen nicht von hier, genug!“

Offiziere verschiedenen Ranges, Befehlshaber und Kameraden, treten ans Mikrofon und beschreiben einen jungen, furchtlosen Mann, kampferprobt und professionell in der Erfüllung seiner 20160224_215117Aufgaben, und dennoch bescheiden, zurückhaltend, familienbewusst, lernfreudig. „Die israelische Nation weiß nicht, wieviel an ihrer Sicherheit sie diesem Mann verdankt“, sagt einer. „Möge Gott unseren Anführern den Mut geben, sich nicht vor den Europäern und nicht vor den Amerikanern zu fürchten. Man darf den Kopf nicht vor einem Nichtjuden neigen, auch wenn er der Präsident von Amerika ist. Ein Jude muss das tun, was für das jüdische Volk richtig ist“, sagt ein bärtiger Redner mit zitternder Stimme, mir unklar, in welcher Funktion.

„Deine Bibliothek daheim zeugte davon, was für ein Mensch du warst“, so beginnt der Ortsrabbiner von Karmey Tzur seine Rede, „so viel Gutes hat von dir gestrahlt, so viel Bescheidenheit und Zärtlichkeit, ja, Zärtlichkeit, konnte man in deiner Stimme hören, wenn du gesprochen hast.“ Er wendet sich auch an die Angehörigen: „Den Schmerz einer Mutter kennt nur die Mutter (…), den Schmerz der Ehefrau nur sie allein. Nichts und niemand kann euch das nehmen. Ihr werden Schmerz fühlen, ihn durchleben und wieder aufstehen; das hätte Eliav von euch gewollt.“

Auch die Geschwister von Eliav sagen einige Worte, welche mehrmals von Schluchzern unterbrochen wurden. Die Anwesenden erfahren, dass Eliavs Schwester Tzofia, Studentin, eine Kippa für den älteren Bruder stricken wollte und diese nicht fertiggestrickt hatte; sein jüngerer Bruder hätte , wann immer er einen Fehler gemacht habe, daran gedacht, ‚Was hätte Eliav in meinem Fall gemacht?‘, und ein anderer Bruder sagt voller Bitterkeit:

„Wer wird Ya’ir [den älteren Sohn, Anm.] in die Synagoge begleiten, wer wird Yoav [den jüngeren, Anm.] die Kleider wechseln, und wer wird Rinat [der Ehefrau, Anm.] bei der Geburt beistehen? In einundhalb Monaten wird sie ein Kind gebähren mit einer Seele und einem Körper, Fleisch von deinem Fleisch; es wird etwas von deiner Seele haben, aber niemals die Umarmung deines Körpers fühlen können!“

Eliavs Vater sagt im Voraus mit gebrochener Stimme, er wisse nicht, wie man eine Rede hielte, er hätte aus dem Herzen geschrieben:

„Als meine Eltern gestorben sind, hatten sie nicht viele um sich herum, die für sie das Totengebet sprechen konnten. Wir unsererseits haben für uns einen ganzen ‚Chor‘ heranwachsen lassen. Wer hätte aber gedacht, dass ich heute ausgerechnet einen Teil deines ‚Chores‘ ausmachen würde? (…) Avraham, unser Vorvater, war bereit, für die Heiligung des göttlichen Namens seinen Sohn als Opfer darzubringen; der Hohepriester Aharon hat seine zwei Söhne im Gottesdienst verloren und so haben Juden generationenlang ihre Seele für diese Heiligung hingegeben. Mit großem Schmerz nehmen auch wir heute die Tatsache hin, dass du für die Heiligung Seines Namens geopfert wurdest.“

Das Totengebet, das Kaddish, wird gesprochen, die Zeremonie ist vorbei. Die Anwesenden ziehen langsam an den Trauernden vorbei und umarmen sie. So auch ich, umarme Chenit und ihre Schwester Rinat, welche weinend auf der Bank neben dem frischen Grab sitzen, und ziehe dann von dannen, mir einen Anhalter zurück nach Hause zu suchen.

In meinem Kopf wechselen sich die Bilder des Erlebten ab, eine Schwere im Magen und im Herzen, und ausgerechnet an die Worte von Davidi Perl, des Vorsitzenden des Regionalrates von Gush Etzion, erinnere ich mich, der bei seiner Grabesrede David Ben Gurion zitiert hatte. Das Zitat schien aus einem ganz anderen Kontext zu stammen,  aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges von 1948-1949, als Gush Etzion und seine vier Kibbutzim den Schutzwall Jerusalems vor den Anmärschen der feindlichen arabischen Legionen bildeten. Einen Tag vor der Ausrufung des Staates Israel am 14.Mai 1948 fiel Gush Etzion und seine letzten Bastionen in die Hände der arabischen Kämpfer, mehrere hundert Einwohner wurden massakriert, der Rest in Gefangenschaft genommen oder geflohen. In den Jahren danach wurde dieser Tag zum nationalen Gedenktag der Gefallenen des Staates Israel erklärt. Davidi Perl zitierte David Ben Gurion, Israels ersten Premierminister, der sich ein Jahr nach der Staatsgründung  zu dem Fall von Gush Etzion äußerte:

„Die Beschützer von Gush Etzion retteten Jerusalem. Vier Besiedlungspunkte mitten im Feindesland hielten die Feinde davon ab, zu den Toren Jerusalems vorzudringen. Viele, zu viele von uns fielen dort im Kampf. Aber wenn das hebräische Jerusalem heute steht, wenn der jüdischen Besiedlung der Todesstoß, den die Feinde geplant hatten, nicht gegeben worden war – dann gilt der Dank der israelischen Geschichte und der Geschichte des jüdischen Volkes zuallererst den Kämpfern von Gush Etzion…“ 

„Und du bist einer von ihnen“, hatte Davidi Perl den Satz ergänzt.

 

Unterwegs in Binyamin: Allein im Wadi el-Hakim

 Lange Zeit warte ich schon darauf, euch von meiner Wanderung im malerischen Bergland Südsamarias, durch das Flussbett des „Wadi el-Hakim“, am 01.10.2015 zu berichten. Immer wieder kommen Meldungen und aktuelle Ereignisse dazwischen, die mich davon abhalten. Dadurch werden die Beiträge, die eigentlich auch Aspekte des Lebens in Judäa und Samaria außerhalb der aktuellen Berichterstattung zeigen möchten, leider nach hinten geschoben. Aber dem muss nicht für immer so sein. Hier also – ein Tagebucheintrag zu meiner Wanderung im „Wadi el-Hakim“.


Der Startpunkt meiner Wanderung durch das trockene Flussbett (auf Arabisch = Wadi) den sogenannten Wadi el-Hakim (Der Wadi des Weisen, ehemals benannt nach einer lokal ansässigen weisen Persönlichkeit) beginnt an den Wasserquellen unterhalb der Siedlung Nevé Tzúf-Halamísh in Südsamaria (Binyamin). Wie man der Webseite der Ortschaft entnehmen kann, wurde Neve Tzuf im November 1977 gegründet. Nachdem erste Familien der Siedlerbewegung „Gush Emunim“ ein verlassenes Gebäude der britischen Polizei bezogen und renoviert hatten, beschloss die israelische Regierung mit der Unterstützung der amerikanischen

Neve Tzuf, Karte 1
Neve Tzuf, Karte 1

Regierung, den  Grundstein zur Ortschaft Neve Tzuf zu legen. Der offizielle Namensausschuss, welcher für die Benennung von Ortschaften verantwortlich ist, hatte beschlossen, den ursprünglichen Namen „Neve Tzuf“ in „Halamish“ zu ändern, und so lässt sich die Siedlung heute auch auf der Karte finden. Die Einwohner stimmten diesem nicht zu; daher ist der Ort in der Region heute eher als „Neve Tzuf“ bekannt.

