NEWS: Brand in Bet Haggai

Der Teufelskreis der Rache scheint wohl wieder aufs Vollste geöffnet zu sein.

Habe Bericht und Fotos von meinem Freund Me’ir Dana-Picard und seiner Familie aus der Siedlung Bet Haggai bei Hevron bekommen. Arabische Terroristen haben heute nachmittag dort die Felder und den Berghang, auf welchem das jüdische Dorf Bet Haggai steht, angezündet, und das Feuer konnte mit knapper Not gelöscht werden, bevor es die Häuser ergreifen konnte.

So schnell kann auch ein Mord geschehen, wie der Mord heute Nacht in Duma. So schnell kann man Menschen Schaden zufügen. Ich habe die große Befürchtung, dass es dabei nicht bleiben wird, und die Telefone in den Sicherheitszentren in Judäa und Samaria nicht still bleiben werden, und dennoch bete ich für Ruhe.

Ich fühle unbändige Trauer über die Welle der Untaten, die ein weiteres Mal über uns hereinbricht. Und wer daran zweifelt, oder das Eine über das Andere zu stellen meint  – ich werde die Untaten auf beiden Seiten erwähnen, weil das unser Leben hier ausmacht. Das ist auch ein Teil des Lebens in Judäa und Samaria. Und daher erzähle ich darüber.

Shabat Shalom.

 

Advertisements

NEWS: Terroranschlag im Dorf Duma

Hier liegt Duma
Hier liegt Duma

Schreckliche Nachrichten erreichen uns an diesem Morgen. Ein Terroranschlag wurde im arabischen Dorf Duma in Samaria verübt. Nach ersten Erkenntnissen der Armee bzw. der israelischen Medien drangen gegen 4 Uhr morgens mindestens zwei maskierte Personen in das arabische Dorf ein und warfen offenbar einen Brandsatz/Molotow-Koktail in zwei Gebäude am Dorfrand, und sprühten auf diese Hassbotschaften in Hebräisch. Das erste Gebäude, welches durch den Brandsatz ausbrannte, stand leer. Im zweiten Gebäude

Ali Dawabshe sel.A.
Ali Dawabshe sel.A.

schlief eine Familie – Vater, Mutter und zwei Kinder, darunter ein anderthalb Jahre altes Baby, Ali Dawabshe. Sie wurden vom Brandsatz überrascht, das Haus fing schnell Feuer. Das ältere Kind wurde von den Eltern aus dem Haus herausgezogen. Als nach Angaben die Mutter versuchte, auch das Baby aus dem Haus zu zerren, gelang ihr es nicht mehr und das Kind wurde bei lebendigem Leibe verbrannt.

Die Eltern Dawabshe sowie das ältere Kind erlitten schwere Verletzungen von 70%-90% Brandwunden am Körper, sie befinden sich in Lebensgefahr. Momentan soll ihre Überführung in ein israelisches Krankenhaus zur weiteren Behandlung geprüft werden. Die Armee sowie Sicherheitskräfte der PA und weitere israelische Ermittlungsorgane befinden sich vor Ort. Die Leitung über die Ermittlung soll laut israelischen Medien der Untersuchungsabteilung für Hassverbrechen seitens jüdischen Israelis übergeben worden sein.


 

Das abgebrannte Haus. Quelle: Flash 90/Channel 7
Das abgebrannte Haus. Quelle: Flash 90/Channel 7

Die Nachrichten, zu denen wir heute aufwachen mussten, sind schrecklich und versetzen in Schock und Grauen – wegen ihrer bloßen Tatsache, und auch wegen der Schwere ihrer Folgen.  Ich sage nicht – möglicher Folgen, denn Folgen werden kommen. Ich weiß nicht, wie gravierend sie sein werden. Rache wurde bereits von der Hamas und anderen Terrororganen angekündigt, die ersten Unruhen in Jerusalem und der Umgebung sind ausgebrochen und werden folgen – Schüsse auf einen israelischen Wagen auf der Landstraße Richtung der Siedlung Kochav HaShachar und Steine auf Polizisten in Jerusalem. Auch von der PA gab es darauf die erwartete Rückmeldung – „Kriegsverbrechen“ wurde die Tat betitelt. Der Präsident Rami Hamdallah forderte von der internationalen Gemeinschaft Schutz, erklärte die Siedler zu den Verantwortlichen für die Tat und forderte Premierminister Netanyahu auf, nicht nur die Tat zu verurteilen, sondern auch den Bau in Siedlungen einzufrieren.

Ich möchte zwei Dinge beim Namen nennen.

Das Erste – es handelt sich um einen Terroranschlag, klipp und klar. Die Familie Dawabshe sind Opfer eines Terroranschlags geworden, und ihre Religion oder Nationalität sowie die Religion oder Nationalität der Täter ändert nichts an dieser Kategorisierung. Daher muss auch das Prozedere um die Aufklärung dieses Anschlags die Natur haben wie bei einem Terroranschlag, nicht weniger und nicht mehr, und ich hoffe und vertraue darauf, dass die israelische Regierung dies ebenso sieht und alles Nötige tun wird.

Soweit ich informiert bin, haben sämtliche Organe, Regierungsvertreter, Verbände und Organisationen, mit welchen man generell Juden bzw. explizit von Juden begangene ideologische Verbrechen in der Öffentlichkeit verbinden könnte, die Tat verurteilt. Es herrscht das generelle Verständnis, dass wir es mit einer Tat zu tun haben, die in keinem Konsens akzeptiert wird , der sich als Teil der israelischen Gesellschaft sieht. Daher sehe ich auch mich in den Reihen der Verurteiler, aus zwei Gründen: Erstens, weil ein Terroranschlag und ein Mord als solche zu verurteilen sind – entsprechend meiner Moral- und Wertvorstellungen. Zweitens, weil eine öffentliche Verurteilung dieser Tat der Öffentlichkeit, unseren Widersachern sowie möglichen Unterstützern der Tat aus den Reihen unserer Gesellschaft zeigt, wie sehr diese Tat außerhalb jeglichen Konsens liegt und inakzeptabel ist.  Das sind wir, genau wie jede andere Gesellschaft in einem solchen Fall, uns selbst und der Welt schuldig.

