Jeden Tag eine gute Tat

Die letzte Woche vor dem Großfeiertag Pessach  (auch Ungesäuerten-Fest oder Frühlingsfest genannt) hat begonnen, die Menschen in ganz Israel zählen den letzten Putz-Countdown und schrubben sich wild, streichen Wände, wechseln Möbel, essen wie wild ihre gesäuerten Produkte und rennen in Einkaufzentren auf wilder Suche nach Geschenken für Freude und Familie. Eine wahnsinnige Symphonie der Erneuerung spielt von allen Ecken, noch viel mehr, als man das zum jüdischen Neujahr im Herbst erleben kann.

In der Woche zuvor, namentlich zwischen dem 20. und dem 27.März hat eine bezeichnende soziale Aktion in ganz Israel und speziell in Gush Etzion stattgefunden, nämlich „die Woche der Guten Taten“. Eigentlich existiert die Initiative schon seit 2007, ins Leben gerufen durch die Geschäftsfrau und Philantropin Sheri Arison, und beschränkt sich auf ein Großaufgebot an sozialen Aktionen in allen Lebensbereichen rund ums ganze Land an einem besonderen Tag. An diesem Tag werden alle möglichen freiwilligen Projekte, sei es im Bereich des Umweltschutzes, der Altenpflege, der kreativen Arbeit mit Kindern, Behinderten, im Tierschutz, der Verschönerung von öffentlichen Einrichtungen oder anderem sozialen Engagement, konzentriert und ausgeführt, in der Hoffnung, die freiwillige Beteiligung an der Verbesserung der eigenen Gesellschaft vor allem bei Kindern und Jugendlichen, aber eigentlich Mitbürgern jeden Alters zu fördern. Freiwilligenarbeit ist das Motto, und engagieren tun sich einzelne und organisierte Gruppen, Schulklassen, Jugendzentren, Hobbyvereine, Geschäftsleute, Sportler, Künstler und mehr.

Wie gesagt, seit 2007 gibt es das als „Tag der Guten Taten“ in Israel – dieses Jahr fiel es auf den 24.März. Laut der Facebookseite des Projekts Good Deeds Day engagierten sich an diesem Tag über 800.000 Israelis in über 260 israelischen Städten und 50 Gemeinden weltweit an der Aktion. Bildergalerien und anderes kann man sich auf der (hebräischsprachigen) Webseite hier anschauen.

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Quelle: Email-Verteiler der Bezirksverwaltung

In Gush Etzion, Judäa, beschlossen es die Verantwortlichen für Freiwilligenarbeit in der Verwaltung, es auf eine ganze Woche auszuweiten. Und so gab es in Gush Etzion die „Woche der Guten Taten“ – 20.-27.03. 15 ! Laut den Angaben, welche der Vorsitzende der Bezirksverwaltung, Davidi Perl, Ende letzter Woche veröffentlichte, waren an der Projektwoche über 3000 Einwohner von Gush Etzion in über 80 Projekten beteiligt, welche Grußkarten an Soldaten und Kranke, Hilfe für behinderte Kinder, Verschönerung öffentlicher Anlagen, Krankenbesuche, Putzaktionen, Vorbereitungen für Pessach und anderes mehr beinhalteten. Das Besondere an diesem Jahr – auch ältere Menschen, Rentner und kurz vor der Rente Stehende, wurden in die Tätigkeiten miteinbezogen, gemeinsam mit den Kleinsten und den Jugendlichen, um einen Austausch von Generationen zu ermöglichen.

Ich habe dazu den Sprecher der Bezirksverwaltung, Herrn Jehuda Shapira, befragt. 

Erzählen Sie mir ein wenig über die Aktion speziell auf Gush Etzion bezogen. 

 Die Aktion der „Guten Taten“ ist nicht unsere Erfindung, das war eine Initiative von Sheri Arison und es wird landesweit ausgetragen. Unsererseits haben an die 3000 Menschen teilgenommen – Ältere, Kinder, Jugendliche, Kindergärten und Schulen. Im Internet kann man sich das gesamte Programm für diese Woche herunterladen.

⇒ Wieso aber eine Woche lang?

Es fiel so einfacher, die verschiedenen Projekte zu koordinieren. Die Entscheidung wurde von der Beauftragten für Freiwilligenarbeit getroffen.

⇒ Was ist so besonders an dieser Aktion? Welche besonderen Projekte hat es gegeben?

Beispielsweise den Wohltätigkeitsmarathon, der am  letzten Tag, dem 27.03, für die Kinder des SHALVA-Verbandes für behinderte Kinder und Jugendliche organisiert wurde. Oder es gab auch die Krankenbesuche seitens Mitarbeitern der Bezirksverwaltung, welche gemeinsam mit der „Volume“-Soundfirma für die bettlägerigen Kinder in verschiedenen Krankenstationen gesungen haben. Es wurde in Gärten und öffentlichen Parks gearbeitet, Parkbänke wurden gefärbt…. All das waren spezielle Aufgaben, und nicht Teil der regulären Freiwilligenarbeit, die es gibt. Einige der Teilnehmer haben sich auch an Projekten außerhalb Gush Etzions beteiligt, so im Erlebnispark „Mini Israel“.

In diesem Jahr haben wir etwas Neues eingeführt, nämlich den Einbezug von Menschen im Alter von 50+ und Rentnern in die Aktivitäten gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen. Diese Menschen haben generell Zeit, und viel Lebenserfahrung, die sie an die Jungen weitergeben können. Sie wurden in verschiedene Erziehungsprojekte einbezogen, haben kleine Kurse und künstlerische Aktivitäten mit den Kindern durchgeführt und gemeinsam gelernt. Das ist wirklich etwas Neues, das wir vorher nicht hatten.

⇒ Wer entscheidet, welche Aufgaben man in dieser Woche erfüllen wird?

Die Jugendleiter, Gemeindeverwaltung, es gibt nichts Verpflichtendes, wir sind für alle Ideen offen. Hauptsache, dass es an diesem Tag oder in dieser speziellen Woche ausführbar ist.

⇒ Gab es auch Projekte, die beispielsweise den Ausbau von Siedlungen betrafen?  

Es wurden Parks oder Gärten oder generell das Aussehen von Vierteln verbessert, aber keine Vorposten gebaut, wenn Sie das meinen.