Heute leben in der religiösen Siedlung etwa 250 jüdische Familien verschiedener Herkünfte. Vom Verkehr her ist Neve Tzuf an die Autobahnstrecke 465 angebunden, über welche man in etwa 30 Minuten zum Ben-Gurion-Flughafen gelangt und in etwa 40 Minuten Tel Aviv erreicht.

20151001_114553Unterhalb von Neve Tzuf befinden sich die Me’ir-Quellen, welche erst vor kurzem durch die Jugendlichen der Siedlung renoviert wurden. Das Areal wurde besucherfreundlich gestaltet und gereinigt, ganze drei mit Steinen ausgelegte Wasserbecken laden zum Plantschen und Baden ein. Aus einem Fels fließt die eigentliche Quelle, die dann in die Becken weitergeleitet wird.

Arabische und jüdische Ortschaften. Karte 2
Arabische und jüdische Ortschaften. Karte 2

Neve Tzuf ist umgeben von 5 arabischen Ortschaften: Nabi Saleh und Deir Nizzam, weiter nördlich Kafr Eyn und Qarawat Bani Zeyd. Westwärts liegt Deir Abu Mash’al. Auf den Bergen über dem Wadi-Verlauf liegen Bait Rima und Abudt. Weiter nördlich liegt Deir Ghazzana.

Von den Wasserquellen von Neve Tzuf und auf der anderen Seite der Autobahn 465, welche an den Quellen vorbeiführt, fangen der eigentliche Wadi el-Hakim und die Wanderstrecke an. Der Wadi selbst misst etwa 10,28 km und führt von der Autobahn 465 durch die Berge westwärts Richtung Küste, an den drei arabischen Ortschaften vorbei (Deir Nizzam, Bait Rima und Abud), biegt

Verlauf des Wadis. Karte 3
Verlauf des Wadis. Karte 3

Richtung Norden bei der juedischen Ortschaft Beit Arye ab und mündet in das Flussbett des Flusses Shiloh  (arabisch: Wadi Amuriya).

Das Ende der Wanderstrecke ist die Siedlung Beit Arye, welche sich ebenso auf den Bergen hoch über dem Wadi befindet. Beit Arye ist eine größere Siedlung von über 4000 Einwohnern und wurde 1981 gegründet, 1989 schließlich zum Bau freigegeben. Der Charakter von Beit Arye ist gemischt, dort leben Menschen aus verschiedenen Schichten der israelischen Gesellschaft, religiöse und nichtreligiöse Juden leben zusammen. Die Siedlung gilt als insbesondere für diejenigen attraktiv, die im Zentrum des Landes und an der Küste arbeiten, sich aber einen Lebensunterhalt dort nicht leisten können oder aber eine engere Gemeinschaft und eine ländliche Umgebung bevorzugen. Aus der Siedlung selbst hat man einen Blick auf die Mittelmeerküste und die Skyline von Tel Aviv.


Teil 1: Die Fahrt

Fahrtroute zum Wanderweg
Fahrtroute zum Wanderweg

Als ich die Strecke von Jerusalem aus Richtung Neve Tzuf hochfahre, begegnet mir viel Verkehr auf den Strassen. Autos mit palaestinensischen und israelischen Kennzeichen fahren vorbei. Hinter dem Kontrollposten Hizme im Norden Jerusalems folgt eine kurze Fahrt an der arabischen Ortschaft Hizme vorbei und dann folgt das grosse Industriegebiet der Suedsamaria-Binyamin-Region, in welchem sich auch der grosse zentrale Discounter ‚Rami Levy‘ befindet. Die Supermarktkette ist vor allem bekannt dafür, dass bei der Einstellung der Mitarbeiter nach den Grundsätzen der Toleranz und Offenheit gehandelt wird; so wird der Supermarkt trotz Sicherheitsrisiko von sowohl israelisch-jüdischen als auch

Der 'Rami Levy' Supermarkt, Binyamin Industriezone (Quelle: Hakol Hayehudi)
Der ‚Rami Levy‘ Supermarkt, Binyamin Industriezone (Quelle: Hakol Hayehudi)

palästinensisch-arabischen Mitarbeitern betreut, und Kunden aus der gesamten Region, unabhängig ihrer Staatsangehörigkeit (somit also auch aus den PA-Zonen), ungestört einkaufen gehen können. Leider haben die Ereignisse der letzten Monate und Wochen (Die Siedlerin berichtete) gezeigt, dass die Sicherheitsbedrohung durch die Anwendung dieses Grundsatzes für jüdische Kunden immer wieder aktuell und nicht an den Haaren herbeigezogen ist.

20151001_110721Zu dem Beginn meiner Wanderroute fahre ich per Autostopp. Die wüstenähnliche Landschaft von Südostsamaria (ab jetzt: Binyamin-Region) begleitet meine Fahrt. 20151001_112549Es ist Oktober und dennoch sehr heiß.

Mein erster Autostopp, den ich vom Grenzübergang Hizme genommen habe, bringt mich vor die Tore der Siedlung Ofra. Ofra ist eine relativ große Siedlung mit etwas mehr als 3000 Einwohnern, sie wurde 1975 gegründet und 1977 offiziell von der Regierung anerkannt. Die Bewohner Ofras sind weitestgehend religiös, der Lebensstandard hoch. Business, Erziehung und Tourismus florieren in Ofra. Von außen kann ich eine Feuerwache erkennen.

20151001_110653Mit zwei Jugendlichen warte ich auf einen weiteren Autostopp westwärts. Die beiden wollen offenbar zum selben Ziel, der Me’ir-Wasserquelle, bei der der Wanderweg anfängt. Sie erzählen mir, dass in der dortigen Region es relativ viele Wasserquellen gibt. Mit uns an der Bushaltestelle stehen zwei Soldaten, die in Judäa und Samaria praktisch jede Haltestelle bewachen. Sie machen einen gelangweilten Eindruck (ich kann sie gut verstehen) und spielen mit ihren Smartphones herum. Ich muss relativ lange auf den Autostopp warten und scheine meine Hoffnung etwas zu verlieren, doch da hält ein Fahrzeug neben uns an und der Fahrer fährt zu unser aller Glück direkt nach Neve Tzuf.

Je weiter wir in Richtung der Siedlung fahren, desto niedriger werden die Hügel. Topografisch gesehen befinden wir uns im Abstieg, von einer Höhe von 800m über dem Meeresspiegel (Ofra) fahren wir bis zu 600m hinunter. Der Wanderweg im Wadi selbst wird uns schließlich bis zu 200m über dem Meeresspiegel bringen.

Die Natur verändert sich auch. Die wüsten und steinigen Hügel Ost-Binyamins, welche kaum Vegetation besitzen, weichen Bäumen und Olivenplantagen, welche den lokalen arabischen Grundbesitzern gehören . Es wird grüner. Ein Verkehrsschild weist darauf hin, dass sich hier in der Nähe die „sagenhafte“ palästinensische Metropole Rawabi befindet, ein Großprojekt der Palästinensischen Autonomiebehörde, welches allerdings keine konkrete Förderung erhält und daher eher im Stocken zu sein scheint, als tatsächlich eine 20151001_114000Alternative für die arabischen Dorf- und Stadtbewohner zu bieten. (Mehr über Rawabi kann man hier nachlesen).  Wir fahren auch an der wunderschönen Gebirgslandschaft um die Siedlung Ateret herum vorbei.

Nach etwa zwanzig Minuten kommen wir an der Me’ir-Wasserquelle an; der Fahrer ist so nett, uns direkt an die Quelle zu fahren. Wie schon in der Einleitung erwähnt, wurde die Anlage von den Jugendlichen der Ortschaft renoviert und erweitert. Auf dem 20151001_114438Bergabhang finden sich drei Wasserbecken und mehrere Sitzgelegenheit, mit und ohne Überdachung. Um zwei der Becken tummeln sich Familien mit Kindern, das dritte ist leer. Das Wetter ist wie geschaffen für einen Ausflug ans Wasser – heiß und sonnig, die Luft sauber.