Graffiti auf den abgebrannten Häusern in Hebräisch: "Rache" . Quelle: YNET
Graffiti auf den abgebrannten Häusern in Hebräisch: „Rache“ . Quelle: YNET

Das Zweite: Die Täter sind auf der Flucht, und ihre Identität ist nicht festgestellt. Es gibt Indizien – die Hassbotschaften, es gibt Vermutungen, es gibt noch keine Beweise und keine Ergebnisse. Die ersten Vermutungen deuten auf eine Tat durch jüdische Extremisten hin. Die besagten Indizien können allerdings bei verschiedener Interpretation – Schriftart, Schirftinhalt  –  und ebenso im Angesicht anderer Hinweise vor Ort, welche nur die Untersuchungskommission kennt – auf das Gegenteil deuten.

Graffiti auf den abgebrannten Häusern: "Es lebe Messias der König" Quelle: YNET
Graffiti auf den abgebrannten Häusern: „Es lebe Messias der König“ Quelle: YNET

Was ich meine? Dass in der fortwährenden Geschichte von Untaten, insbesondere in Judäa und Samaria und was „Price Tag“-Attacken und ihnen ähnliche betrifft, es schon nachgewiesene Fälle gegeben hat, in welchen solche Attentate von den eigenen Leuten, sprich den Arabern in den eigenen Dörfern, verübt worden sind. Andere, so beispielsweise ein Brand in einer Moschee vor ca. einem Jahr, wurden durch Umstände wie Stromausfall und lokalen Brand verursacht, aber erneut sofort auf Juden, insbesondere „Siedler“, geschoben.

Der Unterschied zu arabischen Terrorattacken? Diese Terrorattacken geschehen nachweislich häufig, offen, werden in ihrer Gesellschaft unterstützt, es gibt sehr viele Hinweise und in den meisten Fällen auch Täter vor Ort. Hinzu kommt, dass in der modernen Geschichte des Staates Israel es keine Präzedenzfälle gibt, in welchen Juden absichtlich Juden umbrachten oder in eine Situation brachten, in welcher sie getötet wurden, um damit die Palästinenser anzuklagen (wer mich eines Besseren belehren kann, dem bin ich dankbar, bitte nur mit Nachweisen).

Auch ohne auf die Schlagzeilen der europäischen oder anderen Medien zu schauen, und nach einiger kurzer Lektüre innerhalb der israelischen Presse, kann ich mir gut die Natur der Artikel vorstellen, die darüber verfasst werden. Noch ohne Beweise, ohne Täter und erste Untersuchungsergebnisse, ist die Rede von „jüdischem Terror“. In einem Land, in welchem Gesetz nach westlichem Prinzip herrscht, gilt selbst bei Anschlägen mit Toten das Prinzip, dass vor einer Anklage und einer Täterfassung es in alle Richtungen ermittelt werden soll, und keine Gruppe, oder Ideologie, oder Richtung mit irgendetwas beschuldigt werden kann. Obwohl man es vielleicht auch gerne will.

Fazit des Gesagten:

Als Teil der Siedlerbewegung in Judäa und Samaria und als Mensch verurteile ich die Tat aufs Schärfste. Ich distanziere mich von den konkreten Aussagen über die Identität der Täter, bevor diese offiziell festgestellt worden ist. Für unsere Gesellschaft – die jüdische Gesellschaft in Judäa und Samaria und die israelisch-jüdische Gesellschaft in Israel als solche – sehe ich die Pflicht darin, die Verantwortung für unsere ideologischen Ansichten, Wortführer und Bewegungen zu übernehmen und dafür zu sorgen, dass es niemanden mit irgendwelchem Einfluss auf andere gibt, der eine solche Tat unterstützt oder rechtfertigt.

Von der Presse, der israelischen und internationalen, wünsche ich mir, dass diese im gebührenden Rahmen und entsprechend der journalistischen Ethik über diesen Fall berichtet. Nicht weniger, als dieser Terroranschlag es verdient, und auch nicht mehr. Wer auf gleiche Rechte und gleichen Respekt für Menschen plädiert, sollte in keine Richtung zwischen Mord und Mord unterscheiden.

Mit der Hoffnung, dass die Täter ihr gerechtes Urteil bald erreicht,

Chaya

 

 

NEWS UPDATE: Ssanur und Bet El

Kurzes News-Update zu den Themen der letzten Tage – der Abriss der Gebäude in Bet El und die Räumung der Aufsteiger nach Ssanur. (Siehe den ersten News-Bericht hier)

Heute morgen, 30.07., trotz des Appells der Aufsteigergruppe nach Ssanur (Bericht hier) an Premierminister Netanyahu, ihren 20150730_055817