⇒ Gab es einen Einbezug der arabischen Bevölkerung in dieses Projekt?

Nein, was dieses Projekt angeht, so gab es da keinen Einbezug, von anderen Interaktionen müsste man getrennt sprechen.

⇒ Sind auch Gruppen von anderswo zur Freiwilligenarbeit nach Gush Etzion gekommen?

Nein, aber wir haben es auch nicht erwartet.

⇒ Gibt es im Rest des Landes Rückmeldungen zu eurem Aktivismus?

Auf Landesebene gibt es kein Feedback oder besondere Aufmerksamkeit dafür, aber auf lokaler Ebene schon, so auf der Webseite unserer Verwaltung oder in den sozialen Netzwerken, da werden Bilder geteilt, Jugendliche berichten von Erlebnissen usw. Es gab viel Begeisterung und Freude darüber.

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Siedler über sich – 3. Josef

Es geht weiter mit der Interviewreihe „Siedler über sich“. Dieses Mal lesen wir, was uns Josef, ein junger Mann aus Petach Tikva nahe Tel Aviv zu erzählen hat, und wieso er sich entschloß, in einem Institut in der Siedlung Itamar seine Lernjahre zu verbringen. 

Hier findet ihr die Interviews von Orli und Asher

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Wo liegt Itamar? Klick hier für eine größere Karte.

Zur Information: Itamar liegt nordöstlich von Tel Aviv, in den Bergen von Samaria, ca.55 km – 45 Minuten – Autofahrt entfernt von der Grenze mit Jordanien. Die nächstgrößte arabische Stadt ist Nablus (hebräischer Name: Shechem), die nächstgrößte jüdische Stadt: Ariel. 


 

Woher kommst du und wieso kamst du zum Lernen nach Itamar?

Josef lernt in Itamar
Josef lernt in Itamar

Ich heiße Josef, 21, und bin in Petach Tikva aufgewachsen. Nach meinem Armeedienst habe ich eine Jeshiva (religiöses Institut für Männer, Anm.) gesucht, in welcher ich meine innere Welt bereichern könnte, bevor ich in die „große, weite Welt“ hinausziehe. Einen Ort mit warmer Atmosphäre und ernsthaftem Lernen. Noch zu meiner Armeezeit hatte ich einige Freunde, die in Itamar lernten, also habe ich mir schon zuvor die Jeshiva anschauen können. Ich habe mich in den Ort verliebt – ein bergiges Dorf im Herzen des Landes, mit einer sehr familiären Atmosphäre und ganz viel Natur. Als jemand, der sein ganzes Leben in einer Stadt zugebracht hatte, verzauberte mich vor

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Itamar. Fotos: Josef Malka.

allem die Natur.

Welche Bildungseinrichtungen gibt es in Itamar und für wen? Kennst du noch weitere Kommilitonen, die in Itamar lernen, aber nicht in Judäa und Samaria leben, und wieso kommen sie dorthin?

Die Siedlung hat einige Einrichtungen, so zum Beispiel Grundschulen für Mädchen und für Jungen, und zu diesen Schulen kommen größtenteils Kinder aus den umliegenden Siedlungen. Es gibt eine Mittelschulen-Jeshiva für Jungen, in ihr lernen Schüler aus dem ganzen Land. Die Schule hat ein Programm für konzentrations- und lernschwache Schüler, und daher ist die Auswahl an Lernmöglichkeite groß. Die Jeshiva, in der ich lerne, ist auf Institutslevel – keine Schule mehr. Es hat einen sehr guten Ruf, und auch in ihr lernen Männer aus dem ganzen Land, in diesem Jahr gab es sogar die höchste Anzahl an Anmeldungen von allen zionistischen Jeshiva-Instituten im ganzen Land.

Erzähle ein wenig über Itamar selbst – welchen Hintergrund hat es, ist es auf biblischen Wurzeln gegründet oder eher ganz von neu entstanden?

Itamar wurde 1984 auf dem Bergmassiv südöstlich der Stadt Shechem (heute bekannt als Nablus, Anm.) gegründet. Diese Gegend hat eine vielfältige biblische Geschichte. Das Dorf selbst liegt an einer antiken Hauptstraße, welche auf dem Bergrücken verlief und das Land sozusagen in die Länge teilte; sie führte von Beersheva im Süden bis nach Megiddo im Norden. Dementsprechend spielten sich hier viele Ereignisse ab, welche wir aus der Tora kennen. Die Wanderroute von Avraham bei seinem Eintritt in das Land: „Und Avraham zog über das Land bis zum ort Shechem bis Elon More“ (1.Buch Moses, 12,6). Hier lebte Ja’akov mit seiner Familie und hier wurde seine Tochter Dina entführt (1.Buch Moses, 34). Hierher gelangten die Stämme des Volkes Israel nach ihrem Eintritt in das Land (nach Ende der Wüstenwanderung, Anm.) und erhielten den Segen auf dem Berg Gerizim und die Flüche auf dem Berg Eval (5.Buch Moses, 27, 12-14; Jehoshua 8, 33). Heute liegt auf dem Berg Gerizim die jüdische Siedlung Har Bracha. Unter dem Enkel König Davids, Rechavam, trennte sich das vereinte Königreich in Jehuda und Israel – hier war das Nordreich Israel. Und schließlich, so überliefert es die Tradition, ist der Sohn des ersten jüdischen Priesters Aharon namens Itamar hier bei dem naheliegenden arabischen Dort Awarta begraben, und nach ihm ist unsere Siedlung benannt.

Heute ist Itamar eine landwirtschaftliche Siedlung, es leben in ihr etwa 200 Familien. Es gibt einige landwirtschaftliche Betriebe und Bauernhöfe, mit Betonung auf organische Landwirtschaft. Leider hatte dieser Ort viel unter Terrorattacken zu leiden, seitens der Araber aus der Umgebung, und alles in allem fielen diesen 16 Einwohner und 3 Schüler der Mittelschule zum Opfer. Bei dem letzten verübten Anschlag wurden die Mitglieder der Familie Fogel umgebracht – darunter der Vater, Rabbiner Udi sel.A., der in meiner Jeshiva unterrichtet hatte.