 

Teil 2: Die Wanderung beginnt

Als ich ankomme, setze ich mich zu einer verheirateten Frau mit traditionellem Kopftuch auf einer Bank dazu und fange an, mich mit ihr zu unterhalten. Zu meinem Erstaunen zieht die Frau eine Zigarette hervor und beginnt zu rauchen – etwas für Frauen eher Unübliches in der nationalreligiösen Gemeinschaft. Sie wohnt in der benachbarten Siedlung Talmon, ist aber ebenso wie ich das erste Mal an dieser Quelle. Sie fragt mich, ob ich per Autostopp gekommen bin, was ich bejahe. Dann erzählt sie mir, dass sie das Trampen aufgegeben habe, als ihre Mutter ihr einst ihr erstes Auto gekauft hatte, denn diese wollte nicht, dass ihre Tochter sich ein Motorrad kaufe. Nach dieser Unterhaltung begebe ich mich zum Becken; das Wasser ist einladend und gar nicht so kalt und ich springe, mit T-Shirt und Rock bekleidet, hinein. Badekleidung wäre an diesem Ort nicht angemessen, und ist auch gar nicht nötig – die Kleider trocknen in der Sonne schnell. Kurze Zeit später gesellt sich zu mir ein junges und sehr verliebt wirkendes Paar – wahrscheinlich 20151001_115218frisch verheiratet, denke ich mir. Um sie nicht zu stören, steige ich aus dem Becken aus, ziehe mich in den Büschen um. Ich kann beobachten, wie die beiden auch ins Becken hineinklettern. Ein schönes Timing für einen romantischen Ausflug, muss ich zugeben.

Mithilfe von Google Maps und GPS (sehr nützliches Utensil für jeden Wanderer, fast schon besser als eine professionelle topografische Karte, zumindest für mich als Amateurin) finde ich den Beginn des Wadis auf der anderen Seite der Autobahn. Ursprünglich sollte ich die Wanderung mit einer organisierten Gruppe machen, zu dieser habe ich es allerdings nicht geschafft und muss somit den Weg alleine gehen.

20151001_124256Der Wadi beginnt auf der rechten Seite der Autobahn 465 abwärts, führt an einigen Weinplantagen und einem kleinen arabischen Bauernhof vorbei und weiter in das Tal zwischen den Hügeln. Ich klettere hoch auf die Hügel, um einen besseren Überblick zu behalten. Über mir kann ich einen Ziegenhirten erkennen, den ich auf Arabisch grüße, ebenso ein paar Feldarbeiter unterhalb von meinem Pfad. Der Pfad lässt sich nicht besonders gut erkennen, außerdem bevorzuge ich es, in dieser noch bewohnten Gegend eher weniger Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen –  immerhin wandere ich allein und kenne die arabischen Bauern hier nicht. Zu meiner Linken sehe 20151001_123021ich auf den Hügeln das Dorf Deir Nizzam und hinter mir weht auf einem anderen Hügel eine palästinensische Flagge. Dahinter befindet sich der Ort Nabi Saleh.

Nabi Saleh ist berühmt-berüchtigt für seine wöchentlichen, kravalleartigen Demonstrationen „gegen die israelische Besatzung“, bei welchen sich die lokalen Jugendlichen, angeführt von Mitgliedern der Tamimi-Familie und mit häufigem Beistand von pro-palästinensischen Aktivisten , gewalttätige Ausschreitungen mit der israelischen Armee liefern. Bei diesen Ausschreitungen gab es oft genug Tote und Verletzte; Steinewürfe und tätliche Angriffe stehen dabei an der Tagesordnung. Auch versuchen die Einwohner, an das benachbarte Neve Tzuf heranzukommen, woran sie die Armee hindert. Nabi Saleh ist auch bekannt durch seinen „Exportstar“, die heute 15-jährige Ahed Tamimi. In 2012 wurde die Tochter der

Ahed und ihre Eltern, die Aktivisten Nariman und Bassem Tamimi (Quelle: Ha'aretz)
Ahed und ihre Eltern, die Aktivisten Nariman und Bassem Tamimi (Quelle: Ha’aretz)

führenden „Widerstands“-Aktivisten aus Nabi Saleh, Nariman und Bassem Tamimi als Elfjährige zum ersten Mal gefilmt, wie sie, ihre Cousine und eine Gruppe anderer Kinder, in ärmellosem Hemd und Leggins Soldaten nahe der Ortschaft ankreischte und versuchte, auf einen eher amüsiert wirkenden Soldaten einzuschlagen. Die Szene wurde auf Youtube ausgestellt, ging um die Welt und wurde lange Zeit in den internationalen Medien diskutiert. Verschiedene Organisationen, solche wie CAMERA, stellten Recherchen zusammen, die eine organisierte Aktion und keinen „spontanen“ Protest hinter dem Auftritt von Tamimi aufdeckten. Ahed selbst, danach von ihren Spöttern als „Shirley Temper“ betitelt, tauchte

Ahed gegen die Soldaten, Quelle: Haber5
Ahed gegen die Soldaten, Quelle: Haber5

über Jahre in weiteren Clips der Tamimi-Familie auf (diese besitzt auch eine Facebook-Seite namens „Tamimi Press“). Für ihren Einsatz im „Palästinensischen Widerstand“ erhielt sie Auszeichnungen von Mahmud Abbas und sogar von

Ahed erhält die "Courage"-Auszeichnung in der Türkei (Quelle: DipnotTV)
Ahed erhält die „Courage“-Auszeichnung in der Türkei (Quelle: DipnotTV)

Erdogan, wofür sie extra in die Türkei geflogen wurde.  Mehr über Ahed Tamimi und Nabi Saleh kann man hier und hier nachlesen. 

Soweit zu Nabi Saleh. Ich gehe weiter, überquere den Wadi auf die andere Hügelseite, um dort einen einfacheren Pfad zu finden, und gehe entlang der dieser Region so typischen Steinterrassen. Die meisten davon scheinen verlassen zu sein, Früher wurden hier sicherlich Oliven oder gar Trauben angebaut, heute werden viele davon nicht benutzt. Die Terrassen können etliche Jahre alt sein – mehrere Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte, denn Terrassenbau war und ist hier die bevorzugte Art der Landbewirtschaftung. 20151001_130425

alonmatziu
So sieht eine lokale Eiche aus (Illustration)

Ich spüre einen leichten Wind. Die Luft ist sehr angenehm. Die Natur um mich herum ist sehr trocken; es ist Herbst und der Boden ist übersät mit Dornbüschen. Die Vegetation besteht aus lokalen Bäumen wie dem ‚Quercus Calliprinos‘, der lokalen Eiche, die im gesamten Mittelmeerraum verbreitet ist und auf Kalkstein wächst. Tatsächlich bestehen die Felshügel zum größten Teil aus Kalkstein.

Wer genau hinschaut: auf dem Hügel sind Ziegen zu sehen
Wer genau hinschaut: auf dem Hügel sind Ziegen zu sehen

Während der Wanderung lege ich einige Pausen ein, setze mich ins Gebüsch oder unter die Bäume, betrachte die Oliven, trinke viel und halte Ausschau nach Menschen. Das Tal ist einsam, in einiger Ferne auf den Felshügeln lassen sich hin und wieder Häuser der verschiedenen arabischen Ortschaften erkennen. Ich möchte allerdings ungern von deren Einwohnern erkannt werden.

Mein Weg führt mich entlang von Jeep-Spuren. Eine Zeit lang nehme ich an, dass dies der richtige Weg ist, muss aber nach wenigen hundert Metern einsehen, dass ich mich getäuscht habe. Der Pfad führt mich laut Google Maps in eine falsche Richtung, vielleicht zu einer Farm. Ich gehe die Meter zurück, befinde mich nun im Tal, zwischen den niedrigen Bäumen einer Olivenplantage und gehe weiter, in Talrichtung abwärts. Inmitten der Plantage, die bestellt aussieht, ist es aus mehreren Gründen vorteilhaft zu 20151001_133718wandern: Man hat sowohl Schatten als auch Blickschutz und kann herannahende Menschen hören. Die Bäume sind breit, kräftig, ihre Äste sehr niedrig und man kann viele Oliven sehen – offenbar wurde diese Ernte nicht oder noch nicht eingesammelt. Zu meiner Linken lässt sich bald eine Art trockenes Flussbeet erkennen – hier müsste in Regenzeiten der el-Hakim-Fluss selbst entlangfließen. Das ist mein eindeutiger Beweis dafür, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Nur nicht das Flussbeet aus den Augen verlieren!