Aufenthalt in der alten Festung bei der ehemaligen Siedlung zu verlängern und eine unabhängige Kommission ins Leben zu rufen, die die Legalität des Aufenthalts von Israelis an diesem Ort und die  anderen in 2005 zerstörten Siedlungen (allesamt C-Gebiet) prüfen solle, wurde ihre Bitte abgewiesen. Knapp hundert Sicherheitskräfte – Armee, Grenzschutz und Polizei – erreichten die Anhöhe mit der Festungsruine um ca.3 Uhr morgens. In der Festung hatten sich ca. 20 Familien und einige dutzend Jugendliche verschanzt. Die Räumung der Familien ging ruhig von statten, da sie ohne Widerstand abzuogen. Die Jugendlichen wurden bei Sonnenaufgang gegen ihren Willen aus den Barrikaden, welche sie sich eingerichtet hatten, und vom Dach des Gebäudes von den Sicherheitskräften heruntergebracht und in Transporter verladen, welche sie in eine naheliegende Siedlung brachten. Die Jugendlichen verweigerten die Zusammenarbeit mit den Polizeikräften und riefen sie auf, die Befehle zur Ausweisung nicht zu befolgen, leisteten aber Augenzeugenberichten und Videoaufnahmen zufolge keinen gewalttätigen Widerstand. Die Polizeikräfte machten in einigen Fällen Gebrauch von Pfefferspray gegen Minderjährige trotz der Anweisung, keine Gewaltmittel bei der Räumung zu gebrauchen. Gegen 7 Uhr morgens wurde die Aktion beendet.  Insgesamt hatte die Gruppe in Ssanur zweieinhalb Tage in der Festung verbracht.

20150730_054548Die israelische Presse berichtete laufend über die Ereignisse inklusive Interviews und Aufnahmen vor und während der Räumung. Seitens verschiedener Politiker in der Regierung rief Ssanur reges Interesse hervor. Der  stellv.Vorsitzende der Regionalverwaltung Judäa und Samaria, Yossi Dagan, ein ehemaliger Bewohner von Ssanur vor 2005, äußerte seine Bereitschaft, sich weiterhin für die Wiedererrichtung der in 2005 geräumten Siedlungen in Nordsamaria einzusetzen. (YNET, Channel 2, Walla)


.
Quelle: jdn.co.il

⇒ Gestern, am 29.07., trotz des Appells von Ministern der Regierung, die Abrissanordnung gegen die zwei ‚Dreinoff‘-Hochhäuser am Rande der Siedlung Bet El in Samaria zu verzögern, und einer entsprechenden offiziellen Anfrage an das Oberste Gerichtshof seitens der Regierung, und entgegen dem starken Widerstand der Demonstranten vor Ort, entschied der Oberste Gerichtshof für den sofortigen Abriss, noch vor der Deadline. Das Gebiet um Bet El wurde mehrflächig abgesperrt, ein Großaufgebot von Polizei und Grenzschutz lieferten sich an Ort und Stelle einen Kampf mit den mehrheitlich jugendlichen Demonstranten, von welchen Augenzeugen und Videoaufnahmen zufolge etliche mit Schlagstöcken verletzt wurden, darunter auch am Kopf. Die Demonstranten versuchten, in die Häuser zu gelangen, und bewarfen die Sicherheitskräfte mit Steinen und anderen Gegenständen und sollen sogar ein Feld angezündet haben.

Quelle: srugim.co.il
Quelle: srugim.co.il

Mehrere wurden in Gewahrsam genommen. Anschließend wurden die Häuser im Laufe des Tages abgerissen und die Proteste kamen zu ihrem Ende.  Die israelische Presse berichtete rund um die Uhr über die Ereignisse. Als Reaktion auf die Zerstörung der Häuser gab Premierminister Netanyahu bekannt, 300 Wohneinheiten in Bet El, welche seit mehreren Jahren auf Baugenehmigung warten, zum Bau freigegeben zu haben. Die Reaktion internationaler Organisationen auf diesen Schritt fiel wie erwartet negativ aus, Die UN ließ nicht lange auf sich warten und nannte den Schritt erneut ein „Friedenshindernis auf dem Weg zur Zwei-Staaten-Lösung“. (Times of Israel)

 

 

Die Tage von Ssanur: Tagebuch Teil 1

Die Ruine von Ssanur.
Die Ruine von Ssanur.

Erlebnisbericht vor Ort aus  Ssanur. Von der Ankunft bis zur Räumung. Ereignisse und Gedanken. Zur Hintergrundgeschichte : Bitte hier klicken , Zu den News über Bet El und Ssanur: Bitte hier klicken


Teil 1

Als wir uns auf den Weg machen, ist es schon spät. Keine leichte Reise wird es jetzt, zur späten Stunde, von einem Landesende bis zum anderen. Aber meine Freundin und ich spüren, dass wir einfach nicht untätig daheim herumsitzen können. Schon am Morgen, als ich die Nachrichten geöffnet habe und überfallen wurde mit Neuigkeiten von den Ausschreitungen in Bet El und dem Aufstieg in die Ruine von Ssanur, wusste ich, dass ich dabei sein muss. Journalistische Pflicht, und historische Notwendigkeit, nennen wir es so.

Also organisieren wir uns und ziehen los. Meine Kontakte müssen ausreichen, um ein aktuelles Bild der Lage zu bekommen. Unser erstes Ziel ist Bet El, obschon die Aussicht nicht vielversprechend ist: Die Armee scheint alle Zugänge zum Baugelände, auf welchem die Streitobjekte, die zwei abrissgefärdeten „Dreinoff“-Gebäude, stehen, abgesperrt zu haben. Sie weiß, dass Menschen kommen werden. Die Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Protestierenden sollen neue Ausmaße erreicht haben, so vermeldet die Presse. Nach einigem Hin und Her entscheiden wir uns schließlich, zum zweiten Punkt zu fahren, welcher weiter auf derselben Strecke liegt –  der Autobahn 60 quer durch Judäa und Samaria: Ssanur. Es wird ein zweiter nächtlicher Aufstieg organisiert, nachdem der erste am Montagabend durchgeführt wurde.