(Anmerkung: Der Mord an Familie Fogel trug sich am 12.03.2011 zu, an einem Freitagabend. Zwei arabische Terroristen aus dem Dorf Awarta drangen durch den Zaun in die Siedlung ein und ermordeten Udi und Ruth Fogel und ihre 3 Kinder Yo’av, Elad und Hadas in ihrem Haus, anschließend flohen sie zurück in ihr Dorf. Sie wurden 3 Wochen nach dem Mord gestellt.)

Welche Bedeutung hat es für dich, an diesem Ort zu lernen?

Das Lernen, insbesondere hier, ist sehr wichtig für mich. Hier leben wir unsere Ideologie und machen sie wahr, wir üben praktischen Zionismus aus. Der Gedanke daran, dass vor 4000 meine Vorfahren hier gelebt haben, und die Erzählungen, die ich in der Tora lese, gar nicht weit weg von mir sind, sondern sich direkt vor meiner Nase ereignet haben – all das bringt neue Werte in das Leben hier und heiligt sie. Ich habe ein Privileg erhalten, ein Privileg, das Juden die letzten 2000 Jahre lang nicht gehabt haben –  das Privileg, im Land Israel zu leben, unserem historischen Ursprungsland. Hunderte von Jahren lebten Juden im Exil in allen Ecken der Welt, als ein unterdrücktes und erniedrigtes Volk, und ich, unbedeutend wie ich bin, habe das Privileg bekommen, zuzusehen, wie unser Volk auflebt und zurück in sein Land kehrt. Der Gedanke daran berührt mich immer wieder von Neuem und gibt mir Kraft, stolz darauf zu sein, in diesem Land zu leben.

Wenn dem so ist, könntest du dir vorstellen, hierher umzuziehen – nach Judäa oder Samaria?

itamar (1)Eigentlich bietet sich so ein Umzug an, ich habe keinen Zweifel daran, dass, sollte ich heiraten oder mein Institut verlassen, ich in irgendeine der Siedlungen ziehen werde. Und wenn ich es sogar einrichten kann, hier in Itamar zu bleiben, dann bin ich doppelt zufrieden. Itamar hat eine große Gruppe an jungen Paaren, und viele kleine günstige Wohnungen, die diese mieten können, daher ist es auch sehr bequem und einladend, hier wohnen zu bleiben. Das machen auch die meisten Studenten, wenn sie mit ihrem Lernprogramm fertig sind.

Was gefällt dir denn am Meisten an deinem Studium hier in dem Gebiet?

Die Verbindung zur Natur ist etwas, was mich sehr anzieht. Das Gemeinschaftsleben im Ort, insbesondere, da die Siedlung nicht so groß ist (an die 200 Familien), gibt es eine sehr familiäre Atmosphäre. Der Charakter der Jeshiva, in der ich lerne, ist sehr offen, und das ermöglicht aufrichtiges und seriöses Lernen, denn es basiert auf der persönlichen Verantwortung eines jeden Schülers.

Hast du irgendwelche Bedenken, Zweifel, Ängste bezüglich der Terrorgefahr?

Ganz ehrlich, man muss dumm sein, wenn man keine Bedenken hat, denn es gibt durchaus genug Gründe, um welche zu haben. Und dennoch ist man schwach, wenn man aufgrund dessen aufgeben und gehen will. So wie in allen Dingen, muss man auch hier einen Mittelweg und Ausgleich finden.

Einerseits, muss man verstehen, dass das Leben hier keine perfekte Harmonie  und Bequemlichkeit bietet, und in den Dörfern um dich herum leben Menschen, die dich umbringen möchten, und daher muss man Vorsicht walten lassen. Dafür hat Itamar eine sogenannte „Bereitschaftseinheit“ für den Fall, dass Terroristen in das Wohngebiet eindringen (was schon einige Male geschehen ist, so wie bei dem Mord an der Familie Fogel). Die Armee befindet sich hier in unmittelbarer Nähe, 24 Stunden am Tag, und viele der Einwohner haben eine eigene Pistole mit Waffenschein. Wie der Fall bei vielen kleinen Siedlungen, sind die öffentlichen Verkehrsmittel hier rar und die meisten bewegen sich hier per Anhalter. Wir sind daher vorsichtig, und schauen genau, zu wem wir zusteigen, und fahren nicht mit dem Erstbesten, der anhält.

Nebst all diesem, ist es auch wichtig zu wissen, dass auch auf der Seite der Araber es einfache Menschen gibt, die einfach nur ihr Leben in Ruhe leben möchten und am Ende des Tages einfach heim von der Arbeit kommen wollen. Nicht alle Araber sind Terroristen und diejenigen, die hier leben, wissen das sehr gut. Es ist schon witzig, dass die Leute, die außerhalb von Judäa und Samaria leben, viel mehr Angst haben als wir. Ich glaube, das liegt vor allem an Unkenntnis. Je weniger Kenntnis voneinander es zwischen Juden und Arabern gibt, desto größer wird die Angst auf beiden Seiten. Es gibt zwar Terroranschläge, und sie haben keinerlei Legitimation, aber die meisten Anwohner hier leben gut miteinander. Wir fahren zusammen auf denselben Straßen, in den öffentlichen Verkehrsmitteln und gehen sogar zusammen zu den selben Orten einkaufen.

Gibt es deiner Meinung nach etwas „Besonderes“ an der jüdischen Gesellschaft in den Siedlungen?

Es ist zwar von Ort zu Ort verschieden, aber alle jüdischen Ortschaften haben es gemeinsam, dass sie einem das Gefühl einer Umarmung geben. Sehr warmherzige Menschen, sehr viel Hilfe und Unterstützung. Die Jugendlichen hier sind gut und sehr aktiv, die Familien laden uns zu Shabbat-Mahlzeiten ein und auch die Soldaten, die hier in einer Basis in der Nähe stationiert sind, und das gilt nicht nur für Itamar. In den meisten Siedlungen leben junge Paare, und das ist ein zusätzliches Plus für die Gemeinschaft.

Haben die Einwohner von Itamar oder sogar du irgendeinen Kontakt zu den arabischen Nachbarn?