Auf einer Terassenwand erkenne ich Graffiti auf Hebräisch und Arabisch. Je weiter ich gehe, desto mehr merke ich, wie sich die Landschaft langsam verändert. Die Hügeln weisen ein größeres Pflanzenwachstum auf; zu den Eichen gesellen sich nun auch die 20151001_134147Pistazienbäume. Es handelt sich dabei um die sogenannte ‚Pistacia palaestina/atlantica‘, eine regionale Art. Eine weitere, im Mittelmeerraum und speziell in Israel verbreitete Art ist der sogenannte Mastixstrauch oder -baum, ‚Pistacia lentiscus‘, und die Terpentin-Pistazie (Pistacia terebinthus). Leider kann mein

Die Früchte des Pistazienbaums
Die Früchte des Pistazienbaums

Photoapparat mit den Bildern nicht den Wind  übertragen, der nun, um die frühe Nachmittagszeit, durch das Tal weht und den Geruch von heißer Erde, Gewürzsträuchern und brennendem Holz mit sich trägt – offenbar wird irgendwo in der Nähe ein Feld zum Anbau freigemacht, und das wird hier mithilfe von kontrolliertem Feldbrand erledigt. Alles zusammen ergibt eine unvergleichliche Mischung von Gerüchen, die in hiesigen Bergen beheimatet ist.

Der Pfad taucht mal auf, mal verschwindet er. Ich treffe auf Brombeerbüsche; auch diese sind hier beheimatet, die Früchte sind allerdings noch nicht reif. Über mir, hoch auf dem Hügel, erkenne ich einige Bauten. Ich gehe etwas in Deckung und ziehe weiter; auf der Karte prüfe ich die Ortschaften nach. Offenbar handelt es sich dabei um die angrenzenden Gebäude des Dorfes Bait Rima.

Bait Rima hat eine besondere Geschichte. Der Name, den Untersuchungen von Forschern wie Yoel Elitzur (Ben Zwi-Institut / Akademie der Hebräischen Sprache) zufolge, geht auf ein antikes jüdisches Dorf namens Beit Rima zurück, welches im Talmud (Mishna, Minchot 88, 46) als eins der Orte erwähnt wurden, aus welchem der Wein in den Tempel gebracht wurde. Wir sprechen hier also von der Epoche des ZweitenTempels, noch vor seiner Zerstörung durch die Römer 70 n.d.Z. Interessanterweise wird an derselben Stelle ein weiterer Ortsname erwähnt – Beit Lavan. Das arabische Analog dazu, namens Al-Lubban al-Gharbi, lässt sich einige Kilometer weiter von Bait Rima, unweit der Siedlung Beit Arye (die das Endziel meiner Wanderung darstellt und sich auf derselben Bergkette befindet), wiederfinden. Es ist hinreichend bekannt und nachgewiesen, dass arabische Ansiedlungen in zahlreichen Fällen den Ursprungsnamen eines Ortes in arabischer Umwandlung übernahmen und so zu einem lebenden Nachweis für dessen frühere Existenz wurden. Mithilfe dieser Kenntnisse liessen sich schon über Jahre hinweg Nachweise für antike jüdische und kena’anitische Ortschaften finden.

Das Tal von Bait Rima war zur Zeit des Zweiten Tempels für seinen Weinanbau bekannt. Heute wurde der Weinbau durch Olivenbäume ersetzt, wobei nicht alle Plantagen tatsächlich bestellt werden, sondern nur zum Schein aufrecht erhalten werden: Es sind leider Fälle bekannt, bei welchen ausländische (= europäische) NGOs lokale Bauern ermutigten, auf unbearbeiteten Landflächen durch Baumpflanzung „Fakten“ zu schaffen und das Gebiet zu palästinensischer Anbaufläche zu erklären.

Heute ist Bait Rima ein als „feindlich“ eingestuftes Dorf und gehört offiziell der Zone A unter der Verwaltung der PA an. Aus dem Dorf stammten die Mörder des israelischen Generals und Tourismusministers Rechavam (Gandhi) Ze’evi, welche diesen am 17.Oktober 2001 in Jerusalem umbrachten.

Bait Rima gegenüber liegt das Dorf Abud. Heute sind ein Teil der Einwohner von Abud arabische Christen. Zu Zeiten des Zweiten Tempels (bis 70 n.d.Z.) und um den Bar-Kochba-Aufstand herum (2.Jahrhundert) lebten hier reiche Juden. In der Nähe des heutigen Abud wurden Grabfelder und Grabhöhlen gefunden, und auf den Grabsteinen sind teilweise Weinreben abgebildet – was darauf hinweist, dass die lokalen Bewohner im Weinbau tätig gewesen sind.

Arabische und jüdische Ortschaften. (Karte 2)
Arabische und jüdische Ortschaften. (Karte 2)

Der weitere Verlauf meiner Wanderung führt mich zu einer Brücke. Ich überquere die Straße, welche einerseits zwischen Abud und Bait Rima verbindet, und andererseits zu den Wasserquellen von Abud führt. Diese bekomme ich ebenso zu sehen, als ich weitergehe. An den Wasserquellen befinden sich kleine Anwesen, in manchen steht ein Schwimmbecken. Meine Ankunft überrascht einige arabische Jugendliche, die in einem aufblasbaren Swimmingpool herumtoben. Die Quellen scheinen beliebt zu sein; ich sehe weitere niedrige Häuser mit breiten Gärten und Autos, die davor parken. Der Weg führt mich hinab. Ein Bauer mit seinem Pferd bearbeitet sein Feld und sieht nicht, wie ich an ihm hinter den Bäumen, die uns trennen, vorbeigehe.

Vor mir auf den Hügeln sehe ich rotgeziegelte Häuser. Der Bauart nach (und auch laut meiner Karte) sollte das eine jüdische Ansiedlung sein. Beit Arye? Schon angekommen? Eigentlich wäre ich noch gerne weiter gelaufen, der Wadi schlängelte sich weiter zwischen den Hügeln, doch dann höre ich stimmen. Ich habe 20151001_160119tatsächlich meine Wandergruppe gefunden, mit der ich eigentlich hätte laufen sollen. Die Teilnehmer sitzen etwas erschöpft an einer aus einem Fels sprudelnden Quelle, an ihrer Seite zwei Soldaten und der Reiseleiter. Er winkt mir zu. Ich scheine noch rechtzeitig seine Erklärungen zu den früheren jüdischen Ansiedlungen hier in der Gegend mitzubekommen. Neben der Wasserquelle, an der wir sitzen, befindet sich eine alte britische Wassermühle, welche hier zur Mandatszeit die Wasserversorgung für die Ortschaften verwaltete.

Sicht auf die Berge hinter Beit Arye
Sicht auf die Berge hinter Beit Arye

Teil 3: Abschluss

Ich bin also am Ziel der Wanderung angelangt. Oberhalb des Wadis, hinter uns, befindet sich schon die Siedung Bet Arye, und ich scheine sogar etwas zu weit gelaufen zu sein. Es ist später Nachmittag, die Sonne wird weich, es wird etwas windig. Wir steigen den Hügel hoch und laufen den Häusern von Beit Arye entgegen, die von einer Stützmauer umgeben sind. Beit Arye ist eine nichtreligiöse Siedlung von etwa

Beit Arye
Beit Arye

3000 Einwohnern, in ihr leben und arbeiten Israelis aller möglichen Ausrichtung; viele arbeiten im Landeszentrum und an der Küste.