Der Weg nach Ssanur im hohen Norden Samarias führt über Autostops. Noch ein Mädchen bindet sich an uns an, und wir maneuvrieren durch die dunklen Landstraßen mal mit einem, mal mit einem anderen Fahrer – alles jüdische Bewohner der Gegend, bis wir endlich zum Sammelpunkt kommen. Draußen ist es stockdunkel. Die meisten arabischen Dörfer nutzen sehr wenig Straßenbeleuchtung. Die schwarzen Berge und der dunkle Himmel verschmilzt, nur die israelischen Schnellstraßen geben eine Orientierung und die meisten der Autofahrer fahren auf diesen in einem wilden Tempo. Im Radio spielt Musik, die mangels anderer Geräusche gänzlich die Dunkelheit um uns herum ausfüllt, während wir fahren. Nur der Fahrtwind unterbricht die Musik.

Der nächtliche Aufstieg
Der nächtliche Aufstieg

Es dauert mehrere Stunden, bis wir ankommen, auf andere treffen, und den Aufstieg beginnen. Alles ist koordiniert, um möglichst wenig Aufsehen zu erregen. Erst wenn man am Zielort angekommen ist, können Verhandlungen mit der Regierung geführt werden, kann überhaupt etwas getan werden. Die Hürde ist zunächst der Weg. Es bedarf viel Selbstaufopferung und Ausdauer von den Fahrern, die Fahrten hoch und runter zu organisieren. Nach Mitternacht ist die Operation beendet, wir sind oben.


Ich sitze auf einem Scherbenhaufen vor einem der Eingänge der Festung. Vor mir liegen die schwarzen  Berge, übersät mit Lichtern der arabischen Dörfer, in Stille, wenn man von Hundegebell absieht. Fast Vollmond ist es, was sehr die Erkenntlichkeit der Umgebung erleichtert. Mehrere Kilometer einer schweigsamen, holprigen Fahrt sind hinter uns, die Müdigkeit steht allen ins Gesicht geschrieben.

Mit noch einer Familie gelangen wir in die Festung, erleuchtet, erleichtert. Die Anspannung während der Fahrt inmitten arabischer Dörfer und Felder weicht der Anspannung vor den Neuigkeiten, der Erwartung einer Räumung oder ähnlichem. Die nächste Phase. Die Zimmer sind verteilt und mit Plakaten an den Eingängen machen sie den Eindruck eines riesigen Asylantenheims.

Interview mit YNET: "Apathie ist die schlimmste Krankheit der Gesellschaft. Wir kehren hierher zurück - damit zeigen wir, dass es uns nicht gleichgültig ist."
Interview mit YNET: „Apathie ist die schlimmste Krankheit der Gesellschaft. Wir kehren hierher zurück – damit zeigen wir, dass es uns nicht gleichgültig ist.“

Als wir uns mit meiner Freundin einen Schlafplatz in einem relativ gut erhaltenen Zimmer suchen, treibt mich die Presse auf – „YNET“, und befragt mich nach den Gründen des Aufstiegs nach Ssanur. Wir breiten unsere Schlafsäcke aus, es ist angenehm, ein Teil des Raumes führt ins Freie. Tagsüber muss dort eine atemberaubende Aussicht herrschen. Wir legen uns müde schlafen, ich versuche, die Athmosphäre schriftlich festzuhalten, aber die Müdigkeit übermannt. Wenn die Räumung nicht kommt, dürfen wir am Morgen aufwachen und uns zu orientieren anfangen.

Fortsetzung folgt….

 

Die Tage von Ssanur: Damals und heute

Zum „Tagebuch einer Siedlerin“ – Erlebnisbericht aus Ssanur – hier geht’s lang!


 

Alles Entscheidende geschieht mitten in der Nacht. Der Auszug aus Ägypten, manche würden sagen – die Geburt von Jesus. Und auch die Schaffung neuer Realität auf der Karte.

Geschichte von Ssanur

ssanurmapWas Google Maps angeht, so ist der Ort Ssanur dort verzeichnet, allerdings mit dem Vermerk „ruined“ (zerstört). Es liegt irgendwo in den Bergen Nordsamarias, südlich von Jenin und östlich von Netanya. Das arabische Dorf, nach welchem es genannt wird, heißt Sanur und liegt ein paar Kilometer weiter. Aber Ssanurs Geschichte beginnt nicht erst diese Nacht, sondern in 1977: Damals beginnen die ersten, auf die strategisch gut platzierte Anhöhe inmitten eines Tals, mit einer Festung aus osmanisch-britischen Zeiten zu ziehen. Verschiedene Gruppen beißen sich an der schroffen Gegend trotz pastoralischer Aussicht, frischer Luft und einer relativen Nähe zu Netanya aus. Als letzte von insgesamt 3 Gruppen tauchen Anfang der 80er einige wenige jüdisch-russische Künstler auf, die vor Kurzem aus der Sowjetunion ausgewandert sind. Sie verlieben sich in die Berge, die Stille und auch den Hauch von Abenteuer – und bleiben. Ssanur wird zu einem Künstlerdorf. Ihre Künstler – akkreditierte russische Bildhauer, Zeichner, Maler aus der Sowjetunion. 1987 wird Ssanur offiziell als Siedlung ausgerufen. Ihre Bewohner veranstalten Galerien und Ausstellungen im alten britisch-türkischen Fort.

Und dann im Dezember 2003 die Botschaft: Nordsamaria und Gaza werden geräumt. Weshalb Ariel Sharon es genau auf diese vier Siedlungen im Norden abgesehen hat, wird nicht ganz deutlich. Das Land selbst ist Staatsland, Agrarwirtschaft wird nicht betrieben und kein Land dafür beansprucht. Das Gebiet von Ssanur soll wohl bei einem zukünftigen Abkommen mit der PA entsprechend den israelischen Vorstellungen in jedem Fall nicht mehr zu Israel gehören. In den letzten Jahren ziehen Familien und Unterstützer nach Ssanur, um mit den Bewohnern Solidarität zu zeigen. Die arabischen umliegenden Dörfer sind feindlich und gefährlich, manche der Künstler kommen nur noch selten hierher. Frühere Passierwege werden nach der Zweiten Intifada nicht mehr benutzt – Lebensgefahr.