Leider haben die Araber, welche in Judäa und Samaria leben, noch immer nicht die Tatsache akzeptiert, dass hier Juden leben und sie sind hierhergekommen, um zu bleiben. Als Resultat davon, und aus Sicherheitsgründen, ist der Zutritt für Araber in die meisten jüdischen Siedlungen nicht erlaubt; die Siedlungen sind von Zäunen umgeben und am Einfahrtstor sitzt ein Wachmann. Daher hat man im Alltag, wenn das Leben innerhalb der Siedlung verläuft, keine Berührung mit den arabischen Nachbarn. Auch umgekehrt ist es der Fall: der Zutritt für Juden in arabische Ortschaften unter der Kontrolle der PA ist verboten.

Aber außerhalb der Siedlung, auf den Straßen und in den Einkaufszentren trifft man aufeinander. Das bringt zwar keinen engen Kontakt herbei, aber es gibt Interaktion. Ich kenne beispielsweise Leute, die in dem naheliegenden arabischenOrt Hawara einkaufen.

Glaubst du an die Zukunft der Siedlerbewegung in Judäa und Samaria?

Ja, sehr, ich glaube an sie und unterstütze sie. Ich sehe darin eine Verwirklichung sowohl der zionistischen Werte als auch der Prophezeiungen, die das Volk Israel erhalten hat. Dabei glaube ich aber auch, dass die Ansiedlung auf eine faire Weise gegenüber den arabischen Bewohnern verlaufen muss. Wenn man das weise durchführt, kann man zusammen Judäa und Samaria entwickeln und gestalten, denn dieses Gebiet hat ein gewaltiges und vielfältiges Potenzial. Aber wenn wir, und auch die Araber, nicht in der Lage sein werden, um das mit der notwendigen Klugheit zu tun und zusammenzuarbeiten, dann kann das hier zu einem Ort der „Verrückten und Radikalen“ werden, einem Kriegsschauplatz zwischen zwei Völkern, und das wird lediglich Leid für beide Seiten bringen. Es ist mir klar, dass wenn wir in seine solche Situation stürzen werden und zu kämpfen gezwungen sein werden, wir dabei gewinnen. Der Radikalismus und der Mangel an Geduld seitens der Muslime wird sie selbst zu Fall bringen.

 

©2015 Chaya Tal. Ohne ausdrückliche Genehmigung darf keines der Bilder oder Ausschnitte aus dem Interview in welchem Format auch immer weiterveröffentlicht werden.

Gelegenheitsarbeiten

Mit welchen Gelegenheitsarbeiten verdient sich ein Siedler so das Kleingeld und verbringt manchmal den Alltag?

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Mein Arbeitsplatz für diesen Tag. Die Hose stammt noch aus Armeezeiten, ist aber unwiederbringlich mit Farbe volgekleckert – auch eine Beschäftigung für freie Stunden

Nun ja, als Frau bin ich kein repräsentatives Beispiel für die weiter unten illustrierte Tätigkeit, denn ein Großteil der Frauen in den Siedlungen ist meist verheiratet und Mutter; die verbreitetesten Berufe sind Pädagoginnen, Kindergärtnerinnen, Erzieherinnen, Sozialarbeiterinnen oder Hausfrauen. Mit (il- und legaler) Bautätigkeit verbringen eher die Familienväter und manche Pensionäre ihre freie Zeit, und die Jungen im Teenageralter verdienen sich ihr erstes Geld auf dem Bau bei dem Nachbarn.

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Mischa (links) stammt aus Moskau. Yo’av aus Weißrussland. Auf dem Bild sieht man sie eine Keramikplatte auseinander schneiden.

Mich hat für eine kurzweilige Bautätigkeit in den letzten Tagen ein guter Freund und Nachbar eingestellt, wohnhaft ebenso in unserem Karavanenviertel, aber auf der Seite des Hügels, wo die ersten schon ihre festen Bauten errichtet haben (auf Staatsland, allerdings nicht mit offizieller Bauerlaubnis). Er heißt Mischa und ist vor 24 Jahren mit seiner Frau Maria aus Moskau nach Israel eingewandert – in den ersten Jahren des Zerfalls des unterdrückenden und judenfeindlichen Sowjetregimes.  In Russland hatten er und seine Familie an Antisemitismus gelitten und ein Familienmitglied, das ihm sehr nahestand, wurde sogar von Judenhassern aus Georgien, damals Sowjetunion, umgebracht. Als die offiziellen Stellen in Moskau sich weigerten, die Schuldigen zu verfolgen und zu bestrafen, mit der Begründung, „wir werden unsere Beziehungen zu Georgien doch nicht wegen einer Jüdin gefährden“, machte Mischa für sich den Entschluss, nach Israel auszuwandern. Von da an wurde Mischa zum Aktivisten und organisierte verschiedene Treffen für jüdische Auswandererwilige, in Zusammenarbeit mit der Jewish Agency for Israel, welche die Menschen auf ein weiteres Leben in Israel vorbereiten sollte.

In Israel arbeitete Mischa lange Zeit als Mathematiklehrer und ist heute in Pension. Seine Frau arbeitet noch immer als Krankenschwester in Jerusalem. Heute leben sie hier in Alon Shvut, nachdem sie unter anderem auch im Osten Gush Etzions gelebt hatten. Sie haben einen Sohn, zwei Katzen und bauen an einer festen Erweiterung ihres Karavans. Genau für diese Aufgabe wurde ich einbeordert, weil mir das Graben und die Arbeit mit Erde und Baumaterial nahestehen  und mir auch sehr gefallen. Weiterarbeiten an der Baugrube werden wir allerdings demnächst zusammen, und höchstwahrscheinlich wird es sich bis nach den kommenden Pessach-Feiertagen ziehen, weil wir alle viel zu tun haben  – eben nicht nur im Baubereich…

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Baustellen am Rande der Siedlung, Blick auf die Stadt Efrat
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Mit Hacke in der nassen Erde wühlen.

 

Was sagen gewöhnliche Palästinenser….

…zu den israelischen Wahlen?  – Ein Artikel der jungen israelisch-amerikanischen Kolumnistin Orit Arfa. (Übersetzung: Chaya Tal)


– In der Nähe der Einfahrt zur Stadt Ariel im Herzen Samarias liegt eine kleine Einkaufspassage, in welcher Juden und Palästinenser sich gleichermaßen Obst und Gemüse, Haustierprodukte, Hummus, Falafel besorgen oder ihr Auto waschen können. Der ehemalige Bürgermeister von Ariel, Ron Nachman, bezeichnete diesen Ort zum Spaß „Ariels Duty Free Zone“. Es befindet sich direkt an der Grenze zwischen den von Israelis und von den Palästinensern kontrollierten Gebieten, und niemand weiß so recht, wem die Ladenbesitzer eigentlich ihre Steuern zahlen.