Die anderen Wanderer und ich setzen sich an den Straßenrand nahe des Ausfahrtstores, betrachten die Dämmerung und warten auf den Autostopp. Viele sind mit eigenen Autos gekommen. Es dauert eine Weile, bis jemand anhält, der Richtung Jerusalem fährt. Die meisten fahren nach Ofarim, einer weiteren kleinen Ansiedlung neben Beit Arye, in welcher ein Großteil der Einwohner Juden jemenitischen Ursprungs leben. Ich kenne einen guten Freund, der dort lebt, dieser ist jedoch nicht daheim.

Von Beit Arye aus gibt es eine Aussicht auf die Küste und die Hochhäuser von Tel Aviv. Diese sehe ich trotz Dämmerung am Horizont. 20151001_171135

Nach Jerusalem gelange ich über die Shilat-Kreuzung, eine große Kreuzung an der Autobahn 443 vor der Einfahrt in die Stadt Modi’in, zu der mich eine Fahrerin bringt. Es braucht mich noch zwei weitere Tramps, um ins Jerusalemer Zentrum zu gelangen, und von dort aus fahre ich heim, müde, aber zufrieden. Der Trip ist mir gelungen und meine Eindrücke sind wunderbar und zahlreich. Ich kenne nun einen weiteren, wunderschönen Teil des Landes Israel.


Als Fazit möchte ich noch erwähnen, dass solche Wanderrouten in Judäa und Samaria nicht ohne Sicherheitsvorkehrungen durchwandert werden sollten: Basismittel zur Selbstverteidigung  – Pfefferspray oder besser gar Handfeuerwaffe. Die Wanderrouten erfordern Ortskenntnis und Ortsverständnis. Eine Karte ist unbedingt notwendig. Der Wadi el-Hakim selbst ist als offizielle Wanderroute anerkannt und es lässt sich dazu online weiteres Material finden. Feldschulen, so beispielsweise die Feldschule „Ofra“, kennen sich mit den lokalen Wanderwegen aus und können Auskunft geben. Mit ihnen sollte man sich unbedingt beraten. Ebenso sollte auch bei der lokal stationierten Armeeeinheit/Sicherheitsabteilung Rat eingeholt werden, ob die Gegend zu gewünschten Zeit als begehbar gilt oder ob es Sicherheitswarnungen gibt.

Weiterführende Links: 

Mehr über die Binyamin-Region und lokalen Tourismusn(englisch)http://www.n-binyamin.co.il/eng/

Feldschulen in Israel: http://www.natureisrael.org/FieldSchools

Wanderweg Wadi el-Hakim (hebräisch)Hamaayanot 

 

 

 

Zum Weiterlesen: Illegale Siedlungen nach Art der EU

Uebersetzt und veroeffentlicht auf „abseits vom mainstream“, 27.01.16. (Original auf Englisch: hier)


 Illegale Siedlungen nach Art der EU

Nadav Shragai, Israel HaYom, 22. Januar 2016 Währen die Europäische Union Israel wegen einseitig unternommener Schritte in Judäa und Samaria rügt, beteiligt sie sich aktiv an illegaler palästinensischer Bautätigkeit ziwschen Jerusalem und dem Toten Meer – das Ziel ist klar: Israels Interessen in Area C zu untergaben.

Es gibt etwas betrügerisch Idyllisches an den Hügeln von Judäa und Samaria, einen Ort, der zur Korsettstange der Auseinandersetzung zwischen Israel und den Palästinensern geworden ist. Israel hat seit Jahren ständige Anstrengungen der Eindämmung der Palästinenser in der Gegend geführt. Die Palästinenser streben die Schaffung territorialer Kontinuität zwischen dem nördlichen und dem südlichen Teil der Westbank an; sie sagen, es sei für ihren zukünftigen Staat entscheidend wichtig, während Israel danach strebt die städtische und Sicherheitskontinuität von Ost nach West, von Jerusalem nach Ma’aleh Adumim bis zum Toten Meer zu behaupten. Die Israelischen Verteidigungskräfte definieren den fraglichen Bereich als „zentralen Teil der strategischen Tiefe, die Israel braucht“, als Teil ihrer Definition der „verteidigungsfähigen Grenzen“. Dieser Strategieentwurf zielt darauf Israel zu ermöglichen, seine Hauptstadt zu verteidigen und ebenso „einen Sicherheitsgürtel für den Fall eines Konflikts an der östlichen Front zu schaffen“.

Illegale palästinensische Bautätigkeit ist in dieser Gegend seit Jahren verbreitet. Im Verlauf der vergangenen 20 Jahre haben palästinensische Dörfer und Städte langsam den Korridor zwischen Jerusalem und Ma’ale Adumim geschlossen, durch den eine wichtige Autobahn verläuft; sie sind ihr bis auf 1,5 km an sie herangerobbt. Die Europäische Union schleust Millionen Dollars in das Gebiet, mit dem sie praktisch Hunderte palästinensische Unterkünfte unter Missachtung der israelischen Souveränität über Area C baut, die nach den Oslo-Vereinbarungen von 1993 unter voller israelischer ziviler wie Sicherheitskontrolle verblieben. Es scheint, dass Boykotte durch Konsumer der EU nicht mehr reichen; sie ist inzwi8schen zu einem aktiven Spieler vor Ort geworden. Die Fingerabdrücke von Brüssel und Washington befinden sich überall auf der ungestümen internationalen Opposition zu Israels Plan aus den östlichen Hängen des Scopus-Bergs in einen Nationalpark zu machen – ein Plan, der palästinensisch Bautätigkeit nahe des östlichen Zugangs zu Jerusalem zu verhindern – ebenso auf der Aufschub, der israelischer Bautätigkeit im Bereich E1 auferlegt wurde, der sich über 7 Kilometer zwischen Jerusalem und Ma’ale Adumim erstreckt.

Doch während Israel die Forderungen der USA und der EU zum Baustopp in Judäa und Samaria beachtet und damit auf die Schaffung von Kontinuität zwischen Jerusalem und Ma’aleh Adumim verzichtet, sind es die Palästinenser, die mit der aktiven Unterstützung der EU die Gegend mit Hilfe von illegaler Bautätigkeit umgestalten, die langsam territoriale Kontinuität zwischen Ramallah und Hebron schafft. Die palästinensische Bautätigkeit entlang des Abschnitts der Autobahn 1 zwischen Jerusalem, Ma’aleh Adumim und Jericho hat sich im Verlauf der letzten Jahre verdreifacht. Daten der Zivilverwaltung, die kürzlich dem Knessetausschuss für Judäa und Samaria vorgelegt wurden, weisen darauf hin, dass in dem Bereich derzeit 6.500 Palästinenser in etwa 1.220 illegal gebauten Häusern leben und dass diese Zahl mit jeder Woche zunimmt. Die PA führt mit Unterstützung von Geld aus der EU ein Wettrennen durch, um das Gebiet zu bevölkern und auf eine Weise Fakten vor Ort zu schaffen, die Israels Plan Jerusalem und Ma’ale Adumim zu verbinden durchkreuzen würde. Avivit Bar-Ilan, Leiter der Abteilung Europäische Organisationen im Außenministerium, traf sich vor kurzem mit Repräsentanten der EU und forderte, dass die Finanzierung illegaler palästinensisch Bauten in dem Gebiet eingestellt wird. In ihrem Briefing vor dem Ausschuss zu Judäa und Samaria sagte Bar-Ilan, sie wurde informiert, dass die Europäer nicht nur planen die Finanzierung palästinensischer Bautätigkeit fortzusetzen, sondern die EU bereite derzeit juristische Schritte gegen Israel vor, mit der die Entschädigung für Verluste durch Israels Entscheidung mit EU-Geldern gebaute illegale Gebäude abzureißen entstanden, angestrebt wird.