Im September 2005 werden die Zerstörung und der Abzug aus Nordsamaria vollendet. Von dem lebendigen und extravaganten Künstlerdorf bleiben nur noch Schutt und Wege. Die britische Festung gehört nicht dazu und bleibt bestehen, wird aber nicht aufrechtgehalten. Innen sammelt sich Müll und Schmutz, arabische Graffiti „zieren“ die Wände, Türen, Fenster, Kachelboden werden zerschmettert und über die Jahre sammelt sich der Schutt auf dem Boden.

Einige Male versuchen aktive jüdische Einwohner der Gegend, Ssanur wieder zu erklimmen. Kein Versuch währt lange. Die Regierung hat keinerlei Interesse daran, irgendeinen „Fehler“ „wiedergutzumachen“, wie die Aktivisten das nennen, und wieder diesen Landesteil zu besiedeln.

Der Aufstieg

Die Ruine von Ssanur.
Die Ruine von Ssanur.

10 Jahre später, am Abend nach dem großen jüdischen Fastentag  Tisha beAv nehmen die Leute das Ruder selbst in die Hände. In einer Nachtoperation gelangen fast 200 Menschen – Männer, Frauen und Kinder – auf die Anhöhe mit der britischen Festung. Die Festung wird als Wohnhaus eingerichtet. Jede Familie, die erscheint, erhält einen Raum von den zahlreichen Räumen dieses verwüsteten, aber bautechnisch völlig intakten Gebäudes. In manchen Räumen kann man noch ihre ehemalige Funktion erkennen – Zeichnungen an den Wänden, Rohre, Kachelböden. Der altbekannte Alltag von Vorpostenbau hat für die Aktivisten Routine. Sie sind keine Campingtouristen. Daher sind sie bestens versorgt – mit Stromgeneratoren, Jeeps, Essen, Wasser und Verbindungen nach außen.

In der ersten Nacht gelangen ca.180 Leute auf den Hügel, erst kurz vor dem Morgen schlägt die Armee Alarm, und dann erfährt es auch die Presse. Sie tauchen vor den „Eindringlingen“ auf, welche sich schon geschafft haben, festzusetzen, Räume zu säubern und sie für die anwesenden Familien fertigzurichten. Unter den Anwesenden: Ehemalige vertriebene Familien aus den zerstörten 4 Siedlungen in Nordsamaria, Nachbarn und lokale Aktivisten, Jugendliche, Kinder. Die Taktik ist gut durchgeplant, aber auch simpel: Man bleibt oben, solange man kann. Versorgt sich selbst, organisiert weitere Unterstützung, und sendet Pressebotschaften nach außen. In diesem Fall: „Die Rückkehr“. Vertriebene kehren nach 10 Jahren an die Ruinen zurück und fordern von der Regierung, sich mit ihrem Anliegen auseinanderzusetzen. Passend dazu sind auch die Unruhen in Bet El – nicht parallel abgestimmt, aber durchaus für den Zweck zu nutzen. Wenn an zwei Stellen Forderungen gestellt werden, gelangt die Regierung unter Druck. Protestaktionen wie diese haben auch die Natur, sich von selbst weiter zu entwickeln, sobald man den Rahmen vorgibt. Hier in Ssanur will man mehr Unterstützung organisieren, die Aktion bekanntmachen – aber auch am Ort verbleiben. Diesmal ist es keine Gedenkaktion, sondern ein festes Vorhaben – „wir sind hier und wir bleiben“. Zumindest bis man uns herunterholt – oder bis die Forderungen irgendwie vorankommen.

Die Presse klebt sich an die Fersen der enthusiastischen Gruppe, filmt alles und jeden, versucht, Antworten und Statements von den Anwesenden zu ergattern, die man für eine reißerische Schlagzeile verwenden kann. Denn von Gewalt kann hier, im Gegenteil zu Bet El und seinen Bauten, keine Rede sein. Der Aktionsleiter, Beni Gal, bekannt aus früheren Aktionen dieser Art im naheliegenden
Chomesh, bringt nicht umsonst Familien her. Er will keine Gewalt, keine blutigen Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften und keinen Kampf. Die Athmosphäre von Ruhe, Besonnenheit und friedlichem Protest soll im Land herüberkommen – vertriebene Bewohner, die das Unrecht, das ihnen vor zehn Jahren angetan worden ist, nicht mehr hinnehmen wollen. Menschen sitzen zusammen, kochen, planen Restaurierungsarbeiten in der Festung, Kinder spielen, die Presse huscht zwischen allen hin und her. Die wichtigsten Planungen bekommt diese allerdings erst am Ende mit.

In der zweiten Nacht wird ein weiterer Aufstieg organisiert, denn tagsüber sind da die Soldaten überall, und auch die Araber, die kein Interesse an Zuwachs in Ssanur haben. Also werden die Aufstiegswilligen per Jeep in der Dunkelheit transportiert und irgendwann nach einer holprigen Reise auf Pfaden, die sie nicht veröffentlicht haben wollen, in der Festung empfangen. Immer wieder werden währenddessen andere Deadlines für die eigentliche Räumung festgesetzt. Mal heißt es, es gäbe ein Ultimatum bis zum Morgen, dann bis zum Mittag. Dann sollen Soldaten in der zweiten Nacht kommen – stattdessen geben Beni Gal und sein Organisationsteam bekannt, dass die Armee noch eine weitere Verlängerung bekommen haben, also weiterhin die Siedler in der Festung bewachen werden. Denn bevor diese geräumt werden (wenn sie es denn werden), müssen sie vor den arabischen Nachbarn beschützt werden. Eine seltsame Situation entsteht – die Ssanur-Rückkehrer befinden sich in einem halb-Belagerungszustand, wobei niemand herausfährt, und auch nach der Vorstellung der Armee niemand hineinkommt (es sei denn, man weiß, wie.)