Abu Ali, ein Palästinenser, dem die Ladenfläche der „Duty Free Geschäfte“ gehört, ist nicht an den Resultaten der israelischen Wahlen vom letzten Dienstag interessiert. Er hat vom Sieg der Likud-Partei des Premierministers Benjamin Netanyahu durch zufällige Gespräche erfahren. Er ist vielmehr damit beschäftigt, das Mini-Imperium, das er sich in den 60er Jahren hier aufgebaut hat, zu verwalten.

Nach dem Erfolg des Likud schwor der Hauptvermittler der israelisch-palästinensischen Verhandlungen, Sa’eb Erekat, er würde die Anstrengungen der palästinensischen Autonomiebehörde verstärken, um Israel mit einer Klage auf Kriegsverbrechen zum International Strafgerichtshof zu bringen. Der ehemalige PLO-Beamte Yasser Abed Rabbo erklärte der AFP-Agentur, Israel hätte „den Pfad des Rassismus“ gewählt. Aber was sagen „gewöhnliche“ Palästinenser wie Ali?

„Wir, die gewöhnlichen Leute, fühlen den wahren Frieden – und nicht den politischen“, erklärt Ali dem JNS auf Hebräisch, einen Tag nach den Wahlen, vor dem Falafel-Bistro der Einkaufspassage, welches von Juden und Muslimen überfüllt ist, die vergnügt ihr spätes Mittagessen genießen.

Vorbei kommt ein anderer Palästinenser mittleren Alters, der ebenso die Wahlen nicht verfolgt hat. Er bittet darum, anonym  zu bleiben. „Es interessiert mich überhaupt nicht“, sagt er auf Hebräisch, „es sind alles Juden. Kein Unterschied zwischen Sharon, Shamir, Yitzhak. Sie sind alle gleich.Sie wollen alle die Araber von hier vertreiben!“

Sein Freund namens Fadi aus Marda, einem Dorf in der Nähe von Ariel, stimmt ihm zu. „Sie sind alle dieselben. Bibi oder Shas [tiefreligiöse jüdische Partei, beliebt bei einer bestimmten Prozentzahl arabischer Wähler in Israel, Anm.] – sie können uns durch nichts helfen.“ Fadi glaubt ebenso nicht, dass die Vereinte Arabische Liste, welche am Wahldienstag 13 Knessetmandate gewann und damit zu Israels drittstärksten Partei geworden ist, irgendeinen Einfluss auf das Leben der Araber in den von der PA kontrollierten Gebieten haben könnte. „Die Araber wollen nicht die Juden wählen. Aber im Endeffekt können sie nichts erreichen, weil sie nicht in einer Koalition sein können oder Premierminister werden können“, meint er. Fadi kümmert es nicht, welcher Kandidat behauptet, irgendeine Art von „Friedensprozess“ in die Gänge leiten zu wollen. „Es gibt keinen Frieden, es wird keinen geben“, sagt er und zeigt seine gelben Zähne, die dringend mehr Zahnpflege und weniger Nikotin gebrauchen könnten. „Selbst wenn einer ein Abkommen machen wollte, das Volk würde ihn das nicht tun lassen.“

Fadis Schlussfolgerung: Dem Judentum zufolge darf Jerusaelm nicht geteilt werden. Nicht dass es für ihn einen Unterschied machen würde: „Es ist unser Land und eines Tages nehmen wir es uns“, sagt er und hat kein Problem damit, aufgenommen und sogar fotografiert zu werden, bevor er mir Kaffee anbietet. Aber Fadi’s Sicht auf die Dinge ist nicht komplett schwarz und weiß. „Hier sind die Juden und die Araber gleich“, sagt er und schaut sich um. Er nennt die Bewohner von Ariel „gute Leute“, im Vergleich zu den anderen „Siedlern“.

Und dennoch, die Ansichten von Fadi und seinem Freund sind kein Konzens in dieser Idylle vom Miteinander (oder zumindest einer Idylle an den meisten Tagen. Auf die in unmittelbarer Nähe gelegene Straße wurden 2013  Steine von Palästinensern geworfen, welche den Tod des Mädchens Adele Biton im letzten Monat zur Folge hatten). Auf der anderen Straßenseite ist Faisel (ein Pseudonym, er bat um Anonymität) aus der Stadt Salfit, weniger als eine Meile von hier entfernt. Er ist eher froh, dass Netanyahu gewonnen hat. „Zuerst wollte ich, dass Kachlon gewinnt. Er hat dabei geholfen, dass die Mobilfunkpreise runtergegangen sind“, sagt er und fischt dann aus seinem Smartphone die Tabelle der letzten Wahlergebnisse heraus, wie in Ha’aretz veröffentlicht. Der braunäugige Palästinenser mit Hochschullabschluss hat die Wahlen genau verfolgt.

„Bibi spricht über die Aufrechterhaltung eurer Sicherheit – aber das heißt auch, dass er unserer Sicherheit hilft“, betont Faisel. „Die Linken sind weder gut für uns (Palästinenser) noch für sie (Juden).“

Fadi sagte mir später, dass Faisel gelogen hat, als er behauptete, Netanyahu zu mögen, und deshalb wollte er auch, nicht wie Fadi, anonym bleiben. Aber sie sind sich in einer Sache einig: „Wir haben einmal im ganzen Leben Wahlen, und dann teilen sie das unter ihren Kindern auf. Das geht nicht nach unseren Wünschen“.

Faisel bewundert es, wie man in Israel alle paar Jahre Wahlen abhält. „Bei uns, wer auch immer an der Macht sitzt, nur ein Kopfschuss wird ihn runterholen“, sagt er. Aber so betroffen scheint er nicht zu sein, dass die PA in den letzten 10 Jahren keine Wahlen mehr abgehalten hat, seit der Präsident (dessen Amtszeit längst abgelaufen ist) Mahmud Abbas den Thron bestieg.

Faisel führt mich zu Hassim, der daneben steht, um eine Meinung eines Arabers mit einer „blauen Karte“ zu hören – gemeint ist die israelische Staatsbürgerschaft. Hassim lebt in einem Dorf in der Nähe von Nazareth und hat für die Vereinte Arabische Liste gestimmt.