Die X-Akten

Wie Brüssels Boykott-Politik ist die „Kriegserklärung“ der EU gegen Israels Souveränität in Area C nichts Neues, aber inzwischen nimmt das eine neue Dimension an, die zur Folge hat, dass wichtiges Handeln Israels gegen illegale palästinensische Bautätigkeit im Bereich E1 verhindert. Die Gruppe Regavim, einen Nichtregierungs-Organisation, die ihren Auftrag als die Anstreben von „Sicherstellung verantwortlicher, legaler, rechenschaftspflichtiger und umweltfreundlicher Nutzung des nationalen Landes Israels“ beschreibt, glaubt, dass die Palästinenser ein System entwickelt haben: Zuerst wird illegaler Bau betrieben; gibt die Zivilverwaltung dann eine Abrissanordnung aus, reichen die Palästinenser beim Obersten Gerichtshof eine Petition dagegen ein; das Gericht erlässt dann einen einstweilige Verfügung und setzt ein Datum zur Anhörung fest; die Staatsanwaltschaft reicht zahlreiche Aufschubanträge ein, um die Widerlegung des Staats zu verzögern; der Fall sammelst in den Regalen des Gerichtshofs Staub an und nach ordnungsgemäßer Angabe wird der Fall wegen Stillstands geschlossen. Das Ergebnis ist immer dasselbe: Die Petition wird abgelehnt, die einstweilige Verfügung bleibt in Kraft und das illegale Gebäude ist gegen Abriss „versichert“. Seit mehreren Jahren hat die Zivilverwaltung inzwischen gewarnt, dass Einsprüche beim Obersten Gerichtshof „Teil Rechtsprozesses“ geworden sind. Regavim reichte einen eigenen Antrag gegen das entdeckte System beim Obersten Gerichtshof ein, in dem geltend gemacht wird, dass den Rechtsverletzern erlaubt wird für den Preis einer Einreichungsgebühr „legale Immunität zu kaufen“. Der Antrag wurde abgelehnt. Regavim weigerte sich allerdings das Thema fallen zu lassen: Eine zufällige Überprüfung von 153 von 2008 bis 2011 eingereichten Anträgen an den Obersten Gerichtshof, bei denen Palästinensern einstweilige Verfügungen gegen Abrissanordnungen gewährt wurden, stellte fest, dass der Staat in 139 Fällen (90%) Fortdaueranträge eingereicht hatte. Bei einigen Fällen gab das Gericht bis zu sieben „Inaktivitätswarnungen“ an die Staatsanwaltschaft; tatsächlich kamen die Anträge mit Ausnahme von 9 Fällen niemals zur Anhörung, weil der Staat dem Gericht nie eine Antwort vorlegte. Ein weiterer Überblick in der Sache, diesmal aus dem Jahr 2013, stellte fest: „In 90% der Fälle wurde die von Bau-Rechtsbrechern eingereichte Anträge mit Zustimmung beider Seiten und vorbehaltlich der Garantie des Staates, dass er keinen Abriss illegaler Bauten betreiben wird aus den Akten gestrichen… In dieser Sache gab es keine Anhörung.“

Regavim schlussfolgert – und der Ausschuss zu Judäa und Samaria pflichtet dem bei – dass die Palästinenser ein offenes Spiel zur Übernahme von Area C betreiben und jetzt europäisches Geld in Höhe von 100 Millionen Euro zur Verfügung haben.

Fakten vor Ort

Israel sehr einen beschränkten Spielraum, wenn es um dem Entgegenwirken des Gebarens der EU geht. Einerseits würde Israel nichts lieber tun als etwa 500 Gebäude abzureißen, die im Großraum Ma’ale Adumim mit europäischem Geld errichtet wurden; aber andererseits sind ihm die Hände durch eine Realität gebunden, die voller Boykott-Drohungen wie auch de-facto-Boykotten steckt. Israel muss außerdem zugeben, dass eine weitere Überlegung ihm die Hände bindet, nämlich die Tatsache, dass in vielen Fällen die täglichen Operationen internationaler Gruppen innerhalb der palästinensischen Gesellschaft Israel beträchtliche Ressourcen kostet. Der Beitrag der EU zur illegalen palästinensischen Bautätigkeit überall in Judäa und Samaria ist in dem Bereich besonders offenkundig, der sich entlang der Autobahn 1 zwischen Ma’ale Adumim und dem Toten Meer erstreckt; dieser ist inzwischen mit illegalen Siedlungen von Beduinen und Palästinensern gespickt, die illegal an Israels Wasser- und Stromversorgungsnetz angeschlossen sind. Der Staat hat über die Nationale Straßengesellschaft Israels beträchtliche Ressourcen in den Bau einer fortschrittlichen, sicheren Autobahn investiert, die Jerusalem mit dem Toten Meer verbindet, aber der Verkehr wird inzwischen von palästinensischen LKW und Bulldozern behindert, die mit Geschwindigkeit Null fahren, dazu von Ziegen- und Schafherden, die nach Belieben die Straße überqueren.

Die Palästinenser betreiben derzeit ein neues Projekt, das zum Teil von der Schweiz finanziert wird: Die illegale Erweiterung einer Straße, die den Bereich von Tekoa, nordöstlich von Hebron, mit dem Toten Meer verbindet. Diese Erweiterung dringt in einen schmalen israelischen Korridor in Area C ein, der zwei ansehnliche Blöcke palästinensischer Gemeinden trennt. Sollte sie vollendet werden, würde das den Palästinensern gestatten ihre Blöcke zu verbinden, während verhindert wird, dass Israel den Raum Tekoa mit dem Toten Meer verbindet. Es gibt reichlich Beweise, dass die Unterstützung der Palästinenser durch die EU von passiver diplomatischer und finanzieller Hilfe in aktive Beteiligung an den illegalen Bauprojekten der PA angestiegen ist. MK Moti Yogev (HaBayit HaYehudi), der den Ausschuss zu Judäa und Samaria leitet, sagt, dass eines der Ziele darin besteht Entwicklungsprojekte in Area C mit der ausdrücklichen Absicht israelische Kontrolle des Gebiets auszuhöhlen und palästinensische territoriale Kontinuität voranzubringen. Sollte das erreicht werden, würde eine solche Kontinuität verhindern, dass der Staat israelische Gemeinden in der Gegend unterstützt oder einen Anspruch darauf als Teil der Beibehaltung verteidigungsfähiger Grenzen anmeldet. Yogev sagt, Vertreter des Staates habe seinem Ausschuss klar gemacht, dass die Regierung anstrebt das Recht aufrecht zu erhalten und Land in Area C abzusichern, besonders nahe der Autobahn 1 und dem Großraum Ma’ale Adumim. Dieser Plan ist allerdings vor Ort nicht zu bemerken. Die PA unternimmt nichts um ihre wachturm- und palisadenartige Bestrebungen zu verbergen: Von der EU gespendete, vorgefertigte Häuser werden über Nacht hingestellt; sie haben kompletten Wasser- und Stromanschluss dank von der EU gelieferten Tankwagen und Generatoren, was den Palästinensern gestattet vor Ort Fakten zu schaffen. Die EU betrachtet ihre Unterstützung der Palästinenser als eine Art „Gebot“, das sie glaubt, Israels Handeln in Area C sei illegal. Vertreter der Zivilverwaltung sind durch den Flaschenhals juristischer Verfahren frustriert, der Abrissanordnungen abwürgt. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft sagte, sein Büro sei „nicht in der Lage die Richtigkeit der Daten von Regavim zu kommentieren, da sie auf zufälligen Überprüfungen basieren, deren Parameter unklar seien.