Morgenversammlung in Ssanur.
Morgenversammlung in Ssanur.

Auch der zweite Tag vergeht ruhig. Es gibt einige Versammlungen, in welchen die Neuigkeiten von der Außenwelt besprochen werden. Denn in Ssanur gibt es keinen Handyempfang. Die Journalisten leiden darunter, die Siedler sind entspannt, und manche finden auch kleine Empfangsinseln auf dem Areal, so wie beispielsweise hoch oben auf der Spitze eines alten Minaretts, das neben der Festung steht.

Säuberungsarbeiten in Ssanur.
Säuberungsarbeiten in Ssanur.

Trotz der ständigen Aussicht, ausgewiesen zu werden, widmen sich die meisten Restaurationsarbeiten und Verschönerung des Areals: Säubern, Schutt freiräumen, Wände streichen, kochen, putzen. Die Kinder müssen beschäftigt werden, die Räume gefegt werden, Mittagessen muss zubereitet werden. Beni Gal, der Organisationsleiter, ist kaum

Säuberungsarbeiten in Ssanur.
Säuberungsarbeiten in Ssanur.

zu finden. Er ist der Verantwortliche für die Presse und für die Logistik, für die Kontakte zur Armee und die Organisation der Familien. Limor, eine ehemalige Bewohnerin der zerstörten Siedlung Chomesh, die man von Ssanur aus auf dem Berghang erkennen kann, übernimmt den Teil der Presse und führt Journalisten herum.

Am Nachmittag erscheinen die ersten Polizisten, aber sie ziehen sich bald wieder zurück, nur die Armee bleibt. In der Luft hängt der Gedanke der Räumung, man bereitet sich mental darauf vor und macht Abendessen. Am Abend schließlich, als der lokale Stromgenerator seine Energie für einige Lampen im Gebäude und eine Ladestation für die Mobilgeräte spendet, sitzen die meisten beim Lagerfeuer und die Kinder gehen schlafen.

In der israelischen Presse wird unterdessen ein unter der Leitung von Beni Gal verfasster Brief der Familien von Ssanur veröffentlicht, er wendet sich an den Premierminister. Die Gemeinde der Ssanur-Rückkehrer verlangt eine unabhängige Untersuchung der Regierungsstellen, welche Gründe einen Wiederaufbau von Ssanur und der anderen vier geräumten Siedlungen in 2005 verhindern, und wann ein solcher Aufbau wieder ermöglicht werden kann. Sie bitten auch darum, den Kindern und Jugendlichen eine gewaltsame Räumung zu ersparen und die 10 Jahre nach der Räumung von Gush Katif zu berücksichtigen. Solange würden die Leute von Ssanur am Ort verweilen.

Eine neue Nacht beginnt und mit ihr folgen neue Entwicklungen…..

NEWS: Widerstand in Bet El, Rückkehr nach Sa-Nur

News, über die ich noch nicht die Zeit hatte, zu berichten. Die Ereignisse überschlagen sich. Ich fasse kurz zusammen. Wartet auf Updates.

1. Bet El:

Hier liegt Bet El
Hier liegt Bet El

In der Großsiedlung Bet El in Samaria steht ein Gebäude in den letzten Phasen vor der Fertigstellung, 24 Wohnungen für neue Familien. Dieses Gebäude, bekannt als „Draynoff-Haus“, ist nicht nur kurz vor der physischen Fertigstellung, sondern befindet sich auch rechtlich kurz vor dem entscheidenden Durchbruch und der Ausstellung der Baugenehmigung für den Endbau und den Einzug der Familien bei der Zivilverwaltung, die in Judäa und Samaria das Sagen hat (ein Organ der israelischen Armee und der Regierung).

Kurz vor den entscheidenden Prozessen wurde aber ein Einspruch gegen das Gebäude beim Obersten Gerichtshof verhängt. Der Einspruch ging gegen eine mögliche Illegalität dieses Gebäudes. Der Prozess der Rechtsprechung war und ist noch immer nicht abgeschlossen, die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes kann heute, morgen, übermorgen oder nächste Woche fallen, und die Prognosen sind positiv, d.h., aller Information nach soll das Gebäude eine endgültige Genehmigung für den Einzug der Familien erhalten.

DENNOCH, und hier kommt das Unfassbare und Absurde, entschied sich der Verteidigungsminister Moshe Ya’alon, noch vor dem Urteil das Gebäude zu räumen und abzureißen. Die Deadline für den Abriss? Der 30.07.2015. Was das an Ort und Stelle bedeutet? Das Gebäude mit 24 Wohnungen für 24 Familien kann am Donnerstag diese Woche abgerissen werden, und am Donnerstag nach dem Abriss oder am kommenden Sonntag bekommt das Gebäude die Genehmigung!

Seit mehr als einem Monat versucht die Lokalverwaltung Bet El, Aktivisten aller Art, das Prozedere demokratisch zu beeinflussen. Ich habe sie persönlich in einem Protestzelt nahe der Knesset in Jerusalem besucht und nach Unterlagen zu dem Fall verlangt (leider hatte ich nicht die Zeit, eher darüber zu schreiben). Die Gespräche laufen auch auf diplomatischer Ebene (ich erinnere daran – es geht um EIN GEBÄUDE, nicht etwa um Gespräche mit dem Iran!).

Heute Nacht/am frühen Morgen gab es eine Eskalation. Die vor Ort sich versammelten Demonstranten, Jugendliche und Erwachsene, wurden von den Polizei- und Grenzschutzkräften attakiert und vom Zeltlager, welches sie um das Gebäude herum aufgebaut hatten, weggeschleppt. Die Zufahrt zum Gebäude wurde polizeilich gesperrt. Es gab physische Auseinandersetzungen und Demonstranten wurden verhaftet.