„Alle arabischen Parteiführer haben sich für einen Zweck in dieselbe Liste zusammengeschlossen: Um die Regierung von rechts nach links zu rücken, damit es Gleichstellung, Rechte und Land für Araber gibt“, sagter auf Hebräisch. Es wird zwar keinen  Wechsel innerhalb der Regierungsspitze geben, aber Hassim ist mit der Arabischen Liste zufrieden, und checkt seine Facebook-App, um die letzten Ergebnisse zu prüfen. „Ich bin nicht enttäuscht. Das Volk hat seine Wahl getroffen. Wir müssen es respektieren“, sagt er.

Hassim hat nichts Böses gegen Netanyahu: „Bibi is ein guter Typ. Kein schlechter Premierminister. Ein kluger Mann. Fakt ist, er hat es wieder mal geschafft“, meint er. Und während er befindet, dass der Frieden niemals den Nahen Osten erreichen wird, ganz egal, welcher israelische Politiker an der Spitze stehen wird, beendet Hassim das Interview mit einer persönlicher Note: „Bibi ist hier zu Falafel eingeladen.“

***

Im Original nachzulesen unter: „What ordinary Palestinians are saying about the Israeli election“ bei JNS.org.

Manchmal tut es gut…

…einfach mal daheim zu sein.

Die Ziegenherde auf dem Weg zur Arbeit
Die Ziegenherde auf dem Weg zur Arbeit

Das Leben am Rande eines kleinen Dorfes, wo jeder jeden kennt, wo jeder miteinander spricht, wo sich nach Sonnenuntergang kaum einer auf der Straße zeigt, wo man im Schlafanzug und Pantoffeln bei den Nachbarn einen Besuch abstatten oder einfach ein Buch auf der Anhöhe lesen kann, wo man am Morgen mit einem Schrei eines Esels geweckt wird und auf dem Arbeitsweg über eine Ziegenherde stolpert – an so einem Ort hat das Leben einfach eine andere Qualität. Einen ganz persönlichen Rhytmus. Aus diesem kommt man raus, wenn man schon etwas mehr als einen Tag in einer niemals ruhenden, brodelnden Metropole wie Tel Aviv verbringt.

Und kommt man dann nach einer Tel Aviv-„Tauchfahrt“ zurück in die gemächtigen Berge Judäas, so ist man nicht nur eine ganze Berg- und Talfahrt von der westlichen Landesgrenze entfernt, sondern auch in einer ganz anderen Welt angekommen. Dort leben genau dieselben Staatsbürger unter demselben Recht und sprechen dieselbe Sprache und haben dieselben Wurzeln. Aber einander wirklich kennen – das können nur wenige von sich  behaupten. Und verstehen? Bis dahin ist es leider noch sehr weit. Insbesondere die diesjährigen Wahlen haben mir gezeigt, wie sehr sich die israelische Gesellschaft gern in „Lager“ spaltet, dann hinter dem eigenhändig  aus Prinzipien und medialer Meinungsmache errichteten Zaun dieses „Lagers“ hockt und auf die Nachbarn mit faulen Tomaten wirft.

Und ganz abgesehen von der politischen Identität der Bevölkerungsschichten Tel Avivs und Judäas – der Lebensstil, das Lebenstempo, selbst die Ausdrucksweise, die Angewohnheiten  – sie sind, ja, anders, und gegenseitig eher ausschließend als integrierend, in einem gewissen Sinne. Und weil ich mich persönlich mit einer Seite stark identifiziere, so fällt mir die reibungslose Integrierung in die Tel Aviv’sche Umgebung schwer. Die Umstellung auf Großstadt und zurück ist ein Erlebnis für sich.

Und aus Tel Aviv  in Alon Shvut angekommen, gewöhne ich mich langsam wieder an den Anblick der Karavans, an den freien Himmel, an die Stille und an den Schlafanzug-Spaziergang zum Nachbarn.

 

Eine Frage der Wahl (Wahlen 2015)

Heute – ja, heute  – sind Wahlen in Israel.

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Heute schon gewählt! Im Wahllokal in Alon Shvut

Der Tag, auf den die gesamte langmonatige Propaganda der israelischen Parteien ausgerichtet worden ist, der Tag, der am Meisten von den Medien beredet und verfolgt worden ist, der Tag, der Menschen vereinte, aber auch viel zu viele entzweite.

Es ist schon viel mit Dreck um sich geworfen worden im Vorlauf dieser Wahlen, das muss einmal gesagt werden. Und natürlich war es im Vorhinein klar, welche Wahlkreise und -blöcke unbeweglich wie Granit bleiben und sich hinter ihre Favoriten stellen würden, und dass diese schon vor den Wahlkampagnen feststehen würden. Die Israelis sind in etwas ein sehr individualistisches Volk, lieben es aber auch, von einer charismatischen Figur oder starken Ideen angeführt zu werden. Nur scheint die Desillusionierung in den Anführern der politischen Bühne Israels relativ fortgeschritten zu sein. Jeder hat seine Anhänger, und alles zusammen ist es ein ziemlich gespaltener Haufen trotz der Tatsache, dass die innerparteiischen Herangehensweisen an alltägliche Probleme so ziemlich die selben sind und keine kreativen Unterschiede aufweisen. In den Hauptpunkten jedoch, um welche sich die meisten zentralen Streitigkeiten drehen und das eigentliche Identifikationsmerkmal der meisten Parteien darstellen – die Frage nach Land und nach Nationalcharakter – findet man keine Einigkeit, und auch keine passablen Lösungen.

Auch ohne die politische Landschaft Israels ausdrücklich zu kennen, empfielt es sich, zwei Beiträge von Deutschlands bekanntesten „Israelexperten“ (fast hätte ich schon gesagt: Hauptjuden) zu lesen: Tuvia Tenenbom in „DIE ZEIT“ – und Henryk M.Broder in „DIE WELT„.

Und ich berichte in ein paar Worten (und, ich warne im Voraus, subjektiv!) über das letzte Großereignis vor den Wahlen, was mich persönlich betroffen hat.