Die Staatsanwaltschaft repräsentiert in ihrer Antwort an den Obersten Gerichtshof nicht ihre eigene Position, sondern die der staatlichen Behörden, die mit der Durchsetzung von Baurecht in Judäa und Samaria beauftragt sind. Sie [die Behörden] müssen den von der Regierung vorgegebenen Prioritäten folgen, entsprechend der ihnen zur Verfügung stehenden, begrenzten Ressourcen.“ Die Staatsanwaltschaft sagt: „Ähnliche Behauptungen Regavims in der Vergangenheit sind vom Obersten Gerichtshof bestritten worden; dieser entschied, dass Regavims Antrag auf veralteten Daten basierte und Mutmaßungen anstellte, denen faktische Begründung fehlte.“ Wie auch immer, es gibt wenig Meinungsverschiedenheit zu der Tatsache, dass nur ein Bruchteil der illegalen palästinensischen Bauten in der Gegend geschliffen wurde. Informell gibt es auch keine Meinungsverschiedenheit darüber, warum so wenige Abrissanordnungen durchgesetzt werden, da es politische Einschränkungen gibt, die in Erwägung gezogen werden müssen. Regavim mag es politische Feigheit nennen, aber das Verteidigungsministerium sagt, die komplexe politische Realität erfordert, dass gewisse Zugeständnisse gemacht werden müssen. Israel versucht mit diesen Einschränkungen klarzukommen, indem es drei Orte bildet, an denen illegale beduinische und palästinensische Siedler in der Zukunft zwangsgeräumt werden: bei Kedar im Gush Etzion, eine bei Abu Dis östlich von Jerusalem und die dritte bei Jericho in Area C.

Was die EU angeht, so stimmte sie Montag über eine Resolution ab, die die Vereinbarungen zwischen der EU und Israel auf die Gebiete innerhalb er Grenzen von 1967 beschränkt; sie sagt dabei, alle Abkommen mit Israel müssten „unmissverständlich und ausdrücklich“ eigen, dass sie „nicht auf die besetzten Gebiete anzuwenden sind“, was praktisch Geschäfte mit israelischen Gemeinen in Judäa und Samaria, Ostjerusalem und den Golanhöhen ausschließt. Derweil ist es die EU, die Siedlungsaktivitäten betreibt – die palästinensischen Siedlungen außerhalb genau dieser Grenzen.

NEWS: Beim Einkaufen ermordet. Yannai T.Weissmann

Erst vor einigen Tagen hatte ich mich mit der Journalistin Jennifer Bligh vom Jugendmagazin des Spiegels, bento, darüber unterhalten, wie wir unter ständiger Anschlagsgefahr unseren Alltag bestreiten. Ich hatte ihr von unserem Supermarkt des Magnaten Rami Levy erzählt, der in ganz Israel, so auch in Judäa und Samaria Zweigstellen seines Riesendiscounts stehen hat und seine Leitlinie dabei ist, diesen für alle Bevölkerungsgruppen offen zu halten und auch dort arbeiten zu lassen. Daher haben auch die arabischen Einwohner von Judäa und Samaria keinerlei Probleme, in diesen Supermärkten zusammen mit der jüdischen Bevölkerung einzukaufen und auch zu arbeiten. So ist das hier in Gush Etzion, so ist das auch in Südsamaria, unweit Jerusalem, im Industriegebiet Sha’ar Binyamin.

Ich habe ihr auch von einem Terroranschlag erzählt, der vor einigen Monaten, noch zu Beginn dieser „Messerintifada“, wie man sie heute nennt, sich ereignet hatte; auf dem Parkplatz vor dem ‚Rami Levy‘-Supermarkt hier in Gush Etzion. Am 28.10.15 hatte dort ein Terrorist eine Frau angefallen und in den Rücken gestochen. Die Frau wurde nicht schwer verletzt. Auch im anderen großen und wohlbesuchten ‚Rami Levy‘, dem in Südsamaria-Binyamin, ereignete sich einige Wochen danach ein Anschlag – wieder stach ein Terrorist auf einen jüdischen Anwesenden vor dem Geschäft ein, verletzte ihn mittelschwer und flüchtete. Das war am 06.11.15. Was für Sicherheitsvorkehrungen dort danach getroffen wurden, weiss ich nicht. Bei uns hat sich die Mitarbeiterlandschaft im Geschäft etwas verändert, offenbar wurden einige arabische Mitarbeiter durch andere ersetzt, nach welchen Abwägungen auch immer. Geschäftsinhaber Rami Levy selbst soll seitdem Messer aus den Verkaufsregalen entfernt haben; was den Zutritt für arabische Einwohner betrifft, so wurde dieser meines Wissens nicht beschränkt, arabische Kunden aus den Dörfern kommen weiterhin zum Einkaufen. Eine Zeit lang hatten die jüdischen Einwohner bei uns Bedenken, wieder zum Geschäft zu gehen; die Lage hatte sich aber wieder entspannt, Zeit verging und die Normalität kehrte in die Gemüter ein.


Das war der Vorspann, und jetzt die eigentliche Geschichte:

Gestern, 19.02.16 drangen drei 14-jährige arabische Jungs aus dem Dorf Baitunya bei Ramallah in den  ‚Rami Levy‘-Supermarkt im Industriegebiet Sha’ar Binyamin (Südsamaria) ein. Dem Sicherheitsbeamten, welcher vor jedem größeren Supermarkt in Israel, so auch vor diesem steht, kam einer der Jungen suspekt vor, er folgte ihm (so die Berichte der israelischen Medien und die Aufzeichnungen der Sicherheitskameras im Geschäft) hinein und hielt ihn schließlich an,

Ortskarte
Ortskarte

führte hinaus und überprüfte, ob er eine Waffe bei sich trug. Der Junge war unbewaffnet. Während der Beamte ihn prüfte, wanderten die anderen zwei von Regal zu Regal und fingen schließlich an, zu schreien, riefen einen großen Tumult hervor und in diesem stachen sie auf zwei Menschen ein – einen 32-jährigen Kunden und einen weiteren, einen 21-jährigen Soldaten, der sich mit seiner Frau und der viermonatigen Tochter im Geschäft befand. Der

Yanai Tuvia Weissmann, 21, Sergeant. (Ynet)
Yanai Tuvia Weissmann, 21, Sergeant. (Ynet)

Soldat, Yannai Tuvia Weissmann, war gerade auf Urlaub und unbewaffnet, rannte jedoch zum Tatort, als er Schreie zwischen den Regalen hörte.

Die jungen Terroristen versuchten zu flüchten, wurden aber von anderen Kunden aufgehalten, unter anderem von einem, der eine Waffe bei sich trug und auf einen der Täter schoss. Sicherheitsbeamte und Soldaten eilten herbei und schossen auch den anderen an. Einer starb an Ort und Stelle, der andere wurde evakiert.

Yannai Tuvia, der 21-jährige Sergeant und Vater aus der Siedlung Ma’ale Michmasch in Südsamaria, wurde lebensgefährlich verletzt und zusammen mit dem anderen Verletzten evakuiert – doch die medizinischen Bemühungen, ihn zu retten, fruchteten nicht. Er verstarb kurze Zeit später an seinen Verletzungen.