Der 30.07. ist erst in zwei Tagen, aber die Regierungskräfte haben sich vorgenommen, den Protestwillen schon jetzt zu schlagen und man weiß vor Ort auch nicht, wann die nächste Welle kommt. Die Aktivisten in Bet El rufen zu Spontandemonstrationen im Land auf und natürlich, dass so viele Menschen nach Bet El kommen, um den Protest zu unterstützen.

 

⇒ Mangels eines Interesses der Tagesschau an einer gewaltsamen Räumung und Zerstörung von jüdischem Besitz in Samaria (im Gegenteil zu ihrem großen Interesse an illegalen Baustrukturen von Palästinensern) werde ich weiterhin darüber berichten, hoffentlich vor Ort. 


 

2. Sa-Nur

Wo lag und liegt Sa-Nur?
Wo lag und liegt Sa-Nur? Nur wenige Kilometer von Jenin

Die Siedlung Sa-Nur im nördlichen Samaria wurde im August 2005 gemeinsam mit 3 weiteren Ortschaften im Zuge der großen Gaza-Räumung (siehe Einleitung hier) durch die Anweisung von Premierminister Ariel Sharon zerstört und geräumt – ohne die Beschuldigung wegen illegalem Landbesitz oder illegalem Bau etwa, sondern wegen der Entscheidung von Ariel Sharon, dass speziell diese Siedlungen „im Rahmen eines festen Abkommens“ mit den Palästinensern nicht innerhalb eines israelischen Territoriums liegen würden (Interview in Ha’aretz vom 03.02.2004, Joel Markus). Seither sind viele Jahre vergangen, kein festes Abkommen ist in Sicht und alle vorherigen Abkommen wurden missachtet und verletzt. Die Familien bemühten sich regelmäßig,  erneut zum Ort zurückzukehren, es gelang ihnen allerdings nicht auf Dauer.

Gestern Nacht in einer versteckten Operation und 10 Jahre nach der Vertreibung, gelangten einige hundert Menschen zurück zur alten Turmruine in Sa-Nur und setzten sich dort fest.

Die ersten Bilder wurden auf Israel National News veröffentlicht: Familien schlafen in Schlafsäcken, kochen auf provisorischen Herden, Kinder spielen in der alten Ruine von Sa-Nur.

Der Verteidigungsminister Moshe Ya’alon hatte den Rückkehrern bis heute, 28.07. um 14:00 ein Ultimatum zum freiwilligen Abzug gesetzt. Ein Großaufgebot von Sicherheitskräften ist bei Sa-Nur stationiert.

Knessetabgeordneter Bezalel Smotritch (Jüdisches Heim), sagte im Interview mit INN vor Ort, die Menschen seien zurückgekommen, um das Unrecht zu korrigieren, das hier vor 10 Jahren getan wurde, und das Land zu besiedeln, so wie es ihre Aufgabe sei, und das sei auch die Forderung an die Regierung und die Armee. „Unser Aufenthalt hier ist super-legitim. Wir brechen kein Gesetz. So ist es in einem demokratischen Land: Studenten versperren Straßen, Arbeiter einer geschlossenen Fabrik demonstrieren, wir protestieren. Es gibt ein großes Verlangen danach, hier einen neuen Ort aufzubauen.“ (YNET)

 

(Quellen für den Bericht: Channel 2, INN, YNET, privat)

Die Tagesschau hat wieder zugeschlagen

(…und ich hatte mich schon auf die „Thementage“ gefreut…. 😦 )


 

schneiderschauDie Tagesschau hat wieder zugeschlagen!
Das bekannteste Sprachrohr für palästinensische Belange in Deutschland, das ARD-Studio in TelAviv, unter der Regie ihres Nahost-Korrespondenten Richard Chaim Schneider, bereitet sich für den nächsten Beitrag zum Thema Israel vor.
Und wie könnte es auch anders sein? Im Mittelpunkt stehen natürlich Palästinenser. In diesem Beitrag sind es solche, die sich mangels Baugenehmigung und ohne Interesse daran, sich in den dutzenden von palästinensischen Städten und Dörfern der Hebron-Berge anzusiedeln, ihr eigenes illegales Blechdorf aus dem Boden stampfen, es nach den Ruinen der antiken jüdischen Stadt Sussia nennen, die sich im Umkreis von einigen hundert Metern  befinden, und sich dann über die Zwangsräumung durch Israel beschweren.

Allgemeinansicht:  Region der südlichen Hevron-Berge
Allgemeinansicht:
Region der südlichen Hevron-Berge

Der Rechtsstreit um die arabische Besiedelung zwischen den Ruinen der antiken Stadt Susya und ihrem Ausgrabungsgebiet, und der 1983 wenige Kilometer weiter von ihr gegründeten jüdischen Siedlung Susya dauert schon seit den 80er Jahren an. Um die Gegend der Ruinenstadt, welche teils aus unterirdischen Höhlen und teils aus oberirdischen Anlagen und

Das Mosaik aus den ersten Jahrhunderten der neuen Zeitrechnung, Synagoge Susya
Das Mosaik aus den ersten Jahrhunderten der neuen Zeitrechnung, Synagoge Susya

einer großen und gut erhaltenen Synagoge aus der Zeit nach der Zerstörung des Zweiten Tempels, befinden sich große arabische Siedlungsblöcke – Yatta, As-Samu’a  – welche an die Stadt Hevron angrenzen. Angaben aus der britischen Mandatszeit sowie der israelischen Armee und Regierung zufolge nach der Eroberung der südlichen Hevron-Berge in 1967 zufolge hausten in den Höhlen

Ruinen der antiken jüdischen Stadt Susya.
Ruinen der antiken jüdischen Stadt Susya.

lokale Schafshirten und verbrachten einen Teil ihrer Zeit in den Ruinen der Anlagen. Ein Dorf war allerdings nicht festzustellen, und auch sonst keine festangelegte Ansiedlung auf den Ruinen der antiken jüdischen Stadt. Wohl wurde aber Land bearbeitet.