 

In der letzten Woche fand auf dem berühmten zentralen Rabin-Platz in Tel Aviv eine Demo der sich als links und zentral wähnenden Parteien statt, unter dem Slogan, „Israel will eine Veränderung“. Es war von mehreren zehntausend Besuchern die Rede, und aufgetreten ist unter anderem der Ex-Mossad-Chef Meir Dagan. Ich war bei der Demo nicht dabei, und kann daher auch nichts darüber sagen. Richard C.Schneider von der ARD hat diese Demonstration besucht und ausführlich darüber berichtet (siehe hier). Die Leitlinie der Demonstration war betont „gegen Netanyahu“ gewesen.

Die Kundgebung der sich als rechts bezeichnenden Parteien an diesem Sonntag (15.03) verlief unter dem Motto „Gemeinsam für das Land Israel“, und über sie hat Richard Schneider nicht ausführlich berichtet. Auch hier wurden mehrere zehntausend Teilnehmer gezählt (zunächst war sogar von 100.000 die Rede), die mit Flaggen, Ballons und Plakaten mit Slogans, T-Shirts und Aufklebern in allen Farben versammelt hatten, um die Hauptsprecher der Demonstration: Premierminister Netanyahu und die Vorsitzenden der Parteien „Habayit Hayehudi“ – Naftali Bennett – und „Yachad“ – Eli Yishai – zu hören. Zur Demonstration kamen Leute aus allen Ecken des Landes, spezielle Busse wurden zur Hinfahrt organisiert, wer mitfahren wollte, tat es kostenlos.

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Die Demonstration nationaler Parteien

Überall sah ich junge Leute, vorwiegend junge Frauen und Männer, Familien mit Kindern, Schüler und junge Student/-innen und Aktivist-/innen, und auch ältere Menschen. Die überwiegende Mehrheit der Männer trug Kippa, viele verheiratete Frauen Kopftücher. Es war mir schon klar, welche Gesellschaftsgruppe hier am meisten vertreten wurde – nämlich die, welche sich die Frage nach Land, Einheit und Nationalcharakter ganz groß auf die Fahnen geschrieben hatte und sich mit nichts davon abbringen ließ.

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Aktivisten in Action

Die national-religiöse Bevölkerung Israels, Israelis aus Judäa und Samaria und solche aus anderen Städten, waren hier zum großen Teil vertreten, die lange Anreise hatte sie nicht abgeschreckt. Jungs mit Kippas rannten durch die Gegend, kleine Kinder in Kleidchen oder mit Schläfenlocken, Mütter mit Kinderwagen,  Gruppen von singenden und tanzenden Mädchen  – in dieser Aufmachung ein sehr seltenes Bild für Tel Aviv. Die letzte Demonstration, bei der dieser Bevölkerungsteil hier in Scharen aufgetaucht war, war im Sommer 2014, zur Kundgebung nach der Entführung der drei Jungen Gil-ad, Eyal und Naftali sel.A. Damals war die Kundgebung kein Verlangen nach Änderungen oder politischer Umwälzung, sondern sollte eine Botschaft des Zusammenhalts und Glaubens an das Gute vermitteln, und hatte auch viele lokale Teilnehmer aufzuzeigen, ohne religiösen oder geografischen Bezug – spich, auch viele aus Tel Aviv, denen die Sache nahe ging.

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Will heissen: Juden kaufen bei Juden. Auch das waren die Slogans dieser Demo.

Auch diese Demonstration hier ist kein Aufruf zu einer politischen Umwälzung, sondern vor allem eine Demonstration der Stärke, die uns Teilnehmenden zeigen sollte: Wir sind nicht allein, wir kämpfen nicht hoffnungslos gegen den Wind, wir stehen zusammen und stehen ein für das, woran wir glauben. Es ist eine Kundgebung für Leute, die sich gemeinsam stark fühlen möchten gegenüber Menschen, zwischen denen und sich sie einen Graben sehen, der sich immer weiter auftut. Sie möchten nicht hassen, und die Ideale, die sie propagieren, sind nicht neu. Aber sie empfinden sich als fremd, und als bedroht, und auch als Widersacher gegenüber denjenigen, die, in Tel Aviv sitzend, dem Rest des Landes mit dem Gesicht zum Westen den Rücken gekehrt haben, insbesondere den hinter einer unsichtbaren grünen Linie Wohnenden.

Und ich fühlte mit ihnen. Ich erkannte von Weitem schon die gewohnten, alten Busse von Gusch Etzion, Samaria und der Binyamin-Region und mein Herz fing  an zu hüpfen, wie ich sie so vorbeifahren und die  Jugendlichen mit den Flaggen sah und die Gesänge von „Das Ewige Volk hat keine Furcht vor dem langen Weg“, einem modern-religiösen Festlied, hörte. „Die Unseren sind in der Stadt“, dachte ich unwillkürlich, fing mich bei dem Gedanken und während ein Teil von mir sich freute, drehte ein anderer Teil die Frage hin und her im Kopf: „Sind die anderen, die nicht hierher kommen, nicht auch die „unseren“? Oder sind sie es nicht? Und was heißt das?“

Das ist der Haken bei politischen Kundgebungen: man muss sich positionieren. Man kann alle lieben, die man nur hört und sieht, und sich als Teil eines großen Ganzen empfinden, aber irgendwann wird dir eine Positionierung abverlangt, und auch diese Demonstration war eine Gelegenheit dafür. Und trotz des Faktes, dass mir durchaus nicht alle rechten Favoriten gefallen oder überhaupt als Option vorkommen, und auch wenn ich nicht alle Slogans und Motive mag, entschied ich mich, zu meinen Ansichten zu stehen. Ich weiß, es gibt heute einen Trend, sich zu nichts zu positionieren, und alles aufzunehmen und willkommen zu heißen, und der Toleranz-Tsunami hat auch hier in Israel, und vor allem in Tel Aviv, Wellen geschlagen und nicht im guten Sinne.  Aber auch darüber freute ich mich auf dem Weg zum Platz – über meine eindeutige Positionierung, zumindest für diesen Abend, denn wenn du irgendwohin in einer Absicht gehst, sei 100% bei der Absicht dabei, um an ein Ziel zu kommen.