Yanai Tuvia Weissmann, Frau Ya'el und Baby Netta (NRG, Familienarchiv)
Yanai Tuvia Weissmann, Frau Ya’el und Baby Netta (NRG, Familienarchiv)

Yannai, erst 21 Jahre bei seinem Tod, wuchs in derselben Siedlung wie seine junge Frau Ya’el auf – Ma’ale Michmasch, in den Hügeln von Südsamaria, im Umkreis von Jerusalem und Ramallah. Freunde und Bekannte berichteten bei seiner Beisetzung auf dem Armeefriedhof auf dem Herzl-Berg in Jerusalem (heute, 19.02), er sei herzlich, hilfsbereit, freundschaftlich und mutig gewesen, habe großen Wert auf Aufrichtigkeit und Wahrheit gelegt, wollte seinem Dienst in der Armee in der Nahal-Brigade gerecht werden. Erst vor etwa zwei Jahren – da war er noch 19 – heirateten sie mit Ya’el. Vier Monate vor dem Attentat wurde den beiden das erste Kind geboren – ein Mädchen, Netta. Am Tag des Attentates befand sich Yannai im Kurzurlaub vom Dienst. Da er in einer Kampfeinheit diente, sah er die junge Frau und das Baby meistens nur am Wochenende. Das erzählte Ya’el bei der Beisetzung, heute morgen in Jerusalem, als sie sagte:

„Mein Geliebter, wer hätte gedacht, dass ich dir schreiben würde, und du würdest nicht mehr mit mir sein. In der wenigen Zeit, die wir zusammen an den Wochenende hatten, hattest du dafür gesorgt, alles wieder aufzuholen. Du hattest gehört, dass ertwas passiert sei, und ranntest hin und ich hatte auf dich gewartet. Du warst immer bereit, zu geben, unaufhörlich. Wärst du nicht hingelaufen, wärst du nicht der Yannai gewesen, den ich kenne und in den ich mich verliebt habe.  (…) Ich danke dir für unsere Netta.“ (NRG)

Einige hundert Menschen versammelten sich bei der Beisetzung. Die Nachrichten widmeten gestern die Schlagzeilen dem Anschlag. Laut den ersten Polizeiermittlungen wurde von einer Nachlässigkeit in der Sicherheitsüberprüfung am Eingang gesprochen; die Polizei, so hieß es in den Berichten, drohte gar, die Zweigstelle vorerst zu schließen, bis die Sicherheitsfragen gelöst und die Überwachung verstärkt werden würde. Der Geschäftsinhaber Rami Levy wurde am kommenden Sonntag zu einer Anhörung bei der Polizei vorgeladen.

Und das Nachrichtenportal NRG veröffentlichte währenddessen ein Video, das Tränen aufkommen ließ – das Hochzeitsvideo von Yannai und Ya’el. Das Lied „Am Anfang der Welt“ von Shlomi Shabbat spielte im Hintergrund, die Worte des Refrains begleiteten die Aufnahmen der emotionalen Momente, als der Bräutigam an die Braut herantrat, ihr den Brautschleier über das Gesicht zu legen, sie beide unter dem Traubaldachin, der Huppa, die Trauungszeremonie durchgingen; das bescheidene Lächeln und den ernsten Blick von Ya’el, die Tränen von Yannai.

Nein, das ist kein Zufall

Gott webt und verbindet

mit goldenen Nähten zwischen uns.

Das, das ist die Art des Schöpfers,

die Gegenwart zu heiligen

Mit dem Sternenbaldachin über uns.

Meine gute Freundin Michal, welche heute unweit von mir in der Siedlung Karmey Tzur bei Gush Etzion lebt, veröffentlichte heute morgen auf Facebook einen Beitrag, der mich, trotz aller alltäglichen Verpflichtungen, innehalten und nachdenken ließ. Sie fasste mit ihrem Text zusammen, was vielen in diesen Monaten durch den Kopf geht. Ich meine, sie schaffte es auch, mit diesem kurzen Text die Tragik der Attentate und ihrer Opfer, täglich, wöchentlich neu dazukommend, zu erfassen. Hier ihr Text, von mir übersetzt:

Es gibt Gesichter, die in uns wie eingraviert sind, sie sind ein Teil von den Gesichtern von uns allen. Ich schaue auf die Bilder von Tuvia Yannai Weissmann (soll Gott seinen Tod rächen) und stelle mir vor, was für ein erfülltes Leben er gehabt hat und was für ein junger Mann und Mensch er gewesen ist… gewesen ist…

Und gleichzeitig steigen in mir andere Bilder auf, die von Hadar Cohen und von Dafna und von Na’ama und Eytam und von Avraham und Ezra und Ya’akov und Netanel und von noch einem Ya’akov und noch einer Hadar und von Dalia und von Shalom und von Naftali, Gil-ad und Eyal und von noch mehr und noch mehr; und ich nehme an, dass es durchaus sein kann, dass ich sie einmal irgendwo gesehen und sie flüchtig getroffen habe, irgendwo draußen, unterwegs, und wenn nicht, dann hätte es passieren können, dass ich an ihnen vorbeigegangen war, ohne es zu bemerken – und es war auch nicht nötig, sie zu bemerken, denn wir alle gehen aneinander vorbei, jeder seinen Aufgaben nach. 

Und jeder Einzelne von uns hat seine Aufgaben, sein Leben, und ihre Gesichter sind mein Gesicht, unser Gesicht. Und ihr Leben ist mein, unser Leben. Und es gibt Tage, da kann ich einfach nicht aufhören, das zu lesen, was man über die Ermordeten, die „Opfer, schreibt und erzählt, um zu verstehen und ein wenig ein Gefühl dafür zu bekommen, wer sie gewesen sind  – denn mit einem Messerstoß und einem Drücken auf den Abzug sind sie nicht mehr, und auch wir sind nicht mehr das, was wir waren, als sie noch waren. 

Gott, gib deinem Volk Stärke und segne uns mit Frieden, Vollkommenheit, auf dass wir vollständig seien und uns an nichts mehr fehlen möge.

 

Bissel Eigenwerbung

Hallo liebe Leser/-innen,

mit Verlaub moechte ich hier einige Zeilen der Eigenwerbung widmen; um genauer zu sein, moechte ich, wie es so schoen heisst, euer Augenmerk auf die zweite Reihe der rechten Menuespalte richten (fuer diesen Ausdruck hatte mich letztens meine Ausbildnerin fuer Touristenfuehrungen ausgelacht).

Was befindet sich direkt unter dem Besucherzaehler von immerhin fast 100.000 (!) Besuchern? Ein Spendenaufruf fuer meinen Blog. Es ist naemlich so: Meinen Blog betreibe ich 100%-ig allein und ohne jede Kommerzabsicht. Alle Inhalte werden von mir in meiner freien Zeit geschrieben, und diese ist seit Studium und Arbeit und auch aufgrund der langen Fahrtzeiten von einem Ziel zum anderen (ich lebe ja fast in der Praerie) ziemlich limitiert. Oftmals geht die Blogarbeit und die Recherche dafuer auf Kosten einer zusaetzlichen Arbeitszeit; und oftmals eigne ich mir ebenso Literatur oder erlaube mir eine Fahrt oder aehnliches, um besseren Einblick in ein Thema zu bekommen. Das Geld ist fuer eine allein im Land lebende Studentin eine herausfordernde Angelegenheit. Es bereitet Kopfschmerzen und das hindert einen am freien Schreiben. 😉

Aus diesem Grund habe ich auch den Spenden-Button ueber Paypal veroeffentlicht, ueber den man leicht auf diese Seite gelangt und, sofern einem die Arbeit, die ich leiste, gefaellt und er/sie ein Interesse daran hat, sie zu unterstuetzen, einen Beitrag spenden kann. Es liegt in der Hand des grosszuegigen Spenders, die Summe festzulegen. Und was mich angeht, so bin ich ausserordentlich dankbar fuer jede Unterstuetzung, die dem Projekt zugute kommt.

Hiermit beende ich die Eigenwerbung, die Message sollte ruebergekommen sein  – ich freue mich sehr ueber eure Unterstuetzung, sowohl natuerlich im moralischen Sinne (die dutzenden Emails voller Zuspruch, die ich erhalte!), als auch im praktischen! 🙂

⇒ Zu der Spendenseite geht es hier.

Wuensche allen einen herrlichen Tag!

Chaya


Update

Vielen herzlichen Dank an alle großzügigen Spender, die sich insbesondere in den letzten 48 Stunden entschlossen haben, das Projekt „Die Siedlerin“ zu unterstützen! Ich bin überwältigt! Sollte jemand von Ihnen kein Problem darin sehen, namentlich erwähnt zu werden, teilen Sie es mir mit und ich werde sehr gerne Ihren Namen hier notieren.

Bisherige Spendenliste:

  • D.K.S. (25 €)
  • G.P. (30 €)
  • N.L. (33,3 €)
  • H.T. (20 €)
  • F.G. (50 €)
  • J.W. (20 €)
  • H.H. (5 €)
  • C.F. (5 €)
  • A.Z.

Unglaublichen Dank!