Vor den Bergen: Sicht auf  jüdisches Susya von 1983
Vor den Bergen: Sicht auf jüdisches Susya von 1983

Das Gebiet von Susya lag und liegt im C-Gebiet unter alleiniger israelischer Verwaltung. Der Bereich zwischen der Ausgrabungsstätte und Susya von 1983 gilt spätestens seit der Gerichtsentscheidung des Obersten Gerichtshofs von 2009 (siehe hier, hebräisch) als militärisches Sperrgebiet, in welches  Zugang gewährt werden soll für diejenigen Bauern – arabisch-palästinensische und jüdische – welche vor der Gerichtsentscheidung in diesem Gebiet Anpflanzungen haben, welche sie bearbeiten müssen. Diesem Urteil zufolge erkannte der israelische Oberste Gerichsthof die Existenz von

Sicht auf As-Samu'a
Sicht auf As-Samu’a

landwirtschaftlichem Gebiet von arabischen Bauern an dieser Stelle an, der konkrete Privatbesitz der Ländereien konnte allerdings noch nicht festgestellt werden. In jedem Fall hatte dieses Gebiet nichts gemein mit der Blechsiedlung, welche seit 1986, unterstützt von linken israelischen Organisationen und ausländischen  – darunter europäischen!  – Geldern, ausgebaut und nach Abrissen immer wieder neu errichtet wird, und das ohne jegliche Baugenehmigung seitens der israelischen Regierung in dem unter ihrer Verwaltung stehendem Gebiet! (Siehe den Bericht bei Times Of Israel – Spendengelder und Anlagen der EU, darunter Deutschland, in Susya)

Seit Beginn des neuen Milleniums und bis heute wurden immer wieder Abrissentscheide gegen Susya ausgesprochen und teils auch ausgeführt. Auch in diesem Jahr droht eine Abrissverordnung dem illegalen Bauvorhaben. Die Aktivisten und Siedler der Familie Nawaja und andere, welche auf eine Existenz eines arabischen Susyas seit „hunderten von Jahren“ verweisen  (siehe Berichte bei NRG, Ma’ariv, Ha’aretz in English ), haben durch mediale Kampagnen die Aufmerksamkeit internationaler Medien und Körperschaften erregt, ebenso wie der letzte Abrissentscheid des Obersten Gerichtshofs in Mai/Juli 2015.

Jetzt hat auch die Tagesschau das Thema aufgegriffen. Noch ist der gesamte Bericht nicht im Netz, aber die ersten Fotos lassen vermuten, dass der Beitrag wohl kaum die archäologische Sensation einer antiken Stadt und einer fast 2000 Jahre alten, außergewöhnlich gut erhaltenen Synagoge anpreisen wird. Ebenso wird Richard C.Schneider wohl kaum die Schule in der Siedlung Susya besuchen, um über die einzigartige Erziehungsstrategie ihrer Schüler zu berichten, welche den Schwerpunkt auf persönliche Entfaltung, ökologisches Bewusstsein, Naturverbundenheit und Philosophie legt.

Nein, die Fotos zeigen erbärmliche Blech- und Zeltbauten, nackte Babies in provisorischen Badewannen und den Titel „Israel, lass‘ mein Dorf stehen“.

In dem Monat, wo sich die Ausweisung der jüdischen Israelis aus dem Gazastreifen und der Gaza-Abzug der israelischen Regierung zum 10.Mal jähren, die israelische Presse voll ist mit seriösen Analysen zu den Konsequenzen dieses vor allem in Europa als „mutig“ und „zukunftsbringend“ gefeierten politischen Schritts, und endlich auch über das Trauma der über 8000 Ausgewiesenen gesprochen wird, erwähnt das größte deutsche Medium den Jahrestag mit keinem Wort.
Der Gazastreifen ist immer wieder Gesprächsthema deutscher Journalisten, aber nur mit einem Schwerpunkt: Das Leiden der dortigen arabischen Bewohner, die Angriffe israelischer Soldaten. Hier und dort lässt man ein paar Worte über die Hamas fallen. Seit 2007 herrscht im Gazastreifen  ein demokratisch gewähltes Terror-Regime. Es zerrt seine Bevölkerung durch unaufhörliche Attacken gegen Israel in 3 Kriege, missbraucht zivile Strukturen und öffentliche Gelder für Waffenanreicherung und Kriegstunnelausbau, macht sich verantwortlich für den Tod Tausender der eigenen Bürger und einen Bruderkrieg mit der zweiten großen Palästinenserpartei und seit über 10 Jahren beschießt es die israelische Bevölkerung im Süden und Zentrum Israels mit Raketen.  Tiefgehende Analysen zu den letzten 10 Jahren lassen sich auf den Webportalen der Tagesschau allerdings nicht auffinden. Und da das Trauma der über 8000 vertriebenen jüdischer Israelis so oder so durch die eigene Regierung zu verantworten ist, so ist es auch kein passendes Thema für das öffentlich-rechtliche deutsche Fernsehen. Lieber beschäftigt es sich mit dem auf europäischem Mist gewachsenen Blechdorf, lobt die von deutschem Geld finanzierten Solarzellen und zieht die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs eines demokratischen Landes in den Dreck.

Die Zerstörung der Gebäude soll bis Anfang August erfolgen. Am 30.07. ist übrigens noch eine als illegal eingeordnete Struktur zum Abriss freigestellt – ein Gebäude von 24 nagelneuen Wohnungen in der Siedlung Bet El in Samaria. Da bin ich ja gespannt auf den Aufschrei der Tagesschau, dem Sender der Bedrängten und Bedrückten!