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"Zionismus - Land Israel"; "Gemeinsam fuer das Land Israel"

Die Kundgebung war natürlich sehr politisch gestaltet. Es war nicht einfach nur eine „Kundgebung für das Land Israel“, obwohl die Leitsätze, die gleich zu Beginn der Veranstaltung von der Bühne und im Publikum skandiert worden waren, „Land Israel dem Volk Israel“ und „ungeteiltes Land, ungeteiltes Jerusalem“ gewesen sind.  Es war auch ein sehr effektives Propagandamittel des Premiers Netanyahu, der auch auf der Demo auftrat und wie immer starke Worte für alle fand. Auch die anderen Parteivorsitzenden bekamen ihre Redezeit, wobei „Jüdisches Haus/Habayit Hayahudi“-Mann Naftali Bennett tosenden Applaus und Ovationen genießen konnte, Netanyahu mit ohrenbetäubenden „Bibi“-Rufen empfangen und verabschiedet wurde und Eli Yishais Auftritt dagegen eher Lacher und müden Beifall erntete. Den Beginn leitete Daniela Weiss ein von der Organisation „Nachala“, einer Siedlungsorganisation. Man zollte geschlossene Unterstützung, für diejenigen, die sich für das Bauen neuer Orte in Judäa und Samaria einsetzen, gegen die Abgabe jeglichen Landes an die Palästinenser, gegen die Einmischung des Westens in die israelische Souveränität. Stolz auf Traditionen, auf den jüdischen Charakter des Staates. Sich der Wahl enthalten  –  ein No Go. Zur Beteiligung riefen alle drei Hauptredner auf. Der Preis für die erfolgreichste Mengenmotivierung konnte meiner Ansicht nach zwischen dem Premierminister und Naftali Bennett aufgeteilt werden: An Netanyahu für den erfolgreichen ‚Schlachtruf‘ „Nicht geräumt? Nichts getan“, den er einbrachte, als er von der Einstellung linker Parteien gegenüber den Errungenschaften seiner Regierung  sprach und die Menge diesen begeistert wiederholte. An Bennett dagegen für die freie Performance des Liedes „Jerusalem aus Gold/Yerushalaim shel Zahav“ auf der Gitarre, während er erklärte, dass das nationale Wahlkommittee den Auftritt jeglicher Musiker bei der Kundgebung absichtlich verboten habe…

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Es muss gesagt werden, dass, als ich noch zu dieser Kundgebung schritt, ich wusste, dass ich nicht mit allem einverstanden sein würde, was dort gesagt oder gefordert werden würde (allerdings blieben unangemessene Rufe, soweit ich es hören konnte, aus). Und ich bin, um ehrlich zu sein, kein großer Fan der jahrelangen Regierung von Bibi Netanyahu.  Das Stehen zu widersprechenden Ansichten  gehört zu einer gesunden Auseinandersetzung dazu. Und auch wenn wir uns zu einer Demonstration der Stärkung versammeln, so möchten wir auch Veränderungen, Wandel. Aber die Leute, die hierher gekommen sind, wissen, dass der Wandel nicht von Forderungen und schönen Reden ausgeht, sondern nur von Einheit und Zusammenhalt. Und diese konnte man zwischen den Reden, den Flaggen, den Liedern spüren – keine Einheit gemeinsamer Interessen, sondern Liebe zu den eigenen Werten – Glauben, Kultur und Zukunft. Und wir wären mehr als froh gewesen, wenn sich mehr Tel Aviver, gänzlich ohne Kippa oder Kopftuch, dieser Demonstration anschließen würden. Das  würde der zersplittenen Gesellschaft nur gut tun. Denn das, was die Gemüter auf der linken Seite des Spektrums fordern, ist nicht das, worauf unser Staat gegründet worden ist. Weder auf der Räumung der jüdischen Städte und Dörfer, noch auf der Errichtung eines benachbarten Terrorstaates, noch auf der Delegitimation der eigenen Identität. Und die Gründer und ersten Visionäre und Erbauer dieses Landes hatten „Hatikva“ gesungen, und sich für kein Wort der Hymne schämen wollen.

…Die Kundgebung dauerte etwas mehr als 2 Stunden und aus Tel Aviv ließ ich mich von einem Bus nach Gush Etzion mitnehmen. Die Fahrt dauerte lange und ging über Tal und Felder und hoch in die dunklen Berge des heimatlichen Gush Etzion. Wie die Wahlen ausgehen werden, weiß der Himmel, aber wir hier auf der Erde tun das Unsere.

Wie sagte man heute morgen bei uns im Radio G?

„Fröhlichen Wahl-Feiertag, den demokratischsten Feiertag unseres Landes!“

Das ist auch eine Art, die Welt zu sehen. Schönen Tag allen!

NEWS: Illegale EU-Bauten werden abgerissen

Wer hat behauptet, dass die EU sich alles erlauben kann in Israel? Nicht mit dem noch amtierenden Premierminister Netanyahu.

Am 12.02.2015 schrieb ich in diesem Blog ueber den Bericht der Nichtregierungsorganisation Regavim ueber illegale Bauaktivitaeten der EU auf unter israelischer Verwaltung stehendem Land in Judaea und Samaria. Die NGO brachte in Erfahrung, dass zwischen den Jahre 2012 und 2014 die Aktivitaeten der EU-Stellen hinsichtlich der Errichtung illegaler Bauten auf israelischem Grund zu ueber 400 solcher Bauten gefuehrt hatten, all das ohne jegliche Erlaubnis der israelischen Behoerden. Die Statements, welche die EU dabei zum Thema freigegeben hatte, widersprachen sich selbst, abhaengig davon, von welcher Dienststelle sie kamen. Von der EU-Sprecherin in Europa wurde der Bau dementiert, so berichtete die Daily Mail – der palaestinensische Sprecher vor Ort bestaetigte und bekraeftigte die Aktivitaeten und forderte gar weiteren Ausbau fuer die Palaestinenser, die seiner Vorstellung nach dieses Land weiter und breiter besiedeln sollen und werden.

Daraufhin untersuchte die israelische Regierung die Affaere und Premierminister Netanyahu kuendigte einen Abriss der Strukturen an.

Heute berichtete Channel 7/Arutz 7 (Bericht in Israelnetz veroeffentlicht von Ulrich Sahm), dass die Strukturen heute morgen abgerissen worden sind – trotz ihres „humanitaeren Charakters“ und des stolzen EU-Logos auf den Frontseiten der Gebaeude.

Sollten weitere Medien davon berichten, werde ich euch ein Update zukommen lassen.